Zusammenfassung des vorherigen Kapitels:
Severus beschließt, Hermine doch nicht zum Nachsitzen zu Filch zu schicken, sondern sie zur Rede zu stellen. Er erfährt, dass sie unter Albträumen leidet und deswegen kaum schläft, und dass bestimmte traumatische Erlebnisse aus dem letzten Jahr sie belasten, über die sie mit niemandem reden kann. Er willigt ein, ihr Okklumentik beizubringen, in der Hoffnung, damit ihre Albträume unter Kontrolle zu bekommen.
Vor ihrer ersten Unterrichtsstunde jedoch muss Severus die DADA Klasse von Lupin in Vertretung übernehmen. Er entscheidet sich, eine praktische Unterrichtsstunde in einem selten benutzten Raum im Schloss abzuhalten, wo Hermine eine Panikattacke erleidet, als sie den dort hängenden Kronleuchter sieht.
Als sie am Abend zum Nachsitzen erscheint, untersucht Severus ihre mit einem magischen Ausdehnungszauber belegte Tasche und stellt fest, dass sie immer noch eine komplette Überlebensausrüstung mit sich herumträgt, was zusätzlich an ihren magischen Reserven zehrt. Er verwandelt ihre Halskette in einen Not-Portschlüssel zu seinem Büro, um ihr ein Gefühl von Sicherheit zu geben, ehe er zum versprochenen Unterricht in Okklumentik kommt.
A/N: Reviews beflügeln mich :) Dieses Kapitel verdankt ihr Cleo und Orange, die netterweise kommentiert haben. Ich mache allerdings keine Versprechungen, daß mir in Zukunft eine einzige Rückmeldung als Feedback reicht, um weiterzuposten. Sollten das hier mehr als zwei Leute lesen wollen, wäre es schön, wenn sie mal Laut gäben ...
Die erste Okklumentikstunde
"Ich vermute, Sie haben während der letzten Woche die Nase in jedes Buch über Okklumentik gesteckt, das Sie in die Hände bekommen konnten und fühlen sich hinreichend vorbereitet?" fragte er mit leichter Ironie.
Hermine hob die Achseln. "Es gab in der Bibliothek nicht allzu viel über das Thema." Sie hatte die wenigen Bücher erneut gelesen, die sie schon in ihrem fünften Jahr studiert hatte, als Dumbledore Harry zu Okklumentikstunden verdonnert hatte. Damals war sie neidisch gewesen und hatte Harry undankbar gefunden, weil er diese Chance nicht zu schätzen gewusst hatte. Sie selbst hatte sich sofort in die Materie eingelesen und ihn mit detaillierten Fragen gelöchert, aber leider hatte sich Harry sehr bedeckt gehalten.
Immerhin waren die Bücher erhellend gewesen: Sie hatten eingehend die Theorie mentaler Schutzschilde behandelt und erklärt, wie man diese am besten errichtete. Hermine hatte folgsam alle empfohlenen Übungen gemacht, die ihr wie eine bunte Mischung aus verschiedenen Visualisierungstechniken und Yoga erschienen waren. Da es nichts anderes gab, was sie hätte tun können, fühlte sie sich tatsächlich angemessen vorbereitet.
"Ich habe es Ihnen schon mal gesagt, Miss Granger – nicht jede Art von Wissen kann man aus Büchern ziehen," tadelte ihr Lehrer kopfschüttelnd. "Manche Dinge muss man auf die harte Tour lernen. Und es wird hart werden, darüber sollten Sie sich im Klaren sein."
Eine Spur von Verunsicherung schlich sich in ihre Züge. Anscheinend war es ihr nicht klar gewesen.
Hermine dachte an Harrys Schilderungen seines Okklumentikunterrichts und runzelte die Stirn. Sie hatte ihnen nicht allzu viel Bedeutung beigemessen – Harry hatte seinen Zaubertränkelehrer gehasst und hätte alles, was mit ihm zu tun hatte, als unerträglich beschrieben. Hermine wusste auch, dass Harry kein wirkliches Interesse gehabt hatte zu lernen, wie man seinen Geist verschloss, und deshalb seine Übungen bestenfalls halbherzig gemacht hatte. Sie hingegen wollte lernen und war vorbereitet. Wie schwer konnte Okklumentik schon sein?
"Haben Sie es sich anders überlegt, Miss Granger?" fragte Severus mit einem leicht spöttischen Unterton in der Stimme.
Zugegeben, seine Warnung hatte sie ein klein wenig nervös werden lassen. Sie wollte auf keinen Fall, dass ihr Unterricht zu einem ähnlichen Desaster würde, wie Harrys Unterricht damals – dass sie sich dumm anstellte oder unbeabsichtigterweise etwas tat, was ihren Lehrer erzürnte.
"Möchten Sie lieber doch eine Rückzieher machen?" Er deutete auf die Tür, die sein Büro mit dem Zaubertränkelabor verband. "Falls ja – dort warten eine Menge Kessel, die dringend gereinigt werden müssen ..."
