Nicht mehr ganz die Jahreszeit, macht aber hoffentlich trotzdem Spaß.
9. Kapitel – Halloween
Harry hatte sie nach jenem denkwürdigen Hogsmeade-Ausflug erst spät nachts wiedergesehen. Völlig verstört war er in den Turm zurückgekehrt. Jemand hatte ihn auf dem Weg nach draußen aus dem Verborgenen mit einem Schockzauber getroffen. Später hatte er sich in einer Abstellkammer wiedergefunden. Da war es schon dunkel gewesen. Und noch ehe er hatte klären können, was eigentlich geschehen war, war Filch aufgetaucht, um ihn vor Vergnügen hüpfend zum Büro des Schulleiters zu zerren. Dort war er mit der Anschuldigung konfrontiert worden, in Hogsmeade eine aufrührerische Rede gehalten und zum Umsturz aufgerufen zu haben. Seiner Beteuerung, daß er dies nicht getan habe, hatte Snape keinen Glauben geschenkt.
Erstaunlicherweise hatte man das nicht als Vorwand genutzt, ihn von der Schule zu werfen. Ihm war die Position des Quidditchkapitäns entzogen worden und es war ihm bis auf weiteres untersagt, das Schulgelände zu verlassen. Außerdem sollte er einen Aufsatz darüber schreiben, warum Zauberer Muggeln überlegen seien und er bekam jede Woche einen vernachlässigten Raum zugeteilt, den er ohne Magie aufzuräumen und zu putzen hatte – zunächst bis zu den Weihnachtsferien.
In der Sicherheit des Schlafsaales berieten sie darüber.
„Ich werde diesen Aufsatz nicht schreiben! Das wäre Verrat."
Harry sprach zu laut und lief dabei hin und her.
„Es wäre klug. Rede ihnen genau so weit nach dem Mund, wie du must. Dann ist das aus der Welt. Du hast wichtigeres zu tun als um einen Aufsatz zu streiten", sagte Ron.
Hermione staunte über seine Vernunft. Offenbar hatte er sich am Vorabend genug aufgeregt, um jetzt kühl denken zu können.
„Und wenn sie dann in der Zeitung schreiben, daß ich diesen Mist unterstütze?"
„Dann widersprechen sie sich selbst und noch mehr Leute begreifen, daß man dem Tagespropheten nicht glauben kann."
„Vielleicht. Aber sicher ist das nicht", sagte Hermione. Die Argumentation war absolut logisch, aber sie hatte schon zu oft die leidvolle Erfahrung gemacht, daß viele Menschen nicht logisch dachten. „Am besten, du achtest darauf, möglichst vage und zweideutig zu schreiben. Oder Binsenweisheiten aufzuzählen, ohne zu bewerten. Natürlich können Zauberer besser zaubern als Muggel. Sowas kann man schon schreiben. Ich helfe dir dabei."
„Später. Jetzt muß ich erstmal raus. Ich geh fliegen."
„Nein, das wirst du nicht", sagte sie mit scharfer Stimme.
„Mione, ich kann das jetzt nicht, ich muß erstmal runterkommen."
„Dann geh joggen. Bis jetzt hat niemand daran gedacht, dir deinen Besen wegzunehmen. Reib ihnen das nicht unter die Nase, vielleicht brauchst du ihn noch."
„Ich hasse es wenn du Recht hast."
„Hat sie aber. Ich komme mit."
Hermione verließ den Schlafsaal, damit sich die Jungen in Ruhe umziehen konnten. Und sie brauchte jetzt dringend ein Buch.
Die letzten Oktobertage eilten dahin, denn das ganze Schloß schien mit den Vorbereitungen für Halloween beschäftigt. Die Schüler kümmerten sich um ihre Kostüme und vor allem die Jüngeren planten kleine Streiche. Gemeinschaftsräume und Schlafsäle wurden dekoriert. Hagrid brachte riesige Kürbisse ins Schloß. Filch war noch griesgrämiger als sonst in Erwartung einer Nacht voller Regelbrüche und, schlimmer, einige davon in dieser einen Nacht auch noch erlaubt. Im Unterricht litt die Disziplin, worauf viele Lehrer nachsichtig reagierten. Einige, wie Professor McGonagall, forderten freundlich, aber bestimmt Ordnung und Aufmerksamkeit. Professor Malfoy verhängte gnadenlos Strafarbeiten und wirkte dennoch sehr unzufrieden. Nur sein eigenes Haus blieb weitgehend verschont.
Doch auch in dieser Atmosphäre der Vorfreude sah man eine Düsternis, und die Spuren des Auftritts in Hogsmeade. Professor Malfoy demonstrierte regelmäßig Flüche an Harry. Das waren glücklicherweise unangenehme, aber eher harmlose Sprüche wie ein Juckreizfluch, Krämpfe in den Füßen oder eine eingerollte Zunge. Eine Stunde mußte er blind und mit juckenden Augen verbringen, denn erst als sie ihn nach Unterrichtsschluß aus dem Raum geführt hatte, konnte Hermione einen Gegenzauber sprechen. Im Stillen war sie dankbar für die Stunden in der Black-Bibliothek.
In der Schülerschaft wurde getuschelt, denn natürlich hatte es der Auftritt des „Jungen, der überlebt hat" auf die Titelseite des Tagespropheten geschafft. „Wahnsinn oder Methode?", hatten die Schmierfinken getitelt. Darunter wurde diskutiert, ob er den Verstand verlöre oder tatsächlich ernsthaft einen Umsturz und eine Herrschaft der Muggel über Hexen und Zauberer plane. Bei einem Teil der jüngeren Schüler machte sich Verunsicherung breit. Harry verließ den Gryffindorturm praktisch nur noch für den Unterricht und die Mahlzeiten. Manchmal schlich er in der Dämmerung nach draußen und rannte um den Gemüsegarten.
Hermione hingegen rätselte, wer diese Intrige gesponnen haben mochte.
31.10.1997
An diesem Freitag war der Unterricht verkürzt worden und bereits zur Mittagszeit vorüber, um dem Halloweenabend gebührend Raum zu geben. Schon beim Mittagessen war die Vorfreude der Schüler, aber auch vieler Lehrer spürbar. Nach der Düsternis der letzten Wochen schien sich alles nach einer Pause, nach einem Abend des Vergessens zu sehnen. Ein Teil der Dekoration stand bereits am Morgen: Die Kürbisse hatten phantasievolle Gesichter bekommen und grinsten in den Raum, große schwarze Spinnen mit violett geringelten Beinen huschten über die Wände und woben kunstvolle Netze. Hauselfen verwandten größte Sorgfalt darauf, Staub auf Simsen und Statuen zu verteilen. Dobby hatte eines Abends erzählt, daß die Elfen darüber geteilter Ansicht waren: Einige hatten eine diebische Freude daran, einen Tag im Jahr das Gegenteil dessen zu tun, was sonst ihre Arbeit war. Anderen widerstrebte es zutiefst, das ihnen anvertraute Schoß in Unordnung zu bringen, auch wenn diese gewollt war. Sie wurden in der Küche beschäftigt.
