Zusammenfassung des vorherigen Kapitels – Hexen und Prinzen
Severus erzählt Hermine von seiner Familie und der gescheiterten Beziehung seiner Eltern. Zu ihrer Überraschung eröffnet er ihr, dass er mit der Hogwarts Bibliothekarin verwandt ist, die in Wahrheit seine Cousine Irma Prince ist. Hermine ist überrascht zu hören, dass Madam Pince eine Squib ist. In der Zaubererwelt haben Kinder, die ohne Magie in magische Familien hineingeboren werden, mit genauso vielen Problemen zu kämpfen wie Zauberer und Hexen, die eine Muggelfamilie geboren werden.
Das Gespräch endet mit Hermines überraschender Antwort auf Severus eher rhetorische Frage, was seine elterlichen Qualitäten angeht: "... ja, ich glaube, Sie würden einen guten Vater abgeben."
Familienangelegenheiten
Severus wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Ihre Worte hatten Bilder in seinem Kopf entstehen lassen... Er sah sich selbst im Kreis einer Familie mit seinem Zaubertränke-Fachjournal in einem Ohrensessel sitzen, zu seinen Füßen ein Kleinkind, das über den Teppich krabbelte; in einer Zimmerecke ein älteres Mädchen, das mit Spielkesseln selbstvergessen 'Tränkebrauen' spielte; und überall umhertobend ein Teenager in einem slytheringrünen Quidditch-Outfit, der aufgeregt seine spektakulärsten Momente in dem gewonnenen Spiel gegen Gryffindor noch einmal aufleben ließ. Auf dem Arm des Sessels seine lächelnde Frau, die braune Augen und wildes Haar hatte. Es war völlig surreal, eine Szene wie aus einem Märchen. Und dennoch konnte er auf einmal einen Hauch von Sehnsucht spüren, ein Verlangen nach etwas, das er selbst nie kennengelernt hatte... Menschen, die er liebte und die ihn zurück liebten, die Sicherheit und Geborgenheit einer Familie, um die er sich sorgen konnte und auf die er immer würde zählen können...
Aber ganz gewiß würde es so nicht sein. Bei seinem Glück wären seine Kinder allesamt rebellische Gryffindors, die ihn verabscheuen; seine Frau würde aufgrund all seiner Unzulänglichkeiten längst aufgehört haben, ihn zu lieben, und vermutlich wäre er eine ungewollte Präsenz selbst in seinem eigenen Zuhause. Er würde deshalb noch unglücklicher und verschlossener geworden sein, als er es ohnehin schon war – oder noch schlimmer: Er würde komplett die Kontrolle verloren haben und zu einer Kopie seines Vaters geworden sein. Das war die schlimmste aller Vorstellungen.
Severus nähme liebend gerne Squib-Kinder, wenn diese mit der Ehefrau und der emotional intakten Familie aus seiner Vision kämen. Wobei er durchaus sehen konnte, dass auch dieses Szenario eine Menge Probleme mit sich brächte. "Ich könnte mir vorstellen, dass es genauso schwierig ist, der Vater eines Squib zu sein, wie der Vater einer Hexe oder eines Zauberers, wenn man selbst ein Muggel ist," antwortete er schließlich, die Bilder verdrängend, die ihre Frage in seinen Geist gemalt hatte. "Unfähig zu sein, sein Kind zu unterstützen und ihm Möglichkeiten aufzuzeigen, sein Leben zu meistern – man muss sich als Elternteil wie ein völliger Versager vorkommen." Er fragte sich, ob diese empfundene Hilflosigkeit und Inkompetenz auch ein Grund gewesen sein mochte, warum sein Vater eine so tiefe Abneigung gegenüber Zauberei gehegt hatte.
"Aber nein! Wie können Sie das sagen?" rief Hermine aufgebracht aus. "Unter diesen Umständen Vater oder Mutter zu sein ist sicher schwieriger als in Familien, in denen es nur Muggel oder nur Zauberer gibt. Aber meine Eltern habe mich immer unterstützt und geliebt, und ich habe sie geliebt. Es gäbe gewiß Möglichkeiten, dafür Sorge zu tragen, dass das eigene Kind jemand hat, der ihm helfen kann, wenn man es selbst nicht kann – zum Beispiel, indem man ihm muggelgeborene Paten gibt, wenn es aus einer Zaubererfamilie kommt, und eben anders herum. Das gehört zu den Dingen, die ich gerne verändern würde – es muss einen Weg geben, Muggelgeborenen schon viel früher zu helfen, schon bevor sie nach Hogwarts kommen. Es wäre vielleicht möglich, eine Art Patenprogramm in Leben zu rufen... Oder ein Austauschprogamm, wo sich betroffene Muggelfamilien und Familien mit Squibs gegenseitig unterstützen... Vielleicht gibt es ja Listen, in denen Squibs verzeichnet sind – so, wie es Listen über Muggelgeborene gibt..."
