Zusammenfassung des vorherigen Kapitels

Hermine hat einen weiteren Albtraum von ihren schlimmen Erlebnissen in Malfoy Manor. Dieses Mal jedoch erscheint ihr Severus in ihrem Traum, der ihr hilft, indem er sie daraus herausführt. Als Hermine ihm davon erzählt, ist sie überrascht zu erfahren, dass es Severus war der Dobby zu ihrer Rettung geschickt hatte. Zum ersten mal wird ihr bewusst, dass sie ihn liebt, was sie ihm aber nicht sagt, da sie weiß, dass er noch nicht soweit ist, es zu akzeptieren.

Severus nimmt Harrys Einladung an, Weihnachten am Grimmauld Platz zu verbringen. Ehe sie sich in die Ferien verabschieden, gibt Severus Hermine eine Tinktur für ihre Haare, die er speziell für sie entwickelt hat, worüber sie sich sehr freut. Spontan schenkt er ihr auch seinen Mantel, was sie fast noch glücklicher macht. Beide verabschieden sich mit einem Gefühl der Vorfreude, sich Weihnachten wiederzusehen.

A/N: Die Weihnachtskapitel hatte ich ursprünglich übersprungen - sie waren nicht als Teil dieser Geschichte geplant. Inzwischen habe ich sie allerdings als eigene Story nachgeliefert, allerdings nur auf Englisch (The Missing Christmas Chapters). Vielleicht mag sich ja doch der ein oder andere mal daran versuchen. Es geht bestimmt besser, als ihr denkt!

Mein ganz besonderer Dank an Blutpriesterin, die mir die erste Review seit einem Jahr hinterlassen hat! Juhu, es gibt doch noch Leute, die diese Geschichte lesen!


Feiertagsnachwirkungen

Die Ferien waren nur so verflogen. Die ungewöhnliche Weihnachtszusammenkunft am Grimmauld Platz war ein voller Erfolg gewesen. Ein Gefühl von Gezwungenheit oder Steifheit war bedingt durch die allgemeine Festtagslaune und unterstützt durch reichlich fließende, alkoholische Stimmungslöser wie Glühwein, Butterbier und Feuerwhisky gar nicht erst aufgekommen.

Hermine meinte, mit all den Keksen, Kuchen und der vielen Schokolade die sie gegessen hatte, mindestens ein oder zwei Pfund zugenommen zu haben – gar nicht erst zu reden von den weihnachtlichen Köstlichkeiten, die Kreacher, Harrys geläuterter Hauself, für sie zubereitet hatte. Dass sie genauso ungehemmt zugelangt und die Speisen ebenso genossen hatte wie alle anderen, hatte ihr einige frotzelnde Bemerkungen von jenen eingebracht, die sich noch an ihre W.U.E.R.G - Kampagne (Wohlfahrtsbewegung zur Umsetzung Elfischer Rechte in der Gesellschaft) aus ihrem vierten Hogwartsjahr erinnerten. Hermine hatte jedoch aus der Erfahrung gelernt und Kreacher mit Lob und Komplimenten überhäuft, anstatt seinen Sklaven-Status zu beklagen. Dass er vor Freude gestrahlt und sich förmlich überschlagen hatte, ihr jeden Wunsch von den Augen abzulesen, hatte geholfen, ihr schlechtes Gewissen ein wenig zu beschwichtigen.

Im Anbetracht der doch ungewöhnlichen Gästekonstellation waren sie alle überraschend gut miteinander ausgekommen. Teddys Anwesenheit hatte geholfen, das Eis zu brechen und Spannungen gar nicht erst aufkommen zu lassen. Ein wenig verblüfft war Draco sich über seine verwandtschaftlichen Bande zum kleinen Theodore Lupin bewusst geworden. Seine Familie hatte keinerlei Kontakt zu den Blutsverrätern gepflegt, zu denen Andromeda Black – Teddys Großmutter und Dracos Tante – aufgrund ihrer Heirat mit einem Muggel gezählt worden war. Sehr zu Remus Überraschung hegte Draco keine solchen Vorbehalte mehr, sondern war erfreut gewesen, festzustellen, dass er faktisch Teddys Großcousin war. Er hatte sehr viel Zeit auf dem Fußboden verbracht und mit dem Kleinkind gespielt, das ihn, wie so ziemlich alle anderen, völlig um seine pummeligen Babyfinger gewickelt hatte.

Obwohl ihre Ferien am Grimmauld Platz entspannend gewesen waren, war Hermine doch froh, nun wieder in Hogwarts zu sein. Severus war lediglich über die Feiertage da gewesen, und die verbliebene Woche bis zum neuen Jahr war ihr überraschend lang vorgekommen. Am Silvesterabend waren sie, Luna, Harry und Draco zusammen durch Nachtclubs gezogen – noch etwas, was Hermine sich vor dem Krieg in ihren kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können. So viele Dinge hatten sich inzwischen zum Besseren gewandt. All der Narben und der Schrecken zum Trotz, die für immer in ihre Haut und ihre Erinnerung gebrannt waren, stellte sich allmählich bei ihr wieder ein Gefühl ein, das sie für immer geglaubt hatte, verloren zu haben: Ihr Optimismus.

