Anmerkung des Verfassers:
Die Rückblende ist meine Version einer Kurzgeschichte von thesadchicken, die ich freundlicherweise als Inspiration für diese Szene benutzen durfte.
Lest bitte un-be-dingt das Original:

archiveofourown - thesadchicken - Days in the sun - Chapter 6: Not alone

Kapitel 3: Ein Wettlauf gegen die Zeit

„VON UNRUH!"

Er rannte, so schnell ihn seine kurzen Beine trugen, den Gang entlang.

Dabei, so musste er feststellen, verstieß er gegen seine eigene Regel.

Im Schloss wird nicht gerannt!", so hatte er mehr als einmal die Bediensteten gescholten, wenn sie allzu eilig auf den Fluren unterwegs waren.

Doch jetzt hatte er keine Zeit sich um Regeln zu kümmern, denn er hatte keine Zeit zu verlieren. Vor allem aber musste er weg sein, bevor der Prinz in einholen und auf irgendeine Art aufhalten konnte.

Er sprintete die Treppe zum Haupteingang nach unten, wo in Chapeau, der Hausdiener mit völlig überraschter Miene ansah, dann zur Tür hechtete und diese Aufriss. Von Unruh sagte nichts, nickte nur dankend und wollte schon zur Tür hinaus, als er den Prinzen hinter sich die Treppe herunter poltern hörte.

„VON UNRUH!"

Er wollte es nicht, doch die grollende Stimme seines Herren ließ ihn in der Bewegung erstarren. Und als dieser nun weitersprach, die Stimme fast so tief und knurrend wie die des Biestes, lief dem Haushofmeister ein Schauer über den Rücken.

„WENN IHR JETZT AUS DIESER TÜR GEHT, BRAUCHT IHR NIEMALS WIEDER ZU KOMMEN!"

Herr von Unruh hielt inne und war kurz davor seinen Plan aufzugeben, doch als er für einen Moment die Augen schloss, sah er Lumiere vor sich.

Sein fröhliches, ansteckendes Lachen, das er jedem, jederzeit schenkte.

Sein seliges, glückerfülltes Lächeln, als er das Prasseln des Regens auf seiner Haut genoss, das Gefühl lebendig zu sein.

Sein flehender, schmerzerfüllter Blick, als ihn die Hustenattacke erfasste.

Sein rasender, flacher Atem, als er Bewusstlos und völlig am Ende seiner Kräfte im Bett lag.

Von Unruh hörte die Schritte des Prinzen näher kommen und ohne weiter darüber nachzudenken, ohne auch nur einen Gedanken an die Konsequenzen für sich selbst zu verschwenden, rannte er nach draußen, mitten hinein in den tosenden Regen.

Als wäre der Teufel persönlich hinter ihr her, raste die Fuchsstute durch den Wald und sie brauchte keinen Peitschenknall oder Gertenhieb. Jeder noch so leichte Schenkeldruck und jeder noch so sanfte Zug am Zügel reichte ihr. Und so wie sie sich ins Zeug legte, glaubte ihr Reiter fast daran, dass das treue Tier genau begriffen hatte, das Eile geboten war.

Herr von Unruh war trotz seiner untersetzten und etwas beleibten Figur ein außergewöhnlich guter Reiter, eine Tatsache die ihm in diesem Augenblick zugutekam, den jeder auch nur ein wenig unerfahrener Reiter, hätte sich bei diesem wilden Ritt sicherlich schon auf dem Waldboden wiedergefunden. Doch er machte sich keine Gedanken darüber, wie gefährlich dieser Ausritt war, während er, durch den dichten Regen fast blind, durch den Wald jagte. Sein einziger Gedanke galt Lumiere und der Tatsache, dass er nun alles auf Spiel gesetzt hatte um ihn zu retten.

Sein Ansehen als Haushofmeister.

Seinen Ruf als treuer und ergebener Diener des Prinzen.

Seine Anstellung im Schloss.

Sein eigenes Leben.

Als müsste das letztere noch Bestätigt werde, duckte er sich gerade noch rechtzeitig, um dem Schlag eines tiefhängenden Astes zu entgehen nur um im nächsten Moment über einen umgestürzten Baum hinweg zu setzen. Er hatte längst Schrammen und Kratzer von Ästen und Zweigen davongetragen, seine Hosenbeine waren zerrissen vom Geäst der struppigen Sträucher und er selbst war nass bis auf die Haut. Es kümmerte ihn nicht.

Wenn es eine Person gab, die er wie einen Bruder liebte, eine Person, die er wie niemand anderen als Freund schätzte, dann war es Lumiere. Und von Unruh wusste warum.

Es gab viele Erinnerung die die besondere Freundschaft der beiden Männer unterstreichen konnte, doch es gab eine, die der Haushofmeister wie einen Schatz hütete. Den sie zeigte ihm immer wieder nur zu deutlich, wie sehr er sich auf Lumiere verlassen konnte. Und auch, wie sehr er ihm in der wohl schwersten Zeit ihres Lebens beigestanden hatte.

