Zusammenfassung des vorherigen Kapitels
Severus nimmt Hermine mit in den Verbotenen Wald, um Zutaten für Zaubertränke zu sammeln, wo sie beide von einem plötzlichen Eisregen überrascht werden. Als sie sich in seinem Büro wieder aufwärmen, hat Hermine einen peinlichen 'Unfall' mit einem Trocknungszauber.
In der nächsten Zaubertrankstunde fällt Hermine durch ungewöhnliches Verhalten auf. Sie hat erfahren, dass Severus ihren Ratschlag beherzigt und mit Harry das Gespräch gesucht hat, um ihre Beziehung auf neue Füße zu stellen. Severus hält sie nach dem Unterricht zurück um ihr von dieser Unterhaltung zu berichten, die zu seiner Überraschung recht gut verlaufen ist. In einem kurzen, innigen Moment bekräftigt Hermine ihren festen Glauben an die grundsätzliche Güte seines Herzens.
Schnüffeltrank, Schrumpelfeigen und Schlammblüterhass
"Mit Ihrer Erlaubnis würde ich heute gerne etwas anderes ausprobieren", sagte Severus, als sich Hermine, bereit für ihre dritte Okklumentikstunde, erwartungsvoll in ihrem Sessel plaziert hatte. "Etwas, das Ihnen helfen könnte, Ihre Wahrnehmung dafür zu schärfen, was in Ihrem Geist vorgeht." Er griff in die Schublade seines Schreibtisches und reichte ihr ein Fläschchen mit einer durchsichtigen Flüssigkeit. "Ich möchte, dass Sie das hier trinken."
Sie nahm die Phiole entgegen und besah sie voller Interesse. "Was ist das?"
"Ein Zaubertrank, der all Ihre Schilde in sich zusammenfallen lässt."
"Ich wusste nicht, dass es einen Trank gibt, der so etwas vermag..." sagte sie, ihr Gesichtsausdruck voller Fragen, aber bar jedes Anzeichens von Angst.
"Offiziell gibt es ihn auch nicht. Ich habe ihn vor langer Zeit für den Dunklen Lord entwickelt."
Der Blick ihres Lehrers war wie immer kontrolliert und verriet nicht, was er dachte. Aber Hermine hatte den Eindruck, dass er eine bestimmte Reaktion von ihr erwartete. "Warum haben Sie etwas entwickelt, das es ihm leichter machte, in den Geist anderer Leute einzudringen?" stellte sie die sich aufdrängende Frage – und hängte sogleich ein verstehendes "Oh!" hinten an, als ihr im selben Moment die Antwort klar wurde.
"Es gab einen Zeitpunkt, wo ich wirklich ein Todesser war, Miss Granger," sagte Severus mit düsterem Ton. "Die Herstellung dieses Trankes war eine Möglichkeit, ihm meinen Wert zu beweisen – und ihm für seine Unterstützung zu danken, die es mir möglich gemacht hatte, zum Meister meines Faches zu werden."
"Vermutlich hat der Trank sowieso keinen Unterschied gemacht," spielte Hermine seinen Beitrag zur Machtergreifung des Dunklen Lords herunter. "Ich meine – ein starker Legilimentiker wie er wäre auch ohne Hilfsmittel in jeden Geist hineingekommen. Mit so einem Trank musste er wenigstens nicht auf Folter zurückgreifen."
Severus schüttelte den Kopf. Sie hatte nicht verstanden. "Der Dunkle Lord brauchte keine Folter anzuwenden, um jemandes Schutzwall zu durchbrechen. Er ist einfach hineingestoßen – ihm war egal, welchen Schaden er dabei wohlmöglich angerichtete. Unglücklicherweise hat diese Vorgehensweise oftmals den Geist von Leuten beschädigt, die unschuldig oder gänzlich unwissend waren. Der Trank machte es möglich, in ihre Köpfe einzudringen, ohne dass sie Notiz davon nahmen. Zum damaligen Zeitpunkt war ich stolz auf meine Erfindung, sodass ich nicht behaupten kann, sie für ein übergeordnetes Wohl entwickelt zu haben. Aber nach der Rückkehr des Dunklen Lords stellte er sich als unerhoffter Segen heraus, da es wichtige Leute davor bewahrte, zu Befragungszwecken entführt und mit dauerhaften Gehirnschäden zurückgelassen zu werden. Alles, was es nun brauchte, um ihre Geheimniss zu ergründen, war ein erfahrener Legilimentiker mit der Möglichkeit, ihnen heimlich etwas ins Getränk zu geben. Oft war ich derjenige, den der Dunkle Lord zu diesem Zweck aussandte, was ein Glück war, da es mir die Möglichkeit gab, ihr gefährliches Wissen vor dem Dunklen Lord zu verbergen und sogar aus ihrem Geist zu löschen."
"Ich nehme an, Dumbledore wusste von dem Trank?"
Er warf ihr einen fragenden Blick zu. "Wie kommen Sie darauf?"
"Oh, ich glaube, ich bin gerade hinter das Geheimnis seiner Zitronendrops gekommen, und denke es war richtig, dass ich diesen Bonbons gegenüber immer sehr mißtrauisch war..."
"Sehr scharfsinnig, Miss Granger!" beglückwünschte er sie, wieder einmal beeindruckt von ihrem schnellen Verstand. Niemand, abgesehen von ihm selbst, hatte gewusst, dass Dumbledores Besessenheit mit Süßigkeiten mehr als ein komischer Spleen war, und dass der gütige Schulleiter nichts Schlimmes daran gefunden hatte, mit Hilfe unschuldig wirkender Bonbons ein wenig zu schnüffeln. Schließlich hatte er niemanden mit seinem gewonnenen Wissen schaden wollen, und war überzeugt gewesen, dass der Zweck wie üblich die Mittel heiligte. "Ich habe ihm nach meinem Überlaufen von dem Trank erzählt. Er ließ mich sofort an einem Gegenmittel arbeiten, um den Geist von Schlüsselpersonen und Ordensmitgliedern gegen unbemerktes Eindringen zu schützen. Ironisch, nicht wahr? Ich habe den ersten Trank entwickelt, um meine Loyalität zum Dunklen Lord unter Beweis zu stellen, und das Gegenmittel, um Dumbledore meine Loyalität zu erweisen."
"Hat Voldemort auch Sie diesen Trank trinken lassen?"
"Mich und alle seine Todesser. Er war sehr mißtrauisch nach seiner Rückkehr. Er hat den Trank ein paar Mal heimlich in mein Glas gegeben, um zu sehen, was er in meinem Geist vorfinden würde, wenn ich nicht auf sein Eindringen vorbereitet wäre. Er ahnte nicht, dass es für mich keinen Unterschied machte. Ich war inzwischen geübt darin, eine fremde Präsenz in meinem Kopf zu spüren, und da meine Abwehrmechanismen nicht darauf beruhten, Schilde aufrechtzuerhalten, war ich immer noch voll in der Lage, meine Gedanken zu okkludieren."
"Warum wollen Sie, dass ich den Trank nehme?" fragte sie, eher Neugier als Angst in der Stimme. "Sie schaffen es doch auch so, meine Schutzschilde zu überwinden."
"Schon, aber das erfordert Augenkontakt, kostet uns beide unnötige Energie und lässt Sie in dem Moment, da ich Ihre Schilde durchbreche, wissen, dass ich in Ihrem Geist bin. Ohne Barriere kann ich ohne Zauberstab und non-verbal Legilimentik ausüben, zu jeder Zeit, wie es mir beliebt." Abgesehen davon bereitete es ihm Unbehagen, ihre Schilde anzugreifen. Früher oder später würde sie einen Weg finden, sie so stark zu machen, dass er rohe Gewalt würde anwenden müssen. Er hoffte nur, dass sie bis dahin auch herausgefunden haben würde, wie sie ihre Schilde bewusst senken konnte.
