8. Kapitel – Festvorbereitungen

27.9.1997 (Samstag)

Es war später Vormittag, als Medea durchs Erdgeschoß des Schlosses ging, einen großen Korb am Arm. Sie war mit Pomona in den Gewächshäusern gewesen und hatte Blutwurz und Zaunrübe geerntet. Den Rest des Tages würde sie damit zubringen, die Wurzeln zu putzen, zu zerkleinern und zum Trocknen auszubreiten – zur Ergänzung der schwindenden Vorräte im Materialienschrank für den Unterricht. Vor ihr kreuzte ein anderer Gang, ein Schüler ging vorbei. Das mußte Malfoy aus ihrer siebten Klasse sein. Augenblicke später hörte sie ärgerliche Stimmen und holte ihren Zauberstab aus der Tasche, während sie ihre Schritte beschleunigte.

„Potter, der Junge, der einfach nicht totzukriegen ist." Die Worte waren laut und voll Verachtung gesprochen. Die Antwort war erfüllt von Zorn und Trotz:

„Was kann ich dafür, daß du so unfähig bist?"

Inzwischen hatte Medea die Kreuzung erreicht. Ein kleines Stück den Gang zu ihrer Rechten hinunter standen sich die beiden Schüler gegenüber, Haß in den Gesichtern, und zogen perfekt synchron ihre Zauberstäbe. Das war der Moment, in dem sie mit scharfem Schwung eine Barriere zwischen den Kampfhähnen errichtete.

„Schluß jetzt!", durchschnitt ihre Stimme die Luft. Die Flüche der Schüler verpufften an ihrem Schutzzauber.

„Was haben Sie sich nur dabei gedacht? Sie kommen beide mit in mein Büro, wir werden den Vorfall aufklären."

Die Jugendlichen folgten ihr schweigend hinunter in den Keller. Sie spürte die Spannung zwischen ihnen wie ein Kribbeln in den Haarwurzeln. Bereits im Unterricht hatte sie beobachtet, daß da etwas vorging, das über die übliche Hausrivalität hinausreichte. Von ihren Kollegen hatte sie erfahren, daß beide Quidditchkapitäne waren und eine komplette Schullaufbahn von Provokationen, Beleidigungen und mehr oder weniger offenen Angriffen hinter sich hatten. Und nun hatte sie ein Duell im Schulhaus verhindert.

Sie öffnete die Tür zum Büro neben dem Zaubertränkeklassenzimmer und wies die Schüler mit einer Handbewegung hinein. Mit einem Levitationszauber zog sie zwei Stühle von der Wand zu ihrem Schreibtisch, während sie diesen umrundete und selbst Platz nahm.

„Setzen Sie sich."

Sie wartete die Ausführung dieser Anweisung ab, bevor sie weitersprach:

„Also, welchen Grund hatten Sie, der Ihrer Meinung nach ein Duell im Schulhaus rechtfertigt?"

„Er hat mich beleidigt" sagten beide wie aus einem Munde.

„Ich begrüße Ihre Einigkeit, aber das ist kein Grund, sich gegenseitig zu verfluchen. Sie müssen lernen, sich zivilisiert zu verhalten, auch wenn Sie Ihr Gegenüber nicht mögen. Um das zu üben werden Sie mir heute nach dem Mittagessen zur Hand gehen, wenn ich Zutaten für den Unterricht vorbereite und sich auch morgen Abend hier für eine Strafarbeit einfinden. Des Weiteren ziehe ich für jeden wegen undisziplinierten Verhaltens und Bruch der Hausordnung fünf Punkte ab und werde Ihre Hauslehrer über den Vorfall in Kenntnis setzen. Sie dürfen jetzt gehen."

„Das ist unfair, er hat angefangen!", ereiferte sich Malfoy.

„Gar nicht wahr, dieser Lügner ist es gewesen!", zog Potter im selben Tonfall nach.

Medea seufzte. Diese Unvernunft.

„Noch einmal je ein Punkt von Gryffindor und Slytherin für Uneinsichtigkeit. Und jetzt verschwinden Sie in Ihre Räume!"


28.9.1997 (Sonntag)

„Au, Verdammt!"

Mit diesem Ausruf warf Hermione die Münze von sich und ließ den Zauberstab fallen. Ihre linke Hand, die den gefälschten Sickel gehalten hatte, brannte höllisch. Parvati reichte ihr ein Tuch, das mit verdünnter Diptamtinktur getränkt war.

„Danke."

Sie wickelte das Tuch um die schmerzende Hand. Währenddessen ließ ihre Zimmernachbarin die Münze in eine Wasserschüssel fallen. Es zischte. Auf dem Dielenbrett hatte das Silber einen dunklen Fleck hinterlassen.

„Laß es gut sein für heute. Du bist bestimmt einfach zu müde, so lange wie du schon experimentiert hast", ließ sich Lavender vom Bett vernehmen, wo sie im Schneidersitz auf ihrer Decke saß, die „Hexenwoche" auf dem Schoß.

„Vielleicht hast du recht. Es ist nur – wir kommen nicht vom Fleck. Mit gar nichts. Das ist so frustrierend."

„Was soll denn das werden?", fragte nun Sarah. Sie hatte ihr Nachthemd an. Wie lange war sie schon wieder aus dem Badezimmer?

„Ein Zusatzprojekt für Professor Flitwick. Ich will mir Extrapunkte verdienen, falls es später eng wird."

Sarah rollte mit den Augen. „Das Schuljahr hat doch gerade erst angefangen."

„Es ist nie zu früh, das Zeugnis zu optimieren."

„Aber nicht nachts. Jedenfalls nicht hier drin. Von dem Geschrei kriegt man ja Alpträume. Gute Nacht."

Sarah zog sich in ihr Bett zurück und schloß die Vorhänge. Just in diesem Moment brachen Lavender und Parvati, die zuvor schon verdächtig gezuckt hatten, in Gekicher aus. Immerhin bemühten sie sich, leise zu sein.

„Sehr überzeugend", keuchte Lavender.

„Danke. Ich geh dann mal ins Bad."

Heute würde sie zu keiner Lösung mehr finden.

„Theodore."

Erschrocken wandte er sich um. Er hatte bis spät in die Nacht gelernt, um sich abzulenken, und glaubte, allein im Gemeinschaftsraum zu sein. Darin hatte er sich offenbar geirrt. Vor ihm stand Millicent.

„Was machst du denn so spät noch hier?" fragte er, als er die Sprache wiedergefunden hatte.

„Auf dich warten", sagte sie und setzte sich. „Ich denke gerade über ein paar Dinge nach."

„Du möchtest meinen Rat?"

„Eine Auskunft. Zwei Auskünfte."

„Wird das ein Geschäft?"

„Das läßt sich schwer mit einem Preisschild versehen."

„Jetzt machst du mich neugierig." Noch interessanter war der Umstand, daß sie einen angespannten Eindruck machte. Doch sie antwortete mit einem Schmunzeln.

„Wunderbar. Wohin würdest du gehen, wenn du heimlich etwas in Hogwarts brauen wolltest?"

„Hast du Pläne? Das Fach liegt dir doch nicht so besonders?"

„Es geht nicht um mich."

Er hob die Brauen und schwieg.

„Jeder hier unten weiß, daß du mit Sachen experimentierst, die nicht im Lehrplan stehen."

Das entlockte ihm ein Lachen. Natürlich war bekannt, daß er auf Feiern manchmal die Getränke aufpeppte, so wie jeder wußte, daß Draco, Blaise und einige weitere Mitschüler Feuerwhiskey und andere starke Alkoholika beschaffen konnten, die sie eigentlich nicht haben sollten. Über die anderen Dinge wußten weniger Leute bescheid. Wieviel Millie sich wohl zusammengereimt hatte?

„Ich habe in unserem Bad gebraut. Die anderen vier sagen nichts dazu, wenn ich hinterher aufräume und ab und zu was abgebe. Draco hat das auch getan, bis er im letzten Jahr keine Zeit mehr dafür hatte."

„Und wenn du es vor ihnen verbergen wolltest?"

„Wer?"

