Zusammenfassung des vorherigen Kapitels

Severus gibt Hermine einen Zaubertrank, der geistige Schutzschilde in sich zusammenfallen lässt. Er hofft, ihr durch sein unbemerktes Eindringen in ihren Geist und durch Manipulation ihrer Gedanken ein besseres Verständnis für ihre eigenen Gedankenprozesse zu geben. Hermine nennt den Trank eine Date-Rape Droge, was sie aber nicht davon abhält, ihn im selben Moment zu trinken. Aus Gründen, die sie nicht versteht, bringt das Severus auf und führt dazu, dass er beinahe die Unterrichtsstunde abbläst. Sie einigen sich schließlich darauf, dass Severus nicht in ihrem Kopf herumsuchen wird, sondern nur versuchen wird, an zwei Informationen zu kommen: Was Hermine zum Abendessen gegessen hat und worum es in ihrem letzten Gespräch mit Harry ging. Ersteres hat Severus schnell herausgefunden, aber im Eifer der anschließenden Unterhaltung über die Ideologie der Reinblüter hat Severus beinahe vergessen, nach der zweiten Information zu suchen. Das Gespräch endet mit einer überraschenden Offenbarung des Ex-Todessers: "Ich habe Muggel nie gehasst. Ich hasste nur meinen Vater."


Von Hexen und Prinzen

Hermine hatte immer vermutet, dass der Zaubertrankprofessor nicht die glücklichste Kindheit gehabt hatte – die Erinnerungen, die er Harry gegeben hatte, hatten darauf schließen lassen.

"Warum?" wagte sie zu fragen, nicht sicher, ob er antworten würde. Es überhaupt für möglich zu halten, dass er etwas so Privates mit ihr teilen könnte, war surreal. Doch er antwortete, und Hermine fühlte eine Welle von Wärme und Zuneigung in sich aufsteigen. Er hätte nicht besser zum Ausdruck bringen können, dass sie inzwischen eine ganz besondere Stellung bei ihm einnahm.

"Meine Kindheit war ebenso unglücklich wie die von Potter, Miss Granger. Wenn Dumbledore also hoffte, dass ich Mitleid mit Harry haben würde, weil er unter der Treppe schlafen musste, hat er es versäumt, sich mein eigenes Familienleben in Erinnerung zu rufen. Mein Vater war ein gewalttätiger Mann mit vielen Problemen – Alkoholmissbrauch war nur eines davon. Zumindest hat Harry nie physische Gewalt erfahren müssen, wie meine Mutter und ich. Und zumindest konnte er Trost aus der Tatsache ziehen, dass die Leute, die ihn vernachlässigten, nicht seine eigenen Eltern waren."

"Das ist schrecklich..." sagte Hermine, bemüht, ihre Gefühle nicht in ihre Stimme einfließen zu lassen. Sie hatte den starken Verdacht, dass er Mitgefühl nicht von Bemitleiden unterscheiden würde. "Ihre Mutter war eine Hexe... Warum hat sie häusliche Gewalt toleriert?"

"Sie denken, es ist physische Machtlosigkeit, die Frauen zu Opfern von Gewalt werden lässt?" fragte er, und sah sie mit hochgezogener Braue an. "Es ist Handlungsunfähigkeit, Miss Granger, und oft auch Mangel an innerer Stärke und an Möglichkeiten. Meine Mutter war von ihrer Familie enterbt worden. Indem sie einen Muggel heiratete, brachte sie Schande über die Familie. Sie hatte keine Möglichkeiten, nach dieser Schmach in die Zaubererwelt zurückzukehren, und sie hatte nie wirklich gelernt, sich in der Muggelwelt zurechtzufinden. Sie war keine starke Persönlichkeit. Soweit ich weiß, hat sie nur einen einzigen Akt der Rebellion in ihrem Leben begangen: Als ihr Vater, Septimus Prince, sie in eine Heirat mit einem doppelt so alten Mann zwingen wollte, kaum, dass sie aus Hogwarts heraus war. Sie lief davon und endete verloren und mittelos in Muggel-Manchester. Drei Monate später war sie mit Tobias Snape verheiratet. Ihre Familie hat nie wieder mit ihr gesprochen."