Mittags beeilten die Schüler sich, das Essen zu beenden, um Platz fürs Umräumen zu schaffen und, wichtiger, in ihre Häuser zu kommen. Schließlich hatten sie auch selbst noch Vorbereitungen zu erledigen, bevor am späten Nachmittag das Fest beginnen sollte.
Kurz darauf war der Gryffindorturm von Geschäftigkeit, Murmeln und Lachen erfüllt. Die Schüler zogen sich in ihren Schlafsälen um und trafen sich im Gemeinschaftsraum mit Freunden aus anderen Jahrgängen, um sich auf das Fest einzustimmen.
Skeptisch sah Ron in den Spiegel. Er war in ein knöchellanges, langärmeliges Nachthemd gehüllt. Genauer gesagt sollte es knöchellang sein, doch für ihn war es zu kurz, der Saum hing zwei Zoll höher als er sollte. Auch die Ärmel reichten nicht bis zu den Händen. Und es hatte viel zu viele Rüschen. Der einst weiße Stoff war vergilbt und zeigte an einigen Stellen Mottenfraß.
„Hast du schon versucht, es grau zu bekommen?", fragte Harry.
Ron zog den Zauberstab hervor und versuchte sich an Farbwechselzaubern. Er mußte eine Weile experimentieren, doch schließlich erreichte er ein blasses Grau, das zumindest geisterhafter war als der ursprüngliche Gilb.
„Ich fürchte, besser wird es nicht. Wenn ich genug von der Schminke benutze, erkennt mich vielleicht keiner."
„So schlimm ist es nun auch wieder nicht."
Aus dem hinteren Teil des Schlafsaals ertönte ein Knall, der alle Anwesenden zusammenfahren ließ. Seamus hustete und fluchte in seinem stärksten irischen Akzent.
„Ist alles in Ordnung?" Deans Stimme klang schrill vor Schreck.
„Mit mir schon, glaube ich, aber die Feder ist hinüber."
Ascheflöckchen sanken zu Boden, und Seamus' Gesicht und die rechte Hand, die noch verkohlte Reste eines Federkiels hielt, zeigten deutliche Rußspuren. Er betrachtete kritisch seinen Zauberstab. „Ist auch nur Ruß, alles halb so wild…" murmelte er.
„Deine Haare brennen!" Dean, der seinem besten Freund am nächsten gewesen war, klopfte hektisch auf dessen Kopf herum. „Es geht nicht aus! Aber… es ist auch nicht heiß…"
„Also ich merke gar nichts, außer daß du mir die Haare zerwühlst."
„Kaltes Feuer!", staunte Ron, der ebenfalls nach der kleinen bläulichen Flamme griff, die sich an einer Haarsträhne hielt. „Mann, wie hast du das geschafft?"
„Keine Ahnung. Ich wollte die Feder so verzaubern, daß sie sich verschiedene Handschriften merken kann. Irgendwas muß ich übersehen haben."
„Fürs Unterschriften fälschen haben wir doch mich", grinste Dean. „Heute Abend brauchst du dir darüber nicht mehr den Kopf zu zerbrechen. Wird Zeit daß du dich umziehst."
„Und was machen wir damit?", fragte Neville mit einem Wink zu Seamus' Kopf. Er trug einen braunen Anzug mit wurzelartigen Auswüchsen und hatte sich das Gesicht grün geschminkt. Inzwischen standen alle vier um den am Boden sitzenden Iren und starrten auf das munter flackernde Flämmchen in dessen Haaren.
„Glotzt mich nicht so an. Oder veralbert ihr mich?"
Seamus stand auf und drängte sich zwischen Ron und Harry durch, um zum Spiegel zu gelangen. „Wow" entfuhr es ihm. Er berührte die Flamme, vorsichtig zunächst, dann zog er die Finger hindurch und bewegte die Haarsträhne, an der sich das Flämmchen hielt. Es bewegte sich mit. „Vielleicht geht es mit ‚Finite' weg?"
„Oder du behältst es noch ein paar Stunden. Es tut dir schließlich nichts, oder?" Ron war ihm gefolgt und hatte das Experiment interessiert beobachtet. Als Seamus den Kopf schüttelte sprach er weiter:
„Du wolltest doch den verrückten Forscher spielen, das paßt einfach perfekt."
„Genial, du hast Recht!"
Kurz darauf hatten sie Seamus in eine löchrige und fleckige Gelehrtenrobe gesteckt und Rons Haare weißgepudert, sodaß nur noch eine schwache Erinnerung an sein Rot zu sehen war. Auf Nevilles Kopf saß eine Art Hut mit langen Stoffblättern, die gelegentlich leise raschelten. Harry trug einen grün geschuppten Anzug mit bodenlangem Schlangenschwanz und einer Maske, aus deren Maul er hinter langen Giftzähnen hervorsah. Er hielt respektvollen Abstand zu Dean, der sich eine graue Lumpenrobe zusammengenäht und gezaubert hatte, die der eines Dementors erstaunlich nahekam. Kritisch betrachtete er sich im Spiegel:
„Haben wir schwarze Schminke? Oder Dunkelgrau?"
„Wozu?"
„Naja, mein Gesicht leuchtet jetzt nicht aus der Kapuze vor, aber man sieht es noch. Da helfe ich lieber noch ein bißchen nach."
Neville reichte ihm den Tigel, und als er kurz darauf wieder im Schatten der Kapuze verschwand, waren wirklich nur noch seine Augen zu sehen. Harry ging zwei Schritte rückwärts.
„Das sieht sehr echt aus."
Kurz blitzten Zähne in der Schwärze auf. Fertig ausstaffiert stiegen sie hinunter in den Gemeinschaftsraum.
Zur selben Zeit hexte im Schlafsaal der Mädchen der siebten Klasse Lavender noch ein paar letzte glitzernde Glasperlen auf ihr weißes Kleid. Zwei der Mädchen, Alice in ihrem Vogelscheuchenkostüm und Sarah, als Sirene im knielangen griechischen Gewand mit Flügeln auf dem Rücken, Federn im dunklen Haar, klauenartigen Fingernägeln und geschminkten Blutspuren am Mund, hatten den Schlafsaal bereits verlassen.
„Hermione, was meinst du, bekommst du meine Haare weiß mit einem leichten Stich nach Silber oder Blau?"
„Sicher. Ich weiß nur nicht ob sich das mit deinen Augen verträgt."
„Seit wann achtest du auf sowas? Ach was soll's, probieren wir es einfach aus."
Hermione tippte mit dem Zauberstab auf Lavenders Kopf und murmelte einen Spruch, woraufhin silbriges Weiß ihre weichen honiggelben Wellen hinabfloß. Es paßte besser als gedacht. Lavender betrachtete sich zufrieden im Spiegel.
