Zusammenfassung des vorherigen Kapitels

In ihrer zweiten Okklumentikstunde findet Severus beim Eindringen in Hermines Geist ein unterschwelliges Gefühl von Angst vor. Ein wesentlicher Aspekt davon ist eine starke Verlustangst, die, wie er herausfindet, zum Teil mit ihren Eltern zusammenhängt. Severus ist überrascht zu erfahren, dass Hermine sich selbst komplett aus ihren Erinnerungen gelöscht hat – mit unwissender Hilfe von Gilderoy Lockhart. Sie fühlt immenses Schuldgefühle, weil sie es nicht schafft, ihnen ihre Erinnerungen zurückzugeben. Severus konfrontiert Hermine auch mit der Feststellung, dass ihr Selbstwertgefühl ganz wesentlich auf ihrem Wissen und ihren Fähigkeiten gründet, weshalb vermeintliches Versagen es schnell in seinen Grundfesten erschüttert. In Bezug auf ihre Eltern ermutigt Severus sie, einen Weg zu finden, sie auch ohne Erinnerungen wieder zu einem Bestandteil ihres Lebens zu machen.

A/N: Das folgende Kapitel befasst sich sehr stark mit der Theorie der Legilimentik, die leider in den Harry Potter Büchern nie im Detail erklärt wurde. Eigentlich hätte das passieren müssen, denn ohne eine ähnliche Erklärung wie die, die mir gekommen ist, gibt es eine größeres Logikloch in den Büchern: Wie konnte Voldemort seinen Spion Snape – von dem er schließlich nicht wissen konnte, dass er ein Meister der Okklumentik war – als Spion nach Hogwarts schicken, wenn doch bekannt war, dass Dumbledore ein fähiger Legilimentiker ist?


Die feine Kunst der Legilimentik

"Guten Abend, Professor Snape", grüßte Hermine höflich, als sie am darauffolgenden Nachmittag das Büro ihres Zaubertränkelehrers betrat. Sie sollte heute das erste Mal Tränke für die Krankenstation brauen, und er musste ihr zuvor noch die nötige Einweisung geben.

Severus' Augen verengten sich, als er sah, dass sie mit nichts weiter als ihrem Zauberstab erschienen war. "Miss Granger?"

"Ja, Sir?" fragte sie unschuldig.

"Wann bekomme ich meine Robe zurück?" Er hatte höflich davon abgesehen, schon gestern danach zu fragen, in der Annahme, die sonst gut organisierte Hexe habe einfach vergessen, sie wieder mitzubringen. Da sie nun aber erneut ohne sein geliehenes Eigentum erschien, formte sich in ihm der leise Verdacht, dass wohlmöglich zwielichtige Absichten dahintersteckten. Schließlich war seine Robe zweckmäßig und warm, während ihr glänzender Seidenkimono zwar ein Hingucker war, aber den eigentlichen Zweck eines Morgenmantels nicht erfüllte.

"Oh, die... natürlich... Sehr bald!"

"Und warum nicht jetzt, wenn ich fragen darf?"

Sie trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen. "Nunja, die Sache ist die... Der Mantel war voller Sporen."

"Entschuldigung?" Perplex starrte er das Mädchen an, das nun zwar leicht errötete, aber dennoch entschlossen schien, die Sache auszufechten.

"Luna hat festgestellt, dass er violett leuchtet... eine Tatsache, die sie sehr überrascht hat..." Falls Luna verwundert gewesen war, überhaupt den Umhang des Professors unter Hermines Kopfkissen hervorlugen zu sehen, hatte sie das gut verborgen. Sie schien nicht mal bemerkt zu haben, wie peinlich berührt Hermine gewesen war, und wie panisch die Rädchen in ihrem Kopf rotiert hatten, um möglichst schnell eine halbwegs glaubwürdige Erklärung zu liefern – obwohl ziemlich klar war, dass es keine gab. Aber Luna hatte gar keine Fragen gestellt – sie war nur aufgeregt gewesen, festzustellen, dass die Robe in der Farbe seiner Aura strahlte, und hatte sofort Theorien entwickelt, die das seltsame Phänomen erklären mochten.

"Sehen Sie", setzte Hermine an, ihm diese ebenfalls verständlich zu machen, "Trübklebler selbst haben gar keine Farbe, was Luna vermuten ließ, dass es entweder Abfallprodukte oder Sporen sein müssen, die Ihren Mantel leuchten lassen. Sie hielt letzteres für wahrscheinlicher, und mir gefällt diese Erklärung, offen gesagt, auch besser. Schließlich ist es schon ein wenig ekelig, sich vorzustellen, dass man mit Kleidung umherlaufen könnte, die voller Trübkleblerexkrement ist – was auch noch jeder sehen kann, der noch nie eine Gemeine Ziepnister Infektion hatte. Sicher, diese Leute sind vermutlich eine unbedeutende Minderheit, aber dennoch... Ich wollte lieber sicherstellen, dass Ihre Robe sauber ist, ehe ich Sie Ihnen zurückgebe."

"Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht ganz folgen, Miss Granger... soll das heißen, Sie haben meine Robe den Hauselfen gegeben um sie reinigen zu lassen, da sie voller Exkremente war?"

"Nein, natürlich nicht! Wie ich schon sagte – Luna glaubt nicht wirklich, dass es Ausscheidungen sind. Sie hat versucht, sie von einem Ärmel abzuwaschen, was aber nicht ging. Das spricht stark dafür, dass es Sporen sind, von denen das Leuchten ausgeht. Offensichtlich lassen sie sich jedoch nicht durch Waschen von Stoff entfernen, weshalb Luna vorschlug, dass ich Ihre Robe noch eine Weile behalte. Meine eigene Astralprojektion sollte die Sporen in kürzester Zeit abgetötet haben."

Tatsächlich war Hermine sehr dankbar für diesen absolut plausiblen Grund gewesen, den Luna ihr geliefert hatte, um die Rückgabe seines Mantels noch ein wenig hinauszuzögern.

"Verstehe ich also richtig, dass Sie beabsichtigen, meine Robe zu tragen, bis sie frei von Miss Lovegoods postulierten Trübkleblersporen ist?" vergewisserte er sich.

Nunja, das war die grundlegende Idee: Den Mantel zu behalten, bis sein Geruch verflogen war und es keinen Sinn mehr machte, sich während des Schlafens daranzuschmiegen. "Wenn es Ihnen recht ist..." sagte Hermine höflich.

