Kapitel 5: Freud und Leid

Ihm war langweilig. Und wenn es etwas gab das Lumiere einfach nicht ertragen konnte, dann war es Langeweile. Genauso wenig wie Stille und davon hatte er mehr als ihm lieb war. Seufzend schloss er für einen Moment die Augen, doch schlafen konnte er längst nicht mehr. Was ihn Angesicht der Tatsache dass er die letzten drei Tage geschlafen hatte, nicht wirklich verwunderte. Lumiere starrte an die Decke und grübelte darüber nach, wie er diese elende Langeweile vertreiben konnte, als er auf dem Flur aufgeregte Stimmen hörte, die sich näherten. Er lauschte, erkannte zuerst die Stimme von Madame Pottine, die jemandem etwas zu erklären versuchte. Lumiere wunderte sich, doch dann ging ein Strahlen über sein Gesicht, als er die zweite Stimme erkannte. Mühsam setzte er sich auf und keinen Moment zu früh, denn schon wurde die Tür aufgerissen und ihm nächsten Augenblick wurde er umarmt und geküsst, das es ihm fast die Sinne raubte.

„Oh Lumiere!", brachte die junge Frau unter Tränen hervor, als sie für einen Moment ihn ihrem tun innehielt und den Mann vor sich ansah.

„Was 'ast du wieder angestellt? Da bin ich nur ein paar Tage bei meiner lieben Maman und was muss ich bei meiner Rückkehr 'ören? Das du fast gestorben währst! Oh, mon amour…"

Noch ehe Lumiere etwas antworten konnte, hatte sie ihn erneut in eine innige Umarmung gezogen, die der junge Mann nun aber herzlich erwiderte.

„Ma petit chérie…"

Seine Stimme klang rau und belegt, doch das kümmerte ihn nicht. Er schob seine Liebste vorsichtig ein Stück von sich weg um ihr ihn ihre großen, kastanienbraunen Augen zu schauen, in denen sich erneut Tränen sammelten. Er lächelte und strich ihr sanft über die Wange.

„Ma chère Plumette… Keine Tränen, mon amour, es geht mir doch schon wieder gut!

Und in ein paar Tagen ist das alles vergessen, du wirst se'en."

„Oh Lumiere… Als ich ge'ört 'abe was passiert ist… Ich 'atte solche Angst um dich…"

Sie konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten, als sie sich nun schlurzend an ihren Liebsten schmiegte. Er sagte nichts mehr, schlang nur seine Arme um sie und drückte ihr einen Kuss auf ihre schwarzen Haare, die ihr in sanften Locken über die Schultern fielen.

Madame Pottine hatte die Szene nur lächelnd beobachtet und wollte gerade gehen, als Lumiere sie ansprach.

„Madame Pottine…"

Er räusperte sich, das Sprechen viel ihm schwer, doch er musste etwas loswerden, auch wenn es nur ein simples Wort war.

„Merci."

„Gern geschehen, mein Lieber. Und Plumette…"

Die angesprochene schaute fragend auf, doch die Haushälterin bedachte sie nur mit ihrem mütterlichen Lächeln.

„Vergiss bitte nicht, Lumiere braucht noch viel Ruhe."

Die junge Frau errötete trotz ihrer dunklen Haut, dann nickte sie, worauf Madame Pottine den beiden zunickte und das Zimmer verlies.

Plumette hatte sich wieder an Lumiere gekuschelt und so lagen beide schweigend da und genossen den Augenblick und jetzt hatte Lumiere nichts mehr gegen die Stille im Raum. Er schloss die Augen und wäre sicherlich doch eingeschlafen, wenn Plumette ihm nicht eine Frage gestellt hätte.

„Lumiere, mon amour… Was ist eigentlich gesche'en?"

„Nun ich… Ich war draußen gewesen, im Regen und…"

„Im Regen? Was 'ast du denn da draußen gemacht?"

Er lächelte über den völlig verwirrten Gesichtsausdruck seiner Liebsten und fuhr fort.

„Ich 'abe garnichts da draußen gemacht. Außer mich über die Tatsache zu freuen, das ich endlich wieder Mensch bin und den Regen auf meiner 'aut spüren kann."