"Hah! Also waren Sie doch in der Lage, die Gedanken der Schüler in Ihrer Klasse zu lesen, wenn Sie es gewollt hätten!"
"Nur, wenn ich ihnen zuvor den Trank in ihren Kürbissaft gegeben hätte. Er ist nur ein oder zwei Stunden wirksam, abhängig von der Dosis. Und abgesehen von der Tatsache, dass er schwierig und zeitaufwendig zu brauen ist, sind die Zutaten auch besonders teuer. Nichts, was man darauf verschwenden möchte, dem sinnlosen mentalen Gebrabbel von Teenagern zu lauschen."
"Was ist so schlimm daran, wenn ich bemerke, wann Sie in meinen Geist eindringen? Wäre das nicht sogar eher hilfreich?"
"Wenn man eine Attacke von außen abwehren will, ja. Aber darum geht es uns ja gar nicht. Ich will Ihre Wahrnehmungsfähigkeit steigern, sodass Sie ein Gefühl bekommen für die Unterschiede zwischen Ihren normalen Gedankenprozess und Gedanken, die scheinbar zufällig entstehen, weil sie von etwas – oder in diesem Falle eher von jemandem – ausgelöst wurde."
"Ich verstehe. Es ist nur ein anderer Weg, mir vor Augen zu führen, wie mein Geist arbeitet?"
"Das hoffe ich. Aber ich weiß nicht, ob diese Herangehensweise wirklich erfolgreich sein wird. Abgesehen von dem Jungen, an den meine Stunden völlig verschwendet waren, sind Sie die erste Person, der ich versuche, Okklumentik beizubringen."
"Haben Sie den Trank mit Harry benutzt?"
Er schnaubte. "Glauben Sie, er hätte etwas getrunken, das ich ihm vor einer Okklumentikstunde angeboten hätte? Ich bezweifele, dass er auch nur ein Glas Kürbissaft von mir angenommen hätte, selbst, wenn er kurz vor dem Verdursten gewesen wäre."
"Vermutlich, weil Sie ihm in seinem vierten Jahr gedroht haben, ihm Veritaserum einzuflößen..." mutmaßte Hermine.
"Vermutlich," stimmte er zu, und zog dann die Augenbraue hoch. "Nun – werden Sie den Trank nehmen, oder versuchen Sie gerade, mich weiterreden zu lassen, bis Sie herausgefunden haben, wie Sie sich aus der Situation herauswinden können ohne schlichtweg 'nein' zu sagen?"
Tatsächlich hatte er erwartet, dass sie geradeheraus ablehnen würde. Nicht, dass er es ihr zum Vorwurf gemacht hätte. Als er den Trank hatte nehmen müssen, hatte er wenigstens sicher sein können, dass sein Geist wehrhaft war. Sie hatte diese Gewissheit nicht und musste sich unbehaglich und ziemlich nervös fühlen.
Aber sie rollte nur die Augen, nahm das Fläschchen aus seinen Händen und leerte es in einem Zug. "Wow", murmelte sie mit milder Überraschung, "so ein potentiell übler Trank, und doch der erste, der halbwegs gut schmeckt."
Severus warf ihr abermals einen perplexen Blick zu. Würde sie je so reagieren, wie er es erwartete? Es war fast, als würde sie es geradezu darauf anlegen, ihn durcheinanderzubringen. Und dann, als wollte sie seine Theorie bestätigen, sah sie ihn mit nachdenklichem Blick an und sagte wie nebenbei: "Ist Ihnen eigentlich bewusst, dass – im Lichte Ihrer neuen Theorie über Legilimentik betrachtet – Sie mir gerade die magische Entsprechung einer Date-Rape Droge verabreicht haben?"
"Wie bitte?" Severus erstarrte in Schock.
Sie schien kein bißchen erschüttert. "Nun, wenn ein gewaltsames Eindringen in den Geist einer anderen Person eine Vergewaltigung ist, dann ist ein Zaubertrank, der einen Menschen einen solchen Akt nicht bewusst wahrnehmen lässt, genau das."
Severus stützte die Hände auf den Schreibtisch. Gütiger Merlin, sie hatte recht! Er hatte Legilimentik nie zuvor in einem sexuellen Kontext gesehen. Es war immer nur eine Waffe für ihn gewesen. Ja, es war unethisch, in den Köpfen anderer Menschen nach Geheimnissen zu wühlen, darüber war er sich immer im Klaren gewesen. Aber er hatte es dennoch getan, in der Überzeugung, dass es zum gegebenen Zeitpunkt nötig gewesen war. Mit seinem neuen Verständnis für die wahre Intimität von Legilimentik jedoch... mit dem nagenden Verdacht, dass es unter anderen Umständen etwas Unglaubliches sein könnte, etwas Phantastisches, Sakrosanktes... es machte die Anwendung des Trankes bei ihr zu Blasphemie. Er wollte lieber nicht näher darüber nachdenken, was alles falsch daran war.
"Warum, beim Barte des Merlin, haben Sie den Trank dann genommen?" Er musste sich gewaltig zusammenreißen, um sie nicht anzuschreien.
Sie schien immer noch nicht zu sehen, was ihn so aufbrachte. "Weil ich weiß, dass Sie weder mich noch meinen Willen verletzen würden," sagte sie schlicht, sich seines inneren Aufruhrs überhaupt nicht bewusst.
Severus ließ sich in seinen Stuhl sinken. Er hatte das Gefühl, ein eisernes Band um seine Brust zu spüren, das ihm den Atem abklemmte. Sie verstand es nicht. Wie könnte sie auch?
"Wir werden das hier beenden," beschied er. "Wenn Sie jetzt in ihr Zimmer gehen und dort für die nächsten zwei Stunden bleiben, ist alles in Ordnung."
"Was? Warum?" Sie sah ihn an, suchte in seinen Gesicht nach einer Erklärung und erkannte endlich, dass ihre Bemerkung ihn erschüttert hatte. Sie begann sofort, sich zu entschuldigen. "Ich hätte das über den Trank nicht sagen dürfen. Es war nur ein Gedanke, der mir plötzlich in den Kopf schoss. Ich wollte wirklich nicht andeuten..."
"Würden Sie bitte aufhören, sich ständig zu entschuldigen!" sagte er leicht gereizt. "Es ist nicht Ihre Schuld. Sie hatten recht."
"Nein! Hatte ich nicht! Es war dumm. Sie werden auch nichts anderes tun, als Sie zuvor getan haben, oder? Sie haben versprochen, dass Sie die Situation nicht ausnutzen werden. Es macht also keinen Unterschied, ob Sie in meinen Geist eindringen, nachdem Sie zuvor meine miserablen Versuche, ein wehrhafte Barriere zu bauen, überwunden haben, oder ob Sie hineingehen, ohne dass überhaupt eine Barriere da ist. Ich bin mir völlig darüber bewusst, was geschieht, und Sie haben meine Einwilligung, insofern ist der Vergleich völlig absurd. Es gibt keinen Grund, sich den Kopf zu zerbrechen. Bitte – ich will weitermachen."
