Zusammenfassung des vorherigen Kapitels:

Severus dringt mit Legilimentik in Hermines Geist ein und sieht eine Reihe von Erinnerungen an Situationen in ihrem Geist, die ihre Freunde betreffen. Sie alle lassen ihn erkennen, dass Hermine emotional und physisch völlig ausgelaugt ist. Er lässt sie auf seiner Couch in seinem Büro ein paar Stunden schlafen, während er im Labor arbeitet. Severus ist entschlossen, mit Minerva zu reden um eine Lösung für Hermines Schlafprobleme zu finden.


Nachsitzen

Severus hatte gleich am nächsten Morgen nach dem Frühstück Minerva in ihrem Büro aufgesucht und ihr bezüglich der Schlafarrangements ihrer Gryffindors einen Vorschlag gemacht, der sie ziemlich verblüfft hatte – vor allem wohl deshalb, weil er von ihm kam. Er hatte jedoch einen guten Grund für seine Einmischung parat gehabt: Schließlich war Miss Granger in seinem Unterricht eingeschlafen und hatte ihm beim Nachsitzen gestanden, dass massive Erschöpfung und Schlafmangel der Grund dafür waren.

Minerva war bestürzt gewesen. "Ich weiß, dass Miss Weasley nicht die richtige Zimmergenossin für sie war, Severus, aber ich dachte, mit dem Einzelzimmer wäre das Problem gelöst gewesen. Was soll ich denn machen?"

"Hausübergreifend denken. Gib ihr Miss Lovegood als Mitbewohnerin."

Es war schwierig gewesen, sie von der Sinnhaftigkeit dieses Vorschlags zu überzeugen, ohne preiszugeben, welche Einblicke er in die Psyche von Miss Granger gewonnen hatte, die ihn zu dieser Lösung hatten kommen lassen. Ganz zu schweigen davon, dass er den Eindruck aufrecht erhalten musste, dass ihm im Grunde völlig gleichgültig war, mit wem sie schlief. Aber Minerva hatte schließlich eingewilligt - vermutlich, weil sie es als Zeichen nahm, dass er seine Verantwortung als stellvertretender Schulleiter sehr ernst nahm und ihn in seinem Engagement nicht entmutigen wollte.

Miss Lovegood, die er im Anschluss an sein Gespräch mit der Schulleiterin in sein Büro gerufen hatte, um sie zu fragen, ob sie bereit wäre, für den Rest des Schuljahres mit Miss Granger ein Zimmer zu teilen, war im Gegensatz zu Minerva gar nicht verwundert gewesen. Sie hatte ihn lediglich mit ihren leicht hervorstehenden, stets verschleiert wirkenden Augen angesehen und dann eine Alternativlösung vorgeschlagen, die ihn einen Moment lang sprachlos gemacht hatte. Aber auch diese Klippe hatte er elegant umschifft, und Miss Lovegood hatte sich mit ihrm Umzug in den Gryffindorturm einverstanden erklärt.

Abgesehen von dieser Begegnung war seine Woche ziemlich ruhig verlaufen. Er hatte kein einziges Mal außerhalb des Unterrichts mit Hermine – Miss Granger! – gesprochen, obwohl er sie ein paar Mal in der Bibliothek gesehen hatte. Sie hatte ihn stets höflich gegrüßt und dann ihre Aufmerksamkeit wieder ihren Büchern gewidmet. Ein- oder zweimal hatte sie ihn leicht fragend angesehen, als würde sie sich ebenso darüber wundern, warum er des öfteren im Gespräch mit der Bibliothekarin anzutreffen war, wie er sich gewundert hatte, warum sie so häufig mit Draco zusammensaß.

Es ließ sich nicht leugnen, dass auch er den ein oder anderen unauffälligen Blicke in ihre Richtung geworfen hatte. Inzwischen war es ihm zur Gewohnheit geworden. Sie hatte noch immer müde ausgesehen. Aber bei ihrem Ausmaß an Erschöpfung würde es eine Weile dauern, bis sie sich hinreichend erholt hatte – selbst, wenn Miss Lovegoods Anwesenheit ihr tatsächlich helfen sollte, besser zu schlafen. In seinem Unterricht war sie jedenfalls sehr bemüht gewesen, konzentriert zu bleiben, sodass er nicht mehr gezwungen gewesen war, sie zurechtzuweisen.

Dennoch hielt er es für besser, es mit ihrem außerlernplanmäßigem Unterricht langsam angehen zu lassen. Er wusste aus Erfahrung, wie erschöpfend es war, mentalen Attacken ausgesetzt zu sein, insbesondere dann, wenn man diese durch Schilde abzuwehren versuchte. Er war zugegebenerweise auch nicht gerade erpicht darauf, wieder in ihren Geist einzudringen; die Intimität war ihm unbehaglich. Natürlich hatte er nicht die Absicht, sein Wort zu brechen – er wollte nur sicherstellen, dass ihre magischen und physischen Reserven stärker waren als beim letzten Mal.

Auf jeden Fall brauchte er weit mehr Zeit und Gelegenheit, ihr Okklumentik beizubringen, als ihm durch das dreimalige Nachsitzen, das er ihr aufgebrummt hatte, gegeben war. Als er über eine Lösung für dieses Problem nachgedacht hatte, war ihm eine Idee gekommen, von der er noch nicht sicher wusste, ob sie denn auch eine kluge war. Würde Hermine seinen Vorschlag überhaupt annehmen, falls er sich durchringen konnte, ihn ihr zu unterbreiten? Er konnte sich ziemlich gut Minervas Gesicht vorstellen, wenn er erneut wegen ihres geschätzten Gryffindor Schützlings an sie herantrat – ganz besonders mit diesem Vorschlag ...