Hermine hatte den Eindruck, dass er es vorziehen würde, sogar erleichtert wäre, wenn sie auf den Okklumentikunterricht verzichten würde. Es war der ausschlaggebende Grund für sie, die Sache durchzuziehen.
Sie setzte sich etwas gerader hin. Sie wollte Okklumentik lernen – nicht nur, weil sie wirklich hoffte, damit ihren Albträumen etwas entgegenzusetzen, sondern auch, weil sie immer erpicht war, etwas Neues und Ungewöhnliches zu lernen, insbesondere eine Fähigkeit, die er gemeistert hatte. Und ein kleines bisschen vielleicht auch, um zu beweisen, dass es nicht so unmöglich war, wie Harry behauptet hatte.
"Nein, Professor – wenn es Ihnen nichts ausmacht, möchte ich an unserem Plan festhalten. Ich gebe zu, dass ich ein wenig nervös bin, aber das ist vermutlich normal. Und wie Sie immer wieder betonen: Ich bin eine Gryffindor. Das hat mich sogar einmal dazu gebracht, einen ziemlich unnahbaren, furchteinflößenden Lehrer um einen Kuss zu bitten. Ich denke, wenn ich das überlebt habe, überlebe ich auch alles andere."
Sie glaubte, ein amüsiertes Zucken in seinem Mundwinkel zu sehen, war sich aber nicht sicher.
"Ja, törichte Gryffindors ..." sagte er und schüttelte den Kopf. "Sie stürzen sich immer kopfüber in jede Gefahr, ohne auch nur einen Gedanken an die Konsequenzen zu verschwenden. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass sie gegen gute Ratschläge immun sind. Nun denn, Miss Granger, lassen Sie uns anfangen. Ich vermute, Sie wissen, was Sie zu tun haben?"
"Ihnen in die Augen schauen, sodass Sie versuchen können, in meinen Gedanken zu stöbern, während ich versuche, Sie daran zu hindern?"
"Das ist die grundsätzliche Idee, ja."
"Nun dann..." Hermine schloß kurz die Augen und konzentrierte sich mit aller Kraft darauf, sich eine Wand um ihren Geist herum vorzustellen, ehe sie wieder aufblickte und ihn ansah.
Er hob seinen Zauberstab und setzte ihn an ihre Schläfe, wobei er kaum ihre Haut berührte, und sagte sacht: "Legilimens!"
Zu seiner Überraschung fand sich Severus sofort vor einem mentalen Schutzschild wieder, das seinen Zugang zu ihrem Geist blockierte. Das an sich war nicht gänzlich unerwartet – selbst Zauberer, die keine Okklumentik beherrschten, waren Angriffen nicht unbedingt schutzlos ausgeliefert. Insbesondere willensstarke, disziplinierte Menschen errichteten ganz instinktiv schwache mentale Barrieren um ihre Gedanken. Meistens waren das Visualisierungen simpler Ziegelmauern, die sich leicht durchbrechen ließen. Diese Mauer jedoch schien aus dickem, undurchsichtigem Glas zu sein – zumindest auf den ersten Blick.
Als er die Kälte spürte, die davon ausging, erkannte er mit noch größerem Erstaunen, dass es eine Wand aus Eis war. Wenn überhaupt, hätte er eine andere Art von Barriere erwartet: etwas Wärmeres, Lebendigeres. Vielleicht Feuerwände oder eine Dornenhecke. Eis schien überhaupt nicht dem Temperament einer hitzigen Gryffindor zu entsprechen. Zumindest entsprach es nicht dem jungen Mädchen, das er von früher kannte. Ihm war nicht wohl bei dem Gedanken, dass es möglicherweise zu der Frau passte, die sie geworden war.
Nachdenklich zog er sich aus ihrem Geist zurück und senkte seinen Zauberstab. Hermine blinzelte.
"Sie haben sich beigebracht, wie man einen Schild errichtet?" Es war eher eine rhetorische Frage. Sie sah ein wenig selbstzufrieden aus, obwohl sie sich Mühe gab, es nicht zur Schau zu tragen. "Als Harry damals bei Ihnen Okklumentikunterricht hatte, habe ich mich in die Materie eingelesen und versucht, das wenige umzusetzen, das ich in Büchern fand. Darin wurde behauptet, dass eine einfache Ziegelmauer nicht besonders stabil sei, weshalb ich versucht habe, mir etwas anderes vorzustellen. Hat meine Variante funktioniert?"
"Hinreichend", sagte er, zerschlug aber gleich darauf die sich in ihrem Gesicht abzeichnende Hoffnung, dass sie vielleicht doch schon auf gutem Wege war. "Falls es Ihr Ziel wäre zu lernen, wie man Leute daran hindert, in Ihren Geist einzudringen – was nicht der Fall ist."
Diese Aussage wandelte ihren Gesichtsausdruck von stolz zu verwirrt. "Nicht?" fragte sie zurück. "Aber ich dachte ... das ist es doch, was Sie versucht haben, Harry in all seinen Okklumentikstunden beizubringen?"
"Falsch, Miss Granger. Es geht bei Okklumentik nicht darum, ein Eindringen in Ihren Geist zu verhindern, wenngleich die wenigen nutzlosen Bücher, die es zu dem Thema gibt, das behaupten. Weshalb sie ja auch nutzlos sind."
