Zusammenfassung des vorherigen Kapitels
Minerva ist mit Severus Vorschlag einverstanden, dass Hermine ihm fortan beim Brauen und bei der Unterrichtsvorbereitung zur Hand gehen soll.
Hermine sucht ihn auf, um die Details der Zusammenarbeit mit ihm zu besprechen, und zeigt ihm einen Artikel, den Luna für den 'Quibbler' geschrieben hat. Luna ist überzeugt, dass eine mysteriöse Krankheit in Hogwarts ausgebrochen ist – verursacht durch einen unsichtbaren Pilzbefall, der Menschen depressiv macht. Um Heilung zu finden, sollen betroffene Personen engen Kontakt mit Leuten pflegen, die eine 'passende Aura' haben, was, wie Luna meint, auf Severus und Hermine sowie auf Draco und Harry zutrifft.
Severus erfährt, dass Hermines neuer Zauberstab ihr aufgrund des zusätzlichen Thestralhaarkerns Probleme bereitet. Sie glaubt, darin ein Zeichen dafür zu sehen, dass der Krieg sie in ihrer Persönlichkeit grundlegend verändert hat. Severus sieht das anders und meint, dass ihr der neue Zauberstab lediglich Möglichkeiten eröffnet. Er gibt ihr eine selbst-korrigierende Feder die seine Handschrift und seinen Schreibstil imitiert, um damit Hausaufgaben der Unterklässler für ihn zu berichtigen. Beim Verlassen seines Büros gibt Hermine ihm den Zettel, auf dem sie die Feder ausprobiert hat, und auf dem nun in seinen eigenen Worten steht, wie sie über den Zaubertränkemeister denkt.
A/N: Liebe Orange, leider hat diese Webseite einige deiner Wörter - vermutlich Links - verschluckt. Man darf hier keine Fremdlinks posten. Insofern weiß ich nicht so recht, was du mir sagen wolltest. :) Mich findest du u. a auch be und bei Ashwinder.
Albträume
In dieser Nacht träumte Hermine wieder. Ihr Albtraum war ihr inzwischen vertraut, was aber seine Wirkung auf sie auch nicht minderte. Ihre Angst, die schrecklichen Dinge, die ihr widerfahren waren, sogar der Schmerz – alles war so greifbar und real wie zu dem Zeitpunkt, als es ihr wiederfahren war.
Und wie so oft, begann alles in Malfoy Manor. Hermine fand sich selbst auf dem Fußboden liegend wieder. Ihr Körper fühlte sich an, als stünde er in Flammen. Es gab nicht eine einzige Zelle in ihrem Körper, die nicht von rohen, qualvollen, unerträglichen Schmerzen verzehrt war. All ihre Muskeln und Sehen schrieen und krampften in Protest, verdrehten ihren Körper auf dem Boden in groteske Stellungen, und streckten die Knochen ihrer Gliedmaßen bis sie zu brechen drohten. Sicher würde sie jeden Moment das Bewusstsein verlieren.
Aber die erlösende Ohnmacht kam nicht. Gerade, als sie ihre Sinne schwinden fühlte, stoppte die Hexe, die sie folterte, den Fluch und begann erneut, sie anzuschreien.
"Ich frage dich noch einmal! Woher hast du das Schwert? Woher?"
"Wir haben es gefunden – wir haben es gefunden – BITTE!" Hermine konnte kaum atmen. Aber sie hatte immer noch genug Luft um zu schreien, als Bellatrix zum dritten Mal 'Crucio' kreischte. Oder war es das vierte Mal? Sie konnte sich nicht erinnern. Dies war der Wahnsinn. Die tobende Hexe, die vor Wut völlig von Sinnen war, der Werwolf, der sie mit kaum verhüllter Lust in den Augen ansah, als sie vor ihnen lag – sich vor Schmerz windend – als wäre ihr sich durchbiegender Rücken und vom Boden aufwölbender Körper ein Zeichen von Ekstase und nicht von Agonie. Wie lange noch, ehe sie alle ihre Geheimnisse preisgab, nur um dem Schmerz ein Ende zu machen? Wie lange noch, bis sie den Verstand verlor?
"Du lügst, du dreckiges Schlammblut, ich weiß es! Sag mir die Wahrheit, sag mir die Wahrheit!"