"Und da ist sie wieder... Hermine Granger, wie sie die Welt revolutioniert!" Mit einem inneren Kopfschütteln, aber auch mit nicht zu leugnender Faszination sah er das Mädchen an, in dessen Augen wieder ein Funken jenen Feuers brannte, das so lange erloschen geschienen hatte. Woher nahm sie bloß diesen Optimismus – diese unerschütterliche Überzeugung, dass sich alles zum Guten wenden ließe, wenn man sich nur bemühte? Entweder war er alt oder einfach ein unverbesserlicher Schwarzseher.
Obwohl sie sich offenbar ein wenig angegriffen fühlte, lag Herausforderung in ihrer Stimme, als sie fragte: "Halten Sie es für eine schlechte Idee?"
"Das habe ich nicht gesagt", stellte er richtig. "Sie ist lediglich – konträr. Ich bin sicher, es gibt Zaubererfamilien, die dafür offen wären. Die meisten Eltern lieben ihre Kinder, auch wenn sie als Squibs geboren wurden, und würden alles tun, um sie glücklich zu machen. Aber es gibt auch viele Zauberer, die sich solchen Ideen mit aller Macht entgegenstellen und nicht wollen würden, dass die Tatsache, dass sie ein Kind ohne Magie gezeugt haben, breitgetreten wird. Viele glauben, dass Squibs ein defektes Gen tragen und dass die Heirat mit einem die Wahrscheinlichkeit von magielosen Kinder erhöht. Deshalb sind die Aussichten eines Squib auf eine gute Heirat gleich Null. Zauberer, besonders Reinblüter, ziehen es vor, einen magisch starken Partner zu heiraten, da sie glauben, dass es die Chancen auf ebensolchen Nachwuchs erhöht."
"Aber das ist albern!" unterbrach Hermine. "Ihr eigener Vater war ein Muggle, und Sie sind einer der mächtigsten, lebenden Zauberer. Genau wie Harry, dessen Mutter muggelgeboren war."
"Nicht zu vergessen Sie selbst, Miss Granger. Ja, ich stimme Ihnen zu: Die magische Linie 'rein' zu halten ist tatsächlich die Ursache vieler Probleme, nicht die Lösung. Aber Octavius Prince sah das anders. So wurde Irma, anstatt in die Gesellschaft eingeführt zu werden mit dem Zweck, eine Ehe für sie zu arrangieren, wie es bei einer magisch veranlagten Tochter geschehen wäre, diskret verborgen gehalten. Bis sie alt genug war, um von zuhause fortzugehen und sich eine Stelle als Bibliothekarin in Hogwarts zu sichern."
"Wenn Sie sagen 'diskret verborgen gehalten', dann meinen Sie nicht 'im Keller eingeschlossen' oder etwas in der Art, oder?" fragte Hermine mit bangem Entsetzen.
"Nein, natürlich nicht. Es wurde nur nie über sie gesprochen, und sie wurde nie Freunden und Bekannten vorgestellt. Und die Höflichkeit verbietet, sich nach Kindern zu erkundigen, die von ihren Eltern nicht erwähnt werden. Innerhalb ihres Hauses hatte Irma alles, wonach es sie verlangte. Sie verbrachte die meiste Zeit ihrer Kindheit umgeben von Büchern."
"Dann ist es kein Wunder, wenn sie Bücher behandelt, als wären es lebende Wesen," meinte Hermine mit mehr Verständnis für die misanthropische Bibliothekarin. "Waren Sie und Madame Pince – oder besser Prinz – sich die ganze Zeit darüber bewusst, dass sie Verwandte waren?"
"Nein. Sie war hier bereits Bibliothekarin, als ich als junger Lehrer anfing, aber sie hat ihre wahre Identität mir gegenüber nie offenbart. Ich habe erst vor kurzem erfahren, dass sie über mich Bescheid wusste, obwohl sie sich kaum an meine Mutter erinnern kann. Aber sie wusste auch, dass ich in jungen Jahren ein Todesser geworden war, und war nicht sicher, ob ich diesen Kreisen wirklich den Rücken zugekehrt hatte, als Dumbledore mir die Anstellung als Zaubertränkelehrer gab."