Die Hexe sah ihn mit einem scheinbar unschuldigen Gesichtsausdruck an. Aber nach sechs Jahren, in denen er sie unterrichtet hatte, kannte er ihn allzu gut und wusste, dass sie ihn nur zeigte, wenn sie etwas zu verbergen hatte. In diesem Falle vermutlich Hintergedanken, warum sie seine Robe nicht zurückgeben wollte. Aber, bei der Liebe Merlins, er hatte keine Ahnung, was für Motive dies sein könnten. Vielleicht hatte sie nicht die Mittel, sich selbst einen vernünftigen Morgenmantel zu kaufen? Hatte sie überhaupt noch finanzielle Mittel, nun, da sie praktisch keine Eltern mehr hatte? Noch etwas, um dass er sich ihretwegen Sorgen machen musste.

Severus presste sich mit zwei Fingern die Nasenwurzel. "Erwarten Sie nun im Gegenzug, dass ich Ihre Kleider trage, um eventuell daran haftende Sporen mit meiner Astralstrahlung abzutöten?" fragte er, innerlich mit sich ringend, ob er sie tatsächlich mit dieser hanebüchenen Erklärung durchkommen lassen wollte, um ihr wohlmöglich ein Eingeständnis finanzieller Nöte zu ersparen.

Hermine fiel es schwer, nicht amüsiert das Gesicht zu verziehen bei der Vorstellung. "Nein, Sir, natürlich nicht!" sagte sie ernst. "Selbst Luna fand, dass das unangemessen wäre."

"Merlin sei Dank!" Er schüttelte den Kopf und wurde das Gefühl nicht los, dass er gerade wie ein zahloser Tiger durch einen Reifen sprang. Aber angesichts der Umstände blieb ihm nichts anderes übrig, als ihr seinen Mantel zu überlassen, bis das Wetter wärmer wurde. "Kann ich darauf vertrauen, dass Sie das Tragen meiner Robe auf Ihr Zimmer beschränken?" fragte er sicherheitshalber. "Ich wage zu behaupten, dass weder Minerva noch Filch Ihre Erklärungen überzeugend finden werden, sollten Sie ihnen damit in den Korridoren über den Weg laufen..." Er wollte lieber nicht darüber nachdenken, was sie wohl stattdessen vermuten müssten.

"Darüber müssen Sie sich keine Sorgen machen, Sir", versprach Hermine beflissen. Solange weder der Hausmeister, noch die Schulleiterin unter ihr Kopfkissen sahen – und damit war eher nicht zu rechen – blieb ihre Beziehung über jeden Zweifel erhaben.

"Nun denn... Haben Sie vielen Dank für Ihre Bemühungen meinetwegen, Miss Granger", sagte Severus ironisch. "Was würde ich bloß ohne Ihre großzügige Hilfe tun?"

"Ich mache das gerne, Sir. Es freut mich, wenn ich helfen kann", versicherte sie, um eine ernsthafte Miene bemüht.

Severus brummte. "Damit können Sie sofort anfangen. Madam Pomfrey braucht einen Satz Anti-Flu-Trank. Sie sollten keinerlei Schwierigkeiten haben, ihn zu brauen."

"Jawohl, Sir." Hermine wandte sich in Richtung des Zaubertranklabors, aber anstatt den vertrauten Durchgang zu öffnen, der es mit seinem Büro verband, schwang ihr Lehrer seinen Zauberstab über das Regal mit all den Gläsern voller Abscheulichkeiten an der Wand links seines Schreibtisches. Zu ihrer Überraschung glitt es beiseite und gab den Blick auf einen weiteren, kleineren Durchgang frei. Er winkte ihr, ihm in den angrenzenden Raum zu folgen. "Dies ist mein privates Labor. Ich braue für gewöhnlich alle Tränke für Madam Pomfrey hier."

"Oh, wirklich sehr beeindruckend..." meinte Hermine, als sie die Einrichtung in Augenschein nahm. In der Mitte des Raumes stand ein Arbeitstisch mit marmorner Platte, an einer Wand waren unzählige, glänzende Kessel in verschiedensten Größen und Materialien fein säuberlich gestapelt, an einer anderen waren Regale voller fertig gebrauter Tränke, leerer Flaschen und Phiolen, um Tränke abzufüllen, und jede Menge Vorratsbehälter. Die Gläser hier waren kleiner als die im Zaubertränkelabor, aber Hermines wachen Blicken entging nicht, dass die Zutaten darin besonders rar und teuer waren.

"Nachdem meine Vorräte zweimal – in Ihrem zweiten, und erneut in Ihrem vierten Jahr – geplündert worden sind, bin ich dazu übergegangen, wertvollere Zaubertrankzutaten, wie zum Beispiel Baumschlangenhaut und Florfliegen, hier aufzubewahren," sagte er, mit nicht zu überhörender Betonung auf den besonderen Ingredienzien, die Hermine einst zum Brauen des Vielsaftrankes dringend benötigt hatte.

Sie hatte den Anstand, leicht schuldbewusst dreinzuschauen. "Das war vermutlich eine gute Entscheidung, Sir," sagte sie kleinlaut. "Ich hoffe, sie sind nun mit guten Schutzzaubern belegt?"

"Niemand außer mir kann die versteckte Tür öffnen, Miss Granger, und nur sehr wenige Leute wissen von ihrer Existenz."

Hermine trat an den großen Arbeitstisch in der Mitte des Raumes. Er sah fast genauso aus, wie die quadratischen Gruppentische im Schülerlabor – groß genug, dass man drei oder sogar vier Kessel gleichzeitig in Gang zu halten konnte und dennoch ausreichend Platz für die Vorbereitung der Zutaten hatte.

"Sie können alles hier benutzen, wenn Sie für den Krankenflügel brauen. Aber ich erwarte, dass Sie Ihren Arbeitsplatz in dem gleichen Zustand verlassen, in dem Sie ihn vorgefunden haben, nämlich makellos sauber. Wir wollen keine Verunreinigungen. Beim Brauen von Heiltränken ist Hygiene von äußerster Wichtigkeit."

"Natürlich. Das müssen sie mir nicht sagen. Meine Eltern waren Zahnärzte. Ich weiß alles, was man über Hygiene wissen muss. Tatsächlich bin ich froh, zu erfahren, dass Madam Pomfreys Tränke nicht im Schülerlabor gebraut wurden. Es kam mir immer sehr – unhygienisch vor."

Er schnaubte. "In der Tat. Nun dann, Miss Granger, Sie können anfangen. Ich werde den Blutbildenden Trank brauen und hier sein, falls Sie Hilfe benötigen."

Hilfe beim Brauen des Anti-Grippe-Trankes? Wohl kaum. Es war ein einfacher, aber arbeitsintensiver Trank, da er viele verschiedene Zutaten erforderte, die man schälen, schneiden, hacken und abmessen musste. Inzwischen war ihr die richtige Zubereitung von Disteln, Schlangenfängen, Granatapfelkernen und Ingwerwurzeln ins Blut übergegangen und erforderte keine Konzentration mehr. Das gleiche galt natürlich für den Zaubertränkemeister, der sich mit schlafwandlerischer Sicherheit an das Brauen des weitaus komplizierteren Tranks machte und dennoch beiläufig ein Gespräch begann.