Abermals wurde der dunkle Fluch kurz aufgehoben um ihr eine Chance zu geben, zu antworten. Hermine öffnete kurz die Augen und wurde vom Sonnenlicht geblendet, das von dem über ihr hängenden Kronleuchter reflektiert wurde. Die kristallenen Ornamente sahen aus wie Eiskristalle. Hermine lag in einer Pfütze von Flüssigkeit; sie war sich nicht sicher, ob es Blut war. Wenn sie sich genug konzentrierte, fühlte sich das Brennen in ihrem Körper fast wie Kälte an. Wenn ihre Glieder doch bloß taub davon werden könnten! Eis, Eis, Eis... Hermine versuchte, sich auf die Wand zu konzentrieren, die sie um ihren Geist errichtet hatte, als man sie in diesen Raum gebracht hatte. Wenn sie nur dahinter verschwinden könnte und dort vor dem Feuer Zuflucht finden...
Aber der Schmerz setzte erneut ein, die Flammen verzehrten sie und ließen sie schreien. Und dann, ganz plötzlich, fühlte Hermine, wie sie sich aus ihrem eigenen Körper erhob. Nun war es also so weit – sie starb. Erstaunt stellte sie fest, dass ihr sie aufgehört hatte, sich zu Winden, und auch ihre Schreie waren verstummt. Alles war jetzt still, der Körper auf dem Boden lag regungslos da.
Einen Moment lang fühlte sie nichts als Erleichterung. Zumindest hatte sie keine Schmerzen mehr. Aber seltsamerweise setzte auch das Gefühl von tiefem Frieden nicht ein, das sie mit dem Tod erwartet hatte. Stattdessen spürte sie Entsetzen, Hilflosigkeit und Grauen. Harry und Ron waren nun an ihrer Seite, beide völlig aufgelöst. Waren sie auch gestorben? Und warum starrte sie noch immer auf ihren Körper hinab, der vor ihr lag und den sie ganz offensichtlich nicht länger bewohnte?
Und obwohl augenscheinlich unbeseelt begann dieser Körper plötzlich, sich zu regen. Hermine sah, wie sie selbst ungelenk aufstand und sich steif in eine aufrechte Position bewegte, jedoch mit leicht gekrümmter Gestalt und gesenktem Kopf. Harry und Ron riefen ihren Namen, sie machten sich offenbar Sorgen um sie, und streckten die Hände nach ihr aus. "Nein nein nein!" schrie Hermine. "Geht nicht näher – das bin nicht ich! Es ist ein Inferi!" Aber keiner von beiden hörte, sie zuckten nicht einmal zurück, als ihre Locken sich plötzlich schwarz färbten und ihre Augen einen wilden Glanz bekamen. Für einen kurzen Moment, ehe Haare und Züge sich wieder in die ihren verwandelten, blickte sie in das Gesicht ihrer Folterknechtin.
Hermine musste entsetzt mitansehen, wie Harry dem ihm winkenden Hermine-Inferi in einen anderen Raum folgte. Ron blieb zurück – sein Bein war plötzlich gebrochen – er konnte sich nicht bewegen.
Hermine schrie lauter, packte Harry am Ärmel und flehte ihn an, nicht weiterzugehen, nicht dieser Betrügerin zu folgen, die ihren Körper gestohlen hatte. Aber er hörte nicht auf sie. Das tat er nie. Der Inferi hob plötzlich den Kopf, und Hermine war wie im Schock erstarrt als sie sah, dass seine Augen nun einen roten Schimmer hatten, und mehr als nur einen Anflug von Wahnsinn zeigten. Jedes Haar auf ihrem Körper stand zu Berge. Er würde Harry töten!
Aber ehe sie noch eine Chance hatte, eine erneute Warnung auszustoßen, bekam ihr Körper – oder jener der anderen Hermine – plötzlich Risse und wurde von innen heraus entzwei gerissen. Etwas Monströses schälte sich aus den Fleischfetzen hervor und legte das, was ihr Körper gewesen war, ab wie eine alte Haut. Hermine drehte sich der Magen um bei dem Anblick. Sie konnte die Galle aufsteigen fühlen, was sie jedoch nicht daran hinderte, noch eine weitere Warnung zu rufen. Wie gebannt starrte Harry auf die gigantische Schlange, die nun auf ihn zustieß – mit ausgehängtem Kiefer, den Schlund weit geöffnet, die beiden messerscharfen Fangzähne gebleckt. Aber ehe das Monster ihn im Ganzen verschlingen konnte, erschien plötzlich eine weitere Person in der Heulenden Hütte, die sich schützend vor Harry stellte und ihn aus der Gefahrenzone stieß.
Hermine eilte an seine Seite und grub die Fingernägel in Harrys Arme, als die Schlange nun ihren Lehrer angriff. Wieder und wieder fuhren die dolchähnlichen Fänge in seine Kehle, bis nur noch Fetzen übrig waren, bis Blut aus den Wunden hervorsprudelte wie aus einem Springbrunnen und er zu Boden sackte.