„Perfekt." Sie machte sich daran, ihrer Erscheinung mit etwas Schminke den letzten Schliff zu geben.
Hermione selbst war schon fertig. Sie trug das knöchellange, von Blumenspangen und einem Gürtel gehaltene Gewand aus dem Nähkurs. Unter Einsatz von Verwandlungszaubern hatte sie es mit einer Blumenborte dekoriert. Lavender und Parvati hatten ihr geholfen, ihr widerspenstiges Haar aufzustecken und mit einem Tuch am Hinterkopf zu fixieren, sodaß nur ein paar ausgewählte, gezähmte Strähnen herabringelten. Den Kranz aus Frühlingsblumen hatte sie wiederum mit einigen extra dafür recherchierten Zaubern ergänzt. Ihre Sandalen kamen ihr irgendwie unzureichend vor, als sie Lavenders grazile Halbstiefel mit weißem Plüschfellbesatz betrachtete.
„Woher kennst du eigentlich die Schneekönigin?"
„Wir haben in Muggelkunde auch Märchen und Geschichten behandelt, vor allem wie Magie darin dargestellt wird. Diese Figur ist hängengeblieben. Ich finde sie wirklich unheimlich mit ihrer Gefühllosigkeit und kalten Perfektion."
Hermione nickte langsam, was Lavender im Spiegel sehen konnte. „Ich verstehe was du meinst."
„Nun kommt schon!", ließ sich Parvatis Stimme vernehmen. Sie stand an der Tür, ein vampirzahniges Lächeln im Gesicht, mit Sorgfalt eine Blässe geschminkt, die zu ihrem dunkleren Hautton paßte, die Lippen blutrot. Sie trug ein weißes Satinkleid und einen roten Umhang, der dem glich, den auch ihre Schwester genäht hatte.
„Bin gleich soweit."
Lavender steckte sich ein silbrig glänzendes Diadem in die Haare, warf einen letzten Blick in den Spiegel, und die drei verließen gemeinsam den Schlafsaal.
Kurz vorm Fuß der Treppe stieß Ginny zu ihnen. Sie trug ein kurzes grünes Kleid, das aussah, als sei es aus großen Blättern gemacht. Spitze Ohren lugten aus ihrem roten Haar. Sie grüßte sie mit einem verschmitzten Lächeln, als sei sie schon auf kleine Streiche aus.
Im Gemeinschaftsraum wurden sie sofort erspäht.
„Hast du das etwa selbst gemacht? Wenn da was schiefgeht landest du auf der Krankenstation!"
Ginny verdrehte die Augen. „Ich weiß was ich kann, Bruderherz. Das sind Maskenteile aus einer Art Gummi, die sich so perfekt anpassen, daß man den Übergang kaum sieht. Schau genau hin."
Sie strich die Haare beiseite, sodaß Ron ihr Ohr aus der Nähe betrachten konnte.
„Das ist wirklich kaum zu sehen", brachte er erstaunt hervor. „Wo hast du das her?"
„Von Fred und George. Ich darf für die neue Produktreihe Reklame laufen."
„Mir geben sie nie irgendwas!"
„Ich kann süß lächeln und bitte sagen."
Hinter den Fenstern lag bereits Dunkelheit über den Ländereien, doch der Ravenclawturm war hell erleuchtet. Im Schlafraum der Jungen der siebten Klasse vollführte Stephan Cornfood fließende Dirigierbewegungen mit dem Zauberstab und gelbfleckige Bandagen wickelten sich um seinen staubgrauen Anzug. Er griff nach der reich verzierten Totenmaske, setzte sie jedoch auf seinen Nachttisch zurück. Sein Nachbar, Anthony, kämpfte mit den Schnallen einer schwarzglänzenden Rüstung. Es wollte ihm einfach nicht gelingen, den Zauber richtig zu platzieren, der die Riemen anzog, an die er selbst nicht herankam.
„Warte", sagte Stephan, „Ich helfe dir."
Augenblicke später war das Problem gelöst. Sprüche, die mit Levitation zu tun hatten, waren das einzige Teilgebiet der Zauberkunst, das ihm leichtfiel.
„Danke dir."
Anthony streckte sich probehalber. „Ich glaube, es war doch gut, die Metallteile mit dem Federleichtzauber zu behandeln." Zufrieden legte er sich den Schwertgurt um. Währenddessen vervollständigte Stephan sein Mumienkostüm um die Totenmaske.
Am Fenster setzte Michael, in dreckige Lumpen gehüllt, eine Maske auf und betrachtete sich in der dunklen Scheibe. Er wollte sich in ein grünhäutiges Ungeheuer mit riesigen Hauern verwandeln. In Griffnähe lagen klauenbewehrte Handschuhe.
Terry trug bereits einen giftig-orangenen Kürbisanzug, in dem er mindestens das Dreifache seiner normalen Breite hatte.
„Willst du so gehen?", rief er in Richtung Badezimmertür. Dort war gerade Kevin herausgetreten, frische Totenkopfschminke im Gesicht. Seine Brille wirkte darauf etwas deplatziert.
„Nein?" Kevin sah an sich herunter und wieder zu Terry. Er trug eine schwarze Hose und ein schwarzes T-Shirt mit einem gehörnten Schädel und einem unleserlichen Schriftzug.
„Nicht?", hakte nun auch Anthony ein.
Kevin ließ ein „Pft" hören und durchquerte den Raum. Er nahm eine schwarze Kutte von seinem Bett und warf sie über, zog die Kapuze auf den Kopf. Dann ergriff er die Sense, die daneben an der Wand gelehnt hatte.
„Ohne die Kutte wäre es auch durchgegangen", grinste Terry und verschwand Richtung Treppe. Er paßte gerade so durch die Tür. Anthony setzte einen schwarzen Helm mit ebenfalls schwarzen Straußenfedern auf. Dann folgten er und die drei anderen dem Kürbis.
Padma trug schon ihr satinglänzendes, schwarzes Kleid als sie mit einer kleinen, mit Schminkutensilien gefüllten Tasche ins Badezimmer ging. Sie zog die Tür zu und hob den Blick zu dem großen Spiegel über den beiden Waschbecken. Mit einem Schrei ließ sie die Tasche fallen. Glas klirrte und eine Puderwolke stob um ihre Füße. Das Nest smaragdgrüner Nattern wandte sich um und sie erkannte Morag, ein Auge bereits geschminkt, das andere noch bloß. Der Schreck auf ihrem Gesicht wandelte sich in ein verschmitztes Grinsen:
„Es ist also gut geworden?", fragte sie.
Padma nickte, noch etwas außer Atem. „Sehr überzeugend."
