Zusammenfassung des vorherigen Kapitels
Hermine wird von einem Erstklässler erschreckt, der ihr einen Streich spielen wollte. Sie wehrt sich spontan mit einem Angriffszauber und verletzt ihn dabei. Severus wird in Abwesenheit der Schulleiterin in den Krankenflügel gerufen. Ihm wird bewusst, daß etwas mit der Gryffindor-Schülerin, zu der er ein ganz besonderes Verhältnis hat, nicht stimmt, und beschließt, sie im Auge zu behalten.
Zaubertränke mit Nebenwirkung
Obwohl ihre Freunde darauf beharrten, dass sie keine Schuld trug, sondern der Junge es hätte besser wissen müssen, hatte sich Hermine ihren unfreiwilligen Angriff auf einen Mitschüler sehr zu Herzen genommen. Ihr war mit Entsetzen klar geworden, in welch erheblichen Maße ihre Paranoia Unschuldige gefährdete, und sie hatte aktive Maßnahmen ergriffen, um sicherzustellen, dass sich so ein Vorfall nicht wiederholte.
Von Tag an achtete sie bewusst darauf, ihren Zauberstab wegzustecken, wann immer sie in den Fluren unterwegs war, aber es verlangte ihr eine Menge ab und versetzte sie in einen dauerhaften Zustand nervöser Alarmbereitschaft. Ohne Zauberstab in der Hand fühlte sie sich nackt und schutzlos, obwohl sie nicht hätte sagen können, gegen welche Gefahr sie glaubte, sich wappnen zu müssen.
Sicher, es waren immer noch einige Todesser unterwegs, die bisher einer Festnahme entgangen waren, aber Auroren waren im ganzen Land nach ihnen auf der Suche, und so waren sie wohlberaten, in Deckung zu bleiben. Selbst die Slytherins, die als einzige vom Terrorregime der Carrows weitgehend verschont geblieben waren, hatten niemanden seit dem Start des neuen Schuljahres Ärger gemacht. Dass sie sich zuvor hatten relativ sicher fühlen können, hatte einige von ihnen dazu veranlasst, herumzustolzieren und sich schlimmer denn je zu benehmen. Nun zogen sie es vor, keine weitere Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
Das galt sogar für Draco Malfoy. Zum ersten Mal seit Hermine ihn kannte, benahm er sich geradezu anständig, was anfangs beunruhigend gewesen war. Es gab überhaupt einige Dinge, die sie im Moment als beunruhigend empfand. Eigentlich gab es keinen Grund dafür, ständig so angespannt und übernervös zu sein, nun, da die Gefahr vorbei war. Aber sie würde sich dennoch wohler fühlen, wenn sie ihren Zauberstab in der Hand halten könnte...
Wenigstens hatte sie nach wie vor ihre kleine, perlenbesetzte Tasche bei sich, sicher verborgen in ihrem Umhang. Vermutlich war die Vorsichtsmaßnahme übertrieben, aber sie gab ihr ein gewisses Gefühl von Sicherheit. Was auch immer geschah, sie war vorbereitet.
Hermine war sich der Tatsache bewusst, dass sie auch abgesehen von ihren physischen Narben nicht gänzlich unversehrt war. Das galt vermutlich für alle, die im letzten Jahr gegen Voldemorts Regime gekämpft hatten, aber erst nach dem Vorfall im Korridor wurde ihr bewusst, in welchem Ausmaß sie selbst betroffen war.
Als Minerva allen Schülern, die aus unterschiedlichen Gründen ihre KATZEn, die 'Kaum Auszuhaltenden, Traditionellen Zauber Examen', im letzten Jahr nicht hatten ablegen können, angeboten hatte, nach Hogwarts zurückzukehren, um ihre Ausbildung abzuschließen, hatte Hermine mit einem Gefühl immenser Erleichterung angenommen. Hogwarts war ihr Zuhause – besonders jetzt, da sie kein anderes mehr hatte. Ihre Eltern waren noch immer in Australien, ohne jede Erinnerung daran, dass sie eine Tochter hatten.
Es war geradezu therapeutisch gewesen, bei der Beseitigung der Schäden zu helfen, die das Schloss davongetragen hatte, und sicherzustellen, dass das neue Schuljahr wie gewohnt beginnen konnte. Sie wünschte nur, es wäre ebenso einfach, die Trümmer in ihrer Seele beiseite zu räumen – hässliche Narben, die von allem zeugten, was sie im letzten Jahr hatte durchmachen müssen.
Sie hatte gedacht, der wiederhergestellte Friede brächte Zufriedenheit und ein Leben voller Möglichkeiten. Stattdessen fühlte sie sich seltsam haltlos, ziellos und kraftlos, wie ein Stück Treibholz auf dem Meer. Jahrelang war jeder Gedanke, jeder Plan, jede ihrer Handlungen darauf ausgerichtet gewesen, Voldemort zu besiegen. Er war die treibende Kraft hinter allem gewesen, hatte ihr Denken und sogar ihre Träume beherrscht. Und nun, da er endlich fort war, schien ihr Antrieb mit ihm verschwunden zu sein.
Hermine warf einen schwermütigen Blick auf ihre beiden Freunde, die am Arbeitstisch neben ihr standen und von ihrer Tagträumerei nichts mitbekamen. Harry und Ron hatten wenigstens Pläne. Sie hatten beide eine Aufnahmezusage der Auroren-Abteilung in der Tasche, vorausgesetzt, sie schlossen ihr letztes Ausbildungsjahr ab und schafften die erforderlichen KATZEn. Dazu gehörte dummerweise ein A in Zaubertränke.