Erstmals seit langem fühlte sich Hermine richtig gut. Alle Maßnahmen, die Severus angestoßen hatte, zeigten nun Effekt: Der Nährstofftrank hatte ihr Gewicht stabilisiert und ihren Appetit wiederhergestellt. Die leichtere Kost, die sie nun zu den Mahlzeiten serviert bekam, machte ihrem Magen nicht mehr zu schaffen, sodass sie langsam aber kontinuierlich auch das Gewicht zurückgewann, das sie im letzten Jahr verloren hatte.

Auch ihr Schlafrhythmus hatte sich verbessert. Luna schlafend neben sich zu sehen, wenn sie aus einem Albtraum erwachte, hielt sie im Hier und Jetzt verankert und half ihr, nach dem Erwachen wieder in den Schlaf zu finden. Wozu natürlich auch Severus' Umhang immens beitrug, der wieder unter ihrem Kopfkissen lag. Hermine glaubte nach wie vor nicht, dass ihre okklumentischen Fähigkeiten ausgereift genug waren, um ihre Träume beeinflussen zu können. Aber ihr Unterbewußtsein war ruhiger und gelassener als noch vor Wochen. Zwar hatte sie immer noch Albträume – solche etwa, in denen sie wieder ein Kind war und alleine, verängstigt und verzweifelt ihren Eltern nacheilte, die sie nur mit kühlen Blicken musterten und sagten, sie hätten keine Tochter, oder solche, in denen Severus erneut in der Heulenden Hütte starb und behauptete, sie brauche ihn nicht und wäre ohne ihn viel besser dran; oder Träume von Nagini, die sich auf Harry stürzte, während sie hilflos daneben stand und nichts tat, einfach, weil sie nicht wusste, was sie tun sollte. Aber ihr schlimmster Alptraum, der von Malfoy Manor, war bisher nicht mehr zurückgekehrt.

Ihre Magie war auch wieder stabiler geworden. Erst nachdem sie aufgehört hatte, ständig ihre Notfallausrüstung mit sich herumzuschleppen, hatte Hermine bemerkt, wie sehr das an ihren Kräften gezehrt hatte. Es half auch, dass sie mit ihrem neuen Zauberstab Frieden geschlossen hatte, der sich nun nicht mehr länger wie ein Fremdkörper in ihren Händen anfühlte und ihr nun keine Probleme mehr machte.

Seit dem Vorfall im Ballsaal hatte sie auch keine Panikattacke mehr gehabt, obwohl Hermine sich dadurch nicht in falscher Sicherheit wog. Sie wusste, dass es bestimmte Auslöser gab, die sie ohne Vorwarnung in einen Zustand kopfloser Angst versetzen konnten – wie zum Beispiel, in einen Spiegel zu blicken und plötzlich Bellatrix Gesicht darin zu sehen. Aber immer, wenn sie Angst in sich hatte hochsteigen fühlen, hatte es genügt, den Portschlüssel zu umklammern, den Severus ihr gegeben hatte und sich bewusst zu machen, dass er sie sofort zu ihm transportieren würde, und es war genug gewesen, um sie wieder zu beruhigen.

Hermine war sich völlig im Klaren darüber, wie sehr er ihr geholfen und wie maßgeblich er zu allem beigetragen hatte, das sich zum Besseren gewandelt hatte. Es hatte immens geholfen, mit ihm über die Dinge zu reden, die sie belasteten, aber davon abgesehen wirkte allein seine Gegenwart beruhigend und entspannend auf sie.

Allerdings war es ein Eiertanz, den sie ständig umeinander aufführten, und die Ferien hatten das nur verstärkt. Anfangs war da das peinliche Unbehagen gewesen, nicht so recht zu wissen, wie man den anderen überhaupt ansprechen sollte. Unter den gegebenen Umständen wäre es merkwürdig gewesen, wenn Harry und Hermine ihren Zaubertränkelehrer weiterhin 'Professor Snape' genannt hätten, wo sie doch Remus duzten, wie es auch Severus und Draco untereinander taten.

So waren sie übereingekommen, sich im Privaten beim Vornamen anzusprechen, obwohl es Harry und Severus schwer gefallen war, sich an diese neue Vertraulichkeit und das 'du' zu gewöhnen. Severus hatte seinen Patensohn oftmals zwar geduzt, ihn aber aus der Macht der Gewohnheit heraus mit 'Potter' tituliert. Harry, der damit aber gut leben konnte, hatte einfach den Titel 'Professor' weggelassen, wenn er seinen Patenonkel ansprach, ihn geduzt und schlicht 'Snape' genannt. Es war informell mit einem Hauch widerwilliger Vertrautheit, was es beiden erlaubte, so zu tun, als würden sie einander immer noch ablehnen. Vermutlich aus gleichem Grund sprach Draco Hermine die meiste Zeit mit 'Granger' an. Vielleicht war es aber auch nur so ein Männer-Ding.