Sie sah ihn entrüstet an, als sei die Behauptung, ein Buch sei nutzlos, Blasphemie in ihren Augen.
"Benutzen Sie Ihren Verstand, Mädchen! Was denken Sie, hätte der Dunkle Lord getan, wenn ich versucht hätte, Schutzwälle gegen ihn zu errichten um ihn aus meinen Gedanken herauszuhalten?"
"Er hätte versucht, sie mit Gewalt zu durchbrechen..."
"In der Tat. Jeder Schutzwall kann durchbrochen werden, wenn der Legilimentiker willens ist, mit entsprechender Kraft zu attackieren und ihn nicht kümmert, ob dadurch der Geist, den er zu bezwingen sucht, Schaden nimmt. Okklumentik ist die Fähigkeit, Ihren Geist von verfänglichen Gedanken und Gefühlen zu leeren. Wenn Sie das erfolgreich tun, wird ein Legilimentiker nicht einmal bemerken, dass Sie etwas verbergen."
"Aber Harry musste doch Voldemort gar nicht täuschen", wandte sie stirnrunzelnd ein. "Somit hätte es doch gereicht, ihn einfach aus seinem Geist herauszuhalten."
"Aufgrund der Horcrux-Verbindung war der Dunkle Lord bereits in Potters Geist, genauso, wie die Erinnerungen, die Ihre Albträume verursachen, bereits ein Teil ihres Geistes sind. Sie greifen aus Ihrem Inneren heraus an. Die einzige Möglichkeit, die Angriffe zu stoppen, besteht darin, Kontrolle über die Vorgänge in Ihrem Unterbewußtsein zu erlangen. Oder anders formuliert: Sie müssen lernen, Ihre Gedanken und Emotionen zu kontrollieren. Was ich auch Potter beizubringen versucht habe. Bedauerlicherweise ohne nennenswerten Erfolg."
"Also ist mein Schild vollkommen nutzlos?"
Er zog die Augenbraue hoch. "Ganz offensichtlich nicht," sagte er nachdrücklich. "Sie haben es schließlich geschafft, die Wahrheit über das Gryffindor-Schwert vor Bellatrix zu verbergen, die eine Legilimentikerin ist."
"Glauben Sie, Bellatrix hat Legilimentik gegen mich eingesetzt?"
Severus hatte Mühe, sich nicht anmerken zu lassen, was in ihm vorging. Die Frage würde sie nicht stellen, wenn die sadistische Hexe sie nicht auch mit dem Cruciatus-Fluch belegt hätte. Der fluchbedingte Schmerz hatte mit Sicherheit alle anderen Wahrnehmungen völlig überlagert, sogar eine schmerzhafte Attacke auf ihren Schild. Es war ein Wunder, dass sie überhaupt in der Lage gewesen war, eines zu errichten, und noch ein größeres, dass sie es geschafft hatte, es aufrechtzuerhalten.
"Mit Sicherheit hat sie das getan. Allerdings waren Bellatrix' Fähigkeiten in Legilimentik eher schwach, während sie für ihren starken Cruciatus berüchtigt war. Was wohl der Grund war, warum sie auf Folter zurückgreifen musste. Irgendwann hätte sie es geschafft, Sie zu brechen. Jemandem körperliche Schmerzen zuzufügen, ist eine sehr effektive Methode, seine geistigen Schutzschilde zu durchbrechen, da es Kraft und Konzentration erfordert, sie aufrechtzuerhalten. Aber Sie haben lange genug durchgehalten. Ohne Ihren Schild hätte Bellatrix Ihre Lüge vermutlich sofort durchschaut. Aber um Ihnen beizubringen, wie man seine Gedanken ordnet und sortiert, wie man harmlose Gedanken von gefährlichen trennt und verborgen hält, muss ich Ihren Schutzwall durchbrechen und in Ihren Geist eindringen."
Ihr ursprünglicher Enthusiasmus war verflogen und begann nun, einem Gefühl drohenden Unheils Platz zu machen. Vielleicht war das hier doch keine so gute Idee ...
Seine Augenbrauen hoben sich. "Sie haben wirklich gedacht, es würde ausreichen, mir einen hübschen Schutzwall vor die Nase zu setzen, nicht wahr?" fragte er, jedoch ohne seinen üblichen Spott. "Wenn es so einfach wäre, Miss Granger, wären Okklumentiker nicht so rar."
"Aber was soll ich machen, wenn Sie in meinen Geist eingedrungen sind?" fragte Hermine, die nun ernsthaft besorgt war.
"Versuchen, mich daran zu hindern, zu sehen, wonach ich suchen werde."
"So einfach, ja? Aber wie mache ich das?"