Mit einem leichten Zischen wurde der Zaubertrank in ihrem Kessel plötzlich grün. Hermine verringerte die Hitze und schlug mit einem Ausdruck extremen Abscheus zwei verdorbene Eier am Rand des Kessels auf. Der schweflige Geruch war fürchterlich, und sie sprach schnell einen Luftreinigungszauber, ehe sie den nächsten Atemzug tat. Während sie den Rührstab wieder aufnahm, dachte sie über das nach, was er gesagt hatte. Seine Mutter war weggelaufen, um der Ehe mit einem viel älteren Mann zu entgehen? Ob er deshalb den Altersunterschied zwischen sich und ihr so bedeutsam fand?

"Sicherlich hat sie ihren auserwählten Ehemann nicht allein aufgrund seines Alters abgelehnt?" vergewisserte Hermine sich und hoffte, dass er es nicht für einen ausschlaggebenden Grund hielt.

"Nein, natürlich nicht," antwortete er zu ihre Erleichterung. "In der Zaubererwelt ist es durchaus nicht unüblich, dass junge Frauen sehr viel ältere Männer heiraten. Besonders in der damaligen Zeit hatten Frauen keine eigene Karriere zu verfolgen und brauchten daher einen Ehemann, der gesetzt genug war, eine Familie zu versorgen. Aber der Zauberer, den mein Großvater für meine Muter ausgesucht hatte, war ein unangenehmer Mann, jedenfalls nach dem wenigen zu schließen, was sie mir erzählt hat. Dennoch – ihre Weigerung, den Wünschen ihres Vaters Folge zu leisten, hat sie letztendlich alles gekostet."

"Aber wie kam es, dass Ihre Mutter, eine talentierte Hexe aus einer respektablen Zaubererfamilie, an einen Muggel geriet, der ein gewalttätiger Trinker war?"

"Mein Vater war kein gewalttätiger Trinker als sie sich kennenlernten. Er war ein einfacher Fabrikarbeiter, immerhin wohlhabend genug, um das bescheidene Haus in dem wir wohnten, sein eigen zu nennen, und in den Sechzigern war die Nachbarschaft noch nicht so verarmt und heruntergekommen, wie sie heute ist. Angeblich war er charmant und lustig, und half ihr, als sie niemanden hatte, an den sie sich wenden konnte. Sie sagte, er habe sie gerettet – wovor genau hat sie mir nie erzählt."

"Also hat sie ihn geliebt?"

Er hob die Achseln. Woher sollte er das wissen? Solche Dinge waren nie geäußert worden in seinem Zuhause. "Auf jeden Fall war sie dankbar und loyal," befand er schließlich, "obwohl ich nicht von einer glücklichen Ehe sprechen würde. Meine Erinnerungen an meine frühste Kindheit sind nicht gänzlich schlecht... Meine Mutter war liebevoll, auch wenn mein Vater nie viel für mich übrig hatte. Alles ging den Bach runter, als die Fabrik schloss und mein Vater entlassen wurde. Er hatte von da an nur einen Gelegenheitsjob nach dem anderen und verdiente kaum genug, um uns über Wasser zu halten. Das setzte seinem Selbstwertgefühl immens zu. Der Alkohol war eine zwangsläufige Konsequenz, und wenn er betrunken war, wurde er oft gewalttätig. Aber es tat ihm hinterher immer leid, und meine Mutter hat ihm immer verziehen. Ich denke, es war ihre Art wiedergutzumachen, dass sie ihn betrogen hatte."

"Betrogen? War sie ihm untreu?"

Er schüttelte den Kopf. "Betrogen in Bezug darauf, wer sie wirklich war. Anscheinend wusste er nicht, dass meine Mutter eine Hexe war, bis ich geboren wurde und Anzeichen magischer Begabung zeigte. Mein Vater kam mit dieser Offenbarung nicht zurecht. Ihre Fähigkeiten ängstigten ihn, und so hat sie nie Magie benutzt, wenn er in der Nähe war. Nicht einmal, um unsere Kleider zu flicken, wenn kein Geld da war, um neue zu kaufen. Am Ende hat sie dann ganz mit dem Zaubern aufgehört."

"Wenn er Probleme mit seinem Selbstwertgefühl hatte, muss die Tatsache, dass seine Frau außergewöhnliche Fähigkeiten hatte, diese noch verstärkt haben..." mutmaßte Hermine, legte ihren Rührstab beiseite und nahm die Hitze von ihrem Kessel. Der Trank war fertig. Er musste nur noch abkühlen.