Nun war es sein Körper, der auf dem Holzboden lag, in einer Pfütze aus Blut. Es war so unendlich viel Blut, das die Staubschicht tränkte, von der die alten Planken bedeckt waren. Hermine trat näher und blickte herab auf Professor Snape, den Mann, der sie alle immer gedemütigt und nichts als Verachtung für sie übrig gehabt hatte, aber der sie immer beschützt hatte. Er hatte alles, sein Leben und seine Seele, für ihren Kampf hingegeben, und niemand hatte je von den Opfern erfahren, die er gebracht hatte. Er, der immer allein gestanden hatte, den alle fälschlicherweise als Verräter bezichtigten, lag nun sterbend vor ihr in einer Lache seines eigenen Blutes und sah mit Augen zu ihr auf, aus denen silbrige Tränen rannen.
Aus seiner Halswunde strömte noch immer Blut. Ohne nachzudenken sandte Hermine einen stummen Heilzauber auf seine Haut. Sie war darin sehr gut geworden – es war in den letzen Monaten sonst niemand dagewesen, der ihnen hätte helfen können. Aber es war eine beinahe lächerliche Geste. Wie der Versuch, eine Flut in einem Pappbecher auffangen zu wollen. Der Zauberspruch heilte erfolgreich kleinere Wunden und Kratzer, aber er konnte unmöglich zusammenhalten, was von seiner Kehle übriggeblieben war. Und er hatte schon so viel Blut verloren... Abgesehen davon würde die dünne Hautschicht, die den Blutfluss stoppte, auch das tödliche Gift ins seinen Adern einschließen. Er war schon jetzt leichenblass. Es gab nichts, das sie für ihn tun konnte.
Ihre Freunde zogen an ihrem Arm, und Hermine kehrte dem sterbenden Mann den Rücken zu. "Bitte!" hörte sie ihn fast tonlos flehen; es war mehr ein kratzendes, rauhes Geräusch denn eine Stimme. Dabei hatte er immer so eine schöne Stimme gehabt. Hermine sah ihn an. Seine Augen waren voller Furcht und Schrecken, beschworen sie wortlos, etwas zu tun, irgendetwas. Die ganze Zeit hatte er ihnen geholfen, über sie gewacht, und nun gab es nichts, das sie für ihn tun konnte. Sie sollte sich wenigstens hinsetzen und bei ihm bleiben bis er tot war... Niemand sollte allein sterben, und er war schon viel zu lange alleine gewesen. Aber die Zeit war zu knapp. Sie hatte wichtigere Dinge zu tun. Nicht wissend, wie sie mit dieser Situation fertig werden sollte, wandte sie den Blick von ihm ab.
"Bitte, helfen Sie mir! Lassen Sie mich nicht allein!" bat er und klang gebrochen und verzweifelt. Sie verschloß sich ihre Ohren mit den Händen um seine Stimme nicht mehr hören zu müssen. Seine Tränen, sein Flehen und seine vorwurfsvollen Augen ignorierend wandte sie sich zum Gehen.
Harry – sie musste Harry helfen. Sie musste ihn am Leben halten und Ron, und ihre Eltern – wenn sie sich beeilte, könnte sie vielleicht Fred retten... oder Lavender... oder Tonks. Es war unmöglich, alle zu retten. So viele waren gestorben, verkrüppelt und verletzt worden, und es gab nichts, was sie tun konnte. Sie wusste nicht genug über Heilzauber, um irgendetwas Hilfreiches damit anzufangen, sie wusste nicht, was man gegen Naginis Gift unternehmen konnte. Tränen rannen über ihr Gesicht, als sie losrannte in dem verzweifelten Versuch, all dem zu entfliehen –dem Terror, der Verwüstung, dem Gemetzel. Wenn sie nur mehr gelernt hätte, mehr Bücher über fortgeschrittene Heilzauber gelesen hätte, vielleicht hätte sie dann gewusst, was zu tun war... Aber sie hatte nicht genug gelesen. Es war nie genug. Sie war noch immer hilflos, sie musste Leute sterben sehen, weil sie nicht wusste, wie sie sie retten konnte, musste Leute enttäuschen, die auf sie zählten. Egal, wie sehr sie sich auch bemühte, letztendlich versagte sie immer und ließ all diese Menschen im Stich...