"Das kann ich Ihnen nicht erklären. Sie müssen einen Weg finden, Ihre Gedanken zu okkludieren. Das ist für jeden anders. Sie wegzuschließen ist die gängigste Methode, wenngleich ich der Meinung bin, dass es auch die ineffektivste ist. Sie geben damit preis, dass Sie Geheimnisse haben, und zeigen auch ganz deutlich, wo diese zu finden sind. Wenn ein Legilimentiker aber erst weiß, wo er suchen muss, kann er den Schutz, den Sie um diese Gedanken errichtet haben, mit den gleichen Methoden brechen wie Ihre geistige Mauer.
Eine besonders kompromittierende Erinnerung offen zu verstecken ist eine andere Möglichkeit. Denken Sie an das überfüllte Chaos im Raum der Verborgenen Dinge, und wie schwer es ist, darin etwas Bestimmtes zu finden. Sie können einen Eindringling auch mit ganz trivialen Erinnerungen verwirren, durch die er sich durchwühlen muss, um zu finden, wonach er sucht. Oder man kann ihn auf eine Schnitzeljagd schicken und falsche Fährten legen. Wenn Sie wissen, worauf es Ihr Angreifer abgesehen hat, können Sie auch unverfängliche, verwandte Gedanken anbieten, die ihn zu einer anderen, gefühls- oder inhaltsähnlichen Erinnerung führen. Oder Sie können versuchen, eine Erinnerung zu verkleiden und sie als etwas gänzlich anderes erscheinen lassen."
"Wie verkleidet man eine Erinnerung?"
"Nun, man kann ohne Weiteres ein Gefühl als ein anderes ausgeben. Menschen tun das ständig. Sie verbergen Abneigung hinter vorgeschobenem Mitleid; tarnen Besessenheit als Leidenschaft, verkaufen Eifersucht als Liebe oder verstecken Unsicherheit hinter Arroganz und Hass. Man kann das Gleiche mit Erinnerungen machen, indem man der Situation oberflächlich eine andere Bedeutung gibt. Ziel der Okklumentik ist es, zu behindern, zu verlangsamen und in die Irre zu führen."
"Welche Methode haben Sie benutzt?"
"Ein bisschen von alldem, und weiteres. Ich hatte Zeit und Gelegenheit, alle möglichen Techniken über die Jahre zu perfektionieren und immer das anzuwenden, was unter den jeweiligen Umständen am besten geeignet schien."
"Das klingt alles so – abstrakt", sagte Hermine mit einem schnell wachsenden Gefühl von Überforderung. "Ich weiß nicht, wie man eine Erinnerung verkleidet oder eine falsche Fährte legt ..."
"Wenn Sie es wüssten, wären Sie bereits Okklumentikerin. Dies ist nicht Arithmantik, Miss Granger, wo Sie Zahlen in eine Formel einfügen und ein klares Ergebnis bekommen. Es gibt kein Rezept mit Punkt-für-Punkt Instruktionen, wie im Zaubertrankunterricht. In der Okklumentik geht es um Intuition und Instinkt."
"Dann werde ich darin miserabel sein", sagte sie, nun erst recht entmutigt. "Ich glaube nicht an Intuition. Ich glaube an Logik und Ordnung, und ich arbeite gerne mit eindeutigen Instruktionen."
Er grinste spöttisch. Als wäre das nicht hinreichend klar. "Dann wird dies ausnahmsweise mal eine richtige Herausforderung für Sie. Wenn es Sie tröstet: Sie können sich unmöglich schlimmer anstellen als Potter."
Sie schnaubte, sah aber immer noch verzagt und nervös aus. Er hatte recht, die Vorstellung, dass sie es nicht gleich hinbekommen würde, missfiel ihr. Sie war es gewohnt, in allem was sie tat, gut zu sein. Fliegen war die einzige Kunst, die sie nie gemeistert hatte. Fliegen und Wahrsagen. Aber Letzteres war es nicht wert, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Hierbei zu versagen hingegen schon.
"Worüber sind Sie so besorgt?" wollte ihr Lehrer wissen. "Dass Sie es nicht auf Anhieb schaffen? Ich versichere Ihnen: Das werden Sie nicht. Ich werde eine Menge Dinge in Ihrem Geist sehen, bevor Sie auch nur annähernd an Erfolg denken können."
Hermine sah ihn bestürzt an. Der Gedanke, dass er wohlmöglich reichlich Gelegenheit haben würde, in ihren Gedanken herumzuwühlen, war noch beunruhigender als ihre Befürchtung, sie könnte sich dumm anstellen. Sie hatte angenommen, es ginge lediglich um das Erlernen der richtigen Technik, mit der man jemanden aus seinem Geist fernhielt, und war zuversichtlich gewesen, dass sie das rasch meistern würde. Sie hatte keine Ahnung, was er stattdessen von ihr erwartete, wie sie ihn daran hindern sollte, Dinge zu sehen, die er besser nicht sehen sollte.
Severus hatte ihr ausdrucksvolles Gesicht beobachtet. Sie sah inzwischen gequält aus, bereit, das alles aufzugeben und zu fliehen. Die rosige Farbe in ihrem Gesicht gab ihm eine ungefähre Vorstellung davon, wo ihre Sorgen lagen. Hoffentlich würde sie dieses verräterische Zeichen auch loswerden, wenn sie gelernt hatte, ihre Gedanken zu kontrollieren. Warum überhaupt in ihren Geist eindringen, wenn doch jeder Gedanke sich so klar und in Farbe auf ihrem Gesicht abzeichnete?