Ihr Professor nickte nachdenklich. "Es brachte ein Ungleichgewicht in ihre Beziehung, mit der keiner von beiden umgehen konnte. Meine Mutter kam aus einer typisch patriarchalischen Reinblüterfamilie. Die Rolle der Frau war – ist noch immer – so definiert, wie in viktorianischen Zeiten. Man erzog sie dazu, ihre Ehemänner und Väter zu respektieren und zu gehorchen. Und obwohl meine Mutter dieses eine Mal gegen ihren Vater aufbegehrt hatte, waren diese Verhaltensmuster tief in ihr verankert. Es ist eine weitere Erklärung für die Frage, warum sie ihn nie verlassen hat. Sie versuchte, die klassischen Rollenmuster wiederherzustellen, indem sie das aufgab, was sie ihm in Punkto Macht überlegen machte: Ihre Magie.

Mein Vater war in einer Generation großgeworden, in der der Mann der Versorger der Familie war, und in der die Unfähigkeit, dieser Verpflichtung nachzukommen, als Schande galt. Sie haben eine Weile versucht, damit irgendwie zurechtzukommen, aber letzten Endes waren beide unfähig, mit den Beschränkungen zu leben, die sie sich selbst auferlegt hatten. Mein Vater gab sich dem Alkohol hin, meine Mutter ihrer Depression. Der Hogwartsbrief war meine Rettung."

Hermine begann, ihren Tisch aufzuräumen und dachte dankbar darüber nach, wie anders ihr eigenes Leben verlaufen war – mit Eltern, die einander zugetan waren und sich respektierten und die beide einer erfüllenden Arbeit nachgingen, die ihnen bescheidenen Wohlstand ermöglichte. Als Kind hatte sie alles gehabt, was sie sich hätte wünschen können. Wenn da nur nicht immer die unbewußte Ahnung gewesen wäre, dass sie auf unbestimmte Art anders war und nicht so richtig in diese geordnete Welt passte.

Aufsteigender, spiralförmiger Dampf aus dem Kessel ihres Professors verriet, dass auch der Magen-Beruhigende-Trank fertig war. Er stellte ihn ebenfalls zum Abkühlen beiseite.

"Hatte Ihr Vater nichts dagegen einzuwenden, dass Sie nach Hogwarts gingen?" fragte sie. Sie wollte gerne mehr über seine Kindheit hören und seine Jahre in Hogwarts – es schien wichtig zu sein, um den Mann, zu dem er geworden war, verstehen zu können. Glücklicherweise schien er tatsächlich geneigt, ihren Wissensdurst zu stillen.

"Er hätte vermutlich sehr viel dagegen einzuwenden gehabt, wenn er noch da gewesen wäre. Aber zu dem Zeitpunkt war er fast nie zuhause. Und irgendwann ist er einfach gar nicht mehr zurückgekommen. Wir haben nie erfahren, was mit ihm geschehen ist – vielleicht ist er fortgezogen, oder betrunken in den Fluss gefallen... Um ehrlich zu sein, es hat mich nicht besonders interessiert. Dass er fort war, war eine Erleichterung. Zumindest konnte ich nun zuhause Magie anwenden wann immer ich wollte, und habe schließlich auch gelernt, meine eigenen Kleider in Ordnung zu bringen."

Es war schwer, sich das heute vorzustellen, angesichts seiner stets untadeligen Kleidung. Hermine, die ihm in letzter Zeit viel mehr Aufmerksamkeit zollte als früher, hatte festgestellt, dass er eine Menge verschiedener Roben besaß, und nicht nur ein einziges Outfit, wie Gerüchte behaupteten. Die Variationen waren allerdings sehr subtil: eine unterschiedliche Anzahl von Knöpfen auf seinem Gehrock, ein leicht anders geschnittener Kragen, eine sattere Schwarznuance oder ein dickerer oder dünnerer Stoff, um Temperaturunterschiede auszugleichen.

"Was ist aus Ihrer Mutter geworden?" fragte sie, befürchtend, dass es kein Happy End für sie gegeben hatte.

