Zusammenfassung des vorherigen Kapitels

Nachdem Severus eingewilligt hat, die Okklumentikstunden wieder aufzunehmen, konzentriert Hermine sich darauf, ein neues Schild zu finden. Es soll nicht nur dem Angriff eines Legilimentikers standhalten, sondern in einer Situation, in der ihr erneute Folter drohen könnte, auch als Waffe dienen, die sie notfalls gegen sich selbst richten kann. Obwohl Severus sich diesmal nach Kräften bemüht, ihren Schild zu brechen, hält dieser seinem Angriff stand. Als Hermine ihn jedoch freiwillig senkt, um ihn einzulassen, kommt Severus ihren Fantasien sehr nahe, schafft es aber, die sprichwörtliche Kurve zu kriegen, indem er ihren Betrachtungen und Gefühlen über seine eigene Person folgt. Fasziniert, verblüfft und wie gebannt von dem was er findet, bemerkt er zu spät, dass er wieder in verbotenes Gebiet gerät. Diesmal verliert er komplett die Kontrolle und versinkt in einen Malstrom ihrer privatesten Gedanken und Gefühle. Beide sind tief schockiert über das Geschehene, und als es Severus endlich gelingt, sich aus ihrem Geist zu befreien, flieht Hermine zutiefst beschämt aus seinem Büro.

A/N: Im kommenden Kapitel schicke ich Severus auf eine Achterbahn der Gefühle... Aber ehe Certhia wieder das Mitleid mit ihm überkommt, tief durchatmen: Alles wird gut! :)


Severus

Nachdem Hermine sein Büro verlassen hatte, schloss sich Severus in seine Gemächer ein und leerte eine Phiole mit Beruhigungstrunk, der er vorsichtshalber noch ein Glas Feuerwhiskey folgen ließ. Normalerweise trank er nicht – zumindest nicht so viel, dass es seine Selbstbeherrschung bedrohte – aber im Moment brauchte er jede Hilfe, die er bekommen konnte, um sein Gefühlschaos einzudämmen.

Aber selbst mit diesen Beruhigungsmitteln brauchte er eine ganze Weile, um seine Fassung wiederzufinden. Er war sich fast sicher, dass Hermine im Moment entsetzliche Scham und Verlegenheit über diese unfreiwillige Bloßlegung ihrer intimsten Gedanken verspürte, aber seine eigenen Gefühle waren sehr viel komplizierter.

Er verfluchte seine eigene Nachlässigkeit, die überhaupt erst zu dieser unentschuldbaren Grenzüberschreitung geführt hatte. Er hatte Hermine versprochen, nicht nach privaten oder kompromittierenden Gedanken zu suchen, aber ihre Fantasien hatte er dennoch gefunden. Die verstörende und unvertraute Nachgiebigkeit ihres Geistes hatte ihn unvorsichtig werden lassen.

Normalerweise musste ein Legilimentiker konstanten Druck auf den Geist ausüben, in den er eindrang. Es war, als würde man gegen eine Strömung anschwimmen und erforderte eine ähnliche Anstrengung. Hermine jedoch hatte keinerlei Widerstand geleistet. Im Gegenteil: Nachdem ihre schützenden Barrieren so urplötzlich und auf geradezu verstörende Weise nachgegeben hatten, war Severus förmlich in ihren Geist hineingesaugt worden. Mal abgesehen von ihren zwei halbherzigen Versuchen, ihn aktiv zu behindern, hatte sie ihm alle Erinnerungen und die damit verbundenen Gefühle auf einem Silbertablett serviert.

Nun fühlte er sich, als wäre er übergriffig geworden; als hätte er die Situation ausgenutzt, obwohl das in keinster Weise seine Absicht gewesen war. Er war zutiefst erschüttert, fühlte sich schuldig und beschämt. Nicht nur, weil er es nicht geschafft hatte, die Flut von Bildern zu stoppen, sondern auch, weil sie genau das zu zeigen schienen: Ihn, wie er übergriffig wurde, ihr seinem Willen aufzwang. Was er in ihrem Geist gesehen hatte, hatte ihn völlig aus der Bahn geworfen.