Pünktlich wie immer hörte er das erwartete Klopfen an seiner Bürotür. "Kommen Sie herein, Miss Granger", rief er und sah nur flüchtig von den Aufsätzen hoch, die er gerade korrigierte.

"Guten Abend, Professor Snape", grüßte sie, und es fiel ihm schwer, ungerührt zu erscheinen, als sie ihm genau das gleiche, offene und komplett entwaffnende Lächeln zuwarf wie vor sieben Tagen, als sie auf seiner Couch aufgewacht war. Sie trat auf seinen Schreibtisch zu, offenbar in der Absicht, auf dem Stuhl gegenüber dem seinen Platz zu nehmen, aber er hielt sie zurück.

"Nein, machen Sie es sich gar nicht erst bequem!" sagte er, bemüht, sich seine Gefühlsregung nicht anmerken zu lassen. "Sie werden heute Abend Kessel reinigen. Die Erstklässler haben sich am Vormittag an einer Klebepaste versucht – ein fieses Gebräu. Es dauert immer Stunden, die Reste aus den Kesseln zu kratzen."

Ihr Lächeln verschwand. Sie machte ein ungläubiges Gesicht, nicht sicher, ob er scherzte.

Er richtete seinen Zauberstab auf die Wand, die sein Büro vom Schülerlabor trennte, woraufhin sich diese in einen breiten, bogenartigen Durchbruch verwandelte, der beide Räume verband. Wenn er alleine in seinem Büro war, zog er die räumliche Offenheit vor – der Kerker mit seinen niedrigen, gewölbten Decken war erdrückend genug. Zudem erlaubte es ihm die Verbindung, nachsitzende Schüler von seinem Schreibtisch aus zu beaufsichtigen. Nur wenn seine Klasse besonders stinkende oder gefährliche Tränke braute, oder wenn er in seinem Büro Privatsphäre benötigte, schloss er die Wand.

"Sie geben mir wirklich eine Strafarbeit?" fragte Hermine, die konsterniert auf den Stapel von Kesseln auf dem nächstliegenden Arbeitstisch starrte.

"Natürlich. Sie haben doch keine Vorzugsbehandlung erwartet, oder?"

"Nun, das nicht ...", antwortete sie, doch ihr Gesichtsausdruck strafte sie Lügen. "Ich habe nur gedacht, wir würden heute mit dem Okklumentikunterricht weitermachen..."

Als er ihre Enttäuschung sah, brachte er es nicht übers Herz, weiter den strengen und gemeinen Lehrer zu geben, der er war – zumindest gegenüber allen anderen. "Ich halte es für besser, wenn Sie sich erst noch ein wenig erholen, bevor wir damit weitermachen. Es ist kräftezehrend, sich gegen Angriffe auf den eigenen Geist zur Wehr zu setzen."

"Und Kessel schrubben ist es nicht?" fragte sie mit gerunzelter Stirn zurück.

Er sah sie mit kaum verhohlener Belustigung an. "Durchaus. Aber es kostet Sie nur physische Kraft und erschöpft Ihren Körper, nicht Ihre magischen Reserven. Ich finde, es ist ein vorzügliches Mittel gegen Schlaflosigkeit. Wenn man körperlich so ausgelaugt ist, dass man sich kaum auf den Beinen halten kann, folgt der Geist normalerweise nach."

Sie seufzte tief. "Ich vermute, ich darf keine Magie benutzen?"

"Nein, Miss Granger, Sie werden es auf Muggelart tun. Nehmen Sie die Reinigungspaste auf dem obersten Regalbrett."

Resigniert zog Hermine ihre Schulrobe aus und warf sie über einen Stuhl. Mit den langen, weiten Ärmeln war sie komplett ungeeignet für die Tätigkeit, die er ihr zugewiesen hatte. Sie griff den ersten Kessel und hievte ihn hinüber zum Waschbecken. "Und ich dachte tatsächlich, er hätte es aufgegeben, fies und nachtragend zu sein", grummelte sie, während sie nach Seife und Bürste griff.

"Das habe ich gehört!" rief er zurück, den Kopf wieder über die Aufsätze gebeugt. Als sie ihm einen kurzen Schulterblick zuwarf, glaubte sie, ein amüsiertes Zucken in seinen Mundwinkeln zu sehen. "Seien Sie vorsichtig, Miss Granger! Ich bin sicher, Mr. Filch wäre nicht so großzügig, Ihnen die wirklich guten Reinigungsmittel zur Verfügung zu stellen, wenn er Sie die Toiletten putzen lässt."

"Sie wissen schon, dass Drohungen ihre Wirkung verlieren, wenn man sie allzu oft ausspricht, oder? Ich weiß, Sie können noch immer gemein sein – aber nicht so gemein."

Dieses Mal warf er ihr nur einen seiner patentierten Blicke zu, der auch ohne Worte alles sagte. Okay, diese Waffe war noch immer sehr wirksam. "Ich bin schon still! Versprochen!" machte sie einen raschen Rückzieher. Ihm war wohlmöglich doch zuzutrauen, dass er seine Drohung wahr machte, Belustigung hin oder her.

Seine Augenbraue zuckte, aber er gab keinen weiteren Kommentar ab.

Eine Weile arbeiteten sie beide stillschweigend. Während das Korrigieren von Aufsätzen Konzentration erforderte, war ihr Geist nicht besonders beansprucht von ihrer Tätigkeit, und das war gefährlich. Früher oder später würden ihre Gedanken entweder wieder zu etwas Kriegsbezogenen wandern oder ganz unvermeidlich um ihn kreisen. Und jetzt, in seiner Anwesenheit, war das vermutlich nicht ratsam.

Sie dachte stattdessen an eine seltsame Unterhaltung mit Luna vor ein paar Tagen zurück, und die Frage, die ihr seither im Kopf herumgeisterte. "Haben Sie eigentlich irgendetwas mit der neuen Zimmeraufteilung zu tun, die Professor McGonagall vorgenommen hat?"