Ihr Gesicht war wie immer zu lesen wie ein offenes Buch. Er sah keine der Emotion darin, die eigentlich da sein sollten: Unbehangen, Unsicherheit oder Angst. Nicht mal Nervosität, nur Ehrlichkeit, Vertrauen und Sorge um seine Gefühle. Er konnte das entweder akzeptieren oder sie ohne Erklärung fortschicken.
"Also gut," entschied er nach kurzer Besinnung. "Aber wir werden es folgendermaßen machen: Ich werde ausschließlich nach ganz spezifischen, nicht inkriminierenden Erinnerungen suchen, über die wir uns im Vorfeld einigen, sodass Sie genau wissen, worauf ich aus bin."
"Ich habe keine Einwände."
"Ich werde weder Ihren Gefühlen folgen, noch in Ihr Unterbewußtsein eindringen. Ich werde lediglich versuchen, Ihnen Gedanken zuzusenden, die Ihre eigenen Gedanken in eine bestimmte Richtung lenken."
Hermine nickte.
"Wenn Sie feststellen, dass Ihre Gedanken sich plötzlich der Erinnerung zuwenden, die ich zu finden versuche, werden Sie es mir sagen und ich werde den Versuch sofort abbrechen."
"Ja, ich verstehe."
Er schien angesichts ihrer Bereitschaft, seinen Anweisungen Folge zu leisten, ein wenig zu entspannen. "Also gut, wonach soll ich suchen?" fragte er. "Es sollte etwas Unbedeutendes sein, wie zum Beispiel... was Sie heute zu Abend gegessen haben?"
Hermine nickte, Gleichgültigkeit vortäuschend. Wenn sie jetzt zögerte, würde er die ganze Sache abblasen.
"Und wie wäre es mit Ihrer und Harrys letzter Unterhaltung?"
Natürlich musste er sich ausgerechnet das aussuchen! Sie fragte sich, ob es eine gute Idee war, ihn diese sehen zu lassen. Aber vielleicht war es besser, wenn er gewarnt wäre. Zaghaft nickte sie erneut.
"Ich habe versprochen, Ihre Privatsphäre zu respektieren," erinnerte er sie, bestrebt, seine Zusicherung zu erneuern. "Das gilt noch immer."
"Ich weiß."
"Nun, gut – dann lassen Sie uns ein paar Zaubertränke brauen."
Sie sah ihn verwirrt an. "Wir werden Tränke brauen?"
"Ja, natürlich. An meinem Schreibtisch zu sitzen und uns zwei Stunden lang tief in die Augen zu sehen, läuft irgendwie der Idee zuwider, dass mein Eindringen subtil und unerwartet sein soll."
"Ich dachte, Sie bräuchten Augenkontakt, um Legilimentik ausüben zu können..."
"Unter normalen Umständen ist es unmöglich, die instinktiven Verteidigungsmechanismen ohne Augenkontakt zu überwinden, es sei denn, die Person wäre mental außergewöhnlich schwach, oder der Legilimentiker ungewöhnlich stark. Aber aufgrund des Trankes haben Sie jetzt gar keine Schilde." Er sandte einen einzelnen, verirrten Gedanken an sie, das Bild eines weit geöffneten Scheunentores.
Sie reagierte nicht. Anscheinend fügte sich das Bild zu gut in ihren eigenen Gedankengang ein, um ihr überhaupt aufzufallen. Er sandte das Bild eines Affen, der ein rosa Ballettröckchen trug.
Einen Moment lang schien sie verwirrt, dann sah sie ihn fragend an. "Haben Sie gerade...?"
"Das, und das Scheunentor. Nur, um Ihnen einen Eindruck zu geben, wie es sich anfühlt. Ich werde versuchen, Ihre Gedanken auf das Abendessen und auf Ihr letztes Gespräch mit Harry zu lenken."
"Hören Sie auf, das zu sagen," beschwerte sich Hermine. "Ansonsten ist dieses Spiel ist zu Ende, ehe wir überhaupt richtig angefangen haben, weil ich sofort daran denken muss!"
Severus schmunzelte. "Dann lassen Sie uns zusehen, dass wir Sie ablenken... Kommen Sie!"
Er öffnete die verborgene Tür zu seinem privaten Labor und ging voran zum Arbeitstisch. Nachdem er einen Stagnationszauber auf den Kessel gelegt hatte, dessen Inhalt dort leise vor sich hinköchelte, begann er, den Tisch aufzuräumen um Platz für sie zu machen.
"Was haben Sie da gebraut?" fragte sie, immer sehr interessiert an seiner Arbeit.
"Oh – das... Das ist nichts."
"Nichts? Wie kann man denn Nichts brauen?"
"Nichts von Bedeutung." Er schob den Kessel beiseite, brachte die Utensilien, die gesäubert werden mussten, zum Spültisch und stellte die vielen Gläser mit den Zutaten, eins nach dem anderen, wieder ins Regal. Hermine fragte sich, warum er aussah, als wäre ihm das Thema unangenehm. Was für ein mysteriöser Trank mochte es sein, dass er nicht darüber reden wollte?
Sie nahm eines der verbliebenen Gläser um ihm beim Wegzuräumen zu helfen. Gänseblümchenwurzeln – die gehörten auf das oberste Brett. Als sie davorstand, mußt sich Hermine strecken, um es zu erreichen. Manchmal war es wirklich unpraktisch, eher klein zu sein. Sie hatte es fast geschafft das Glas auf das Bord zu schieben, als ihr Blick auf die Schrumpelfeigen fiel, die im Glas direkt daneben standen und ihre Aufmerksamkeit auf sich zogen. Sie sahen köstlich aus: tief purpurn, saftig und süß. Ein Bild der Siruptörtchen, die Ron so liebte, tauchte vor ihren Augen auf. Es gab sie oft zum Nachtisch, aber heute abend...
Als sie bemerkte, wohin ihr Gedankengang führte, wandte Hermine abrupt den Kopf zu ihrem Lehrer um. Die Bewegung brachte sie ins Wanken. Das Glas kippelte gefährlich und drohte, jeden Moment herunterzufallen, aber ehe das geschehen konnte, war er rasch mit erhobenem Arm hinter sie getreten. Mühelos schob er das Glas zurück auf das Regalbrett.
Hermine drehte sich um, und ihre Sinne überschlugen sich. Sie stand praktisch unter seinem Arm, sein Körper nur Zentimeter von ihrem entfernt, und sie vermeinte fast, seine Wärme zu spüren. Ihr fiel auf, wieviel größer er war als sie – ihre Augen waren ungefähr auf einer Höhe mit seinem Schlüsselbein, und sie passte bequem unter sein Kinn. Selbst physisch war der Mann ziemlich überwältigend, eine Tatsache, die sie aber seltsam anziehend fand. Er wirkte so standhaft und unerschütterlich, jemand, an den man sich gut anlehnen konnte. Sie hatten schon einmal so gestanden, und dann hatte er sie an sich gezogen und sie geküßt... Ihr Herz schlug schneller in der süßen Erinnerung an das, was sie so bemüht gewesen war, zu verdrängen. Der Wunsch, sich auch jetzt an ihn zu lehnen, seinen Geruch einzuatmen und seine Wärme zu spüren war groß. Als sie jedoch unwillkürlich eine Bewegung in seine Richtung machte, nahm er eilig seinen Arm wieder herunter und trat zu Seite. So schnell, wie der Moment über sie gekommen war, war er auch wieder vergangen.
"Vorsicht, Miss Granger," warnte er sanft, "Sie sollten besser Ihre Sinne beisammen halten..."