"Sie starb, als ich sechzehn war." Er wusste nicht wirklich, warum er es ihr erzählte. Er sprach nie mit irgend jemandem über persönliche Dinge. Aber er hatte so viele ihrer Geheimnisse gesehen, als er in ihren Gedanken gewesen war... und ihre Bereitwilligkeit, sich ihm gegenüber so zu exponieren, schien nach einer Erwiderung zu verlangen. Abgesehen davon würde sie vielleicht Trost daraus ziehen zu wissen, dass eine Situation – wie schlimm sie auch war – immer noch schlimmer hätte sein können. Oder vielleicht – und das war eine Möglichkeit, die er nicht näher zu erforschen wagte – war da einfach etwas an ihr, dass ein tief verwurzeltes und lange bestrittenes Bedürfnis nach Nähe in ihm hervorrief, eine geheimes Sehnen nach Verständnis und Mitgefühl – nach dem Gefühl, dass er nicht allen Menschen völlig gleichgültig war.

"Wie schrecklich!" Sie hielt inne und warf ihm einen mitfühlenden Blick zu. "Das tut mir leid."

"Es ist sehr lange her, Miss Granger. Ich hatte schon lange vor ihrem Tod nicht mehr wirklich eine Mutter gehabt. Ihre Depression hatte es ihr unmöglich gemacht, sich um jemand anderes als sich selbst zu kümmern."

"Und sie hat nie wieder ihre Magie benutzt, auch nicht, nachdem Ihr Vater gegangen war?"

"Nein. Wenn ein Zauberer oder eine Hexe seine Kräfte lange Zeit ungenutzt lässt und sie unterdrückt, staut sich die Magie auf und sickert in den Körper ein, wo sie eine Reihe gesundheitlicher Probleme auslöst. Man kann sagen, dass ihre eigene, verleugnete Magie sie krank gemacht und letzendlich umgebracht hat."

Hermine ging zum Waschtisch und die gebrauchten Arbeitsutensilien zu säubern. "Sirius hat einmal gesagt, dass Sie bereits als Erstklässler mehr Flüche kannten als die meisten Siebtklässler. Von wem haben Sie die gelernt, wenn nicht von Ihrer Mutter?"

"Sirius hat gelogen. Ich kannte überhaupt nicht viele Zaubersprüche, als ich nach Hogwarts kam – nur die wenigen, die mir meine Mutter heimlich beigebracht hat, als sie es noch konnte, als ich jung war. Aber ich war ein schneller Lerner, und die Rumtreiber haben dafür gesorgt, dass schnell ich jedes Buch in der Bibliothek von Hogwarts las, das mir beibrachte, wie ich mich verteidigen konnte." Er feixte und fügte hinzu: "Ich war wirklich nicht so gut bevor ich im zweiten Jahr war."

Es fiel Hermine schwer, dem etwas Lustiges abzugewinnen, da sie nur allzu gut wusste, warum er die Notwendigkeit verspürt hatte, Verteidigungszauber zu lernen. Wenn Harry und Ron nicht gewesen wären, hätte sie sich leicht in einer ähnlichen Position wiederfinden können – von Slytherins gemobbt aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Eltern, und ohne Verbündete in ihrem eigenen Haus aufgrund ihrer Unfähigkeit, sich einzufügen.

"Ich weiß, warum ich von meinen Mitschülern abgelehnt wurde. Ich denke, ich war tatsächlich eine unerträgliche Besserwisserin. Aber warum haben Sie in Ihrem eigenen Haus keine Unterstützung gefunden?"

"Weil ich ein ungelenker Junge war, ohne Geld und Status, mit kaum passender Kleidung und schlechten Umgangsformen, der zu allem Überfluss auch noch mit einer muggelgeborenen Gryffindor Hexe befreundet war."

Es war schwer, sich das vorzustellen. Sein Auftreten, seine Art zu reden, seine perfekt geschnittene, elegante Kleidung – nichts deute auf seinen schwierigen familiären Hintergrund hin. "Bis wir erfuhren, dass Sie der Halbblutprinz sind, haben wir immer angenommen, Sie wären ein Reinblüter. Sie wirkten immer so gebildet und kultiviert, ein Slytherin durch und durch..."

"Dafür habe ich vor allem Narzissa Malfoy zu danken. Sie war in ihrem vierten Jahr, als sie mich unter ihre Fittiche nahm und mich zu ihrem persönlichen Projekt machte. Ich glaube, sie tat es zuallererst aus Verachtung für ihren Cousin Sirius."

