Zusammenfassung des vorherigen Kapitels:

Hermine passt im Zaubertrankunterricht nicht auf und entgeht nur durch Severus Aufmerksamkeit und raschem Einschreiten einer ernsten Verletzung. Ihr Lehrer nimmt sie sich nach der Stunde zur Brust und ermahnt sie, in Zukunft aufmerksam zu sein. Obwohl sich Hermine redlich bemüht, schläft sie in der folgenden Zaubertrankstunde ein, was Severus so verärgert, dass er ihr als Strafe dreimaliges Nachsitzen aufbrummt und sie aus dem Klassenzimmer verweist.


Der Vorfall im Ballsaal

Ungefähr eine halbe Stunde, nachdem Hermine sein Klassenzimmer verlassen hatte, war Severus Ärger verflogen und hatte einem nagenden Gefühl der Sorge Platz gemacht. Natürlich war sie nicht mutwillig in seinem Unterricht eingeschlafen. Kaum vorzustellen, wie erschöpft sie sein mußte, um inmitten seiner Ausführungen wegzudämmern. Irgendetwas war ganz und gar nicht in Ordnung mit ihr, und er konnte nicht länger so tun, als ginge ihn das nichts an. Er wollte – er musste – wissen, was mit dem Mädchen los war.

Er hatte die unterschwelligen Veränderungen an ihr zuerst an jenem Abend bewusst wahrgenommen, als sie ihn in seinem Büro aufgesucht hatte. Vorher hatte er ihr nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt, aber nun kam er nicht umhin festzustellen, dass die Veränderungen weitgehender waren, als er gedacht hatte.

Sie schien zerbrechlicher als früher und hatte alle Spuren von Kindlichkeit verloren. Ihr Körper war jetzt der einer jungen Frau, aber sie war viel zu dünn, und ihre Augen schienen zu einer viel älteren Seele zu gehören. Selbst ihr unzähmbares Haar hatte von seiner Wildheit und seinem Glanz verloren. Es hatte Severus immer mit einer gewissen Genugtuung und Belustigung erfüllt, dass ihr eigenes Haar sich ihr zu widersetzen schien – geradezu so, als ob es ihrem zwanghaften Bedürfnis, alles hübsch in Ordnung zu halten, trotzen wollte. Welche Frisur sie auch wählte, um es zu bändigen – innerhalb kürzester Zeit lösten sich Strähnen und flogen in alle Richtungen, in offener Rebellion gegen ihre Versuche, es unter ihre Kontrolle zu zwingen.

Nun war diese Lebendigkeit verschwunden, als hätte sich ihr Haar geschlagen gegeben. Der sanftere Look stand ihr, ließ sie aber noch zerbrechlicher wirken. Er fragte sich, ob eine solch drastische Veränderung der Haarstruktur hormonellen Ursachen, Stress oder Mangelernährung zugeschrieben werden konnte, oder ob sie nicht möglicherweise auf eine Veränderung in ihrer Magie hindeutete. Letzteres gab noch mehr Anlass zur Beunruhigung.

Nachdem sie erneut seinen Unterricht gestört hatte, war er entschlossen gewesen, seine Drohung wahrzumachen und sie zu Filch zu schicken. Nun wurde ihm klar, dass dies weder für ihre noch für seine Probleme eine Lösung war. Er konnte ihr nicht dauerhaft aus dem Weg gehen.

So war er denn, als Hermine pünktlich an diesem Abend an seine Bürotür klopfte, fest entschlossen, zum Kern des Problems vorzudringen und dafür zu sorgen, dass sie Hilfe bekam.

"Professor Snape..."

"Miss Granger."

"Bitte – erlauben Sie mir nun, mich für den heutigen Vorfall zu entschuldigen?" begann Hermine, noch ehe sie sich gesetzt hatte. "Es tut mir wirklich unglaublich leid! Ich wollte Sie nicht..."

"Eine Entschuldigung ist nicht nötig", unterbrach er sie, und bedeutete ihr mit einer Handbewegung, auf dem Stuhl gegenüber seines Schreibtisches Platz zu nehmen. "Mir ist klar, dass Sie nicht mitten in meinem Unterricht eingeschlafen sind, nur um mich zu ärgern."

Hermine klappte ihren Mund wieder zu und sah ihn überrascht an. Er war offensichtlich nicht mehr wütend sondern klang beinahe – verständnisvoll?

"Dennoch kann ich den Vorfall nicht einfach auf sich beruhen lassen", fügte er hinzu, als sie sich gesetzt hatte und ihn erleichtert ansah. "Ich habe mit Ihren anderen Lehrern gesprochen, und wenngleich sie ebenfalls bemerkt haben, dass Sie sich weniger am Unterricht beteiligen als man von Ihnen gewohnt war – was ich unter anderen Umständen durchaus begrüßen würde – scheinen Sie doch keinerlei Probleme zu haben, in den anderen Fächern konzentriert zu bleiben. Langweilt Sie mein Unterricht?"

Sie errötete. "Natürlich nicht! Sie sind ein guter Lehrer..."

"Das war nicht meine Frage", entgegnete er ruhig. "Ich zweifele nicht an meiner Eignung, mein Fach zu unterrichten, Miss Granger. Aber so, wie ich Sie kenne, würde es mich nicht überraschen, wenn Ihnen die Tränke, mit denen wir uns befassen, in der Theorie bereits bekannt wären. Ich erwarte eine ehrliche Antwort."

"Nun – ja," gab sie zu. "Ich habe versucht, so gut es eben ging mit dem Unterricht Schritt zu halten, als wir letztes Jahr nicht in Hogwarts waren." Möglicherweise hatte sie sogar ein klein wenig mehr Zeit in Zaubertränke investiert als in die anderen Fächer. Es war ihre Art gewesen, ihm weiterhin Respekt zu zollen, als er von allen anderen verlassen und als Verräter abgestempelt worden war – als hätte ihre Loyalitätsbekundung seine Isolation weniger real erscheinen lassen.

"Ich verstehe. Dann ist es so, wie ich vermutet habe: Der Zaubertrankunterricht langweilt Sie."

"Aber das ist nicht der Grund, warum ich eingeschlafen bin", protestierte sie, von der Sorge erfüllt, er könne seine Drohung wahrmachen und sie aus seinem Unterricht verbannen. Das durfte auf keinen Fall passieren.

"Was dann?"

"Es ist einfach so, dass... Ihr Klassenzimmer zur Zeit der einzige Ort ist, an dem ich mich sicher fühle."

Er hob seine Augenbrauen auf eine Art und Weise, die, wie sie in inzwischen gelernt hatte, Überraschung oder Verwirrung ausdrückte.

"Es ist dumm, ich weiß..." beeilte sie sich zu erklären. "Sie haben mir gesagt, dass ich mich entspannen soll, und ich weiß, dass Sie damit auch recht haben, aber ich weiß nicht, wie ich das anstellen soll. Ich habe immer noch das Gefühl, ständig auf der Hut sein zu müssen. Ich bin nicht gerne in Menschenmengen, aber allein sein mag ich auch nicht. Ich bin ständig nervös und angespannt – außer eben im Zaubertrankunterricht."