Von der richtigen Motivation beflügelt, folgten sie den Ausführungen ihres Professors mit gebannter Aufmerksamkeit. Es half, dass die Verachtung, die sie früher für ihren meistgehassten Lehrer gehegt hatten, sich in etwas verwandelt hatte, das man als grummelnden Respekt bezeichnen konnte. Jedoch schwang darin ein leichtes Schuldgefühl mit, weil sie mit ihrem langgehegten Mißtrauen ihm gegenüber so offenkundig falsch gelegen hatten; und ein gleiches Maß an Verdruss aufgrund eben dieser Tatsache.
Harry und Ron waren immer davon ausgegangen, dass Hermine ebenfalls Auror werden wollte. Aber dieser Beruf war ihr schon vor dem Krieg wenig attraktiv erschienen, und nun, da alles vorbei war, war er es noch erheblich weniger. Sie hatte für den Rest ihres Lebens genug Gewalt gesehen, und nach ihrem Martyrium in Malfoy Manor wäre Hermine froh und glücklich, nie wieder einen dunklen Zauberer von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen zu müssen. Erinnerungen an Bellatrix und Greyback verfolgten sie noch immer und gaben ihr Alpträume. Sie hakte das als normal ab, schließlich war sie nicht die Einzige, die damit zu kämpfen hatte. Eine Menge Leute, die im Kampf um Hogwarts dabeigewesen waren, zeigten milde bis schwere Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung.
Sie wusste mit Sicherheit, dass Ron daran litt, obwohl er nie darüber sprach. Seine Strategie bestand darin, das Geschehene weitmöglichst zu verdrängen. Für ihn war die Sache erledigt und vorbei. Abgesehen von dem Bann des Schweigens, den er auf alles gelegt hatte, was das letzte Jahr betraf, war seine Verarbeitungsmethode die gleiche, die er in allen Stresssituationen anwandte: Knutschen und Sex. Es war, wie Hermine rückblickend erkannt hatte, auch der einzige Grund für die kurze Affaire zwischen ihr und Ron im letzten Jahr gewesen.
Sie hatte immer gewusst, dass Ron und sie derart unterschiedlich waren, dass sie überhaupt nicht zueinander passten. Aber in einem Moment, in dem sie beide Verzweiflung und Verlassenheit verspürt hatten, hatte es sich richtig angefühlt – schließlich waren sie immer füreinander da gewesen, und es nun auf eine intimere Art zu sein, war ihnen einfach als der nächste, logische Schritt erschienen.
Aber leider funktionierte Logik nur bedingt, wenn es um Gefühle ging. Ron war vertraut gewesen – mit ihm zusammenzusein war, was alle erwartetet hatten, und es hatte kein tiefes in-sich-Gehen verlangt. Aber wenngleich Freundschaft und Loyalität sie verbanden, so fehlten ihnen doch Leidenschaft und Vertrauen. Hermine war nie darüber hinweggekommen, dass Ron sie im Forest of Dean verlassen hatte. Aufgrund dieser tiefen Enttäuschung – und auch aus einer Reihe anderer Gründe – empfand sie nunmehr nichts als Freundschaft für ihn, und selbst diese war, wie sie hatte feststellen müssen, ein wenig unausgewogen. Ron war nie besonders tiefgründig oder verständnisvoll gewesen. Jetzt, da er mit so vielen eigenen Problemen fertig werden musste, war er noch egozentrischer geworden. Er sah nicht, dass auch sie litt.
Alles, was Ron von der Leere wahrgenommen hatte, die sie tief in sich spürte, war ein Mangel an Leidenschaft in ihrer Beziehung. Verletzt durch ihre Kälte war er zu der Überzeugung gelangt, dass sie frigide sein müsse. Es war nicht überraschend – sie war immer der Bücherwurm, die Streberin gewesen, deren einzige Leidenschaft dem Lernen galt. Ihre Überzeugungen und ihr Handeln waren üblicherweise das Ergebnis eines sorgsamen Denkprozesses; Leidenschaft passte nicht wirklich dazu.
So hatten sie sich getrennt, offiziell immer noch Freunde, aber doch beide verletzt durch die Ablehnung des anderen und durch den Verlust von Nähe, der damit einherging. Zur Zeit hatten sie sich nicht wirklich viel zu sagen.
Mit Harry war es anders. Er und Hermine hatten immer noch ein instinktives Verständnis füreinander, das nicht vieler Worte bedurfte. Dennoch hatte sich Hermine in den Nachwehen des Krieges ein wenig von ihm zurückgezogen, als er so sehr im Rampenlicht stand. Er war der-Junge-der-zweimal-überlebt-hatte, der Retter der Zauberwelt, ein Held. Es verging kein Tag ohne einen Artikel im Tagespropheten über ihn; er konnte nirgendwo hingehen, ohne auf Schritt und Tritt von Reportern verfolgt zu werden. Harry hatte irgendwie einen Weg gefunden, damit klarzukommen. Er war sein Leben lang berühmt gewesen, er war es gewohnt, dass Leute ihn anstarrten, Erwartungen an ihn hatten, ihn bewunderten.
Aber Hermine kam nicht damit zurecht, im Fokus der Öffentlichkeit zu stehen. Es hatte nur den Wunsch in ihr geweckt, im Boden zu versinken und unsichtbar zu sein. Sie sah sich selbst nicht als Heldin – es gab andere, die diesen Titel verdienten. Andere, die ihr ganzes Leben dem Kampf gegen Voldemort verschrieben hatten und dafür fürchterlich gelitten hatten.