Sie war sich nicht sicher, ob er ihre Reaktion auf seine Nähe meinte, die Tatsache, dass sie beinahe das Glas hatte fallen lassen, weil sie abgelenkt gewesen war, oder seinen beinahe erfolgreichen Versuch, ihr die gesuchte Information zu entlocken. Sie entschied sich für Letzteres, wenn auch nur, um die leichte Anspannung aufzulösen, die mit ihrer emotionalen Aufruhr aufgekommen war.
"Das war ein ziemlich plumper Versuch!" sagte sie, bemüht, sich nicht anmerken zu lassen, wie rasch ihr Herz schlug. "Es gab heute Abend nicht mal Sirupkuchen."
Er gab keinen Kommentar, aber das Hochziehen seiner Augenbraue war bedeutungsschwer.
Als sie an den Arbeitstisch zurücktrat, nickte sie mit dem Kopf in Richtung des Kessels, den er mit dem Stagnationszauber belegt hatte. "Ist das da also ein streng geheimes Zaubertrankprojekt?"
"Natürlich nicht. Wenn es das wäre, würde ich niemandem erlauben, es zu sehen."
Wie seltsam – er vermied es tatsächlich, ihr eine Antwort zu geben! Sie wünschte sich fast, er hätte den Schnüffeltrank genommen. "Werden Sie es mir verraten?"
"Neugierig wie immer, Miss Granger, nicht wahr?" fragte er zurück und seufzte dann ergeben. "Nun denn, wenn Sie es unbedingt wissen müssen: Es ist einfach nur Zahnpaste."
"Zahnpasta?" Hermine zog die Stirn kraus. "Sie brauen Ihre eigene Zahnpaste? Warum kaufen Sie sie nicht einfach?"
Er warf ihr eine Blick voller Abscheu zu. "Haben Sie mal gelesen, was Muggel da alles hineintun?"
"Ja, habe ich... aber ich habe nicht mal die Hälfte verstanden."
"Genau mein Punkt. Es ist abstoßend."
Hermines Blick ging zu den anderen Gläsern, die er auf die Regale zurückgestellt hatte und hob ihre Braue. "Und Flubberwurmschleim ist es nicht?"
"Nein," behauptete er überzeugt. "Der ist harm- und geschmacklos und verursacht im Gegensatz zu den meisten Muggelprodukten auch keinen Krebs. Mit den zerpulverten Muscheln, den Gänseblümchenwurzeln und dem Zweispitzhornpulver wird es zu einer glatten, geschmeidigen Paste. Abgesehen von den möglichen Gesundheitsrisiken mag ich auch den Pfefferminzgeschmack nicht besonders, der für Zahnpasta obligatorisch zu sein scheint. Er ist viel zu stark und hängt einem ewig an den Geschmacksknospen, was auch den Geruchssinn beeinträchtigt. Kein Effekt, den man sich wünscht, wenn man Zaubertränke braut."
Hermine beugte ihren Kopf vor und roch an der Paste. "Die hier riecht ziemlich angenehm..." räumte sie ein, "zitronig. Und rieche ich da – Salbei und Lavendel?"
"Ja. Ich habe etwas Neues ausprobiert." Severus sah in ihrem Gesicht genau jenen Ausdruck, den sie für gewöhnlich zeigte, wenn ihr eine drängende Frage auf den Lippen brannte, sie aber nicht sicher war, ob es ihr erlaubt war, sie zu stellen. "Was?" fragte er, ahnend, dass er keine ruhige Minute mehr haben würde, ehe sie gefragt hatte, was auch immer ihr durch den Kopf ging.
"Es ist nur... als Sie sagten, dass Sie mehr Zeit für Ihre Forschungen wollten, habe ich nicht gedacht, dass es um Zahnpaste gehen würde..." sagte sie und klang leicht enttäuscht.
"Haben Sie etwas Revolutionäres erwartet? Ein Allheiltrank um Leuten wie den Longbottoms zu helfen?"
"Vielleicht, ja."
"Es gibt da ein paar Zaubertrankprojekte an denen ich arbeite, die Ihnen vermutlich mehr zusagen werden, eingeschlossen eines Trankes, der helfen könnte, verlorene Erinnerungen wiederzubringen. Aber diese Entwicklungen sind sehr komplex und bedürfen noch einiges an Forschung, und vor allem meine ungeteilte Aufmerksamkeit."
"Sie arbeiten an einem Trank, der vielleicht verlorene Erinnerungen zurückbringt?" Hoffnungsvoll sah sie zu ihm auf. Mit Sicherheit dachte sie an ihre Eltern.
"Dumbledore ließ mich daran forschen. Er hatte immer Angst, dass jemand mit unersetzlichem Wissen sich plötzlich mit einem gelöschten Gedächtnis wiederfinden würde." Der Trank war erst in der ersten, theoretischen Phase seiner Entwicklung. Er hatte einfach nicht die Zeit gehabt, neben seiner Tätigkeit als Lehrer und als Spion daran zu arbeiten. Und mit dem Tod des Dunklen Lords hatte er den Antrieb dazu verloren. Aber es gab keinen Grund, warum er nicht wieder anfangen sollte, daran zu arbeiten.
Dumbledore... Hermine sah ihn plötzlich vor sich in der großen Halle am Lehrertisch sitzen, wo er all die Jahre täglich bei den Mahlzeiten gesessen hatte. Noch immer fiel seine Abwesenheit dort schmerzhaft in Auge, wann immer ihr Blick zum Podium wanderte. Erst heute abend, als sie vor ihrem Teller mit...
Abermals weiteten sich alarmiert ihre Augen und ihr Blick flog hoch. Wie machte er das?
"Sehr gut, Miss Granger!" lobt er sie. "Sie scheinen den Dreh herauszubekommen... Nun, Madame Pomfrey hat mich gebeten, sicherzustellen, dass die Vorräte an magenberuhigendem Trank und Kater-Weg-Elixier gut über die Feiertage reichen. Holen Sie bitte die Gläser mit den Mönchskappen, Bitterwurzeln und Schrumpelfeigen aus dem Regal und beginnen Sie mit dem ersten Trank. Oder nein – lieber nicht die Schrumpelfeigen. Die Gläser aus dem obersten Fach hole ich selbst... zumindest solange, bis ich eine Leiter für Sie aufgetrieben habe."
"Kater-Weg-Trank?" fragte sie während sie die übrigen Zutaten holte. "Dürfen die Schüler, die im Schloss bleiben, denn zu Weihnachten Alkohol trinken?"
"Die Schüler nicht, aber die Lehrer. Und dann kommt ja auch noch Silvester. Nur zu – Sie können mit den Bitterwurzeln anfangen. Dünne Scheiben, bitte!"
Hermine unterdrücke den Drang, die Augen zu rollen und holte sich die Utensilien, die sie für ihre Aufgabe brauchte. Als ob sie das nach sieben Jahren in seinem Unterricht nicht wüsste! Der Magenberuhigungstrank war Stoff des zweiten Jahres. Er schmeckte abscheulich, wie die meisten Tränke, vermutlich aufgrund der Bitterwurzel. Sie hatte schon lange keinen mehr getrunken, obwohl sie häufig an Magenkrämpfen litt. Sie fragte sich, ob er vielleicht auch ihr helfen würde, obwohl ihre Problemen nicht Folge übermäßigen Schwelgens waren. Tatsächlich war eher das Gegenteil der Fall. Ihr Magen schien nach einem Jahr allgegenwärtigen Hungers nicht mehr zu wissen, was er mit Essen anstellen sollte und reagierte häufig mit Krämpfen auf die schwere Kost, die in Hogwarts serviert wurde – wie das Schmorgericht heute Abend. Sie hatte nichts davon gegessen.