Er runzelte die Stirn und sah sie noch immer verständnislos an. "Und warum da nicht?"

Hermine senkte den Blick und die Stimme. "Ihretwegen", sagte sie leise. "An Ihnen kommt niemand so leicht vorbei. Sie haben uns immer im Auge behalten, uns jahrelang beschützt, Ihr Leben für uns riskiert. Sie hätten sich für Harry geopfert, vermutlich sogar für jeden Ihrer Schüler. Und Sie geben mir noch immer ein Gefühl von Sicherheit... dass nichts uns etwas anhaben kann, solange Sie da sind. Natürlich würden uns die anderen Lehrer auch beschützen, aber... Ich kann es nicht wirklich erklären. Ich weiß nur, im Kerker, während Ihres Unterrichts, fühle ich mich sicher. Wann immer ich da bin, fällt ein Teil meiner Anspannung ab, und dann fangen meine Gedanken an zu wandern. Ich versuche ja zuzuhören, ehrlich, aber – Ihre Stimme ist auch nicht gerade hilfreich... Und letzte Nacht habe ich nicht viel geschlafen, ich war so müde..."

Severus fühlte sich wie vor den Kopf gestoßen. Dieses Mädchen schaffte es immer wieder, ihn komplett aus der Bahn zu werfen, mit den unerwarteten Dingen, die sie sagte. Wie etwa, dass sie sich in seiner Gegenwart sicher fühlte. Er war es eher gewohnt, gegenteilige Reaktionen hervorzurufen und konnte das besser nachvollziehen. Ihre Erklärung berührte etwas in ihm, ein seltsames Verlangen, ein beinahe schmerzhaftes Sehnen, etwas Dunkles und Gefährliches, aufregend und berauschend zugleich. Seine eigenen Gefühle verwirrten und beunruhigten ihn, aber sie näher zu untersuchen, würde er auf später verschieben müssen.

Für den Moment konzentrierte er sich auf den anderen überraschenden Teil ihrer Offenbarung: Die Tatsache, dass die scheinbare Gelassenheit, die sie in seinem Unterricht an den Tag legte, nicht ihr normaler Gemütszustand war, sondern die Ausnahme. Das war etwas, was er nach dem Vorfall mit seinem Slytherin nicht einmal in Erwägung gezogen hatte.

Abermals spürte er ein seltsames Ziehen in seinen Eingeweiden. Zu denken, dass sie seine Gegenwart als wohltuend empfand, dass er es vermochte, sie zur Ruhe zu bringen, wenn sie offenbar ständig angespannt und nervös war... es war schmeichelnd, herzerwärmend und für ihn, der mit solchen Empfindungen überhaupt nicht vertraut war, ein Grund zur Beunruhigung.

Er seufzte und rieb sich mit leichtem Frust die Augen. "Ich denke, wir können das mit auf die wachsende Liste von Komplikationen setzen", sagte er, mehr zu sich selbst als zu ihr. Ob es wohl je eine Zeit geben würde, in der sein Leben nicht eine einzige Anhäufung von Problemen war?

"Ich weiß nicht, was wir tun sollen, Miss Granger", gab er schließlich frei heraus zu. "Aber ich kann nicht zulassen, dass Sie in meinem Klassenzimmer einschlafen. Ich schlage vor, dass Sie einen Schlaftrunk nehmen und sich erstmal gut ausschlafen." Es war kaum eine langfristige Lösung, denn Schlaftränke machten auf Dauer abhängig. Aber es würde ihnen Zeit verschaffen – würde ihm Zeit verschaffen, alles zu durchdenken und hoffentlich einen Plan zu entwickeln, wie man ihr helfen könnte.

"Ehm..."

"Was?"

"Nun, die Sache ist... Madam Pomfrey hat mir verboten, noch mehr "Traumloser Schlaftrank' zu nehmen..."

"Sie haben ihn schon öfter genommen?"

"Ziemlich regelmäßig in den ersten Wochen des Schuljahres. Ginny und ich haben uns immer wieder gegenseitig mit unseren Alpträumen aus dem Schlaf gerissen."

"Alpträume haben Sie also auch...", stellte er ernüchtert fest. Natürlich hatte sie die. Auch das war kaum überraschend.

"Wer nicht?" fragte sie auch prompt zurück. "Ich bin gewiß nicht die Einzige."

Er seufzte abermals. "Miss Granger... so kann das nicht weitergehen. Ich bin wirklich ratlos. Ich glaube, Sie brauchen psychologische Unterstützung."

Sie schnaubte. "Ja, ich denke, das tue ich. Aber was genau schlagen Sie vor? Dass ich einen Muggle-Psychiater aufsuche, da Zauberer keine haben? Und ihm erzähle, dass ich, seit ich dunkle Objekte gejagt und zerstört habe, welche Seelenfragmente eines bösen Zauberers enthielten, Angst habe, wieder von einer gigantischen Riesenschlange angegriffen zu werden oder von maskentragenden Todessern? Dass ich wiederkehrende Alpträume habe, in denen ich das hyänenähnliche Lachen einer Verrückten höre, die gerade mit einem verhexten Messer die Buchstaben 'Schlammblut' in meinen Arm ritzt, während ein Werwolf mir ins Ohr flüstert, was er alles mit mir anstellen wird, sobald sie damit fertig ist? Ihm sagen, dass ich mit einem Zauberstab in der Hand schlafe, für den Fall, dass sich Greifer in der Nähe herumtreiben? Ich bin sicher, das wird für ihn ein berufliches Highlight! Ich werde vermutlich die Geschlossene nie wieder verlassen."

Sein Magen wurde schwer wie Blei, als er sie auflisten hörte, welche Monster unter ihrem Bett lauerten und sie vom Schlafen abhielten. Monster, die nur allzu real waren, und denen sie nie hätte über den Weg laufen sollen. Aber genau das war geschehen, und er wünschte, er könnte alle jene noch einmal mit bloßen Händen töten, die ihr das angetan hatten: Voldemort, Greyback und Bellatrix. Er wünschte, er wüßte, wie er ihre Welt wieder zu einem Ort machen konnte, an dem sie sich sicher fühlte.

"Ich wollte eigentlich vorschlagen, dass Sie mit einem Zauberer oder einer Hexe sprechen. Die Schulleiterin hat die Beratungsstunden nicht grundlos eingerichtet."

"Und zu wem soll ich gehen? Zu Professor Trelawney, die nun offiziell meine Hauslehrerin ist?"

"Ich dachte eher an Professor Lupin, der inoffiziell noch immer Ihr Hauslehrer und ein Ordensmitglied ist. Sie haben sich immer gut mit ihm verstanden. Und so schwer es mir fällt, das zu sagen: Er ist geduldig, verständnisvoll und vertrauenwürdig."