Während sein Gewissen gegen die Reaktion seines verräterischen Körpers aufbegehrte, stiegen all die Unsicherheiten, die er in seiner Seele vergraben hatte, wieder hoch und stellen das Bild in Frage, das er sich von ihr und von sich selbst gemacht hatte. Seine Ängste, seine Zweifel und seine Vorbehalte mokierten sich über die naive Hoffnung, die er doch irgendwo tief in seinem Inneren genährt hatte, dass die Dinge anders sein könnten, dass weder Liebe noch Sex zwangsläufig so sein mussten, wie es seiner Erfahrung entsprach.

Er wusste zugegebenerweise so gut wie gar nichts über Beziehungen, da er nie in einer gewesen war. Seine einzigen Erfahrungen entstammten der Beobachtung und Analyse anderer, angefangen mit der kranken und gestörten Beziehung seiner Eltern. Severus nahm an, dass sie sich geliebt hatten – zumindest hatte seine Mutter etwas für seinen Vater empfunden und war immer bemüht gewesen, ihm alles recht zu machen, obwohl er ein rüder, herrischer, später sogar gewalttätiger Mann gewesen war. Sie hatte immer beschwichtigende Gründe für sein Verhalten gefunden, und seine Entschuldigungen und Versicherungen, dass er sie liebte und sie in Zukunft besser behandeln würde, waren immer genug gewesen, um ihm wieder zu verzeihen.

Er hatte ein ähnliches Verhaltensmuster bei Lily und James gesehen. Sicher, James war viel kultivierter als sein Vater, und nicht körperlich gewalttätig – zumindest nicht gegen sie. Aber er war ebenso herrisch und dominant gewesen, und wie Severus wusste, konnte er genauso gemein sein. Einmal, als Lily nachdrücklich gefordert hatte, dass James von ihm abließ, hatte er sogar gedroht, sie zu verhexen. Kurz danach hatte er mit emotionaler Erpressung versucht, sie dazu zu bewegen, mit ihm auszugehen. Darüber hinaus hatte James sie angelogen und mindestens ein Schuljahr lang hintergangen. Irgendwie hatte nichts davon Lily gestört. Im Gegenteil: Severus hatte immer den Verdacht gehegt, dass Lily im Stillen von James herrischer und dominierender Art beeindruckt gewesen war. Wie sonst hätte sie sich in einen Mann verlieben können, der so von sich selbst überzeugt, ein Angeber und ein Tyrann war?

Es hatte ihn damals zu der Überzeugung kommen lassen, dass Frauen in einem Mann Stärke und ein ausgeprägtes Dominanzverhalten bewunderten – was er beides damals nicht besessen hatte. Er war eher unsicher gewesen, sozial inkompetent und unbeholfen, nicht in der Lage, seine Gefühle zu zeigen oder auszudrücken. Lily war der erste und einzige Mensch gewesen, mit dem er befreundet gewesen war, und er hatte ein solch tiefe Dankbarkeit für ihre Freundlichkeit und Akzeptanz empfunden, dass er sie auf einen Sockel gestellt hatte.

Er war ihr gegenüber immer nachgiebig gewesen, aus Angst, dass es ihn ihre Zuneigung kosten könnte, wenn er ihr Paroli bieten würde. Irgendwann hatte er angefangen, sich zu fragen, ob das nicht genau das Falsche gewesen war – ob seine Willfährigkeit als Schwäche ausgelegt wurde, ob sie ihn im Grunde genommen für einen Waschlappen hielt. Der Wunsch, dass Lily ihn als stark und respekteinflößend wahrnehmen möge – wie James und Sirius – war einer der Gründe gewesen, warum er sich für die Dunklen Künste interessiert hatte und die Gesellschaft jener gesucht hatte, die später zu Todessern geworden waren.

Vieles von dem, was er innerhalb seines neuen Freundeskreises beobachtet hatte, hatte ihn ebenfalls in der Überzeugung bestärkt, dass Frauen Männer vorzogen, die prinzipiell Tyrannen und Draufgänger waren. Lucius hatte, soweit Severus wusste, nie die Hand gegen Narzissa erhoben, aber es war klar gewesen, wer in dieser Beziehung das Sagen hatte. Und Narzissa hatte das nie in Frage gestellt, sondern sich so verhalten, wie es von einer pflichtbewußsten Ehefrau in einer Reinblüterfamilie gehörte. Bellatrix war besessen von einem Zauberer, der die Verkörperung des Bösen war, und war absolut glücklich damit, wie die Dienerin behandelt zu werden, die der Dunkle Lord in ihr sah.