"Da Sie es weder erwähnt haben noch um einen Trank baten... Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie auch nach gestriger Okklumentikstunde keine Kopfschmerzen hatten?" fragte er, als er sah, dass Hermine mit Eifer und in scheinbarem Wohlbefinden an die Arbeit ging.

"Gar keine – mir geht es gut", versicherte sie. "Warum fragen Sie das immerzu?"

"Weil der Geist eines Menschen nun mal nicht dafür vorgesehen ist, dass andere darin herumstochern. Er reagiert normalerweise mit starken Kopfschmerzen oder Migräne auf ein solches Eindringen von Außen."

Hermine zog die Stirn in Falten. "Heißt das, dass Voldemort Sie jedesmal mit Schmerzen zurückgelassen hat, wenn er in Ihren Geist eingedrungen ist?"

Sein Gesichtsausdruck war Bestätigung genug. "Wie schrecklich!" stieß Hermine hervor, und sah von den Schlangenfängen auf, die sie gerade in einem Mörser zerstieß. "Kein Wunder, dass Sie immer so schlecht gelaunt waren. Ich kann mir kaum vorstellen, dass Voldemort auch nur halb so behutsam war, wie Sie es mit mir waren, als er ihre Schilde attackiert hat."

Nein, behutsam war sicher nicht das Wort, das ihm im Zusammenhang mit dem Eindringen des Dunklen Lords in seinen Geist in den Sinn kam. Der Mann, der sich selbst gerühmt hatte, der größte Legilimentiker aller Zeiten zu sein, hatte keinerlei Geduld für die hohe Kunst der Legilimentik gehabt. Er war einfach rücksichtslos durch Severus' Schilde gebrochen und hatte an den zarten Fäden seines Geistes Stoff gezerrt, bis er gefunden hatte, was er suchte – oder besser gesagt das, was Severus willens gewesen war, ihm zu zeigen. Es war immer ein schmerzhafter Prozess gewesen, der ihn am nächsten Tag mit schlimmsten Migräneanfällen zurückgelassen hatte.

Als er zum ersten Mal in Hermines Geist eingedrungen war, war er sehr nah an der Oberfläche geblieben, was hätte erklären können, warum sie den Vorgang nicht als ausgesprochen unangenehm empfunden hatte. Aber gestern war sein Suchen ziemlich gründlich gewesen und war sehr in die Tiefe gegangen, und er hatte besonders sensible Erinnerungen berührt. Es wäre also zu erwarten gewesen, dass sie hinterher die Nachwirkungen deutlich gespürt hätte. Selbst Dumbledore hatte ihm jedesmal Kopfschmerzen verursacht, wenn er ihn in Okklumentik unterrichtet hatte. Und das hatte nichts mit dem Durchbrechen von geistigen Schutzwänden zu tun.

"Je stärker die Verteidigungsmechanismen einer Person sind, desto gewaltsamer muss der Angriff sein. Und es ist nicht alles rein mental, Miss Granger. Es gibt physische Auswirkungen. Man spricht nicht umsonst von Legilimentik als geistige Vergewaltigung."

"Ich habe nie gehört, dass jemand es so nennt."

"Nun, das erklärt Ihren Eifer, sich dem zu unterwerfen."

Hermine zog die Augenbrauen zusammen. "Es hat sich in keinster Weise so angefühlt!" widersprach sie. Ihr missfiel, dass er die einzige, funktionierende Methode, ihr Okklumentik beizubringen, mit etwas derart moralisch Verwerflichem verglich. Es war fast, als wolle er partout jede seiner Handlungen in einem schlechten Licht darstellen. "Nichts daran war gewaltsam oder gegen meinen Willen. Also vergleichen Sie es nicht mit dem, was Voldemort mit Ihnen gemacht hat. Dies hier ist etwas völlig anderes!"

Severus sah sie nachdenklich an. Der Gedanke war irrwitzig, aber vielleicht war sie tatsächlich auf einer interessanten Spur... Wenn man zwischen Legilimentik und körperlicher Intimität eine Ähnlichkeit sehen wollte – und der Vergleich drängte sich schon aufgrund der Umschreibungen für beide Vorgänge nahezu auf – wäre es nicht überraschend, wenn eine rücksichtsvollere Vorgehensweise und ein gewisses Maß von Bereitwilligkeit und Vertrauen zwischen den beteiligten Personen einen entscheidenden Unterschied darin machte, wie man das Eindringen eines anderen in den eigenen Geist empfand. Zweckbedingt war das Praktizieren von Legilimentik für gewöhnlich ein erzwungener Akt, der allein den Zweck hatte, Informationen aus dem Kopf eines unwilligen Anderen zu reißen.

Aber nun fragte er sich, ob es nicht vielleicht noch einen ganz anderen Aspekt der Legilimentik gab, den er nie in Betracht gezogen hatte... einen, über den verliebte, romantische Narren Epen schrieben: dem Verschmelzen zweier Seelen, dem spirituellen 'Eins-Werden' mit einer anderen Person. Er schüttelte abermals den Kopf, ehe sich solche lächerlichen Ideen festsetzen konnten. Über verschmelzende Seelen nachzudenken war nicht hilfreich in dieser besonderen Situation.

Hermine stellte das Schlangenzahnpulver beiseite und begann, die Zwiebeln zu zerkleinern. "Ich habe immer gedacht, Sie würden die ganze Zeit über unbemerkt die Gedanken von Leuten lesen."

Ja, ihm waren diese albernen Gerüchte auch zu Ohren gekommen, und er hatte alles in seiner Macht Stehende getan, um ihnen Nahrung zu geben. Aber natürlich war das völliger Blödsinn. "Warum sollte ich in die Gedankenwelt der halbwüchsigen Dummköpfe erforschen wollen, die ich unterrichte?" fragte er sie. "Die bereits aufgearbeiteten Gedanken, die es letztendlich aus ihrem Mund schaffen, sind schlimm genug. Ich habe keinerlei Bedürfnis, mir auch noch das unreflektierte Rohmaterial in ihren dicken Schädeln anzusehen."

"Aber Sie schienen immer eine Art sechsten Sinn zu haben – besonders in Situationen, die vermuten ließen, dass wir etwas Regelwidriges planten. Alle Gryffindors sind überzeugt, dass Sie Gedanken lesen können."

Er schnaubte. Sie hatten nie verstanden, dass seine Fähigkeit, Körpersprache zu lesen und seine Beobachtungsgabe völlig ausreichten, um in ihnen zu lesen wie in einem Buch. "Ich muss nicht in die Köpfe meiner Gryffindor Schüler blicken, um zu wissen, was sie gerade umtreibt. Sie besitzen die ganze Zurückhaltung und Diskretion von Erumpets in der Brunft und sind ungefähr genauso gut darin, ihre Gefühle zu verbergen. Es ist im Grunde nur eine Frage der Aufmerksamkeit. Gesichter, Augen, die Haut und die Körpersprache sprechen Bände und erzählen alles, was man wissen will."