"Sie haben nichts zu Abend gegessen?" fragte ihr Lehrer mit offener Mißbilligung. "Nachdem Sie schon das Mittagessen übersprungen haben?"
"Sie haben es herausgefunden..." Verdrossen hielt Hermine den Blick auf das Schneidbrett gesenkt.
"Es war geradezu lächerlich einfach. Ich vermute, ich kann Ihnen alles unterjubeln, wenn es in logischem Kontext verpackt und mit einer hübschen Frage verbunden ist."
"Sieht aus, als hätten Sie meine Schwäche gefunden."
"Sie war mir lange bekannt, Miss Granger. Und nun verstehe ich auch, warum Sie immer noch so dünn sind. Sie haben nicht genug zu essen bekommen während ihres ausgeprägten Campingausflugs letztes Jahr?"
"Wir waren die meiste Zeit irgendwo in der Wildnis, und mussten uns mit dem begnügen, was wir auf unseren Streifzügen so auftreiben konnten. Anfangs habe ich das wenige, was wir hatten, magisch vervielfacht, aber das war natürlich keine langfristige Lösung."
"Sie haben Nahrung vervielfacht?" fragte Severus fassungslos. "Das ist überhaupt keine Lösung! Ihnen muss doch bewusst gewesen sein, dass derart erschaffenes Essen Ihnen nur genau die Menge an Energie wiedergibt, die Sie zuvor bei der Verwandlung derselben in Kalorien aufgewandt haben! Es mag vielleicht kurzzeitig Ihren Hunger stillen und Ihrem Magen etwas zu tun geben, aber dafür müssen sie noch zusätzliche Energie investieren um es erneut zu verdauen!"
"Ja, mir war das sehr wohl bewusst – aber Harry und Ron nicht. Jedenfalls nicht, bis ich es ihnen gesagt habe." Sie hatten früher im Gryffindor Gemeinschaftsraum öfter mal einen Snack vervielfacht, um ihn teilen zu können. Allerdings war auch das war nur eine unelegante Notlösung gewesen, weil das Verwandeln von magischer Energie in etwas Stoffliches basierend auf der vagen Vorstellung, wie es aussehen und schmecken sollte, in der Regel Ergebnisse lieferte, die geschmacklich weit hinter dem Original zurückblieben. Andernfalls hätten Fred und George sich nicht so häufig in die Küche geschlichen. Harry und Ron hatten sich nie die Mühe gemacht, Gamp's Gesetz elementarer Transfiguration zu verstehen, die besagte, dass das Heraufbeschwören, Vervielfachen oder Verwandeln von Dingen grundsätzlich ein Umwandeln der Energie des ausführenden Zauberers in Materie war.
Severus schüttelte sprachlos den Kopf. Und er hatte gedacht, sie wäre so klug. Ihre Aufopferungsbereitschaft war wirklich grenzenlos. Kein Wunder, dass sie so dünn geworden war. Sie hatte nicht nur unter dem Nahrungsmangel gelitten, sondern auch noch ihre eigenen Energien in Essen für die Jungen umgewandelt, und sich dabei selbst ausgehungert. "Ich hoffe, Ihre geistig unterbemittelten Freunde waren wenigstens dankbar für das edelmütige Opfer, das Sie erbracht haben", sagte er schließlich mit einer Mischung aus Verdruss und Fassungslosigkeit über diesen Mangel an gesundem Menschenverstand. "Sofern sie überhaupt in der Lage waren, es zu ermessen."
"Sie tun ihnen schon wieder Unrecht," widersprach Hermine mißbilligend. "Harry und Ron waren tatsächlich sehr wütend auf mich, weil ich es ihnen nicht sofort gesagt habe." Unnötig zu erwähnen, dass es ihr danach nicht mehr erlaubt gewesen war, Essen zu vervielfältigen.
"Und Sie essen noch immer nicht ausreichend, weil Ihnen das Essen, das hier serviert wird, Magenprobleme bereitet?" Es war nicht verwunderlich. Die schwere Hogwarts Kost war darauf ausgelegt, die stets hungrigen Teenagern zu jeder Mahlzeit mit der größtmöglichen Menge an Kohlenhydraten zu versorgen. Damit das Essen gut runterging und schmeckte, war es für gewöhnlich auch reich an Fett.
Hermine zuckte die Achseln und fuhr fort, die Bitterwurzeln säuberlich in feine Scheiben zu schneiden. "Ich frühstücke und esse etwas Leichtes zu Mittag, aber das Abendessen liegt mir oft wie ein Stein im Magen, sodass ich noch schlechter schlafe."
"Wenn man über eine längere Zeit Hunger gelitten hat, muss man langsam wieder anfangen, seinen Magen an Nahrung zu gewöhnen, und zwar mit leicht verdaulicher Kost. Ich werde mit Minerva reden. Die Hauselfen sollten in der Lage sein, Ihnen etwas entsprechendes zuzubereiten. Aber bis sie wieder normal essen können, sollten Sie einen Nährstofftrank zu sich nehmen."
Er ging zur anderen Schrankseite und nahm eine Flasche heraus, die er vor sie stellte. "Hier, die können Sie mitnehmen. Madame Pomfrey kann Ihnen mehr geben. Der Trank enthält auch Zutaten, die magenberuhigend wirken. Sie müssen Ihre physischen Reserven zurückbekommen, oder Ihr Körper wird weiter an Ihren magischen Energien zehren."
Ohne Erklärung ging er abrupt in sein Büro zurück, wo er Flohpulver in den Kamin warf und kurz seinen Kopf in die Flammen steckte. Hermine konnte nicht hören, mit wem er sprach, aber kurz nachdem er wieder an den Arbeitstisch zurückgekehrt war, kam mit einem plötzlichen Knallgeräusch die Erklärung. Ein Hauself erschien – mit einem leicht ängstlichen Ausdruck im Gesicht und einem Tablett mit Sandwiches und Kürbissaft in seinen Händen. Er stellte es auf dem Tisch ab und verschwand, ehe jemand 'Danke' sagen konnte. Entweder war das ein Beispiel für Hauself-Arbeitsethik, oder das arme Ding war vom Zaubertränkelehrer ebenso eingeschüchtert wie Neville.
"Essen Sie!" befahl Severus, als er ihren leicht verwirrten Gesichtsausdruck sah. "Sie können es sich nicht erlauben, Mahlzeiten zu überspringen. Die Sandwiches sollten leicht genug sein. Und geben Sie mir die Wurzeln, damit ich sie währenddessen fertig schneiden kann."
"Ja, Sir."
Während Hermine gehorsam ein Hühnchensandwich aß, begann er damit, beide Zaubertränke gleichzeitig zu brauen. Die Zubereitung der Zutaten ging im so leicht und schnell von der Hand wie einem Fernsehkoch. Er schien überhaupt nicht unter Druck zu geraten, obwohl er zwei Tränke auf einmal im Auge behalten und regelmäßig umrühren musste.
Während der Stille, die zwangsläufig eintrat, während sie aß, versuchte Hermine verzweifelt, an etwas anderes als an ihre letzte Unterhaltung mit Harry zu denken.
"Ich hatte neulich eine interessante Unterhaltung mit Draco," sagte sie zwischen zwei Bissen, glücklich ein gänzlich anderes Thema gefunden zu haben, auf das sie ihre Aufmerksamkeit lenken konnte.
"Ist das so?" fragte er mit leichter Belustigung, sich völlig darüber bewusst, was sie versuchte.