Es entstand eine Pause von einigen Sekunden, bevor sie antwortete: „Sally. Sie ist öfter weg als sonst, aber nicht in der Bibliothek. Und Pansy hat ihre alten Materialien mitgebracht, Kessel, Waage und so, obwohl sie Zaubertränke abgewählt hat und die Sachen letztes Jahr zu Hause geblieben sind. Ich habe das Zeug gesehen, als sie am ersten Abend ihren Koffer ausgepackt hat, aber seither nicht mehr. Ich glaube, sie hat es Sally gegeben, damit sie es irgendwo heimlich benutzen kann, um etwas für sie zu brauen."

Das war durchaus spannend. Sally saß mit im NEWT-Kurs. Sie war kein Genie im Brauen, aber absolut solide. Und sie schien Pansy noch immer jeden Wunsch zu erfüllen. Ob sie sich an Amortentia versuchten, um Draco zurückzugewinnen? Diese Obsession nahm langsam beunruhigende Ausmaße an.

„Es gibt leere Räume hier unten", antwortete er schließlich. „Wenn man einen davon aufräumt und ein paar Heimlichkeitszauber darauf legt..."

Millicent nickte. „Das bekommt Pansy sicher gut genug hin. Hmm... Sollte ich etwas über Zutaten herausfinden, die die beiden besorgen, könntest Du dann sagen, welche Tränke infrage kommen?"

„Vielleicht. Manche Kombinationen sind recht spezifisch, andere sind es nicht. Und es kann ja sein, daß sie mehrere Sachen herstellt."

„Okay. Wir werden sehen."

„Und das zweite Anliegen?"

Millicent fuhr sich durch die kurzen Locken und sah zum Kamin, in dem die Glut granatrot glomm. Das schien ein schwereres Thema zu sein.

„Ich mache mir Sorgen um dich. Du hast dich verändert."

„Du doch auch." Frage nicht, was du nicht wissen willst. Das ging tatsächlich in eine unangenehme Richtung. Doch Millicent ließ sich nicht so einfach vergraulen.

„Mag sein. In letzter Zeit habe ich eine Menge Sorgen, auch deinetwegen, aber nicht nur."

Das war eine wunderbare Vorlage, um vom Thema abzulenken, und Theodore ergriff sie sofort.

„Mit Tracey stimmt auch etwas nicht, wahrscheinlich braucht sie deine Hilfe dringender als ich. Sie ist stiller als sonst und verbringt mehr Zeit mit den unteren Jahrgängen."

Nun lächelte sie. Ihre Stimme wurde weicher.

„Wundert es dich, daß sie nervös ist?"

„Nicht wirklich."

„Und warum bist du nicht beieinander? Eigentlich solltest du gerade Aufwind haben. Du kommst aus der richtigen Familie, bist schlau und hast keine Berührungsängste mit den Dunklen Künsten-"

Hier hub er an, sie zu unterbrechen, doch sie hob die Hand.

„Aber anstatt einfach zufrieden zu sein oder dich in Arroganz zu suhlen wie Draco das früher getan hat, ißt du schlecht und streitest mit deinem Vater. Und du interessierst dich für Sachen, die nicht in sein Weltbild oder das seiner Freunde passen. Vielleicht ist dir der Rest der Welt doch nicht ganz egal."

Für einen Augenblick fühlte er jegliche Farbe aus seinem Gesicht weichen. Er wandte sich rasch ab in der Hoffnung, daß Millicent den Effekt ihrer Worte vielleicht nicht bemerken würde.

„Gute Nacht Millicent."

Ohne ein weiteres Wort ging er zu seinem Schlafsaal.


1.10.1997

Nach der Doppelstunde Alte Runen am Nachmittag, in der sie einen altgriechischen Zauberspruch übersetzt hatten, war Hermione in Lesestimmung. Die Stunde selbst war auf ihre eigene Art frustrierend gewesen. Sie hatte sich vorbereitet, wenn auch nicht ganz so gewissenhaft wie im letzten Jahr, und sich recht gut geschlagen, wie sie fand. Immerhin war sie mit der Übersetzung am weitesten gekommen, obwohl ihr zwei entscheidende Vokabeln zum Verständnis gefehlt hatten. Das Ärgerliche war, daß Professor Babbling, als keine weiteren Antworten kamen, Nott aufgefordert hatte, seine Übersetzung vorzulesen. Und er hatte die Aufgabe vollständig gelöst. Einfach so. Es war so furchtbar unfair. Wieso verstand er so viel von dieser ausgestorbenen Sprache, die in der magischen Literatur schon im Mittelalter weitgehend von Latein abgelöst worden war? Las er so obskures Zeug, daß er das wirklich brauchte? Und warum zur Hölle meldete er sich nicht, wenn er die Lösung wußte?

Dagegen half nur Schokolade und ein Buch, das ihre Aufmerksamkeit fesseln konnte. Sie machte es sich mit einem ihrer Funde in einem Sessel am Kamin bequem, entschlossen, sich mit absonderlichen Theorien zu beschäftigen, bis es Zeit fürs Abendessen wäre.

Die Gelehrten sind sich einig, daß die Bindung der Seele an die materielle Welt, an den Körper im Besonderen, das Leben im Diesseits ermöglicht. Auch jene, die ohne ihren physischen Leib auf Reisen gehen, halten doch immer die Verbindung dorthin. Trennt man die Seele ganz vom Körper, so tritt unabwendbar der Tod ein, auch wenn das Herz noch eine Zeit lang weiter schlägt. Sepianus vertrat die These, daß es möglich sei, die Seele an einen magischen Gegenstand zu binden und diesen damit zu beleben. Er experimentierte im 12. Jahrhundert mit verschiedenen Materialien und versuchte, die Seelen von Muggeln aus ihren Körpern zu lösen und in anderen, die er dafür geschaffen hatte, wohnhaft zu machen. Bedauerlicherweise ging der Großteil seiner Aufzeichnungen verloren.

Was geschieht nun mit der Seele, wenn sie ihren Anker in der Welt verliert? Mancher bindet sich selbst an einen Ort oder ein Ziel und wird ein Geist. Die meisten aber wechseln in die jenseitige Welt, über die wir wenig nur wirklich wissen. Ihrem Studium verschreibt sich mancher Necromant und ruft die Seelen zu sich, sie zu befragen, oder sucht über Artefakte einen Blick in das Schattenreich zu erhaschen. „Schwarze Spiegel" heißt man sie, oder „Schleier", oft mit dem Namen eines Hüters der Unterwelt. Nur wenige wußten um das Geheimnis ihrer Erschaffung, und heute gilt es als vergessen. Aus ihnen hört man die Schatten rufen, locken, bitten im steten Streben nach Licht und Leben, das ihnen fehlt. Atropina schrieb, man könne durch Hels Schleier das Schattenreich betreten, in das sonst nur die Seele allein gelangt. Doch führt dieser Weg nicht mehr zurück.

Berichte von Reisenden, die lebend ins Schattenreich gingen und zurückkehrten, sind rar und mit Legenden verwoben.

„Komm, Abendessen."

Sie zuckte so heftig zusammen, daß ihr das Buch aus den Händen fiel und in ihrem Schoß landete. Aber es war nur Harry gewesen, der sie zurück in diese Welt geholt hatte. Gewissermaßen in ihre physische Existenz, um beim Thema zu bleiben.

„Erschreck mich nicht so!" Sie knuffte seinen Arm. Dann suchte sie nach der Stelle, an der sie abgebrochen hatte, um ihr Lesezeichen zu platzieren.

„Sorry. Ich dachte nur, von allein merkst du es nicht."

„Wahrscheinlich stimmt das sogar. Ich räume noch schnell das Buch auf, dann komme ich mit."

„Um was geht es da eigentlich?"

„Um die Seele und die Unterwelt."

„Klingt reichlich esoterisch."

„Ein bißchen schon. Aber vor einer Weile hätte ich das auch über unser Projekt gedacht."

„Stimmt. Steht da auch, wie man jemanden stückchenweise zur Hölle schickt?"

„Bisher nicht. Bis gleich."

Doch etwas schlich knapp außerhalb ihres Bewußtseins herum, eine Idee, die sie nicht recht zu fassen vermochte. Obwohl ihr nicht klar war, was Hels Schleier mit den vermaledeiten Horkruxen zu tun haben sollte.