Professor Snape blickte auf. Sein Gesicht, nun nicht mehr von langen Haaren verborgen, gab dennoch wenig preis. "Wenn sie Ihnen Miss Lovegood als Zimmergenossin gegeben hat, dann ließe sich das in der Tat möglicherweise auf einem Vorschlag meinerseits zurückführen. Finden die getroffenen Änderungen nicht Ihre Zustimmung?"

Hermine bedachte ihn abermals mit einem breiten Lächeln. "Doch, absolut! Danke sehr! Luna ist großartig. Sie ist – ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll... gelassen ist vermutlich das beste Wort. Nichts bringt sie aus der Ruhe. Ich kann mich nicht erinnern, sie je panisch oder auch nur besorgt gesehen zu haben, egal, wie die Umstände waren. Dabei sollte man meinen, ihre lange Geiselhaft in Malfoy Manor hätte sie auch traumatisiert."

"Es war sicherlich nicht der angenehmste Ort zu dem Zeitpunkt, aber zumindest ist Miss Lovegood dort nichts Schlimmes widerfahren", sagte er und sein Gesicht verdunkelte sich. "Im Gegensatz zu Ihnen wurde sie einigermaßen anständig behandelt."

"Ja, ich weiß. Draco hat ihr Essen gebracht, Nachrichten und andere Dinge, die sie dringend brauchte... wie Kronkorken und sowas."

Er blinzelte kurz, schüttelte dann den Kopf. "Nein. Ich werde gar nicht erst fragen."

"Ich bin sicher, sie brauchte sie, um Malfoy Manor vom Bösen zu befreien oder sowas in der Art. Es scheint ja zumindest bei Draco funktioniert zu haben. Er hat sich sehr verändert."

Auch wenn Lunas Theorien über die Vorgänge in der Welt ziemlich seltsam waren, so zögerte Hermine doch, sie völlig von der Hand zu weisen. Ihrer Erfahrung nach hatte Luna einfach zu häufig ins Schwarze getroffen. Hermine hatte niemandem von dem Abend erzählt, an dem sie Professor Snape vor ein paar Wochen in seinem Büro aufgesucht hatte um ihren Schwur zu erfüllen. Und obwohl Luna es unmöglich wissen konnte, hatte sie am nächsten Tag erfreut bemerkt, dass Hermine nicht länger von Nimmerfeen verfolgt wurde. Bevor Hermine sich von der Überraschung hatte erholen können, hatte Luna mit Bedauern in der Stimme hinzugefügt, dass es aussah, als habe Hermine sich nun jedoch Blauzehrler eingefangen.

'Es ist wirklich kein Wunder, Hogwarts ist damit völlig verseucht', hatte sie mit ernster Miene erklärt. 'Leider kann man dagegen wenig tun, außer alles rosa zu streichen, aber die Schulleiterin war nicht angetan von der Idee. Wollen wir hoffen, dass der Befall auch von den Wänden verschwindet, wenn die Leute wieder geheilt sind. Wenn es bloß nicht so viele Infizierte wären... Das Schloss leuchtet wie ein Regenbogen, jetzt, wo so viele seiner Bewohner mit einer farbigen Aura herumlaufen. Ich bin sicher, mich haben die Trübklebler auch erwischt, aber niemand will es mir sagen.'

'Trübklebler?' hatte Hermine verblüfft wiederholt.

Luna hatte sich an ihrer augenscheinlichen Ignoranz nicht gestört. Sie hatte pflichtschuldig erläutert, Trübklebler sei nur der gängigere Name, da 'Blauzehrler' ein wenig irreführend war. Schließlich verfärbte sich nicht eines jeden Infizierten Aura blau. Hermines, zum Beispiel, hatte ein tiefes, sattes Gelb angenommen, was Luna besorgt stimmte.

'Wieso?' hatte Hermine unwillkürlich gefragt, selbst ein wenig beunruhigt. 'Was bedeutet gelb denn?'

Luna hatte sie angesehen, als hätte sie eine ganz besonders interessante Frage gestellt. 'Oh, das weiß ich nicht,' hatte sie geantwortet, 'das ist einfach die Farbe deiner Aura. Normalerweise erscheint die Aura eines jeden Menschen weiß. Eine Einfärbung ist ein Symptom für eine Blauzehrler-Erkrankung. Das Gute daran ist, dass sie auch deine wahre Aurafarbe verrät. Und du solltest wirklich mehr Zeit mit Professor Snape verbringen. Seine Aura ist tiefviolett. Er hat die Trübklebler, solange ich denken kann.'

Leicht alarmiert hatte Hermine gefragt, warum Luna ihr diesen seltsamen Rat gab. Sie war sich nicht sicher, ob ihre Mitschülerin wieder einmal besonders seltsam oder besonders scharfsinnig war. Luna war offenbar der Ansicht, dass die Antwort eigentlich selbsterklärend war: "Natürlich weil eure Trübklebler absterben, wenn sie eurer gegenseitigen Astralstrahlung ausgesetzt werden!"

Hermine schüttelte amüsiert den Kopf, als sie an diese seltsame Unterhaltung zurückdachte, und wischte sich die Stirn. Das heftige Schrubben ließ sie schwitzen.

"Was ist so amüsant?" unterbrach die fragende Stimme ihres Lehrers ihre Gedanken. Er hatte ihr gerötetes und heiteres Gesicht bemerkt, als sie einen weiteren Kessel vom Stapel nahm. "Kesselschrubben sollte eigentlich nicht unterhaltsam sein."

Er fragte sich, ob ihr Erröten und ihr Lächeln etwas mit der Erwähnung seines Patensohnes zu tun hatte. Erst heute hatte er beide wieder einträchtig nebeneinander in der Bibliothek sitzen sehen, die Köpfe über schwere Bände gebeugt und in eine Diskussion vertieft.

