1. Kapitel - Schattensommer

8.7.1997

Das Licht hatte schon die rötliche Farbe des Abends angenommen und die Luft wurde kühler, doch das Gras, auf dem sie saß und die Hauswand, an der sie lehnte, waren noch sonnenwarm. Nun war sie hier, zwei Tage später als geplant. Inzwischen fühlte sie sich im Fuchsbau beinahe zuhause, und doch war es nicht das Gleiche. Mit einem leichten Schaudern erinnerte sie sich daran, daß sich auch ihr Elternhaus seltsam entfremdet angefühlt hatte. Hogwarts war zu ihrem Zuhause geworden. Doch konnte es das jetzt noch sein?

Sie hob den Kopf und sah zur Seite als sie Schritte und das Rascheln von Kleidung hörte. Ron bog gerade um die Ecke. Er kam zu ihr und setzte sich neben sie ins Gras.

„Hey. Mum sagt daß keiner von uns allein raus soll, schon gar nicht wenn es dunkel wird."

Sie nickte stumm. So schön dieser Abend war, mit warmem Licht und zirpenden Grillen, sie konnte ihn nicht genießen. Eine innere Kälte ließ sie frösteln. Alles war so… ausweglos. Neben ihr begann Ron wieder zu sprechen:

„Warum wolltest du vorgestern nicht bleiben? Was war noch so wichtig?"

Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie blinzelte sie energisch weg und atmete tief durch. Sie wollte jetzt nicht weinen. Nicht schon wieder.

„Ich habe meine Eltern fortgeschickt weil ich nicht will daß sie sie töten oder entführen." Ihre Stimme zitterte leicht, als sie sprach. Das Kratzen im Hals nahm zu. Gleichzeitig hatte sie das dringende Bedürfnis, mit jemandem darüber zu sprechen, mit ihren Sorgen und ihrer Unsicherheit nicht allein zu sein. Sie holte noch einmal Luft und fuhr fort. „In den letzten Jahren habe ich sie so selten gesehen und jetzt sind sie bald auf der anderen Seite der Welt."

Ron schwieg, und sie wagte nicht ihn anzusehen. Die Landschaft vor ihren Augen begann zu verschwimmen. Schließlich legte sich sein Arm um ihre Schultern und nach kurzem Zögern zog er sie zu sich. Er war warm, wärmer als die Hauswand, und seine Nähe hatte etwas Tröstliches. Sie war nicht allein. Sie hatte noch immer ihre Freunde. Wenige zwar, und wahrscheinlich genauso orientierungslos wie sie selbst, und doch… Sie schloß die Augen und ließ sich in diese Illusion von Sicherheit sinken, genoß die Nähe eines vertrauten Menschen. Es dauerte eine Weile, bis sie sich wieder so weit gefaßt hatte, daß sie Rons Anspannung fühlte. Mit einem Mal drang auch ihr die Situation ins Bewußtsein. War das noch Trost unter engen Freunden? Entwickelte sich gerade mehr? Sie hatte schon lange darauf gehofft, doch nun… Ron schien sich nicht wirklich wohlzufühlen, und riskierte sie nicht ihre Freundschaft, mehr noch, das Funktionieren der Gruppe? Vorsichtig richtete sie sich wieder auf, und Ron entließ sie aus seiner Umarmung. Sie lächelte unsicher und murmelte ein leises „Danke". Er wirkte ebenfalls verlegen. Beide vermieden es, einander in die Augen zu sehen. Statt dessen saßen sie wieder nebeneinander an der Hauswand und blickten in die sich sammelnden Schatten. Die ersten Sterne leuchteten zaghaft aus dem dunkelnden Himmel.

Sehr zur Erleichterung Hermiones und der Weasleys wurde Harry nicht erst an seinem Geburtstag zum Fuchsbau geholt, sondern bereits am zwölften Juli. Zuvor hatte sich immer deutlicher abgezeichnet, daß das Ministerium unterwandert wurde und es stand zu befürchten, daß alle sicheren Transportwege aus dem Haus geschlossen würden. Zudem kannte Severus Snape, dem man nun nicht mehr über den Weg traute, den ursprünglichen Plan, Harry am Abend des 31.7. abzuholen. Nach mehreren hitzigen Diskussionen setzte sich der Teil des Ordens durch, der Voldemort zuvorkommen wollte. Moody und Lupin holten Harry ab. Gleichzeitig wurde seine Verwandtschaft nach zäher Überzeugungsarbeit zu einem Versteck gebracht. Mit Traurigkeit und, auch wenn sie es nur ungern zugab, mit Groll dachte Hermione daran, daß niemand nach dem Verbleib ihrer Familie gefragt hatte.

Zum Erstaunen der Drei hatte Dumbledore ihnen seinen Deluminator hinterlassen, nebst eines kleinen Büchleins mit obskuren Gedichten. Letzteres war neben dem praktischen Artefakt für die Jungen bald vergessen, doch Hermione ließ es keine Ruhe. Häufig las sie abends beim Licht ihres Zauberstabes darin und grübelte, welche Botschaft es wohl bergen mochte, oder ob der alte Mann neben seiner bekannt exzentrischen Art schließlich doch senil geworden war. Um seinen Tod war es in der Öffentlichkeit erstaunlich still geblieben. Im Tagespropheten hatte man eine ausführliche Würdigung gedruckt, die jedoch für die letzten zehn Jahre ein zunehmend negatives Bild zeichnete: Seine Verdienste in dieser Zeit wurden verschwiegen oder nur kurz erwähnt, Fehlentscheidungen und Kritikpunkte hingegen umfassender ausgeführt. Sein Tod wurde als Unfall dargestellt. Es hieß, eine mögliche Beteiligung weiterer Personen werde untersucht. Dazu, daß in der Schule eine Schlacht stattgefunden hatte, war kein Wort zu lesen. Unter dem Artikel war eine Anzeige platziert, in der für den einundzwanzigsten Juli das Erscheinen einer Biographie angekündigt wurde, geschrieben von Rita Kimmkorn und mit reißerischem Titel.

Ebenfalls noch im Juli wurde das Trio offiziell in den Phönixorden aufgenommen, nach tagelangen zähen Verhandlungen: Moody, McGonagall und Arthur und Molly Weasley hatten bis August warten wollen, da Harry noch minderjährig war. Er hatte sie schließlich davon überzeugt, daß es nicht darauf ankam, ob er nun eine Woche früher oder später Geburtstag hatte und daß es Zeitverschwendung wäre, so lange herumzusitzen und Gartengnome zu entfernen. So konnten sie nun an den Besprechungen teilnehmen und wurden in nützlichen Zaubern unterrichtet, nicht zuletzt der Kommunikation mittels Patronus, die Dumbledore für den Orden entwickelt hatte. Hermione lernte rascher als die beiden Jungen und hatte so Zeit, sich von Bill ein paar Hinweise zur Sicherung von Orten und Gebäuden geben zu lassen und über die faszinierenden Möglichkeiten der Modifikation von Zaubern nachzudenken. Und über Harrys Beweggründe: Er war ungeduldig, doch das und der Wunsch, dem Gegner zuvorzukommen, konnte nicht alles sein, wenn man bedachte mit wie viel Ruhe er die Suche nach den Horcruxen anzugehen schien. Sie vermutete, daß er den Fuchsbau bald verlassen wollte: Hier war es schwer, Ginny aus dem Weg zu gehen. Sie hatten sich kurz nach der Trauerfeier getrennt. Zu Ginnys Schutz, wie Harry argumentiert hatte, doch sie sah das nicht ein und auch Hermione fand es, vorsichtig ausgedrückt, übertrieben. Zwar konnte sie die Idee dahinter verstehen, doch Ginny war mit Sicherheit auch ohne Harrys Freundin zu sein auf der Liste der Zielpersonen. Harry selbst schien mit dieser Lösung ebenfalls nicht wirklich glücklich zu sein.

24.7.1997

Aus der Dämmerung war bereits Nacht geworden. Eine Lampe erhellte den Wintergarten, und die offene Glastür ließ die kühle Nachtluft und das leise Klopfen von Regen hinein. Theodore saß auf einem der schmiedeeisernen Gartenstühle und las den Brief, den gerade eine Posteule abgeliefert hatte. Es war ein Schreiben seines Freundes Blaise, das sommerliche Leichtigkeit atmete. Nur einen Tag nach der frühen Rückkehr aus Hogwarts war er gen Neapel abgereist, zu seinen Großeltern. Er hatte angeboten, Theodore mitzunehmen. Vielleicht hätte er annehmen sollen, anstatt hier zu sitzen und zuzusehen, wie sich ein Gewitter zusammenbraute. Er könnte im sonnenwarmen Sand liegen und dem Rauschen des Meeres lauschen, oder dem Gesang der Zikaden auf der Terrasse. In den Sommerferien war er zweimal dort gewesen und hatte sowohl die älteren Zambinis als auch die Villa und die kleine, durch Schutzzauber vor profanen Augen verborgene Bucht in angenehmer Erinnerung behalten.