"Ich habe nicht die Absicht, in Ihre – intimeren – Gedanken vorzudringen, wenn es das ist, was Sie beunruhigt", sagte er und räusperte sich. Ganz im Gegenteil – er beabsichtigte, sich davon weitmöglichst fernzuhalten. "Sie haben mein Wort, dass ich nicht versuchen werde, Dinge zu betrachten, die eindeutig privater Natur sind."
Gott, der Mann war einfach viel zu scharfsinnig. Aber sie vertraute ihm, dass er diese Grenzen respektieren würde. Schließlich war er derjenige, der die ganze Zeit auf Distanz drängte. Ihm würde nicht gefallen, was er zu sehen bekäme, wenn er sein Versprechen bräche... Es gab Dinge, die besser privat blieben.
"Danke", sagte sie, peinlich berührt, aber mit einem Gefühl der Erleichterung. Eine gewisse Anspannung jedoch blieb. Sie sah ihn an und fügte ein wenig schüchtern hinzu: "Es gibt noch andere Dinge, von denen es mir lieber wäre, wenn Sie sie nicht sehen würden ..."
"Selbstredend", sagte er. "Aber es ist ja Sinn und Zweck dieser Übung, mich davon abzuhalten, nicht wahr?"
"Schon, aber könnten Sie auch versuchen, sich nicht näher mit ... potentiell verfänglichen Gedanken zu befassen?"
"Verfänglichen Gedanken?" Er hob eine Augenbraue. Welche Gedanken abgesehen von jenen, die mit sexuellen Fantasien zu tun hatten, konnte sie schon als potentiell verfänglich empfinden? Sicher würde er keine Pläne für einen Mord in ihrem Kopf finden. "Wie zum Beispiel...?"
"... wer in meinem ersten Hogwartsjahr Ihre Roben in Flammen gesetzt hat...?" ergänzte sie kleinlaut.
Seine linke Augenbraue hob sich. "Nun machen Sie mich wirklich neugierig, Miss Granger... Ich vermute, dieser besondere Vorfall wird rasch auftauchen, da er sich so nah an der Oberfläche Ihrer Gedanken befindet."
"Sie müssen versprechen, dass Verfehlungen, die inzwischen verjährt sind, keinerlei Konsequenzen mehr haben werden!" fügte sie hastig hinzu.
Seine Augenbraue verschwand fast in seinem Haaransatz. "Und ich werde von Minute zu Minute neugieriger, Miss Granger! Gibt es noch irgendetwas, das Sie gestehen wollen?"
"Nein", seufzte sie ergeben. "Ich denke, ich werde einfach versuchen müssen, Sie daran zu hindern, es herauszufinden."
"So ist es. Nun denn – wappnen Sie sich." Er hob seinen Zauberstab an ihre Schläfe und murmelte abermals die Beschwörungsformel.
Wie zuvor fand er sich vor ihrer Wand aus Eis wieder. Einfache Konstruktionen aus Ziegeln und Mörtel hatten immer Spalten, und boten gute Ansatzpunkte für einen Angriff. Diese Wand jedoch war durchgehend glatt und nicht so leicht zu durchbrechen, obwohl er wusste, dass er es konnte. Die Frage war lediglich, wieviel rohe Gewalt er einzusetzen bereit war.
Einen Moment lang verharrte er am äußeren, eisigen Rand ihres Bewusstseins, nicht sicher, wie er vorgehen sollte. Es widerstrebte ihm, überhaupt Gewalt anzuwenden. Was er ihr über den Gewichtsloszauber erklärt hatte, galt auch hier: Es gab keinen Unterschied zwischen magischer Kraft und physischer Kraft. Obwohl diese Wand nicht real war – die magische Kraft, die er würde einsetzen müssen, um sie zu durchbrechen, war es sehr wohl. Sie würde seinen Angriff spüren wie einen richtigen Schlag. Und es widerstrebte ihm, ihr Schmerzen zuzufügen.
Unvermittelt kam ihm eine ungewöhnliche Idee. Zögernd lehnte er sich gegen ihre Wand aus Eis und sandte die Vorstellung von Wärme aus, von Trost und Zuneigung. Es fiel ihm nicht leicht, seine instinktive Abwehr gegen ein so unbehagliches, sentimentales Vorgehen zu überwinden, aber das Ergebnis war die Mühe wert: Er fühlte, wie ihr Widerstand unter der Berührung seines eigenen Geistes dahinschmolz, wie sich das Eis in Wasser verwandelte und ihn mühelos hindurch ließ. Es gab keine weiteren Schutzwälle hinter diesem ersten, genau wie er vermutet hatte. Ihr Geist lag unverhüllt vor ihm, und sofort wurde er von einer Welle von Emotionen überrollt.