Während des Fluches:

Er stand am Fenster und starrte in das halbdunkel des anbrechenden Morgens.

Es hatte schon seit Stunden geschneit, eine dicke, weiße Schicht die alles bedeckte.

Auch die Hoffnung darauf, dass jemand sich zum Schloss verirrte…

Von Unruh war schon seit Stunden wach und schon seit Stunden verharrte er in seiner Position am Fenster. Und genauso lange quälten ihn dunkle Gedanken.

„Von Unruh! Raus aus den Federn!"

Er hörte die fröhliche Stimme Lumieres hinter sich, doch er nahm nicht wirklich war, was er sagte.

Seine Gedanken kreisten und manifestierten sich zu einem einzigen Wort: Hoffnungslos.

Es war Hoffnungslos. Schon seit Jahren waren sie in diesem Schloss gefangen, verdammt dazu ein eintöniges Leben als lebendige Gegenstände zu fristen.

Jeden Tag dieselben Aufgaben.

Jeden Tag derselbe Trott.

Jeden Tag dieselbe, düstere Aussicht, auf den ewigen Winter der draußen Herrschte.

„Es schneit…", murmelte der Haushofmeister betrübt vor sich hin.

Nicht einmal das Glück eines sonnigen Sommertages war ihnen vergönnt…

"Vielleicht kann ich dich für eine Schachpartie begeistern?"

Die Worte des Kerzenleuchters erreichten ihn nicht.

"Hier wird nie jemand herkommen…"

Das Schloss lag schon immer etwas abseits der umliegenden Dörfer und fernab von jeder größeren Stadt. Und seit dem Beginn des Fluches war der umliegende Wald noch düsterer, die Tiere dort noch gefährlicher. Kaum jemand traute sich auch nur wenige Meter in dieses dunkle Gebiet. Und selbst WENN sich jemand hierher verirren würde…

Es gab nichts, was hier von Interesse war.

Die Gärten waren immer von einer dichten Schneeschicht bedeckt, die Bäume waren kahl, der Himmel grau und immer fiel Schnee. Und das Schloss selber war so düster und abschreckend, das wohl jeder sofort kehrt machte, der es entdeckte.

"Oder wir könnten die Bücher nach Farben sortieren", schlägt Lumiere vor.

Kein Wort dringt zu ihm durch, das Gedankenkarussel der Hoffnungslosigkeit hatte ihn fest in seinem Griff.

"Sieh dir diese Einöde an. Wer will damit schon etwas zu tun haben? Es ist hoffnungslos."

Das letzte Wort hang im Raum wie ein dunkler Nebel und schien diesen völlig auszufüllen.

Vielleicht war es besser sich zu dem Unabwendbaren zu ergeben. Und so machte sich von Unruh keine Mühe dieser Dunkelheit zu entkommen.

Doch plötzlich war dort ein Licht in der Dunkelheit, eine Wärme die ihn berührte und den Nebel ausdünnte. Und dieses Licht kam von einem gewissen Kerzenleuchter, der plötzlich neben von Unruh auf der Fensterbank stand. Und die Wärme kam von metallischen Armen, die sich um von Unruhs tickenden Körper schlangen, ein goldfarbener Körper der sich an seinen lehnte. Eine Berührung die er normalerweise sofort unterbinden würde, eine Nähe die er normalerweise niemals zulassen würde. Doch er ließ es zu.

Und obwohl der sonst so gesprächige Lumiere kein Wort sagte, füllte er die Stille komplett aus und ohne dass er viel tat, verwandelte er die Dunkelheit in eine Dämmerung. Dieses Schweigen und ihr gemeinsamer Kummer, spendete Trost.

Sie standen schweigend da, nur das ticken von von Unruhs Uhrenkörper war zu hören.

Doch mit jedem Augenblick der verstrich, mit jeder Sekunde die der Haushofmeister vor sich hin zählte, fand in diesem Augenblick, in diesem Raum bereits eine Rückverwandlung statt.

Aus 'Hoffnungslos', wurde 'Hoffnung'.

Und niemand war dafür Dankbarer als von Unruh.

Es gab keinen Freund wie Lumiere.

Noch nie in seinem ganzen Leben hatte von Unruh einen Freund gehabt wie den jungen Franzosen, den er vor etlichen Jahren hier im Schloss kennengelernt hatte.

Noch nie in seinem Leben war ihm einer seiner Freunde so nah und so wichtig gewesen.

Und noch nie in seinem Leben war von Unruh bereit gewesen so viel für einen Freund zu riskieren wie an diesem Tag.

Und er wusste warum:

Er würde niemals in seinem Leben wieder einen Freund wie Lumiere finden.

Und er würde alles in seiner Macht stehende tun, um Lumiere zu retten.

Alles.