Sie warf einen Blick auf ihren Zaubertranklehrer, der gerade die richtige Handhabung der Zutaten demonstrierte, die sie für den heute auf dem Stundenplan stehenden, schwierig zu brauenden Zaubertrank benötigten. Er war ein Held. Ein Mann, der so viel mehr verdiente als das, was er bekommen hatte. Ein Mann, dem sie – von Harry abgesehen – mehr als allen anderen wünschte, dass er sein Glück finden würde. Sie hatte ihn außerhalb des Zaubertrankunterrichts nicht viel zu Gesicht bekommen – abgesehen von dem einen Moment im Krankenflügel, als sie aber zu aufgelöst gewesen war, um seine Anwesenheit wertzuschätzen.
Obwohl sie vor ihrem einmaligen, sehr persönlichen Kontakt vor ein paar Wochen niemals Zeit mit ihm verbracht hatte, vermisste sie ihn nun. Es gab so vieles, worüber sie mit ihm sprechen, was sie ihn fragen oder ihm sagen wollte, schon allein, um es sich von der Seele zu reden. Aber das war nicht möglich. Für weitere sieben Monate würde es genügen müssen, ihn im Zaubertrankunterricht zu sehen und seine Stimme zu hören.
Mit einem inneren Seufzer richtete Hermine ihre Aufmerksamkeit wieder auf die richtige Technik, die zarte, silbrige Haut von den saftigen Zwiebeln der Mondtaublume zu schälen, ohne sie zu zerreißen und für den Trank unbrauchbar zu machen. Es sah so einfach und mühelos aus, wenn er es tat. Seine Hände arbeiteten schnell und geschickt und mit der gleichen sparsamen Präzision, die insgesamt für ihn kennzeichnend war.
Hermine hatte immer schon ein Faible für Hände gehabt, und seine waren perfekt: Lange Finger, schön geformte, gepflegte Nägel, und sich deutlich abzeichnende Adern auf dem Handrücken. Schlank, aber dennoch männlich. Wie immer war sie ganz gefangen von der Eleganz und Effizienz seiner Bewegungen und von der hohen Konzentration, die er seiner Aufgabe widmete.
Nicht zum ersten Mal stellte sie sich vor, wie es wäre, selbst im Fokus dieser intensiven Aufmerksamkeit zu stehen; fragte sich, wie es sich wohl anfühlen mochte, wenn es ihre Haut wäre, die seine geschickten Hände so zart berührten...
Eine scharfe Stimme schnitt in ihre wandernden Gedanken. "Miss Granger!"
Erschrocken sah Hermine auf und fand sich tatsächlich im Fokus der Aufmerksamkeit ihres Zaubertranklehrers, der sie allerdings mit einer tiefen Unmutsfalte auf der Stirn ansah. Hitze stieg ihr ins Gesicht. Merlin! Hoffentlich waren die Gerüchte, denen zufolge er es sich zur Gewohnheit gemacht hatte, in die Gedanken seiner Schüler einzudringen, nur das: bloße Gerüchte.
"Sir?" fragte sie und wagte es kaum, ihm in die Augen zu blicken.
"Wenn es nicht zu viel verlangt ist, hätten Sie dann die Güte, meine Frage zu beantworten?"
"Ich ... es tut mir leid, Professor! Ich habe sie nicht gehört ... Meine Gedanken waren gerade woanders."
"Ganz offensichtlich! Nun, wie wäre es dann, wenn Sie wenigstens unser aller Neugier befriedigen und uns mitteilen würden, was genau Ihr Interesse so gefangen genommen hat – hier im Kerkerklassenraum, der nicht mal Fenster hat und dessen Dekor in den letzen 20 Jahren nicht verändert wurde?"
"Ehm ... das würde ich lieber nicht, Sir."
Es trat eine kurze und unangenehme Stille ein, während er seinen strengen Blick auf sie fixierte, als würde er innerlich debattieren, wie er auf diese Bemerkung reagieren sollte. Die übrigen Schüler schienen ebenfalls die Luft anzuhalten. Es war eine Weile her, dass ihr Zaubertranklehrer im Unterricht die Fassung verloren hatte. Seine gefährlich ruhige Tonlage war normalerweise ein guter Indikator dafür, dass ein Ausbruch kurz bevorstand. "Unaufmerksam und dann auch noch unverschämt Ihrem Lehrer gegenüber, Miss Granger?"
"Es tut mir wirklich sehr leid, Professor Snape", murmelte sie und wandte ihr Gesicht ab, noch immer rot vor Verlegenheit. "Es war nicht meine Absicht, unverschämt zu sein. Ich entschuldige mich."
"Wenn meine Vorlesungen Sie langweilen", zischte er, ihre Entschuldigung in typischer Snape-Manier ignorierend, "sollten Sie vielleicht in Erwägung ziehen, Zaubertränke gegen ein Fach auszutauschen, das zu Tagträumerei und einer Fokussierung auf das 'innere Auge' ermuntert – wie zum Beispiel Wahrsagen."
Hermine errötete noch tiefer – zum Teil vor Scham, zum Teil aber auch vor Ärger. Zweifellos wusste er genau, was sie von Wahrsagen hielt. Mit dem Vorschlag, seinen Unterricht zu verlassen – den er hoffentlich nicht ernst meinte! – drohte er, ihre Rettungsleine zu kappen, was ihm vermutlich nicht bewusst war. Aus verschiedensten Gründen war Zaubertränke das Einzige, was sie im Moment über Wasser hielt.
"Ich ziehe Ihren Unterricht vor, Sir", sagte sie gefasst. "Ich werde jetzt aufpassen."
"Ja, tun Sie das, Miss Granger – oder ich lasse mir etwas einfallen, das Ihnen hilft, sich zu konzentrieren."