Er lehnte sich zurück und strich sich eine Strähne dunklen Haares aus dem Gesicht. In den letzten Monaten hatte er es wachsen lassen, zum Zeichen, daß er die Kindheit hinter sich gelassen hatte – immerhin war er nicht nur volljährig geworden, sondern hatte sich auch selbst um seine Angelegenheiten gekümmert, während sein Vater in Azkaban saß. Inzwischen reichten die längsten Strähnen bis fast zum Kinn und so langsam mußte er lernen, wie er verhindern konnte, daß sie ihm ständig in die Augen fielen.

An Stille im Haus war er gewöhnt. Schon seit Jahren lebten darin nur sein Vater, er selbst und die Hauselfen. Der Herr des Hauses verbrachte seine Zeit hauptsächlich in der Bibliothek oder in seiner Studierstube, und er verlangte Ruhe. Theodore hatte bereits als Kind gelernt, sich im Haus leise zu bewegen und sich nur draußen im Garten oder, besser noch, auf seinen weiten Streifzügen durch Wald und Moor auszutoben. Inzwischen las er selbst sehr viel.

In diesem Sommer war die Stille anders. Gewohnheit, Frieden statt furchtsamem Umherschleichen. Er konnte tun was er wollte, anstatt ständig darauf achten zu müssen, was man von ihm erwartete. Seinen Tag frei einteilen. Bücher über Nacht herumliegen lassen. Selbst kochen, nach zähen Verhandlungen mit Parsley, dem hauptsächlich für die Küche verantwortlichen Elfen. Zunächst hatte er Hilfe gebraucht. Es war einfach zu lange her. Seine Mutter, eine Tränkemeisterin, hatte stets betont, daß Kochen mehr sei als die Zubereitung von Speisen. Sie hatte ihre Kinder an die Küche herangeführt und regelmäßig mit ihnen gekocht und gebacken. Theodore erinnerte sich gern daran, doch auch mit Wehmut.

Ein Krachen drang durch die Gartentür, begleitet von einem Knistern, als sei ein Blitz in die nahen Hügel eingeschlagen. Beinahe, doch nicht ganz. Theodore kannte den feinen Unterschied. Da war jemand appariert, mit mehr Willen als Geschick. Sofort war er auf den Füßen und hatte den Brief auf den Tisch fallen lassen. Einen Augenblick später hatte er seinen Zauberstab aus dem Ärmel gezogen und schwang ihn direkt in die Bewegung für den Zauber, mit dem er die Tür schloß und verriegelte. Dann eilte er durchs Haus zur Vordertür.

In der Eingangshalle waren bereits zwei Hauselfen die sich, dicht aneinandergedrängt, zur Tür bewegten. Sie drehten sich zu ihm um, als er heraneilte.

„Vater?" fragte er. Die kleinen Wesen hatten ein Gespür für ihre Familie und das Haus, in dem sie lebten.

„Ja", antwortete Daisy, die Elfe, die eine Art Kindermädchen für ihn gewesen war. „Der Meister und noch jemand. Sie sind im Garten."

„Bleibt hier, ich lasse sie rein."

Theodore öffnete das Portal aus tiefdunklem, moorgegerbtem Eichenholz und sah hinaus in den Regen. Zwei Gestalten hatten bereits das Gartentor passiert und wankten den Pfad entlang. Sie trugen die schwarzen Roben, in denen man sie festgenommen hatte, ein deutlicher Hinweis, daß sie nicht geflohen waren, sondern daß man sie hatte gehen lassen. Sein Vater war hager und noch bleicher als sonst, die zu großen Teilen ergrauten Haare wirr und länger als gewöhnlich, der Bart struppig und ungepflegt. Er lehnte sich schwer auf den anderen Mann, konnte offensichtlich das linke Bein kaum gebrauchen. Den, der seinen Vater stützte, kannte Theodore bisher nur von Photographien: Antonin Dolohov, ein Freund seines Vaters und während Theodores fünftem Schuljahr zwischen dem Ausbruch im Januar und jener unseligen Nacht im Ministerium Gast im Hause Nott. Auf den Hochzeitsbildern von Theodores Eltern hatte Dolohov gesund und vergnügt ausgesehen. Nun jedoch glich er dem Bild im Tagespropheten anderthalb Jahre zuvor. Hohlwangig, mit tiefen Schatten unter den Augen, reichlich Grau im Bart und den dunklen Haaren, vor allem an den Schläfen. Die Robe hing viel zu weit um seine Gestalt, und Theodore fragte sich einen Augenblick, wie er es schaffte, einen anderen Menschen mit sich zu schleppen. Damit löste er sich aus seiner Erstarrung und lief den beiden entgegen.

Der Duft von Sommerregen füllte seine Nase, als er platschend durch die Pfützen eilte, die sich auf dem Pflaster gebildet hatten. Mit wenigen Schritten hatte er die beiden Männer erreicht.

„Willkommen zuhause", sagte er, während er nach seines Vaters Arm griff, um ihn Dolohov abzunehmen. Der Geruch nach ungewaschenem Menschen umschloß ihn wie eine Mauer und sperrte den Regenduft aus, doch er stockte nicht in seinem Handeln. Er hatte damit gerechnet: Azkaban war bekanntermaßen ein Dreckloch, und Reinigungszauber hatten ihre Grenzen.

Ein heiseres Krächzen drang aus seines Vaters Kehle, in dem er seinen Namen erkannte. Zu seinem Entsetzen rührte sich etwas in ihm, das er tot geglaubt hatte, eine Wärme, die in diesem Haus keinen Platz mehr haben konnte. Rasch drängte er den Funken beiseite und konzentrierte sich auf seine Aufgabe. Dolohov grüßte mit einem Nicken, als er seine Fracht an den jungen Zauberer übergab.

Der Weg zurück zum Haus dehnte sich wie eine naßglänzende Ebene. Fuß vor Fuß schleppten sie sich zur Tür, während der Regen von Theodores Haaren tropfte und den Hals entlanglief. Er krallte sich in die Robe, denn auf der regennassen Hand rutschten seine Finger. Das Gewicht des Körpers, den er stützte, lastete auf Schultern und Rücken. Der alte Mann war leicht für seine Größe, unterernährt nach dem Jahr in Gefangenschaft, dessen war Theodore sicher. Doch er selbst war nie ein Athlet gewesen. Er konnte lange und weit gehen und sicher fliegen, hatte jedoch rasch Zauber gelernt, die ihm den Umgang mit dicken Büchern und gußeisernen Kesseln erleichterten.

Im warmen Licht der Eingangshalle wies er die wartenden Elfen an, Zimmer, Bäder und frische Kleider zu richten und bestellte ein leichtes Nachtmahl. Die Wesen huschten rasch davon: leise und unsichtbar, wie sein Vater es schätzte. Der Abend war kälter geworden.

25.7.1997

Es war bereits ein langer Morgen gewesen, als sie kurz vor halb zehn im Salon saßen und warteten. Theodore hatte seinem Vater beim Waschen und Ankleiden geholfen und ihn unter Einsatz eines dezenten Schwebezaubers die Treppe heruntergebracht. Er konnte nicht allein laufen, ja nur ohne Hilfe stehen, wenn er sich irgendwo festhielt. Es war nicht nur Schwäche – man konnte leicht sämtliche Knochen erkennen – auch seine Hüfte bereitete ihm Probleme und starke Schmerzen. Gleichzeitig schämte er sich offensichtlich seiner Gebrechlichkeit und versuchte, möglichst viel selbst zu tun. Diese Dickköpfigkeit hatte zu zwei Stürzen geführt und dazu, daß Theodore mehr Energie brauchte, um gegen seines Vaters Stolz anzukämpfen, als um ihm zu helfen.

Sie hatten gemeinsam mit ihrem Gast gefrühstückt. Mr. Dolohov sah unter der jetzt sauberen, doch ebenfalls zu weiten Robe vermutlich auch nicht besser aus, hatte sich aber immerhin selbst durchs Haus schleppen können. Beide hatten mit großer Vorsicht Porridge mit etwas Honig gelöffelt und nur jeweils eine halbe Portion herunterbekommen. Die Hände zitterten rasch, als sei der Löffel zu schwer. Nachdem das Tischtuch in Kamillentee getränkt war, weil sie die Tassen nicht ruhig zu halten vermochten, ließen sie sich beim Trinken helfen. Beide hatten zwar ihre Zauberstäbe wieder – noch ein Hinweis darauf, daß das kein Ausbruch gewesen war – doch sie konnten nur sehr eingeschränkt zaubern. Nicht zum ersten Mal fragte sich Theodore, wie es sein Vater geschafft hatte, sie beide hierherzuapparieren, ohne sich und seinen Freund in Stücke zu reißen.