"Aber könnten Sie Legilimentik an uns praktizieren, ohne dass wir es merken, wenn Sie es wollten? Um in meine Gedanken einzudringen habe Sie Ihren Zauberstab benutzt und die Zauberformel gesprochen, aber könnten Sie es auch ohne beides?"

"Legilimentik kann ohne Zauberstab und nonverbal angewendet werden. Wie alle Magie ist sie dann jedoch weniger präzise, und ohne den Fokus eines Zauberstabes wäre so ein mentaler Angriff für das Opfer sicherlich noch schmerzhafter und würde vermutlich eher Schaden anrichten. Aber selbst ohne Zauberstab und nonverbal angewandt – man wird immer merken, wenn jemand versucht, den eigenen Geist zu berühren." Er hielt einen Moment inne und überdachte diese Aussage. "Es sei denn, es handelt sich bei dem Betroffenen um Harry Potter..." setzte er dann hinzu.

Hermine sah verwirrt auf. "Was soll das heißen?"

"Ich habe einmal zauberstablose und nonverbale Legilimentik an ihm praktiziert. In Umbridges Büro, nachdem sie euch Bande von Unruhestiftern beim Einbrechen in selbiges erwischt hatte. Potter war ganz offensichtlich völlig aufgelöst und hat mich mental förmlich angeschrieen, um mich dazu zu bringen, in seinen Geist zu blicken."

Hermine erinnerte sich. Harry war damals überzeugt gewesen, Voldemort habe Sirius im Zaubereiministerium in seiner Gewalt. "Sie haben also in seinen Gedanken gesehen, was vor sich ging?"

"So klar zumindest, wie die Bilder Potters Geist waren. Wer, denken Sie, hat den Orden alarmiert? Ich habe nur nicht verstanden, warum Sie alle sich dennoch entschlossen haben, zum Ministerium zu eilen, nachdem Potter mich erfolgreich über das Geschehen in Kenntnis gesetzt hatte. Entweder, er vertraute mir nicht – was allerdings die Frage aufwirft, warum er mir überhaupt seine obskure, verbale Botschaft zukommen ließ – oder er hat nie bemerkt, dass ich in seinen Geist geblickt und alles gesehen hatte. Vielleicht war es seine Panik, die ihn dafür unsensibel gemacht hat, oder..."

Er machte erneute eine Pause und sann über eine andere Möglichkeit nach, die er nie zuvor in Betracht gezogen hatte. Bisher war er immer davon ausgegangen, dass Legilimentik grundsätzlich ein gewisses Maß an Schmerz verursachte, und daher unmöglich unbemerkt bleiben konnte. Aber Hermine – Miss Granger! – hatte gesagt, dass sich sein erster Versuch, ihren Schutzwall durch die Projektion positiver Emotionen zu überwinden, sogar gut angefühlt hatte. Wäre Legilimentik, wenn sie an einem willigen Geist ausgeübt wurde, trotzdem schmerzhaft? War es möglich, dass Potter sein Eindringen nur deshalb nicht bemerkt hatte, weil er unbewusst geradezu ersehnt hatte, Severus möge sehen, was in dem Moment in ihm vorging – ihn in seinen Gedanken sogar willkommen geheißen hatte?

Severus hatte keinerlei Erfahrung mit einvernehmlicher Legilimentik. Zwar hatte er seine natürlichen Verteidigungsmechanismen weitestgehend unterdrückt, wenn er dem Dunklen Lord gegenüberstand um das Ganze weniger schmerzhaft zu gestalten, aber sein Geisteszustand konnte dennoch kaum als 'willig' bezeichnet werden. Und obgleich er aus der Notwendigkeit heraus, Okklumentik zu lernen, zähneknirschend Dumbledores Eindringen über sich hatte ergehen lassen, so hatte er ihn doch danach nie wieder Zugang gewährt, sondern ihm, falls nötig, seine Erinnerungen im Denkarium gezeigt. Severus hatte den starken Verdacht, dass die Bereitwilligkeit, einen anderen in den eigenen Geist zu lassen, eher eine emotionale Offenheit sein musste, als lediglich die bewusste Entscheidung, nicht dagegen anzukämpfen.

"Oder...?" gab ihm Hermine das Stichwort, damit er seinen Satz beendete.

"Oder – und das ist nur eine naheliegende Vermutung – Legilimentik wird weniger invasiv, wenn der Legilimentiker im empfangenden Geist willkommen ist."

Er sah sie an, als hätte er gerade eine sehr gewagte These aufgestellt und erwartete, sie jeden Moment 'skandalös!' ausrufen zu hören.

Aber Hermine fand nicht, dass die Idee besonders revolutionär klang. "Nun, das ergibt auf jeden Fall Sinn", sagte sie lediglich, und zuckte die Schultern. Sie war nicht so abgeneigt gewesen, ihn in ihrem Kopf zu haben, wie Harry es damals gewesen war. Das würde erklären, warum er immer über Kopfschmerzen geklagt hatte und sie nicht. Allerdings war es auch gut möglich, dass ihr Professor einfach sehr viel rücksichtsvoller mit ihr umging, als er mit Harry gewesen war.

Hermine begann, ihren Kessel zu erhitzen und gab die Zutaten hinein, sodass sie vor sich hinköcheln konnten, während sie die Disteln zerstieß.

"Nun, so faszinierend diese Theorie auch sein mag", sagte ihr Lehrer, und rührte seinen Kessel mit präzisen, geübten Bewegungen. "Lassen Sie uns bei der praktischen Anwendung bleiben. Sagen Sie mir, was Sie in Ihrer letzten Okklumentikstunde gelernt haben."

"Oh, eine ganze Menge, denke ich!" sagte Hermine mit Begeisterung. "Ich verstehe nun, worum es dabei geht – was Sie genau tun."

"Tatsächlich?" fragte er skeptisch. "Und was könnte das sein?"

"Sie kartographieren meinen Geist."

Skepsis wich Erstaunen. "Bitte, fahren Sie fort."

"Nun, ich denke, abstrakt betrachtet ist mein Geist wie ein Stück Stoff. Ich habe versucht, ihn leer erscheinen zu lassen, wie Sie vorgeschlagen haben, aber ich war nicht besonders erfolgreich, da Sie Gefühlsfäden gefunden haben, denen sie gefolgt sind. Dadurch haben Sie verschiedene Gedanken und Erinnerungen gefunden, die damit verknüpft waren – quasi aus dem gleichen Material bestanden. Oder anders gesagt: Sie finden Erinnerungen, indem Sie den Emotionen folgen, die in ihre Entstehung geflossen sind. Meist ist es mehr ein einzelner Faden, der die unterschiedlichen Stellen in meinem Geist verbindet, sie sind ineinander verwoben. Von oben betrachtet würde mein Geist vermutlich wie ein bunter Wandteppich aussehen... Indem Sie die Fäden nachfahren, untersuchen welche Teile aus welcher Farbe sind und versuchen, das Muster auszumachen, offenbart sich Ihnen schließlich das ganze Bild – mein geistiger und emotionaler Zustand. Sie sehen also im Prinzip mich."