Weinend erwachte Hermine aus ihrem Traum und drehte rasch ihren Kopf in ihr Kissen, um ihre Schluchzer zu ersticken und Luna nicht aufzuwecken. Sie brauchte immer eine Weile, um sich aus diesen Albträumen zu lösen und reale Erinnerungen von den quälenden Vorstellungen ihres überaktiven Geistes zu trennen. Dieses Mal waren die meisten Teile ihres Traumes reale Ereignisse gewesen, wie das, was in Godrics Hollow passiert war. In Wahrheit hatte Hermine nie gesehen, wie Nagini aus Bathilda Bagshots wieder zum Leben erweckten Körper hervorgebrochen war, wohl aber Harry, und ein paar Tage nach dem schrecklichen Erlebnis hatte er ihr von diesem Moment erzählt. Sie hatte seither die Bilder nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Nagini war zu einem festen Bestandteil ihrer Albträume geworden, genau wie Severus vermeintlicher Tod in der Heulenden Hütte.
Hermine hatte den sterbenden Mann tatsächlich zurückgelassen, aber sie hatte ihn für tot gehalten. Er hatte sie nicht angefleht – dazu war er gar nicht in der Lage gewesen. In Wahrheit hatte er auch nicht ganz so stark geblutet wie in ihrem Traum. Als würde das irgendwas besser machen. Sie hatte dennoch nicht Substantielles unternommen, um ihm zu helfen – abgesehen von dem kleinen, hautheilenden Zauber, der nicht mehr gewesen war, als eine wohlmeinende Geste.
Das meiste in diesem Traum hatte den wahren Ereignissen entsprochen. Das war nicht immer so. Manchmal geschahen noch schlimmere Dinge in ihren Träumen, wenn ihre Ängste und ihre Vorstellungskraft mit ihr durchgingen und sie mit 'was wäre wenn' Szenarios quälten, und ein Schicksal detailvoll ausmalten, dem sie nur knapp entronnen war.
Aber nein, daran durfte sie jetzt nicht denken... sie würde nur eine weitere Panikattacke bekommen. Stattdessen atmete sie ein paar mal tief ein, um sich zu beruhigen und mit dem Weinen aufzuhören. Sie war mittlerweile recht erfolgreich darin, ihr Schluchzen zu stoppen – die Monate im Zelt hatten sie gelehrt, weitgehend geräuschlos zu weinen. Aber wie um den erzwungenen Mangel an Geräuschen auszugleichen, dauerte es umso länger, bis auch ihre Tränen versiegten.
Hermine setzte sich auf und schlüpfte in ihre dicken Fellpantoffeln. Sie würde sich in die Küche hinunterstehlen und einen Hauselfen um heiße Milch mit Honig bitten. Das hatte ihre Mutter immer für sie zubereitet, wann immer sie als Kind aus einem Albtraum erwacht war, und Hermine fand das Ritual noch immer tröstlich.
Es war ohnehin sinnlos, jetzt zu versuchen, wieder in den Schlaf zu finden – sie würde die nächsten Stunden viel zu ruhelos sein. Bemüht, möglichst kein Geräusch zu machen, zog sie ihren Kimono-ähnlichen Morgenmantel an und ließ ihren Zauberstab in die Tasche gleiten. Der Hausmantel war ein Geschenk ihrer Eltern gewesen. Sie hatten nicht gewusst, dass er für einen Ort wie Hogwarts unzureichend war. Wolle wäre besser gewesen als die wunderschöne Seide, aber Hermine schätzte ihn dennoch.
Leise schloss sie die Tür hinter sich. Es war ein langer Weg von ihrem neuen Zimmer bis zur Küche, insbesondere deshalb, weil Hermine die dunklen, inneren Korridore mied, die mit Portraits gesäumt waren. Sie machten ihr Gänsehaut – sie konnte stets fühlen, wie unsichtbare Augen sie beobachteten, und es erforderte ihre ganze Willenskraft, nicht den Zauberstab zu ziehen und wahllos um sich zu hexen. Sie versuchte, so gut es ging, nur jene Gänge zu nehmen, die Fenster hatten, auch, wenn das einen Umweg bedeutete. Mit dem Mondlicht, das durch sie hineinfiel und alles in ein leuchtendes, silbriges Licht tauchte, hätten diese atmosphärisch wirken können. Aber das einfallende Licht warf auch lange Schatten, und zusammen mit der Stille, die auf den verlassenen Korridoren lag, war der Gesamteffekt eher ein bißchen unheimlich.
Hermine war nicht besonders wohl dabei, nachts alleine umherzuwandern, aber die Aussicht auf eine warmes Feuer in der Küche, wo einige der Hauselfen – diejenigen, die Hermine in Gedanken 'die Nachtschicht' getauft hatte – noch immer herumwerkelten, war zu verlockend. Es verlangte sie nach Gesellschaft, und wenn es nur die von Hauselfen war.