"Sie hat Ihnen all diese über Jahre misstraut?" Hermine fragte sich, ob es je einem Menschen außer Dumbledore gegeben hatte, der ihm nicht mit Mißtrauen begegnet war.
"Sie war nicht die einzige, die sich von der Rolle, die ich spielen musste, hinters Licht führen ließ. Aber sie hat mich immer mit Respekt behandelt, aus Loyalität Dumbledore gegenüber, und weil sie seinem Urteil vertraute. Erst, als Harry den Dunklen Lord mit meinem Verrat verhöhnte, erfuhr sie, auf welcher Seite ich wirklich stand. Sie hat mir alles offenbart, als ich nach dem Krieg als Lehrer nach Hogwarts zurückkehrte."
"Das war bestimmt eine ziemliche Überraschung..."
"In der Tat," murmelte er, und nahm einen Schluck von seinem Tee. "Aber dennoch nichts im Vergleich zu dem, was sie mir vor ein paar Tagen eröffnet hat..."
Hermine wagte es nicht, nachzuhaken sondern wartete geduldig, ob er fortfahren würde. Sie war völlig in den Bann gezogen von seiner Familiengeschichte, die ihr Einblicke in die Zaubererwelt gab, die völlig neu für sie waren. Ihr Lehrer, der in einer selten milden Stimmung zu sein schien, tat ihr den Gefallen, wie sie gehofft hatte. In Anbetracht der Tatsache, dass sie diejenige war, die den Schnüffeltrank genommen hatte, war es ziemlich ironisch.
"Irmas Mutter, Honoria Prince, die nach dem Tod ihres Mannes jeden Kontakt zu mir abgelehnte, hatte Irma gestanden, dass mein Onkel schon längere Zeit vor seinem Tod sein Testament geändert hatte. Honoria sollte demnach nur Witwenbezüge erhalten, während das gesamte Familienvermögen an den letzten verbliebenen Erben der Prinz-Linie gehen sollte."
"Also an Irma?"
"Wohl kaum. Abgesehen davon, dass sie eine Squib und darüber hinaus unverheiratet war, war sie der Zaubererwelt nicht als Tochter von Octavius Prince bekannt und wurde in seinem Testament noch nicht einmal erwähnt. Nein, der Name und der Familiensitz sollen an den verbliebenen männlichen Erben gehen."
"An Sie?" fragte Hermine überflüssigerweise. "Er hat Sie in sein Testament eingesetzt?"
"Nur unter der Bedingung, dass ich mich den Namen meiner Mutter annehme, da mein Onkel auf keinen Fall seinen weltlichen Besitz in den Händen eines Mannes sehen wollte, der den Namen eines Muggels trägt."
"Oh..." Das war in der Tat eine verblüffende Eröffnung. "Warum hat Ihre Tante es Ihnen erst jetzt gesagt?"
"Weil sie lange Zeit aufgrund der Tatsache, dass ich mich dem Dunklen Lord angeschlossen hatte, Ressentiments gegen mich hegte. Alles, was sie über mich aus Hogwarts erfahren hatte – meine scheinbare Abneigung gegenüber Muggelgeborenen, mein Hass auf Harry Potter, die Tatsache, dass ich den Schulleiter ermordet habe, den sie aufgrund der Hilfe, die er ihrer Tochter hatte zukommen lassen, sehr respektierte – das alles ließ sie glauben, dass ich ein ebensolcher Mann war wie ihr verstorbener Gatte. Nach allem, was nach dem Krieg ans Licht kam, wusste sie nicht mehr, was sie glauben sollte. Sie stellte eigene Nachforschungen an, verschaffte sich die Aussagen von Leuten, die mich kannten. Wie es scheint, ist sie dabei wesentlich gründlicher vorgegangen als das Zaubergamot."
Hermine runzelte die Stirn. "Besonders gründlich kann sie nicht gewesen sein – sie hat nie mit Harry gesprochen."
"Oh doch, das hat sie. Sie hatte einen privaten Ermittler beauftragt. Er hat sich als Reporter ausgegeben und eine Menge Leute interviewt. Anscheinend haben auch Sie mit ihm gesprochen, und von dem, was man mir sagte, waren Sie eine meiner leidenschaftlichsten Fürsprecher. Sie haben sich auch mit Irma über mich unterhalten, nicht wahr?"
"Nun ja – nur dieses eine Mal, als ich im September nach Hogwarts zurückkehrte. Ich war überrascht, dass sie mich ansprach, weil sie sich zuvor nie wirklich mit mir unterhalten hatte."
"Sie ist keine sehr gesprächige oder gesellige Person."