4.10.1997 (Samstag)

Wütend starrte Hermione auf die Münze. Sie hatte wieder stundenlang experimentiert, ohne wirklich weiterzukommen. Wie lange sollte das noch so gehen? Immerhin, sie hatte kleine Fortschritte erreicht, doch von ihrem Ziel war sie weit entfernt. Der gefühlte Zeitdruck machte sie nervös, was die Arbeit erschwerte. Sie seufzte und hob erneut den Zauberstab, ließ ihn aber gleich wieder sinken, als Parvati sie aus ihrer Konzentration holte:

„So wird das nichts."

„Das weiß ich auch! Hast du einen Vorschlag?"

„Friß mich nicht gleich. Ich meine nur, du brauchst Hilfe."

Mit einem frustrierten Seufzen lehnte sich Hermione zurück. „Ich kann doch nicht einfach damit zu Professor Flitwick gehen. Ich meine, er wird mich bestimmt nicht bei Snape anschwärzen, aber mit Sicherheit Fragen stellen..."

Sie sah wieder nach vorn. Parvati lächelte. „Ich meine, du solltest das mit Leben erfüllen, was wir hier gerade aufbauen. Meine Schwester wird morgen ab zehn im Raum der Wünsche sein. Vielleicht findet ihr zusammen eine Lösung."

Das verschlug ihr die Sprache. Warum war sie nicht darauf gekommen? Sie redete auf Harry ein, mit ihren Klassenkameraden zusammenzuarbeiten, und selbst hatte sie gar nicht daran gedacht, sie um Hilfe zu fragen. Als sei sie die Einzige, die überhaupt für dieses Problem infrage käme. Ihre Wangen wurden warm.

„Danke. Vielleicht ist es wirklich besser, wenn noch jemand anderes draufschaut. Und ich werde Seamus fragen, ob er mitkommt."

„Hältst du das für eine so gute Idee? Ich meine, er ist experimentierfreudig, aber ehrlich gesagt bin ich immer froh, wenn er seine Zauber nicht in meiner Nähe ausprobiert."

„Er denkt komplett anders als ich. Und wenn Padma und ich seine Vorschläge durchgehen, bevor wir sie in die Tat umsetzen, sollte niemand im Krankenflügel enden."


5.10.1997 (Sonntag)

Nach einem ausgiebigen Frühstück traf man sich im Raum der Wünsche, der wieder die Form eines bequemen Studierzimmers angenommen hatte. Auch Padma hatte Verstärkung mitgebracht: Anthony, ebenfalls einer der stärksten Schüler in Zauberkunst, hatte sie begleitet. Hermione erklärte ihr Vorhaben.

„Ich möchte Sickel so verzaubern, daß sie am Rand kurze Texte zeigen können. Das geht schon einigermaßen. Aber ich will sie personalisieren, sodaß jeder ein eigenes Paßwort bekommt, und Uneingeweihte nichts damit anfangen können. Der nächste Schritt könnte ein Netzwerk aus Zauberspiegeln sein. Aber die Sicherheitsfunktion ist schwieriger umzusetzen, als ich zuerst dachte."

„Gute Idee", sagte Anthony. „Woran genau hängt es denn?"

„Der Paßwortschutz und die Übertragung der Information funktionieren noch nicht zusammen. Die Münzen fangen an zu glühen, wenn man etwas senden will, und sonst passiert nichts."

„Könnte am Tarsteiner Prinzip liegen..."

„Daran habe ich auch schon gedacht, aber wenn ich die Regel umgehe, wird es nicht besser."

Für die nächsten Stunden versanken sie in Fachsimpeleien. Der Raum versorgte sie mit Literatur, wann immer sie etwas nachschlagen mußten. Nach ersten Versuchen gingen sie häuserweise zum Mittagessen und wagten nur mit einer halben Stunde Abstand voneinander, sich zurückzuschleichen. Am Nachmittag folgten weitere Experimente. Sie kamen ein paar Schritte voran, doch mit jedem Problem, das sie lösten, tauchte ein neues auf. Am Abend gingen sie auseinander mit dem Vorsatz, sich wieder zu treffen, wenn einer von ihnen die nächste Idee hätte.


9.10.1997 (Donnerstag)

Spät abends rauschte Medea zorngetragen durch die Gänge. Was bildete der sich eigentlich ein?! Sie war Trankmeister, kein Schulkind mehr! Severus hatte sie zum wiederholten Mal zu einem Dienstgespräch zitiert. Gespräche, die eher Prüfungen waren, auch zu simplen, grundlegenden Dingen, und auf eine Art und Weise, die den Test zur Beleidigung werden ließ. Zugleich war sie sicher, daß er sich nicht nur für ihre fachliche Eignung interessierte. Er hatte versucht herauszuhören, bei welchem Meister sie gelernt hatte.

„Medea, wollen Sie mir nicht noch ein Weilchen Gesellschaft leisten?"

Minerva, hinter ihr – Medea bremste ihren Schritt und wandte sich um.

„Um diese Zeit?"

„Warum nicht? Wir sind schließlich keine Schüler mehr, die pünktlich im Bett zu liegen haben. Ich würde gern mit Ihnen plaudern. Pomona macht hervorragenden Schlehenwein, den sollten Sie unbedingt probieren. Kommen Sie?"

„Sehr gern", sagte sie, doch mit einem innerlichen Seufzen. Das nächste Verhör.

Minerva bat in ihr gemütlich eingerichtetes Wohnzimmer und goss den versprochenen Wein ein. Sie selbst setzte sich in ihren abgewetzten, aber bequemen Lesesessel, während Medea ein Plätzchen zwischen den karierten Kissen auf dem Sofa fand.

„Haben Sie sich schon in Hogsmeade umgesehen?"

„Etwas. Ich hatte mich für mein Vorstellungsgespräch dort einquartiert. Der Ort hat mehr zu bieten, als man von so einem kleinen Dorf denkt."

„Nunja, es ist immerhin die größte magische Ansiedlung auf dieser Insel nach der Winkelgasse."

Medeas Herz schlug schneller. Sie war eindeutig nicht mehr munter genug.

„Ich bin viel gereist. Da sieht man einiges."

Glücklicherweise hakte Minerva nicht weiter nach. Sie fragte ihre Kollegin über den Beginn des Schuljahres aus, wie sie mit den Schülern zurechtkam und mit dem Vorbereitungspensum. Medea achtete darauf, politisch neutral zu bleiben. Es fiel ihr nicht schwer: Minerva sparte schwierige Themen weitgehend aus. Medea war gerade dabei sich zu entspannen, als sie mit wenigen Worten wieder hellwach wurde:

„Was hat Sie eigentlich hierher gezogen? Kanada soll sehr schön sein."

Medea nahm einen langen, genießerischen Schluck aus ihrem Glas. Das wurde gefährliches Terrain.

„Ja, es ist schön dort und die weite Wildnis bietet viel Platz für verborgene Magiersiedlungen. Aber mir persönlich sind die Winter einfach zu kalt und zu schneereich. Hier ist das Klima angenehmer. Außerdem wollte ich mich beruflich verändern und habe mich über die Möglichkeit gefreut, mich hier zu bewerben. Hogwarts hat weltweit einen sehr guten Ruf."

Für kurze Zeit herrschte Schweigen, dann sagte Minerva leise: „Hoffen wir, daß der sich auch weiterhin halten läßt…"

„Haben Sie da Zweifel? Ich weiß, daß die Schulleitung gewechselt hat, aber nicht aus welchem Grund… Immerhin scheint Direktor Snape sehr auf Qualität zu achten. Ich hatte eine ziemlich harte Aufnahmeprüfung." Medea hielt einen leichten Plauderton und trank einen Schluck Wein.

„Tatsächlich? Mag sein daß es daran liegt, daß Sie sein ehemaliges Fach unterrichten. Er hat das Niveau sehr hoch gehalten, zu hoch für viele Schüler." Als Minerva langsam weitersprach, behielt sie Medea genau im Blick. „Was den Wechsel der Schulleitung betrifft, so bleibt mir nur zu sagen daß Professor Dumbledore, unser langjähriger und hoch geschätzter Direktor, Ende des letzten Schuljahres verstorben ist."