"Ich weiß", antwortete Hermine und lächelte noch breiter. "Glauben Sie mir, das ist es auch nicht. Ich musste nur gerade an ein sehr unterhaltsames Gespräch denken, das ich kürzlich hatte."

Er hielt seine Feder still und sah sie mit einem seltsamen Ausdruck im Gesicht an. "Mit Draco?"

Hermine sah ihn verwirrt an. "Nein... wieso? Mit Luna."

Oh. Nun, er hatte selbst erst vor kurzem eine seltsame Unterhaltung mit Miss Lovegood gehabt. Ein merkwürdiges Mädchen. "Tatsächlich?" fragte er interessiert zurück. "Hat Sie Ihnen auch gesagt, dass Sie lilafarbenen Dampf abgeben?"

Hermine spürte, wie ihr Unterkiefer herabfiel. Sicher hatte Luna nicht ... Ach, natürlich hatte sie – sie war Luna! "Nein, meiner ist gelb", antwortete sie, bemüht, ein würdevolles Gesicht zu machen. "Und es ist kein Dampf, sondern Strahlung. Mir wurde gesagt, sie passe wunderbar zu der Ihren."

Er schnaubte und begann, die bereits korrigierten und noch unkorrigierten Aufsätze in ordentliche Stapel zu sortieren und seinen Schreibtisch aufzuräumen. "Ich sah Sie und Draco heute in der Bibliothek", bemerkte er dann beiläufig. "Es scheint, als hätte sich Ihre Beziehung erheblich verbessert ..."

Hermines Gesicht hellte sich wieder auf. "Ja, das hat sie in der Tat. Draco war in letzter Zeit wirklich nett zu mir. Kaum zu glauben, dass er der gleiche Junge ist, der mich immer verächtlich Schlammblut genannt hat."

"Draco hatte auch eine Rolle zu spielen. Er wusste nur selbst nicht so genau, in welchem Maß sein Handeln lediglich Erwartungen erfüllte, und in welchem Maß es seine eigenen Überzeugungen wiederspiegelte."

"Ja, wenn man von bigotten Eltern aufgezogen wird und diesen Blödsinn über Reinblüter-Überlegenheit praktisch mit der Muttermilch aufsaugt, ist es sicher schwer, diese Überzeugung in Frage zu stellen. Dass Harry ihm im Raum der verborgenen Dinge das Leben gerettet hat, nachdem Draco ihn zuvor angegriffen hatte, hat bei ihm ein Umdenken ausgelöst."

"Er hegte schon länger Zweifel an den Zielen des Dunklen Lords. Ich wusste nur nicht, wie ich ihn darin bestärken sollte, ohne meine Position zu gefährden. Er hat meine Bemühungen nicht als das erkannt, was sie waren: Sachte Versuche, ihn in die richtige Richtung zu stubsen. Seine liebe Tante Bellatrix flüsterte fortwährend in sein Ohr, und die Verantwortung für das Wohlergehen seiner Eltern lastete auf seinen Schultern. Es war eine ziemlich schwere Bürde für einen eher verletzlichen Jungen."

Dass er nicht in der Lage gewesen war, Draco zu helfen, war eine der Bürden, an der auch er nun schwer trug. Er hatte ihn ebenso im Stich gelassen wie seinen anderen Patensohn. Alles, was er geschafft hatte, war sein Leben zu retten, aber nur um den Preis seiner Seele. Er hätte mehr tun müssen.

"Es ist gut, dass Sie damals noch nicht Ihre Karten offen auf den Tisch gelegt haben," sagte Hermine, ahnungslos seinen Gedankengang kommentierend. "Draco hat das selbst eingeräumt. Er sagte mir, er sei damals ziemlich hin- und hergerissen gewesen. Es hätte so oder so ausgehen können – dass er auf unsere Seite übergelaufen wäre, oder aber Sie an Voldemort verraten hätte."

"Das hat er Ihnen gegenüber zugegeben?" Severus war überrascht. "Mir war nicht bewusst, dass Sie so gute Freunde geworden sind."

Hermine zuckte die Achseln. "Er kann nicht wählerisch sein. Er ist der einzige Slytherin-Rückkehrer und wird von den meisten Schülern aus den anderen Häusern wie ein Verräter behandelt. Schließlich hat er mehrmals versucht, Dumbledore umzubringen. Dass ich zu seiner Vertrauten geworden bin, ist lediglich einem Mangel an Alternativen geschuldet."

"Nein", widersprach sein Pate und Hausvorstand, und schüttelte entschieden den Kopf. "Draco ist ein Slytherin durch und durch. Es ist ihm unmöglich, sich einer anderen Person gegenüber zu öffnen – es sei denn, er vertraut dieser Person absolut. Es ist ganz offensichtlich, dass er Sie über alle Maßen schätzt, Miss Granger."

"Oder ich bin einfach nur jemand, bei dem man sich gut erleichtern kann. Eine Menge Leute erzählen mir neuerdings ihre Probleme."

In der Tat – das war in den Erinnerungen, die er gesehen hatte, ganz offensichtlich gewesen. "Sie haben sich immer als sehr loyal und vertrauenswürdig erwiesen. Das sind Eigenschaften, die Slytherins über alle Maßen wertschätzen."

"Wirklich?" Sie hob den Kopf und sah ihn skeptisch an. "Ich dachte, es seien Scharfsinn und Raffinesse, die sie am meisten schätzen."

"Das sind Eigenschaften, die Slytherins besitzen", stellte er richtig. "Aber sie wertschätzen das, was sie in ihrem eigenen Haus nicht so leicht finden. Wir bewundern in anderen üblicherweise Charaktereigenschaften, an denen es uns selbst mangelt."