"Über die Vorurteile, die Reinblüter gegenüber Muggelgeborenen haben", bekräftigte sie unberirrt. "Ich habe ihn gefragt, wie er je glauben konnte, dass Menschen wie ich minderwertig seien, wo er diese Theorie doch jeden Tag im Unterricht widerlegt sah."
Severus sah kurz von seinen Kesseln auf. "Und was hat er geantwortet?" fragte er interessiert.
Hermine leerte ihren Mund. "Er hat die Augen gerollt und gesagt – ich zitiere: 'Du verstehst es immer noch nicht, oder, Granger? Es hatte nie etwas mit dem Blut zu tun'."
"Natürlich hatte es das nicht," stimmte ihr Lehrer nüchtern zu. "Ich glaube, nicht einmal der Dunkle Lord selbst hat diesen Unfug geglaubt, zumal er selbst ein Halbblut war. Der einzige Grund, warum Verfechter der Reinblüter-Überlegenheit gegen Muggelstämmige ins Feld gezogen sind, ist die Tatsache, dass sie in ihren Augen eine Bedrohung sind."
"Ja, genau das hat Draco auch gesagt," sagte Hermine lebhaft. "Dass Muggelstämmige ihre Werte, ihre Traditionen und ihre Existenz bedrohen. Aber das ist völliger Schwachsinn. Ich bedrohe niemanden."
"Nein?" fragte er ungläubig und hob seine Augenbrauen. "Sie, Miss Granger, sind der Inbegriff einer Bedrohung. Sie sind ein Musterbeispiel dafür, wie Muggelwerte die Lebensweise von Zauberern herausfordern. Sie sind eng befreundet mit einem Werwolf und einem Halbriesen. Sie machen sich für gleiche Rechte nicht-menschlicher magischer Wesen stark. Sie haben in Ihrem vierten Hogwartsjahr versucht, die Hauselfen zu befreien!"
"Schon, aber ich sehe immer noch nicht ein, was daran falsch sein soll!" verteidigte sich Hermine. "Zugegeben, ich habe damals nicht verstanden, dass die meisten Hauselfen meine Bemühungen nicht zu schätzen wussten und nicht befreit werden wollten. Aber nichtmenschliche Wesen werden in der Tat von Zauberern unfair behandelt, das können Sie nicht leugnen."
Sie dachte an Dobby, der nur Dank Harry der Mißhandlung durch die Malfoys entkommen war, an Winky, die Arme, die nicht mehr die gleiche war nachdem ihr Besitzer sie verstoßen hatte, und an Kreacher, der bei der fürchterlichen Hexe, der er hatte dienen müssen, ein unverschämtes, vorurteilsbeladenes und unfreundliches Wesen entwickelt hatte. Nun, da Harry ihn mit Respekt und Freundlichkeit behandelte, war der Elf nicht wiederzuerkennen. Er war Harry inzwischen genauso hingebungsvoll zugetan wie seinerzeit Dobby. Hermine fragte sich, was Draco wohl daraus schließen mochte, der nie den Sinn darin gesehen hatte, freundlich mit Hauselfen umzugehen. Er würde vielleicht bald Gelegenheit haben, die Dynamik in der Beziehung der beiden zu beobachten... Erst kurz vor dem Abendessen hatte Harry vorgeschlagen...
Hermine sah ruckartig auf. "Oh nein – das tun Sie nicht!"
Er verzog selbstzufrieden die Lippen. "Ich hatte Sie beinahe."
"Beinahe," räumte sie ein und aß den Rest ihres Sandwiches auf. "Aber Sie spielen nicht fair. Wie soll ich Gedanken auffällig finden, die nur eine logische Konsequenz meiner eigenen Überlegungen sind? Ich glaube, unsere Art zu Denken ist einfach zu ähnlich, als dass mir die untergeschobenen Gedanken als ungewöhnlich auffallen würden."
"Das wage ich doch sehr zu bezweifeln, da mir die meisten Ihrer Gedankengänge völlig unverständlich sind – ganz zu Schweigen von den Schlussfolgerungen, die Sie daraus ziehen."
"Wenn das einer so intelligenten Person wie Ihnen nicht gelingt, nehme ich das einfach mal als Kompliment für meinen Intellekt." Hermine stellte das Tablett beiseite und griff nach den Schrumpelfeigen, um sie zu schälen. Er konnte unmöglich die Früchte vorbereiten während er die zwei Kessel im Auge behielt, egal, wie talentiert er war. Schrumpelfeigen zu enthäuten war eine mühsame und schmutzige Arbeit. Verwunderlich eigentlich, dass er solche Tätigkeiten nicht auch an Hauselfen delegierte. Es waren eine Menge unangenehmer, arbeitsintensiver Zubereitungen von Zaubertrankzutaten von Nöten – die Extraktion von Käferaugen, Spinnenbeinen oder Bubotubler-Eiter – und dennoch hatte sie nie gesehen, dass er Hauselfen befahl, diese Aufgaben für ihn zu erledigen. Oder tat er das doch?
Sie fragte ihn, aber er schüttelte den Kopf. "Hauselfen habe ihre eigene Magie, mit der sie die ihnen übertragenen Aufgaben erledigen. Aber man kann die Zutaten für Zaubertränke nicht mit Magie vorbereiten. Das führt zu unvorhersehbaren Ergebnissen."
"Aber wenn es möglich wäre, würden Sie es dann Hauselfen machen lassen?"
"Vermutlich nicht. Ich habe genug Schülerhände zur Verfügung, falls ich sie brauche. Abgesehen vom praktischen Aspekt hoffe ich immer, dass es ihnen einen gewissen Respekt für die Rohstoffe einflößt, die sie so gedankenlos verschwenden, wenn sie in ihre Zaubertränken ruinieren."
Sie erinnerte sich daran, dass er die Kessel selbst reinigte, die Seife statt Magie erforderten, aus Rücksicht auf die zarte Haut von Hauselfen. Aber er war da nicht beispielhaft. Die meisten Zauberer hätten solche Skrupel nicht.
"Es sind nicht nur Hauselfen, die Zauberer oft schlecht behandeln," versuchte sie es mit einem anderen Beispiel. "Denken Sie nur an Remus und wie unfair er behandelt wird."
"Es ist Ihr Muggelglaube an Gleichheit und Fairniss, der Sie so denken lässt," widersprach er. "Muggel haben es nur mit anderen Menschen zu tun – sie waren nie gezwungen, ihr Verhältnis zu anderen denkenden, ich-bewußten Wesen zu definieren – insbesondere nicht zu Spezies, deren bloße Existenz eine Bedrohung für sie darstellt. Vampire ernähren sich von menschlichem Blut. Riesen, Werwölfe und viele andere Kreaturen betrachten Menschen als Beute. Und dann gibt es da noch die Gesellschaftsformen von anderen fühlenden Wesen, die ganz anders aufgebaut sind, als die Gesellschaft von Zauberern, wie die von Wassermenschen oder den Zentauren. Gleichheit und Fairness sind keineswegs ein Wertekonzept, das von allen geteilt wird."
"Dann ist es eine gute Sache, wenn Muggelgeborene diese Überzeugungen in Frage stellen", insistierte Hermine, deren Hände mittlerweile mit einer klebrigen, lilafarbenen Substanz überzogen waren. Sie fragte sich, ob er eine bessere Methode wusste, die ledrige Schale abzubekommen, ohne eine Schweinerei zu veranstalten. "Jede Kultur braucht Querdenker und Rebellen – Leute, die entgegengesetzte Positionen einnehmen und die Leute dazu bringen, ihre eigenen Überzeugungen zu hinterfragen, die sonst wie in Stein gemeißelt wären. Die Zaubererwelt hat ohnehin zu wenige davon. Das ist vermutlich auch der Grund, warum die Zauberergesellschaft in vielerlei Hinsicht noch so rückständig ist."