Die Aussicht auf Trost und Wärme fest vor Augen hastete sie leise durch das Schloss. Sie versteifte sich, als sie plötzlich Schritte näherkommen hörte. Wie erstarrt drückte sie ihren Rücken an die Wand und ließ ihre Hand zu ihrem Zauberstab in der weiten Manteltasche gleiten. Das Herz schlug ihr wild in der Brust, obwohl sie wusste, dass es vermutlich nur Filch war, der unter chronischer Schlaflosigkeit litt. Aber es klang nicht nach Filchs eher schlurfendem Gang. Die Schritte dieser Person waren leichter, aber entschlossener, und das Licht, das sich der Gangecke näherte, war auch nicht das gelbliche Licht von Filchs Öllampe, sondern das bläulich schimmernde Licht eines Zauberstabs. Und viel schneller als Filchs Füße ihn zu der Stelle getragen hätten, wo sie regungslos an der Wand harrte, fiel der Lichtschein blendend auf sie.
"Miss Granger?"
Hermine blinzelte. Der Atem, den sie angehalten hatte, entwich ihrer Kehle mit einem Seufzer der Erleichterung. "Professor Snape!"
Er senkte die Spitze seines Zauberstabs, sodass er ihr nicht mehr länger mitten ins Gesicht schien. "Was treiben Sie hier zu dieser Stunde in den Gängen?" fragte er, und klang dabei genau so, wie Professor Snape eben klang, wenn er einen Schüler mitten in der Nacht außerhalb seines Bettes erwischte. Aber dann weiteten sich seine Augen und eine steile Falte erschien auf seiner Stirn. Nicht die Ärger verheißende Falte, sondern die, die er zeigte, wenn er überrascht oder besorgt war. "Haben Sie geweint?"
Hermine fuhr sich über die Augen und dachte an ihren Traum... daran, wie sie ihn zum Sterben zurückgelassen hatte, auf dem Fußboden der Heulenden Hütte, in einer Lache seines eigenen Blutes, hilflos, schmerzerfüllt und ganz allein. Peinlich berührt merkte sie, dass ihre Tränen wieder zu fließen begannen.
"Es tut mir leid..." sagte sie, und wusste selbst nicht so genau, wofür sie sich entschuldigte: Dafür, dass sie regelwidrig nachts in den Gängen unterwegs war, dass sie schon wieder wie ein Schulmädchen vor ihm weinte oder dass sie ihm nicht beigestanden hatte, als er sie gebraucht hatte.
Er schien darüber auch verwirrt. "Wofür genau?"
Sie zog die Schultern hoch in einer Geste, die Unsicherheit und Unbehagen ausdrückte. "Ich... ich hatte einen Albtraum."
In seinem Gesicht zeichnete sich Verständnis ab. "Ich verstehe."
"Ich war auf dem Weg in die Küche... Mir ist nach einer Tasse heiße Milch und etwas Gesellschaft."
Er dachte einen Moment nach, winkte ihr dann entschlossen, ihm zu folgen. "Dann kommen Sie schon. Ich begleite Sie dorthin. Schüler sollten nachts nicht durch die Gänge stromern. Es ist eine Vorschrift, Miss Granger. Und wenn es Ihnen auch schwer fällt, das zu akzeptieren – sie gilt auch für Sie."
Sie fand es faszinierend, wie er es selbst dann schaffte, streng und abweisend zu klingen, wenn er etwas Nettes tat. War das der Grund, warum es nie jemand bemerkte? Achteten alle immer nur auf seine Worte, und nicht auf seine Taten? Sahen sie nur sein Stirnrunzeln und bemühten sich nie, herauszufinden, was es bedeutete? Wie leicht sie alle zu täuschen waren...
Hermine fühlte sich sofort sicherer und wohler, nun, da er in ihrer Nähe war. Allein, ihn herumlaufen und atmen zu sehen, milderte den Horror ihres Albtraumes, war es doch ein sehr greifbarer Beleg dafür, dass er am Leben war und dass sein grauenvolles Sterben nicht die Wirklichkeit war.
Ihr Professor kitzelte die Birne auf dem Portrait, das zur Küche führte. Seltsam, wie selbst diese Geste für ihn untypisch und unpassend wirkte. Hermine fragte sich, woran das wohl liegen mochte. Vielleicht daran, dass er sich aller Handlungen, die er nicht auch im Unterricht an den Tag legte – wie herumschreiten, spötteln, die Stirn runzeln und schimpfen – so seltsam gewahr schien, beinahe schon unangenehm berührt wirkte, dabei beobachtet zu werden?