Nach dem Frühstück katte er den Hausherren in den kleinen Salon gebracht, dessen Kamin ans Flohnetzwerk angeschlossen war, und ihn auf einem der Sofas platziert. Sie erwarteten Besuch.

Pünktlich halb zehn schlugen die Flammen hoch und nahmen die vertraute smaragdgrüne Farbe an. Narcissa Malfoy trat hindurch, eine elegante lederne Tasche in der Hand. Sie bewegte sich mit Stolz und Anmut, doch Theodore bemerkte die dunklen Schatten unter ihren Augen, die sie nicht völlig hatte verbergen können. Der sorgenvolle Zug um den Mund mochte den Patienten gelten, allerdings wußte er, daß ihre eigene Familie in ähnlich beklagenswertem Zustand sein mußte. Mindestens.

„Guten Morgen, Tante Narcissa. Danke daß du dir die Zeit genommen hast."

Er begrüßte sie mit einem Handkuß und bekam ein kurzes Lächeln.

„Es ist gut dich zu sehen Theodore. Und selbstverständlich helfe ich. Guten Morgen, Carisius", wandte sie sich an den älteren Zauberer, den sie mit wenigen Schritten erreicht hatte. Er saß so gerade er es vermochte und empfing den Gast ebenfalls mit einem Handkuß.

„Narcissa, es ist stets eine Freude, dich zu sehen. Lucius ist auch wieder zuhause, nehme ich an?" Er war noch immer heiser und sprach langsamer als gewohnt.

„Ja, er ist gestern Abend angekommen, vielen Dank. Wo ist Mr. Dolohov?"

„Er wartet in der Bibliothek", antwortete Theodore. „Ich werde ihn holen wenn du soweit bist."

Narcissa nickte und stellte ihre Tasche auf dem Teetisch ab. Leises Klirren war zu hören.

„Soll ich draußen warten?"

„Nein, Junge, bleib. Du weißt sowieso schon viel zu viel."

Die Bitterkeit in der Stimme seines Vaters schmerzte, doch es regte sich auch Wut in ihm. Er versuchte, beides gehen zu lassen, sich auf das Geschehen im Raum zu konzentrieren. Am Rand und außer Sicht, sodaß er rasch aus der Aufmerksamkeit schwand. So, wie es ihm zur Gewohnheit geworden war.

Narcissa war von einem Augenblick zum nächsten ganz professionelle Heilerin. Theodore wußte, daß sie nach ihrem Abschluß nur kurz am St. Mungos gearbeitet hatte, bevor Draco einen großen Teil ihrer Zeit beansprucht hatte. Doch danach, vor allem im letzten Kriegsjahr und seit der Rückkehr des Dunklen Lords, war sie privat für Familie und Freunde tätig gewesen. Und für jene, die in Diensten seiner Lordschaft standen und sich aus offensichtlichen Gründen nicht an das Krankenhaus wenden konnten.

Sie stellte einige Fragen zu Befinden und Einschränkungen, zum Nachtschlaf und zum Frühstück. Dann wirkte sie eine rasche Folge von Zaubern. Zusammengepreßte Lippen und ein leichtes Zucken der Brauen zeigten, daß ihr das Ergebnis nicht gefiel.

„Trink das." Sie holte ein kleines Fläschchen aus ihrer Tasche und reichte es ihrem Patienten. „Das nimmt den Schmerz."

Der Hausherr nahm das Glas mit einem simplen „Danke" entgegen und trank den Inhalt. Narcissa, oder vielmehr Heilerin Malfoy, ließ sich die Flasche wiedergeben und sprach weiter:

„Du bist stark unterernährt und dadurch geschwächt. Ich werde dir Instruktionen für die Elfen dalassen, mit welcher Ernährung sich deine Genesung fördern läßt, und Tränke, die dir helfen. Genug Schlaf ist wichtig. Du kannst das mit einem Beruhigungstrank oder dem ‚Flüssigen Schlaf' unterstützen, ich lasse dir von beidem etwas da. Solltest du etwas Stärkeres brauchen, schreibe mir. Tageslicht hilft auch, aber ganz allmählich. Beginne damit, morgens oder abends etwas Zeit im Garten zu verbringen. Es wird einige Zeit dauern, aber deine Kraft wird zurückkehren.

Die Hüfte ist ein ernsteres Problem. Die Form der Gelenkpfanne ist nicht korrekt, wahrscheinlich war das ein schlecht verheilter Bruch. Ich kenne Zauber, mit denen ich die Situation verbessern kann. Der Schmerz wird nachlassen, und du wirst mit einem Stock ohne Hilfe gehen können."

„Es ist nicht möglich, diese Verletzung vollständig zu heilen? Das war nur ein Regal."

„Hätte man es sofort behandelt wäre in einem Wimpernschlag alles wieder am rechten Platz gewesen. So aber ist es falsch verheilt. Das zu korrigieren ist weit schwerer." Narcissa machte eine Pause. Carisius bedeutete ihr, weiterzusprechen.

„Ich müßte den gesamten Beckengürtel entfernen und neu wachsen lassen. Daß die Behandlung mit Skelewachs sehr schmerzhaft und belastend ist, ist dir bekannt?" Als der Patient nickte, sprach sie weiter. „Ein so großer und komplexer Knochen braucht in der Regel zwei bis drei Tage um sich neu zu bilden. Außerdem müßte ich Fixierungszauber einsetzen, um zu verhindern, daß der Unterleib zusammensackt und die Beine so zu positionieren, daß die Gelenkköpfe an den richtigen Stellen sind. Der ganze Prozeß verlangt dem Körper viel ab. Selbst bei einem jungen, gesunden Zauberer wäre diese Maßnahme mit gewissen Risiken verbunden. Bei jemandem von deinem Alter ist sie gefährlich. Und in deinem derzeitigen Gesundheitszustand würde es dich wahrscheinlich umbringen."

„Ich folge deinem Rat. Tu was du kannst."

Als Theodore seinen Vater aus dem Raum und zur Bibliothek brachte, fühlte er den Unterschied. Er hatte weniger zu tragen, und die Bewegungen des alten Zauberers waren sicherer und weicher, nicht mehr so verkrampft. Das Schmerzmittel tat seine Wirkung. Endlich. Theodore hatte am Abend zuvor den gleichen Trank angeboten, den Narcissa gegeben hatte, doch Carisius hatte abgelehnt: er wollte zunächst die Meinung eines Heilers. War es mangelndes Vertrauen in Theodores Fähigkeiten gewesen, oder in sein Pflichtgefühl? Oder wieder ein Hinweis darauf, daß er nicht so war, wie er gefälligst zu sein hatte?

Eben jenes Pflichtgefühl brachte den jüngeren Zauberer dazu, seinen Vater vorsichtig auf einem Sofa zu platzieren, Mr. Dolohov den Weg zum Salon zu weisen und einen Gehstock heranzurufen. Außerdem organisierte er die gewünschte Literatur und bestellte Tee.

Eine halbe Stunde später saßen die beiden Patienten in der Bibliothek in bequemen Sesseln und Theodore geleitete Heilerin Malfoy zum Kamin. Als Narcissa nach dem Flohpulver griff fragte er leise: „Wie geht es Draco?"

Die Hexe überlegte einen Atemzug lang. „Den Umständen entsprechend gut", antwortete sie dann. Augenblicke später war sie in grünen Flammen verschwunden.

Theodore fühlte einen Teil seiner Anspannung weichen. Er lebt und wird sich erholen. Mehr als man erwarten konnte. Er hatte Draco nie wirklich gemocht, doch er war trotz allem sein Cousin und sein Klassenkamerad. Und es gab Dinge, die wünschte man niemandem…

26.7.1997

„Harry, wir müssen endlich anfangen."

Der Angesprochene hatte es sich in einem Liegestuhl im Schatten der Obstbäume bequem gemacht. Auf ihre Ansprache hin hatte er versucht, daraus aufzuspringen während er gleichzeitig nach seinen Zauberstab suchte.

„Ach, du bist es", sagte er und ließ sich wieder zurückfallen. „Anfangen womit?"

„Das mußt du fragen? Du weißt was wir zu tun haben, was du zu tun hast."

„Komm schon, Minnie, ich habe den ganzen Vormittag Duellieren geübt und dabei zwei neue Zauber gelernt."

„Nenn mich noch einmal so und du wirst sie brauchen. Hast du schon darüber nachgedacht, wie du die Aufgabe lösen willst, die Dumbledore dir übertragen hat?"

„Schon, aber…" Er nahm die Brille ab und rieb sich die Augen. „Es gibt keine brauchbaren Hinweise." Er schwieg eine Weile. Grillen zirpten, sonst lag Stille über dem Garten. Es war ein heißer Nachmittag und die Luft blieb nahezu unbewegt. Alles schien auf etwas zu warten.