Professor Snape war ihr gegenüber so bissig wie immer – er verhielt sich, als ob es jenen Abend in seinem Büro, der doch ihr Verhältnis auf eine fundamentale Art und Weise verändert hatte, nie gegeben hätte. Manchmal fragte sie sich, ob dem tatsächlich so war, oder ob sie sich alles nur eingebildet hatte. Ihre Wahrnehmung war zur Zeit nicht besonders zuverlässig. Aber andererseits war er auch ein hervorragender Schauspieler. Wenn er sie genauso behandelte wie zuvor, war das möglicherweise seiner Disziplin zuzuschreiben – oder einfach schierer, sturer Entschlossenheit.
In ihrem eigenen Verhalten ihm gegenüber hatte sich jedoch sehr wohl etwas geändert: Anders als früher nahm sie sich seine Kritik nicht mehr so zu Herzen. Was ihre Leistung in seiner Klasse anging, so würde sie seinen hohen Erwartungen vermutlich nie vollends gerecht werden. Sie mochte das Fach, und die Tränke, die sie braute, waren immer gut und brauchbar. Aber ihr fehlte es an echtem Talent und Inspiration. Sie hielt sich immer an das vorgegebene Rezept, versuchte nicht, es zu ändern, wie er es als Schüler getan hatte. In ihren Augen war ein Herumexperimentieren gleichbedeutend damit, das Lehrbuch in Frage zu stellen – und damit Leute, die eindeutig mehr Ahnung von der Sache hatten, als sie. Und warum sollte sie ihn in Frage stellen – zweifellos eine anerkannten Autorität in Sachen Zaubertränke?
Auch wenn sie sich bewusst war, dass sie ihn nie wirklich würde beeindrucken können, so wusste sie doch ebenso, dass sie in seinem Fach nie komplett versagen würde, da sie gewissenhaft war und in der Lage, Anweisungen zu folgen. Nein, sie sorgte sich nicht länger darum, zu versagen oder Severus Snape zu enttäuschen. Das beinahe verzweifelte Bedürfnis, sich ihm gegenüber zu beweisen, trieb sie nicht länger. Sie fühlte sich sicher in dem Wissen, seinen Respekt zu haben, sogar sein Vertrauen - und möglicherweise auch seine Zuneigung.
Sie fühlte eine Welle der Wärme in sich aufsteigen, als sie es wagte, den Blick wieder auf ihren Lehrer zu richten, und erleichtert feststellte, dass seine Aufmerksamkeit nicht länger auf sie fokussiert war. Er war immer ein respekteinflößender Lehrmeister gewesen: Kompetent in seinem Fach, gründlich in seinen Anweisungen und gewissenhaft darin, ihnen die richtigen Methoden der Zutatenverarbeitung und des Brauen beizubringen. Und er hatte keinerlei Probleme, die Disziplin aufrechtzuerhalten. Das hatte sich seit dem Krieg nicht geändert.
Aber seine Unterrichtsstunden waren nun deutlich weniger angespannt, und alles in allem konnten seine Schüler darauf zählen, gleichermaßen fair behandelt zu werden. Er war noch immer streng und fordernd, und seine Kommentare waren so sarkastisch wie eh und je. Aber nun, da er seine Beleidigungen gleichmäßiger verteilte, hatten auch Schüler außerhalb von Slytherin die Gelegenheit, den Scharfsinn darin zu erkennen, selbst wenn sein Humor bissig war.
Die einschüchternden, finsteren Blicke, mit denen er seine Schüler bedachte – noch immer seine effektivste Waffe – hatten jedoch keine Wirkung mehr auf sie. Wenn andere Schüler angesichts seiner Kritik zusammenzuckten und kleinlaut in ihre Kessel starrten, um der Intensität seines Blickes auszuweichen, fiel es ihr immer schwer, überhaupt die Augen von ihm lozureißen.
Er war wirklich eine imposante Erscheinung, besonders jetzt, wo er weniger gestresst wirkte, und sich sein allgemeiner Gesundheitszustand so verbessert hatte. Severus Snape war eine Größe, mit der man rechnen musste, und seltsamerweise fand sie das gleichzeitig aufregend und beruhigend. Er war wie ein Fels in der Brandung in einer Welt, deren Achse sich verschoben hatte.
Genau wie Hogwarts selbst war er eine verlässliche Konstante, und er war sogar noch viel mehr für sie geworden, seit sie beide einander Geheimnisse offenbart, Geständnisse gemacht und Vertraulichkeiten ausgetauscht hatten. Sie dachte dabei nicht einmal an den Kuss... Genaugenommen war sie sogar sehr bemüht, überhaupt gar nicht an den Kuss zu denken – der Zaubertränkeunterricht würde unerträglich, wenn sie sich dieser Erinnerung hingäbe. Nein, sie hatte sie tief in einer dunklen Ecke ihres Bewusstseins vergraben – wie die Christbaumkugeln in der Kiste im Keller ... wunderschön, wertvoll, und zerbrechlich, etwas, das man aufbewahrte und schätzte und nur zu ganz besonderen Anlässen hervorholte, um dann in Bewunderung zu schwelgen und wohlig zu seufzen...
Ein harter Ellbogen traf sie in die Rippen und riss sie aus ihrem stillen Tagtraum. "Hermine!" wies Harry sie leise zurecht, in seltsamer Umkehr ihrer Rollen. "Komm schon, wir sollen die Zutaten aus dem Schrank holen und mit dem Brauen anfangen. Was ist denn heute mit dir los?"
"Tut mir leid..." wisperte sie zurück. "Ich schätze, ich bin geistig wieder abgedriftet..."
"Willst du unbedingt nachsitzen? Echt mal!"