Die Tür glitt auf, und sie betraten die riesige Küche mit den vier langen Tischen, welche jene oben in der Großen Halle widerspiegelten. Die Nachtschichtelfen sahen kurz auf, aber als sie den Professor erblickten, widmeten alle außer einem ihre Aufmerksamkeit wieder ihren Aufgaben. Wie Hermine von früheren Ausflügen in die Küche wusste, schienen diese darin zu bestehen, das Tafelsilber zu polieren, Servietten zu falten, Tischtücher zu bügeln und Kerzenleuchter mit frischen Kerzen zu bestücken. Hermine fragte sich des Öfteren, warum sie alles per Hand erledigten anstatt Magie zu benutzen, wo sie doch eindeutig zu sehr fortschrittlicher Magie fähig waren. Bisher war es ihr nicht gelungen, eine Antwort auf diese Frage zu finden.
Sie und ihr Professor setzen sich an den Tisch neben dem Kamin und baten den Elf, der sich offenbar für ihr Wohlbefinden zuständig fühlte, um eine Tasse Tee und ein Glas heißer Milch.
"Mit Honig bitte," setzte Hermine hinzu. "Danke sehr!"
Innerhalb kürzester Zeit standen zwei Tassen vor ihnen, und Severus zog seinen Stuhl zur Seite, sodass er sie ansehen konnte. Er streckte seine Beine aus und stützte seinen Arm auf den Tisch, Kinn in der Hand. Es war die ungezwungenste Pose, die Hermine ihn je hatte einnehmen sehen, und ließ sie vermuten, dass es nichts Außergewöhnliches für ihn war, mitten in der Nacht in der Küche zu sitzen.
"Warum sind Sie zu dieser Stunde noch auf, wenn es nicht Albträume sind, die Sie um den Schlaf bringen?" fragte sie, unfähig, ihre Neugier zu zügeln. Lehrer patrouillierten zwar die Gänge, um sicherzustellen, dass alle Schüler tatsächlich in ihren Betten waren, aber nur für ein oder zwei Stunden nach Schlafenszeit – nicht um fast drei Uhr morgens.
"Es ist Vollmond," sagte er nur, als wäre das eine Erklärung. Hermine warf ihm einen fragenden Blick zu.
"Nachdem ich zweimal erleben musste, wie unwissende Schüler nur um Haaresbreite einem Werwolf-Angriff entkommen sind, sehe ich mich außerstande, zur Ruhe zu kommen, solange der Mond noch am Himmel steht", gestand er widerstrebend. "Das einzige, was mich beruhigt, ist an seiner Tür vorbei zu gehen und ihn jaulen und winseln zu hören."
"Oh. Ja, ich kann mir vorstellen, warum Sie sich so fühlen..." Zwei Beinahe-Tod-Erfahrungen rechtfertigten sicher, wenn er sich wegen eines Werwolfs im Schloss Sorgen machte. Dass er – anstatt sich in seinen Gemächern einzuschließen – sicherstellte, dass sich der Werwolf hinter verschlossenen Türen befand und niemandem gefährlich werden konnte, war einmal mehr Beleg für seinen ausgeprägten Beschützerinstinkt.
"Nun wissen Sie, was mich in meinen schlaflosen Nächten umtreibt", sagte er und sah zu, wie sie einen Schluck aus ihrer Tasse nahm. "Möchten Sie darüber reden, was Sie um Ihren Schlaf bringt?"
Eigentlich nicht. Sie zog es vor, nicht einmal daran zu denken, aber das hatte ihre Träume nie daran gehindert, sie wieder heimzusuchen. Wenn sie es ihm erzählte... wenn sie den Terror in Worte fasste und auch Schuld, die sie fühlte, weil sie versagt hatte, ihm zu helfen... Er hatte ihr schon einmal Absolution erteilt: in der Nacht, in der sie ihn in seinem Büro aufgesucht hatte. Sie hatten damals nur kurz gestreift, was in der Heulenden Hütte passiert war, und er hatte umgehend ihre Schuldgefühle als unbegründet beiseite gewischt. Sie hatten es nicht wirklich darüber geredet. Aber wenn er ihre Schuld nun erkannte und ihr vergab, vielleicht würde sie ihn dann morgen nacht nicht wieder sterben sehen müssen, oder in irgendeiner anderen Nacht.
"Der Albtraum – ich habe von Ihnen geträumt...", antwortete sie, noch ehe sie überhaupt bewusst den Beschluss gefasst hatte, es ihm zu erzählen. Als sich seine Augenbrauen in Überraschung hoben, brach alles aus ihr hervor.
Sie erzählte ihm den Traum, beginnend in dem Moment, als sie sich in der Heulenden Hütte wiedergefunden hatte. Sie war noch nicht in der Lage, über Malfoy Manor zu reden. Selbst nach acht Monaten war die Erinnerung daran zu frisch, wie die Narben auf ihrem Arm, die sie sorgfältig bedeckt hielt. Die Erinnerung, die sie fast genauso oft heimsuchte wie Bellatrix and Greyback, war die von der Schlange, die ihn angriff, das viele Blut, ihr Unvermögen, mit der Situation umzugehen und das stumme Flehen, das sie ignoriert hatte. Er unterbrach sie nicht, hörte nur stillschweigend zu, aber einmal hoben sich seine Augenbraue noch ein Stück höher in völliger Verblüffung.