„Oh, es tut mir leid das zu hören."

Wieder stand Stille im Raum. Medea stellte ihr Glas auf den Tisch, wobei sie sich anstrengen mußte, nicht damit zu klappern. Für einen Augenblick hatte sie sich unter dem aufmerksamen Blick wieder wie ein Schulkind gefühlt. Ein Schulkind, das verdächtigt wurde, etwas ausgefressen zu haben, ohne daß es sich beweisen ließ.

Mit einem Seufzen lehnte sich Minerva zurück und nippte an ihrem Wein. „Wie seltsam, wenn man Sie sprechen hört könnte man Sie fast für eine Einheimische halten. Sie haben einen ganz leichten schottischen Zungenschlag."

„Meine Eltern stammen aus der Nähe von Dumfries." Das nächste ungemütliche Thema. Blieb nur zu hoffen, daß Minerva nicht mit Tiberius über sie plaudern würde. Medea nahm ihr Weinglas wieder auf und lächelte.

„Ah, aus dem milden Süden. Waren Sie schon dort seit Sie auf dieser Seite des Atlantik weilen?"

„Leider nicht. Ich bin von London direkt hierher gereist. Vielleicht bietet sich ja in den Weihnachts- oder Osterferien die Gelegenheit."

„Haben Sie noch Familie dort?"

„Möglicherweise." Sehr dünnes Eis…

„Wenn Sie Ihren Ausflug planen kann ich Ihnen gern ein paar Hinweise zu den lokalen Gegebenheiten geben."

„Vielen Dank, vielleicht komme ich darauf zurück." Dankbar, daß sie nicht weiter nachfragte, wechselte Medea rasch das Thema und erkundigte sich nach Bezugsquellen für Trankzutaten in der näheren Umgebung. Wenig später war die Flasche leer und der Abend beendet, und eine leicht angeheiterte Minerva begleitete sie mit den Worten „Es kommt mir vor, als würde ich Sie schon lange kennen" zur Tür.

Ja, wir kennen uns, dachte Medea, als sie kurz darauf in ihrem Badezimmer ihr Tagesgesicht abschminkte. Sorgfältig entfernte sie Puder, Lidschatten und den dunklen Lippenstift, die Maske, die sie den anderen zeigte. Die präzise gezogenen Linien, mit denen sie die Form von Mund und Augen optisch leicht veränderte. Gerade der Lippenstift war so auffällig, daß nur wenige sich an den Rest erinnerten.

Der Hut wanderte auf die Kommode und nach einem endlosen Tag in Korsett und schwerer Robe fühlte sich das lange, weite Nachthemd aus weicher blauer Baumwolle unfaßbar angenehm an. Medea legte Haarnetz, Nadeln und Bänder ab und bürstete und flocht ihr langes, dunkelrotes Haar.


12.10. (Sonntag)

„Aufgestanden! Los, raus aus den Betten!"

Hermione warf ein Kissen in die Richtung, aus der Lavenders Stimme kam. Sie hatte am Vorabend wieder lange gelesen und war noch nicht richtig ausgeschlafen.

„Daneben! Nun komm schon, ich will nicht zu spät kommen." Lavender zog die Vorhänge auf und blasses Morgenlicht strömte in ihre Schlafhöhle.

„Zu spät wozu?"

„Heute um neun ist Morags Nähkurs", klärte sie Parvati auf.

Hermiones Hirn kramte träge die Erinnerung hervor. Die Ravenclaw hatte ganz offiziell Hilfe dabei angeboten, Kostüme zu nähen.

„Ich freue mich schon so auf den Kostümball", erklang wieder Lavenders Stimme.

„Haben wir nicht eigentlich anderes zu tun?"

Trotz dieses halbherzigen Versuchs, der Sache noch zu entgehen, setzte sie sich auf und schwang die Beine aus dem Bett. Eigentlich hatten sie das schon vor Tagen ausdiskutiert.

„Du brauchst auch mal eine Pause, etwas, was dich für ein paar Stunden auf andere Gedanken bringt." Natürlich war Parvati auf Lavenders Seite.

„Vielleicht wird das ja auch der Abend, an dem du deinem Buben der Kelche begegnest. Auch wenn gas ganz schön lange nach dem Orakel wäre."

„Ach Lavender, fang doch nicht wieder damit an!"

„Hat dich der Mißerfolg mit Ron so aus der Bahn geworfen, oder warum weigerst du dich, über Zweisamkeit nachzudenken?"

„Nein, so ist es nicht, und Ron ist ja auch nicht der einzige, in den ich jemals verliebt gewesen bin."

„Stimmt, da war noch Krum. Aber das schien ja auch nicht die pure Freude gewesen zu sein."

Hermione sortierte ihre Gedanken, während sie die Kleidungsstücke einsammelte, die sie anziehen wollte. „Es war gräßlich, so im Fokus zu stehen", antwortete sie. „Viktor war prima. Aufmerksam, respektvoll. Aber irgendwie war schnell die Luft raus."

„Und deshalb suchst du nicht nach jemand anderem?"

„Nein. Ich suche nicht, weil ich genug anderes zu tun habe. Wenn ich über jemanden stolpern sollte, der paßt, werd ich ihn nicht aus Prinzip wegschicken."

Damit huschte sie ins Bad, um weiteren Befragungen zu entgehen.


Der Nähkurs fand in einem Klassenraum im ersten Stock statt, in dem zahlreiche Kerzen das schwache Licht der Vormittagssonne unterstützten. Sarah hatte sich Hermione, Parvati und Lavender angeschlossen, ebenso Ginny. Letztere war noch immer recht still und ging Harry aus dem Weg. Heute aber schien sie gut gelaunt zu sein. Offenbar hob die Aussicht auf das Fest tatsächlich die Stimmung.

Zehn Minuten vor neun waren sie die Ersten. Morag sortierte Garnrollen, Nadeln und Stoffreste. Wieselflink bewegte sie sich durch den Raum, ein Eindruck, den ihr zierlicher Körperbau verstärkte. Ihre schulterlangen, rötlich blonden Haare hatte sie zu einem dicken Zopf gebunden, der recht wild von ihrem Hinterkopf abstand. Als sie die Tür hörte, schaute sie kurz auf.

„Kommt herein."

Ginny rannte beinahe zu einem der Tische an der Fensterseite. Die anderen setzten sich langsamer in Bewegung.

„Nun gehen Sie schon", erklang Professor McGonagalls Stimme von hinten. Hermione wandte sich um und sah ihre Hauslehrerin mit einem Arm voll alter Kleider und Laken und einer Tasche im Gang stehen.

„Was machen Sie denn hier?", fragte sie, während sie die Tür freimachte.

„Kindermädchen spielen. Neuerdings dürfen Schüler selbst im Abschlußjahr nicht mehr allein einen Kurs leiten. Das habe ich aus dem Fundus", wandte sie sich nun an Morag. „Wohin hätten Sie es gern?"

„Vielen Dank, bitte legen Sie es auf den Tisch dort neben den Stoffen." Morag hatte ihre Vorbereitungen beendet und kam nun um das Pult herum. Gleichzeitig betraten Luna und Padma den Raum, begleitet von drei jüngeren Ravenclawschülerinnen und einem Jungen aus demselben Haus, der zwischen all den Mädchen etwas verloren wirkte.

Die Schüler verteilten sich auf die Tische. Allmählich wuchs die Gruppe bis auf Klassenstärke an. Die Mehrheit der Teilnehmer gehörte zu den beiden höchsten Jahrgängen, doch es waren auch etliche jüngere darunter. Letztlich hatten sich nur drei Jungen hergewagt, und diese teilten sich einen Tisch. Die Mädchen hatten sich überwiegend nach Alter zusammengefunden. Slytherin war sehr schwach vertreten, wie Hermione auffiel, als sie den Blick durch den Raum wandern ließ. Die meisten Schüler verteilten sich recht gleichmäßig auf die drei übrigen Häuser.