„Ich habe das Buch geholt, das Dumbledore aus der Schulbibliothek entfernt hat und darin Hinweise dazu gefunden, wie man die Dinger zerstören kann", sagte sie schließlich in die Stille hinein. „Außerdem habe ich nach diesem mysteriösen R.A.B. gesucht. Es gibt keine einigermaßen bekannte Person mit diesen Initialen, die in den Kontext paßt. Leider hatte ich keine Zeit mehr, die Jahrbücher durchzusehen, bevor sie uns nach Hause geschickt haben." Die Frage, was er getan oder sich überlegt habe, blieb unausgesprochen.

„Also kommst du auch nicht weiter", ergänzte er, den ersten Teil ihrer Aussage ignorierend. Klang da Erleichterung mit? Nein, das bildete sie sich hoffentlich nur ein. Derweil fuhr Harry fort: „In ein paar Tagen ist Bills Hochzeit. Wenn ich Mr. Weasley vorhin richtig verstanden habe soll es am Tag danach einen Versuch geben, Sirius' Haus wieder neu zu sichern. Dafür muß zuerst der alte Fideliuszauber entfernt werden, damit ein neuer gesprochen werden kann. Weil der Geheimniswahrer tot ist, liegt das in den Händen derjenigen, die den Ort kennen. Es ist wohl nicht ganz klar, wie das funktioniert… möglicherweise braucht man alle, die das Geheimnis kennen und noch am Leben sind. Dann würde der Zauber scheitern, weil Snape fehlt. Sie wollen es trotzdem versuchen. Danach will ich nach Godrics Hollow. Vielleicht lassen sich da irgendwelche Hinweise finden."

„Mr. Weasley hat mit dir den Fideliuszauber diskutiert?"

„Ja, hat er." Er klang ärgerlich. „Du mußt mir nicht alles noch mal extra erklären."

„So war das nicht gemeint."

Sie schwiegen eine Weile in der Hitzestille. Dann nahm Hermione das Gespräch wieder auf:

„Ich würde gern ein paar Tage dort bleiben und die Bibliothek durchsehen. Vielleicht finde ich noch etwas, das uns weiterhilft." Wenn Sirius die entsprechenden Bände nicht entsorgt hat…

Harry nickte. Schweigen dehnte sich erneut, und die Hexe ließ den Zauberer unter den Obstbäumen zurück.

29.7.1997

Hermione, die mit in Ginnys Zimmer schlief, hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, den Raum abends gegen gar zu neugierige Ohren abzusichern und alles, was sie erfahren hatte, an die Jüngere weiterzugeben. Es half, das Gefühl des Ausgeschlossenseins, das die sie immer wieder in Wutausbrüche trieb, zu verringern. Sie war die Einzige, die noch als Kind behandelt wurde. Aber jenseits dieser praktischen Aspekte fand Hermione es schlicht ungerecht, Ginny so im Dunkeln zu halten. Gerade sie, die schon mit elf Jahren von Voldemort als Werkzeug mißbraucht worden war. Sie war noch immer nicht darüber hinweg, prüfte jedes Notizbuch genauestens auf Magie und achtete akribisch auf Erinnerungslücken. Der Filmriß nach der Feier des Quidditchpokals im letzten Schuljahr hatte sie in Panik versetzt. Seither war sie sehr vorsichtig mit Alkohol. Sie in einem Gefühl der Unwissenheit und Hilflosigkeit zu halten war kein Schutz, es war grausam. Natürlich war es falsch Jugendliche, Kinder die sie gewesen waren, in diesen Konflikt hineinzuziehen, doch das war bereits vor Jahren geschehen. Nun brauchten sie die Mittel, damit umzugehen und sich zu schützen.

Ginny hatte Himbeeren aus dem Garten in ihr Zimmer geschmuggelt, die nun in einer Schüssel auf dem Kofferstapel standen, der zwischen ihren Betten als Tisch diente. Daneben verbreitete eine Kerze honigwarmes Licht.

„Heute waren viele Leute da. Es muß wichtig gewesen sein", bemerkte sie, während sie nach einer Beere griff.

Hermione nickte. „Es ging um die Sicherung der Hochzeit, und es gab Berichte aus dem Ministerium. Kingsley und Tonks sind sicher, daß das Ministerium die Kontrolle über Azkaban verloren hat, aber das würde natürlich nie jemand öffentlich zugeben. Sie und dein Dad trauen praktisch keinem mehr über den Weg. Die Strafverfolgungsabteilung ist unterwandert, möglicherweise sogar das Aurorenbüro - allerdings ist es schwer herauszufinden, wer Voldemort unterstützt. In der letzten Woche gab es zwei erfolglose Attentate gegen den Minister. Die waren erschreckend gut vorbereitet und sehr knapp. Das war so nur mit Unterstützung aus den höheren Ebenen des Ministeriums möglich. Gut, daß sie Harry beizeiten geholt haben, jetzt wäre es wirklich schwierig geworden."

Mist. Das falsche Thema. Sie hätte sich ohrfeigen mögen als Ginnys Hand stockte und der interessierte Blick von Schmerz und Wut getrübt wurde.

„Sorry, das hätte ich nicht sagen sollen. Es -"

Doch Ginny ließ sie nicht weitersprechen. „Warum glauben alle zu wissen was gut für mich ist?" rief sie. „Meine Eltern wollen nicht, daß ich weiß was vor sich geht, weil ich ja noch ein Kind bin und Harry muß sich von mir fernhalten um mich zu schützen." Am Ende des Satzes lag übertriebenes Pathos in ihrer Stimme. Sie verdrehte die Augen bevor sie ihr Kissen an die gegenüberliegende Wand warf. „Und jetzt fängst du auch noch an!"

„So war das nicht gemeint." Hermione hob die Hände in einer Geste, die beruhigen sollte, doch vergebens.

„Das ist einfach nur unfair!"

„Das sehe ich genauso, Ginny", versuchte sie es wieder.

„Du hast gut reden! Dich sperrt schließlich keiner aus, und Ron schickt dich nicht in die Wüsdte, weil er dich für schwach und hilflos hält!"

„Ginny, bitte, ich will dir helfen."

Weitere Kissen flogen, begleitet von Beschimpfungen, die glücklicherweise nur Hermione hörte. Nach einer kleinen Ewigkeit hatte sich Ginny ausgetobt und ließ sich schluchzend auf ihr leergeräumtes Bett fallen. Hermione rief den Plüschdrachen heran, den die jüngste Weasley vor vielen Jahren von Charly bekommen hatte und der inzwischen etwas mitgenommen aussah. Sie gab ihn ihrer Freundin, die sofort den Arm darum schlang und das Gesicht darin vergrub.

Die ältere legte ihr die Hand auf die Schulter und nahm sich im Stillen vor, Harry ein weiteres Mal den Kopf zu waschen. Während Ginny sich ausweinte, rief sie mit Sammelzaubern ihre Kissen und die Decke zurück ins Bett und machte sich daran, das sonstige Chaos wieder in Ordnung zu bringen. Dabei wanderten ihre Gedanken zu Ron. Ihre Zimmernachbarin hatte Recht: Es war ein Glück, daß sie bald nach ihrem Eintreffen ihre Unsicherheit überwunden und zueinandergefunden hatten. Gleichzeitig war es eine Belastung für Harry und Ginny. Zumal Ron oft wenig feinfühlig war, was Zuneigungsbekundungen vor den Augen der beiden betraf. Dennoch genoß sie die Zeit, die sie gemeinsam verbrachten, die kleinen Momente die sie zwischen Vorbereitungen, Besprechungen und Zauber üben stahlen. Nur manchmal, vor allem nachts, schlich sich ein leises Unbehagen ein: Was war nur passiert, daß sie jetzt plötzlich kaum voneinander lassen konnten, nachdem sie zuvor jahrelang umeinander herumgeschlichen waren? War das normal oder ein Effekt dieser kranken Welt, in der sie inzwischen lebten? Wann immer sie darüber nachdachte, hatte sie das Gefühl, sie seien zwei Ertrinkende, die sich aneinander festklammerten. Und leise nagten die Zweifel, die sie zu Beginn gehabt hatte, weiter in ihrem Kopf. Vergessen, wenn sie mit Ron zusammen war, kehrten sie doch immer wieder zurück, gefüttert durch Ginnys Trauer: ihre Furcht, sie alle dem Untergang zu weihen, indem sie die Gruppe zerstörten.

Ginny schlief inzwischen, und mit einem leisen Seufzen legte sich Hermione in ihr eigenes Bett. Warum konnte nicht einmal etwas einfach sein? Warum konnte, warum durfte sie es nicht genießen, das erste Mal richtig verliebt zu sein, jenseits kleiner Schwärmereien? Das Leben war gerade zu niemandem wirklich fair.