Morag legte den Pinsel beiseite und nahm ihren Zauberstab vom Waschbeckenrand. Padma zog ihren aus einer verborgenen Tasche ihres Kleides. Gemeinsam fügten sie die zerbrochenen Döschen wieder zusammen und riefen die verstreuten Puder und Pasten zurück in ihre Gefäße. Daraufhin standen sie einträchtig nebeneinander vor dem Spiegel. Padma ließ sich Vampirzähne wachsen und schminkte Leichenblässe, während Morag ihrer Haut einen Grünton gab und mit einer Mischung aus Farbe und Magie an mehreren Stellen Schuppen zeichnete. Mithilfe des Spiegels bezauberte sie auch ihren Rücken: Das weiße Gewand war so drapiert, daß es diesen zu großen Teilen freiließ. Mit Geschick setzte sie sich golden gefiederte Flügel an die Schulterblätter.
„Du hast wirklich ein Händchen für Verwandlung", lobte Padma. Sie selbst hatte Schwierigkeiten damit, die Schminke so aufzutragen, daß alles zusammenpaßte. „Ich kann das einfach nicht so gut wie Parvati", murmelte sie resigniert.
„Soll ich es mal versuchen?"
„Gern. Wieso kannst du das so gut, du schminkst dich doch auch nur selten?"
„Zeichnen ist nicht so viel anders."
Als sie den Raum verließen kam ihnen Sue entgegen, angetan mit einem schwarz und dunkelrot gemusterten Kimono, die Haare zu einer imposanten Hochsteckfrisur gezaubert, in der zahlreiche Ziernadeln steckten. Mit einem zarten Lächeln, schon ganz in ihrer Rolle, nahm sie die Lobpreisungen ihrer Zimmerkameradinnen entgegen, bevor sie ins Bad ging, um sich zu schminken.
Im Schlafsaal war Mandy noch immer damit beschäftigt, Zauberworte vor sich hinmurmelnd ihr graubraunes Lumpenkleid mit Kieseln und Wasserpflanzen zu verzieren. Sie war als Erste im Bad verschwunden und trug bereits grüne und braune Farbe im Gesicht und auf den Armen. Ihre Zähne waren spitzer als sonst und die Augen gelborange. Ihr dunkelblondes Haar war von einem schimmeligen Grünbraun überzogen, strähnig, verfitzt und mit Pflanzenstengeln verflochten. Das nach dem Fest wieder zu lösen würde eine Menge Arbeit werden.
Ein Stück weiter stand Lisa vor einem der hohen Fenster, das durch die Finsternis draußen einen passablen Spiegel abgab. Sie trug eine schwarze Herrenrobe, war aber sonst noch weitgehend sie selbst – bis eben hatte sie Mandy geholfen, sich in Jenny Grünzahn zu verwandeln. In Verwandlung war sie geschickter, weshalb sie Augen und Zähne bearbeitet und ein wenig mit der Kleidung geholfen hatte. Nun wandelte sich ihr etwas mehr als schulterlanges Haar, das sie aus den gesteckten Zöpfen gelöst hatte, von schokoladenbraun zu kohlschwarz. Eine großzügige Portion Haargel später fiel es ihr strähnig und speckglänzend ins Gesicht. Sie zauberte sich die Augen schwarz und ließ die Nase wachsen, bis sie einem Geierschnabel ähnelte. Grinsend drehte sie sich zu den anderen um:
„Wie sehe ich aus?"
„Du wirst leiden." Padma klang besorgt. „Das läßt er dir nicht durchgehen."
„Meinst du? Das ist ein Kostümfest. Viel mehr als Nachsitzen kann er mir nicht antun. Nicht ohne daß die anderen Lehrer rebellieren."
„Bist du sicher, daß du im richtigen Haus gelandet bist?", fragte nun auch Morag. „Sowas würde zu meinen Brüdern passen."
Lisas Grinsen wurde nur breiter.
„Wow, wenn ich nicht wüßte, daß du das bist…"
Der Harlekin lächelte mit schwarzen Lippen. Eloises Haar war hochgesteckt und unter einer schwarzweißen Narrenkappe verborgen. Der Anzug wandelte ihre Figur in eine schematische Menschenpuppe, das Gesicht bedeckte eine dicke Schicht Schminke. Sie verneigte sich in wortlosem Dank vor Sophie. Diese steckte bereits in einem flauschigen weißen Fellanzug, der mit Kühlzaubern präpariert war. Ein paar Schritte weiter stand Hannah im langen weißen Kleid und mit weiß gepudertem Gesicht und versuchte, ihre Haare ebenfalls weiß zu zaubern. Bisher hatte sie lediglich ihr Blond sehr hell bekommen.
„Eloise, hilfst du mir bitte mal? Du bist doch so gut in Verwandlung."
„Warum läßt du es nicht einfach so? Ich finde, es paßt."
„Meinst du?"
„Sicher", stimmte Susan zu. Sie hängte gerade einen Köcher mit silbern befiederten Pfeilen über ihre Schulter. Dazu passend trug sie ein Stirnband mit Mondsichel, ein knielanges, ärmelloses Gewand in Blau und Silber und Sandalen. Ein silbern glänzender Bogen lag bereit.
Hannah schenkte ihrem Spiegelbild ein unsicheres Lächeln und steckte den Zauberstab ein.
In diesem Moment kam Megan aus dem Badezimmer, jedes freie Stückchen Haut mit blaugrauer Farbe bedeckt. Darauf waren kreuz und quer grobe Nähte gemalt. Sie trug ein buntes Flickenkleid. Ihre sonst honigbraunen Haare waren hellrot gezaubert.
„Eloise, bekommst du meine Haare etwas dunkler?"
„Wieviel dunkler? Was bist du eigentlich? Eine lebende Puppe?"
„Ja, eine Puppe…" antwortete sie mit einem wehmütigen Lächeln. „Schaffst du etwas, das ein bißchen heller und leuchtender ist als Weinrot?"
Als sie den Gemeinschaftsraum betraten sprangen Megan und Sophie, die zuvorderst gingen, mit einem Quietschen zurück, als sich ihnen ein Skelett in den Weg warf. Wie sie kurz darauf erkannten, war es ein mit Knochen bemalter Anzug mit einem sehr geschickt platzierten Desillusionierungszauber, der das Drumherum mit dem Hintergrund verschmelzen ließ. Das Lachen entlarvte Roger. Auf einem Sessel in der Nähe thronte Anubis. Die Schakalmaske wurde von einigen jüngeren Schülern bewundernd und neidvoll beäugt. An den Sessel gelehnt stand Zaccharias in einem hellbraunen, mit groben Längsfurchen strukturierten Anzug. Daraus sprossen um die Schultern herum lange braune Tentakeln, die dicht mit länglichen grünen Auswüchsen bedeckt waren.
Ernie, ebenfalls im griechisch anmutenden Gewand, in seinem Falle allerdings mit goldenem Bogen und einer Sonne auf der Stirn, legte Susan den Arm um die Schulter.