Sich den Todessern anzuschließen hatte Severus in seinem Bestreben, Anerkennung zu finden, besser geholfen als erwartet. Seine Erfolge im Feld der Zaubertrankbrauerei hatten ihm Vertrauen in seine Fähigkeiten gegeben und ihm unter den Anhängern des Dunklen Lords Ansehen verschafft. Indem er Selbstvertrauen und Achtung fand, hatte er auch seine Theorie über das bestätigt gefunden, was Frauen in Männern suchten: Auf einmal zeigten Frauen Interesse an ihm. Die Tatsache, dass er sarkastisch, höhnisch und abweisend war, schien sie nur zu ermutigen. Je feindseliger und aggressiver er auftrat, desto größer schien die Anziehung zu sein, die er auf sie ausübte. Letztendlich hatte ihn das in die Art von Beziehungen geführt, die er später zunehmend verabscheute.

Er hatte kein Problem mehr damit, autoritär aufzutreten. Diese Fähigkeit hatte er wirklich feingeschliffen, als er Lehrer geworden war. Einschüchternd, hart und bedrohlich zu wirken fiel ihm inzwischen leicht – er hatte es so sehr verinnerlicht, dass es zu einem Teil seiner Natur geworden war. Aber wie dominant er auch war und wie sehr er daran Gefallen fand, die Kontrolle zu haben – rohe Gewalt hatte er immer verabscheut. Seine Kindheit hatte dafür Sorge getragen. Seiner Meinung nach war Gewalt das letzte Mittel eines Menschen, der mit seiner Weisheit am Ende war, es war ein Eingeständnis von Schwäche. Anderen Schmerzen zuzufügen oder zuzusehen, wie jemand anders seine Opfer quälte und sich mit sadistischer Freude daran ergötzte, wie Bellatrix und ihr Mann es getan hatten, hatte ihm Übelkeit bereitet. Es war maßgeblich das gewesen, was ihn vom Dunklen Lord fortgetrieben hatte.

Aber obwohl er nie eine der Frauen, mit denen er ins Bett gegangen war, mißbraucht oder verletzt hatte, war sein tiefverwurzeltes Dominanzverhalten doch einer der Gründe, warum ihm seine sexuellen Beziehungen immer befleckt erschienen waren. Es spielte keine Rolle, dass alles, was er tat, verlangt worden war und dass seine Bettgefährtinnen-für-eine-Nacht Gefallen an dieser Art von Machtspielchen fanden. Obwohl er bis zu einem gewissen Grad ebenfalls darin Befriedigung gefunden hatte, konnte er das Gefühl nicht abschütteln, dass es falsch war, und er konnte sich auch nicht vorstellen dass Lily, egal, wie beeindruckt sie von James Draufgängertum, seiner Unverfrorenheit und seinem Hinwegsetzen über die Meinung und Gefühle anderer gewesen sein mochte, ein solches Schlafzimmerbetragen hätte durchgehen lassen.

Er hatte Jahre gebraucht um zu der Erkenntnis zu kommen, dass das, was er in der jungen Lily, in seiner Mutter und in den Frauen, mit denen er kurze Affairen gehabt hatte, beobachtet hatte, nicht für alle Frauen typisch war. Die meisten wussten Männer zu schätzen, die freundlich waren, sanftmütig und respektvoll. Das Problem war nur, dass er nicht wusste, wie er ein solcher Mann sein sollte – freundlich und stark, einschüchternd und sanft, autoritär und dennoch respektvoll. Es schien ein unvereinbarer Widerspruch zu sein. Abgesehen davon hatte er es sich in seiner freiwilligen Abschottung inzwischen gemütlich eingerichtet. Er wusste nach wie vor nicht, wie man Gefühle ausdrückte, und hielt es ohnehin für besser, sie zu verbergen. Sie waren nur Schwächen, die andere ausnutzen konnten.

Seit Lily war er gut damit zurechtgekommen, Menschen auf Abstand zu halten. Bis Hermine auf seinem Radar erschienen war – oder vielmehr: seit sie sich selbst mit beharrlicher Entschlossenheit darauf gedrängt hatte. Und nach allem, was sie ihm bisher zu verstehen gegeben hatte, sah sie in ihm genau den Mann, der er glaubte, nicht sein zu können. Sie fand seine Gegenwart trostvoll und fühlte sich bei ihm sicher. Sie respektierte ihn und fand, er habe Humor. Sie glaubte, dass er ein guter Mensch sei, vertrauenswürdig und ehrenwert.