Hermine war jedenfalls froh, dass es ihr endlich erlaubt war, den Mann, für den sie so viel empfand, beim seinem Vornamen zu nennen – zumindest dann, wenn sie allein waren. Zwar hatte sie kein Problem damit, ihn 'Sir' zu nennen – das war schließlich ein Ausdruck der Wertschätzung – aber es hatte sich zunehmend albern angefühlt, ihn mit seinem Titel anzusprechen. Zum einen wollte sie die Tatsache, dass er ihr Professor war, nicht unnötig betonen, zum anderen war er in ihrem Kopf schon seit einer geraumen Weile einfach nur 'Severus' gewesen. Sie hatten sich geküsst, zum Kuckuck, inzwischen schon zweimal. Auch, wenn der zweite Kuss ihnen sozusagen aufgezwungen worden war, von einem verzauberten und strategisch wohl plazierten Mistelzweig über einem Türrahmen. Glücklicherweise waren sie einander darunter in die Arme gelaufen und durch den Zauber festgehalten worden, bis sie sich geküsst hatten. Nun – zumindest sie hatte es als Glück empfunden; bei ihm war sie sich nicht so sicher. Nicht, dass sie glaubte, er hätte sie nur widerwillig geküsst. Ganz im Gegenteil. Sie hatte sogar berechtigten Grund zu der Annahme, dass es die gleiche Wirkung auf ihn gehabt hatte, wie auf sie. Aber es war von seiner Seite eine spürbare Zurückhaltung dagewesen, die sie schwer beschreiben konnte. Als würde er irgendwie – an sich halten.

Er war immer so sorgsam kontrolliert in ihrer Gegenwart. Es war mit ein Teil dessen, was sie an ihm so anzog. Ron hatte ihr immer ein wenig Angst gemacht mit seinem sprunghaften Temperament und seiner Impulsivität. Nicht, weil er schnell wütend wurde – schließlich galt das genauso für ihren Zaubertränkelehrer. Aber Rons Reaktionen waren oft übertrieben und unerwartet, besonders seit dem Krieg. Es war schwer vorauszuahnen, wie er in einer bestimmten Situation reagieren würde, und wenn er gestresst war, fuhr er schnell aus der Haut.

Es war seltsam, wenn sie darüber nachdachte... Ron war launenhaft, während Severus' chronisch schlechte Laune gewissermaßen eine Grundeinstellung war. Aber das machte ihn berechenbar. Ja, die generelle Verdrießlichkeit konnte rasch in Ärger oder Wut umschlagen, aber das geschah nie ohne Vorwarnung. Man wusste immer, woran man war: Tat man dieses oder sagte jenes, beschwor man den Zorn des Zaubertränkelehrers auf sich herab. Und doch – selbst wenn er wütend war, wurde er selten laut. Er wurde sogar umso leiser, je zorniger er war, was Hermine begrüßte, denn in einer spannungsgeladenen Situation erweckte eine ruhige Stimme wenigstens den Anschein von Rationalität, selbst, wenn sie bedrohlich klang.

Severus unfehlbare Kontrolle bewirkte einerseits, dass sie sich sicher und gut aufgehoben fühlte, andererseits weckte sie in ihr die faszinierende Vorstellung, wie es wohl wäre, diesen zugeknöpften Mann eines Tages enthemmt und zügellos zu erleben. Manchmal kam es ihr sogar so vor, als ob die eiserne Kontrolle, die er über seine Gefühle hatte, bereits an einigen Stellen spröde wurde.

Er hatte sie schon vor einiger Zeit gewarnt, dass er eine platonische Freundschaft zwischen ihnen für schwierig hielt. Es wäre vermutlich einfacher gewesen, wenn sie für ihn 'Miss Granger' geblieben wäre. Aber jetzt war sie die Frau – zumindest hoffte sie, dass er von ihr als Frau dachte, und nicht als Mädchen – die er zweimal geküsst hatte. Wenn es nach ihrem ersten Kuss schon schwierig gewesen so zu tun, als hätte sich nichts verändert, so war es nach dem Zweiten schlichtweg unmöglich.

Wenn er sich jetzt, nachdem die Ferien vorbei waren, wieder von ihr distanzierte, so wusste Hermine, dass es seinem Bemühen geschuldet war, wieder sicheren Boden unter die Füße zu bekommen. Eine Fortsetzung ihrer Okklumentikstunden hatte er bislang nicht einmal erwähnt. Sie war sich darüber im Klaren, dass ein Eindringen in ihren Geist für ihn etwa das gleiche war, wie auf dünnem Eis Schlittschuh zu laufen, aber sie wollte auf keinen Fall mit dem Unterricht aufhören, wo sie so weit gekommen war. Zwar war sie nicht nah daran, die Fähigkeit zu beherrschen, aber doch weit genug, um das Prinzip zu begreifen.

Sie beschloss, es langsam angehen zu lassen und das Thema nur beiläufig zu erwähnen, anstatt es ihm aufzuzwingen. Glücklicherweise ergab sich etwas, das sie in richtig gute Laune versetzte und ihr eine gute Entschuldigung für einen außerplanmäßigen Besuch im Kerker-Laboratorium gab.