"Remus hat genug eigene Probleme," sagte Hermine. "Er versucht immer noch, mit dem Tod von Tonks und dem Verlust zweier seiner Gliedmaßen klarzukommen. Er war nur damit einverstanden, als stellvertretender Hausvorstand zu fungieren, weil die Nominierung von Professor Trewlawney die meisten Gryffindors so geschockt hat, dass sie eine Neusortierung verlangten. Um die Wahrheit zu sagen, ich glaube nicht mal, dass er fit genug ist, um Verteidigung zu unterrichten."

Nein, das war er wohl nicht. Lupin war nicht Moody. Er mußte sich erst daran gewöhnen, mit einer Prothese zu laufen. Vom fehlenden Arm ganz zu schweigen. Aber zweifellos hatte ihn der Verlust seiner Frau noch viel mehr zugesetzt als die Riesen, denen er über den Weg gelaufen war.

"Ich kann mit niemandem über das reden, was letztes Jahr passiert ist", sagte Hermine leise. "Niemand weiß es. Niemand versteht es. Niemand außer Ihnen."

"Was ist mit Ihren Freunden?" fragte er und fühlte sich genauso überfordert, wie er sich gefühlt hatte, als er sie so aufgelöst auf der Krankenstation vorgefunden hatte. Er war noch nie in seinem Leben für irgend jemandem ein Quell des Trosts gewesen. Und doch schien sie Erwartungen an ihn zu haben, die er mit Sicherheit enttäuschen würde. Wo waren ihre Freunde, wenn sie sie brauchte?

Hermine hob die Schultern. "Jeder von uns hat genug mit seinen eigenen Problemen zu kämpfen. Ron ist extrem dünnhäutig und gerät über jede Kleinigkeit in Rage. Aber es hat gar keinen Sinn, mit ihm darüber zu reden, denn er tut so, als sei alles in Ordnung. Ich warte nur auf den Moment, in dem er plötzlich merkt, dass dem nicht so ist, und er komplett zusammenbricht. Ginny hat Alpträume vom letzten Schuljahr und bricht jedesmal in Tränen aus, wenn jemand ihren Bruder erwähnt. Zu lautes Lachen, ein dummer Witz oder die Erwähnung von Zauberscherzartikeln haben die gleiche Wirkung."

Sie sah ihn traurig an und es war deutlich in ihrem Gesicht zu lesen, wie sehr sie mit ihren Freunden mitlitt. "Der einzige Normale scheint Harry zu sein. Das kommt vermutlich daher, dass das letzte Jahr für ihn auch nur unwesentlich schlimmer war, als alle Jahre davor. Ich denke, man gewöhnt sich nach einer Weile daran, ständig in Lebensgefahr zu schweben. Er ist Voldemort in der ein oder anderen Form praktisch jedes Schuljahr begegnet, seit er zum ersten Mal nach Hogwarts kam."

Severus dachte an die letzten sieben Jahre zurück und stellte fest, dass sie recht hatte. Abgesehen vom dritten und sechsten Schuljahr hatte Harry tatsächlich jedes Jahr seinem Erzfeind Lord Voldemort persönlich gegenübergestanden. Im Dritten waren es nur Dementoren und ein vermeintlicher Massenmörder gewesen, im Sechsten lediglich die Handlanger des Dunklen Lords, eingeschlossen ihm selbst. Nein, der Junge, der das alles irgendwie überlebt hatte, hatte in der Tat keine leichte und ungefährliche Schulzeit gehabt.

"Vielleicht ist er auch einfach zu beschäftigt, mit seinem anderen Problem klarzukommen," setzte Hermine ihrem Gedankengang hinzu. "Wenn wir es denn überhaupt ein Problem nennen wollen. Aber herauszufinden, dass er Ginny nicht auf die Art liebt, wie er immer gedacht hatte, war ein Schock für ihn. Die Dinge sind deswegen jetzt ein bisschen schwierig zwischen Ron und ihm, und natürlich auch zwischen ihm und Ginny. Ich bin froh, dass er darüber hinaus nicht auch noch mit Kriegstraumata zu kämpfen hat, deshalb werde ich das Thema ganz bestimmt nicht wieder aufwärmen. Sie sind die einzige Person, mit der ich reden kann."

Hermine war klar, dass er es schwer finden würde, das zu glauben. Aber tatsächlich kannten Harry und Ron noch nicht einmal das ganze Ausmaß der Dinge, die auf ihr lasteten. Und sie würde es ihnen auch nicht erzählen.

"In Anbetracht der Entscheidungen, die ich getroffen habe, bin ich kaum die geeignete Person, um Ratschläge und Hilfestellung zu geben", wandte er ein, und klang dabei barscher als er wollte. Was seinen Punkt nur bestätigte. Er war wirklich miserabel in diesen Dingen.

"Ich brauche keine Ratschläge", widersprach sie. "Nur jemanden, mit dem ich reden kann." Sie zögerte einen Moment, ehe sie unsicher den Blick hob und ihn ansah. "Ich verstehe, dass es im Moment nichts zwischen uns geben kann... Aber können Sie nicht einfach – mein Freund sein?"

"Ihr Freund?" wiederholte er, nicht sicher ob ihn diese Vorstellung erfreuen, verärgern oder verwundern sollte. "So wie Potter und Weasley? Jemand, den Sie herumkommandieren können, zurechtweisen, necken und spontan umarmen?"

"Ich hätte gar nichts dagegen, Sie zu umarmen," sagte das unfassbare Mädchen. "Aber ich verstehe, dass das warten muß. Sie könnten mein nicht-umarmbarer Freund sein – einer, den ich nicht ständig daran erinnern muß, seine Hausaufgaben zu machen oder nach drei Tagen mal die Socken zu wechseln. Es wäre eine nette Abwechslung."

"Ich weiß nicht, wie man ein solcher Freund ist", sagte er ihr ehrlich, das Wort auf seiner Zunge testend wie eine exotische Frucht, die er noch nie probiert hatte. Er war seit seiner Jugend nicht mehr irgend jemandes Freund gewesen. Und bedauerlicherweise wusste mittlerweile die ganze Zaubererwelt, wie das geendet hatte. "Selbst wenn eine solche Freundschaft theoretisch möglich wäre – was ich bezweifle – würde es nicht das sein, was der Rest der Welt sieht. Die Leute würden annehmen, dass mehr dahintersteckt." Was seiner Meinung nach bewies, dass die Theorie stimmte. Warum sonst würde man das überhaupt automatisch annehmen?

"Das ist alles so unfair", klagte Hermine verdrießlich. "Noch etwas, was Voldemort mir genommen hat."

"Was?" fragte er, ihrem scheinbar sprunghaften Gedankengang nicht folgen könnend.