Es war verblüffend gewesen, um es milde auszudrücken. Ihm hatte dieses Bild gefallen, auch wenn es nicht seiner Selbstwahrnehmung entsprach. Gleichzeitig hatte es ihm auch Angst gemacht. Im Vergleich zu ihrer Unschuld und Herzensreinheit fühlte er sich befleckt. Ganz sicher würde sie über kurz oder lange vor ihm zurückschrecken. Irgendwann, so hatte er befürchtet, würde sie auch seine andere Seite entdecken.

Doch nach dem, was er heute in ihrem Geist gesehen hatte, hatte sie das längst getan, und sie hatte auch die richtigen Schlußfolgerungen gezogen. Als sie ihm vor so langer Zeit gestanden hatte, dass seine Anziehungskraft zum Teil auch seiner einschüchternden, befehlenden und klar dominanten Todesserpersönlichkeit geschuldet war, hatte er das nicht wirklich ernst genommen – es war schließlich geradezu ein Cliché. Aber nun, da er in ihren Fantasien bestätigt gefunden hatte, dass es ihr damit völlig ernst gewesen war, wusste er nicht mehr, was er denken sollte.

Hatte er sich möglicherweise in ihr geirrt? Was er gesehen hatte, ließ ihn sich fragen, ob sich Hermine, wie Lily oder seine Mutter, insgeheim zu Männern hingezogen fühlte, die wie James waren, wie Lucius oder sogar sein Vater. Männer, die meinten, über allen Regeln zu stehen und sich rücksichtslos nahmen, was sie wollten.

Severus selbst war ja genau betrachtet nicht viel anders. Er konnte mit Sicherheit nicht von sich behaupten, niemals etwas moralisch Fragwürdiges getan zu haben. Auch konnte er sich nicht anmaßen, immer achtsam mit den Gefühlen anderer umzugehen, um nicht die Ursache von Verletzungen zu sein. Wenn er ehrlich mit sich selbst war, so zeigte er oft ein ähnliches Verhalten wie James und Sirius, die er immer dafür gehasst hatte, als er noch derjenige war, der darunter zu leiden hatte. War er damals noch unsicher und unbeholfen gewesen, so musste er Hermine heute genau so erscheinen, wie diese beiden sich Lily präsentiert hatten: Selbstsicher, stolz, bestimmend, unnachgiebig. Ein Mann, der seine Autoriät ausübte und keinen Widerspruch duldete, und sich dabei ungerührt auch über Wünsche und Gefühle anderer hinwegsetzte. Genau wie Lily war Hermine geneigt, grobes und rüpelhaftes Verhalten zu entschuldigen und Erklärungen dafür zu finden – wie zweifellos dadurch bewiesen wurde, dass sie sich zu ihm hingezogen fühlte.

Er konnte ihr nicht die Schuld geben für das, was er in ihren Fantasien gesehen hatte. Sie hatte lediglich unbewusst die nicht besonders subtilen Signale aufgefangen hatte, die er aussandte und die sie völlig zurecht in ihr Bild von ihm hatte einfließen lassen. Sie hatte ihn wirklich durchschaut.

Er schloss die Augen und bemühte seine okklumentischen Fähigkeiten, um alles wieder in den hintersten Teil seines Bewußtseins zu drängen – die Dinge die er gesehen hatte, seine eigene Reaktion darauf, seine Verwirrung. Er würde später darüber nachdenken müssen, wenn er weniger aufgewühlt war und in der Lage, das alles mit etwas mehr Abstand zu betrachten. Tief seufzend vergrub den Kopf in den Händen. Was nun? Er hasste die Vorstellung, dass sie sich nun beschämt und gedemütigt fühlte, weil ihre innersten Geheimnisse bloßgelegt worden waren. Zweifellos war sie auch verletzt durch das, was sie als Verrat empfinden musste.

Ein Teil von ihm verlangte danach, mit ihr zu reden, sich zu entschuldigen und sie irgendwie wieder aufzubauen. Aber im Moment konnte er ihr nicht gegenübertreten. Er musste zuerst Klarheit in seinen eigenen Gedanken schaffen. So allerdings konnte er die Dinge auch nicht stehen lassen. Severus kratzte seinen Mut zusammen, nahm ein Stück Pergament zur Hand und beschloss, ihr ein paar Zeilen zu schreiben. Sie hatte zumindest eine Entschuldigung verdient.