Professor McGonagall hatte sich neben die Tafel gesetzt und einen Stickrahmen zu Hand genommen. Die Markierungen auf dem eingespannten Stoff ließen eine Distel erahnen. Während sie mit dem Zauberstab grünes Garn ins Nadelöhr dirigierte, setzte sich Morag auf den Lehrertisch und begann zu sprechen:

„Willkommen in meiner kleinen Nähstunde. Das wird ein Einführungskurs, für mehr reicht ein Vormittag leider nicht. Wer von Euch hat denn schon mit der Hand genäht? Es muß nichts großes sein, Reparaturen zählen auch."

Zunächst hoben nur etwa ein Viertel der Anwesenden die Hand, nach der Ergänzung und kurzem Zögern wurden es deutlich mehr. Offenbar hatten fast alle Kursteilnehmer schon eine Nadel in der Hand gehalten, die meisten jedoch nicht viel mehr als das.

„Und wer hat schon mit Zauberei genäht?"

Nun sanken die Hände wieder, bis auf drei. Hermione zögerte, ließ dann aber doch den Arm sinken. Damit zog sie Morags Aufmerksamkeit auf sich.

„Hast du oder hast du nicht?"

„Ich hab's versucht…" Hermione sprach leise. Es wurmte sie, daß der Zauber nicht hatte gelingen wollen. Das Ergebnis war ein Fitzknäuel gewesen.

„Was ist denn passiert?", wollte Morag wissen.

„Ein einziges Chaos", flüsterte Hermione. Ihr Gesicht wurde immer wärmer. „Die Fäden sind wild über und durch den Stoff geschossen. Ich habe keine Naht hinbekommen, nur ein Knäuel aus Stoff und Fäden."

Von schräg hinter ihr, wo die Slytherin-Mädchen saßen, war gedämpftes Lachen zu hören. Morag ignorierte es und lächelte aufmunternd. „Du gehörst auch zu denen, die nur wenig Näherfahrung haben, oder?"

„Ja."

„Deine Beschreibung zeigt, daß du keine genaue Vorstellung davon hattest, was dein Nähzauber eigentlich tun soll. Du hast den Faden bewegt, sogar durch den Stoff, aber ohne Plan."

Sie wandte sich wieder an alle: „Es gibt viele Handarbeitszauber. Einfache, mit denen sich nur sehr spezifische, kleine Arbeitsschritte durchführen lassen oder die langsam sind, und komplizierte, die schnell gute Nähte schaffen, Knöpfe befestigen und vieles mehr. Ich zeige Euch Zauber für die wichtigsten Grundtechniken und wir probieren sie zusammen aus. Dann können wir uns über das unterhalten, was ihr so vorhabt, und wie man da am besten herangeht."

Voll Eifer machten sie sich ans Werk, und im ganzen Raum flogen die Fäden. Hermione war ein bißchen stolz darauf, daß es bald auch ihr gelang, die Nadel so zu verzaubern, daß sie eine einigermaßen saubere Naht mit nicht gar zu großen Stichen ablieferte. Nur der Zauber, den Morag zuletzt zeigte und den sie in Gedanken die magische Nähmaschine nannte, wollte ihr einfach nicht gelingen. Die Ravenclaw mußte nur den Zauberstab über den Stoff streichen, damit die Fäden ohne Nadel hindurch drangen, sich umeinander wanden und in Windeseile eine perfekte Naht bildeten. Bei ihr hingegen gab es nur Schlaufen, oder die Gewebefäden des Stoffes lösten sich und versuchten, sich ebenfalls zu einer Naht zu formen. Offenbar waren Handwerkszauber nicht wirklich ihre Stärke. Sie fühlte sich an die Strickmützen erinnert, die sie Jahre zuvor produziert hatte: Es war gelungen, aber das Ergebnis hatte recht bemüht ausgesehen.

Während sie noch experimentierte, ging Morag schon durch den Raum und suchte das Gespräch mit den Grüppchen. Hermione nahm das durchaus wahr, erschrak aber dennoch, als sie plötzlich direkt neben sich Morags Stimme vernahm:

„Und, was habt ihr vor? Oder überlegt ihr noch?"

„Ich möchte einen roten Umhang, am besten mit Stehkragen", antwortete Parvati. „Meine Schwester auch, wir haben uns abgesprochen."

„Dann kommst du am besten nachher mit rüber, dann kann ich das gleich mit euch beiden zusammen besprechen."

Parvati nickte und Lavender ließ sich zeigen, wie man Stoff mit Perlen und Pailletten besticken konnte. Dann wandte sich Morag an Hermione, die direkt daneben saß:

„Und was ist mit dir? Was möchtest du machen?"

„Ich glaube, ich brauche ein Kostüm, bei dem ich möglichst wenig nähen muß", seufzte sie.

„Dann nimm was griechisches, da mußt du eigentlich nur zuschneiden und drapieren. Oder du gehst gleich als Aphrodite, dann brauchst du nur einen Gürtel", empfahl ihr Morag mit einem Augenzwinkern. Hermione spürte, wie ihre Wangen warm wurden und hoffte, daß diesen Kommentar nicht zu viele gehört hatten. Doch die Ravenclaw scherzte nicht weiter, sondern nahm stattdessen Maß. Zwei Bettlaken und einige Minuten später hatten sie gemeinsam ein einfaches Gewand gezaubert, das Hermione allein verzieren und ausstatten konnte.

„Danke, du bist meine Rettung."

Morag zuckte mit den Schultern. „Es kann nunmal nicht jeder alles können." Damit zog sie weiter zu den nächsten Hilfesuchenden.


16.10. (Donnerstag)

Die Nacht war schon vor Stunden über die Ländereien gekrochen. An der vom Schloß aus nicht einsehbaren Seite eines Felsens am Seeufer badete, der Kälte zum Trotz, eine Hexe im mondglänzenden Wasser. Sie trug das gleiche dunkelrote Kleid wie in der vorherigen Vollmondnacht. Langes Haar von derselben Farbe floß über Rücken und Schultern herab und trieb um sie her in den Kräuselwellen. Die bunte Schlange wärmte sich an ihr. Ihre Blutstropfen hatte sie bereits bekommen. Die Hexe streichelte das Tier. Sie sprach ein leises Zischen, und die Schlange antwortete.

Weißt du, wo sie sind?"

Ich habe sie noch nicht gefunden."

Frag weiter. Ich muß wissen wo sie sind und wo sie nach mir suchen. Und ich wüßte gern, warum. Warum nur…"

Wind rauschte in den kahlen Zweigen. Dann zischte die Schlange wieder.

Es wird nicht mehr lange gehen. Ich werde steif und müde. Wenn es noch kälter wird, muß ich schlafen. Aber ich will dich nicht allein lassen."

Ich komme schon zurecht. Versteck dich rechtzeitig, daß du nicht erfrierst."

Oder du nimmst mich mit hinein."

Aber es tut dir nicht gut, lange drin zu sein oder auf deine Winterruhe zu verzichten. Und du müßtest dich verstecken."

Aber wenn du doch plötzlich fortmußt, kannst du mich mitnehmen. Laß mich bei dir sein."

Das Glucksen des Sees füllte die Stille, bis die Hexe schließlich wieder sprach:

Dann komm zu mir, wenn du nicht mehr draußen bleiben kannst. Ich werde jeden Abend unter die Wurzel der großen Erle sehen."

Wenig später tauchte die Schlange wieder ins Dunkel des Sees. Die Hexe ging ans Ufer, trocknete Haare und Kleid und hüllte sich in den dunklen, weiten Mantel, in dem sie gekommen war.


18.10. (Samstag)

Das Stimmengesumm war schon ein gutes Stück vor der Großen Halle zu hören. Die Aussicht auf den bevorstehenden ersten Hogsmeade-Ausflug in diesem Schuljahr hatte auch die letzten aus ihrer Schreckensstarre geholt, sodaß die Stimmung wieder mehr an die vergangenen Jahre erinnerte. Zwei Drittklässler aus Hufflepuff rannten vorüber und wurden ein Stück weiter vorn von Draco wütend angezischt, worauf sie noch schneller liefen.