Ja, das ergab durchaus Sinn. Sirius war in vielerlei Hinsicht das absolute Gegenteil von Severus: Weder wusste er den Reichtum seiner Familie zu schätzen noch ihren Standesdünkel. Er war laut und ungestüm, lehnte Regeln ab und umgab sich mit Leuten, die seine Familie nie und nimmer für akzeptable Gesellschaft befunden hätte, wie einem Werwolf und einem Schlammblut. Narzissas Entschluss, ausgerechnet den Jungen, den ihr Cousin terrorisierte, in einen respektablen Slytherin zu formen, war vermutlich aus dem Wunsch geboren, ihn zu ärgern.

"Aber sie hat Sie nie verteidigt oder Ihnen gegen die Rumtreiber Beistand geleistet?"

"Ihre Hilfe war subtil, und ich brauchte einige Zeit, um sie überhaupt anzunehmen. Ich war sehr mißtrauisch, wie Sie sich vorstellen können. Lucius, der in seinem sechsten Jahr war als ich nach Hogwarts kam, fand ihre Bemühungen amüsant, aber nachdem er die Schule verlassen hatte und ein Todesser geworden war, hielt er mich im Auge. Ich zeigte Potential, besonders im Brauen von Zaubertränken, und er rekrutierte für den Dunklen Lord. Ich wurde oft eingeladen, meine Ferien in Malfoy Manor zu verbringen, wo Lucius mich in seine Kreise einführte."

"Und die Familie ihrer Mutter? Sie waren auch Reinblüter... waren sie Anhänger von Voldemort?"

"Nein. Obwohl mein Onkel hinter der Ideologie stand. Aber kurz nachdem ich meinen Meister erlangt hatte, machte der Dunkle Lord einen Versuch, mich mit der Prinz-Familie zu versöhnen."

"Sie hatten nie Kontakt zu ihnen, während Ihre Mutter noch lebte?" wunderte sich Hermine, während sie die Messer abtrocknete, die sie gereinigt hatte, und sie wieder dahin zurücklegte, wo sie hingehörten.

"Nein. Als sie sich ihrem Vater widersetzte, hat sie alle Bande zerschnitten. Sie haben ihr nie verziehen, dass sie einen Muggel geheiratet hat. Der Bruder meiner Mutter, Octavius Prinz, war erst interessiert an mir, als ich mir als Zaubertränkemeister einen Namen gemacht hatte und rasch innerhalb der Ränge des Dunklen Lords aufstieg. Er wollte unbedingt einen Erben, und der Dunkle Lord hatte Interesse daran, den Namen der Prinz mit auf die Liste seiner Gefolgsleute zu setzen. Beide dachten, dass sie von einer Versöhnung profitieren würden."

Er sagte es in einem verächtlichen Ton, der erkennen ließ, dass die Sache nicht gut ausgegangen war. "Was ist geschehen?" fragte Hermine.

"Ich habe abgelehnt. Mein Onkel hat nie einen Finger gerührt um mir und meiner Mutter zu helfen, als wir ihn gebraucht hätten. Er war ein herzloser Mann, und ich wollte nichts mit ihm zu tun haben. Er ist, kurz nachdem der Dunkle Lord seine Macht verlor, gestorben. Seine Witwe lehnte die politische Haltung ihres Mannes rundweg ab – und mich ebenfalls, aufgrund der Tatsache, dass ich mich entschieden hatte, das Mal zu tragen. Sie stoppte alle laufenden Bemühungen, mich wieder in den Schoß der Familie zurückzubringen. Bis vor kurzem."

"Bis vor kurzem?" hakte Hermine nach.

Er antwortete nicht sofort, und Hermine war sich nicht sicher, ob er lediglich damit beschäftigt war, die Zaubertränke abzufüllen, oder ob er sich inzwischen fragte, warum er ihr überhaupt so viel erzählt hatte. Aber zum wiederholten Mal überraschte er sie mit ungewohnter Offenheit.

"Es gab Bestrebungen, den Kontakt wieder aufleben zu lassen," sagte er, und zog die Stirn in Falten, als ob ihm diese Tatsache mißfiel. "Dafür ist Irma verantwortlich."

"Irma?" wiederholte Hermine abermals seine Worte, diesmal wirklich überrascht. "Sie meinen Irma Pince, unsere Bibliothekarin? Was hat sie damit zu tun?"

"Irma ist meine Cousine," sagte er schlicht.

Hermine sah ihn ungläubig an. "Sie beide sind verwandt?"

"Ihr richtiger Name ist Irmgard Prince. Der Bruder meiner Mutter, Octavius, ist ihr Vater."