Sie sah ihn einen Moment an, dann lachte sie los. Ihr glockenhelles Lachen war Musik in seinen Ohren.

„Oh Lumiere! Wie kommst du nur immer auf solch verrückten Ideen?"

Er kam nicht umhin in ihr Lachen ein zustimmen und so brauchte es einen Moment, ehe er weiter erzählen konnte.

„Nun, die Idee an sich war gar nicht so verrückt, aber ich 'ätte mir für die Umsetzung einen etwas wärmeren Tag aussuchen sollen…"

„Was du natürlich nicht getan 'ast und deshalb 'ast du dich prompt erkältet!"

Er nickte und sein Gesichtsausdruck wurde ernst. Allerdings nur für einen Moment.

„Oh, du 'ättest von Unruh sehen sollen! Ich glaube er wollte mir eine Strafpredigt ungeahnten Ausmaßes 'alten, aber…"

Er schwieg und diesmal blieb der ernste Gesichtsausdruck bestehen.

Plumette schaute ihn besorgt an, dann strich sie ihm sanft über die Wange, was Lumiere aus seinen trüben Gedanken zurückholte.

„Er… Er 'at es nicht getan. Stattdessen ist er an meiner Seite geblieben, Stundenlang."

„Stundenlang? Das kann ich nicht glauben! Er würde doch niemals seine Pflichten vernachlässigen!"

„Oui, oui, aber… Er war 'ier. Doch dann ging es mir immer schlechter, bis ich schließlich das Bewusstsein verlor und…"

Er drehte sich weg als ihn plötzlich ein Hustenanfall ergriff. Er krümmte sich vor Schmerzen, doch es war nicht ganz so schlimm, wie vor seiner Ohnmacht. Als der Anfall vorüber war und er sich wieder beruhigt hatte, sah er seine Liebste an, die ihn entsetzt anstarrte.

„Keine Angst, es… Es geht schon wieder, aber…"

Er dachte einen Moment nach, dann meinte er grübelnd: „Ich bin schon seit 'eute Morgen wach, aber er ist noch kein einziges Mal 'ier gewesen…"

„Das ist Merkwürdig. Als ich 'eute Morgen ankam habe ich ihn nicht gese'en, dabei war ich mir sicher, dass er mich begrüßen würde. Das tut er doch bei jedem, der das Schloss betritt, no?"

Als sie seinen besorgten Gesichtsausdruck sah, fügte sie schnell hinzu: „Aber ich bin mir sicher er ist nur damit beschäftigt seine versäumten Pflichten nachzu'olen."

Sie lächelte und Lumiere ließ sich auf sein Kissen zurücksinken.

„Du hast sicher Recht, ma petit chérie. Aber trotzdem… Irgendetwas ist daran merkwürdig…"

Er gähnte plötzlich ausgiebig, was Plumette zum Kichern brachte. Dann beugte sie sich vor und küsste ihren Geliebten.

„Ich glaube, 'ier braucht jemand wirklich noch ein wenig Ru'e. Ich schlage vor, du schläfst noch ein Weilchen und ich werde se'en, ihn welcher Ecke des Schlosses sich unser 'aus'ofmeister versteckt 'at, oui?"

„Oh, Plumette… Ich stelle mir gerade von Unruh vor, der sich irgendwo in einem Schrank versteckt…"

Lumiere musste lachen, auch wenn es in einem weiteren Hustenanfall endete, doch er hatte sich schnell wieder gefangen.

„Nun, dann werde ich ihn mal suchen gehen, e'e er es sich in seinem Versteck zu gemütlich macht!"

Sie küsse Lumiere noch einmal, deckte ihn liebevoll zu und sprang davon, an der Tür noch einmal innehaltend um ihrem Liebsten noch einen Handkuss zu zuwerfen. Dann war sie verschwunden.

Lumiere aber schloss die Augen, immer noch lächelnd. Doch er wurde das ungute Gefühl nicht los, dass irgendetwas nicht stimmte…

Das Zimmer war abgedunkelt, nur ein Kerzenleuchter auf dem Nachtisch spendete gerade genug Licht um etwas zu sehen. Madame Pottine saß schweigend am Bett und betrachtete voller Sorge den regungslos daliegenden Mann. Sie hatte seine Hand ergriffen, die kalt und blass in ihrer lag und Tränen rannen über ihr Gesicht, als es an der Tür klopfte. Verwundert sah sie auf, als sie die Stimme Plumettes hörte.