"Sie verändert sich verglichen mit der Muggle-Gesellschaft sehr viel langsamer. Der Grund dafür ist simpel: Der Einfluß von Technologie zwingt Muggel zu schnellen Veränderungen – immer neue Erfindungen revolutionieren stetig den Alltag, und infolge dessen auch ihre Werte und Überzeugungen. Und da die Muggelwelt so viel größer ist als die kleine, isolierte Welt in der wir Zauberer leben, ist auch der Einfluß aus anderen Kulturen größer. Die Muggel-Gesellschaft ist ständigen Änderungen unterworfen, erfindet sich täglich neu. Zauberer brauchen das nicht. Die gleichen Wärmezauber, Heilzauber und Kampfzauber, die im Mittelalter gewirkt haben, funktionieren heute noch genauso gut wie damals."
"Nun, das erklärt, warum die Zaubererwelt noch so – viktorianisch ist – aber was ist so falsch an ein wenig Einfluss von Außen?
Severus schüttelte den Kopf, und fragte sich, wie er ihr das begreiflich machen konnte. "Sie mögen es als Bereicherung oder Modernisierung betrachten", sagte er, und hatte seine Absicht, etwas über ihre Unterhaltung mit Harry herauszufinden, längst in der Hitze der Diskussion vergessen. "Aber Zauberern fehlt nicht nur die grundlegende Wertschätzung und das Verständnis für das Konzept, sondern es ängstigt sie sogar. Sehen Sie sich mal die Mode an: Während Zauberer sich immer noch so kleiden, wie sie es vor 100 Jahren getan haben, ändert sich die Mode der Muggelgeborenen, die nach Hogwarts kommen, beinahe jährlich. Es gab einen heftigen Aufruhr, als vor ein paar Jahrzehnten die erste muggelstämmigen Hexe in Hosen auftauchten. Einige junge Zauberer lassen sich durchaus von der Muggelwelt inspirieren – sehen Sie sich die Weasleys an. Charlie war eindeutig von der Hippibewegung beeinflusst. Aber traditionelle Familien – von denen man die meisten Kinder in Slytherin findet – sind sehr abgestoßen davon."
Hermine versuchte sich Draco wie Bill gestylt vorzustellen – mit Zopf, Ohrringen und Jeans. Es war ein ulkiges Bild. Draco war sehr kultiviert was seine Kleidung anging. Obwohl sie ihn durchaus schon mal dabei ertappt hatte, wie interessiert Harrys Jeans beäugelt hatte... Oder hatte seine Aufmerksamkeit eher Harrys Po gegolten?
"Mode spielt hier in Hogwarts doch sowieso keine große Rolle," sagte sie, als Bilder von Harry und Draco in ihre Gedanken drängten. Er hatte also schon herausgefunden, dass Draco in der Unterhaltung, die sie verbergen sollte, eine Rolle spielte... cleverer Mann! "Wir tragen sowieso die meiste Zeit Schuluniformen." Sie konzentrierte sich auf ihren Unfall mit dem Trocknungszauber und bemühte sich, die Erinnerung in Details zu kleiden. Es konnten auch zwei dieses Spiel spielen...
Hermine glaubte zu sehen, wie sich seine Augen kurz weiteten, ehe er seine Züge und Gedanken wieder unter Kontrolle hatte. Er war viel zu diszipliniert, um sich so leicht ablenken zu lassen, egal, wie verlockend diese Ablenkung sein mochte. Aber immerhin – sie hatte erfolgreich seinen Versuch blockiert, ihre Gedanken wieder auf Harry zu lenken.
"Es geht nicht nur um Mode," wandte der Zaubertränkemeister ein und gab die nächste Zutat in das Kater-Weg-Elixier, während er gleichzeitig den anderen Trank gleichmäßig weiter rührte. Er schien nicht mal zu zählen. Hatte er im Gefühl, wann der Zeitpunkt erreicht war, an dem man den Trank ruhen lassen musste?
"Muggelgeborene sind ständig bestrebt, unsere Welt modernisieren. Es gab unzählige Anträge, Hogwarts an die Stromversorgung anzuschließen."
"Wirklich?" Sie sah überrascht auf. "Ich dachte, es wäre nicht möglich, elektrische Geräte in der Umgebung von Magie zum Laufen zu bringen?"
"Es mag schwierig sein. Aber niemand hat je einen ernsthaften Versuch gemacht, eine Lösung für dieses Problem zu finden. Zauberer brauchen keine Elektrizität."
"Aber für Muggelstämmige wäre das so eine Erleichterung! Telefone zum Beispiel würden es so viel leichter machen, mit Freunden und Familie in Kontakt zu bleiben! Haben Sie eine Vorstellung davon, wie schwer es ist, alles und jeden zurückzulassen?"
"Ja. Mir ist das klar geworden, als wir über Ihre Eltern sprachen. Ich hatte in meinem Haus nie mit Muggelgeborenen zu tun. Aber was Sie nicht sehen ist die Tatsache, dass Absicht dahinter steckt, wenn man Muggelgeborene zwingt, ihr früheres Leben hinter sich zu lassen. Entweder man wird Teil der Zaubererwelt, oder man wird es nicht. Man kann sich nicht das Beste aus beiden Welten heraussuchen."
"Ich verstehe nicht, warum nicht!"
"Weil es das Geheimhalteabkommen gefährdet. Denken Sie mal nach – wenn die Kommunikation mit Freunden und Familien einfacher wäre, würden die Eltern viel mehr darüber erfahren, was in Hogwarts vor sich geht, als wenn ihre Kinder ihnen nur Briefe schicken können. Es würde es für das Zaubereiministerium viel schwieriger machen, bestimmte Dinge unter dem Deckel zu halten. Sie haben selbst darauf hingewiesen, welche Probleme es mit Muggeleltern geben würde, wenn sie mehr in die Zaubererwelt involviert wären."
Ja, das war zweifellos wahr. Ihr Mutter hätte Hermine sicherlich mindestens einmal in der Woche angerufen, wenn Hogwarts ans Telefonnetz angeschlossen gewesen wäre. Und es wäre unmöglich gewesen, ihr zu verheimlichen, was ihr alles während eines Schuljahres so widerfahren war. Man konnte sich kaum vorstellen, wie das mit weiter voranschreitender Technologisierung aussehen würde.
"Aber es gibt noch einen anderen Grund", fügte Severus hinzu. "Reinblüter wären stark benachteiligt. Sie wissen rein gar nichts über Muggelgeräte, wüssten nicht, wie man diese bedient und würden sich ausgeschlossen fühlen. Jemand, der in beiden Welten gleichermaßen zuhause ist, ist umfassender informiert und mächtiger als jemand, der nur die eine Art zu leben kennt. Deshalb sind Muggelgeborene eine Bedrohung."
"Ist das der Grund, warum das Fach 'Muggelkunde' so einen fürchterlichen Lehrplan hat?" fragte Hermine. "Es zeichnet ein sehr merkwürdiges Bild der Mugglewelt, das rein gar nichts erklärt – der Lehrer nimmt nur ein paar einzelne Bruchstücke näher unter die Lupe, ohne sie in Kontext zu setzen und ohne zuerst die Grundlagen zu behandeln." Sie erinnerte sich an eine besonders merkwürdige Stunde, in der Professor Burbage eine Mehrfachsteckdose mitgebracht und erklärt hatte, dass die Stecker elektrischer Geräte in die Dose gesteckt werden mussten, damit sie funktionierten. Aber sie hatte sich nie die Mühe gemacht zu erklären, was Elektrizität war oder wie sie überhaupt in die Mehrfachsteckdose gelangte, und keiner der Schüler hatte das seltsam gefunden und nachgefragt.