Schön wär's. ... dachte Hermine sehnsüchtig, als sie zum Vorratsraum ging. Sie würde sehr gerne bei Professor Snape nachsitzen, aber den Gefallen würde er ihr höchstwahrscheinlich nicht tun. Schließlich waren sie übereingekommen, Abstand voneinander zu halten, und die forcierte Nähe, die ein abendliches Nachsitzen mit sich brächte, würde – so verlockend die Vorstellung auch war – dieser Entscheidung definitiv zuwiderlaufen. Seiner Entscheidung, um genau zu sein. Eine, die sie verstand, die aber dennoch schwer hinzunehmen war.
Manchmal, wenn sie in der Großen Halle zu Abend aßen, glaubte sie, seinen Blick auf sich zu spüren. Hatte er sie wirklich beobachtet? Sie sann darüber nach, während sie die Regale nach den erforderlichen Zaubertrankzutaten absuchte. Jedes Mal, wenn sie aufgeschaut hatte, um ihren Verdacht zu überprüfen, hatte er nur seinen Teller angestarrt oder seinen Blick mit gelangweilter Miene durch die Halle wandern lassen. Aber das musste nicht unbedingt etwas bedeuten – er war schließlich geübt in Heimlichkeit und Verstellung. War es möglich, dass er sie auch vermisste? Oder hatte er sich selbst davon überzeugt, dass es nichts als ein seltsames Zwischenspiel gewesen war, eine spontane Eingebung, die sie schon längst wieder bedauerte?
Verunsichert von dem Gedanken kehrte sie an ihren Tisch zurück und begann zu brauen. Sie hatte sich an diesen Trank noch nie zuvor versucht, aber sie kannte die Theorie. Er schien im Grunde ganz einfach zu sein. Die einzige Schwierigkeit kam am Ende, kurz vor Fertigstellung, wenn sie sicherstellen musste, dass der Trank heiß genug war ohne jedoch zu kochen, während sie genau mitzählte, wie oft sie umrührte. Bis dahin konnte sie, während sie arbeitete, unbesorgt diesen wichtigen, persönlichen Fragen nachgehen: Dachte er, sie bereute es? Oder noch schlimmer: Was, wenn er es bereute?
Sie hatte sich so sicher gefühlt, beinahe euphorisch, denn auf einmal war ihr alles so klar erschienen. Aber jetzt fühlte sie einen Teil dieses Hochgefühls, das sie seit diesem Abend getragen hatte, schwinden. Was, wenn sie seine Reaktion überbewertet hatte? Nun, seine körperliche Reaktion war eindeutig gewesen, aber das war keine Überraschung. Er war schließlich menschlich, ein Mann aus Fleisch und Blut. Daran hatte sie nie gezweifelt. Aber was, wenn es nur das gewesen war – eine Reaktion auf die schmeichelnde Bewunderung eines jungen Mädchens, das ihm gerade eingestanden hatte, für ihn zu schwärmen?
Sie gab die Stachelschweinpastillen in den Trank und zählte, wie oft sie umrührte. 'Hör auf damit, Hermine!' wies sie sich selbst zurecht. 'Das sieht dir gar nicht ähnlich! Seit wann bist du so unsicher? Du bist eine reife, kompetente Hexe'! Aber das war der springende Punkt, nicht wahr? Der Quell ihrer Unsicherheit. Was hatte sie einem Mann wie ihm schon zu bieten? Wenn sogar Ron fand, ihr mangele es an etwas...
Sie zwang sich, sich wieder auf ihren Zaubertrank zu konzentrieren, schüttelte den Trübsinn ab, der sie so plötzlich überkommen hatte, und griff nach der nächsten Zutat. Ehe sie diese jedoch hinzugeben konnte, wurde ihr Handgelenk von einer starken Hand umfasst und vom Kessel weggerissen.
"Miss Granger!" donnerte ihr Lehrer, sein Gesicht wutverzerrt. "Was in Merlins Namen denken Sie, dass Sie da tun?"
Verwirrt über sein Eingreifen und seine Berührung sah sie in seine Augen. "Ich war dabei, die Käferaugen hinzuzufügen", antwortete sie verstört.
"Tatsächlich? Dann lassen Sie uns mal einen Blick darauf werfen, wollen wir?" Er drehte ihr Gelenk herum und bedeutete ihr, die Faust zu öffnen.
"Feuersamen!" keuchte sie erschrocken. Wie hatte er das von seinem Pult aus bemerkt, wenn sie selbst es nicht gesehen hatte? Die beiden Zutaten sahen sich täuschend ähnlich. Diesem speziellen Trank jedoch Feuersamen beizufügen, hätte ihren Kessel wohlmöglich explodieren lassen, da sie mit den Stachelschweinpastillen darin reagierten. Was auch der Grund war, warum Käferaugen und Feuersamen in unterschiedlichen Regalen, in unterschiedlich geformten und unterschiedlich farbigen, klar beschrifteten Behältnissen aufbewahrt wurden.
"Wie haben Sie bemerken können...?"
"Weil ich aufgepasst habe, Miss Granger", fauchte er, "ganz im Gegensatz zu Ihnen! Füllen Sie Ihren Trank ab und räumen Sie Ihren Arbeitsplatz auf. Sie sind fertig für heute. Und kommen Sie nach der Stunde zu mir."
Zurechtgewiesen für den schweren Fehler, vor dem er sie soeben bewahrt hatte, verfluchte sie ihre Unaufmerksamkeit und beeilte sich, zu gehorchen.
*'*'*'*'*'*
Severus kochte immer noch innerlich, als die letzten Schüler sein Klassenzimmer verlassen hatten und Hermine sich seinem Pult näherte, den Kopf gesenkt. Sie war offenbar beschämt – was sie auch sein sollte.