"Sie! Die Möglichkeit, Sie richtig kennenzulernen, mit Ihnen zusammen zu sein, wann immer es mir gefällt. Ich bin volljährig – eine Erwachsene in der Mugglewelt und Zaubererwelt gleichermaßen. Ich sollte gar nicht hier sein, formell wieder eine Ihrer Schülerinnen. Wäre Voldemort nicht gewesen, hätte ich letztes Jahr meinen Abschluss gemacht, wie all Ihre Slytherins, und wir könnten tun, was immer wir wollten, egal, was die Leute sagen. Auch daran trägt er die Schuld. Ich hasse ihn!"

Severus war von ihrem Ausbruch überrascht. So hatte er die Sache noch nie betrachtet. Aber sie hatte recht. Wäre Voldemort nicht gewesen, hätte sie Hogwarts vor einem halben Jahr verlassen. Aber andererseits: Hätte es Voldemort nicht gegeben, wären sie jetzt nicht in der Situation, in der sie sich wiederfanden, in diesem komplizierten, beängstigenden, verwirrenden Durcheinander. Nein, Severus hasste den Dunklen Lord aus vielerlei Gründen, aber hierfür konnte er ihn nicht hassen.

"Sie und ich wissen, dass das Leben nicht fair ist und ganz sicher nicht immer so, wie wir es uns wünschen," entgegnete er schlicht. "Aber dagegen läßt sich nichts machen. Wir müssen die Dinge nehmen, wie sie sind, auch wenn es schwierig ist – so, wie zweifellos unsere jetzige Situation. Wie soll ausgerechnet ich Ihnen helfen? Ich bin mit Sicherheit weitaus problembeladener als Sie es sind."

"Wie kommt es dann, dass Sie dennoch so stark sind?" fragte Hermine zurück. "Wie können Sie nachts schlafen? Sie müssen doch auch von Erinnerungen gequält werden..."

Ja, eigentlich sollte man das annehmen. Manchmal dachte er, er hätte es auch verdient. Aber... "Nein. Ich habe keine Alpträume mehr gehabt, seit ich dem Teenageralter entwachsen bin." Er hätte vermutlich längst den Verstand verloren, wenn seine Erlebnisse im Schlaf zurückgekommen wären um ihn zu peinigen.

"Sie haben überhaupt keine schlechten Träume?" fragte sie überrascht. "Wie ist das möglich?"

Es war schwer in Worte zu fassen. "Meine Vermutung ist, dass mein Unterbewußtsein einen Alptraum gleich erkennt wenn er beginnt, und sofort gegensteuert – mich entweder weckt oder meinen Traum in etwas Harmloses verwandelt."

"Wirklich?" Sie war fasziniert. "Wie geht das?"

Er zuckte die Achseln. "Ich weiß es wirklich nicht. Ich glaube, es hat etwas mit meiner Fähigkeit zu tun, meine Gedanken zu okkludieren. Zumindest fing ich an, Kontrolle über meine Träume zu haben, als ich Okklumentik beherrschen lernte. Ich weiß nicht, wie ich sonst bei Verstand geblieben wäre."

"Aber ich dachte, Okklumentik sei eine Fähigkeit, die es erlaubt, andere daran zu hindern, meine Gedanken zu lesen.."

Severus zog die Brauen zusammen. "Ich habe Potter wieder und wieder gesagt, dass diese Erklärung bestenfalls rudimentär und stark vereinfachend ist. Die Okklumentik ist eine sehr komplexe Kunst: das Erlangen geistiger und emotionaler Kontrolle. Es ist eine Technik, die es erlaubt, die Vorgänge im eigenen Geist zu ordnen und bewusst zu steuern."

Ihre Augen leuchteten mit unverhülltem Interesse auf - die seinen verdrehten sich in ungespielter Verzweiflung. Er hatte soeben die magischen Worte "ordnen", "Kontrolle" und "Geist" vor Hermine Granger gebraucht. Es war etwa so, als würde man vor der Nase eines ausgehungerten Hundes einen saftigen Knochen herumschwenken. Oder besser gesagt: vor einem eifrigen Welpen, der einen mit unmöglich großen, braunen Augen und einem hoffnungsvollen Ausdruck ansah. Wenigstens sabberte sie nicht.

"Können Sie es mir beibringen?" bettelte sie.

Er seufzte. Vermutlich könnte er. Zweifellos wäre es sehr viel erfolgsversprechender, sie zu unterrichten als Potter. Zum einen gab es weder Hass noch abgrundtiefes Mißtrauen zwischen ihnen, was ein solches Unterfangen von Beginn an zum Scheitern verurteilte. Zum anderen war sie willig und lernbegierig, und es sollte ihr nicht schwerfallen, ihren Geist zu organisieren und zu kompartmentalisieren – sie tat es in jedem anderen Bereich ihres Lebens auch. Ihre farbcodierten Lernpläne waren Legende, selbst innerhalb des Kollegiums. Nein, seine Zeit zu verschwenden war nicht seine Befürchtung.

"Ich könnte", sagte er zurückhaltend. "Aber ich bin nicht sicher, ob ich auch sollte."

"Warum um alles in der Welt nicht?"

"Weil in Ihren Geist einzudringen so ziemlich das genaue Gegenteil von 'Distanz wahren' ist, Miss Granger!"

"Oh."

"In der Tat."

"Aber sicher könnten Sie mir wenigstens... ein Buch leihen?" fragte sie schüchtern.

"So überraschend es für Sie auch sein mag: Manche Dinge kann man nicht aus Büchern lernen."

Ihr Blick war zweifelnd. Offenbar glaubte sie das nicht.

"Es gibt nicht für alles einfache, leicht zu befolgende Schritt-für-Schritt Anleitungen, wie etwa ein Zaubertrank-Rezept", bekräftigte er. "Es gibt keine Zauberformel für Okklumentik, keine Erklärung, wie man es macht."

"Wie haben Sie es dann gelernt?"

"Dadurch, dass mein Geist wieder und wieder angegriffen wurde, bis ich es eines Tages schaffte, einen Angriff abzuwehren."

"Bitte – ich muss irgendetwas tun." Sie sah ihn wieder mit den Welpenaugen an. "Wenn dies helfen könnte, meine Alpträume in den Griff zu bekommen, würde ich endlich nachts wieder genug Schlaf bekommen und tagsüber nicht mehr so auf dem Zahnfleisch gehen. Vielleicht würde ich mich endlich wieder normal fühlen!"

Es überhaupt in Erwägung zu ziehen war moralisch fragwürdig, aber er wischte seine Zweifel beiseite. Er konnte sie nicht weiter leiden lassen, bloß um seine Selbstkontrolle nicht auf die Probe stellen zu müssen. Wenn Okklumentik ihr tatsächlich helfen konnte, dann heiligte der Zweck die Mittel. Das hatte er vor Jahren von Dumbledore gelernt. Seine Absichten waren ehrenhaft. Er mußte der jungen Gryffindor helfen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen.

"In Ordnung, Miss Granger", sagte er, sich selbst in Erinnerung rufend, dass sie noch immer seine Schülerin war und er sie als solche zu behandeln hatte – ungeachtet der Motive, aus denen heraus er ihr helfen wollte. "Ich sehe Sie ohnehin am nächsten Mittwochabend nach dem Essen zum Nachsitzen. Das dürfte Ihnen hinreichend Zeit geben, sich durch alle Bücher zu lesen, die Sie zu diesem Thema noch nicht rezitieren können. Falls es denn welche gibt."