Er hatte nicht erwartet, ihren Geist als warmen, sonnigen Ort vorzufinden – die Eiswand hatte schon darauf hingedeutet. Dass sie unter den Nachwirkungen des Krieges litt, war ihm ebenfalls klar. Aber er hatte nicht damit gerechnet, dass ihre dominierenden Gefühle so dunkel und beklemmend sein würden. Alle zeugten von Verlust und Verlorensein und waren durchdrungen von Schuldkomplexen, Unzulänglichkeitsempfindungen und einem allgegenwärtigen, unterschwelligen Angstgefühl.
Seine Projektion von Trost und Zuneigung hatte ein Echo in ihren Gedanken ausgelöst und Erinnerungen an die Oberfläche ihres Geistes getragen, die mit diesen Gefühlen zu tun hatten. Sie alle zeigten kurz zurückliegende Situationen mit ihren Freunden.
Er sah, wie Hermine eine aufgelöste Ginny Weasley zu beruhigen versuchte, nachdem sie durch ihr mitleiderregendes Weinen aus dem Schlaf gerissen worden war. Anscheinend hatte das Mädchen gerade einen Albtraum über den Kampf um Hogwarts gehabt und den Tod ihres Bruders erneut durchlebt. Die Szene wurde von einer weiteren Erinnerung abgelöst, in der Hermine die jüngste Weasley tröstete, die wieder in Tränen ausgebrochen war, diesmal über den Verlust ihres Freundes, für den sie immer noch starke Gefühle hegte. Es gab einige solcher Situationen mit dem Mädchen, aber auch Erinnerungen ähnlicher Natur, die Leute betrafen, die er nicht zu Hermines Freunden gezählt hätte.
Er sah, wie sie mit schier endloser Geduld einer verunsicherten Lavender Brown Ermutigung zusprach: Dass sie keinerlei Absichten hegte, wieder mit ihrem Ex-Freund zusammenzukommen; dass er natürlich seine Verlobte liebte, ungeachtet der schlimmen Narben, die Fenrir Greyback ihr zugefügt hatte, und dass es ganz sicher keinen Grund zur Eifersucht gab, bloß weil Hermine immer noch versuchte, Ron eine Freundin zu sein.
Er wurde in zahlreichen Episoden Zeuge genau dieser Versuche: Situationen, in denen sie geduldig und beruhigend auf den Rotschopf einsprach, nachdem dieser zum wiederholten Mal wegen einer Lappalie aus der Haut gefahren war, und in der sie mit zusammengebissenen Zähnen und zum Zerreißen gespannten Nerven hoffte, diesmal einen Ausbruch verhindern zu können.
Sie bemühte sich, Harry aufzuheitern, der sich schlecht fühlte, weil er Ginnys Herz gebrochen und unfreiwillig Ron in eine Situation gezwungen hatte, in der dessen Loyalität gegenüber seinem besten Freund mit der zu seiner Schwester in Konflikt stand.
Sie hörte geduldig zu, wenn Harry von seinen Selbstzweifeln und von seiner Verwirrung sprach, und sie ermutigte ihn, wenn er gestand, dass er sich zu jemandem hingezogen fühlte, der seine Gefühle vermutlich niemals erwidern würde.
Und zu seiner großen Überraschung präsentierte sich ihm auch eine Erinnerung, in der sie ein wenig unbeholfen Draco Malfoy umarmte, der selbst mit den Tränen zu kämpfen schien, und eine noch frischere, in der sie ihn von der Schuld freisprach, die er empfand, weil ihr in seinem Zuhause von seinen Verwandten so viel Leid angetan worden war.
In all diesen Episoden konnte Severus ihr Mitgefühl spüren, ihre Traurigkeit und ihre Trauer, aber auch ihre wachsende Hilflosigkeit und ihren Unmut – Gefühle, die zunehmend ihre Bemühungen unterminierten, verständnisvoll und mitfühlend zu sein. Manchmal waren sie so stark, dass sie sich vor Frust die Haare raufen und laut aufschreien wollte.
Es war offensichtlich, dass sie verzweifelt versuchte, alles irgendwie zusammenzuhalten, jedermanns Bürde mitzuschultern, aber es brachte sie an den Rand des Zusammenbruchs. Eines hatte sie ausgelassen in ihrer Erklärung, warum sie ihre Freunde nicht mit ihren Problemen belasten konnte: die Tatsache, dass diese im Gegenzug keinerlei Hemmungen hatten, Hermine als ihre Klagemauer zu gebrauchen. Sie versuchte, für alle stark zu sein, während sie selbst langsam unter dem Druck einknickte.
Genau genommen war es ein Wunder, dass sie überhaupt so lange durchgehalten hatte. In jeder Ecke ihres Bewusstseins war diese tiefe Erschöpfung zu spüren. Sie hatte keinerlei Reserven mehr um Pläne für ihr eigenes Leben zu schmieden. Sie hatte kaum genug Energie, es durch den Tag zu schaffen. Kein Wunder, dass sie in seinem Unterricht eingeschlafen war. Sie war völlig ausgelaugt – mental und emotional.
Sachte zog er sich aus ihrem Geist zurück.