„Gar kein Punktabzug? Ist er krank?", fragte Blaise mit gespielter Sorge. Theodore schmunzelte. Bisher war es ein entspannter Morgen gewesen und er war froh, daß sein Freund weiterhin konstant gute Laune verbreitete. Draco, wie immer Vincent und Gregory im Schlepptau, passierte bereits den Durchgang. Blaise und Theodore folgten etwas später. Der Schein der tausend Kerzen hieß sie willkommen und stand in starkem Kontrast zur grauverschleierten Decke, die Nieselregen versprach. Die Tische waren zu etwa zwei Dritteln besetzt und es waren recht viele Schüler unterwegs, die Plätze suchten oder wechselten. In der Mitte des Slytherintisches ließ sich Draco gerade auf seinem gewohnten Stuhl nieder, umgeben von seiner Garde. Theodore strebte einem Platz in Hörweite, aber ausreichender Entfernung an. Er hatte sich angewöhnt, die Seite des Tisches zu bevorzugen, die der Wand am nächsten war. Gegenüber und ein Stück weiter den Tisch hinauf saßen bereits Tracey und Millicent über ihrem Frühstück. Millie nickte ihm zu. Er gab ein kurzes Lächeln zurück und setzte sich. Neben ihm floß Blaise auf seinen Stuhl.

„Ich hoffe du hast dir für heute mehr vorgenommen als nur einen Besuch im Buchladen?"

„Ja, falls dich das beruhigt. Du kannst getrost mit deiner Liebsten irgendwohin verschwinden."

Theodore löffelte sich Rührei auf den Teller und ließ beim Zurückstellen der Schüssel den Blick über den Lehrertisch wandern. Alle waren anwesend, und die meisten wirkten mehr oder weniger angespannt. Alles wie immer. Inzwischen sprach Blaise weiter:

„Heute wird der letzte entspannte Tag für eine Weile, den werde ich auf jeden Fall genießen. Ab morgen hat Draco vier Mal die Woche Training angesetzt."

„Sag nicht du hättest nicht gewußt worauf du dich einläßt, als du dich für die Mannschaft beworben hast."

Blaise lachte bevor er antwortete.

„Natürlich wußte ich das, und es macht Spaß, aber Quidditch ist nunmal nicht alles im Leben." Mit einem Seufzen sah er hinüber zum Gryffindortisch. „Ich werde Lavender irgendwie beibringen müssen, es nicht persönlich zu nehmen, wenn wir ihre Mannschaft nächsten Monat platt machen."

Theodore lachte leise und fing sich dafür ein spöttisches Grinsen von seinem Nachbarn ein.

„Ich weiß, Probleme, die du nicht hast. Täte dir aber sicher gut – es ist ungesund sich nur für Bücher und giftige Dinge zu interessieren."

Eine Bewegung auf der anderen Seite des Tisches zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Pansy schwebte vorüber, die schwarzen Haare sorgfältig frisiert, sodaß sie in weichen Locken herabflossen. In zwei Schritten Abstand folgte Sally Perks, die kleiner und unscheinbarer wirkte, obwohl sie Pansy um mindestens vier Zoll überragte. Diese wählte den Stuhl Draco gegenüber und setzte sich mit einem fröhlichen „Guten Morgen". Sie sprach höher als gewöhnlich.

„Kannst du nicht einfach woanders hingehen?" knurrte Draco sie an.

Daphnes Stimme erklang in der Nähe, gedämpft von Müdigkeit und Resignation: „Ich hätte länger schlafen sollen." Sie setzte sich Blaise gegenüber.

„Warum? Genieß das Schauspiel", gab dieser zurück.

Pansy zeigte inzwischen eine beleidigte Miene. „Könnte ich, will ich aber nicht." Sie griff nach dem Toastbrot. Sally setzte sich still neben sie und goß ihr Kürbissaft ein.

Eine Eule landete zwischen Pansy und Draco, kurz darauf folgten weitere. In diesem Moment mußte Theodore die Beobachtung abbrechen, um seinen Kaffeebecher vor einem Eulenbein zu retten.

„Schon wieder Post von zu Hause?" fragte Daphne.

„Nein, Vater hätte Nyx geschickt."

Zwei weitere Vögel landeten. Alle trugen dicke weiße Rollen mit grünem Siegel. Daphne gelang es am schnellsten, ihren Brief vom Eulenbein zu lösen. Sie schickte den Vogel fort und öffnete den Brief. Augenblicklich glättete sich die Rolle zu einem strahlend weißen Umschlag. Kurz darauf hielten auch die beiden Jungen ihre Kuverts in den Händen. Theodore zog die Nase kraus, als er in silberner Tinte seinen vollen Namen las, dann zog er eine mit einer Schneeflocke verzierte Karte und einen Brief aus dem Umschlag.

„Die Malfoys geben einen Neujahrsball?", fragte Daphne erstaunt. „Der letzte ist doch schon ewig her, da waren wir noch zu jung um teilzunehmen." Ein kurzer Blick in die Karte bestätigte ihre Worte: eine Einladung für den Abend des ersten Januar.

„Das wird sicher unterhaltsam", ließ sich Blaise vernehmen. Daphne kicherte. „Ich weiß noch wie ich heimlich durchs Haus geschlichen bin um einen Blick in den Ballsaal zu erhaschen. Ich war so wütend, daß unsere Eltern uns zwar mitgenommen haben, aber nur damit wir in einem der Gästezimmer schlafen. Dabei hätte ich so gern mitgetanzt."

Theodores Blick huschte derweil über die Tische. Wer noch? Pansy, Draco, Vincent und Gregory. Natürlich. Daphnes kleine Schwester, Millicents Cousin und Cousine, Convallaria und einige weitere jüngere Schüler seines Hauses. Am Ravenclawtisch fiel ihm eine Schülerin seines Jahres ins Auge, die eine weiß-silberne Karte hielt. McDougal. Und noch drei, die er nicht kannte. Am Hufflepufftisch entdeckte er niemanden, der eine Einladung erhalten hatte, bei den Gryffindors einen Jungen und ein Mädchen, die er auf fünftes Schuljahr schätzte. Wahrscheinlich auch McDougals, zumindest haben sie die gleichen Haare und ähnliche Gesichter.

Daphnes Lachen zog sein Interesse wieder zu dem Umschlag in seiner Hand, oder vielmehr zu dem Brief, der die Karte begleitet hatte.

Zur Auffrischung Ihrer Fertigkeiten in Vorbereitung auf den Abend des Neujahrstages haben wir für unsere Gäste aus Hogwarts Tanzunterricht arrangiert. Der Kurs findet jeden Sonntagnachmittag ab vier statt, beginnend mit dem zweiten November. Bitte beehren Sie uns zu dieser Zeit im Raum Nr. 24 im zweiten Stock.

„Einige hier haben das tatsächlich dringend nötig, auch wenn es nicht viel helfen wird", flüsterte Daphne, noch etwas atemlos. Dabei warf sie einen vielsagenden Blick den Tisch entlang zu Draco, zu dessen Seiten Vincent und Gregory recht unbehaglich auf ihre Einladungen starrten. Dracos übliche selbstgefällige Haltung wirkte angestrengt, obwohl er den Auffrischungskurs ganz sicher nicht nötig hatte. Während sich zwischen Daphne und Blaise eine Fachsimpelei über vorhandene und fehlende Eleganz ihrer Mitschüler entwickelte wandte sich Theodore wieder seinem Frühstück zu. Der Teller war noch halb voll, als es Daphne gelang, ihm den Appetit zu verderben:

„Warum findet der Ball eigentlich am ersten Januar statt und nicht wie früher zu Sylvester?"

Weil der Termin schon belegt ist. Er legte das Besteck auf den Teller und schob diesen von sich.

„Ich hab noch was zu erledigen bevor wir ins Dorf gehen. Wir sehen uns später." Damit stand er auf und wandte sich zum Gehen.

„Aber du hast kaum was gegessen!", protestierte Blaise.

„Ich bin satt." Damit ging er auch schon mit langen Schritten den Tisch hinab und dem Ausgang entgegen.