Sie grinste, aber er konnte die Erleichterung in ihren Zügen sehen. "Danke, Sir!"

*'*'*'*'*'*'*

Wenn ihr Einschlafen inmitten seines Unterrichts ihn nicht schon hinreichend davon überzeugt hätte, dass sie Hilfe brauchte, so hätte dies spätestens der Zwischenfall getan, der sich eine Woche nach seinem Gespräch mit Hermine während einer Doppelstunde Verteidigung gegen die Dunklen Künste ereignete, in der er für Lupin einsprang.

Minerva hatte angehende Auroren als Vertretung für den Werwolf organisiert, wenn dieser einmal im Monat aufgrund seines Zustands verhindert war. Dieses Mal jedoch hatte Lupins Unpässlichkeit nichts mit der Mondphase zu tun.

Während des Kampfes um Hogwarts hatte er mehr einstecken müssen, als den meisten Lehrern und Schülern bewusst war – der Verlust eines Armes und eines Beines war da nur das geringe Problem. Er war beinahe von einem Riesen zerquetscht worden, und seine inneren Organe hatte unheilbaren Schaden genommen. Die Tränke, die er zu sich nahm, halfen lediglich, ihn zu stabilisieren und sein Leben zu verlängern. Mit Glück würde er vielleicht noch fünf Jahre zu leben haben, aber selbst dafür gab es keine Garantie. Fest stand nur, er würde nicht mehr allzu lange Vollzeit arbeiten können.

Minerva dachte darüber nach, eine Lehrlingsstelle für Verteidigung einzurichten, was auch Lupin entlasten würde. Bis sie jemand Passenden gefunden hatte, würden sie irgendwie zurechtkommen müssen, was bedeutete, dass er heute die Siebtklässler übernehmen musste.

Als überzeugter Verfechter eines eher praktisch als theoretisch orientierten Unterrichts überraschte er die Klasse mit der Anweisung, alles zusammenzupacken und ihm in den Ballsaal zu folgen. Das Klassenzimmer bot nicht genug Platz für die Art von Übung, die er im Sinn hatte.

Die meisten Schüler waren sofort Feuer und Flamme, aber er sah auch ein paar Gesichter, die ängstlich dreinblickten – darunter auch das einer speziellen Gryffindor. Er war sich sehr wohl darüber im Klaren, dass Zaubererduelle ein heikles Thema für jene Schüler waren, die noch vor ein paar Monaten um ihr Leben gekämpft hatten. Aber langfristig würde es ihnen mehr schaden als nutzen, sie so zu hätscheln, wie Lupin es tat, der – wie Severus vermutete – selbst ein kleines Problem mit dem Duellieren hatte. Ein Zauberer mußte in der Lage sein, sich zu verteidigen. Ein erlittenes Trauma würde nicht einfach verschwinden, wenn man nie wieder gegen eine andere Person den Zauberstab hob. Seiner Meinung nach musste man sich seinen Ängsten stellen um sie zu überwinden. Allerdings würde er es behutsam angehen müssen... nicht unbedingte seine Stärke.

Auf dem Weg zum Ballsaal spielte er mit dem gewagten Gedanken, in dieser Ausnahmesituation den Werwolf zu kopieren und die Schüler mit etwas Humorvollem beginnen zu lassen... Wer mit den albernsten und komischsten Flüchen aufwarten konnte, wie etwa diesem legendären Flederwicht-Fluch, den Miss Weasley so gerne benutzte. Oder vielleicht könnte er einen offensiven Transfigurationsfluch demonstrieren und Longbottoms Haar in einen Geierhut verwandeln...

Severus gelangte jedoch nicht zum geplanten Highlight seines Unterrichts. Weder am Anfang, weil der Unterricht wieder von einer gewissen Gryffindor Schülerin unterbrochen wurde, ehe er richtig begonnen hatte, noch später, weil er zu dem Zeitpunkt einfach nicht mehr in der Stimmung war, irgendwas auch nur ansatzweise Komisches zu tun.

*'*'*'*'*'

Hermines Gesicht, das sich spontan aufgehellt hatte, als sie sah, wer heute für Remus einsprang, verdüsterte sich schlagartig, als ihr Lieblingslehrer ihnen verkündete, was er für die heutige Stunde geplant hatte. Sie hatte sich nie gerne duelliert, und sie war auch nie besonders gut darin gewesen. Aber seit dem Krieg sträubte sich alles in ihr dagegen, ihren Zauberstab für offensive Zauber einzusetzen. Es war schlimm genug, wenn jemand den Zauberstab gegen sie richtete, aber nach dem Vorfall mit Malcolm fürchtete sie auch, unabsichtlich ihren Gegner ernsthaft verletzen zu können.

Sie versuchte sich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass Professor Snape sicher wusste, was er tat und Acht geben würde, dass niemand zu Schaden kam, als sie ihren Mitschülern zögerlich zum Ballsaal folgte. Hermine hatte ihn zuletzt in ihrem vierten Schuljahr von innen gesehen, als Professor McGonagall ihnen hier Tanzstunden gegeben hatte. Die würde sie auch jetzt viel lieber haben. Es würde ihr nicht mal was ausmachen, wenn sie diejenige wäre, mit der ihr Lehrer die richtigen Schritte demonstrierte, wie es Professor McGonagall mit Ron getan hatte. Ihre Lippen verzogen sich unwillkürlich zu einem Lächeln, als sie an das entsetzte Gesicht dachte, das er gezogen hatte. Damals hatte sie sich ein gewisses Maß an Schadenfreude nicht verkneifen können, was aber vermutlich verzeihlich war. Er hatte sich in dem Jahr ihr gegenüber wirklich wie ein Idiot benommen.

Hermine war die Letzte, die den großen Saal betrat. Es war eine Schande, dass er so selten benutzt wurde. Fenster auf beiden Seiten gaben dem Raum eine luftige Atmosphäre, wie man sie sonst nirgendwo innerhalb des Schlosses fand. Wunderschöne, kristallene Kronleuchter hingen von der Decke herab und reflektierten die Strahlen der Nachmittagssonne, die durch das Glas fiel.

Trotz der freundlichen Atmosphäre fühlte Hermine von dem Moment an, da sie ihren Fuß in den Raum setzte, Beklemmung in sich aufsteigen. Es begann mit einem plötzlichen Gefühl eisiger Kälte in ihrer Magengegend, das sich rasch über ihren ganzen Körper ausbreitete, ihr den kalten Schweiß ausbrechen und ihre Glieder zittern ließ. Als ihr klar wurde, dass eine Panikattacke kurz bevorstand, verstärkten sich alle Symptome um ein Hundertfaches: Ihr Herz begann wie wild zu schlagen, ihr Brustkorb verengte sich und behinderte ihre Atmung. Ihre Beine waren wie gelähmt und konnten dem panischen Befehl ihres Gehirns, loszurennen und sie von hier fortzutragen, nicht Folge leisten. Unfähig, überhaupt irgendwas zu tun, stand sie nur steif wie ein Brett da und umklammerte ihren Zauberstab und ihre Tasche, während sich ihre Sicht mehr und mehr verengte.