"Nein", murmelte Hermine. "Das liegt wohl nicht in der Familie." Sie glaubte, einen Anflug von Belustigung in seinen Zügen zu sehen.
"Ich nehme an, sie hat sich über mich erkundigt?" fragte Severus.
"Sie wollte wissen, was von dem, was in der Presse über Sie berichtet wurde, tatsächlich stimmte. Ich dachte, es ginge ihr darum, das, was passiert war, während Sie Schulleiter waren, mit dem in Einklang zu bringen, was das Zaubergamot über Sie öffentlich gemacht hat."
"Ja, das war sicherlich auch ein Grund. Als ein Teil des 'goldenen Trios' – noch dazu eine Muggelstämmige – hatte Ihr Urteil besonders viel Glaubwürdigkeit. Und anscheinend wurde ich nach sorgfältiger Prüfung aller Fakten von meiner Respekt einflößenden Tante für 'vermutlich nicht schuldig' befunden."
"Nun, das ist doch gut, oder?" fragte Hermine vorsichtig, die hinter seinem leicht sarkastischen Ton Ablehnung spürte. "Sie wollten Absolution und die haben Sie bekommen – nicht nur vom Zaubergamot, von Dumbledore und Harry, sondern auch von Ihrer nächsten Verwandten. Vielleicht ist es an der Zeit zu glauben, dass Sie nun frei sind ein neues Leben zu beginnen."
Diesmal sagte er nichts, aber Hermine konnte spüren, dass er die Sache anders wahrnahm. Sie konnte sich keinen Reim auf die offensichtliche Verbitterung und Anspannung machen, die er beim Gespräch über seine Tante offenbarte. Nahm er ihr übel, dass sie die Wahrheit über ihn erst nach gründlichem Nachforschen akzeptierte? Das schien wenig wahrscheinlich, da er es sonst immer als völlig natürlich hinzunehmen schien, wenn Menschen das Schlimmste von ihm dachten.
"Sie verlangt, mich zu sehen," sagte er schließlich, als erklärte das seinen Widerwillen.
"Natürlich," antworte Hermine. "Sie will Sie kennenlernen."
"Es ist völlig irrelevant, welche Meinung meine Tante sich über mich bilden mag," stieß er in dem scharfen Ton hervor mit dem er respektlose Schüler adressierte, und der Hermine überrascht aufblicken ließ. "Es ist nicht an ihr zu entscheiden, ob ich würdig bin, das Familienerbe anzutreten oder nicht. Wenn ich mich entschließe, mich ab sofort Prinz zu nennen, kann ich alles für mich beanspruchen. Und wenn ich die 'Ehre' ablehne, wird nach ihrem Tod der gesamte Besitz meines Onkel ans Ministerium fallen."
"Sie denken, sie will Sie sehen, um über Sie ein Urteil zu sprechen?" fragte Hermine, die plötzlich verstand, warum er so feindselig war.
"Natürlich," antwortete er, als wäre Hermine diejenige, die den Sachverhalt nicht begriffen hatte. "Warum sonst?"
Hermine hob die Braue und sah ihn mit stiller Verwunderung an. "Ist Ihnen nicht in den Sinn gekommen, dass Ihre Tante Sie vielleicht einlädt, damit Sie über sie urteilen können?"
"Was?"
Offensichtlich nicht. "Überlegen Sie mal – die Frau hat Ihnen eine sehr lange Zeit lang Unrecht getan," versuchte Hermine zu beschreiben, wie sich die Dinge möglicherweise für seine Tante darstellten. "Gut, sie war nicht die einzige, aber es schien ja doch auf ihrem Gewissen zu lasten. Sie hat das Testament vor Ihnen geheimgehalten und Besitz von Dingen ergriffen, die ihr rechtmäßig nicht zustanden. Sie hätte das Geheimnis mit in den Tod nehmen können. Indem sie jetzt auf sie zukommt und die Wahrheit sagt, geht sie ein großes Risiko ein – Sie könnten vermutlich Anklage gegen sie erheben. Ich bin sicher, sie hätte sich nicht offenbart, wenn sie Sie für einen gemeinen, rachsüchtigen Mann halten würde, der sie aus ihrem Heim wirft. Aber sie hat vielleicht Sorge, dass Sie nun Ressentiments gegen sie hegen und ablehnen, was Ihnen rechtmäßig zusteht, was auch ihre Tochter leer ausgehen lassen würde. Vielleicht wünscht sie sich lediglich eine Gelegenheit, sich Ihnen zu erklären und zu beweisen."