Nun, da er es sagte, war es beinahe offensichtlich. Sie wiesen deutliche Ähnlichkeiten auf – am auffallensten waren die gekrümmte Nase, die dunklen Haare und der dauerhaft abfällige Gesichtsausdruck. Wie der Zaubertränkemeister war die Bibliothekarin sehr kühl und streng, eine Einzelgängerin und absolut nicht beliebt bei den Schülern. Dennoch – wie konnte es sein, dass niemand darüber Bescheid wusste? Es gab alle möglichen Gerüchte, aber nie das.

Er verzog spöttisch die Miene. "Sie sollten nicht so überrascht sein. Schließlich steckt es in ihrem Namen: Irma Pince. Wenn Sie die Buchstaben umstellen, ergibt es 'I'm a Prince' – Dumbledores verquerer Sinn für Humor. Ich denke, er fand es amüsant, besonders, da er wusste, dass ich mich selbst in meinem sechsten Jahr als den 'Halbblutprinzen' bezeichnet hatte."

"Okay, jetzt bin ich wirklich verwirrt... Warum hat Dumbledore ihren Namen geändert?" Hermine sah zu, wie er den Trank in die Flaschen schöpfte und nahm wortlos die gefüllten an, um den Korken hineinzudrücken. Sie bemerkte flüchtig, wie nahtlos sie zusammenarbeiteten, dann waren ihre Gedanken wieder zurück bei seiner brisanten Enthüllung.

"Um ihren Vater nicht noch einmal vor den Kopf zu stoßen, wie Irma es getan hatte, als sie ohne Magie zur Welt kam. Es erlaubte ihm, den Schleier des Vergessens über ihre Existenz zu breiten. Die Position als Hogwarts Bibliothekarin und die Namensänderung waren ideal, um sich bedeckt zu halten. Dumbledore, mit seinem schrulligen Humor, schlug Irma Pince vor."

"Madam Pince ist eine Squib? Aber was ist mit den Zaubern, mit denen sie die Bücher in der Bibliothek belegt hat? Ron ist einmal von einem angegriffen worden, als er einen Schokoladenfrosch gegessen hat, während er darin las."

"Sie hat diese Zauber nicht gesprochen," sagte er mit schadenfroher Belustigung in den Augen. "Das war ich – auf ihre Bitte hin. Und ich stimme völlig mit ihr überein, dass Bücher mit Respekt und Sorgfalt zu behandeln sind."

"Wie kam sie als Squib an die Stelle einer Hogwartsbibliothekarin?" fragte Hermine, hoffend, dass er sie nun, da die Arbeit getan war, nicht wegschicken würde.

Das tat er nicht, sondern führte sie zurück in sein Büro. "Albus war, genau wie Sie, absolut überzeugt davon, dass auch Squibs ihren Platz in der Gesellschaft verdienen," erklärte er, und protestierte nicht, als sie sich in einen der beiden Sessel vor dem Kamin setzte. "Er gab Argus die Hausmeisterstelle und bot Irma die Position als Bibliothekarin an, als sie auf seiner Türschwelle stand und Arbeit suchte. Ohne Magie hatte sie wenig Wert für ihren Vater. Squibs werden meistens als Bürde betrachtet, als Schande. In früheren Zeiten sind die Leute sogar so weit gegangen, sie nach der Geburt gegen die magisch begabten Kinder von Muggeln auszutauschen. In der Muggelwelt wurden sie Wechselbälger genannt."

Hermine sah ihn entsetzt an. "Das wurde wirklich gemacht?"

Er nahm sich den Stuhl neben ihr und berührte den magischen Teekessel auf dem kleinen Beistelltisch mit seinem Zauberstab, um ihnen Tee zu machen. Es war irgendwie zu einer Art Ritual geworden. "Bis vor ungefähr 200 Jahren, ja. Hexen waren oft auch für Muggel als Hebammen tätig. Sie kannten die Sprüche und konnten sagen, ob ein Neugeborenes die magische Gabe besaß oder nicht. Und sie hatten die Möglichkeiten, einen Austausch vorzunehmen. Wissenschaft, Aufklärung und technische Errungenschaften haben es seither schwerer gemacht."

"Aber das ist fürchterlich!"

"Was Sie grausam finden, hielt man damals für eine sehr vernünftige Maßnahme. Es verringerte das Risiko für muggelgeborene Zauberer und Hexen, von Muggeln verbrannt zu werden, und gab Squibs die Möglichkeit, auch ohne Magie ein erfolgreiches und erfülltes Leben zu führen – etwas, das ihnen in der Zaubererwelt versagt geblieben wäre."