Draco, der zufällig neben ihr stand, war der Erste, der ihr Problem bemerkte und sofort die richtigen Schlüsse zog. Bevor jemand anders reagieren konnte, packte er sie beim Arm und zog sie aus dem Raum.

"Potter, Longbottom – übernehmen Sie die Klasse!" hörte Hermine ihren Lehrer knapp befehlen, ehe er ihr und Draco nacheilte.

Im Korridor bugsierte Draco sie auf eine Bank unter einem Fenster und sah sie dabei mit einem Gesichtsausdruck an, in dem genauso viel Panik geschrieben stand, wie sie im Moment fühlte.

"Tasche", röchelte Hermine, die ihren perlenbesetzen Beutel noch immer an die schmerzende Brust gedrückt hielt und um jeden Atemzug kämpfte. "Trank... in meiner Tasche."

Draco versuchte, ihr den Beutel abzunehmen, aber ihre verkrampften Finger hielten die Schnüre fest. "Du musst ihn loslassen," sagte er, aber sie reagierte nicht. Er konnte nicht wissen, ob sie ihn nicht gehört hatte oder nicht reagieren konnte. Hermine starrte die beiden Männer, die nun auf sie herabsahen, nur mit hilfloser Panik in den Augen an, während ihr Atem in schnellen, flachen Stößen kam und sie am ganzen Körper zitterte.

"Miss Granger!" befahl Severus in jenem strengen Ton, auf den sie auch im Krankenflügel schon reagiert hatte. "Geben Sie mir auf der Stelle Ihren Beutel!"

Die Macht der Gewohnheit und ihre Neigung, auf Autoritätspersonen zu hören, bewirkten eine Reaktion. Ihre Finger ließen die Schnüre los, und der Zaubertrankprofessor öffnete rasch den Beutel auf der Suche nach einer Flasche mit dem Beruhigungstrank, der darin sein sollte. Was er fand, war nicht nur eine Flasche, sondern eine ganze Zaubertrank-Apotheke – unter anderem.

Er fand schließlich die richtige Ampulle, zog den Stopfen heraus und half ihr, den Inhalt zu trinken. Der Beruhigungstrank tat seine Wirkung. Hermine fühlte, wie die Schmerzen und die Beklemmung in ihrer Brust langsam nachließen, ihr Atem sich beruhigte und ihre unbegründete Furcht sich in Luft auflöste. Sie warf einen Blick auf das leere Fläschchen in ihren Händen und kam sich dumm vor. Schon wieder hatte er Zeuge werden müssen, wie sie aus heiterem Himmel komplett die Kontrolle verlor.

"Es tut mir leid, ich weiß wirklich nicht, was über mich gekommen ist", sagte sie, als ihre Stimme wiedergekehrt war.

"Ich schon", sagte Draco zu ihrer Überraschung. Er warf seinem Paten einen unsicheren Blick zu, der ihm bedeutete fortzufahren. "Es war der Kristallleuchter," sagte er leise. "Er sieht genauso aus wie der, der in unserem Salon hängt."

Der Raum, in dem sie von Bellatrix verhört worden war – in dem sie hilflos auf dem Boden gelegen und zu dem Leuchter hinaufgesehen hatte, der nachher auf sie herabgestürzt war. Ihr Atem beschleunigte sich wieder.

"Ganz ruhig, Miss Granger", sagte ihr Lehrer beschwichtigend, und seine Stimme vertrieb ihre wieder aufsteigende Panik. "Atmen Sie einfach tief und langsam weiter. Sie sind sicher. Ich möchte nicht, dass Sie jetzt daran denken. Erzählen Sie mir von Ihrem Beutel."

"Meinem Beutel?" fragte sie, abgelenkt durch seine Frage, wie er gehofft hatte. "Was ist damit?"

"Unentdeckbarer Ausdehnungszauber? Ich vermute, nicht vom Ministerium autorisiert? Das ist ziemlich fortgeschrittene Magie..."

"Es war eine Notwendigkeit", sagt sie schlicht.

"Ich verstehe." Er sah sie mit einem unergründlichen Gesichtsausdruck an und wandte sich an seinen ältesten Slytherin. "Draco, begleite Miss Granger in den Krankenhausflügel und sag Madam Pomfrey, was passiert ist. Sie soll einen kompletten Diagnosezauber durchführen um auszuschließen, dass physische Ursachen diesen Anfall ausgelöst haben. Du kehrst umgehend zurück, sobald Poppy übernommen hat, verstanden? Und Miss Granger – sofern Madam Pomfrey nicht entscheidet, Sie im Krankenflügel zu behalten, ist diese Panikattacke keine Entschuldigung, heute Abend nicht zum Nachsitzen zu erscheinen. Um Punkt sieben."

*'*'*'*'*'*

Wie erwartet konnte Madam Pomfrey nichts Ungewöhnliches bei ihr feststellen, sodass Hermine den Krankenflügel schnell wieder verlassen konnte. Harry, Ron und Ginny waren beruhigt zu hören, dass alles in Ordnung war und gingen in stillschweigender Übereinkunft schnell zu weniger beunruhigenden Themen über.

Draco hingegen verhielt sich ihr gegenüber seltsam, als sie ihn beim Abendessen sah. Die wiedergekehrten Siebtklässler hatten ihren eigenen Tisch am Ende der Slytherin Tischreihe. Es war eine praktische Lösung gewesen, die zusätzlichen Schüler unterzubringen. Während es vermutlich irgendwie möglich gewesen wäre, die zusätzlichen Hufflepuffs und Ravenclaws mit an die jeweiligen Haustische zu setzen, war das bei den Gryffindors ein Ding der Unmöglichkeit.

Die meisten Schüler, die sich der von Neville angeführten Widerstandsbewegung angeschlossen und einen Großteil des Schuljahres im Raum der Wünsche versteckt hatten, waren Gryffindors gewesen, und so waren sie auch diejenigen, die den meisten Lernstoff verpasst hatten. Ravenclaws, die klug genug waren, den Ball flach zu halten; die Mehrheit der Hufflepuffs, die eine Tendenz hatten, sich aus jedwedem Ärger herauszuhalten; und so gut wie alle Slytherins, denen es unter dem Todesser-Regime nicht schlecht ergangen war, hatten ihre Ausbildung abschließen können. In letzterer Gruppe gab es auch keine Muggelgeborenen, die im letzten Jahr Hogwarts nicht hatten besuchen dürfen. Insofern gab es von Slytherin keine Rückkehrer, bis auf einen einzigen: Draco Malfoy.