Zum wiederholten Mal aller Worte beraubt konnte Severus die junge Frau, die ihm gegenüber saß, nur schweigend ansehen. Mit ein paar scharfsichtigen Beobachtungen hatte sie all seine Befürchtungen und Sorgen in Frage gestellt. Unwissend oder, was noch besorgniserregender wäre, sich darüber völlig bewusst, hatte sie seine tiefsten Unsicherheiten offengelegt: Die Angst, beurteilt und für nicht würdig befunden zu werden. Zwar war das bis vor kurzem eine sehr reale, sogar lebensbedrohliche Sorge gewesen, aber ihm war nicht gewahr geworden, dass er inzwischen in fast jeder Situation, in der andere ihn möglicherweise beurteilten, ähnlich paranoid reagierte. Was eigentlich immer der Fall war, wenn er mit anderen interagierte. Er war intelligent genug zu erkennen, dass dies keine besonders gesunde Verhaltensweise war.
"Und – wie denken Sie darüber, den Familiennamen Ihrer Mutter anzunehmen?" forschte Hermine vorsichtig nach.
"Ich weiß es nicht," seufzte er und rieb sich müde die Augen. Die einfache Geste traf einen Nerv bei ihr – sie mutete so seltsam menschlich an und gänzlich un-Snape-mäßig. Zum dritten Mal an diesem Abend wurde ihr bewusst, wie sehr er seine Zurückhaltung und Wachsamkeit ihr gegenüber aufgegeben hatte.
"Es gab eine Zeit, da wollte ich nichts mehr als das. Ich hasste meinen Vater und habe seinen Namen nie mit Stolz getragen. Aber als mir zum ersten Mal angeboten wurde, Teil der Prinzfamilie zu werden – aus völlig falschen Gründen und von einem Mann, der nur wenig besser war als mein eigener – empfand ich es als Beleidigung. Als dachte er, er könnte sich selbst einen Sohn kaufen. Abgesehen davon wollte ich nicht, dass der Dunkle Lord davon profitierte. Und jetzt... Ich brauche keinen Herrensitz, keinen klangvollen Namen oder das Familienvermögen. Ich komme gut mit dem zurecht, was ich als Lehrer verdiene und von den Einkünften aus meinen Zaubertrankpatenten."
"Über welche Größenordnung eines Vermögens sprechen wir denn?"
Er zuckte die Achseln. "Ich weiß es nicht. Gewiß nichts, was mit dem der Malfoys vergleichbar wäre. Prince House ist ein bescheidener Landsitz. Ich habe keine Ahnung, wie mein Onkel sein Geld angelegt hat. Nach allem, was ich weiß, könnte ich auch einen Haufen Schulden erben."
"Aber andernfalls könnten Sie das Geld sicher trotzdem gut gebrauchen," gab Hermine zu bedenken. "Falls Sie Hogwarts verlassen, werden Sie ein Labor brauchen. Das ist eine ziemliche Investition. Und Sie müssen auch an Irma denken."
"Sie kommt ebenfalls sehr gut mit ihrem Gehalt zurecht. Sie hat es mir gesagt – auch, dass sie mich zu nichts drängen will. Andererseits – es war ihr Zuhause, und ich möchte nicht, dass es dem Ministerium in die Hände fällt. Ich bin also hin- und hergerissen."
"Sie müssen es ja nicht sofort entscheiden," meinte Hermine vernünftig. "Ich denke, Sie sollten die Einladung annehmen und Ihre Tante kennenlernen. Vielleicht wird Ihnen das bei Ihrer Entscheidung helfen. Sie wissen ja – ich glaube an zweite Chancen..."
"Ja, ich erinnere mich, Miss Granger!"
"Professor Prinz... Severus Prinz, Zaubertränkemeister", testete sie den Namen auf ihrer Zunge. "Gefällt mir."
Er schnaubte. "Es klingt lächerlich."
"Nein, tut es nicht," widersprach sie. "Es klingt nobel."
Ob das Harrys Pläne für Weihnachten veränderte? fragte sich Hermine. Vermutlich würde ihr Lehrer die Feiertage jetzt lieber mit seiner Familie verbringen...
"Was habe ich mit Mr. Potters Weihnachtsplänen zu tun?" fragte Severus, der sich daran erinnert hatte, dass er immer noch auf der Suche nach einer Information war und gerade in diesem Moment einen Blick in ihren Geist geworfen hatte. Der Gedanke, den er dort fand, war höchst mysteriös.
"Sie haben das gehört?" fragte Hermine ein wenig bestürzt.
"Laut und deutlich. Ich habe auch Enttäuschung gespürt, als Sie sich fragten, ob ich Weihnachten mit meiner 'Familie' verbringe, wie Sie sie nennen. Sie haben mit Harry über mich gesprochen, nicht wahr?"