Hilflos auf das Blatt starrend suchte er nach Worten, aber sein Geist war wie betäubt. Er wusste, wie man Leute mit Worten niedermachte, wie man sie zum Zittern brachte und sie provozierte. Er wusste, wie man herausforderte, lächerlich machte und bestrafte. Aber er war miserabel im Formulieren von Entschuldigungen, miserabler noch als im Ausdrücken von Gefühlen. Er hat mit keinem von beiden Erfahrung. In der Hoffnung, dass es am besten wäre, einfach aufrichtig und geradeheraus zu sein, griff er nach seiner Feder und begann zu schreiben:

Hermine,

Ich bedauere aufrichtig, eingedrungen zu sein, wo ich nicht hätte eindringen dürfen. Bitte sei versichert, dass es in keinster Weise meine Absicht gewesen ist. Du hast mir deinen Geist anvertraut, und ich bin nicht achtsam genug damit umgegangen. Das ist unverzeihlich, und ich wage nicht, auf deine Vergebung zu hoffen. Die Scham, die du vermutlich jetzt empfindest, ist nichts im Vergleich zu meiner eigenen, und zu meinem Schuldgefühlen. Bitte sei versichert, dass ich zutiefst bedauere, was passiert ist, und dass dudich für rein gar nichts schämen musst.

Er unterschrieb den Brief mit seinen Initialien, was ihm wieder einmal die Unmöglichkeit ihrer Situation deutlich vor Augen führte. Er hatte in ihre Fantasien gesehen, hatte darin die Hauptrolle gespielt und im Umgang mit ihr eine Vertrautheit entwickelt, die beispiellos war. Und dennoch wagte er es kaum, einen Brief an sie mit seinem Vornamen zu unterschreiben, weil ihm das unangemessen erschien? Alles wäre so viel leichter ohne die Einschränkungen, die moralische Erwägungen und Konventionen ihrem Umgang auferlegten. Er wusste nicht mal, wie er die Beziehung bezeichnen sollte, die er nun retten und kitten wollte. Wann war sein Leben bloß wieder so derartig kompliziert geworden?

Er rief einen Hauselfen und gab ihm Anweisung, den Brief in Miss Grangers Zimmer zu bringen. Es war weniger auffällig, als eine Eule zu schicken. Dann, mit einem weiteren, schweren Seufzer, holte er das Denkarium aus dem Schrank, das er von Dumbledore geerbt hatte, extrahierte seine Erinnerungen der letzten Stunde und folgte ihnen in das silbrige Becken.

Die Uhr über dem Kaminsims zeigte an, dass fast eine ganze Stunde vergangen war, als er wieder aus dem Denkarium auftauchte – mit dem berauschenden Gefühl, als sei ihm gerade eine Offenbarung zuteil geworden. Nein, er hatte sich in Bezug auf Hermine nicht geirrt – aber in Bezug auf so ziemlich alles andere!

Sich im Sessel zurücklehnend und ins Feuer starrend versuchte Severus, seine aufgedrehten und taumeligen Gedanken, die nach ihrer Achterbahnfahrt wild durcheinanderliefen, zu sammeln und wieder in Reihe zu bringen. Nachdem er vor gut zwei Stunden unfreiwillig in ihre Fantasien geblickt hatte, war ihm die Befürchtung gekommen, dass sich Hermine – anders, als er es sich schöngeredet hatte – doch von seiner dunkleren Seite angezogen fühlte. Er hatte sich gefragt, ob die junge, unerfahrene Hexe, ebenso wie Lily oder seine Mutter, vielleicht die Warnzeichen nicht erkannt hatte, die er mit Sicherheit reichlich gab, oder ob sie, wie die Frauen, die früher um seine Aufmerksamkeit gebuhlt hatten, nach dem Nervenkitzel suchte, den das Spiel mit der Gefahr versprach. Aber nachdem er sich ihre Erinnerungen nun erneut angesehen hatte, war ihm klar geworden, dass in Wahrheit das genaue Gegenteil zutraf.