Sie schlich sich leise herein, um nicht die Konzentration des Zaubertränkemeisters zu stören, falls er gerade dabei sein sollte, beim Umrühren zu zählen. Aber er war nur damit beschäftigt, Zaubertrankzutaten für die nächste Stunde vorzubereiten und blickte sofort auf, als er sie kommen hörte. "Worüber bist du denn so glücklich?" fragte er, als er in ihr lächelndes Gesicht sah.

Nun, da war zum einen die schlichte Freude, ihn zu sehen, die ihr immer das Herz leichter werden und immer öfter auch schneller schlagen ließ. Aber diesmal hatte sie noch einen anderen Grund, froh zu sein. "Meine Mutter hat meinen Brief beantwortet – den, den ich meinen Eltern zu Weihnachten geschickt habe."

Severus wusste, dass sie nervös gewesen war, ihnen zu schreiben – nicht als ihre Fallbeauftragte, sondern privat, als Harmony Miller. "Das freut mich für dich, Hermine," sagte er aufrichtig. "Was schreibt sie?"

"Dass sie sich gefreut haben, von mir zu hören und sich ebenso freuen würden, wenn wir weiter in Kontakt blieben, obwohl ich nicht länger an ihrem Fall arbeite. Ich hatte ihnen geschrieben, dass ich überhaupt nicht länger für die Regierung arbeite, sondern mich nach etwas Neuem umsehe."

"Das heißt, sie haben dich wirklich ins Herz geschlossen. Eine interessante Tatsache."

"Ja. Ich glaube, Teile ihrer tiefsten Erinnerungen müssen doch noch intakt sein." In Hermines Stimme schwang ein Hauch von Traurigkeit mit als sie hinzufügte: "Sie haben gesagt, sie hätten beide das Gefühl, mich seit Ewigkeiten zu kennen – dass irgendetwas an mir ihnen einfach sehr vertraut schien."

"Grübel nicht deswegen – es ist etwas Gutes! Ganz offensichtlich ist es unmöglich, Gefühle zu oblivieren. Sie lieben dich noch immer. Sie wissen es nur gerade nicht."

"Sie haben gefragt, ob ich für sie nach dem Haus sehen könnte. Sie sind nicht sicher, ob sie es behalten oder verkaufen wollen. Sie denken darüber nach, es zu vermieten."

Er hob den Blick von seinem Schneidebrett und sah sie prüfend an. "Macht dir der Gedanke zu schaffen?"

"Nicht so sehr wie noch vor ein paar Monaten," antwortete sie, und nahm sich ein Brett und ein Messer, um ihm bei der mühsamen Arbeit, Erumpent Sehnen zu zerschneiden, zu helfen. "Es ist nicht so viel anders, wenn sie in Australien sind, als es früher war, mit mir in Hogwarts. Ich habe sie nur in den Ferien gesehen. In meinem Alltag macht es keinen Unterschied, ob sie nun in 'Down Under' sind oder hier. Sie klingen glücklich. Mein Vater hat angefangen zu angeln. Oh, und meine Mutter denkt darüber nach, ein Buch zu schreiben! Einen Fantasy-Roman – kannst du dir das vorstellen?"

"Sie schreibt Märchen?"

"Eine fantastische Geschichte – solche wie die, die sie mir als Kind immer vorgelesen hat: Der Herr der Ringe, die Unendliche Geschichte, die Chroniken von Narnia... Mir wären Sachbücher lieber gewesen, aber sie hat Bücher über Magie und verborgene Welten geliebt. Schon damals hat sie darüber nachgedacht, selbst zu schreiben. Aber sie hat komplett damit aufgehört, als sich herausstellte, dass ich eine Hexe bin."

"Warum?" fragte Severus, dem die Reaktion sehr paradox erschien.

"Es klingt seltsam, ich weiß. Ich vermute, dass für sie all die magischen Wesen – Einhörner, Vampire, Geister und Riesen – unbedrohlich waren, solange sie lediglich in Geschichten existierten, in Märchen und in ihrer Fantasie. Sie fand Magie zauberhaft und aufregend, aber als sie feststellen musste, dass alles wahr war, hat es ihre Welt auf den Kopf gestellt. Sie war ein sehr vernunftorientierter, der Wissenschaft zugeneigter Mensch, und nun erkennen zu müssen, dass ihre Unterscheidung zwischen Fantasie und Realität nicht wirklich existierte, stellte alles, was sie geglaubt hatte, in Frage. Sie wollte nicht, dass es wahr ist. Es macht sie unsicher, unbehaglich. Manchmal frage ich mich, ob ich ihr nicht ein Gefallen getan habe, als ich all das aus ihren Erinnerung gelöscht habe... Als ob ich, indem ich mich und die Zauberei aus ihrem Leben löschte, ihr damit die Magie zurückgegeben habe. Es scheint ja, als würde sie jetzt wieder Freude und Inspiration darin finden, nicht Angst."

"Ich habe fast Angst zu fragen – aber wovon handelt ihr Roman?"

Hermine sah ein wenig zerknirscht drein. "Nun, es untermauert wohl deine Theorie über tief verborgen liegende Erinnerungen..." sagte sie betreten und schielte ihn von der Seite an. "Es ist eine Geschichte über Magier, die unerkannt in Britannien leben und eine Art geheime Gesellschaft bilden. Die Heldin ist ein kleines Mädchen, das, nachdem sie erfahren hat, dass sie magische Kräfte hat, eine schwere Mission erfüllt um die Welt vor einem bösen Zauberer zu retten. Sie hat die Details noch nicht ganz herausgearbeitet."