Harrys Geburtstagsfeier war ein kleiner Lichtpunkt im von Kriegsvorbereitungen geprägten Alltag. Die Weasleys hatten ein Gartenfest für ihn ausgerichtet und der Sommer zeigte sich von seiner besten Seite. Doch unter der frohen Oberfläche waren die Spannungen zu sehen: Harry und Ginny versuchten, einander aus dem Weg zu gehen. Und obwohl zu den Klängen des Radios bis spät in die Nacht getanzt wurde gab es immer jemanden, der auf die Umgebung achtete und die Schutzzauber überprüfte. Die Feier endete kurz nachdem das Geburtstagskind seine besten Freunde unter einem Apfelbaum in der Nähe des Gartenzauns beim Knutschen erwischt und sich rasch ins Haus zurückgezogen hatte.

1.8.1997

Der Vormittag des 1. August sah den Fuchsbau in eifriger Geschäftigkeit. Bill und Fleur hatten „Mallorys Zauberhafte Feiern" engagiert und nun waren Helfer dabei, das Festzelt zu errichten und zu dekorieren. Fred und George steuerten goldene Luftballons bei und hielten sich an diesem Tag ausnahmsweise mit Streichen und Produkttests zurück. Die Delacours waren angereist und wurden im bereits überfüllten Haus untergebracht. Fleur und ihre Mutter machten einander gegenseitig immer nervöser. Molly Weasley dirigierte eine Armada von Hilfsköchen und verzauberten Küchengeräten, um für die vielen Leute ein leichtes Mittagessen auf die Gartentische zu bringen. Die Speisen für die Feier organisierte der Veranstalter – glücklicherweise, wie Hermione dachte. Welche Betriebsamkeit herrschen würde, welches Chaos seit Tagen geherrscht hätte, hätten sich die Weasleys selbst darum kümmern wollen! Sie mochte es sich nicht vorstellen. Immerhin hatten so schon alle gut zu tun.

Nach dem Mittag verschwand man in die jeweiligen Zimmer, um sich umzuziehen. Die jüngeren Weasley-Kinder sowie Harry und Hermione, die die Familie praktisch adoptiert hatte, sollten die Gäste begrüßen und einweisen. Man hatte darüber nachgedacht, Harry mit Vielsafttrank zu tarnen, die Idee jedoch verworfen: Im Ministerium war bekannt, daß er sich im Fuchsbau aufhielt, und wenn Voldemort dort auch nur halb so viele Anhänger hatte wie vermutet, mußte er längst Bescheid wissen. Es war sicherer, wenn Harry bald seinen Aufenthaltsort wechselte, und genau das war für den nächsten Tag ohnehin geplant.

Hermione hatte dennoch ein mulmiges Gefühl. So viele Menschen… der Abend versprach sehr unübersichtlich zu werden. Außerdem würden fast der gesamte Orden und zahlreiche Sympathisanten versammelt sein – ein verlockendes Ziel. Sie mußten wachsam sein. Schon seit Harrys Ankunft war Hermione auf eine plötzliche Flucht vorbereitet, hatte immer ihren Rucksack mit Notfallausrüstung und Proviant bei sich. Für den festlicheren Anlaß hatte sie bereits ein paar Tage zuvor eine Handtasche mit den nötigen Zaubern präpariert. Das Umpacken von einer Raumwundertasche in die andere ging nun sehr schnell vonstatten: Mit der einen Hand die Handtasche offen haltend, in der anderen den Zauberstab ließ sie einen Strom von Dingen zügig herüberschweben.

Ginny drehte sich in dem goldenen Kleid, das sie als Brautjungfer tragen sollte, vor dem Spiegel.

„Perfekt, du siehst großartig aus."

Mit einem wehmütigen Lächeln drehte sich Ginny zu ihr um. „Danke. Das holt Harry auch nicht zurück, fürchte ich. Hilfst du mir mit den Blumen?"

Gemeinsam flochten sie goldglänzende Blüten in Strähnen roten Haares. Anschließend schlüpfte Hermione in das fliederfarbene Satinkleid, das sie für den Abend ausgewählt hatte. Danach verteilte Ginny eine Flasche Seidenglatts Haargel in ihren Haaren.

„Meinst du, das reicht?" Hermione betrachtete skeptisch ihr Spiegelbild und langte nach der zweiten Flasche.

„Das ist genug", antwortete Ginny, während sie die noch immer deutlich gewellten Haare fertig bürstete und Strähnen zum Hochstecken abteilte.

„Für den Weihnachtsball habe ich fast zwei Flaschen gebraucht…"

„Da waren deine Haare auch noch irgendwie anders. Du hast immer noch eine dicke, lockige Mähne, aber sie sind nicht mehr ganz so… wirr."

„Danke."

„Wirklich! Vieleicht liegt es auch daran, daß sie jetzt ein Stück länger und schwerer sind."

Hermione nickte abwesend, was ihr eine Rüge von Ginny einbrachte, der mehrere gelglatte Strähnen durch die Finger glitten. Es fühlte sich irgendwie seltsam an, so viel Zeit mit Zurechtmachen zu verbringen, während sie sich doch eigentlich im Krieg befanden. Andererseits verdienten sie alle ein Atemholen… und das Leben ging weiter. Wie lange sollte das Brautpaar die Hochzeit aufschieben? Sollten sie nicht gerade jetzt gemeinsam feien, wußten sie doch nicht, wer die nächsten Jahre überleben würde und wen sie vielleicht verlieren würden? Ihr wurde kalt als sie diesen Gedanken verfolgte. Sie zwang sich dazu, sich auf ihr Spiegelbild zu konzentrieren. Auf einen Angriff war sie bestmöglich vorbereitet, sie hatte Zeit, sich ihrem Aussehen zu widmen. Aus Respekt vor dem Brautpaar, aber auch, weil es guttat, einmal an etwas anderes zu denken.

Inzwischen hatte Ginny eine Spange und zahlreiche Klemmen in ihren Haaren verteilt. Das Ergebnis war beeindruckend und sie war sicher, daß sie es selbst niemals reproduzieren könnte. Noch ein dezenter Lidstrich und etwas Puder…

„Danke, Ginny. Das hast du großartig hinbekommen."

Beide lächelten in den Spiegel.

Bills Brüder und Harry trugen auf Bitten des Brautpaares einheitliche Kleidung: Cremefarbene, knielang geschnittene Roben, welche entfernt an Gehröcke erinnerten, die Hermione aus Geschichtsbüchern kannte, zu Hosen der gleichen Farbe. Auffällig waren die hohen, goldbestickten Kragen und die rautenförmigen Knöpfe, ebenfalls golden glänzend. Sogar die Zwillinge hatten ihrem Bruder zuliebe auf ihr bevorzugtes Knallpurpur verzichtet, doch über ihre Mienen von übertriebener Feierlichkeit mußte Hermione unwillkürlich grinsen.

Ron standen Mund und Augen weit offen, als er sie sah, bis Georges Ellenbogen sich in seine Rippen bohrte. Danach brachte er nur ein „Wow" heraus, was jedoch genügte, um Hermione einen Anflug von Wärme ins Gesicht zu treiben. Den anderen hatte es nicht die Sprache verschlagen, und ein paar Worte von Harry und Charly später wußte sie, daß der Puderhauch in ihrem Gesicht nicht genügen konnte, um die Röte zu verbergen. Sie mußte dringend lernen, mit Komplimenten umzugehen.

Die Reihe der Gäste schien nicht enden zu wollen. Das Zelt mußte innen vergrößert sein, um so viele Menschen fassen zu können. Die Verwandtschaft aus der weitverzweigten Familie Weasley war unüberschaubar. Tatsächlich hatten meisten rote Haare, jedoch längst nicht alle. Hinzu kamen einige Prewetts von Mollys Seite, ein knappes Dutzend Verwandte der Delacours, die aus Frankreich angereist waren, und Freunde der Familien. Hermione war erfreut, die Lovegoods in ihren sonnengelben Gewändern begrüßen zu können – offenbar wohnten sie in der Nachbarschaft.

Harry hatte sich bald ins Haus zurückgezogen, weil sich etliche der Gäste zu sehr für ihn interessierten. Charly war von Moody herangerufen worden, um beim Kontrollieren und Verstärken der Sicherungen zu helfen und die Zwillinge geleiteten gerade zwei schon recht alte Tanten zu ihren Plätzen. So stand sie mit Ron allein am Gartentor als ein Gast eintraf, mit dem sie nicht gerechnet hatte. Viktor Krum umarmte sie kurz zur Begrüßung, während Ron mit versteinerter Miene danebenstand.

„Was machst du hier?" fragte er mit unüberhörbarer Feindseligkeit.

„Fleur hat mich eingeladen." Ihr Brieffreund war sichtlich irritiert. Sie versuchte, Rons Blick einzufangen, während sie leicht den Kopf schüttelte, doch er war ganz auf den Gast fixiert, der ihm zunickte und zum Zelteingang hinüberschritt.