Sie dachte einen Moment darüber nach. "Ja, ich denke, das stimmt. Slytherins tragen ihr Herz nicht auf der Zunge, aber ich war schon immer der Ansicht, dass die Taten eines Menschen mehr aussagen, als seine Worte. Gryffindors sind immer so laut und ungestüm. Sie kennen keine Zurückhaltung, keine Geduld. Mir gefällt, dass Draco nicht ständig alles kommentiert, was ich sage. Ich kann ihm Sachen erzählen, ohne dass er gleich seine Entrüstung oder seine Begeisterung darüber zum Ausdruck bringt. Er hört einfach nur zu, wartet, bis ich mir über meine eigenen Gefühle klar geworden bin und lässt dann seine Ansichten dazu nur sehr dezent anklingen. Er bringt mich zum Denken, anstatt mir zu sagen, was ich denken soll."

Hermine wurde bewusst, dass das Gleiche auch für ihren Zaubertrankprofessor galt. Vermutlich hatte das Sprichwort Recht, wonach Gegensätze sich anzogen. Gryffindors und Slytherins waren sicher so gegensätzlich, wie man nur sein konnte.

Sie hievte einen weiteren Kessel auf den langsam wachsenden Stapel mit sauberen und zog auch ihre Strickjacke aus. Es wurde wirklich viel zu warm darin. Ausnahmsweise begrüßte sie die kalte Luft des Kerkers, die über ihre Haut strich.

"Ich finde es erstaunlich, dass Sie beide überhaupt freundschaftlich miteinander reden, wenn man Ihre früheren Differenzen bedenkt", bemerkte ihr Lehrer, als sie den nächsten Kessel mit der Bürste attackierte.

"Ich gebe zu," sagte Hermine, ein wenig abgerissen durch ihr heftiges Schrubben, "ich habe ihn jahrelang für einen eingebildeten Blödmann gehalten – und gedacht, dass er außer seines Aussehens und seiner reichen Herkunft nichts vorzuweisen hätte. Ich habe ihn genauso zweidimensional gesehen wie er mich – Harrys Anhängsel, ein Schlammblut, eine Streberin. Er hat sich so verhalten, wie man es von ihm erwartet hat, wenn er mich angegriffen und beleidigt hat. Sicher, damals hat er sein Verhalten nicht in Frage gestellt... Aber wir waren Kinder. Ich kann ihm das nicht mehr vorhalten, nicht, wenn er sich jetzt so bemüht, anders zu sein. Er hat sich sogar bei mir entschuldigt."

Severus warf ihr einen überraschten Blick zu, richtete ihn dann aber rasch wieder auf seine Pergamente. Es kam ihm beinahe ungehörig vor, sie nur in ihrer Bluse zu sehen, deren Stoff an ihrem Rücken zu kleben schien. Sonderbar, dass ihm solche Gedanken überhaupt kamen. Er hatte schon viele Mädchen in Blusen Kessel schrubben sehen – es war eine Tätigkeit, die man nicht gut in den Schulroben mit den langen, weiten Ärmeln ausführen konnte. Aber keine hatte jemals seine Gedanken in Richtungen gelenkt, in die sie nicht wandern sollten, oder ihm nur vom Zusehen bei dieser schweißtreibenden Tätigkeit warm werden lassen.

"Heißt das also, dass Sie jetzt mit Draco befreundet sind?" fragte er, und versuchte, sein Denken wieder auf sicheres Terrain zu steuern. Anscheinend nicht ganz erfolgreich.

"Ich denke schon..." Hermine hielt inne und dachte kurz über die Frage nach. Vermutlich konnte man ihn als Freund bezeichnen. "Er ist eine sehr komplexe Persönlichkeit – intelligent und von vielen falsch beurteilt. Ich habe mich schon immer zu solchen Leuten hingezogen gefühlt, und ich glaube fest an zweite Chancen. Ich denke, dass Draco unter seiner Arroganz sehr sensibel und verletzlich ist."

"Ja, als sein Pate kann ich das bestätigen." Zum wiederholten Mal war er überrascht von ihrem Einfühlungsvermögen. "Und... Sie sind sicher, dass nicht auch andere, zartere Gefühle im Spiel sind?" fragte er, bemüht, beiläufig zu klingen. Es war nicht auszuschließen, dass Draco mehr für sie empfand als Freundschaft. Und möglicherweise wurden diese Gefühle ja auch erwidert.

"Von wessen Seite?" Sie hielt inne und sah ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen an. Sicher wollte er nicht implizieren... oder doch? "Ich habe Ihnen gesagt, was ich empfinde," sagte sie, und fühlte Ärger über seine Andeutung in sich aufsteigen. "Und nun fragen Sie mich, ob ich mich zu Draco hingezogen fühle? Wenn Sie mir nicht glauben, sollten Sie vielleicht beim nächsten Mal, wenn Sie in meinem Kopf sind, nach Beweisen suchen!"

Er wusste sofort, dass er einen Fehler gemacht hatte. "Miss Granger..."

"Nein – kommen Sie mir jetzt nicht mit 'Miss Granger'!" Sie warf den Scheuerschwamm in den Kessel und rang die Hände. "Ist Ihnen nicht klar, was Sie sagen, wenn Sie mir so eine Frage stellen? Entweder beschuldigen Sie mich, Sie angelogen zu haben, unterstellen, ich sei wankelmütig oder reden meine Gefühle klein indem Sie anklingen lassen, ich würde mein eigenes Herz nicht kennen. Und mit alldem sagen Sie im Grunde, dass ich oberflächlich bin."

"Natürlich sind Sie das nicht! Ich wollte keineswegs auch nur eines von alldem implizieren..." Er holte tief Luft. "Es war nicht so gemeint, wie es klang."

"Was genau haben Sie denn gemeint? Finden Sie es immer noch so schwer zu glauben, dass das, was ich Ihnen offenbart habe, die Wahrheit ist?"