Severus Augenbrauen verschwanden praktisch in seinem Haaransatz und verrieten Verblüffung, Ungläubigkeit und ein wenig Sorge. Hermine war sich selbst nicht sicher gewesen, ob sie lachen oder weinen sollte, als sie das in dem Brief gelesen hatte. Aber dann hatte sie die komische Seite gesehen... und – oh! – all die Möglichkeiten, die sich daraus ergaben...

"Ich denke, ich werde sie ermutigen und ihr vielleicht ein paar Ideen geben..." sagte sie beiläufig.

Severus sah sie mißtrauisch an. "Wie zum Beispiel was?"

Kluger Mann. Er kannte sie bereits zu gut. Hermine grinste. "Nun, ich habe ihr gesagt, dass die Story definitiv einen dunklen Helden braucht. Jemanden, der von allen falsch verstanden wird und von dem man glaubt, er sei böse, und der sich am Ende als der Prinz entpuppt. Und natürlich kriegt er auch das Mädchen."

Er schnaubte. "Vergiss nicht, ihr zu sagen, dass er jung und attraktiv ist."

Hermine schüttelte entschieden den Kopf. "Auf keinen Fall! Ich sage ihr, er muss alt und grantig sein. Nicht weißbärtig-alt, sondern reif und erwachsen. Und ein bißchen gemein. Das ist der Charme des Ganzen, verstehst du nicht?"

"Ich fürchte nein. Aber ich bin wohl auch nicht das Zielpublikum."

"Ich weiß, sie wird es lieben," sagte Hermine, die Stimme voller Überzeugung. "Schließlich hat sie sich selbst in einen älteren Mann verliebt. Ich glaube, ich werde ihr nahelegen, das Mädchen Harriet zu nenne..."

"Am besten noch mit Miller als Familiennamen," schlug er sarkastisch vor. "Es soll ja nicht allzu offensichtlich sein."

"Sehr gute Idee!" lobte Hermine begeistert, die bewusst oder unbewusst, seine Ironie nicht zur Kenntnis nahm. "Kannst du dir das vorstellen? 'Harriet Miller und der Stein des Philosophen.' Wir sollten ihn besser nicht 'Stein der Weisen' nennen, sonst wäre das Ministerium wohlmöglich alarmiert."

"Anzunehmen. Und der böse Zauberer?"

"Och, da gibt es eine Menge Möglichkeiten: Schlangengesicht, Voldilord, Moldywart..."

Er schüttelte den Kopf. "Du bis absolut verrückt."

"Hey, ich bin nicht diejenige, die die Geschichte erfunden hat! Ich werde meiner Mutter nochmal schreiben. Oh, das wird ein Spaß! Sozusagen unter der Hand kann ich ihr alles erzählen, was ich mich früher nie getraut habe. Vermutlich ist es sogar therapeutisch."

"Vermutlich."

"Wo wir gerade über Therapeutisches sprechen...," wagte sich Hermine vorsichtig aus der Deckung, und fragte sich, ob man diesen Ansatz 'subtil' oder "angedeutet' nennen konnte. Vermutlich eher nicht. "Wann werden wir mit meinem Okklumentikunterricht weitermachen?"

Er hielt inne, legte dann vorsichtig das Messer beiseite. "Ich bin nicht sicher, ob es klug wäre, damit weiterzumachen..." sagte er zurückhaltend.

Oh nein. Sie hatte diese Antwort befürchtet. "Warum nicht?" fragte sie dennoch.

Ein schweres Seufzen entrang sich seiner Brust. "Hermine..." setzte er an, nach Worten suchend, die es ihr verständlich machen würden, ohne zu viel zu offenbaren. Er bemühte sich um einen sachlichen, überzeugenden Ton. "Ich habe dir schon früher erklärt, warum ich meine, dass es im Anbetracht unserer Situation keine gute Idee ist, wenn ich dir Okklumentikunterricht gebe..."

"Du ziehst dich wieder zurück," bemerkte sie, von Traurigkeit und einem Gefühl der Enttäuschung überkommen. Er stritt es nicht ab. Sein Gesicht war ausdruckslos, verriet nichts.

"Du trägst sogar wieder deine Maske. Warum? Ich dachte, wir hätten das hinter uns gelassen."

Diesmal war ihr Schmerz darüber beinahe greifbar. Severus fühlte sich schuldig. Aber sie verstand nicht. Und er wusste nicht, wie er es erklären sollte. "Ja, wir haben das hinter uns gelassen. Und das ist genau das Problem. Es geht zu schnell."

Sie hob die Augenbraue und sah ihn an. "Ist das nicht mein Satz?"

"Du bist diejenige, die ständig die Grenzen verschieben will."