„Schön daß du da bist, Schwesterchen. Was hältst du davon, wenn wir uns die Haare dunkler zaubern, um besser ans Mittelmeer zu passen?"
„Warum, das paßt doch so. Wir sind schließlich Sonne und Mond."
„Da hast du auch wieder Recht."
Megan betrachtete Zaccharias mit nachdenklichem Blick.
„Bist du irgendein Meerestier?"
„Nein, eine Weide. Das erkennt man doch, Püppchen."
Damit machten sich die Dachse des siebten Jahres gemeinsam auf den Weg zum Saal.
Die Fenster lagen längst in Dunkelheit, doch auch das Licht der kugelförmigen Lampen, die in Trauben unter der Decke hingen, war grünstichig, was sie alle etwas kränklich aussehen ließ. Mittlerweile waren die Mädchen daran gewöhnt. Immerhin erstrahlte im Bad magisches Sonnenlicht – die Gabe einer späteren Hauslehrerin, denn der große Salazar hatte nicht daran gedacht, daß man auch außerhalb des Labors Farben vernünftig erkennen können mußte.
Millicent hatte das Bad schon hinter sich. Puder verlieh ihrer Haut einen Rotschimmer. Nun stand sie neben ihrem Bett und mühte sich, den Reißverschluß im Rücken ihres Kleides zu schließen, kam aber in der Mitte nicht weiter. Sie war noch immer fasziniert von diesem Stoff und davon, wie anders sie in dem Kleid aussah. Gut, daß Tracey sie überzeugt hatte, dies zu wagen. Millicent hatte das gute Stück für das Kostümfest liebevoll arrangiert. Es trug ein Flammenmuster, und darunter lugte ein Stoffschwanz hervor, den sie sich mit einem Haftzauber befestigt hatte.
Pansys gehässiges Kichern erklang ein Stück weiter:
„Nimm den Zauberstab dafür! Bist du immernoch zu blöd dazu, oder doch ein halber Squib?"
Millicent reagierte nicht auf den Kommentar, obwohl er schmerzte. Es brächte sie nicht weiter, jetzt mit Pansy zu streiten.
„Warte, ich helfe dir." Tracey, bereits in ein kurzes schwarzes Kleid mit silbrigem Spinnennetzmuster gekleidet, kam zu ihr herüber. Mit einem raschen Handgriff schloß sie den Reißverschluß. Pansy ätzte derweil weiter:
„Du auch? Und ihr wollt Hexen sein? Daß man sich in Salazars Haus mit halben Muggeln abgeben muß!"
„Solange wir brav gespurt haben warst du dir nicht zu fein, dich mit uns abzugeben", antwortete Tracy ruhig, doch mit Bitterkeit in der Stimme.
„Du meinst, solange ihr wußtet, wo euer Platz ist. Aber das werdet ihr schon wieder lernen."
„Könnt ihr eure Streitereien nicht aus dem Schlafsaal heraushalten? Ihr seid furchtbar anstrengend!" Daphnes Stimme füllte mühelos den Raum. Sie stand an der Tür, die zum Bad führte, umspielt von einem Kleid in Weiß und Hellgrau, zart wie Nebelschleier. In den Händen hielt sie eine kleine Kiste.
„Ich geh mich jetzt fertig schminken. Versprecht mir, euch nicht gegenseitig zu verfluchen."
Die Mädchen nickten ihr zu, wobei Pansy theatralisch mit den Augen rollte. Daphne bedachte den Raum mit einem strengen Blick und rauschte hinaus. Pansy widmete sich wieder ihren hochhackigen schwarzen Stiefeln. Sie trug eine weiße Bluse mit weiten, an den Handgelenken gerafften Ärmeln, dazu Hose und Miedergürtel aus dunklem Leder. Letzterer hatte Schlaufen, die einen Hammer und mehrere hölzerne Pflöcke hielten. Auf eine Robe hatte sie verzichtet, was ihre Mutter als skandalös empfunden hätte. Das Haar war zu einem lockeren Zopf geflochten.
Die Tür, durch die Daphne gerade den Raum verlassen hatte, öffnete sich und herein kam, lautlos in dünnen Seidenschuhen, Sally. Ihr blaßgrünes Kleid war bis zu den Knien mit Feuchtigkeit vollgesogen. In Strähnen ihres dunkelblonden Haares waren Teichrosen geflochten. Ihre Haut hatte einen schwachen Grünschimmer – oder waren das nur die Lampen? Beim Anblick von Pansys Kostüm brach sie in Lobeshymnen aus. Tracey und Millicent tauschten einen Blick. Rasch setzte Millicent ihren Hörnerhaarreif auf und griff sich die Gabel, dann verließen die beiden den Schlafsaal.
„Ihr seht tot genug aus."
Draco schob Vincent und Gregory beiseite, die verschämt und unsicher vor Schminkfarben, Pinseln und Puderdosen standen, die auf den Simsen ihres Waschraumes ausgebreitet waren. Vincent hatte vor allem Weiß und Grau im Gesicht, gemischt mit etwas Blau. Die Lumpen, die er trug, waren liebevoll zerrissen und verdreckt. Und das erste, was er jemals aus zweiter Hand gekauft hatte.
Gregory trug einen einfachen Kittel mit weiter Hose aus grobem, ungefärbtem Leinen. Er hatte versucht, Augenringe und Runzeln zu schminken, allerdings wenig überzeugend. Deutlich echter wirkte der graue Bart, der bis zur Brust reichte, und die passende Perücke.
„Ja, Meister", murmelte er und verbeugte sich vor Draco. Dieser antwortete mit einem Grinsen. Er trug schwarzen Samt und weiße Spitze. Die Haare waren noch akribischer zurückgegelt als sonst. Den Zauberstab in der Hand wandte er sich dem Spiegel zu. Mit kleinen, präzisen Bewegungen ließ er seine Eckzähne wachsen und spitzer werden. Anschließend griff er zu einer Puderquaste, um seine ohnehin schon sehr helle Haut noch blasser zu machen. Währenddessen verließ Vincent bereits den Raum. Gregory hingegen wartete.
Draco starrte in den Spiegel und spielte mit dem Zauberstab zwischen den Fingern, als Blaise und Theodore das Bad betraten.
„Mach Platz, Süße, du hast dich lange genug hübsch gemacht."
Draco rollte mit den Augen. Die Zeiten, in denen er sich von Blaise hatte provozieren lassen, waren vorbei. Dieser drängte sich mit vor den Spiegel, in Smaragdgrün und Gold gekleidet, mit Hemd, Weste, weiter Hose und Schuhen wie aus einer Illustration in einer Sammlung orientalischer Märchen. Auf dem Kopf thronte ein Turban, der mit Pfauenfedern geschmückt war. Er zauberte sich die Ohren spitz, stäubte etwas Goldpuder auf die Jochbeine und sah dann nachdenklich in den Spiegel.