"Ich bin wirklich zutiefst entsetzt über Ihre heutige Leistung, Miss Granger!" raunzte er sie an. "Ich muss Ihnen wohl nicht die Wichtigkeit von Konzentration beim Brauen gefährlicher und explosiver Zaubertränke erläutern! Solch ein Leichsinn ausgerechnet von Ihnen ist höchst ungewöhnlich. Legen Sie es bewusst darauf an, nachsitzen zu müssen?"
"Was? Nein!" Ihr Blick flog hoch, und sie sah ihm endlich in die Augen. "Das würde ich nicht tun!"
Von der früheren Schulsprecherin, der Regelfanatikerin und Musterschülerin hätte er das auch nie vermutet. Aber das Mädchen, das vor ihm stand, war nicht mehr das Fräulein Neunmalklug mit dem buschigen Haaren, das er von früher kannte. Die etwas zu laxe Haltung, die sie in letzter Zeit in seinem Unterricht an den Tag gelegt hatte, hatte ihn mit einem Unfall rechnen lassen, was nur ein weiterer Grund war, warum er sie so sorgsam im Auge behalten hatte.
"Das wäre auch besser so, denn sollte das doch der Fall sein, würde ich Ihnen raten, sich die Mühe zu sparen", warnte er, nicht ganz von ihrer Beteuerung überzeugt. Er wusste, dass sie nicht gänzlich mit seiner Entscheidung einverstanden war, ihre Beziehung streng professionell zu halten und Interaktionen auf das notwendiges Minimum zu beschränken. "Ich würde sicherstellen, dass Sie statt meiner Filch zur Hand gehen."
"Ehrlich, es war keine Absicht!" versicherte sie ihm erneut. "Es wäre extrem dumm gewesen, absichtlich eine explosiv reagierende Zutat in meinen Kessel zu werfen – in der vagen Hoffnung, dass Sie es merken und rechtzeitig einschreiten, um mich vor schweren Verletzungen zu bewahren! Ich habe immer noch keine Ahnung, wie Sie es überhaupt bemerken konnten."
"Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, bei gewissen Schülern zweimal hinzusehen, wenn ein Rezept Käferaugen verlangt, Miss Granger. Sie sind leider nicht die Erste, die es versäumt hat, das Etikett zu lesen, aber sogar Mr. Longbottom hat diesen Fehler nur zweimal gemacht."
Die angesengten Augenbrauen beim zweiten Mal hatten einige Tage gebraucht, um nachzuwachsen und waren eine einprägsame Gedächtnishilfe gewesen – weitaus effektiver als die Predigt, die Severus ihm nach dem vereitelten ersten Versuch, Käferaugen durch Feuersamen zu ersetzen, erteilt hatte.
"Ich hätte einen solchen Anfängerfehler wirklich nicht von einer Siebtklässlerin erwartet, und sicher nicht von Ihnen." Hätte er sie nicht aufmerksamer beobachtet als angemessen, hätte er ihn nicht bemerkt. Er fühlte ein leichtes Zittern durch seinen Körper gehen bei dem Gedanken, was alles hätte passieren können. Angesengte Augenbrauen waren eine Sache, aber eine Stichflamme hätte leicht ihr voluminöses Haar in Brand setzen und fürchterlichen Schaden anrichten können, ehe er überhaupt eine Chance gehabt hätte, die Flammen zu ersticken.
"Ich weiß wirklich nicht, wie mir das passieren konnte", sagte sie mit betretener Stimme. "Danke – auch dafür, dass Sie es mich nicht auf die harte Tour lernen ließen."
Ihre offensichtliche Zerknirschtheit angesichts ihres Fehlers besänftigte ihn ein bißchen. "Diese Gedankenlosigkeit sieht Ihnen gar nicht ähnlich, Miss Granger", sagte er, nun gefasster. "Finden Sie meinen Unterricht nicht herausfordernd genug? Oder gibt es möglicherweise einen anderen Grund, warum Ihre Gedanken in den unpassendsten Momenten auf Wanderschaft gehen?"
Hermine senkte wieder den Kopf, damit er ihre brennenden Wangen nicht sehen konnte. Es waren nicht nur unpassende Momente, sondern auch unpassende Gedanken, aber das würde sie ihm sicher nicht sagen. "Nein, es gibt keinen anderen Grund", log sie. "Ich war nur heute ein wenig neben mir."
"Es geht nicht nur um heute", merkte er an. "Sie heben kaum noch die Hand. Ihre Aufsätze, die sonst immer in Winzschrift verfasst waren um noch mehr Text in die Extra-Zoll Pergament zu quetschen, die Sie – zu meinem größten Bedauern – stets anhängten, sind nun gerade einmal lang genug, um meinen Vorgaben zu genügen. Und selbst die Tränke, die Sie brauen, entsprechen nicht Ihrem üblichen Standard. Haben diese Veränderungen vielleicht irgendwas zu tun mit unserem – einschneidenden Erlebnis vor ein paar Wochen?"
Einen Moment lang fühlte sie, wie Erleichterung sie durchströmte. Es war keine Einbildung gewesen! Und wenn er es ein einschneidendes Erlebnis nannte, dann war es nicht bedeutungslos in seinen Augen. Das Wort war gut gewählt – es war ein einschneidendes Erlebnis gewesen. Sicher, oberflächlich betrachtet könnte man sagen, es war nur ein langes Gespräch und ein Kuss gewesen. In Wahrheit war es jedoch einer dieser besonderen, einzigartigen Momente gewesen, ein Stehen am Scheideweg, das alles verändert hatte. Jedenfalls für sie. Aber nicht die Dinge, auf die er anspielte. Die waren schon lange vorher dagewesen.