„Was war das denn eben?"

„Merkst du nicht daß er dich angräbt?"

„Tut er nicht!"

„Er hat dich angetatscht!"

„Ich werde doch wohl noch einen Freund umarmen dürfen! Bei Harry stört dich das auch nicht!"

„Harry ist eben Harry…"

„Hmpf!" Damit wandte sie sich ab und ging zum Zelt. Sie versuchte ernsthaft, zu verstehen, was Rons Problem war, doch es gelang ihr einfach nicht. Streiten wollte sie deswegen aber auch nicht, nicht heute – also ging sie, bevor es eskalierte.

„Mione, warte!" Er eilte ihr hinterher.

Bis zum Beginn der Zeremonie war ihr Ärger verflogen und sie fühlte sich wohl damit, zwischen Ron und Harry zu sitzen. Sie hielt Rons Hand als Fleur mit ihrem nicht ganz menschlichen Zauber alle ringsumher erstrahlen ließ. Das Ritual und das glückliche Paar ließen Hoffnung und Freude erblühen in diesem furchtdurchzogenen Sommer. Hermione ließ sich davon durchströmen. Diese Wärme hatte ihr gefehlt, und dieses Fehlen hatte sie unruhig, ängstlich und traurig gemacht. Sie hatte sich beschäftigt gehalten, mit Vorbereitungen und mit den Momenten, die sie sich mit Ron allein davonstahl. Und doch war diese Kälte immer dagewesen, mal still und unauffällig, mal überwältigend. Nun badete sie im Sonnenschein.

Nach der Zeremonie und den formalen Glückwünschen eröffnete das Paar zunächst die Tanzfläche, dann das Buffet. Hermione war dankbar, daß Ron ihr ebenfalls anbot, zu tanzen – sie wollte nicht die ganze Zeit nur herumsitzen, und sie wußte, daß er es ihr zuliebe tat. Er war sehr konzentriert und angespannt. Sie tanzten schweigend, denn er brauchte seine gesamte Aufmerksamkeit, um nicht die Schritte zu verwechseln oder den Rhythmus zu verlieren, doch das war ihr gleich. Was zählte, war, daß er ihr einen Gefallen tun wollte.

Nach einem Lied reichte er sie erleichtert an Fred weiter und murmelte etwas von Getränke besorgen. Sie schenkte ihm ihr wärmstes Lächeln.

Danach wurde sie an George, Harry und Charly weitergereicht. Sie amüsierte sich über die Scherze der Zwillinge, genoß kameradschaftliches Schweigen und erfuhr interessante Details über das Brutverhalten des Ukrainischen Eisenbauchs. Gelegentlich tauschte sie einen Blick mit Ron, der ihr vom Rand her zuprostete und sein ansteckendes Grinsen schenkte. Doch die Stimmung schlug augenblicklich um, als sie von Charly zu Viktor wechselte. Sie fragte ihn gerade zum magischen Spanien aus, in dessen Liga er jüngst gewechselt hatte, als sie über seine Schulter hinweg Rons immer röter werdendes Gesicht und seine zornsprühenden Augen erblickte. Harry mußte ihn daran hindern, auf die Tanzfläche zu stürmen. Ab diesem Punkt führte sie das Gespräch nur noch mit halber Aufmerksamkeit. Warum war Ron gerade heute so eifersüchtig? Sie wußte um diesen Zug an ihm, aber gegenüber dem Bulgaren schien es besonders ausgeprägt zu sein. Sie verstand nicht, weshalb er solch ein Problem mit ihm hatte. Ron hatte vor dem Weihnachtsball in der Vierten, den sie als Ausgangspunkt ausmachte, keinerlei Interesse gezeigt bis sie anderweitig verabredet gewesen war. Und das war fast drei Jahre her. Viel mehr als Knutschen war zwischen ihr und Viktor nicht geschehen. Von ihrer Seite her war es vor Allem Neugier gewesen, bei ihm der Wunsch nach Ablenkung von den Risiken des Turniers. Viel wichtiger als die Annäherungsversuche waren ihre Gespräche gewesen, hauptsächlich über Familie, die verschiedenen Kulturen, aus denen sie kamen, und unterschiedliche Blickwinkel auf Geschichte. Es war bereichernd gewesen, und blieb ihnen, anders als das von jugendlichen Hormonen entzündete Strohfeuer, erhalten. Am Ende des Jahres waren sie in Freundschaft auseinandergegangen.

Sie war noch immer von Neugier getrieben, wie schon in ihrer Kindheit, als sie Bücher verschlang, derselben Neugier, mit der sie sich in die magische Welt gestürzt hatte. Es faszinierte sie, Unbekanntes zu entdecken oder ein anderes Verständnis von Dingen zu erreichen, die sie zu kennen geglaubt hatte. Ron hingegen war zufrieden in der Welt, in der er sich bewegte. War es das, was seine Eifersucht weckte? Daß sie Interessen folgte, die er nicht teilte, die er nicht verstand? Hatte er Angst, sie daran zu verlieren?

Mit dem Ende des Musikstückes verabschiedete sie sich von Viktor und suchte nach Ron. Er hatte mit Charly das Zelt verlassen, offensichtlich sehr aufgebracht. Keiner von beiden war in der Nähe des Eingangs zu sehen – sie hatten sich wohl in die tiefen Schatten des Gartens zurückgezogen, vielleicht auf der anderen Seite des Hauses. Die Luft war kühl geworden und trieb ihr sofort eine Gänsehaut auf die Arme. War es sinnvoll, weiterzusuchen? Wahrscheinlich hatten sie ihre Gründe, sich so weit zu entfernen. Sie beschloß im Zelt zu warten.

Bei der Rückkehr ins Festzelt schlug ihr nach der frischen Abendluft Hitze entgegen, jedoch ohne daß die Luft stickig gewesen wäre. Im Stillen bewunderte sie wieder den subtilen Komfort, den Magie ermöglichte. In den ungewohnt hohen Schuhen taten ihr die Füße weh – auch dafür mußte es Zauber geben. Falls sie eines Tages keine Kriegsvorbereitungen mehr zu erledigen und für ihre Freunde mitzuplanen hatte, könnte sie danach suchen. Mit diesem Gedanken holte sie sich ein Glas Limonade vom Buffet und steuerte auf die Tische am hinteren Ende des Zeltes zu, wo sie sich auf einen freien Stuhl fallen ließ. Sitzen, was für eine Wohltat! Während das Brennen in ihren Zehen und Ballen allmählich nachließ, bemerkte sie wenige Plätze weiter Molly und ihre Tante, die alte Dame im rosa Kleid, die an allem etwas auszusetzen gehabt hatte… Muriel Prewett, fiel es ihr ein. So hatte Ron sie vorgestellt. Auch als sie jetzt auf Molly einredete klang sie sehr unzufrieden:

„Du kannst nicht erwarten daß alle deine Bälger sich selbst darum kümmern", maulte sie gerade. Molly sah ihre Tante entrüstet an.

„Untersteh dich, so über meine Kinder zu reden!" Die zornige Antwort entlockte der alten Dame nur ein mißbilligendes Zungenschnalzen. Molly ignorierte es und fuhr leiser, doch mit Nachdruck fort: „Sie wollen sich lieber selbst darum kümmern. Und ich habe gemeinsam mit Madame Delacour die Hochzeit organisiert, obwohl ich erst nicht davon überzeugt war."

„Seit wann ist es entscheidend was die kurzsichtige, flatterhafte Jugend will? Dein Vater hatte mehr Sanftmut als Klugheit, man sieht das Ergebnis. Deine Mutter hat es leider nicht geschafft, dich Benehmen zu lehren. Und solange du so uneinsichtig und respektlos bist werde ich dich nicht mit hinzubitten, wenn Augusta mich besucht. Dabei bräuchtest du dringend Übung. Und deine Tochter ebenfalls, von dir kann sie ja nichts lernen."

„Selbstverständlich lernt sie von mir!" Mollys Stimme wurde lauter.

„Aber nicht das was nötig ist." Nach dem kurzen Ausbruch sprach Muriel nun wieder in einen geringschätzigen Tonfall, was Molly dem Siedepunkt noch näher brachte. Doch bevor sie antworten konnte wurden sie von einer dunklen Frauenstimme unterbrochen:

„Molly, ich glaube, dein Mann sucht nach dir. Drüben, am Buffet."

Hermiones Herz schien einen Augenblick stillzustehen. Neben Mrs. Weasley stand Bellatrix Lestrange. Sie war gesünder und besser genährt als vor einem reichlichen Jahr im Ministerium, und sie sah irgendwie freundlicher aus, und warum zur Hölle war sie hier?

„Andromeda, setz dich zu uns!" krächzte Muriel.