„Stimmt was nicht?", fragte Theodore, einen Schwamm und ein Töpfchen Theaterschminke in den Händen.
„Ich hätte gern gelbe Augen", antwortete Blaise. „Aber ich bin nicht sicher, ob ich das gut hinbekomme. Nicht, daß ich den Rest des Abends unscharf sehe oder so."
Von Draco war ein Schnauben zu hören, doch der Zauberer im Dschinnkostüm ließ sich davon nicht beeindrucken. Er wandte sich an Theodore:
„Warum schmierst du dir eigentlich den ganzen Kleister ins Gesicht? Du bist doch blaß genug? Hast du etwa Angst, daß du beim Flirten rot wirst?"
„Du bist einfach unmöglich."
Theodore bedachte ihn mit einem Kopfschütteln und fuhr fort, die weiße Paste aufzutragen. Er hatte bereits eine Tunica und ein Wickelgewand in dunklem Violett angelegt und war der Einzige der fünf, der Sandalen trug. Blaise betrachtete ihn weiter mit skeptischem Blick.
„Deine Haare stimmen noch nicht ganz."
„Wieso?"
„Für Hades die falsche Farbe."
Er tippte seinem Zimmernachbarn den Zauberstab auf den Kopf und mitternächtliches Schwarz breitete sich aus. Bei schlechter Beleuchtung fiel der Unterschied kaum auf, doch Blaise hatte ein Auge für Details. Deswegen ließ er gleich einen zweiten Zauber folgen, unter dem sich Locken formten.
„Bart?"
„Laß mal, damit kann ich in zwanzig Jahren anfangen. Oder noch später."
„Aber die antiken Darstellungen-"
„Übertreiben wir es nicht mit dem Realismus."
Blaise wandte sich dem Blonden zu:
„Draco, bist du nicht ein bißchen blaß um den Mund und für einen Vampir?"
„Schon", antwortete dieser, unschlüssig sein Spiegelbild betrachtend. „Aber ich kann schlecht Kirschrot nehmen, das wird zu viel."
„Frag Daphne, sie kann das."
Draco sah ihn skeptisch an. „Ich kann doch nicht Daphne fragen, ob sie mir beim Schminken hilft."
„Doch, kannst du. Kennt ihr euch nicht schon ewig? Was solls, ich gehe Tracey fragen, ob sie mir die Augen verzaubert. Wir sehen uns."
Die anderen, ebenfalls fertig, folgten mit einem Schulterzucken.
Die Große Halle war wahrhaftig überwältigend. Die schwebenden Kerzen waren schwarz und verbreiteten orange getöntes Licht. Jetzt waren auch die Kürbisse mit Lichtern bestückt, in Grün, Rot und Violett, was sie noch gespenstischer machte, als sie es zur Mittagszeit gewesen waren. Fledermäuse huschten durch den Saal, und einige der Eulen hatten sich eingefunden und auf den Zierelementen an den Wänden verteilt. Geister schwebten über den Tischen, sogar in größerer Zahl als beim Willkommensfest: Die Seelen der Toten hatten Gäste geladen. Einige tanzten hoch über den Köpfen der Schüler zu unheimlichen Streicherklängen aus einem Grammophon neben dem Lehrertisch. Die Haustische waren verschwunden, stattdessen gab es zwei lange Buffettafeln an den Wänden und zahlreiche Stühle und kleinere Tische am Rande, sodaß in der Mitte reichlich Platz blieb. Hier waren Spiele aufgebaut: Schnüre mit Zuckeräpfeln und Bonbons, eine Wanne mit grün leuchtendem Schleim, in dem neben den traditionellen Äpfeln allerhand Süßigkeiten schwammen, ein Hindernisparcours, ein hüfthohes Schachspiel, dessen Figuren als Vampire, kopflose Reiter und dergleichen gestaltet waren und manches mehr. Der Nachmittag sollte den jüngeren Jahrgängen gehören. Erst nach dem Abendessen, wenn die Kleinen zu Bett geschickt wurden, würde der Saal geräumt werden, um als Tanzfläche zu dienen. Nahe dem Lehrertisch trennten samtene Vorhänge und Kürbislaternen einen kleinen Bereich ab. Dort waren Lampen und eine riesige Kamera aufgebaut, nebst einer Trittleiter.
Hermione ließ sich mit den anderen treiben und fand sich an einem der Tische wieder, mit gutem Blick aufs Buffet, das liebevoll dekorierte Kuchen, Toast in Fledermausform, Leichenfinger, die hoffentlich Würstchen waren und dergleichen trug. Dean, Seamus, Parvati und Lavender saßen in ihrer Nähe. Sie ließ die Augen durch den Raum wandern, über die Schüler, die in den Saal strömten und deren oft phantasievolle Kostüme und über den Lehrertisch, an dem das Spektrum von Snapes üblichen schwarzen Roben über ein Spinnenarrangement auf McGonagalls Hut bis zu Schwanenflügeln auf Greys Rücken reichte. Familie Malfoy hatte sich gemeinschaftlich für Vampire vom Typ edel entschieden. Wenn sie nach Dracos säuerlichem Gesichtsausdruck ging, vermutlich ohne Absprache.
Professor Snape eröffnete das Fest, wobei er den Eindruck erweckte, er wäre überall lieber als in dieser Halle. Mit knappen Worten wies er auf den Zeitplan und die Schlafenszeit für die unteren Jahrgänge hin, darauf, daß Professor Flitwick sich darauf freue, die Kostüme zu fotografieren, und daß es über Nachmittag und Abend hinweg noch einige Programmpunkte gebe. Dann setzte er sich und nahm einen Schluck von der dunklen Flüssigkeit, die vor ihm stand. Das Grammophon setzte wieder ein. Über der Fotoecke leuchtete eine römische Eins auf: Professor Flitwick rief die Erstklässler zu sich, bevor sie sich mit Saft und Schleim vollkleckern konnten.
„Ich hol mal was zu trinken. Soll ich euch was mitbringen?"
Seamus verschwand mit Bestellungen, für die er ein Tablett brauchen würde.
„Eigentlich erstaunlich, daß ausgerechnet Sarah als Sirene unterwegs ist, und nicht Greengrass.", sagte Parvati.
„Wieso?"
„Weil die von manchen ‚Sirene von Slytherin' genannt wird. Sie hat schon etliche Jungs verschlissen, und auch ein paar Mädchen, nach allem was man so hört. Egal mit wem sie zusammen ist, es hält nie länger als ein paar Wochen."
„Anthony ist immernoch nicht gut auf sie zu sprechen, weil sie ihn kurz vor den Ferien abserviert hat", ergänzte Lavender.
„In der Hinsicht paßt sie perfekt zu Zabini. Dem ist auch keine gut genug, um sie nicht schnell wieder fallen zu lassen. Wahrscheinlich haben die zwei auch was miteinander, so oft wie die zusammen herumhängen."