Severus war mehr als beeindruckt von ihrer Interpretation. "Herausragend, Miss Granger. Es sieht aus, als stecke doch mehr Kreativität in Ihnen, als ich angenommen hatte, denn ich bin sicher, dass dies keine Beschreibung ist, die Sie in einem Buch gefunden haben."

"Nein, überraschenderweise nicht", sagte sie und runzelte die Stirn. "Obwohl ich nicht verstehe, warum es so nicht erklärt wurde. Es hätte enorm geholfen." Sie gab die Disteln in den Kessel, dann ein wenig Flubberwurmschleim, und rührte eine Minute lang kräftig.

"Sie scheinen dem Irrglauben zu unterliegen, dass jeder Geist gleich ist", stellte Severus fest. "Das ist mitnichten der Fall. Eines jeden Menschen Gedankenwelt ist anders aufgebaut, und es ist auch keine feste, unveränderliche Struktur. Sie wissen bereits, dass die Visualisierung ein Aspekt der Okklumentik ist – ein Werkzeug, das Ihrem Geist eine bestimmte Erscheinung gibt, ein Mittel, das es Ihnen erlaubt, zu kontrollieren, wie andere ihn wahrnehmen und was darin passiert. Was bei Ihnen wie ein Wandteppich mit bunten Fäden aussah, gleicht Gebäuden oder Räumen bei anderen, sei es das Chaos im Raum der Verlorenen Dinge oder eine Bibliothek. Bei Ihnen hätte ich, ehrlich gesagt, Letzteres erwartet."

"Ich dachte, eine Bibliothek wäre kein gutes Gedankenkonstrukt", meinte Hermione, und entkernte den Granatapfel. "Sie ist sehr strukturiert und zugänglich, und aller Inhalt ist ordentlich sortiert." Dennoch, Hermine hatte mit einer mentalen Bibliothek geliebäugelt. Es war eine faszinierende Idee.

"Zu recht. Hätten Sie Ihren Geist wie eine Bibliothek aussehen lassen, wären Ihre Erinnerungen vermutlich in Kategorien wie 'Horror', 'Romantische Erzählungen' oder 'Phantastisches' einsortiert gewesen, oder in entsprechende wissensrelevante Regale, vermutlich auch noch in alphabetischer Ordnung. Ohne Frage hätte es auch eine 'Verbotene Abteilung' gegeben. Für den Zweck der Okklumentik ist das wenig hilfreich. Abgesehen davon würde nur ein sehr erfahrener Okklumentiker es überhaupt schaffen, eine solche Ordnung in seinem Geist zu bringen – es ist keineswegs einfach, seine eigenen Gefühle, Erinnerungen und Gedanken so klar zu benennen und zu sortieren."

Hermine reduzierte die Hitze unter ihrem Kessel, sodass sie einen Löffel Stachelschweinpastillen hinzugeben konnte. Nach fünf Umrührungen erhitzte sie ihren Kessel wieder und rührte sanft weiter.

Der Trank des Zaubertrankmeisters näherte sich dem Ende seiner ersten Brauphase, nach welcher er ein paar Stunden ruhen musste. Er trat zu ihr und half ihr mit den verbliebenen Samen, welche dem Trank nach Hinzugabe eine tiefrote Farbe verliehen und anzeigten, dass sich alle Zutaten erfolgreich verbunden hatten. Severus senkte die Hitze wieder, um den Kesselinhalt ein paar Minuten köcheln zu lassen, während sie damit begannen den Arbeitstisch aufzuräumen.

"Wie finden Sie sich als Legilimentiker denn zurecht, wenn jeder Geist so anders aussieht?" fragte Hermine, die mehr und mehr erkannte, dass Legilimentik viel komplizierter war, als sie ursprünglich gedacht hatte.

Ihr Lehrer zuckte die Achseln. "Das Grundlegende ist immer gleich. Man kann Erinnerungen und Gedanken aufspüren, indem man Emotionen folgt. Ein erfahrener Legilimentiker findet schnell heraus, wie ein Geist aufgebaut ist."

"Ich würde wahnsinnig gerne sehen, wie es in Ihrem Geist aussieht..." sinnierte Hermine, den Gedanken spontan laut äußernd. Ein Blick in sein Gesicht ließ sie sofort ihren Patzer erkennen. Sie hatte nicht vergessen, was Harry ihr über die Reaktion ihres Professors gestanden hatte, nachdem er heimlich einen Blick in dessen Denkarium geworfen hatte. Es war eine gravierende Verletzung seiner Privatsphäre gewesen, die umso schwerer wog, da er so überaus zurückhaltend mit allen privaten Dingen war. Hermine war sich sicher, dass er es nie vergeben würde. "Es tut mir leid – ich wollte nicht neugierig scheinen..." beeilte sie sich zu versichern. "Ich habe nur laut gedacht – habe mich gefragt, welches Erscheinungsbild Sie Ihrem Geist wohl gegeben haben... und wie es aus der Perspektive eines Legilimentikers aussieht. Es muss sehr effektiv gewesen sein, um Voldemort so lange erfolgreich zu täuschen..."

Hermine verstummte. Sie war sicher, er würde sie gleich zurechtweisen für ihre Unverschämtheit, verärgert darüber, dass sie die Regeln brach, die er ihrer Beziehung auferlegt hatte und zum wiederholten Male seine Grenzen in Frage stellte. Aber stattdessen sagte er mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck: "Ich denke, das ist keine schlechte Idee. Es könnte Ihnen ein besseres Verständnis des Ganzen vermitteln..."

In Wahrheit fand er, es wäre ein faszinierendes Experiment. Wenn er ihr erlaubte, in seinen Geist einzudringen – würde es sich so invasiv anfühlen, wie er immer angenommen hatte, dass es für Legilimentik typisch wäre? Oder würde seine Bereitwilligkeit den entscheidenden Unterschied machen?

"Wirklich? Meinen Sie das ernst?" Hermine gab sich keine Mühe, ihre Begeisterung für den Vorschlag zu verhehlen.

"Sie brauchen gar nicht so begierig dreinzusehen, Miss Granger. Ich garantiere Ihnen, dass Sie nichts sehen werden, was Sie nicht zu Gesicht bekommen sollen – Sie laufen also keinerlei Gefahr, Grenzen zu überschreiten. Sofern Sie überhaupt etwas finden." Er hob den Hitzezauber unter dem Kessel auf und setzte den fertigen Trank zur Seite, um ihn abkühlen zu lassen. "Lassen Sie uns in mein Büro gehen und sehen, wie weit Sie kommen."