Und die Welt drehte sich weiter. Mit perfekter Eleganz setzte sich Andromeda Tonks auf einen der freien Gartenstühle, während Molly sich knapp verabschiedete und in die Richtung stapfte, die man ihr gewiesen hatte.

„Vergebene Liebesmüh", grollte Muriel.

„Vielleicht glaubt sie, auf die Feinheiten verzichten zu können, weil sie in eine weniger traditionsbewußte Familie geheiratet hat."

„Täh! Das ist kein Grund sich gehen zu lassen. Das immerhin kann man dir nicht vorwerfen, trotz deiner unbedachten Entscheidung."

„Ich habe meine Wahl nie bereut."

Muriel murmelte etwas Unverständliches. Dann faßte sie Hermione ins Auge. „Und was machst du hier, Kind? Du solltest etwas essen, damit du was auf die Rippen bekommst. Du hast Stöckchen statt Waden!"

„Muriel", erklang Andromedas ruhige Stimme. Sie hatte die Brauen leicht angehoben. Die Angesprochene kniff die Lippen aufeinander.

„Wir wurden einander nicht vorgestellt. Mein Name ist Andromeda Tonks."

„Es freut mich, Sie kennenzulernen. Hermoine Granger."

„Ah, meine Tochter hat von Ihnen erzählt."

Sie lächelte, unsicher, wie sie darauf antworten sollte. Muriel räusperte sich.

„Ich brauchte nur kurz eine Pause und wollte Sie nicht unterbrechen", bot Hermione an, sich aus dem Gespräch zurückzuziehen. Auf Smalltalk mit dem garstigen Flamingo konnte sie gut verzichten.

„Bleiben Sie ruhig", lud Andromeda sie ein. Also bedankte sie sich artig und blieb.

Muriel wechselte das Thema und begann von Rita Kimmkorns neuem Buch zu schwärmen. Offenbar hatte sie es gleich am Tag des Erscheinens gekauft und anschließend verschlungen. Hermione mußte sich mehrfach auf die Zunge beißen, um keinen Streit zu beginnen. Sie wollte sich nicht unnütz den Abend verderben, und Dumbledore war mit Sicherheit keine makellose Lichtgestalt gewesen. Doch daß Kimmkorn gern Halbwahrheiten und aufgebauschte Geschichten verbreitete und mit viel Phantasie Skandale herbeischrieb, wann immer sie die Möglichkeit dazu hatte, machte ihren Text nicht gerade glaubwürdig. Und Hermione fand es ungehörig, ein solches Buch kurz nach dem Tod einer geachteten Persönlichkeit herauszubringen. Sie war erleichtert, als die gehässige Dame sich schließlich verabschiedete, um Elphias Doge zu belästigen, den sie einige Tische weiter entdeckt hatte. Ein, wie Hermione hoffte, unauffälliger Blick in diese Richtung zeigte ihr, daß er sich gerade mit Harry unterhielt. Vielleicht war das der Grund für Muriels plötzliches Interesse. Im Stillen wünschte sie ihrem Freund eine große Portion Geduld und ein hinreichend volles Sektglas.

„Muriel ist nicht ganz einfach zu handhaben", durchbrach Mrs. Tonks' Stimme das Schweigen. Offenbar war sie Hermiones Blick gefolgt. Sie schalt sich innerlich dafür, noch immer so leicht zu lesen zu sein.

„Das kann man wohl sagen", antwortete sie. „Aber auf Mrs. Weasley hatte sie es besonders abgesehen, oder?"

Ein Lächeln huschte über Mrs. Tonks' Gesicht.

„Sie haben recht unterschiedliche Vorstellungen und beide einen Dickschädel." Nachdenklich betrachtete sie die junge Hexe, die vor ihr saß. „Wieviel wissen Sie über Kultur und Etikette in der magischen Welt, vor allem im konservativen Teil davon?" fragte sie schließlich. „Hatten Sie Kontakt zu anderen Familien als den Weasleys?"

„Nicht wirklich. Sirius hat manchmal aus seiner Kindheit erzählt, aber das beschränkte sich meist darauf, wie hassenswert seine Eltern waren. Manchmal höre ich etwas von meinen Mitschülern, aber ich bin mit niemandem so eng befreundet wie mit Harry und den Weasleys…"

Andromeda nickte.

„Es gibt traditionell eine gewisse Aufgabenteilung zwischen Frauen und Männern. Das ist nicht rigide festgelegt, manche Dinge verteilt jedes Paar den Neigungen entsprechend, andere Dinge werden häufiger oder seltener von Hexen erledigt, doch mit Ausnahmen. Es gibt feine Unterschiede zwischen den Familien. Aber generell ist es so, daß ein wichtiger Teil der Kommunikation, ja man kann sagen, der Diplomatie in Frauenhand liegt. Vor allem wenn es darum geht, Allianzen zu schmieden, sich andere gewogen zu machen, Bündnisse zu erhalten, aber auch nützliche Informationen zu erlauschen. Und dazu gehörte und gehört zum Teil noch immer die Heiratspolitik."

„Wollen Sie damit sagen, daß im Großbritannien des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts noch immer Ehen arrangiert werden um den Status der Familie zu verbessern?"

„Ja. Und ganz besonders in den Familien, die Wert auf die Reinhaltung ihrer Blutlinie legen. Da kommen in jeder Generation nur wenige mögliche Partner infrage, und man muß aufpassen, daß sie nicht zu eng verwandt sind."

Hier mußte Hermione ein Lachen unterdrücken. Andromeda zwinkerte und ihre Lippen zuckten.

„Ich weiß, daß das oft nicht so gut funktioniert. Wie ich schon sagte, die Möglichkeiten sind begrenzt." Sie seufzte. „Schon zu meiner Zeit haben das nur noch wenige Familien so streng gehandhabt wie die meine. Aber es kommt noch immer vor. Dabei verhandelt üblicherweise die Mutter, manchmal andere weibliche Verwandte - Großmutter oder Tanten, und wenn die alle fehlen vielleicht auch eine Schwester. Auch in magischen Familien, in denen die Kinder ihre Partner selbst wählen, liegt das Aushandeln von Eheverträgen und die Organisation der Hochzeit traditionell bei der Mutter. Wenn diese sich verweigert, kann das zu Problemen führen." Sie nahm einen Schluck aus ihrem Weinglas und sprach weiter: „Muriel hat kritisiert, daß Molly zu faul gewesen sei, geeignete Partner für ihre Kinder zu suchen und die Zustimmung der entsprechenden Familien zu gewinnen."

Hermione konnte ihre Gedanken förmlich rauschen hören, während sie in verschiedene Richtungen davoneilten. Dieses Wissen warf ein anderes Licht auf einige Dinge, die sie beobachtet hatte, nicht zuletzt das Streitgespräch wenige Minuten zuvor. Dazu kam, wiedereinmal, ein innerliches Kopfschütteln darüber, wie rückständig die magische Gesellschaft in manchen Bereichen war. Und die leise nagende Frage, was sie noch alles nicht wußte, weil es nirgendwo – oder zumindest nicht in Büchern, die ihr zur Verfügung standen – geschrieben stand. Wieviel ihr entging, was sie falsch interpretierte, weil sie diese Regeln und Traditionen nicht kannte.

„Warum erfährt man in Hogwarts nichts davon?" murmelte sie mehr zu sich selbst.

„Die Schule lehrt noch immer keine Selbstverständlichkeiten?" fragte Antromeda. Mund und Brauen zeigten eine Mischung aus Amusement und Sorge. „Ich habe Ted nach unserer Hochzeit selbst etwas magische Etikette beigebracht, damit er besser mit seinen Arbeitskollegen zurechtkommt. Ein kleiner Kulturkurs für Kinder, die unter Muggeln oder in sehr jungen Familien aufgewachsen sind wäre wirklich nützlich, aber Albus war davon nicht zu überzeugen. Manchmal frage ich mich, ob er nicht nur Engstirnigkeit und Verirrungen den Kampf angesagt hatte, sondern Traditionen allgemein. Vielleicht wird Minerva da ein paar Dinge ändern."

Sie plauderten noch eine Weile über die Unterschiede zwischen magischer und nichtmagischer Kultur in Großbritannien, beide tastend, war doch ihr Wissen über die jeweils andere Seite noch immer begrenzt. Hermione hatte beobachtet daß einige Schüler, vor hauptsächlich die Slytherins, es vermieden, ihre Mitschüler zu berühren. Vor allem sie selbst und andere Muggelkinder, aber auch generell: Wenn sich Freunde mit einer Umarmung begrüßten, Jungen spielerisch rangelten oder verschiedenste Handschläge ausgetauscht wurden, trugen die beteiligten seltener Grün.