Sie konnte sie ein leichtes Kribbeln in ihrem Kopf fühlen, als er wieder in ihren Geist hineinglitt und ihr Gespräch mit Harry hervorrief. Diesmal unternahm sie keinen Versuch, ihn daran zu hindern, sondern sah mit ihm zusammen die Erinnerung vor ihren Augen ablaufen wie ein Film.
'Bleibt es dabei, dass wir Weihnachten zusammen am Grimmauldplatz verbringen, anstatt zu den Weasleys zu gehen?' fragte Harry. Sie saßen im Gryffindor Gemeinschaftsraum auf dem Sofa. Hermine hatte ein Buch in der Hand und die ausgestreckten Beinen in Harrys Schoß liegen. Sie sah aus, als würde sie sich recht behaglich fühlen, während ihr Freund mit leicht angespannter Miene ins Feuer starrte.
'Natürlich', antwortete Hermine, die nur kurz von ihrem Buch aufsah. 'Ich kann mir nicht vorstellen, im Fuchsbau zu sein, während Lavender da ist, Ginny immer noch an einem gebrochenen Herzen leidet und Molly auf uns beide schlecht zu sprechen ist, weil wir Kindern einen Korb gegeben haben. Also ja – wir feiern am Grimmauldplatz.'
'Ich habe mich gefragt... nachdem du ohnehin so viel Zeit mit Snape verbringst und ihm assistierst und so... Würde es dir etwas ausmachen... denkst du, er hätte etwas dagegen...'
'Was, Harry?' Hermine schlug ihr Buch zu und gab ihm ihre volle Aufmerksamkeit.
'Nun, ich habe darüber nachgedacht, ihn ebenfalls über die Weihnachtstage einzuladen. Er ist der einzige, der mir als Familienangehöriger – im gewissen Sinne – geblieben ist, und Weihnachten ist in erster Linie ein Familienfest. Ich wollte auch Draco fragen, ob er zu uns kommen will. Wir sind praktisch alle Waisen, und haben niemand anders, zu dem wir gehen könnten...'
'Oh Harry...'
'Wenn du nicht möchtest, dass ich die anderen einlade, ist das in Ordnung...' versicherte Harry rasch. 'Dann werde ich es nicht tun... Es war nur so eine Idee. Vermutlich eine dumme...'
'Eigentlich,' sagte Hermine langsam, 'finde ich, dass es ein großartige Idee ist.'
'Wirklich?' Harry klang überrascht.
'Ja. Und ich denke, du solltest auch Remus und Teddy einladen. Du bist Teddy's Patenonkel, also ist er auch ein Teil deiner Familie.'
Harry schien dieser Gedanken zu gefallen, aber dann wurde sein Blick zweifelnd. 'Aber – denkst du, Snape... denkst du er würde ja sagen?'
'Ganz ehrlich – ich weiß es nicht,' antwortete Hermine. 'Ich habe keine Ahnung, was er normalerweise Weihnachten macht. Vermutlich würde er es mit Draco verbringen wollen, da er sein Patenonkel ist.'
'Er ist auch mein Pate.'
'Dann scheint zusammen zu feiern ja eine gute Lösung zu sein.'
'Ich habe Angst, ihn zu fragen,' gestand Harry ein.
'Warum? Weil er vielleicht 'nein' sagen könnte?'
'Nein. Weil er etwas sagen könnte wie 'Sind Sie von allen guten Geistern verlassen, Potter? Warum würde ich Weihnachten mit einen Dummkopf wie Ihnen verbringen wollen?"
'Ich glaube nicht, dass er das sagen wird,' meine Hermine ernst. 'Er ist nicht mehr so.'
'Nun, er war sehr anständig, als er mit mir gesprochen hat... Ich glaube, er ist wirklich daran interessiert, nochmal neu anzufangen. Es ist nur so – surreal... mit Snape freundschaftlich zu verkehren.'
Sie schnaubte. 'Was du nicht sagst!'
'Ich nehme an das soll heißen, er ist einigermaßen nett zu dir?'
'In der Tat, das ist er.'
'Was geht da überhaupt zwischen euch ab? Und sag nicht 'gar nichts', denn ich bin nicht blöde, Hermine. Ich weiß, ich bin in letzter Zeit nicht so aufmerksam gewesen, wie ich es hätte sein sollen, und das tut mir leid. Aber ich sehe, dass sich etwas an dir verändert hat.'
'Er hilft mir, Harry. Er bringt mir Okklumentik bei.'
'Was? Wieso das denn?'