Ihr Gesicht war blass, ihre Augen geweitet. Sie schwankte; anscheinend war ihr schwindelig. Er streckte rasch einen stützenden Arm nach ihr aus, damit sie nicht vom Stuhl fiel. Mit einem Anflug schlechten Gewissens verwandelte er ihn wieder in einen Sessel mit Seitenlehnen. Er hatte es bewusst unterlassen, dies vor Beginn der Unterrichtsstunde zu tun – es war ihm zu intim erschienen, zu sehr eine Erinnerung an Dinge, die er für den Moment besser vergessen wollte. Jetzt kam es ihm kleinlich und dumm vor.
"Ich sagte Ihnen ja, das Eindringen eines anderen in den eigenen Geist ist eine unangenehme Erfahrung", meinte er, nicht im Ton einer Entschuldigung, aber zumindest in Kenntnisnahme ihres Unbehagens. "Potter hat Ihnen sicher gesagt, wie aufwühlend, befremdlich und schmerzhaft es ist."
"Es war überhaupt nicht schmerzhaft", antwortete sie, nachdem sie sich wieder gefangen hatte. Aufwühlend und befremdlich war es aber durchaus gewesen. Sie hatte eine plötzliche, umfassende Wärme verspürt, die sie völlig vereinnahmt hatte – so, als würde man beim Hereinkommen aus dem Schnee von Kopf bis Fuß in eine warme Decke gehüllt. Doch ungeachtet der positiven Empfindungen von Trost, Mitgefühl und Gewogenheit war die Erfahrung zu intensiv gewesen, beängstigend und einfach zu viel auf einmal. Überraschenderweise hatten die Erinnerungen, die er gesehen hatte, genau diese Gefühle wiedergespiegelt.
"Es war überhaupt nicht so, wie Harry es beschrieben hat ...", wunderte sie sich laut und versuchte, die befremdliche Erfahrung in Worte zu fassen. Da war nur eine Art Druck und das seltsame Gefühl, etwas in mir zu spüren, das dort nicht hingehört. Zuerst war es sehr intensiv, und mein Gehirn schien nicht zu wissen, wie es Ihr Eindringen verarbeiten sollte, aber das ließ nach kurzer Zeit nach. Ich denke, es wird beim nächsten Mal leichter sein, da ich nun weiß, was ich zu erwarten habe."
Sie errötete, sich plötzlich des Umstands bewusst werdend, dass ihre Schilderung zweideutig klang – als würde sie eine ganz andere Art von Intimität beschreiben. "Was ich sagen wollte, war..."
"Sie müssen es nicht erklären, Miss Granger", sagte er, nach einem Blick in ihr Gesicht ahnend, welche Parallelen sie gezogen hatte. Es war nicht von der Hand zu weisen, dass eine gewisse Ähnlichkeit bestand zwischen einem geistigen und einem körperlichen Eindringen, wenngleich ihm diese nie zuvor in dieser Deutlichkeit bewusst geworden waren. Aber schließlich hatte er Okklumentik und Legilimentik bisher nur an männlichen Zauberern praktiziert, was aufrund seiner Orientierung keine solchen Assoziationen hervorgerufen hatte. Er räusperte sich und griff nach einer Phiole, die er auf seinem Tisch bereitgestellt hatte. "Hier, trinken Sie das. Es ist ein Trank, der Kopfschmerzen lindert. Selbst, wenn Sie jetzt noch keinen Schmerz fühlen – betrachten Sie es als vorbeugende Maßnahme."
Sie gehorchte, und er bot ihr auch eine Tasse Tee an, um den Nachgeschmack wegzuspülen. Mit einem innerlichen Seufzer registrierte er die seltsame Wiederholung gewisser Ereignisse.
"Sie müssen dringend schlafen, Miss Granger", sagte er schließlich. "Ich verstehe, dass Madame Pomfrey sich Sorgen wegen der Nebenwirkungen von Schlaftränken macht, aber Sie sind an einen Punkt, an dem Ihre Erschöpfung mehr Anlass zur Sorge gibt als eventuelle Abhängigkeiten. Haben Sie überhaupt geschlafen, in letzter Zeit?"
"Nicht sehr viel", gab sie zu. "Wie gesagt, Ginny und ich haben uns ständig gegenseitig mit unseren Albträumen wach gemacht, aber nachdem uns Professor McGonagall eigene Zimmer gegeben hat ... Es ist einfach unerträglich leise. Ich habe nicht mehr alleine in einem Raum geschlafen, seit ich ein Kind war. Ich war sechs Jahre lang in einem Schlafsaal, und letztes Jahr habe ich mit Harry und Ron in einem Zelt verbracht. Mit Ginny im Zimmer bin ich schnell eingeschlafen. Aber ohne sie nun atmen oder im Schaf murmeln zu hören, ohne das Schnarchen der Jungen fühlt es sich an, als wäre ich von der Welt abgeschnitten. Und ich fange an, Dinge zu hören, die gar nicht da sind. Ich fühle mich einfach nicht sicher, wenn ich allein bin."
"Ich verstehe." Er seufzte abermals. Er würde mit Minerva reden müssen. Aber für den Moment ... Er schwang seinen Zauberstab, und einer der Sessel neben der Feuerstelle, die er meistens benutzte, um Bücher darauf abzuladen, verwandelte sich in ein Sofa.