„Gut beobachtet. Für Traditionalisten ist Körperkontakt, vor allem Hautkontakt, noch mehr als für modern eingestellte Hexen und Zauberer ein Zeichen von Vertrauen. Und gerade in Salazars Haus wollen viele nicht allen zeigen, wem sie dieses in welchem Maß entgegenbringen. Deshalb sind sie in der Öffentlichkeit viel zurückhaltender als privat, auch wenn sie eigentlich entspannter sind als ihre Urgroßeltern es waren. Die formale ist Begrüßung ein Kopfnicken oder eine leichte Verbeugung, ein Händedruck ist eher etwas für besondere Situationen wie einen Vertragsschluß. Umarmt oder geküßt werden nur Familienmitglieder und enge Freunde, und das in der Regel nicht öffentlich."

Hermione nickte. Das paßte zu ihren Beobachtungen an einigen ihrer Mitschüler. Andromeda sprach weiter:

„Kleidung die mehr als Kopf, Hals und Hände freiläßt ist eine relativ moderne Entwicklung, zumindest bei gesellschaftlichen Anlässen. Das erste kurzärmelige Ballkleid war Anfang des Jahrhunderts ein Skandal. In vergangenen Jahrhunderten wurden oft sogar Handschuhe getragen. Einige besonders konservative Personen tun das noch immer wenn sie in die Verlegenheit kommen könnten jemanden anzufassen. Die Wurzel dessen sind wahrscheinlich Zauber, die Hautkontakt benötigen. Diese Magie war schon vor zweihundert Jahren selten und wird jetzt nicht mehr praktiziert. Aber die Erinnerung ist noch da."

„Zauber, die von vornherein dafür gedacht waren, daß man sie ohne Zauberstab wirkt?"

„Ja."

Das hatte noch nie jemand erwähnt, auch Professor Binns nicht. Natürlich mußte es andere Magieformen gegeben haben, bevor die ersten Zauberstäbe entwickelt wurden, doch es gab kaum Informationen darüber. Neue Welten taten sich vor Hermione auf.

„Gibt es noch mehr Magie, die in Hogwarts nicht gelehrt wird, abgesehen von den gruseligen Büchern in der verbotenen Abteilung?"

„Ja, da gibt es einiges. Vieles kenne ich auch nur als Beschreibung. Etliche Zauber, zum Teil ganze Schulen werden nicht mehr benutzt, gelten als veraltet. Das meiste wird heute den Dunklen Künsten zugerechnet, obwohl nur ein Teil der Zauber dafür gedacht ist, anderen zu schaden."

Eine gewisse Inkonsistenz bei der Zuordnung zum Sammelbegriff „Dunkle Künste" war Hermione auch schon aufgefallen. Mit dem Argument, daß diese Magie bezweckte, anderen zu schaden, hätte man ebenso zahlreiche Sprüche und schwächere Flüche hinzuzählen müssen, die als Duellmagie und zur Selbstverteidigung gelehrt wurden und allerhöchstens als Grauzone galten. Gleichzeitig gab es dunkle Schutzzauber und sie war sogar über Hinweise auf dunkle Heilzauber gestolpert. Es schien mindestens so viele Definitionen und Zuordnungen wie Autoren zu geben. Die wirklich eindeutig abartigen Zauber, die menschliche Körperteile verwendeten oder dazu dienten, Innereien aus dem Körper zu holen, Krankheiten und Schmerz zu erzeugen, machten nur einen Teil des Inhalts jener obskuren Bücher aus.

Doch bevor sie Mrs. Tonks weiter dazu befragen konnte erhob sich ein Tumult am Eingang des Zelts. Ein ungeladener Gast begehrte Einlaß und wünschte dem frischvermählten Paar zu gratulieren. Charly, der offenbar inzwischen wieder hereingekommen war, und Arthur ließen ihre Zauberstäbe um die Hexe wandern, unhörbar Sprüche murmelnd. Anscheinend untersuchten sie die Dame auf verborgene Flüche oder dunkle Artefakte. Hermione bedauerte, daß sie nicht mitbekommen hatte, um wen es sich handelte. Sie schaute kurz hinüber zu ihrer Gesprächspartnerin, die die Szene ebenfalls interessiert beobachtete.

„Wissen Sie wer das ist?" flüsterte sie ihr zu.

„Dahlia Goyle, eine geborene Parkinson", hauchte die ältere Hexe zurück.

Hermione betrachtete den Gast nun mit noch größerem Interesse. Warum kam sie hierher, um zu gratulieren, wenn sie doch auf der Gegenseite stand? Immerhin war ihr Mann ein bekannter Death Eater und saß seit einem Jahr in Azkaban.

Die Hexe war etwas kleiner als die meisten, dafür breiter. Die schwere moosgrüne Robe betonte ihre Rundungen, zeigte jedoch wenig Haut. Goldene Stickereien malten meandrierende Muster um die Taille und entlang der Säume. Ihre braunen Haare waren hochgesteckt und wurden von goldenen Kämmen in Position gehalten. Auf dem dezent gepuderten Gesicht lag ein Lächeln, doch Hermione fand es unangenehm, ohne daß sie hätte sagen können, warum. War da eine Spur von Geringschätzigkeit? Von Spott? Oder Boshaftigkeit? An ihrem Arm trug der Gast einen Weidenkorb mit Henkel, der von einem cremeweißen Tuch bedeckt wurde.

Sie bewegte sich wie ein Elefant: leise und elegant, obwohl man das auf den ersten Blick nicht vermutet hätte, nicht mit dem hüpfenden Trippeln, das das Gehirn spontan mit ihrem Anblick verband. Rasch, doch nicht hastig durchquerte sie das Zelt, um Bill und Fleur ihre Aufwartung zu machen.

Sie gratulierte mit süßer Freundlichkeit und sprach über das Zusammenwachsen von Menschen und Familien und die tiefen Wurzeln der Weasleys im magischen Großbritannien. Die Dame lobte Fleurs Kleid und beglückwünschte sie zu ihrer guten Wahl.

Und dies waren ihre Gaben: ein frisches Brot, eingeschlagen in feines Leinen. Ein Porzellandöschen mit Salz. Und ein kleiner Rosenstock mit cremeweißen Blüten. Der Übertopf bestand ebenfalls aus Porzellan und war mit einem zarten goldenen Rankenmuster bemalt.

Das Paar nahm Glückwünsche und Gaben mit Eleganz und höflichem Dank entgegen, doch es blieb eine frostige Atmosphäre. Mißtrauische Blicke folgten Mrs. Goyle auf ihrem Weg nach draußen. Kaum hatte sie das Zelt verlassen, erhob sich Stimmgewirr. Hermione wandte sich wieder zu Andromeda, welche sie mit leicht gehobenen Brauen ansah.

„Und?"

„Das war eine Drohung, nicht wahr? Sie hat gezeigt, daß sie von diesem Fest wußten, sie kannte sogar die Farbauswahl. Und sie konnte hier einfach hereinspazieren. Ihre Gratulation klang zwar freundlich, aber wenn man genau hinhört, war sie herabsetzend für Fleur."

Andromeda nickte anerkennend.

„Gut beobachtet. Es war eine Drohung und ein Friedensangebot. Haben Sie auf die Blumen geachtet?"

„Weiße Rosen. Reinheit und Unschuld, aber auch Grabschmuck."

Ein Lächeln war ihr Lohn. „Also ist die Bedeutung ungefähr dieselbe, ob mit oder ohne Zauberei. Die Rosen unterstreichen die Botschaft: Wer sich anpaßt wird nicht behelligt, aber wer einen Fehler macht ist nicht sicher. Vermutlich hoffen sie, daß möglichst viele aus den reinblütigen Familien kooperieren oder sich zumindest neutral verhalten."

„Was haben sie gegen Fleur? Liegt es daran, daß sie teilweise Vila ist?" Die Überheblichkeit der meisten Hexen und Zauberer gegenüber magischen Wesen war ihr schon oft genug begegnet und stieß ihr noch immer sauer auf.

„Ja", antwortete die ältere. „Für meine Familie wäre sie vollkommen indiskutabel gewesen, aber in den Augen der meisten Anhänger von du-weißt-schon-wem ist sie wohl gerade noch eine akzeptable Braut für einen reinblütigen Zauberer. Zumindest solange es nicht der eigene Sohn ist. Ein nicht menschliches magisches Wesen als Großmutter ist für sie nicht wünschenswert, aber eine Muggel wäre schlimmer."

Nach diesem Besuch blieb der Abend angespannt, allen Versuchen vor allem der Zwillinge zum Trotz, die Stimmung wieder aufzulockern. Bald verabschiedeten sich die ersten Gäste. Kurz nach Mitternacht brachte ein Portschlüssel Bill und Fleur zu den Häuschen, das sie nun bezogen. Danach machten sich auch diejenigen, die die Nacht im Fuchsbau oder in einem der Zelte im Garten verbringen wollten, auf den Weg ins Bett.