"Nein, Sir", sagte sie, bewusst auf die korrekte Anrede bedacht, um ihre Gedanken in Zaum zu halten. "Ich versichere Ihnen, dass mein Verhalten nichts mit Ihnen zu tun hat, oder mit Ihrem Unterricht. Ich fühle mich nur ein wenig ... ich weiß nicht genau. Ich glaube, ich muss meinen Antrieb wiederfinden. Der Krieg hat meine Einstellung zu manchem verändert. Einige Dinge, die mir immer wichtig erschienen, kommen mir jetzt irgendwie sinnlos vor."
Er verstand genau, wovon sie sprach. Sie war nicht die Einzige, die sich abmühte, einen neuen Sinn in ihrem Leben zu finden nachdem ein definierender Faktor herausgenommen worden war. "Lernen ist nicht sinnlos," hielt er dennoch entgegen. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich Ihnen das einmal sagen müßte."
"Ich weiß, Sir. Ich verspreche, dass ich mich bessern werde."
"Tun Sie das, Miss Granger. Das meine ich ernst." Er fixierte sie einen Moment mit den Augen, bis er sicher war, dass sie verstanden hatte. Dann machte er eine Handbewegung Richtung Tür. "Sie können jetzt gehen."
Als sie sich erhob, zögerte er kurz und setzte im Nachsatz leise hinzu: "Erwarten Sie keine Sonderbehandlung von mir. Ich werde das nächste Mal nicht so nachsichtig sein."
"Ich weiß, Professor Snape. Das würde ich auch nicht erwarten."
*'*'*'*'*'*
Hermine gab sich Mühe. Er hatte Recht: Es war respektlos und aus vielerlei Gründen nicht ratsam, in seinem Unterricht die Gedanken wandern zu lassen, aber sie konnte einfach nichts dagegen tun.
Sie war das gesamte letzte Jahr in einem Zustand ständiger Wachsamkeit gewesen, auf der Flucht, und stets in der Erwartung, dass hinter der nächsten Ecke eine Gefahr lauerte, und das machte ihr immer noch zu schaffen. Unerwartete Geräusche ließen sie aufschrecken, und nun, da sie ihren Zauberstab nicht mehr ständig in der Hand hielt, war es noch schlimmer geworden. Sie hatte immer noch Angst vor der Dunkelheit, Angst davor, alleine zu sein und Angst, dass sie jeden Moment angegriffen werden könnte. Das dauerhafte Auf-der-Hut-Sein war zermürbend. Sie konnte sich nie richtig entspannen – außer im Zaubertrankunterricht.
Severus Snape war ein mächtiger Zauberer, reaktionsschnell und skrupellos falls nötig, und sie wusste, dass ihr unter seinen wachsamen Blicken nichts zustoßen würde, dass nichts ihr in seinem Klassenzimmer etwas anhaben könnte.
Seine Vorlesungen waren es sicher hörenswert, aber inhaltlich hatten sie Hermine nicht genug Neues zu bieten, um ihre Gedanken bei der Sache zu halten. Sie kannte das meiste schon, weil sie selbst während der Horkrux-Suche versucht hatte, mit dem Lernstoff so gut es eben ging Schritt zu halten. Um die Wahrheit zu sagen: Die meisten Unterrichtstunden langweilten sie. Aber sie hatte es ihm versprochen...
Sie rief sich selbst zum dritten Mal innerhalb der erste halben Stunde ihres Zaubertrankunterrichts am Mittwoch zur Ordnung und versuchte, sich auf seine Stimme zu konzentrieren, was nicht wirklich hilfreich war.
Sein sonorer, seidiger Bariton, seine unverwechselbare Art, Wörter zu akzentuieren und Betonungen zu setzen... Irgendwie reichte seine Stimme direkt in ihren Kopf hinein und erzeugte ein sehr merkwürdiges Gefühl – als würde ihr Gehirn sanft von innen gestreichelt. Es machte sie leicht schwindelig, aber auf eine wohlige Art und Weise. Er könnte ihr auch das Telefonbuch vorlesen, und sie würde ihre Augen verzückt schließen und seine Stimme die rauhen Enden ihrer Nerven wie Balsam sanft umschließen lassen. War es ihre Schuld, wenn sie einfach nicht in der Lage war, seinen Worten zu folgen, wenn es sich allein schon so unglaublich gut anfühlte, vom wohlmodulierten Tonfall seiner samtigen Stimme umspült zu werden?
Besonders jetzt, da sie so unsagbar müde war. Sie hatte letzte Nacht wieder kaum geschlafen und wusste schon, dass sie auch in der kommenden Nacht nicht viel Schlaf bekommen würde. Es war unmöglich geworden, weiterhin ein Zimmer mit Ginny zu teilen, die genau wie sie von Alpträumen heimgesucht wurde. Aber Hermine fand es fast noch schwerer, alleine in dem Zimmer zu schlafen, das ihr Professor McGonagall zugewiesen hatte, nachdem beide Mädchen sich ständig gegenseitig mit ihren Alpträumen wachgerissen hatten.
Hermine hatte nicht mehr alleine geschlafen, seit sie ein Kind gewesen war, und sie fand die Stille in ihrem Schlafzimmer nervenaufreibend. Alles schien lauter ohne Nebengeräusche, sogar ihr eigener Atem. Nach einer Weile fing sie meist an, Geräusche zu hören, die gar nicht da waren. Ginny hatte sie häufig aus dem Schlaf gerissen hatte, aber ihr jetziges Alleinsein verhinderte, dass sie überhaupt erst in den Schlaf fand.