Sie hatte es gewusst: Es war der Kuss gewesen. Sie hatte ihn mit diesem zweiten Kuss wieder von sich getrieben. Also war es tatsächlich Unwille gewesen, den sie gespürt hatte. Unbeabsichtigterweise hatte sie das gleiche getan, wie damals: Sie hatte ihn in eine Situation gedrängt, in der er nicht hatte sein wollen. Ja, gefühlsmäßig und körperlich hatte er es gewollt, soviel war klar. Aber nicht geistig. Zum wiederholten Male hatte sie es versäumt, seine Gefühle zu berücksichtigen. "Es tut mir leid, dass ich dich gezwungen habe, mich noch einmal zu küssen," sagte sie mit erstickter Stimme. "Ich hätte das nicht tun dürfen..."

Severus sah Scham und Schuld über ihr Gesicht huschen und war entsetzt über sich selbst, ihr einen Grund für so eine absurde Schlussfolgerung gegeben zu haben. "Wage es nicht, dich je dafür zu entschuldigen!" schalt er. Gütiger Himmel, dass sie sich Vorwürfe machte, ihn küssen zu wollen! "Abgesehen davon war es nicht deine Schuld. Es war der Mistelzweig."

"Aber daran war ich schuld," widersprach sie kleinlaut. "Wer denkst du, hat Harry auf die Idee gebracht, ihn dort aufzuhängen?"

Es war leicht gewesen, Harry vom Nutzen des Mistelzweiges zu überzeugen. Sie hatten ihn so verhext, dass er nur für potentielle Liebende funktionierte – im weitesten Sinne des Wortes 'potentiell'. Es wäre gar nichts passiert, wenn Severus und Remus sich darunter begegnet wären. Aber der Zweig hatte Harry und Draco gefangen gehalten, genau, wie Harry es gehofft hatte.

"Dennoch," erwiderte Severus, ihr Absolution erteilend. "Es ist ja nicht so, als hätte ich das verdammte Ding nicht zum Explodieren bringen können." Genausogut hätte er sich mit einem einfachen Kuss auf die Wange zufrieden geben können, so wie Lupin. Vermutlich hätte er das auch getan – wenn es nicht ein paar Stunden zuvor Draco und Hermine unter dem Zweig erwischt hätte, und er nicht praktisch seine Zunge in ihren Hals gesteckt hatte, als er sie küsste. Sicher, die Erklärung, die er einer ziemlich aus der Fassung geratenen Hermine und dem ähnlich fassungslosen Publikum gegeben hatte, hatte schnell alle gesträubten Federn wieder geglättet. Aber zu sehen, wie Draco sie küsste, hatte dieses primitive Bedürfnis in ihm geweckt, seinen Besitzanspruch abzustecken, wie irgend ein Neandertaler. Die Wahrheit war, er hatte sie küssen wollen. Der Mistelzweig hatte ihm lediglich eine gute Entschuldigung geliefert, um sein Handeln vor sich selbst zu rechtfertigen.

"Aber inwieweit versuche ich, deine Grenzen zu verschieben, wenn nicht dadurch, dass ich dich zu diesem zweiten Kuss gezwungen habe?" fragte Hermine, nun ratlos.

Er schüttelte den Kopf. Als ob es nicht für jedermann offensichtlich wäre – selbst Minerva hatte es bemerkt. "Du hast dafür gesorgt, dass ich wieder mit Draco spreche und nett zu Luna Lovegood bin," begann er aufzulisten. "Du hast mich dazu gebracht, mir eine Gehilfin zu nehmen. In Merlins Namen – du hast mich dazu gebracht, Weihnachten mit Harry Potter und Lupin zu verbringen! Irgendwann saß ich da mit einem sabbernden Krabbelkind auf dem Schoß, und ich habe immer noch keine Idee, wie zur Hölle das eigentlich passiert ist. Ich bin ein unfreundlicher Menschenhasser, und da gehe ich plötzlich hin und verbringe Zeit mit Leuten, die ich immer verabscheut habe und versuche nett zu sein. Du hast mich auch dazu gebracht, in den Ferien Prince Haus einen Besuch abzustatten und mit meiner Tante zu reden. Innerhalb weniger Wochen hast du praktisch mein ganzes Leben auf links gekrempelt. Ja, es geht zu schnell!"

"Du hast mit deiner Tante gesprochen?" fragte Hermine überrascht.

Er rollte seine Augen zur Decke. "Ja, aber das ist im Moment nicht der Punkt. Oder doch – es ist sogar der springende Punkt: Du brauchst nur zu fragen, und am Ende erzähle dir haarklein, was sie gesagt hat, was ich gesagt habe, und wie ich mich dabei gefühlt habe."

Sie runzelte die Stirn. " Ich verstehe nicht, was daran schlecht sein soll. Es ist das, was Freunde tun – sie reden miteinander, teilen ihre Gedanken und ihre Gefühle."