"Aber ich weiß gar nicht, wie man Legilimentik anwendet..." wandte Hermine ein, die sich plötzlich ein wenig eingeschüchtert fühlte von der Aussicht, in den Geist ihres zugeknöpften Zaubertränkelehrers einzudringen. Es schien ein viel zu intimer Akt, intimer noch mehr, als ihn zu küssen. Genau wie er gesagt hatte, als sie ihn gebeten hatte, ihr Okklumentik beizubringen, erinnerte sie sich. Aber es war nicht das gleiche, oder, wenn es anders herum geschah? Sie war schließlich keine so unnahbare und extrem private Person wie er es war.

"Der Spruch selbst ist simpel", gab er zurück und winkte ihr, ihm in sein Büro zu folgen, wo er sich in seinen Sessel setze und ihr bedeutete, sich neben ihn zu stellen. "Sie kennen die Zauberformel; eine bestimmte Bewegung des Zauberstabes gibt es für die Beschwörung nicht. Normalerweise besteht die Schwierigkeit darin, die Schutzwälle zu durchbrechen. Nur ein geübter Legilimentiker kann das schaffen, andere stünden vor einer undurchdringlichen Wand. Aber für den Zweck dieser Übung werde ich keine Wände errichten. Also, kommen Sie näher – Sie müssen mir in die Augen sehen und meinen Kopf erreichen können."

Zögernd trat sie näher, bis sie schließlich zwischen seinen leicht gespreizten Beinen stand. Selbst diese Position schien zu intim. Sie fühlte sich seltsam befangen, als sie den Zauberstab an seine Schläfe hob und ihm in die Augen sah. Er schien viel ruhiger zu sein als sie. Anscheinend war er sicher, dass sie seine Privatsphäre nicht würde verletzen können.

"Legilimens!" flüsterte sie und fühlte sofort, wie sie in die dunklen Tiefen seiner Augen hineingezogen wurde. So, als wäre sie von einen Portschlüssel dorthin geschleudert worden, fand sie sich plötzlich auf einem einsamen Pfad mitten in einer Einöde wieder. Um sie herum war eine eher trostlose Landschaft, die vage an die schottischen Highlands erinnerte. In der Ferne konnte sie verschwommenen Strukturen ausmachen – es mochten Bäume oder Felsen sein. Es war windstill. Kein Laut war zu hören, keine menschliche Seele zu sehen. Es gab nichts, was ihr einen Orientierungspunkt hätte geben können. Der Himmel über ihr war von einem monotonen Grau, das in der Ferne mit der Landschaft verschmolz.

Hermine entschloss sich, einfach dem unauffälligen Pfad zu folgen, auf dem sie sich befand und zu sehen, wohin er führte. Aber wie weit sie auch ging, nichts schien je näher zu kommen.

Als spürte ihr Professor ihre wachsende Frustration und wollte ihr einen Hinweis geben, fühlte Hermine plötzlich eine leichte Brise, die sie sanft von der Seite anblies. Sie deutete es als Schubs in die richtige Richtung und entschied, mit dem Wind zu gehen anstatt dagegen anzulaufen. Wenn sie es darauf angelegt hätte, seine Geheimnisse zu finden, hätte sie vermutlich letzteres tun und bald schon gegen eine Sturm ankämpfen müssen.

Hermine verließ den Pfad mit dem Wind im Rücken, und näherte sich langsam einer der Strukturen, die sie vage aus der Entfernung gesehen hatte. Sie lief nun hügelabwärts, und die Landschaft begann sich zu verändern. Sie wurde sanfter, wärmer und hatte mehr Farbe. Das Grass war grüner und mit Wildblumen gesprenkelt. Es gab Bäume, deren Blättern raschelten und in deren Zweigen Vögel zwitscherten. Sie erreichte einen Hain, durch den sich ein kleiner Fluss schlängelte, und als sie sich ihm näherte, brach die Sonne durch die Wolken. Ihre Strahlen hoben sich gegen den Himmel ab wie goldene Säulen und sandten Lichtflecken auf das Wasser des Flusses, die dort wie blitzende Juwelen tanzten. Der Wind war zu einer milden, warmen Brise abgeklungen und trug den Duft von Blumen mit sich. Ein kleiner, sandiger Strand am Flussufer lockte zum Verweilen. Sie wusste, der Sand würde warm sein und sich perfekt ihrem Körper anschmiegen, wenn sie sich dort hinlegte. Es war so ein einladender, friedlicher und wunderschöner Ort...

Aber ehe sie dem Drang, sich im Sand auszustrecken, sich in der wärmenden Sonne zu aalen oder sich in das belebende Wasser des Flusses zu stürzen nachkommen konnte, frischte der Wind wieder auf und begann, sich um sie herum zu drehen. Er wurde zu einem Wirbelwind, der sie sanft hochhob und um ihre eigene Achse drehte, ganz so als würde sie disapparieren.

Als ihre Augen wieder gerade blicken konnte, fand sich Hermine zurück im Klassenzimmer wieder, in das überwältigte Gesicht ihres Lehrers blickend. Sie schwankte, einen Moment von Schwindel überkommen, und er streckte instinktiv die Hände aus und legte sie auf ihre Hüften um ihr Halt zu geben. Nur einen kurzen Moment später ließ er sie jedoch wieder los, als er sich ihrer kompromittierenden Position gewahr wurde. Hermine lehnte ihren Rücken gegen seinen Schreibtisch und fand nur mit Mühe ihr Gleichgewicht wieder.

"Wow..." sagte sie ein wenig atemlos. "Das war... unbeschreiblich." Nicht nur, dass sie in seinem Geist gewesen war. Sie konnte noch immer ein Kribbeln auf ihrer Haut spüren, wo er sie berührt hatte.

Severus räusperte sich und stand auf, plötzlich von dem Gefühl übermannt, Distanz herstellen zu müssen. Seine neue Theorie hatte ganz offensichtlich etwas für sich. Er hatte ihre Präsenz in seinem Geist gespürt, aber es war etwas völlig anderes gewesen, als Dumbledore oder den Dunklen Lord in seinem Kopf zu haben. In der uneinladenden, kalten und öden Landschaft, die sein Geist war, hatte sie sich warm und lebendig angefühlt, leuchtend und voller Farbe.