Trotz der unwiderlegbaren Logik seiner Darlegung fand Hermine es schwer, ihm zuzustimmen. Welche Mutter gab einfach so ihr Kind ab – egal, ob magisch begabt oder nicht? Es war unmenschlich.

"Viele Anhänger der Reinblüterideologie haben sie sich offen dafür ausgesprochen, diesen Kindertausch wieder aufleben lassen. In ihren Augen ließen sich damit gleich zwei Probleme lösen – einerseits würde es das Risiko der Zauberer, entdeckt zu werden, minimieren, zum anderen brächten Muggelgeborene frisches Blut in die Zaubererwelt – gänzlich ohne Muggelansichten und Muggelkultur. Auch mein Onkel hat diese Pläne befürwortet."

"Wie würden Sie darüber denken, wenn Sie je ein Kind hätten, das sich als Squib herausstellt?" fragte Hermine, und nahm die Tasse entgegen, die er ihr reichte. Er hatte genau die richtige Menge Milch und Zucker hineingetan.

"Ich?" Er sah sie über die Teetasse hinweg überrascht an, als hätte sie ihn gefragt, wie er sich fühlen würde, wenn man ihm zum beliebtesten Lehrer des Jahres küren würde.

"Ja. Oder wollen Sie niemals Kinder?" Das wäre ein Schlag. Nicht, dass sie sich darüber viele Gedanken gemacht hätte, aber sie konnte sich selbst zu einem Zeitpunkt in der Zukunft durchaus gut vorstellen, Mutter zu sein.

"Ist es nicht ein bisschen früh für uns, über Kinder zu reden?" fragte er ironisch.

Hermine verschluckte sich fast an ihrem Tee. Er wollte sarkastisch sein, soviel war ihr klar, aber sie war dennoch angetan darüber, dass er von ihnen beiden als 'uns' sprach. Hieß das, dass er sich wirklich eine Beziehung vorstellen konnte? Sie entschied sich, die Ironie einfach zu überhören und antwortete leichthin: "Ach, Sie wissen ja, dass ich gerne sehr langfristige Pläne mache."

Er schien leicht verunsichert. Anscheinend wusste er nicht zu sagen, ob sie das ernst meinte oder nicht. Vermutlich bedauerte er inzwischen, ihr Tee angeboten zu haben.

"Ich weiß nicht," antwortete er schließlich widerstrebend. "Ich habe nie darüber nachgedacht. Es gab keinen Grund anzunehmen, dass es für mich je ein Thema werden könnte, besonders nicht in den letzten Jahren." Er hatte sich selbst nie verheiratet gesehen oder in einer festen Beziehung. Selbst als Junge und Teenager war er immer ein Einzelgänger gewesen, und er hatte das längst als Status Quo akzeptiert, der sich vermutlich nie ändern würde. Er hatte nie erwartet, den Krieg zu überleben, noch weniger, eines Tages die Freiheit zu haben, Entscheidungen treffen zu können und Alternativen zur Auswahl zu haben. Und ganz sicher hatte er es nie für möglich gehalten, eines Tages von einer jungen Hexe – seiner Schülerin! – umgarnt zu werden.

"Und jetzt? Ich meine – Sie sind erst achtundreißig. Das ist immer noch jung genug um über eine Familie nachzudenken, besonders für einen Zauberer."

"Können Sie sich mich als Vater vorstellen?" Wieder hatte die Frage einen ironischen Beiklang, wobei er aber doch ihrer Antwort mit einer gewissen Anspannung zu harren schien.

"In der Tat – das kann ich."

Er hob skeptisch den Blick und sah sie mit einem leicht tadelnden Ausdruck an, der ihr zu sagen schien 'Wirklich, Miss Granger?'

"Sie brauchen gar nicht so überrascht dreinzuschauen," sagte Hermine fest. "Wie ich bereits sagte – Sie haben eine Menge Qualitäten, von denen ich denke, dass sie gute Eltern ausmachen: Sie sind sehr beschützend und fürsorglich und haben ein starkes Pflichtbewußtsein. Außerdem wissen Sie, wie man Grenzen setzt und verlässliche Regeln vorgibt. Es lässt sich nicht leugnen, dass Sie sehr wenig Geduld im Umgang mit 'Dummköpfen' aufbringen, obwohl ich weiß, dass Sie sehr geduldig sein können, wenn sie es wollen. Da ich aber stark bezweifle, dass Sie jemals Dummköpfe zeugen werden, sollte das kein Problem sein. Sie müssen lediglich noch etwas an sich arbeiten, was Motivation und Ermutigung angeht. Aber sie werden eine Frau haben, die Ihre Defizite ausgleicht, so, wie Sie die ihren ausgleichen werden. Wenn es um Ihre eigenen Kinder geht... ja, ich glaube, Sie würden einen guten Vater abgeben."