Erst, als sie geendet hatte und nach der Tasse griff, um die plötzliche Trockenheit in ihrer Kehle zu lindern, sprach er schließlich. "Nun, Miss Granger, es sieht so aus, als stünde ich in Ihrer Schuld."
"Was?" Hermine senkte überrascht ihre Tasse. "Haben Sie nicht zugehört?"
"Durchaus. Aber wie Sie sagten, es war ein Traum, und einiges hat sich nicht wirklich so zugetragen. Ich habe Sie nie gebeten, zu bleiben. Sicher ist Ihnen klar, dass ich das selbst dann nicht getan hätte, wenn ich gegen Ende noch bei Bewusstsein gewesen wäre und die Möglichkeit dazu gehabt hätte. Ich hätte Ihnen gesagt, dass Sie sich beeilen sollen und Potter beistehen, der eine Aufgabe zu erfüllen hatte. Mir war in dem Moment, als der Dunkle Lord über seinen Zauberstab zu sprechen begann, klar gewesen, dass ich sterben würde. Ich war bereit zu sterben. Aber Sie... Sie besaßen nicht nur die Geistesgegenwart, mir die Mittel zu geben, meine Mission zu retten... Sie haben auch mich gerettet."
"Nein. Ich habe Sie zurückgelassen."
"Erst, als Sie jeden Grund hatten zu glauben, dass ich bereits tot war, nachdem Sie meine Erinnerungen gesichert hatten. Ich wäre gestorben in dem Wissen, dass der Junge-der-sich-opfern-musste zumindest Dumbledores Botschaft erhalten würde, obgleich ich wenig Hoffnung hegte, dass er das Zusammentreffen mit den Dunklen Lord ohne den Elderstab überleben würde."
"Ihnen war immer noch nicht bewusst, dass Draco schon längst die Herrschaft über den Stab an Harry verloren hatte?"
"Nein. Sonst hätte ich den Dunklen Lord nicht so verzweifelt angefleht, mich nach dem Jungen suchen zu lassen. Als Voldemort mich entwaffnete, glaubte ich, auf ganzer Linie versagt zu haben. Ich hieß den Tod willkommen, Miss Granger. Gerade Sie werden sicher verstehen, warum das so war."
Das tat sie. Er musste sich gefühlt haben, wie sie sich fühlte angesichts ihres Unvermögens, ihn zu retten – oder ihre anderen Freunde, die in der Nacht gestorben waren: gelähmt vor Entsetzen, hilflos und erfüllt von Schuld darüber, selbst noch am Leben zu sein. Nun, da sie ihn so viel besser kannte als vorher, wusste sie auch, dass seine Scham und das Gefühl, nicht gut genug gewesen zu sein, in ihm noch viel stärker gewesen sein musste. Seine Aufgabe nicht erfüllen zu können und den Jungen zu retten, dessen Überleben jahrelang seine einzige Motivation gewesen war – er würde sich wie ein vollkommener Versager gefühlt haben. Wer wollte so leben? Wie konnte überhaupt jemand mit solchen Gefühlen leben?
"Und dennoch bin ich nicht gestorben", fuhr er fort. "Ich habe nie verstanden, was mich gerettet hat."
"Sie sagten, es sei Draco gewesen... und das Gegengift, das Sie schon die ganze Zeit über eingenommen hatten..."
"Ja, aber nichts von beiden hätte einen Unterschied gemacht, wenn ich schon auf dem Boden der Heulenden Hütte verblutet wäre, was mit den klaffenden Löchern in meiner Kehle eigentlich hätte passieren müssen. Ich hatte ein große Menge Blut verloren, aber dann schlossen sich die Wunden irgendwie. Ich habe es nicht verstanden – ich hatte keinen Zauberstab und war nicht mehr in der Lage, ohne ihn zu zaubern, nicht einmal einen untergeordneten Heilzauber. Aber jetzt weiß ich, was mein Leben gerettet hat – Sie waren es. Sie haben den wundenverschließenden Zauber gesprochen, und das sogar nonverbal."
"Ja, das habe ich. Aber der Zauber lässt nur eine ganz dünne Hautschicht über eine Wunde wachsen – genug, um während der Heilung Verschmutzungen zu vermeiden, aber nicht stark genug für eine Verletzung, die so schlimm ist, wie die Wunden an Ihrem Hals. Er kann kaum mehr als ein paar Minuten gehalten haben."