Das Pferd brach aus dem Wald hervor und flog in rasendem Galopp über den Weg, der direkt ins Dorf führte, vorbei an den ersten Häusern, vorbei an ein paar Dorfbewohnern, die trotz des Regens gerade begannen ihren täglichen Arbeiten nachzugehen. Sie schauten dem Reiter erstaunt hinterher, welcher, ohne sein Pferd auch nur im Geringsten zu bremsen, durch die engen Gassen jagte, bis er ein Haus am anderen Ende des Dorfes erreichte. Dort kam das Tier schnaubend zum Stehen und von Unruh sprang mit einer Behändigkeit aus dem Sattel, die man ihm wohl kaum zugetraut hätte. Schon war er an der Tür und klopfte, wobei es eher den Eindruck machte, als wollte er mit selbiger ins Haus fallen.

„Schon gut, schon gut, ich komme ja schon!", war die verschlafene Stimme des Arztes zu hören, der hörbar nach seinem Haustürschlüssel suchte. Nach einer Weile, die von Unruh wie eine Ewigkeit vorkam, öffnete sich die Tür.

„Was, bei meiner Ehre ist denn…"

Er kam nicht weiter, da ihn von Unruh sofort mit dem geschehenen bestürmte. Der Ältere brauchte einen Moment, bis er begriffen hatte was geschehen war, doch als von Unruh mit seinem Bericht geendet hatte, schüttelte er den Kopf.

„Das klingt ja wirklich ernst was ihr mir da erzählt, aber…"

Er sah zum Himmel empor, wo aus dichten Wolken immer noch unaufhörlich der Regen niederging.

„Ich fürchte, ich werde euch bei diesem Wetter nicht helfen können. Mein alter Gaul ist viel zu langsam und zu unsicher auf den Beinen, als das er es bis zum Schloss…"

„Nehmt mein Pferd!"

Der fast schon befehlende Ton des Haushofmeisters ließ kaum Raum zu wiedersprechend doch als der Arzt einen Blick auf das unruhig tänzelnde Tier warf, war ihm die Besorgnis ins Gesicht geschrieben. Von Unruh bemerkte dies, packte die Stute am Halfter und meinte, während er dem Tier beruhigend den Hals tätschelte: „Sie ist ein wenig ungestüm, aber sie ist schnell und absolut trittsicher. Ihr werdet im Handumdrehen am Schloss sein."

Der Arzt schien nur wenig überzeugt und langsam aber sicher wurde von Unruh ungeduldig.

„Ihr dürft keine Zeit verlieren! Sonst ist es für Lumiere zu spät!"

Wenn es das nicht schon längst ist…", fügte er im Stillen hinzu, versuchte aber dieses Gedanken zu verdrängen. Er schaffte es nicht, und so klang seine Stimme gepresst als er nun fast flehend fortfuhr: „Bitte… Ich flehe Euch an… Ihr seid seine letzte Hoffnung…"

Der Arzt sah von Unruh mit einer Mischung aus Unsicherheit und Mitleid an, doch dann nickte er und meinte: „Schon gut, schon gut. Es behagt mir zwar nicht mit einem fremden Pferd und bei diesem Wetter das Haus zu verlassen, aber es ist ja schließlich meine Pflicht den Kranken zu helfen. Wartet, ich ziehe mir nur eben etwas an und hole meine Sachen."

Er schloss die Tür, von Unruh im Regen zurücklassend, der sich völlig aufgelöst an den Hals der Stute lehnte und das Gesicht in dessen klitschnassen Fell verbarg.

Kurze Zeit später trat der Arzt wieder ins Freie, bleib aber in der Tür stehen und sah von Unruh fragend an.

„Wie kommt ihr zurück zum Schloss? Wollt ihr hier auf meine Rückkehr warten, oder geht ihr in den Gasthof?"

Von Unruh überlegte nur kurz, ehe er antwortete: „Nein ich… Ich kehre so schnell es geht zum Schloss zurück."

„Zu Fuß? Und bei dem Wetter? Mein guter Mann, das halte ich für keine besonders gute Idee. Vor allem da ihr selbst schon reichlich mitgenommen ausseht…"

Er deutete auf einen kleinen Stall, mehr ein einfacher Schuppen, der neben dem Haus stand und fuhr fort: „Nehmt mein Pferd für den Rückweg, es ist wie gesagt nicht mehr das schnellste, aber so habt ihr es doch bequemer und schneller als zu Fuß ist die Mähre allemal."

„Danke", sagte der Haushofmeister nur mit deutlich müder Stimme, ehe er dem Arzt half seine Tasche am Sattel der Fuchsstute zu befestigen. Schon schwang er sich, mit sichtlichen Mühen auf das Tier, lenkte es auf den Weg und meinte, in dem er sich im Sattel umdrehte: „Macht Euch keine Sorge, ich werde alles in meiner Macht stehende tun um Euren Freund zu retten."

Damit gab er der Stute die Sporen und war bald um die nächste Häuserecke verschwunden, einen müden, zerlumpten und tief betrübten von Unruh zurück lassend.

„Beeilt Euch…", murmelte er, während er dem sich rasch entfernenden Geräusch von Hufen lauschte.

„Lumiere läuft die Zeit davon…"