Abermals stöhnte er innerlich resigniert auf. War sie wirklich so naiv? Er wusste, das Schüler dazu tendierten, ihre Lehrer als relativ geschlechtslose Wesen zu sehen, was sie auch tun sollten. Aber er wusste auch, dass Hermine über ihn keine solche Vorstellung hegte. Er bezweifelte massiv, dass es überhaupt möglich war, mit einer Frau – noch dazu einer klugen und bezaubernden – eine freundschaftliche Beziehung zu unterhalten. Jedenfalls nicht, wenn der Mann ehrlich mit sich selbst war. Welcher Mann würde nicht über eine Frau, die er sehr mochte, auch ganz andere, weniger unschuldige Gedanken hegen? Sie müsste schon extrem abstoßend aussehen, um nicht doch seine tieferen Instinkte anzusprechen, und Hermine fiel nun sicher nicht in diese Kategorie. Sie wusste, was er für sie empfand. Oder zumindest dachte er, er hätte das hinreichend deutlich gemacht.

"Es ist ja nicht so, als würde ich wollen, dass wir gleich miteinander ins Bett hüpfen..." fügte Hermine ihrem eigenen Gedankengang hinzu. "Soweit bin ich noch nicht." Sie war keine Jungfrau mehr, aber ihre ersten sexuellen Erfahrungen mit Ron hatten nicht unbedingt dazu beigetragen, diese Art von Intimität zu suchen. Sie war nicht so naiv anzunehmen, dass Sex eine Chance hatte, großartig zu sein, ehe man nicht ein wenig Übung darin hatte und etwas über den Körper des jeweils anderen gelernt hatte. Und ganz sicher nicht, wenn man mit seinem Partner nicht mal vertraut genug war, um überhaupt darüber reden zu können.

Aber weder Ron noch sie selbst waren mit ihren eigenen Körpern so vertraut und erfahren gewesen, und nicht mal ansatzweise vertraut genug, um ihre Beobachtungen miteinander zu teilen. So war die ganze Sache also ein wenig enttäuschend gewesen und hatte ihre Erwartungen nicht erfüllt. Und Severus war kein unerfahrener, ratloser Junge wie Ron. In dieser Hinsicht spielten sein Alter und die Tatsache, dass er ein reifer Mann war, durchaus eine Rolle – und machten die Vorstellung von Sex mit ihm zugegeben ein klein wenig einschüchternd.

"Nein, das bist du nicht!" stimmte er augenblicklich zu, alarmiert von dem Gedanken. "Und ich auch nicht." Egal, welche Freiheiten er sich schon genommen hatte – das war eine Linie, die er mit einem Mädchen, das offensichtlich unerfahren und zumindest formell noch seine Schülerin war, nicht überschreiten würde – egal, ob sie nun volljährig war, reif für ihr Alter, bereitwillig, begehrenswert oder in jeder Beziehung liebenswert.

"Aber wenn wir uns darüber einig sind – welche Grenzen willst du dann einhalten?"

Er stöhnte. War ihr nicht klar, dass es angesichts der unbestreitbaren sexuellen Spannungen zwischen ihnen das Letze war, das er brauchen konnte, in ihren Geist einzudrigen? Begriff sie nicht, dass es schon schwierig genug war, seine Sinne beisammen und ihre Beziehung platonisch zu halten, wenn sie in seiner Nähe war?

"Ich möchte nicht in deinen Geist eindringen, weil das hier," er deutete auf ein unsichtbare Linie zwischen ihnen, "auch so schon kompliziert genug ist. Wir haben die Feiertage miteinander im Haus deines Freundes verbracht. Wir haben uns geküsst – schon zwei Mal! Und nun nennst du mich Severus, wenn niemand dabei ist. Du redest von Freundschaft und siehst in mir einen Vertrauten... es verwischt die Grenzen so sehr, dass sie praktisch nicht mehr existent sind! Wie soll ich dir gegenüber mein professionelles Auftreten wahren?"

Sie sah ihn mit Falten auf der Stirn an, die ihm sagten, dass sie den Punkt noch immer nicht verstanden hatte. "Professor Lupin ist unser Freund, obwohl er ein Lehrer ist," wandte sie störrisch ein. "Wir nennen ihn auch bei seinem Vornamen, wenn wir ihn privat sehen. Wir besuchen ihn bei sich zuhause und spielen mit Teddy..."

Severus entschloss sich, in diesem Fall auf subtile Slytherin Taktiken zu verzichten und einfach direkt zu sein. "Hast du jemals Lupins Blick länger auf dir gefühlt, als angemessen gewesen wäre?" fragte er in seiner samtigsten Stimme, lehnte sich vor und hielt sie mit seinem Blick gefangen. Er konnte sehen, wie ihr der Atem stockte und ihre Augen sich weiteten.

"Hast du je gesehen, wie er seine Arme fest vor der Brust verschränkt hielt und seine Finger zu Fäusten geballt hat, um sich selbst davon abzuhalten, sie auszustrecken und dich zu berühren?" setzte er nach und fühlte, wie sich sein eigener Herzschlag in Antwort auf die Reaktion, die er in ihr hatte auslösen wollen, beschleunigte.

Sie schüttelte kaum merklich den Kopf, völlig gefangen genommen.

Mit rauhem Flüstern stellte er seine letzte Frage, die hoffentlich den Kern seiner Botschaft transportieren würde. "Hast du je, wenn er dich ansah, etwas anderes in seinen Augen gesehen als väterliche Sorge oder Anteilnahme?"