Nein, er würde ganz sicher keine Kopfschmerzen haben von ihrer Präsenz darin. Vielmehr verspürte er noch immer ein sanftes Prickeln dort, wo sie gewesen war, und es war weit davon entfernt, unangenehm zu sein. Ganz im Gegenteil. Er hatte es für klüger gehalten, das Erlebnis nicht weiter auszukosten, denn es war nicht vorherzusehen, was wohlmöglich geschehen wäre, wenn er ihr erlaubt hätte zu tun, wonach ihr anscheinend der Sinn gestanden hatte: sich ganz und gar in diesen verborgenen, gehüteten Winkel seines Bewußtseins einzunisten. Er hatte den starken Verdacht, dass es eine transzendente Erfahrung gewesen wäre.
Er goss sich ein Glas Wasser ein, da sich seine Kehle plötzlich viel zu trocken anfühlte. "So, Miss Granger," sagte er schließlich und bemühte sich, einen professionellen Ton anzuschlagen. "Haben Sie eine Vorstellung davon, was Sie eben gesehen haben?"

"Ja", hauchte sie, immer noch im Bann des Erlebten. "Sie haben mich zu einem glücklichen Ort in Ihrem Geist geführt. Anfangs war da nur Nichts – eine endlose Leere. Ich glaube, ich hätte Ewigkeiten ziellos darin herumwandern können, wenn Sie mich nicht geführt hätten."

"Leere ist der Schlüssel zum erfolgreichen Okkludieren", referierte er, nun ganz Professor, und schritt in seinem Büro umher als wäre er in seinem Zaubertränkeklassenzimmer. "Wenn der Legilimentiker keine Emotion auffangen kann, weiß er nicht, wohin er sich wenden muss. Aber das ist nur die Theorie. In der Realität kann sich niemand komplett von Emotionen freimachen. Sie können nur abgeschwächt werden, weniger offensichtlich zu Schau gestellt und schwerer lesbar gemacht. Wären Sie Legilimentiker, hätten Sie irgendwann etwas gefunden – ein Geruch, ein Geräusch, eine leichte Brise. Sie wären dorthin gegangen, wo das Terrain schwieriger wird, rutschiger, noch ungastlicher."

"Und ich vermute, der Wind wäre stark und böig gewesen, hätte mir ins Gesicht geweht, eisig und rauh..." sagte Hermine, ganz die eifrige Schülerin. "Oder ich hätte mich plötzlich in einem Moor wiedergefunden, oder in einer Nebelbank, die so dicht gewesen wäre, dass ich oben nicht von unten hätte unterscheiden können."

"Exakt. Ziel ist es, es dem Eindringenden so schwer wir möglich zu machen. Es sei denn, natürlich, Sie wollten den Eindruck erwecken, dass Sie gar nicht okkludieren."

"Das heißt, wenn Voldemort in Ihren Geist eindrang..."

"... Habe ich ihn nicht wirklich daran gehindert, die dunklen Stellen aufzusuchen. Ich habe nur sehr sorgfältig ausgewählt, welche Stellen er zu sehen bekam, und welche ich vor ihm verborgen hielt. Nach einer Weile dachte er, er wüsste genau, wo meine Schwachstellen lägen, wo meine dunkelsten Geheimnisse verborgen waren und wo er nach bestimmten Erinnerungen oder Gedanken suchen müßte."

"Aber ich habe überhaupt gar keine Erinnerungen oder Bilder gesehen..." sagte Hermine verwirrt, als ihr die Tatsache bewusst wurde. "Ich sah nur einen glücklichen Ort, aber ich habe keine Ahnung, welche Erinnerungen in seine Erschaffung geflossen sind..."

"Nein", sagte er, und seine Mundwinkel zuckten amüsiert. "Und ich werde es Ihnen nicht sagen. Hätte ich Ihnen erlaubt, länger zu verweilen und sich umzusehen, hätten Sie irgendwann Hinweise gefunden – vorausgesetzt, Sie hätten gewusst, wonach Sie suchen müssen." Er trat an seinen Schreibtisch zurück und gab mit einem Aguamenti-Zauber Wasser in den magischen Teekessel. Ein kurzes Antippen mit den Zauberstab und es verwandelte sich in Tee. Hermines Meinung nach war magisch gebrauter Tee nicht so vollmundig im Aroma wie das 'echte' Gebräu, aber er war trinkbar und schnell gemacht.

"Legilimentik und Okklumentik sind beides faszinierende Disziplinen", sagte sie. "Ich hätte das nie vermutet."

"Nun, so faszinierend die Theorie auch sein mag – lassen Sie uns den eigentlichen Zweck dieser Übung nicht vergessen, die darin besteht, dass Sie lernen, Ihren Geist zu verschließen", sagte er und schenkte ihnen beiden eine Tasse ein. "Wenn Sie an Ihre gestrige Okklumentikstunde zurückdenken – gab es da einen Punkt, an dem Sie das Gefühl hatten, als würden Sie Ihrem Ziel ein wenig näher kommen, mich in meiner Suche zu behindern?"

"Nein, ich glaube nicht. Ich wusste gar nicht, wo ich anfangen sollte."

"Nun, das ist nicht ganz korrekt. Tatsächlich haben Sie es zweimal beinahe geschafft, mich zu blockieren. Einmal, indem Sie mich mit einem konkreten Gefühl förmlich erstickt haben – oder, um beim Bild des Wandteppichs zu bleiben – indem Sie mich damit umwickelt und darin verstrickt haben, und einmal, indem Sie mich aus dem Gleichgewicht brachten, mich praktisch darüber zum Stolpern brachten."

"Wirklich?" fragte Hermine verwundert und nippte an ihrem Tee. "Ich habe gar nicht gemerkt, dass ich das getan habe."

"Vieles ist instinktiv. Unser Ziel ist es, Sie über das, was in Ihrem Geist vorgeht, gewahr werden zu lassen, sodass Sie die Vorgänge darin aktiv kontrollieren können."

"Ja, ich verstehe. Indem Sie in meinem Geist herumwandern, an Gefühlsfäden ziehen und die damit verknüpften Gedanken und Erinnerungen finden, zeigen Sie mir, woraus sie gemacht sind, wo sie herstammen und wie alles zusammenhängt. Es ist, als würden Sie mein Seelenleben analysieren, und da ich sehe, was Sie sehen, zeigen Sie mir so mein Design. Und darin liegt der Schlüssel zur Okklumentik, nicht wahr? Den Stoff zu kennen, aus dem der eigene Geist gewebt ist, ein Gefühl für die Textur zu bekommen, das Muster zu sehen, und die Schwächen und die Stärken darin zu erkennen."