Warm eingepackt gegen das garstige naßkalte Wetter stand Hermione in der Eingangshalle und betrachtete die Schüler, die in kleinen Grüppchen an ihr vorbeizogen. Sie wartete auf ihre Zimmernachbarinnen – durchaus mit gemischten Gefühlen. Sie hatte sich dagegen entschieden, mit Harry und Ron zu laufen, um nicht den ganzen Tag wie auf Eierschalen gehen zu müssen. Sie alle waren erleichtert gewesen, nachdem das geklärt war, da war sie sicher. Doch die Vorstellung, mit Lavender und den Patil-Schwestern unterwegs zu sein, war auch irgendwie seltsam. Hoffentlich würde sich nicht der ganze Tag um Styling und den Attraktivitätsgrad von Mitschülern und diversen Prominenten drehen. Vielleicht konnte sie sich da an Padma halten. Sie hatte sich noch nicht groß privat mit ihr unterhalten, doch bei einer Ravenclaw konnte man eine gewisse akademische Neugier erwarten.

„Da sind wir, wir können los."

Lavenders Stimme riß sie aus ihren Gedanken. Alle drei kamen raschen Schrittes zu ihr.

„Hast du lange gewartet?", fragte Padma.

„Geht so. Jetzt ist mir auch klar, warum ihr vorhin noch nicht aus dem Bad raus wart."

Lavender war noch sorgfältiger als sonst geschminkt, und die Haare flossen in glänzenden Locken unter ihrer Mütze hervor. Sie hatte sich offensichtlich Mühe gegeben, wie man es für einen besonderen Anlaß tat. Ein nervöses Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht, und die Röte auf ihren Wangen war sogar durch die Puderschicht zu erkennen.

„Ich bin verabredet."

Parvati verdrehte die Augen. „Sag doch endlich, mit wem. Wieso machst du da so ein Geheimnis draus?"

„Laß sie doch, jeder braucht Geheimnisse", wurde sie von ihrer Schwester mit sanfter Stimme zurechtgewiesen.

„Ich werde es euch sagen, aber jetzt noch nicht. Ich will mir ganz sicher sein."

„Hey, Mädels." Ron kam zu ihnen. Seine Tonlage war zu hoch, und man sah ihm deutlich an, daß er lieber heimlich an ihnen vorbeigegangen wäre. Hermione schluckte und fingerte am Gurt ihrer Tasche. Parvati sprach, bevor eine peinliche Stille entstehen konnte:

„Du bist ja doch allein. Willst du als Hahn im Korb ins Dorf gehen?"

„Äh." Seine Wangen wurden rot. „Nein. Ich wollte wissen, ob ihr Harry gesehen habt. Ich mußte noch was suchen und wir wollten uns hier treffen."

„Ich hab ihn nicht gesehen. Du, Hermione?"

Sie konnte nur den Kopf schütteln. Seltsam. Hoffentlich verfolgte er nicht schon wieder Mitschüler oder erkundete auf eigene Faust irgendwelche Geheimgänge.

„Flubberwürmer! Dann ist er wohl doch schon los. Viel Spaß noch!"

Ron verließ im Laufschritt das Schloß. Die Hexen folgten in bequemerem Tempo.


Gladrags empfing Millicent mit unüberschaubaren Mengen bunter Stoffe. In all den Jahren war sie nie in diesem Laden gewesen. Sie war stets mit den Sachen ausgekommen, die sie mitgebracht hatte, und sie gehörte nicht zu den Mädchen, die zum Vergnügen Kleidung kaufen gingen. Obwohl die Hexe, die das Geschäft betrieb, sich nach einem kurzen Gruß im Hintergrund hielt, fühlte Millicent sich kritisch beäugt, als Tracey sie zwischen die Reihen von Gewändern zog. Systematisch durchsuchte ihre Freundin die Auslagen, zog Kleider hervor und hängte sie wieder zurück. Um nicht untätig herumzustehen, ließ Millicent die Hand über die Bügel gleiten, betrachtete Stoffe, ohne wirklich etwas zu sehen.

„Ich brauche eigentlich nichts. Nur weil Mum mir Geld für ein Kleid geschickt hat, muß ich doch nicht unbedingt eins kaufen."

„Und was willst du dann anziehen?" Inzwischen trug Tracey zwei Teile über dem Arm, suchte aber weiter.

„Ich habe eine Hose und eine kurze Robe dabei. Die Sachen kann ich verwandeln. Rot und schwarz, vielleicht mit Flammen?"

Tracey schnaubte.

„Du willst wie ein Junge herumlaufen? Warum kein Kleid?"

„Weil ich mich nur lächerlich mache, wenn ich versuche, wie ein Mädchen auszusehen."

„Wie eine Frau, Millie. Und es kommt darauf an, wie du es anstellst. Was hältst du davon?"

Sie zog ein langes Kleid aus weich fließendem, weinrotem Stoff hervor. Es war langärmelig und körpernah geschnitten, mit weitem, geschwungenem Ausschnitt. Der Rock war auf der rechten Seite leicht ausgestellt und links bis in den halben Oberschenkel geschlitzt.

Andächtig berührte Millicent den Stoff. Er war glatt und weich unter ihren Fingern.

„Wenn dir der Schlitz zu gewagt ist, zieh einfach eine schwarze Strumpfhose drunter. Für den Halloweenabend kannst du die Farbe kräftiger machen, und vielleicht noch ein passendes Muster. Für andere Anlässe ist das so prima, findest du nicht?"

„Ich weiß nicht. Der Stoff ist schön, die Farbe auch, aber... Tracey, ich kann doch kein Kleid tragen! Die Fotos vom Weihnachtsball in der Vierten sind einfach nur gruselig. In diesem rosa Rüschenmonster hab ich ausgesehen wie ein Schweinchen!"

„Und ich habe es damals nicht übers Herz gebracht, dir davon abzuraten. Du hast dich so gefreut. Es tut mir leid."

„Schon gut, wahrscheinlich hätte ich sowieso nicht darauf gehört. Aber heute?"

„Heute sind wir beide älter und klüger. Und das ist kein rosa Rüschenmonster."

Das brachte sie tatsächlich zum Lachen. „Okay, ich probier es an. Auch wenn ich wenig Hoffnung habe."

„Sie haben etwas gefunden?"

Ohne groß darüber nachzudenken hatte sich Millicent umgedreht und dabei einen sicheren Stand eingenommen, die Hände auf Schulterhöhe. Erst danach registrierte sie, daß die Ladenhexe gesprochen hatte. Sie lächelte ihnen mit professioneller Freundlichkeit entgegen. Tracey fand schneller die Sprache wieder.

„Ja. Meine Freundin würde gern dieses Kleid anprobieren."

„Sehr gern, eine gute Wahl. Strecken Sie doch bitte mal die Arme aus."

Das verwirrte Millicent, doch sie tat, wie ihr geheißen. Ein Maßband sprang aus einer Rocktasche der Händlerin und schlang sich an verschiedenen Stellen um Millicents Leib und Arme, nahm Schulterweite, Armlänge und die Strecke von den Schultern zu den Knöcheln. Dann rollte es sich wieder ein und flog in die ausgestreckte Hand der Ladenhexe. Diese tippte mit dem Zauberstab dagegen und fuhr anschließend mit kunstvollen Schwüngen über das Kleid, einen Spruch flüsternd. Der Stoff wallte wie die Seeoberfläche unter sanftem Wind und schien sich dort ein wenig zu strecken, da ein Stück zusammenzuziehen. Dann hing das Kleid wieder still auf Traceys Arm.

„Dort drüben sind die Kabinen. Es wird Ihnen bestimmt hervorragend stehen."

Millicent war wenig überzeugt, ließ sich aber widerstandslos zur Umkleidekabine schieben. Insgeheim hoffte sie, daß sie sich irrte. Der Stoff fühlte sich wundervoll an, glatt und weich wie Wasser.

Mit großer Vorsicht zog sie sich um und hatte etwas damit zu kämpfen, den Reißverschluß im Rücken zu schließen. Offensichtlich war es ein modernes Modell: Konservative Hexen und Zauberer bevorzugten noch immer Knöpfe, Haken, Schnürungen und natürlich Haftzauber. Bald saß das Kleid wie eine zweite Haut.

„Bist du soweit?", rief Tracey. „Hier draußen ist ein Spiegel."

„Ich weiß nicht recht..."

„Jetzt komm schon!"

Millicent faßte sich ein Herz und trat nach draußen. Sie fühlte sich wie auf dem Präsentierteller in dem ungewohnt körpernahen Kleid.