„Madame Pottine? Sind sie 'ier?"

Schnell wischte sich die Haushälterin die Tränen weg und eilte zur Tür, öffnete diese und huschte hinaus auf den Flur.

„Ja mein Liebes, was gibt es?"

Plumette sah die Ältere besorgt an, sie sah sofort dass diese geweint hatte.

„Man 'at mir gesagt dass sie 'ier sind, aber… Was ist gesche'en? Und wo ist 'err von Unruh, ich 'abe ihn des ganzen Tag noch nicht gese'en und Lumiere macht sich auch schon Sorgen. Geht es ihm nicht gut?"

Madame Pottine sah betrübt zu Boden, sie wusste nicht wie sie der jungen Frau erklären sollte was geschehen war. Plumette war sehr jung gewesen als sie ins Schloss kam, fast noch ein Kind und der Haushofmeister war, trotz seiner mitunter unnahbaren Art, immer so etwas wie eine Vaterfigur für die junge Frau gewesen. Er bedeute ihr so viel, das Madame Pottine sich dazu entschied, dass sie die Wahrheit erfahren musste. Sie seufzte, dann sah sie Plumette an, die nur schweigend und abwartend da stand.

„Komm, mein Liebes…"

Mit diesen Worten führte sie Plumette zu einem kleinen Salon, der sich am anderen Ende des Flures befand, wies ihr dort einen Platz am Kamin und verschwand in Richtung Küche, um Tee zu kochen.

Es war alles ein wenig leichter, mit einer guten Tasse Tee…

Es war ein Anblick der ihr das Herz brach, doch Madame Pottine hatte gewusst, dass die Wahrheit für die junge Frau ein Schock sein würde. Seufzend strich sie über die schwarzen Locken, während diese sich an sie gelehnt ausweinte.

Doch schließlich sah sie auf meinte mit Tränenerstickter Stimme und fragendem Gesichtsausdruck: „Lumiere, er… Er weiß es noch nicht, no?"

Die Haushälterin schüttelte traurig den Kopf, dann meinte sie bestimmt: „Und er darf es auch nicht erfahren! … Noch nicht…"

„Ja, aber…"

„Nein, Plumette!"

Ihr bestimmter Tonfall ließ die Frau zusammenzucken, doch Madame Pottines Stimme war wieder so sanft wie zuvor als sie weitersprach. Dabei hatte sie ihre Hände sanft auf Plumettes Schulter gelegt und sah sie gütig, aber sehr bestimmt an.

„Plumette… Lumiere ist immer noch sehr krank und der Arzt sagte, er könnte einen schweren Rückfall bekommen wenn er sich zu sehr aufregt und…"

„Und es würde ihn aufregen, wenn er erfährt… Was mit Herrn von Unruh…"

Plumette schluckte, ehe ihr erneut die Tränen kamen. Madame Pottine drückte sie an sich und strich ihr wieder beruhigend über den Kopf.

„Schhhh, liebes Kind. Es wird alles wieder gut. Herr von Unruh schafft das schon und wenn es ihm und auch Lumiere etwas besser geht, werden wir Lumiere alles erzählen. In Ordnung?"

Liebevoll wischte sie der jüngeren die Tränen aus dem Gesicht, die ihrerseits tapfer lächelte.

Dann schmiegte sie sich erneut an die ältere und umarmte diese herzlich.

„Merci, Madame Pottine… Merci…"

„Schon gut mein Kind, schon gut."

So saßen die beiden Frauen noch eine ganze Weile stillschweigend beieinander und Madame Pottine kam nicht umhin sich zu wundern. Noch vor ein paar Minuten schien die Welt für Plumette in Ordnung, sie hatte sich so darüber gefreut, dass es ihrem Liebsten gut ging. Jetzt lag sie immer noch weinend in den Armen der Haushälterin und diese musste wieder einmal erkennen, wie nahe Freud und Leid doch manchmal beieinander lagen.