Noch ein paar Anmerkungen zur Familie Prince: Wir wissen aus den Büchern nur sehr wenig über Snape's Mutter. Bekannt ist nur, dass sie als ungefähr 16-Jährige ein Zaubertränkebuch besaß, das irgendwann zwischen 1943 und 1949 gedruckt worden sein muss. Ich denke, es könnte das Buch eines nicht erwähnten Bruders gewesen sein, der es um 1950 gekauft hat, als er im sechsten Schuljahr war (sein Geburtsdatum wäre dann um 1934).

Da sie aus einer Gesellschaft kam, die sogar noch traditioneller ist als die vergleichbare Periode bei den Muggeln, ist es unwahrscheinlich, dass Eileen einen Beruf ergriffen hat. Ich halte es also für möglich, dass sie bald nach ihrem Schulabschluß verheiratet werden sollte.
Wenn das der Fall wäre, müßte sie gut ein Jahr vor 1960 einer arrangierten Ehe entkommen sein (Snapes Geburtsdatum), was 1958/59 zum wahrscheinlichen Datum ihres Schulabschlusses macht. Demnach wäre sie um ca. 1940 herum geboren. Dies ließe die Frage zu, ob Tobias Snape wirklich Severus Vater war... Ich habe nie verstanden, wie eine Hexe mit einem Mann wie ihm enden konnte. Was auch immer Eileen zugestoßen ist (war sie von jemandem vergewaltigt oder verführt worden?) – es muss sie dazu gebracht haben, einen Fabrikarbeiter aus Manchester zu heiraten, der kein netter Mensch war (hat er sie durch die Heirat 'gerettet'?)

Natürlich ist es ebenso gut möglich, dass die Prince Familie weder reich noch respektabel war, aber ich bezweifle das. Ms. Rowlings war immer sehr sorgfältig bei der Wahl der Namen ihrer Charaktere. Und Prinz klingt nicht nach einem despektierlichen Namen.
In den Originalbüchern gibt es absolut keinen Beweis dafür, dass Irma Pince mit Snape verwandt ist, aber es gibt einige Hinweise. Der Bedeutungsvollste ist wohl ihr Name – Irma Pince ist ein Anagramm von 'I'm a Prince' – aber auch ihre Erscheinung und ihr Verhalten lassen eine Verwandtschaft vermuten. Ich denke, es ist sehr viel wahrscheinlicher, dass es sich um eine Cousine handelt, als dass sie – wie in einigen Fanfictionwerken dargestellt – seine Mutter ist. Wenn dies der Fall wäre, hätte uns Frau Rowlings vermutlich ein paar mehr Hinweise gegeben, wie zum Beispiel ihr Alter oder Einblicke in ihre Beziehung zu Snape. In den Filmen gab es tatsächlich auch eine Ähnlichkeit zwischen ihr und dem Zaubertränkemeister, und sie wurde als in etwa gleichaltrig dargestellt.

Ich habe lange wirklich gedacht, dass Irma eine Squib sein könnte. Schließlich reinigte sie die Regale mit einem Staubwedel, den sie auch immer gerne Schüler traktierte, die ihr verdächtig vorkamen. Aber in 'Orden des Phönix' fand ich eine Stelle, in der sie ihren Zauberstab hob und Harry Gegenstände hinterhersandte, als er in der Bibliothek Schokolade aß. Also kann sie eindeutig keine Squib sein. Aber es passte in meine Geschichte, und ich wollte die Unterhaltung über Squibs und ihre Probleme in der Zaubererwelt einbinden, sodass ich mich entschlossen habe, alles so zu lassen, wie es war. Vielleicht hat sie ja einen Ulk-Zauberstab gekauft, der zu nichts weiter gut war, als jemanden Dinge hinterherzujagen. Es klingt jedenfalls nach etwas, das man in Freds und Georges Laden kaufen kann. :)