Hermine war ganz und gar nicht wie die Frauen, mit denen er zusammengewesen war. Sie war nicht mal wie Lily. Hermine war, ungeachtet der kompromisslosen Entschiedenheit, die sie an den Tag legen konnte, wenn es erforderlich war, empathisch, gütig und sanftmütig. Sie, die für gleiche Rechte für alle Spezies eintrat und sogar nachsichtig gegenüber Leuten war, von denen Severus fand, dass sie ihre Güte nicht verdient hatten, würde niemals Missbrauch und herabwürdigende Behandlungen entschuldigen, und sie würde sich von nie etwas aufzwingen lassen – von niemanden.

Im Licht seines neugewonnenen Verständnisses von Hermine Granger war es nicht wirklich überraschend, dass sie sich ausgerechnet zu ihm hingezogen fühlte. Es war alles glasklar. Sie hatten eine Menge zu bereden.

*'*'*'*'*'*

Hermine kam am nächsten Tag nicht in sein Labor. Sie erschien am Tag darauf auch nicht zum Unterricht in Verteidigung gegen die Dunklen Künste. Severus, der wieder einmal für Lupin einspringen musste, hatte den starken Verdacht, dass sie vorgewarnt worden und deshalb absichtlich fortgeblieben war. Er wusste, dass sie nicht krank war, da er sie kurz zuvor bei Mittagessen in der Großen Halle gesehen hatte, wo sie aber während des ganzen Mahls seinem Blick ausgewichen war. Normalerweise betrachtete er Schwänzen als unentschuldbar, aber in diesem Fall war er erleichtert, ihr nicht in einem Klassenraum gegenübertreten zu müssen. Er hätte wirklich nicht gewusst, wie er sich hätte verhalten sollen. Bemühungen, einfach nur sein übliches, gehässiges Selbst zu sein, wären vermutlich nicht nur unüberzeugend gewesen, sondern schlimmstenfalls als Ablehnung interpretiert worden.

Nun jedoch konnte er nicht mehr leugnen, dass er langsam besorgt wurde. Nein, Blödsinn – wem wollte er etwas vormachen? Im übertragenen Sinne war er war kurz davor, sich die Nägel abzukauen. Hatte sie seine Entschuldigung akzeptiert, oder hatte er mit seinem Kontrollverlust alle Chancen zerstört, die er je bei ihr gehabt haben mochte? War sie immer noch so beschämt, dass sie ihm nicht in die Augen sehen konnte? Was hatte er ihr da zusätzlich zu all den anderen Problemen, mit denen sie zu kämpfen hatte, noch aufgebürdet?

Er wollte unbedingt mit ihr reden, ganz besonders nach seinem Moment der Erleuchtung, aber ein Gespräch erzwingen wollte er auch nicht. Severus verzog das Gesicht, als er an all die Nächte dachte, die er vor so vielen Jahren vor dem Portrait der Dicken Dame verbracht hatte – jeden, der durch das Portraitloch in den Gryffindorturm stieg, darum bittend, dass er eine weitere verzweifelte Nachricht an Lily überbringen möge, in der er sie anflehte, herauszukommen und mit ihm zu reden. Er fühlte nacktes Entsetzen bei dem Gedanken, sich wieder einer solchen Situation ausgesetzt zu sehen. Nein, er würde sicher nicht vor Hermines Zimmer Nachtwache halten. Aber er musste sie wissen lassen, wie sehr er sich geirrt hatte – und wie sehr sie sich in Bezug auf sich selbst im Irrtum befand.

Von einem neuen Gefühl der Entschlossenheit durchdrungen entschied er, seinen Patronus in ihr Zimmer zu senden und ihn anzuweisen, dort zu bleiben, bis er seine Botschaft überbracht hatte. Es war zwar gut möglich, dass Miss Lovegood den Empfang mitbekommen würde, aber so wie die Dinge standen, kümmerte ihn das nicht länger. Ganz offensichtlich hatte Miss Lovegood schon lange vor ihm mit erstaunlicher Klarheit erkannt, was vor sich ging. Und seltsamerweise vertraute er darauf, dass sie seine und Hermines Privatsphäre respektieren würde. Mit irritierter Verwunderung stellte Severus fest, dass er in letzter Zeit untypisch viel Vertrauen in andere Menschen setzte.