„Oh, wunderbar! Das ist perfekt! Sieh selbst."

In der jungen Frau im Spiegel erkannte sie sich erst auf den zweiten Blick. Das weinrote Wunder zog zuerst ihre Aufmerksamkeit auf sich, fort vom Gesicht, und es war so anders als die Roben, die sie sonst trug. Konnte sie damit wirklich durch die große Halle gehen? War das nicht ebenso wie das Weihnachtsballkleid eine Einladung, sie als fett und unförmig zu verspotten?

„Naja, es ist –" Sie fand einfach nicht die richtigen Worte und zupfte hilflos an sich herum.

„Es steht Ihnen hervorragend", sagte die Händlerin. „Es streckt Ihre Figur und betont den Schwung der Hüfte. Und die Farbe ist für Sie einfach perfekt."

„Aber -"

„Sie meinen diese Huckel? Die haben wir doch alle. Wenn es Sie stört können Sie das mit geeigneter Unterwäsche glätten. So etwas habe ich auch da."

„Es ist das richtige für dich", betonte auch Tracey. „Man sieht, daß du nicht mehr kastenförmig bist, sondern ein paar Kurven bekommen hast. Und deine Schultern werden nicht durch irgendwelche Rüschen oder Schleifen überbetont, so paßt alles gut zusammen. Geh mal ein paar Schritte."

Gehen war seltsam. Sie fühlte sich linkisch und war sich irgendwie selbst im Weg. Millicent blieb stehen. Was war nur mit ihr los? Sie konnte laufen, hatte endlich zu einem vernünftigen Körpergefühl gefunden. Wahrscheinlich achtete sie gerade auf die falschen Dinge. Es war keine Dabria hier und auch keine Pansy. Nur ihre beste Freundin und die Hexe aus dem Laden. Hier war sie sicher. Und der Stoff fühlte sich auf dem Körper genauso angenehm an wie in der Hand.

Millicent hob das Kinn und richtete sich auf. Dann tat sie den nächsten Schritt. Und noch einen. Das fühlte sich schon viel besser an. Der anliegende Stoff war ungewohnt, engte sie aber nicht ein: Der Rock bot Platz, auszuschreiten, und sie konnte die Arme heben.

Nach einer kleinen Runde durch den Laden stand sie wieder vor dem Spiegel. Sie sah anders aus, war aber immernoch sie selbst. Wenn sie die Furcht vor Spott und harschen Urteilen beiseiteschob, mußte sie zugeben, daß ihr diese Version ihrer selbst genauso gefiel wie die vertraute. Vielleicht war es an der Zeit, sich ein weiteres Stückchen Freiheit zu nehmen.


Hermione öffnete die Tür zum ‚Drei Besen' und lief in eine Wand aus Wärme und Lärm. Der Pub war gut besucht, und Gespräche, Rufe und Gelächter waberten durcheinander.

„Da drüben ist noch was frei. Nur ein bißchen klein für uns." Parvati zeigte auf einen Zweiertisch unterm Fenster, neben dem Windfang der Tür. Alle anderen Tische in der Nähe waren bis auf den letzten Stuhl besetzt und der Raum ein Meer von Köpfen.

„Das geht schon."

Entschlossen ging Hermione die wenigen Schritte zu dem Tischchen und beschwor einen dritten Stuhl. Er ließ sich gerade noch so platzieren, daß man nicht mit der jüngeren Schülerin am Nachbartisch kollidierte. Hermione zog den Mantel aus und ließ sich mit einem zufriedenen Seufzen auf den Sitz sinken. Die beiden anderen taten es ihr gleich.

Sie waren lange unterwegs gewesen, hatten sich im Honigtopf mit mindestens zwanzig Zubereitungsformen von Zucker eingedeckt und jeweils erfreulich viel Zeit im Buch- und Schreibwarenladen verbracht, ohne daß Parvati sich beschwert hätte. Zu Hermiones Erstaunen hatte sie rote Tinte und sogar ein Buch gekauft. Der neueste Band einer populären Reihe von Unterhaltungsromanen um eine Hexe, die im 16. Jahrhundert einen venezianischen Zauberer heiratete und lernte, sich in Politik und Intrigen zurechtzufinden. Sie selbst hatte im vierten Jahr den ersten Band angefangen und als zu seicht verworfen. Aber mittlerweile konnte sie dazu schweigen und versuchte sich einfach darüber zu freuen, daß Parvati freiwillig Bücher las.

Bei Butterbier und Limonade warteten sie, ob Lavender auftauchte oder ein größerer Tisch frei würde. Doch das Wirtshaus schien sich eher weiter zu füllen, und die fehlende Vierte wurde offenbar von ihrem geheimnisvollen Date gut beschäftigt. Das beständige Summen verbunden mit der Wärme und dem weiten Fußmarsch, den sie schon in den Beinen hatte, machte Hermione schläfrig. Sie verlor den Anschluß an das Gespräch der beiden Schwestern und sank in einen Dämmerzustand.

Mit einem Schlag war Hermione hell wach. Warum war sie aufgeschreckt? Parvati und Padma hatten ihr Gespräch unterbrochen und sahen an ihr vorbei. Hinter ihr, im Schankraum, war es eigenartig still. Ein Schauer fuhr ihr in die Glider, das Herz machte einen Sprung und schlug bis in die Kehle. Hier stimmte etwas nicht. Sie drehte sich um und folgte den Blicken der Zwillinge.

Alle Anwesenden starrten in dieselbe Richtung. Auf einem Tisch in der Mitte des Raumes stand Harry.

„Das darf so nicht weitergehen", sagte er gerade mit einer Stimme, die durch den ganzen Schankraum drang. „Hexen und Zauberer sind nicht zum Herrschen geschaffen, im Gegenteil! Die Muggel sind uns überlegen. Sie haben aus dem Mangel eine Tugend gemacht, haben Wissen angesammelt und Erfindungsreichtum entwickelt, während viele in der magischen Welt dumm und träge geworden sind. Wir müssen uns und unsere Fähigkeiten in den Dienst ihrer Weisheit stellen."

Viele der Anwesenden schauten irritiert bis fassungslos. Eine Gruppe Slytherins brach in laute Buh-Rufe aus.

„Was macht er da?", fragte Padma entsetzt.

„Das ist nicht Harry. So spricht er nicht, weder im Stil noch im Inhalt."

„Junge, du verwechselst da was!", rief jemand durch den Raum.

„Nein, mach ich nicht! Wer was anderes behauptet, will nur seine Trägheit schützen. Aber diese Trägheit läßt Hexen und Zauberer degenerieren. Das und die Inzucht in den sogenannten reinblütigen Familien."

Hermione war aufgestanden und versuchte sich durch die dicht gedrängt sitzenden Leute zu schieben. Das mußte sofort aufhören. Was auch immer hier gespielt wurde, es war extrem gefährlich für Harry. Doch sie kam nicht weiter. Menschen, an denen sie sich vorbeiquetschte, schubsten zurück und jene, vor die sie sich schob, beschwerten sich, daß sie nichts sahen. Es entstand Unruhe um sie her, die sich ausbreitete wie Wellen auf einer stillen Seeoberfläche.

„Paß doch auf!"

„Hier ist kein Platz mehr!"

„Ist das nicht Potters Lieblingsschlammblut? Hau ab, solange du noch kannst!"

Weiter vorn schrie irgendwer „Haltet ihn fest, Rosmerta, floh zum Ministerium!" Hermione zog ihren Zauberstab, entschlossen, diesen Scheinharry mit einem Schockzauber zum Schweigen zu bringen. In dem Moment ertönte ein Knall, und der Betrüger war disappariert.

Jemand griff nach ihrem Arm. Sie versuchte, sich zu entwinden und hielt den Zauberstab in Richtung des Angreifers.

„Stop, ich bin's. Zeit zu gehen."

Neville. Und er hatte Recht. Hier konnte sie nichts mehr ausrichten. Und wenn sie mit voller magischer Verstärkung ‚das war nicht Harry' geschrien hätte, niemand hätte sie in diesem Tumult gehört. Oder hören wollen. So ließ sie sich nach draußen schleifen, nur darauf bedacht, nicht unterwegs hängen zu bleiben.