Jetzt gerade würde es ihr jedoch ziemlich leicht fallen, einzuschlafen. ... Hermine stützte ihren schweren Kopf auf ihren Händen ab, während sie vorgab, in ihrem Textbuch zu lesen, und senkte kurz die Lider. Sie seufzte beinahe vor Erleichterung, als das Brennen in ihren Augen augenblicklich nachließ.
Nur eine Minute, dachte sie, und lauschte den leisen Hintergrundgeräuschen in der relativen Stille des Klassenzimmers. Es war beinahe wie in der Bibliothek, die immer noch ihr liebster Ort war. Nur hier war es noch besser, weil er da war und sie sich sicher fühlen ließ. Der beruhigende Klang seiner Stimme, während er dozierte. Das Rascheln von Papier. Federn, die leicht über Pergament kratzten. Buchseiten, die umgeblättert wurden. Leises, unverständliches Wispern, wenn jemand seinem Sitznachbarn etwas zumurmelte. Wenn sie sich anstrengte, konnte sie ihre Mitschüler sogar atmen hören. Solch friedvolle Geräusche, so einlullend...
"Miss Granger!"
Das Herz schlug ihr bis zum Halse als plötzlich eine laute Stimme die Luft wie ein Peitschenknall durchschnitt. Ihr Kopf schnellte vom Tisch hoch. Sie war plötzlich hellwach, griff nach ihrem Zauberstab und ihrer Tasche. Wo war ihre Tasche? Blindlings, panisch blickte sie um sich und versuchte, sich zu orientieren. Was war passiert?
Der Zaubertrank-Klassenraum. Sie war noch immer im Klassenzimmer. Und sie war eingeschlafen. Ihr rasender Herzschlag beruhigte sich nur wenig, als ihr dies bewusst wurde. Sie war sicher. Oder vielleicht auch nicht. Ein flüchtiger Blick in die dunklen, sturmumwölkten Augen ihres Lehrers ließ alle Gedanken an Sicherheit entschwinden.
Er war wütend. Natürlich war er das. Erst ihre Tagträumerei und ihre Unaufmerksamkeit, dann der Beinahe-Unfall. Und nun war sie auch noch während seines Unterrichts eingeschlafen! Das würde er ihr vermutlich nie verzeihen. Oh, Merlin!
"Packen Sie Ihre Sachen und verlassen Sie mein Klassenzimmer!" befahl er mit leiser, zischender Stimme.
"Professor, bitte ... ich..."
"Miss Granger, Ihnen muss klar sein, dass ich diese Art von Unverschämtheit in meinem Unterricht nicht dulde. Sie werden nachsitzen, und zwar die nächsten drei Mittwochabende, beginnend heute. Was auch immer Ihre Rechtfertigung ist, Sie können sie mir heute abend vortragen, um Punkt sieben Uhr. Im Moment will ich Ihre Entschuldigung nicht hören – ich will, dass Sie mein Klassenzimmer verlassen, und zwar sofort."
Hermine schluckte. "Ja, Sir." Gedemütigt und maßlos beschämt sammelte sie eilends ihre Sachen zusammen und floh.
Anmerkungen:
In der deutschen Harry Potter Version werden die Prüfungen in der fünften Klasse – im englischen Original OWLs (EULEn) – mit ZAGs übersetzt, und die Abschlußprüfungen, im Original 'Nastily Exausting Wizard Tests' (fürchterlich auslaugende Zauberer Tests), abgekürzt NEWTs (MOLCHe), völlig unverständlicherweise mit 'Unheimlich Toller Zauberer' (UTZ), was leider das Wortspiel nicht wiedergibt und auch sonst nicht viel Sinn macht.
Man hätte es wirklich besser machen können. Deshalb habe ich mir die Freiheit genommen, in dieser Geschichte die Fünftklässler EULEn ablegen zu lassen (Erste Umfassende Lernstandserhebungen), und die Siebtklässler KATZEn (Kaum Auszuhaltende Traditionelle Zauber Examen). Es lässt sich auch viel netter fragen 'Wie viele KATZEn und wie viele EULEn hast du?' als 'wie viele UTZs / ZAGs hast du?'
Ebenso unoriginell war die Übersetzung von Hermines Elfenrechte-Bewegung im vierten Band. Im Original wird diese mit SPEW (Society Promoting Elfish Welfare) abgekürzt, was auf Deutsch 'kotzen' bedeutet. Wie der deutsch Übersetzer auf die Idee kam, daraus .R zu machen, erschließt sich mir überhaupt nicht.
Es gäbe hier schöne Möglichkeiten, einen Button zu schaffen, den Ron sich nicht gerne ans Revers hätte heften wollen:
OPFER – Organisation zur Promotion und Förderung von Elfen-Rechten
OGER– Organisation zur Gewährung Elfischer Rechte
SPUCKE – Schüler Propagieren Umgehende Chancengleichheit für karrierebewusste Elfen
KOTZZE – Komitee zur Organisation Tatkräftiger Zusammenarbeit von Zauberern u. Elfen
ROTZZE – Rechtschaffene für ein offenes, tolerantes Zusammenleben v. Zauberern und Elfen
Und zuguterletzt noch ein Tipp für alle, die Snapes / Alan Rickmans Stimme ebenso lieben wie Hermine. Besser noch, als wenn er das Telefonbuch vorliest, ist 'Alan Rickmans voice on Bach' ( www. / watch?v=7WixG49FZyg ohne Lücken) und Alan Rickman reads Shakespeare Sonnets ( www. / watch?v=xP06F0yynic). Als Endlosschleife geeignet, jeden in den Schlaf zu wiegen, garantiert! :)