Er griff nach seinem Zauberstab und sprach die Beschwörungsformel, wobei er sich wie gewohnt auf das konzentrierte, was immer seine glücklichste Erinnerung gewesen war. Bläulicher Nebel brach aus seinem Zauberstab hervor, aber anstatt sofort die Gestalt seiner Hirschkuh anzunehmen, waberte er in formlosen Schwaben, sich ziellos in diese und jene Richtung dehnend, als wüsste er nicht recht, was aus ihm werden sollte.

Entsetzt brach Severus den Zauber ab und starrte auf den sich auflösenden Nebel. Was war mit seinem Patronus passiert? Es sah beinah aus, als ob... Merlin – hatte er seine Gestalt geändert? Er fühlte einen Klumpen in seiner Kehle, der ihm den Atem abschnürte. Was war Hermines Patronus? Ein Otter? Oh, Merlin – bitte, lass es jetzt kein Otter sein! Warum musste seine Zuneigung sich nur immer derart offenbaren, sein innerstes Seelenleben für jedermann sichtbar machen? Es war erbärmlich! Aus genau diesem Grund hatte er immer vermieden, den Patronuszauber zu benutzen; er hatte sich sogar mehr als einmal gefragt, ob das Gefühl, alles Glück würde aus ihm herausgesaugt, nicht der Peinlichkeit vorzuziehen wäre, vor Zeugen eine grazile Hirschkuh heraufzubeschwören – oder einen niedlichen kleinen Otter!

Sein Herz schlug wild in seiner Brust, als eine weitere Erkenntnis ihn übermannte. Ein Patronus änderte normalerweise nur dann seine Form, wenn ein lebensveränderndes Ereignis einen Zauberer im Kern berührt hatte; wenn sich sein Seelenzustand fundamental verändert hatte. Wie bei Nyphadora Tonks, deren Patronus seine Form verändert hatte um den von Remus Lupin wiederzuspiegeln, in den sie sich verliebt hatte.

Er fürchtete, sein Patronus könne nun ein Otter sein. Was – ohne den Schatten eines Zweifels – nur eines bedeuten konnte: Er war in Hermine Granger verliebt.

Severus fiel in seinen Stuhl und rang um Luft. Bei Merlin! Er wusste nicht, ob er überglücklich, schockiert oder resigniert sein sollte. Bis zu diesem Moment hatte er es nicht mal sich selbst eingestanden. Natürlich war sie ihm nicht gleichgültig. Ja, sie war ihm unter die Haut gegangen, und ja, er fühlte sich von ihr körperlich angezogen. Aber offenbar gingen seine Gefühle weit tiefer als das. Es war nicht mehr zu leugnen. Großer Gott... Er war verliebt. Er liebte Hermine Granger.

Seine Panik ebbte ein wenig ab, als ihr Gesicht in seinen Gedanken sah, mit ihren warmen Augen und ihrem unbeschwertes Lächeln. Er lockerte seine Kravatte um leichter atmen zu können. Vielleicht war es kein so großes Unglück. Zumindest bestand diesmal eine gewisse Chance, dass seine Gefühle erwidert wurden, auch, wenn der Rest der Welt das in keinster Weise positiv aufnehmen würde. Aber warum sollte er sich um das scheren, was alle möglichen Dummköpfe über ihn dachten, wenn die klügste junge Hexe, die er je gekannt hatte, ihn mit Zuneigung in ihren Augen ansah? Sicherlich war ein Otter-Patronus ein geringer Preis für eine Chance auf dieses Glück. Er konnte ebensogut den Fakten – und seinem Patronus – ins Auge zu sehen.

Dieses Mal waren, als er den Zauberspruch sagte, all seine Gedanken bei Hermine und dem Hochgefühl, dass sie in ihm auslöste – es ließ ihn beinahe schwindelig werden und sein Herz wie wild in seiner Brust schlagen. Und dieses Mal waren die bläulichen Schwaden, die aus seinem Zauberstab barsten, heller als je zuvor, und sie nahmen sofort Gestalt an. Severus sah perplex, wie das Tier in seinem Zimmer umherkreiste. Es war kein Otter. Und es war weder niedlich, noch scheu.

Als es in einer stolzen, majestätischen Pose auf der Lehne seines Stuhl landete und ihn aus seinen zweifellos intelligenten Augen ansah, hätte Severus vor gänzlich unvertrauter Freude weinen mögen. Er liebte! Und sein neuer Patronus war ein prächtiger und stolzer Adler!