Hermine wusste, dass er aus dem gleichen Grund zurückgekommen war, wie sie selbst: Er hatte kein anderes Zuhause mehr. Seine Eltern waren ins Exil gegangen, und Draco war allein – mit erheblichen Schwierigkeiten, sich in einer Welt zurechtzufinden, die auf den Kopf gestellt worden war. Er wusste ebensowenig, was er mit seinem Leben anfangen sollte, wie Hermine es wusste. Hogwarts war vertraut, versprach Sicherheit und Stabilität.

Ihre frühere Feindschaft hatte sich in eine vorsichtige Kameradschaft gewandelt, die vielleicht sogar Raum für mehr ließ. Dennoch, an diesem Abend benahm er sich seltsam. Er war nicht in der Lage, ihr in die Augen zu sehen, und wenn Hermine sich nicht irrte, war er beschämt. Sie hatte eine ungefähre Idee, was dafür der Anlass sein könnte, aber sie wollte nicht darüber reden. Es würde nur Erinnerungen zurückbringen, und sie war noch nicht so weit, sich damit auseinanderzusetzen. Andererseits wollte sie auch nicht, dass er sich ihretwegen schlecht fühlte.

"Nur, damit du es weißt..." sagte sie ihm schließlich nachdrücklich, kurz bevor sie aufstand und instinktiv ihren Ärmel herunterzog. "Es war nicht deine Schuld, und ich mache dich nicht verantwortlich, für das, was passiert ist. Also solltest du das auch nicht tun."

Erleichtert, dass sie einen guten Grund hatte, um den Abendbrottisch frühzeitig zu verlassen, behauptete sie, sich für ihr Nachsitzen fertigmachen zu müssen und eilte aus der Halle.

*'*'*'*'*'*'*

Pünktlich um sieben klopfte Hermine an die Bürotür ihres Zaubertränkeprofessors und wurde sofort hineingebeten. "Da Sie hier sind, nehme ich an, dass Madam Pomfreys Diagnose nichts zutage gefördert hat, was Anlass zur Sorge gäbe?" erkundigte sich Professor Snape und deutete ihr, Platz zu nehmen.

"Nein, Sir, körperlich gesehen bin ich völlig gesund."

"Gehe ich ebenfalls recht in der Annahme, dass Sie so eine Panikattacke schon öfter hatten?"

"Ein paar Male," gab sie zu. "Aber sie waren nicht so schlimm. Und der Beruhigungstrank hat immer geholfen."

Er deutete auf die Tasche, die sie neben sich gelegt hatte. "Ist das der Grund, warum Sie die immer mit sich tragen?" fragte er.

"Ja..." antwortete sie, ein wenig zögerlich. Es war auf jeden Fall einer der Gründe. Obwohl es vermutlich nicht hinreichend erklärte, warum sie ein ganzes Zaubertränkearsenal mit sich herumtrug. Das war ihm offenbar auch aufgefallen.

"Ich verstehe", sagte er, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und musterte sie mit jenem durchdringenden Blick, der in die Tiefe ihrer Seele zu reichen schien. "Was haben Sie sonst noch in der Tasche, Miss Granger?"

"Oh, ehm... meine Bücher und... Schreibsachen... und andere nützliche Dinge...", bot sie an und hoffte, er würde nicht weiter nachforschen.

Das tat er auch nicht. Mit einer lässigen Bewegung seines Zauberstabes sandte er einen Offenbarungszauber auf den lilafarbenen Schnürbeutel, der den gesamten Inhalt zutage förderte. Ein Gegenstand nach dem anderen kam aus der Tasche geflogen, zuerst die Dinge, die sie zuletzt benutzt hatte: Schulbücher, Pergament, Federn, diverse Hygieneartikel, eine Haarbürste, ein Mantel, eine Strickmütze, Handschuhe, schnell gefolgt von Wechselkleidung, diversen Zaubertränken, einem Nähkästchen, einem Erste-Hilfe-Kasten, Bettlaken, einer beträchtlichen Anzahl Konservendosen... und auch damit hörte es noch nicht auf.

Bald war ein ganzer Stapel von Dingen in einer Ecke des Büros getürmt, der höher und höher wuchs, während Severus' Augen immer größer wurden. Schließlich kam die Flut zum Erliegen, und die Tasche stieß einen hörbaren Seufzer der Erleichterung aus, als wäre sie gerade von einer anhaltenden Verstopfung kuriert worden.

Severus sah ungläubig auf den Stapel. "Ein Zelt, Miss Granger?"

"Ich habe völlig vergessen, dass das auch noch da drin war", sagte sie betreten.

"Und das Essen? Die Töpfe und Pfannen, der Teekessel, der Campingkocher, der Picknickkorb und das Besteck?"

"Die auch."

"Miss Granger – was genau ist das? Hatten Sie geplant, in nächster Zeit einen ausgedehnten Campingausflug zu unternehmen?"

"Nein. Ich habe gar nichts geplant."

"Sondern sich nur für den Fall der Fälle gewappnet, nicht wahr?" Sie antwortete nicht, aber das war auch nicht nötig. "Gehe ich recht in der Annahme, dass es diese Dinge waren, die Sie letztes Jahr auf Ihrer Flucht am Leben gehalten haben?"

Sie nickte.

"Und ich muß Ihnen vermutlich auch nicht sagen, dass kein Anlass mehr besteht, sich ständig fluchtbereit zu halten?"

Hermine senkte den Kopf. "Ich weiß," sagte sie leise. "Aber es gibt mir ein Gefühl von Sicherheit, diese Dinge dabeizuhaben."

"Ist Ihnen bewusst, dass Sie das Herumtragen von so viel Gewicht Kraft kostet? Auch, wenn Sie die Tasche mit einem Gewichtsloszauber belegt haben, haben die Gegenstände dennoch ein reales Gewicht, und auf die ein oder andere Art und Weise müssen Sie Energie aufbringen, um sie zu bewegen. Das Herumtragen in einer magisch gewichtslosen Tasche zehrt an Ihren magischen Reserven. Sie spüren das vielleicht nicht so, wie Sie es spüren würden, wenn Sie all diese Dinge physisch hinter sich herziehen müssten, aber es erschöpft Sie genauso."

Sie sah ihn überrascht an. "Das wusste ich nicht..."

"Aber Sie haben doch sicher gemerkt, dass Ihre magischen Kräfte weniger stabil, ja sogar schwächer geworden sind?" fragte er stirnrunzelnd. "Ich konnte das sogar an den Tränken erkennen, die Sie gebraut haben. Und an Ihrem Haar."

"Meinem Haar?" fragte sie verwirrt zurück.

"Falls Sie nicht irgendwas anderes damit getan haben, dass es plötzlich so leblos und so – zahm – ist?"

"Mir gefällt mein Haar, so wie es jetzt ist", sagte Hermine ein klein wenig steif. "Es ist viel leichter zu frisieren."

"Und sind Sie sicher, dass Ihnen dieses augenscheinliche Haarwunder eine dauerhafte Überbeanspruchung Ihrer magischen Reserven wert ist?"