Sie zuckte die Achseln. 'Ich habe ihn darum gebeten. Er meint, es könnte mir bei meinen Albträumen helfen.'
Harry sah sie an, als hätte sie den Verstand verloren. Warum jemand freiwillig Okklumentikstunden mit Snape nehmen wollen würde, entzog sich komplett seinem Verständnis. 'Und – wie läuft es?'
'Es ist zu früh, um etwas sagen zu können,' antwortete Hermine, die Frage auf ihren Lernfortschritt beziehend anstatt auf ihren Gefühlszustand, an dem Harry deutlich eher interessiert schien. 'Wir hatten erst zwei Stunden. Aber es ist auf jeden Fall ungemein faszinierend.'
'Faszinierend? Okay, das ist nicht ein Wort, das ich gewählt hätte... Ich vermute, er muss wirklich extra nett zu dir sein, wenn du nach zwei Stunden noch nicht schreiend davongelaufen bist. Also würde es dir nichts ausmachen, wenn ich ihn fragen würde?'
'Nein, überhaupt nicht, und es macht mir auch nichts aus, wenn du Draco fragst. Wir kommen gut miteinander aus. Ich nehme an, ihr zwei habt inzwischen Fortschritte gemacht?'
Harry errötete. 'Ja, schon. Obwohl ich glaube, dass er sich noch nicht so ganz sicher ist, was er will. Ich meine, mir selbst einzugestehen, dass ich schwul bin, war schwer genug, und ich hatte keine Eltern mit einem Haufen Vorurteile, wegen der ich mich sorgen müßte. Tatsächlich hat Snape mir gesagt, dass es ihnen nichts ausgemacht hätte. Es gab einen schwulen Jungen in ihrem Jahr, und sie waren immer sehr nett zu ihm. Remus hat das gleiche gesagt. Draco's Eltern wären vermutlich nicht so unterstützend. Besonders nicht, wenn sich herausstellen sollte, dass sein Interesse ausgerechnet mir gilt.'
'Mach dir keine Gedanken. Ich glaube, das ist nichts, womit man sich auf Dauer selbst belügen kann. Und Draco ist immer noch dabei, sich von seinen Eltern zu lösen und von all den Vorurteilen, mit denen er aufgewachsen ist. Gib ihm Zeit.'
'Ich habe keine Eile. Im Moment bin ich einfach nur gern mit ihm zusammen. Alles andere ist für mich noch ebenso beängstigend, wie vermutlich für ihn. Was auch immer am Ende dabei rauskommen wird, wir gehen es langsam an.'
"Harry will mich über Weihnachten zum Grimmauldplatz einladen?" Völlig verblüfft zog sich Severus aus ihrem Geist zurück.
Hermine hob die Achseln. "Ich habe Ihnen ja gesagt, dass er Sie als Teil seiner Familie betrachten würde, wenn er Bescheid wüsste. Er hat sich immer gewünscht, Menschen zu haben, die er 'Familie' nennen kann. Wenn er könnte, würde er mich sofort als seine Schwester adoptieren." Sie sah forschend in sein Gesicht. Es war betont ausdruckslos, was bedeutete, dass er sorgsam darum bemüht war, seine Gefühle zu verbergen. "Also – was denken Sie darüber?"
"Ich bin nicht sicher," sagte er nach einer längeren Pause. "Es wird fürchterlich steif und unbehaglich sein."
"Warum sollte es das?"
Als läge das nicht auf der Hand. Er hatte keine Ahnung, wie er mit Potter umgehen sollte. Er wusste ja nicht mal, wie er mit ihr umgehen sollte. "Nun, da ist zum einen die Tatsache, dass ich immer noch ihr Lehrer bin", sagte er, was immerhin ein beträchtlicher Teil des Problems war.
"Das ist Remus auch. Und Draco ist ebenfalls Ihr Schüler – und ihr Patensohn. Es ist nicht wirklich anders."
"Sie lassen das es klingen, als wäre es so einfach."
"Sie machen sich zu viele Gedanken."
"Und das sagen ausgerechnet Sie...," meinte er mit mildem Spott.
Sie grinste. "Touché. Aber es stimmt dennoch. Es gibt nichts, worüber Sie sich den Kopf zerbrechen müssten. Nicht mal über Geschenke. Harry hat vorgeschlagen, Schrottwichteln zu spielen. Bringen Sie einfach etwas mit, das Sie nicht mehr brauchen oder immer schon loswerden wollten. Wir tauschen. Das wird bestimmt lustig."
Wie zu erwarten gewesen war, schien ihn die Aussicht auf Spaß auch nicht umzustimmen.