"Ich muss heute Abend noch den Wolfsbanntrank brauen. Wenn Sie es hilfreich finden, können Sie meinetwegen hier ein wenig ausruhen, bis ich fertig bin. Es wird ein paar Stunden dauern."
Ihre Augen weiteten sich. "Wirklich? Sie würden mir erlauben, hierzubleiben?"
Vermutlich sollte er das nicht, aber er betrachtete es als Notfallmaßnahme. "Offiziell müssen Sie nachsitzen. Und ich kann Sie kaum so früh gehen lassen, oder man wird denken, ich sei nachlässig geworden. Abgesehen davon ist es mir lieber, wenn Sie in meinem Büro schlafen, als wenn Sie es in meinem Unterricht tun. Sofern Sie sich damit wohlfühlen?"
"Das tue ich! Ich fühle mich immer sicher, wenn Sie in der Nähe sind. Das ist ja der Grund, warum ich überhaupt in Ihrem Unterricht eingeschlafen bin. Ihre Gegenwart ist ... beruhigend."
"Ein beängstigender Gedanke...", murmelte er. "Ich muss an meinen Einschüchterungsfähigkeiten arbeiten."
Sie grinste. "Und lustig sind Sie auch!"
"Das reicht jetzt wirklich, Miss Granger! Schlafen Sie, bevor ich mein Angebot zurücknehme."
"Ja, Sir!" Hermine machte es sich gehorsam auf dem Sofa bequem.
"Ich bin im Labor, gleich nebenan."
"Professor Snape?" Wie sehr sie wünschte, sie könnte ihn um einen Gute-Nacht-Kuss bitten! "Könnten Sie bitte die Tür ein wenig offen lassen?"
"Wenn es unbedingt sein muss."
"Danke sehr!"
*'*'*'*'*'*
Er ließ sie bis weit nach Mitternacht schlafen. Der Zaubertrank war gebraut, abgekühlt und seit einer halben Stunde fertig, als er zurückging, um nach ihr zu sehen. Er fand sie tief schlafend und brachte es nicht übers Herz, sie schon zu wecken. Sie sah endlich entspannt und friedlich aus, und es missfiel ihm zutiefst, dass sie nicht jede Nacht solchen Trost im Schlaf finden konnte. Nachdem er ein paar Minuten ihren gleichmäßigen, tiefen Atemzügen gelauscht hatte, zog er sich in sein Labor zurück. Sie beim Schlafen zu beobachten wäre ein höchst verstörendes Verhalten, das er nicht an den Tag legen wollte.
Er füllte den Trank ab, sortierte die Schublade mit seinen Schneidemessern, Pressen und Abmessinstrumenten und erneuerte die Beschriftung auf einigen Vorratsbehältern. Dann säuberte die bereits gereinigte Fläche seines Arbeitstisches ein weiteres Mal. Als es nichts mehr gab, womit er sich hätte beschäftigen können, ging er zurück in sein Büro um sie zu wecken.
Sie leise beim Namen zu rufen zeigte keinerlei Wirkung. Sie schlief tief und fest. Er wollte sie auf keinen Fall erschrecken, aber er konnte sie schlecht in seinem Büro nächtigen lassen. Sicherstellend, dass sie ihren Zauberstab nicht in der Hand hatte, streckte er vorsichtig die Hand aus und berührte sacht ihre Schulter.
"Miss Granger?"
Sie öffnete schlaftrunken die Augen, und gab ihm – noch immer nicht ganz wach und tiefenentspannt – ein offenes, unverstelltes und warmes Lächeln, gerade so, als mache es sie glücklich, ihn zu sehen. Ihm stockte der Atem.
"Professor Snape..." murmelte sie, setzte sich auf und rieb sich die Augen. "Entschuldigen Sie ... wie spät ist es?"
"Fast eins. Höchste Zeit, dass Sie in Ihr Zimmer zurückkehren", antwortete er ein wenig barsch. "Kommen Sie, ich begleite Sie, für den Fall, dass Filch noch draußen herumschleicht."
Sie nickte und stand auf. "Danke, dass Sie mich so lange haben schlafen lassen. Das war sehr erholsam."
"Es waren nur dreieinhalb Stunden."
"Dennoch."
Er eskortierte sie schweigend zum Gryffindorturm. Sie war immer noch nur halb wach und hätte ohnehin nicht gewusst, was sie sagen sollte. Erst als sie die Tür zu ihrem Zimmer öffnete, drehte sie sich um und bedankte sich noch einmal – für seine Bemühungen, ihr zu helfen, für sein Verständnis, für seine Geduld. Sie hätte noch weitermachen können, aber ein Blick in sein Gesicht ließ sie erkennen, dass sie es besser dabei bewenden ließ. Er war es ganz offensichtlich nicht gewohnt, Dank anzunehmen, und schien nicht recht zu wissen, wie er damit umgehen sollte.
"Ich sehe Sie dennoch nächsten Mittwoch zum Nachsitzen", sagte er schließlich nur, wandte sich grußlos ab und ging.