"Um ganz ehrlich zu sein: Ja!" sagte er brüsk. "Es ist surreal. Manchmal, wenn ich Sie in meinem Unterricht vor mir sitzen sehe, frage ich mich, ob ich mir das alles nicht nur eingebildet habe."

"Nun, manchmal, wenn Sie mich zurechtweisen und mich in diesem verächtlichen Tonfall 'Miss Granger' nennen, frage ich mich genau das Gleiche! Sie waren derjenige, der verlangt hat, dass wir so tun als wäre nichts geschehen. Natürlich erscheint es surreal!"

Er seufzte tief und rieb sich die Augen. "Sie haben Recht. Ich war derjenige, der gesagt hat, dass Sie Ihr Leben leben und ein paar Jungen küssen sollen, und ich glaube immer noch, dass es richtig war, Ihnen das zu sagen und dass es richtig wäre, es zu tun." Widerstrebend fügte er hinzu: "Aber... wenn ich darüber nachdenke, stelle ich fest, dass mir die Vorstellung nicht besonders behagt."

Ihr ärgerlich verzogener Mund verwandelte sich angesichts dieses Eingeständnisses in ein weiches Lächeln, das ihre Augen zum Leuchten brachte. Die Verwandlung ließ ihm die Sinne schwirren.

"Gut", sagte sie, und jeglicher Missklang war aus ihrer Stimme verschwunden. "Weil mir die Vorstellung nämlich auch nicht behagt. Und ich werde nichts dergleichen tun. Ich mag Draco und bin gerne in seiner Gesellschaft. Aber ich mag ihn nicht auf diese Art. Ich mag überhaupt keinen Jungen auf diese Art." Sie seufzte und fischte den Schwamm wieder aus dem Wasser. "Ich mag Sie. Und ich vermisse Sie."

Er suchte nach Worten und fand keine passenden. "Sie sehen mich jeden Tag", sagte er, stattdessen auf das Offensichtliche verweisend.

"Ja, im Unterricht oder bei den Mahlzeiten, wenn Sie am Lehrertisch sitzen. Aber das ist etwas anderes."

Er war nicht begriffsstutzig – er wusste genau, wovon sie sprach. Er zog es nur vor, nicht darüber zu reden, sich nicht einzugestehen, dass er wünschte, er könne sie anders behandeln – sich mit ihr zusammensetzen und ein Glas Feuerwhiskey trinken, ihrem Geplauder lauschen, ihre Ansichten erfahren und sich über ihre verrückten, aber faszinierenden Schlussfolgerungen wundern, ihre Geheimnisse, ihre Sorgen und ihre Hoffnungen anvertraut bekommen und... nein. Das konnte nicht passieren. Seltsam, wie er sich plötzlich nach etwas sehnte, was er nur sehr kurz erfahren hatte.

"Ich bemühe mich wirklich, nur den Lehrer in Ihnen zu sehen", sagte das Mädchen wie ein Echo auf seine Gedanken. "Aber es ist auf Dauer ziemlich anstrengend, so zu tun, als stünde kein großer, weißer Elefant mitten im Zimmer."

Damit hatte sie zweifellos Recht. In Wahrheit war es sogar eine kleine Herde weißer Elefanten, aber er würde sie besser nicht auf die anderen aufmerksam machen. Es gab ohnehin nichts, was sich auf absehbare Zeit dagegen unternehmen ließ.

"Ich wünschte nur, es gäbe einen Mittelweg", sagte sie mit einem wehmütigen Seufzer.

Er sah sie nachdenklich an. "Vielleicht gibt es den..." sinnierte er, und fragte sich, ob das, was ihm vorschwebte, vielleicht ein wenig mehr Vertrautheit zuließ als ihre jetzige Lehrer-Schüler Beziehung. Er stand auf und trat an den Tisch neben dem Spülbecken, um das Ergebnis ihrer Arbeit zu inspizieren. Sie hatte ungefähr zwei Drittel der Kessel gesäubert, aber ihr Vorankommen hatte sich merklich verlangsamt. Ihre Arme waren vermutlich schwer geworden, und ihre Hände mussten inzwischen brennen von der aggressiven Lauge.

"Sie können jetzt aufhören, Miss Granger", sagte er und überraschte sie damit erneut. "Ich wollte, dass Sie müde werden, nicht dass Sie vor Erschöpfung wieder in meinem Labor zusammenbrechen."

"Ich könnte die übrig gebliebenen Kessel mit Magie reinigen...", schlug sie vor. Es war nett, dass er ihr einen Teil der Strafe erließ, aber es widerstrebte ihr, eine Arbeit unvollendet zu lassen.

"Nein. Überreste von Klebepaste lassen sich nicht magisch entfernen. Das funktioniert nicht."

Sie sah ihn erstaunt an. "Was? Aber ich dachte immer ..." Sie hatte gedacht, er sei einfach nur boshaft, wenn er verbot, beim Reinigen von Kesseln Magie zu benutzen. Er hatte diese kleine, aber bedeutsame Information nie geteilt. "Wer macht denn normalerweise die Kessel sauber?"

Er feixte. "Normalerweise stelle ich sicher, dass ich Schüler zum Nachsitzen dahabe, wenn in einer meiner Klassen Klebepaste auf dem Stundenplan steht."

"Und nun? Werden Sie die restlichen Kessel von den Hauselfen reinigen lassen?"

Er rollte mit den Augen. Wenn er das täte, würde sie vermutlich darauf bestehen, es selbst fertig zu machen, ungeachtet der Tatsache, dass sie kaum noch ihre Arme heben konnte. "Nein, diese spezielle Seife greift ihre Haut viel mehr an als die von Menschen. Ich werde das nachher selbst erledigen. Hier..." Er hielt ihr ihre Strickjacke hin. "Sie sollten die besser wieder anziehen. Sie wollen sich nicht zu alledem noch eine Erkältung einfangen. Auch, wenn Sie es im Moment nicht spüren – es ist sehr zugig hier im Kerker."