"Auf den Punkt gebracht, Miss Granger. Ja, das ist der einzige Weg, Okklumentik zu lernen. Viele Zauberer, die sich selbst Okklumentiker nennen, sind einfach nur sehr gut darin, starke Schutzschilde um ihren Geist zu errichten. Aber das ist nur der erste Schritt. Der zweite besteht darin, Ihre Gedanken selbst dann noch zu verbergen, wenn Ihre Schilde durchbrochen worden sind, und das kann man nicht aus einem Buch lernen. Das Eindringen einer anderen Person in den eigenen Geist ist ein integraler Bestandteil des Lernprozesses. Und es ist vermutlich auch der Grund, warum es so wenige, echte Okklumentiker gibt. Nicht etwa, weil es nicht gelernt werden könnte, sondern weil es für den Lernprozess zwingend erforderlich ist, dass der eigene Geist offengelegt wird. Nicht viele Menschen sind bereit, sich darauf einzulassen."

"Ich wette, Voldemort hat das nie getan..."

"Ganz sicher nicht. Aber er war sehr gut darin, Schilde zu errichten, und glaubte, er sei auch ein passabler Okklumentiker."

"Oh! Das erklärt es endlich!" stieß Hermine hervor, die aussah, als hätte sie soeben eine Erleuchtung gehabt. "Ich habe mich immer gefragt, wie Voldemort einen seiner angeblich loyalen Anhänger als Spion ins feindliche Lager schicken konnte, wenn ihm doch bewusst sein musste, dass Dumbledore ein hervorragender Legilimentiker ist. Die Tatsache war allgemein bekannt. Es wäre doch ziemlich riskant gewesen... es sei denn, Voldemort hätte auch gewusst, dass sein Spion ein ebenso hervorragender Okklumentiker ist. Aber wenn er das wußte – wie hätte er Ihnen dann je trauen können?"

Severus nickte. "Der Dunkle Lord war demselben Irrglauben aufgesessen, wie Sie es anfänglich waren: Er dachte, beim Okkludieren ginge es lediglich darum, seinen Geist zu verbarrikadieren und ihn so vor Angriffen zu schützen. Ich hatte dafür ein angeborenes Talent, und genau wie Sie habe ich mir das Errichten eines Schildes aus Büchern beigebracht. Der Dunkle Lord wusste, dass ich in der Lage war, besonders starke Schutzwälle aufzubauen und auch unter Druck zu halten. Er hat sie selbst intensiv getestet und war sehr zufrieden, als ich es schaffte, mich seinen gewaltsamen Bemühungen, in meinen Geist einzudringen, fast 20 Minuten lang zu widersetzen. Diese okklumentische Begabung machte mich so wertvoll als Spion. Dumbledore wäre nicht in der Lage gewesen, Legilimentik an mir auszuüben, ohne auf Folter zurückzugreifen um meine Schilde zu durchbrechen, und der Dunkle Lord wusste, das war eine rote Linie, die Dumbledore niemals überschritten hätte."

"Wie ironisch, wenn man bedenkt, dass es vermutlich Dumbledore war, der Ihnen beibrachte, wie man richtig okkludiert... Ich nehme an, das fing an, als er Sie nach Ihrem Überlaufen wieder zu Voldemort sandte?"

Er nickte.

"Dann ist es kein Wunder, dass Dumbledore Ihnen immer vertraut hat! Nicht nur wegen des Versprechens, dass Sie Harrys Eltern gaben, sondern auch, weil er Ihr tiefstes Inneres kannte."

Weil? Eine seltsame Art der Betrachtung. Korrekt formulierte hatte Dumbledore ihm vertraut, obwohl er sein tiefstes Inneres geblickt hatte... Aber das konnte sie in ihrer Unschuld natürlich nicht erahnen.

"Warum hat Dumbledore Harry damals nicht selbst unterrichtet? Er musste doch gewusst haben, dass Unterrichtsstunden mit Ihnen als Lehrer niemals Erfolg haben konnten. Harry hat Ihnen nicht über den Weg getraut. Ausgerechnet Sie in seinem Kopf herumwühlen zu lassen, muss für sie beide die reinste Tortur gewesen sein, und hat vermutlich Harry in seiner Ablehnung nur massiv bestärkt."

"Ich vermute, Dumbledore hatte gehofft, es würde uns – würde mich – zu einem besseren Verständnis des jungen Mr. Potter zwingen."

"Nun, das scheint nicht so gut funktioniert zu haben..."

"Ich gebe zu, dass ich vermutlich zu – unaufgeschlossen gegenüber der Möglichkeit war, dass Harry nicht in jeder Beziehung seinem Vater gleicht. Ich habe es vorgezogen, meine Gefühle gegenüber Harry nicht näher zu untersuchen, sondern sie lieber so zu belassen, wie sie waren."

"Warum?"

Er seufzte. "Weil der Dunkle Lord erwartete, dass ich Hass für Potter empfand, und diesen Hass hat er auch vorgefunden. Ich hatte keinen Wunsch, mich dessen zu entledigen. Es war eine Sache weniger, die ich verstecken und um die ich mir Sorgen machen musste."

"Nun, offenbar sind Sie sich über Ihre Motive inzwischen im Klaren. Ich vermute mal, das ist ein Schritt in die Richtung, das Bild, das Sie sich von Harry willentlich gemacht haben, mit dem in Einklang zu bringen, was Sie vielleicht finden würden, wenn Sie sich heute mit ihm auseinander setzen. Harry hat sich im letzten Jahr sehr verändert."

Hermine wusste, dass dies zum Teil der Nahtoderfahrung geschuldet war, die, wie Harry ihr anvertraut hatte, vieles in eine andere Perspektive gerückt hatte. 'Ich habe keine Angst mehr, zu sterben', hatte er ihr während einer dieser seltenen Gespräche über die Ereignisse des Krieges gesagt. 'Warum sollte ich auch, wo ich doch nun weiß, dass das Leben nach dem Tod weiter geht? Dumbledore hatte Recht. Unsere Verstorbenen sind nicht fort. Sie sind nur in den nächsten Raum gerufen worden, in denen wir nicht folgen können, solange wir noch nicht an der Reihe sind.'

"Er ist sehr viel – erträglicher gewesen in diesem Jahr", räumte Severus widerstrebend ein.

Hermine grinste. "Er hat über Sie das Gleiche gesagt. Selbst Ron hat das zugegeben, obwohl er Sie immer noch gemein und einen Fiesling nennt."

"Nun, ich bin froh, dass ich nicht gänzlich meinen Charme verloren habe", bemerkte er trocken. Er sprach einen Tempus-Zauber und runzelte die Stirn, als er sah, wie spät es wieder geworden war. Die Zeit schien geradezu verflogen zu sein. "Es ist genug für heute," sagte er mit seiner autoritären Lehrestimme. "Morgen und übermorgen habe ich Schüler zum Nachsitzen hier und keine Zeit für Sie. Ich werden Ihnen eine Liste mit Tränken geben, die Sie auch in meiner Abwesenheit brauen können. Nun trinken Sie Ihren Tee aus und sehen Sie zu, dass Sie in ihr Zimmer zurückkommen, Miss Granger. Sie brauchen Ihren Schlaf."

"Sehr wohl, Sir", antwortete sie gehorsam.