Severus war aus noch ganz anderen Gründen besorgt. Der Junge hatte so eine Andeutung gemacht... "Denken Sie, dass ihr Freund etwas ahnt über... nun – über unsere veränderte Beziehung?"
"Wäre es schlimm, wenn es so wäre? Oder wenn ich es ihm erzählen würde?"
"Sagen Sie es mir. Vielleicht sollten Sie das tun. Wir werden sehen, ob seine Weihnachtseinladung danach noch steht."
"Ich bin sicher, das wird sie," sagte Hermine zuversichtlich. Harry war im letzten Jahr sehr erwachsen geworden. Und nach allem, was sie gemeinsam erlebt hatten, würde so schnell nichts mehr zwischen sie kommen. "Harry ist schließlich nicht gerade derjenige, der sich ein Urteil über die Herzenangelegenheiten anderer machen dürfte. Dass ausgerechnet Harry und Draco miteinander anbandeln, ist nicht weniger seltsam."
Hermine gönnte ihrem ältesten und liebsten Freund dieses Glück von Herzen, und es erschien ihr fast wie eine Form von Wiedergutmachung, dass ausgerechnet zwei frühere Feinde sich zu wichtigen Menschen in seinem Leben entwickelten. Was früher unvorstellbar erschienen war, war ins Reich des Möglichen gerückt.
Severus war froh, diese Warnung bekommen zu haben. Die Entwicklung war völlig unerwartet. Die traurige Wahrheit war, dass er seit Jahren mit niemandem mehr das Weihnachtsfest gemeinsam verbracht hatte. Es hatte eine Zeit gegeben – vor der Rückkehr des Dunklen Lords – da er immer in Malfoy Manor eingeladen gewesen war. Davor, und auch danach, hatte er die Ferien immer auf Hogwarts verbracht. Meist allein in seinen Gemächern. Er hatte sich selbst überzeugt, dass es ihm nichts ausmachte, dass er die ruhige Zeit genoß. Weihnachten ausgerechnet mit Harry Potter zu verbringen, würde mit allen seinen Gewohnheiten brechen. Er fühlte einen kurzen Moment der Panik. Ja, er wollte sein Leben zum Besseren wenden und über seinen eigenen Schatten springen. Aber dies schien ein sehr großer Sprung zu sein. Es schien überhaupt so, als würde man von ihm erwarten, gewagte Sprünge in alle möglichen Richtungen zu tun. Es war höchst beunruhigend.
"Ich würde Sie wirklich sehr gerne an Weihnachten sehen," sagte Hermine, in der Hoffnung, dass dies seine Entscheidung in diese Richtung beeinflussen würde. "Die Ferien sind lang. Ich werde unsere Okklumentikstunden und unser gemeinsames Brauen vermissen." Sie würde ihn vermissen, Punk. Und der Gedanke, in einem privateren Umfeld Zeit mit ihm verbringen zu können... nun, es gab ihr einige Ideen. Wie zum Beispiel die, Harry an die Tradition mit den Mistelzweigen zu erinnern.
"Ich werde darüber nachdenken," sagte Severus schließlich, als er den hoffnungsvollen und sehnsüchtigen Ausdruck in ihren Augen sah. Nun, da er sich daran gewöhnt hatte, sie fast jeden Tag zu sehen, würden drei Wochen in der Tat wie eine lange Zeit erscheinen. "Auf jeden Fall kann ich versprechen, ihrem Freund nicht den Kopf abzureißen, falls er tatsächlich den Mut finden sollte, die Sache anzusprechen."
"Dafür wäre ich dankbar. Und vielleicht könnten Sie ganz subtil herausfinden, wie Draco über eine Einladungen denken würde?"
Das war auch keine schlechte Idee... es wäre zumindest ein guter Aufhänger, mit Draco ins Gespräche zu kommen und zu beginnen, ihre leicht angespannte Beziehung wieder zu kitten. Und ihm sanft zu eröffnen, dass er noch einen weiteren Patensohn hatte, von dem Draco bisher nichts wusste. Ja, das würde auch eine sehr interessante Unterhaltung werden.
"Das könnte ich tun. Ich werde Sie auf dem Laufenden halten."
A/N: Zu meiner Überraschung habe ich erst vor kurzem herausgefunden, dass es weder in den Büchern, noch in den Filmen einen Hinweis darauf gibt, dass Severus tatsächlich Dracos Pate ist! Es muss wohl eine dieser vermeintlichen Tatsachen sein, die so oft in Fanfiction stipuliert worden sind, dass sie 'Fanon' geworden sind.