„Vielleicht braucht er nur die Richtige?", gab Lavender zu bedenken.
„Was meinst du damit?", fragte Hermione mit Schärfe in der Stimme.
„Eine, die es schafft, sein kaltes Herz zu wärmen. Die genug Liebe geben kann, um sie in ihm zu wecken." Lavenders Stimme hatte etwas Träumerisches angenommen.
„Deine Freude an Romanzen in allen Ehren, aber du solltest nicht alles glauben, was in diesen Büchern steht", sagte Hermione.
„Was verstehst du denn schon von Liebe?"
„Ich liebe meine Eltern und meine Freunde."
„Das ist etwas anderes. Hast du Ron denn wirklich geliebt? Mit aller Leidenschaft, und nicht nur als Freund? Ich nämlich schon!"
„Dann hättest du vielleicht eher merken müssen, daß dein Anhimmeln ihm peinlich war!"
„Schluß jetzt, ihr zwei!" Parvati versuchte, den Streit zu beenden, doch Hermione stürmte davon. Sie kämpfte mit den Tränen, die in ihren Augen brannten und gern fließen wollten, denn dieser Vorwurf hatte mehr weh getan als sie für möglich gehalten hätte. Existierte vielleicht doch eine Form von Liebe, die ihr fehlte? Die hätte erwachen sollen, als diese aufregende erste Zeit des Herantastens mit Viktor vorüber war? Die verhindert hätte, daß sie mit Ron aneinandergeriet? Ihre rationale Seite vertrat den Standpunkt, daß es so simpel nicht sein konnte. Dennoch nagten Zweifel.
Sie drückte ein Taschentuch gegen die Augenwinkel und schluckte Wut und Zweifel. Abstand würde helfen. Hermione holte sich ein Glas Bowle (mit Würmern aus Mango und Augäpfeln aus Pfirsich) und einen Muffin vom Buffet und sah sich um. Susan winkte ihr zu, und sie ging zu der Gruppe.
„Du hast auch ein griechisches Kostüm! Ob Flitwick uns nachher alle zusammen fotografiert?", begrüßte die Hufflepuff die neu Angekommene.
„Hallo Hermione! Das ist gut geworden", sagte die Medusa. Hermione brauchte einen Moment, um sie zuzuordnen.
„Morag! Ich hab dich nur an der Stimme erkannt. Das ist wirklich beeindruckend."
„Danke. Ich hab gehört, ihr habt noch eine Sirene im Haus?"
„Ja, Sarah."
„Dann sind wir fünf in unserem Jahr, die sich für die klassische Antike entschieden haben", sagte Ernie.
„Sechs", widersprach Morag. „Terry meinte, er hätte bei den Slytherins einen Hades gesehen. Habt ihr euch abgesprochen, Hermione?"
„Nein. Ich dachte nur, die Königin der Unterwelt ist ganz passend für Halloween. Auch wenn noch einiges mehr dranhängt."
„Ich finde es einfach toll, die vielen liebevollen Kostüme zu sehen", sagte Susan. „Seht mal, die Minivampire da hinten. Und ist das dort ein Wichtel? Oh, Ernie, wir müssen. Ich glaube, Eloise braucht Unterstützung."
Die Hufflepuff zeigte auf den Spielbereich, der gut besucht aber gerade nur sparsam betreut war.
„Du hast Recht. Bis später, wir gehen Kinder hüten."
Es war deutlich zu hören, daß er lieber geblieben wäre, aber Ernie nahm seine Aufgabe ernst. Und so zogen Apollo und Artemis los, um zu verhindern, daß Kürbisse und Gespenster einander vor Begeisterung im Planschbecken ertränkten.
Millicent lehnte mit einem Glas Bowle an der Wand und beobachtete das Treiben. Es war angenehm, nicht ganz so exponiert zu sein. Sie hatte das Gefühl, daß alle sie anstarrten. Das stimmte so nicht wirklich, aber es sahen doch mehr Leute zu ihr als gewöhnlich, auch wenn die meisten davon den Mund hielten. Von Pansy hatte sie natürlich nichts als Spott erwartet. Ashley und Liliana waren begeistert gewesen. Bei der Erinnerung daran, wie Lili anschließend Ashley, die sich eigentlich über Kinderkram erhaben fühlte, zu den Spielen schleppte, mußte sie wieder schmunzeln.
„Was ist so witzig?", fragte Tracey.
„Ich mußte gerade wieder an unsere Schwestern denken – Oh, sieh mal! Erkennst du, wer das ist?" Da hatte doch tatsächlich jemand den Mut oder auch die Tollkühnheit besessen, sich als Professor Snape zu verkleiden. Wer auch immer das war, hatte nicht mit Verwandlungszaubern gegeizt. Trotz der Nähe konnte sie die Person nicht zuordnen. Möglicherweise jemand aus Ravenclaw, wenn man nach den Leuten daneben ging.
„Das könnte spannend werden. Sieh mal da drüben."
Tatsächlich bewegte sich ein Stück weiter das Original durch die Halle. Die Ravenclaws erspähten ihn nicht, bis er unmittelbar hinter seinem Double stand. Die frostige Stimme war leise, schnitt aber durch alle anderen Geräusche:
„Miss Turpin."
Pseudo-Snape fuhr herum. „Ja, Professor?" Ihre Stimme war erstaunlich fest.
„Dreißig Punkte Abzug für Ravenclaw wegen Anmaßung." Damit glitt er davon.
Bald darauf wurde es merklich dunkler im Saal und vor dem Lehrertisch flammte ein Ring von Kerzen auf. Stille senkte sich herab, als die Schüler Gespräche und Spiele unterbrachen, um zu schauen, was vor sich ging. Eine silbrig-weiße Gestalt stand im Flammenring, und Millicent erkannte Daphne. Sie summte eine zarte Melodie, die von einer Flöte irgendwo in den Schatten um sie her aufgenommen wurde. Dann begann sie zu singen. Man hätte Schneeflocken fallen hören können. Es war sicher nicht das Lied, das den Zauber spann, ein traditionelles Stück, das von der Reise der Seelen in der Nacht der Toten erzählte und die Ahnen zum gemeinsamen Mahl einlud. Es war ihre Stimme. Da war mehr als die klaren Töne und das seidenweiche Timbre. Hätte sie nicht gewußt, daß da ihre Klassenkameradin sang, hätte sie dieses Geschöpf für nicht ganz menschlich halten können. Diese Stimme kratzte am Bewußtsein, öffnete und durchdrang die Seele. Millicent wurde kalt und warm zugleich, sie spürte Trauer, Sehnsucht, Hoffnung, Frieden. Neben sich hörte sie Tracey nach Luft schnappen.