"Nein..." sagte sie stockend, wie vor den Kopf geschlagen von den Offenbarungen, die in seinen Worten mitklangen, von der Kraft der Gefühle dahinter und von den Empfindungen die sie bei ihr auslösten.

"Dann kannst du mich und ihn nicht vergleichen," murmelte er, immer noch in gedämpften, leicht dunklen Ton, ehe er sich zurücklehnte und den angemessenen Abstand zwischen ihnen wieder herstellte.

Hermine starrte ihn an, den Mund leicht geöffnet, nicht wissend, was sie sagen sollte. Also fühlte er sich definitiv körperlich zu ihr hingezogen, und seine Reaktion auf ihren letzten Kuss war nicht nur eine unvermeidliche, natürliche Folge der Umstände gewesen. Zu wissen, dass er sie auf diese Art begehrte, war mehr als schmeichelnd für ihr weibliches Ego. Hermine hatte nie geglaubt, dass sie in einem Mann solche Gefühle auslösen könnte. Ron hatte Jahre gebraucht, um überhaupt festzustellen, dass sie ein Mädchen war, und seine plötzlichen Annäherungsversuche im letzten Jahr waren nicht darauf zurückzuführen, dass er sie plötzlich unwiderstehlich fand. Sie war einfach da gewesen, genauso verängstigt und überfordert wie er, mit dem Wunsch nach Trost, Nähe und menschlicher Wärme. Sie waren einander vertraut und sie waren beide neugierig – das war für den Moment genug gewesen. Aber Hermine hatte sich nie vorgemacht, sie habe allein dadurch Lust in ihm erweckt hätte, dass sie einfach nur sie selbst gewesen war. Mit jeder anderen Frau in der gleichen Situation wäre das Ergebnis das selbe gewesen. Hermine bezweifelte stark, dass dies auch so für Severus galt.

Er wollte sie. Ein Mann, der so welterfahren und kontrolliert war, und so unemotional, dass man es ihm leicht als Gefühlskälte auslegte – und er begehrte sie. Es war berauschend, obgleich auch ein klein wenig beängstigend. Sie hatte sich immer sehr behaglich gefühlt in dem Wissen, dass er weder sie noch seine Ehre je kompromittieren würde. Wenn er nun die Notwendigkeit sah, sich von ihr zu distanzieren, weil er sich hingezogen fühlte, sogar erregt war durch ihre Nähe... bedeutete dies, dass er Angst hatte, die Kontrolle zu verlieren und... und was genau zu tun? Sie wieder zu küssen? Sie über den Labortisch zu beugen und sie sich zu Willen zu machen? Merlin! Der Gedanke war lust- und angsterregent zugleich. Sie würde vermutlich keinen Widerstand leisten, obwohl es eine Sache war, sich solche Szenarien vorzustellen, wenn sie im Dunklen allein in ihrem Bett lag, und eine ganz andere, eine solche Möglichkeit tatsächlich ins Auge zu sehen. Sie hatte sich darauf verlassen, dass er seine Sinne beisammen halten würde, denn sie könnte das vermutlich nicht, wenn es hart auf hart käme...

"Willst du damit sagen, dass... wenn ich in deiner Nähe bin, und wenn du auch noch in meinen Geist eindringst... dass es bewirken könnte, dass du die Beherrschung verlierst und dich möglicherweise... hinreißen lassen könntest?" fragte sie ein wenig befangen, nicht sicher, wie sie diese Frage überhaupt in Worte kleiden sollte. Severus schien aber sehr gut verstanden zu haben, was ihr durch den Kopf ging. Oder vielleicht doch nicht? Er sah entsetzt aus.

"Was? Nein!" stieß er hervor, erschrocken darüber, dass seine drastischen Erklärung sie nun offenbar fürchten ließ, er könne sich ihr aufzwingen. "Das ist ganz und gar nicht das, was ich sagen wollte! Ich würde niemals..." Er holte tief Luft, nicht sicher was genau er ihr versichern wollte, das er niemals tun würde. Merlin, er war kein hormongetriebener Teenager, der sich nicht unter Kontrolle hatte. Seine physische Reaktion auf sie war nicht das Problem. Das Problem waren seine emotionalen Reaktionen. Beide zusammen stürzten seinen Geist und seinen Gemütszustand in Chaos.

Die schichte und simple Wahrheit war: Sie war ihm viel zu nahe gekommen. Sich wieder zurückzuziehen schien die logische Gegenmaßnahme zu sein. Aber wie er nun feststellte, bestrafte er damit Hermine für seine eigenen Unzulänglichkeiten und verletzte sie. Es gab keinen guten Grund, die Okklumentikstunden einzustellen – abgesehen davon, dass das verstörende Gefühl von Nähe und Intimität noch stärker war, wenn er in ihrem Geist war. Wenn er sich wirklich zurückziehen wollte, würde er ihren Kontakt wieder darauf beschränken müssen, einfach nur ihr Lehrer zu sein, und wie er nun ein wenig spät bemerkte, war das völlig unmöglich.

"Vergiß, was ich gesagt habe," sagte er, resolut eine Entscheidung fällend. "Wir werden morgen abend mit deinen Stunden weitermachen. Und lass dir ein effektiveres Schild einfallen als eines aus Eis oder Leinwand."