Instinktiv wusste er, dass dies die Form war, die sein Patronus schon immer hätte haben sollen, die Gestalt, die er angenommen hätte, als er ihn zum ersten Mal heraufbeschworen hätte, wenn er damals nicht so ein liebestrunkener Idiot gewesen wäre. Es war die Gestalt, die er nach Lilys Tod angenommen hätte, wenn er nicht durch Schuld, Loyalität und seinem Versprechen gebunden gewesen wäre. Dies war seine wahre Form, das Tier, zu dem er eine Affinität hatte – nicht eine Repräsentation von Liebe oder Hingabe, sondern ein Ausdruck seiner Selbst.

Noch lange, nachdem sich sein Patronus aufgelöst hatte, saß er in stillem, ehrfürchtigem Schweigen und versuchte, seine überschwellenden Gefühle zu sortieren. Er hatte den Patronuszauber schon lange Zeit nicht mehr gebraucht, es war also unmöglich zu sagen, was den Wandel bedingt hatte – ob er erst sehr kürzlich geschehen war und mit Hermine zusammenhing, oder ob er schon weit vorher stattgefunden hatte, gleich nach dem Krieg, als ihm zum ersten Mal bewusst geworden war, dass seine Knechtschaft vorbei und er endlich frei war.

Letztendlich spielte es keine Rolle. Er war nicht nur in jedem Sinn des Wortes befreit und nicht nur verliebt – er hatte auch etwas Essentielles über sich selbst verstanden. Eine plötzliche, innere Ruhe erfüllte ihn, die mit der Erkenntnis kam, dass er einen wichtigen Schritt getan hatte, Frieden mit sich selbst zu schließen.

Es gab keinen Grund, Hermine zu bedrängen – sie würde zu ihm kommen, wenn sie bereit war, sich nicht nur ihm, sondern auch ihren eigenen Problemen zu stellen. Sie war stark und mutig, und sie würde ihm nicht auf ewig den Rücken zukehren, selbst, wenn er Grenzen überschritten hatte und sie dabei verletzt hatte. Sie war nicht wie Lily. Er hatte vollstes Vertrauen in sie.


A/N: Ich weiß nicht, wie euch dieses Kapitel gefällt, aber mir selbst ist es eines der Liebsten. Ich hätte mir wirklich gewünscht, dass Severus das nach dem Krieg erleben würde: Sich selbst zu finden, Frieden und die Aussicht auf Glück und Lebensfreude. Zu schade, dass Ms. Rowlings ihn nie wirklich mochte und es ihm nicht gegönnt hat.

Was Severus' Theorie zu Lily und den 'Bullies' angeht (den 'Mobbern'? Wie sagt man das überhaupt auf Deutsch?) ... Ich habe ein paar Essays gelesen über Snape, James, Lily und die Herumtreiber, in denen ein Menge kleiner Szenen, versteckter Hinweis und Randbemerkungen analysiert wurden, die mich am Ende eines vermuten ließen: Dass JKR vielleicht so ist wie die Frauen, die Snape beschreibt, die auf herrschsüchtige, dominante Männer stehen.

Durch alle Bücher hindurch versucht sie, in uns Sympathien für die angeblich 'coolen' Kids zu wecken: Jene, die Regeln brechen, draufgängerisch und verwegen sind und tun, wonach ihnen der Sinn steht, egal, ob es moralisch fragwürdig ist oder sogar das Risiko von Traumata oder schweren Verletzungen birgt. Sie stellt diese Dinge als lustige Scherze dar, als ein über die Stränge schlagen, als dumme-Junge-Streiche. Allzu häufig will sie, dass wir mit den Tätern fühlen, und nicht mit den Opfern.

Ich sehe (genau wie Severus) Hermines Sich-Angezogen-Fühlen von seiner vermeintlich 'dunklen' Seite in einem ganz anderen Licht, wie das folgende Kapitel hoffentlich erklären wird...

Falls jemand Lust hat, das in einem der Essays näher nachzulesen (auf Englisch), hier der Link zu einem:

~cj_whitehound/Fanfic/good_or_bad_ #contents

Falls der Link sich nicht aufrufen lässt, sucht nach den Stichworten: 'But Snape is just nasty, right?' and 'madasafish' and 'post-DH'.

Oder versucht es hier:
art/Snape-is-just-nasty-right-1-164459138