"Ron wusste nicht einmal, wie man ein Telefon bedient," sagte sie kopfschüttelnd. "Was man in Muggelkunde erfährt, ist zu rein gar nichts zu gebrauchen, und insgesamt ist der Eindruck, der einem von der Muggelwelt vermittelt wird, bestenfalls der von niedlicher Verschrobenheit. Kein Wunder, dass Reinblüter darüber die Nase rümpfen."
"Ich bin sicher, das ist Absicht. Es muss eine Menge muggelstämmiger Hogwartsabsolventen geben, die sehr viel bessere Einblicke geben und ein besseres Verständnis vermitteln könnten. Wir beide wissen, ich könnte Muggelkunde besser unterrichten als Professor Bartleby. Aber das Ministerium will nicht, dass die Muggelwelt auf junge Zauberer eine allzu große Faszination ausübt. Die langfristige Konsequenz wäre eine Verschmelzung der beiden Welten. Und das wäre das Ende der Zaubererwelt, so wie wir sie kennen. Das ist die große Angst – nicht nur unter Traditionalisten, sondern auch unter liberalen Zauberern. Der Dunkle Lord hatte so großen Erfolg, weil er diese Ängste befeuert hat; die Sorge, entdeckt zu werden, abgehängt zu werden – die Angst, dass die Werte, Sitten und Gebräuche von Zauberern dem Einfluß der Muggelwelt unterliegen würden."
Zum ersten Mal verstand Hermine, worum es in diesem Krieg tatsächlich gegangen war. Man hatte in ihr aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Stärke einen gefährlichen Einfluss aus der Muggelwelt gesehen. Und in Anbetracht der Argumente, die sie eben vorgebracht hatte, musste sie einräumen, dass diese Sorgen nicht gänzlich unbegründet waren. Trotzdem. Das rechtfertigte auf keinen Fall all die Verbrechen, die Voldemort und seine Anhänger gegen jene begangen hatten, die seine Ansichten nicht teilten. Er unterschied sich durch nichts von jedem beliebigen Muggeldiktator.
"Hier, ich habe die Feigen fertig geschält." Sie schob ihm die Schale mit ihrem Ellbogen zu. Zu dumm, dass man den süßen Geschmack der Schrumpelfeigen im fertigen Zaubertrank nicht mehr schmecken würde. In der Rohform, dachte sie, als sie genüsslich den klebrigen Saft von den Fingern schleckte, schmeckte er fantastisch.
"Miss Granger!" grollte ihr Lehrer, als er sah, was sie tat. "Es gibt ein funktionstüchtiges Waschbecken und Seife in diesem Labor. Warum benutzen Sie es nicht?"
Wirklich, was dachte sich das Mädchen nur? Es war schwierig genug, die Erinnerung an Hermine in ihrer eingelaufenen Uniform wieder aus dem Kopf zu bekommen, er brauchte wirklich nicht auch noch Bilder die zeigten, wie sie sich genussvoll die Finger ableckte. Hatte sie wirklich keine Ahnung, was sie damit auslöste? Wenn er es nicht besser wüsste, würde er vermuten, dass sie es darauf anlegte, ihn aufzureizen.
Hermine, die sich bis zu diesem Moment ihres Tuns wirklich nicht bewusst gewesen war, errötete. Sie war weder unschuldig noch völlig ignorant – nur war sie es nicht gewohnt, von Zauberern überhaupt als sexuelles Wesen wahrgenommen zu werden. Für Harry war sie eine Vertraute gewesen, eine Freundin; für Ron eine Quelle des Trostes oder, traurigerweise, eine bequeme Zweckdienlichkeit. Der einzige, der je eine Frau in ihr gesehen hatte, war Victor Krum gewesen, und das war wirklich sehr lange her.
Und was ihren Professor anging... Er war immer so gefasst und kontrolliert, dass er über primitive menschliche Regungen erhaben schien. Sie fragte sich plötzlich, ob es nur seine Kontrolle und sein eiserner Wille war, der es ihm möglich machte, einfach nur ihr Lehrer oder ihr Mentor zu sein, wenn sie zusammen waren. Sie hatte nicht wirklich gehofft, dass die sexuelle Anziehung, die sie empfand, gegenseitig war, oder dass er es genauso schwer finden könnte, seine Bedürfnisse zu unterdrücken, wie sie es tat. Dass er überhaupt solche Bedürfnisse hatte, was sie betraf...
Aber da lag zweifellos etwas in seinen Augen, das sie zuvor nie gesehen hatte. Konnte es tatsächlich... Verlangen sein? Hermine hatte immer vermutet, dass sich irgendwo hinter dem zugeknöpften Äußeren und dem Image des kalten, gefühllosen Professors, Leidenschaft verbarg, und der Gedanke, dass sie in der Lage war, diese zu wecken war ziemlich berauschend.
"Entschuldigung", murmelte sie, obwohl es ihr in Wahrheit nicht wirklich leid tat. Er war derjenige, der auf einer streng professionellen Beziehung bestanden hatte, nicht sie. Auch, wenn es nicht ihre Absicht gewesen war, verführerisch zu wirken – sie wusste gar nicht, wie man das anstellte – würde sich aber für zukünftige Zwecke das Abschlecken klebrigen Saftes von ihren Fingern merken. Sie kam nicht umhin, sich selbst innerlich zu gratulieren. Warum sollte sie es ihm leicht machen?
Nichtsdestotrotz folgte sie seiner Aufforderung und wusch sich den sirupartigen Saft am Waschbecken ab. "Kann ich Ihnen bei irgendwas anderem noch behilflich sein?" fragte sie unschuldig, als sie an den Tisch zurückkehrte.
"Nein", grollte er, immer noch mit leicht gefurchter Stirn. "Die restlichen Zutaten können direkt aus den Vorratsbehältern entnommen werden. Sie können den Kater-Weg-Trank übernehmen, wenn Sie wollen. Weiterrühren, bis er die Farbe wechselt, dann zwei verfaulte Eier hinzugeben und nochmal fünf Minuten rühren. Vergessen Sie nicht, vor dem Zugeben der Eier die Hitze zu reduzieren."
"Ich weiß! Ich hatte einen einigermaßen brauchbaren Lehrer." Erneut unterdrückte Hermine das Bedürfnis, die Augen zu rollen. Er würde vermutlich keine Gewissenbisse haben, ihr Hauspunkte abzuziehen, wenn sie diesen Trank ruinierte, egal, wieviel Verlangen er möglicherweise für sie verspürte.
Er sandte ihr einen strafenden Blick, antwortete aber nicht, und Hermine wusste, dass er zählte, wie oft er umrührte. Sie wartete, bis er fertig war, ehe sie fragte: "Was war es bei Ihnen? Haben Sie sich Voldemort angeschlossen, weil Sie auch der Meinung waren, dass Muggelgeborene eine Bedrohung für die Zaubererwelt sind?"
"Nein. Ich bin selbst ein Halbblut. Die Zaubererwelt spielte in meinem Leben keine Rolle bis mein Hogwartsbrief eintraf. Ich habe Muggel nie gehasst. Ich hasste nur meinen Vater."