"Das hat er auch nicht. Aber er gab Draco genau die Zeit, die er brauchte, um mich zu finden. Er apparierte mich direkt nach St. Mungos in die Fürsorge des einen Heilers von dem er wusste, er würde alles in seinen Kräften Stehende tun, um mich zu retten – auch in dem Wissen, dass ich ein Todesser war. Genau wie Sie es taten. Sie haben mich gerettet. Hätten Sie diesen Zauber nicht gesprochen, wäre ich verblutet, ehe Draco zu mir gelangen konnte. Es gibt absolut nichts, wofür Sie sich schuldig fühlen müßten."
Hermine konnte einen Moment lang nichts anderes tun, als ihn schweigend anzustarren. Ihr armseliger Zauber hatte sein Überleben gesichert? Hatte sie es wirklich geschafft, wenigstens ein einziges Leben zu retten? "Und Sie sagen das nicht nur, damit ich mich besser fühle?"
Er zog ungläubig die Augenbraue hoch. "In all den Jahren, die Sie mich als Lehrer hatten – war ich jemals bekannt dafür, so etwas zu tun?"
Nicht wirklich. Aber er war auch nicht für Freundlichkeit bekannt gewesen, oder dafür, hilfsbereit zu sein oder mitfühlend. Und dennoch – er war hier... "Nun ja, ich wollte nur sichergehen, dass es nicht nur diese neue, verbesserte Version Ihrer selbst ist, die Sie das sagen lässt..."
"Machen Sie sich nicht lächerlich, Miss Granger! Es gibt keine neue und verbesserte Version meiner selbst." Resolut stellte ihr Professor seine Tasse ab und stand auf. "Wenn Sie nun Ihre Milch ausgetrunken haben, sollten wir besser wieder in unsere Zimmer gehen und etwas schlafen. Wir haben beide Unterricht morgen."
"Sehr wohl, Sir." Hermine stand gehorsam auf und folgte ihm aus der Küche. Die Kälte des Schlosses traf sie, sobald sie die Umgebung des wärmenden Feuers verlassen hatten. Am Tag zuvor hatte es zu schneien begonnen, und Hermines Kimono war nicht geeignet, sie vor der feuchten und kalten Luft in den zugigen Korridoren zu schützen.
Severus bemerkte ihr Zittern und seufzte. "Wenn Sie vorhaben, diese nächstlichen Ausflüge in die Küche fortzusetzen, Miss Granger, schlage ich vor, dass Sie in einen wärmeren Morgenmantel investieren. Schniefende und niesende Schüler in meiner Klasse sind unerträglich, noch mehr so in meinem Büro."
Wieder einmal wurden seine harschen Worte völlig davon unerlaufen, dass er seine eigene Robe auszog und sie fest um ihre Schultern wickelte. Der Stoff war von der Wärme seines Körpers erfüllt, und Hermine fühlte sich an ihre Okklumentikstunde erinnert, als er zum ersten Mal in ihren Geist eingedrungen war. Sie war von Wärme umfangen. Als zusätzlicher Bonus war das überraschend dicke und weiche Material von seinem Geruch durchzogen – einer Kombination aus Kräutern, Holzfeuer und Mann. Für jemanden, dessen Hygiene ständig in Frage gestellt wurde, roch er unglaublich gut. Hermine hatte den Gerüchten, er sei wasserscheu, sowieso nie geglaubt. Die Tatsache, dass sie nun einen noch leicht haftenden Geruch von Seife roch, wenn sie ihre Nase in ihre Schulter drehte, widerlegte diese These ebenfalls. Wenn es die Seife war, die ihm diesem Duft gab, dann wollte sie auch ein Stück davon haben. Oder sie würde einen Weg finden müssen, seine Robe für eine Weile zu behalten. Sicher hatte er noch einen Ersatzmantel und würde diesen hier nicht allzusehr vermissen?
"Danke!" sagte sie mit einem Anflug schlechten Gewissens. Er war so nett, und sie plante in Gedanken einen Diebstahl.
"Danken Sie mir nicht schon wieder, Miss Granger, es wird langsam ermüdend. Abgesehen davon versuche ich lediglich, das Risiko zu senken, selbst angesteckt zu werden – und meine Chancen steigen erheblich, wenn Sie die Robe tragen. Ich habe etwas mehr wärmendes Körperfett am Leib als Sie."
Klar! Hermine verbarg ihr Lächeln und antwortete nicht. Nur um sicher zu gehen, dass sie sich keine Erkältung einfing und an ihn weitergab, legte sie die Robe nicht ab, als sie kurz darauf wieder in ihr Bett schlüpfte.
Den Rest der Nacht schlief sie tief und fest, und ganz ohne Albträume.