Hermine gehorchte, überrascht von seiner Fürsorglichkeit, die er immer so sorgsam verborgen hielt. Er winkte sie zu seinem Schreibtisch hinüber und deutete auf den Stuhl. "Setzen Sie sich. Ich habe einen Vorschlag zu machen."

Neugierig nahm sie in dem Sessel Platz, den sie mittlerweile als den ihren betrachtete, da er ihn, ohne darüber nachzudenken, bereits wieder für sie verwandelt hatte. Er griff in das Regal mit den schauerlichen Gläsern hinter sich und nahm einen kleinen Salbentiegel heraus, den er ihr reichte. "Für Ihre Hände."

Dankbar nahm sie die Creme entgegen. Die Kühle der Salbe linderte sofort das Brennen ihrer gereizten Haut. "Wissen Sie, Sie sind wirklich unglaublich nett, wenn Sie es sein wollen..." sagte sie und sah zu, wie er zwei Tassen mit Tee füllte und eine davon vor sie stellte.

Er sah sie böse an, als wolle er so diese Behauptung und sein eigenes Handeln Lüge strafen. "Ich vertraue darauf, dass Sie ein wohlgehütetes Geheimnis bewahren können, Miss Granger!"

"Oh, keine Sorge. Niemand würde mir glauben. Ihre Geheimnisse sind bei mir sicher." Ihm entging nicht, dass der letzte Satz wie im Nachklang gesprochen war und ohne den scherzhaften Unterton. Und obwohl er lediglich einen allgemein verwendeten Satz so dahingesagt hatte und niemals wagen würde, irgend jemandem seine wirklichen Geheimnisse anzuvertrauen, rührten ihn ihre Worte dennoch an. Wie es wohl sein mochte, fragte er sich, jemandem wirklich vertrauen zu können? Er hatte diesen Luxus nie gehabt. Vertrauen war ein völlig fremdes Konzept für ihn, und er war sich nicht sicher, ob er Leute, die fähig waren, zu vertrauen, beneidete, oder ob er sie für dumm befinden sollte.

"Von welchem Vorschlag haben Sie eben gesprochen?" fragte sie, was das Gespräch wieder in sicheres Fahrwasser lenkte und ihm eine Entgegnung ersparte, die vermutlich wieder zu wünschen übrig gelassen hätte.

"Ich habe mich gefragt, ob Sie daran interessiert wären, offiziell meine Gehilfin zu werden. Ich hätte gerne mehr Zeit für meine privaten Forschungen, und ich denke, Sie wären in der Lage, die meisten der im Krankenflügel benötigten Tränke zu brauen und die Hausaufgaben der unteren Klassen zu korrigieren. Es gäbe uns außerdem eine gute Entschuldigung für die Zeit, die es in Anspruch nehmen wird, Ihnen Okklumentik beizubringen. Ich kann Sie nicht dauernd zum Nachsitzen verdonnern. Es wäre Ihrem Musterkind-Image abträglich."

"Das bin ich nicht!" sagte sie verschnupft.

"Sie sind nicht interessiert?" fragte er zurück, mit einem Gefühl von Enttäuschung über die Zurückweisung. Es war nicht die Antwort, die er erwartet hatte.

"Was? Nein – natürlich bin ich interessiert! Ich würde gerne mehr Zeit mit Ihnen verbringen, und ich würde gerne die Tränke für Madam Pomfrey brauen. Aber ich bin kein Musterkind!"

Ah! Mit einem süffisanten Funkeln in den Augen lehnte er sich leicht vor. "Ich habe das seit ihrem ersten Schuljahr gewusst, Miss Granger. Denn auch, wenn Sie sich große Mühe geben, ein braves Mädchen zu sein – wie beide wissen: Das sind Sie nicht. Sie haben diesen rebellischen Zug in sich, der eine feste Hand erfordert. Aber die meisten anderen Lehrer haben das immer noch nicht durchschaut. Sie halten Sie für einen Ausbund an Tugend, ein leuchtendes Beispiel für den Rest der Schülerschaft. Sie haben keine Ahnung..."

Sie errötete. Ja, wenn sie je von allen Dingen erführen, die sie angestellt hatte... In ihrem ersten Jahr hatte sie die Robe ihres Zaubertränkelehrers in Brand gesteckt; in ihrem zweiten hatte sie Zutaten von ihm gestohlen, um heimlich Vielsafttrank zu brauen. Im dritten hatte sie den besagten Lehrer mit einem Schockzauber angegriffen; im vierten eine Reporterin des Tagespropheten gefangen gehalten und erpresst; im fünften die damalige Schulleiterin in den Verbotenen Wald gelockt, damit sie von Zentrauren entführt wurde. In ihrem sechsten hatte sie einen Mitschüler verhext, damit er nicht ins Quidditschteam kam; in dem Jahr, das ihr siebtes hätte sein sollen, war sie bei Gringotts eingebrochen und hatte einen Drachen gestohlen; und in ihrem jetzigen, achten Jahr hatte sie einen Lehrer mehr oder weniger dazu genötigt, sie zu küssen. Zweifelsohne wäre das Kollegium schockiert, wenn sie das alles wüssten, und noch mehr, wenn sie ahnten, welche Gedanken ihr über den betreffenden Lehrer im Kopf herumgingen. Er wäre es vermutlich auch. Sie wich sicherheitshalber rasch seinem Blick aus und lenkte ihre Gedanken wieder auf das eigentliche Gesprächsthema zurück.