Sie schüttelte den Kopf.

"Ich denke auch nicht. Wir müssen einen Weg finden, wie Sie sich wieder sicher fühlen können, ohne ständig auf eine spontane Flucht vorbereitet zu sein. Was lässt Sie sich sicher fühlen, Miss Granger?"

Die Frage war leicht zu beantworten. "Sie", antwortete sie mit leiser Stimme. "Ich fühle mich sicher, wenn ich in Ihrer Nähe bin."

Ja, mit dieser Antwort hatte er nach ihrem letzten Gespräch fast gerechnet. Dumbledore war nicht mehr da, Lupin kaum in der Verfassung war, irgend jemanden zu beschützen und Flitwick war zwar ein begabter Zauberer, aber kaum eine hinreichend respekteinflößende, männliche Erscheinung, um einer kriegstraumatisierten jungen Frau ein Gefühl von Sicherheit zu geben. Natürlich war Minerva nicht zu unterschätzen, aber... nun ja, die Zaubererwelt war ziemlich sexistisch. Insofern war er vermutlich die nächstbeste Wahl.

"Tragen Sie normalerweise eine Halskette?" fragte er, scheinbar zusammenhanglos.

"Ja – warum?"

"Zeigen Sie sie mir."

Sie griff in ihre Bluse und zog eine Kette hervor, an der ein kleines Portraitmedaillon hing. "Es ist ein Bild meiner Eltern." Sie machte Anstalten, es zu öffnen, aber er stoppte sie.

"Es ist nicht nötig, dass ich es sehe." Er griff nach dem Anhänger, wog ihn in seiner Hand und berührte ihn mit seinem Zauberstab. Dann murmelte er eine Reihe von Zaubersprüchen, die sie nicht kannte, und das Medaillon leuchtet kurz blau auf. "Das war es schon", murmelte er und ließ den Anhänger los, sodass er wieder an ihrer Brust ruhte. Sie konnte durch den Stoff ihrer Bluse hindurch noch immer die Wärme spüren, die davon ausging.

"Ich habe das Medaillon in einen passwortverschlüsselten, unregistrierten Portschlüssel verwandelt. Sie müssen ihn nur berühren und 'sicherer Ort' sagen, und er wird Sie sofort hierherbringen."

"In Ihr Büro?"

"Ja."

Für einen Moment verschlug es ihr die Sprache. Nach allem, was sie über den Mann wusste, begriff sie, was für ein unglaubliches Geschenk er ihr soeben gemacht hatte. Er gewährte ihr Zuflucht hinter seinen magischen Barrieren. Er gab ihr sein Vertrauen. Es war vermutlich das Wertvollste, was er zu geben hatte. Hermine wusste instinktiv, er würde nicht wollen, dass sie es betonte und viel Aufhebens darum machte. Selbst ihre Dankbarkeit wäre vermutlich nicht willkommen. So gab sie ihm nur ein von Herzen kommendes Lächeln und verlor kein Wort darüber. "Ich dachte, Portschlüssel funktionieren nicht in Hogwarts ...", bemerkte sie stattdessen, sich auf die technischen Details konzentrierend.

"Grundsätzlich tun sie das auch nicht. Nur der Schulleiter kann Portschlüssel herstellen, die diese Einschränkungen umgehen. Seltsamerweise habe ich immer noch diese Fähigkeit – ich vermute, weil Hogwarts selbst über die Tatsache verwirrt ist, dass noch immer ein lebender Ex-Schulleiter hier herumgeistert, und mich aus diesem Grund behandelt, als hätte ich noch immer Autorität über die Schule."

Ihm waren viele kleine Merkwürdigkeiten aufgefallen. So konnte er immer noch Minervas Büro betreten, ohne überhaupt ein Passwort zu nennen. Treppen schwangen automatisch in seine Richtung um ihm den Weg freizumachen, und er hatte immer noch Zugang zu allen geheimen Abkürzungen die einen schneller von einem Flügel in einen anderen kommen ließen. Er fragte sich, ob er immer noch die Decke in der Großen Halle ändern konnte, aber das hatte er noch nicht probiert. Er wollte keine unnötige Aufmerksamkeit auf seine netten Gaben lenken.

"Und es würde Ihnen nichts ausmachen, wenn ich den Portschlüssel tatsächlich inmitten einer Panikattacke benutzen und plötzlich hier in Ihrem Büro auftauchen würde? Denn die Chancen stehen gut, dass ich ihn wirklich benutzen werde..."

"Wenn es mir etwas ausmachen würde, hätte ich es nicht angeboten. Meine Räume sind durch starke Bannzauber geschützt. Sie wären hier sicher, selbst, wenn ich nicht anwesend sein sollte. In dem Fall hätten Sie genug Zeit, einen Patronus heraufzubeschwören und um Hilfe zu rufen. Sie beherrschen den Patronuszauber, richtig?"

"Ja, es ist ein Otter."

"Ein körperlicher Patronus? Sehr gut, Miss Granger. Sie sind keineswegs hilflos. Vergessen Sie das nicht. Denken Sie, dass Sie sich mit dem Portschlüssel sicherer fühlen werden?"

"Ja. Sehr viel sicherer."

"Gut." Er schwenkte seinen Zauberstab über den Haufen mit ihrer Überlebensausrüstung und ließ nur die Bücher, die Schreibutensilien und die Hygieneartikel zurück in ihre lilafarbene Tasche schweben. "Ich werde dafür sorgen, dass Ihnen die Kleidungsstücke zurück in Ihr Zimmer gebracht werden. Was den Rest der Sachen angeht...", er sandte einen Verkleinerungszauber auf die verbleibenden Dinge und ließ sie alle auf Puppenhausgröße zusammenschrumpfen, "die werde ich für Sie aufbewahren."

Er nahm ein Taschentuch aus seinem Gehrock, verwandelte es in eine Schachtel und ließ alles hineinschweben. Dann öffnete er eine Schublade und verstaute das Kästchen.

"Und nun, da wir das aus dem Weg haben, lassen Sie uns zum eigentlichen Zweck dieses Besuches kommen, ja?"


A/N: Das mit den Vermeiden von Albträumen funktioniert bei mir tatsächlich. Ich habe als Kind angefangen, nach dem Aufwachen einen schlechten Traum bewusst 'zu Ende zu denken' und ihm ein Happy End zu verpassen. Mit der Zeit wurde das tatsächlich ein Automatismus, und mein Unterbewußtsein macht zuweilen putzige Dinge, um jeden Traum aus einer potentiell beängstigenden Richtung in etwas Harmloses zu verwandeln (wie etwa, dass jemand plötzlich mit einem Schild durch den Traum rennt und 'Cut! Cut' schreit, damit die Szene neu gedreht werden kann). :)

Wohlbemerkt - ich rede von ganz normalen Albträumen, nicht etwa von der Rückwirkung traumatischer Erfahrungen, die ich nie gemacht habe!