"Glauben Sie denn, die Schulleiterin wäre einverstanden?"

i"Es war ursprünglich Professor Sprouts Idee. Sie denkt darüber nach, Mr. Longbottom nach Erlangung seiner KATZEn eine Lehrlingsstelle anzubieten und will schon vorher ein wenig praktisch mit ihm arbeiten. Tatsache ist, dass der Unterricht für viele der wiederholenden Siebtklässler nicht anspruchsvoll genug ist. Es gibt zwar einige Lücken in ihrer Ausbildung aufgrund der widrigen Umstände im letzten Jahr, aber vieles ist ihnen dennoch bereits geläufig. Sie sind nicht die Einzige, die sich im Unterricht langweilt, Miss Granger. Daher die Idee, jenen Studenten, die eine Affinität für ein bestimmtes Fach haben, Projektarbeiten anzubieten. Die Schulleiterin war davon sehr angetan."

"Und Sie denken, ich habe ein Affinität für Zaubertränke?"

"Als Brauerin, ja. Als Trankmeisterin? Vermutlich nein. Aber Sie sind die Einzige, mit der ich arbeiten würde."

"Also ist das als Vorbereitung auf eine spätere Lehre gedacht?"

Er zuckte die Achseln. "Möglicherweise schon. Es hat zwar schon lange keine Lehrlinge mehr in Hogwarts gegeben, aber noch vor ein paar Jahrzehnten war das absolut üblich. Einige Lehrer denken darüber nach, in den Ruhestand zu gehen, weshalb die Idee, sich die eigenen Nachfolger heranzuziehen, durchaus ihren Reiz hat. Poppy meinte, dass sich Miss Abbott vielleicht für eine medizinische Ausbildung interessieren würde. Sie hat sich während des Kampfes um Hogwarts als wertvolle Hilfe erwiesen."

"Und hat die Schulleiterin auch vorgeschlagen, dass Sie sich einen Lehrling suchen?"

"Seltsamerweise nicht."

"Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, warum nicht ..."

"Nicht wieder frech werden, Miss Granger!" mahnte er, aber mit einem schlecht versteckten Schmunzeln. "Abgesehen von ihrer offensichtlichen Annahme, dass ich sowas niemals in Betracht ziehen würde, weiß sie, dass ich nicht plane, zu bleiben. Nicht lange genug jedenfalls, um einen Lehrling auszubilden."

"Oh ... Sie denken ernsthaft darüber nach, Hogwarts zu verlassen?"

Er stieß einen Seufzer aus. "Ich weiß es nicht. Wie Sie vielleicht bemerkt haben, bin ich nicht aus Berufung Lehrer geworden."

"Sie machen Ihren Job aber dennoch sehr gut."

"Nicht viele würden Ihnen in diesem Punkt zustimmen."

"Nun, Sie werden es vermutlich nie auf einen der ersten Plätze in der Liste von Hogwarts beliebtesten Lehrern schaffen, aber die Schüler respektieren Sie. Nun, da Sie auch nicht mehr so schrecklich unfair sind, wie Sie es früher waren, kann man durchaus sagen, Sie sind ein guter Lehrer."

"Sie sind möglicherweise ein wenig voreingenommen." Sie hatte eingestanden, sich zu ihm hingezogen zu fühlen, und sie hatte ihn geküsst. Man konnte sicherlich sagen, dass sie unter seinen Schülern ein besonderer Fall war.

"Ja, ganz sicher sogar. Aber das gilt für alle älteren Schüler, die noch hier sind. Seien wir ehrlich: In drei Jahren wird sich kaum noch jemand an Ihre Rolle erinnern und wozu Sie gezwungen gewesen waren. Sie können der Lehrer sein, der Sie sein möchten."

"Ich habe keinerlei Toleranz für Dummheit. Das ist kein guter Ausgangspunkt, um hauptsächlich Dummköpfe zu unterrichten." Er hasste es zutiefst, wenn Leute ihr Gehirn nicht einschalteten, bevor sie den Mund aufmachten oder bevor sie handelten, was leider viel zu häufig geschah. Dabei war es doch nicht zu viel verlangt, wirklich nicht. Aber manche Schüler bekamen den Dreh nie raus, und das ärgerte ihn maßlos.

"Ach, kommen Sie schon – wir sind nicht alle Idioten! In den KATZEn Klassen bringen die meisten Schüler hinreichend gute Leistungen."

"Ja, aber nur, weil ich die Zugangsbedingungen sehr hoch ansetze, um die schlimmsten Ignoranten herauszuhalten. Bei den jüngeren Schülern habe ich keine Wahl."

"Nun, dann sollten Sie vielleicht darüber nachdenken, das Problem zu umgehen. Jeder weiß, dass Sie auch gerne Verteidigung unterrichten. Vielleicht könnten Sie sich ausschließlich auf die jeweiligen KATZEn-Kurse konzentrieren, und die Klassen bis zu den EULEn jemand anderem überlassen. Ich weiß mit Sicherheit, dass Remus es begrüßen würde, nur zeitweise zu arbeiten, und er ist wirklich gut mit den jüngeren Schülern."

Er dachte darüber nach. Es war wirklich ein interessanter Gedanke. Nur die älteren Schüler zu unterrichten würde ihm Zeit für seine privaten Forschungen lassen. Er könnte vielleicht sogar nebenher kommerziell brauen. Und Minerva wäre sicherlich glücklich, wenn er bliebe. Es war nicht leicht, einen Lehrer zu finden, der Zaubertränke auf KATZEn Niveau unterrichten konnte. Die Idee war es sicher wert, sich eingehender damit zu beschäftigen.

"Unabhängig davon, wie meine Zukunft aussehen mag – mein Angebot gilt. Haben Sie Interesse?"

"Aber natürlich!"

"Dann werde ich mit der Schulleiterin sprechen. Und Sie sehe ich spätestens am Mittwoch zu Ihrer nächsten Okklumentikstunde."