Als der letzte Ton verklungen war, blieb die Stille zurück wie dicker Nebel. Dann hörte man ein Klatschen vom Lehrertisch, dem alsbald Applaus aus allen Richtungen folgte. Daphne verneigte sich schweigend. Dann verlosch der Kerzenring, und als es wieder heller wurde, stand an ihrer Stelle die Flötenspielerin: Lyra Selwyn, eine Fünftklässlerin aus Slytherin. Auch sie holte sich ihre Portion Applaus.
Die Kerzen, die auf dem Boden standen, erhoben sich und schwebten auf den Lehrertisch, wo sie sich verteilten. Funken flammten auf, tanzten in Wirbeln von Grün, und offenbarten im Verglühen Schlagzeug, Gitarre und Baßgitarre. Tiberius trat aus den Schatten am Rande ins Licht. Millicent fiel erst jetzt auf, daß er nicht mehr am Tisch saß.
„Danke, Miss Greengrass und Miss Selwyn. Mit Stolz und Freude darf ich nun die True Wizards begrüßen, die sich hier in Hogwarts' Hallen des Wissens zusammengefunden haben. Sie werden uns mit einigen Stücken aus eigener Feder erfreuen."
Er entschwand nach hinten und machte sich auf den Weg zu seinem Platz. Zur gleichen Zeit liefen vier Schüler zu den Instrumenten. Slytherns, natürlich, zwei Viertklässler und je einer aus der dritten und fünften. Millicent kannte sie alle als begeisterte Unterstützer der aktuellen Entwicklungen.
Sie spielten laut und enthusiastisch. Die musikalische Qualität zu beurteilen, fühlte sich Millicent nicht berufen. Dafür lauschte sie umso genauer auf die Texte. Schon Titel wie „Unsre Stunde ist nah" und „Kehrt raus den Dreck" sprachen für sich. Einige Schüler tanzten und sangen die Refrains mit. Manche davon erkannte sie ebenfalls als ihrem Haus zugehörig. Professor Malfoy glühte vor Stolz, McGonagall wohl eher vor unterdrücktem Zorn. Im dritten Stück flog eine Kürbispastete auf die Bühne, platzte vor den Füßen des Sängers und verzierte sein Gewand mit orangenen Sprenkeln. Interessanterweise konnte niemand nachvollziehen, wer das Ding hatte fliegen lassen, wohl weil der Saal im Dunkeln lag. Nach einem Ordnungsruf des Direktors spielte die Band hinter einem Schildzauber weiter.
Es schloß sich eine Programmpause an, bei besserer Beleuchtung. Stimmen summten durch den Saal.
„Was war das denn für ein Zeug?" Tracey schüttelte ungläubig den Kopf.
„Der Soundtrack zur neuen Welt?"
„Hoffentlich nicht. Wenn die sich einen neuen Texter suchen und noch ein paar Jahre üben kann vielleicht was draus werden, aber so?"
Millicent lachte. „Also doppelt gruselig. Wie fandst du eigentlich Daphne?"
„Unglaublich. Da muß irgendein Zauber dabei gewesen sein. Musik kann viel, aber das?"
„Ging mir auch so."
„Sieh mal da drüben."
Millicent folgte Traceys Blickrichtung. Convallaria, angetan als Morgana, sah noch immer zur Bühne, auf die Stelle, an der der Kerzenring gestanden hatte. Ihre Miene ließ Millicent frösteln.
„Was sie wohl vorhat?"
„Bestimmt nichts Gutes."
Der Nachmittag eilte dahin. Die Kinder genossen es, sich auszutoben und einige fanden Vergnügen daran, andere Schüler zu erschrecken, wobei sie auch vor den höheren Jahrgängen nicht haltmachten. Sehr beliebt war die klebrig süße, giftgrüne Mischung, die in kleinen Gläsern ausgegeben wurde: Sie ließ die Zunge leuchten. Mit einem Schmunzeln stellte Hermione fest, daß auch Dean und Seamus einander begeistert die Zungen herausstreckten, die eine himbeerrosa, die andere neongelb. Die Buffettische wurden nachgefüllt, was manche dazu verführte, zu futtern, bis sie nicht nur durch Schminkfarben grün im Gesicht waren. Ein Geisterpaar gab Unterricht in Gruppentänzen aus dem letzten Jahrhundert. Professor McGonagall brachte wortlos eine steppende Spinne nach draußen, als Mr. Filch lauthals verlangte, das Verbot von Weasley-Produkten durchzusetzen. Der Eigentümer konnte nicht identifiziert werden.
Zur üblichen Abendessenszeit, als diejenigen, die sich nicht durch den Nachmittag gefuttert hatten und im Zuckerschock waren, überwiegend Kürbissuppe löffelten, flammte über Professor Flitwicks Fotoecke eine Sieben auf. Ihr Jahrgang war an der Reihe.
Hermione leerte ihr Glas und folgte dem Aufruf. Rasch fand sich die gesamte siebte Klasse bei Professor Flitwick ein. Die Stoffbahnen waren auf der Innenseite weiß und umgaben eine kleine Bühne, die sich passend ausleuchten ließ. Davor war die Kamera aufgebaut, die der Zauberkunstlehrer, auf der Leiter stehend, bediente. Er strahlte die Schüler an.
„Ich werde Sie in Gruppen ablichten, die zusammen passen. Spielen Sie ruhig ein bißchen Theater, dabei entstehen die besten Szenen. Beginnen wir doch mit den Vampiren… Ah, das sollte passen." Professor Flitwick schwang seinen Zauberstab, und die Stoffbahnen begannen, ihre Farbe zu wechseln. Helles Grau floß von oben herab. In verschiedenen Nuancen waberte es umher, sodaß der Eindruck von Nebel entstand.
Draco stolzierte in den Bildausschnitt und stellte sich in Positur. Die beiden Patil-Schwestern hingegen faßten einander an den Händen und tanzten mehr als daß sie gingen. Sie huschten um Draco herum und versuchten, ein schönes Arrangement zu finden.
Pansy kam ebenfalls dazu. Mit gezücktem Zauberstab näherte sie sich den Pseudoblutsaugern. „Euer Ende ist nahe", rief sie. Allerdings waren ihre Augen nur auf Draco gerichtet. Der bedachte sie mit einem gelangweilten Blick. „Du kannst gehen. Ich habe bereits gespeist."
„Aber ich habe noch Hunger!", rief Parvati, schnappte sich einen Arm und zog die erschrocken quietschende Pansy zu sich. In diesem Moment klickte die Kamera.
„Perfekt!" rief Professor Flitwick. „Die nächsten bitte!"
Parvati ließ los, und Pansy steckte den Zauberstab weg, den sie sogleich auf die ‚Vampirin' gerichtet hatte. Die vier verließen die Bühne und mischten sich wieder unter die Wartenden, um weiter zuzusehen.
Noch während sich die Vampire zurückzogen kam Blaise nach vorn. Die gelbgehexten Augen leuchteten aus seinem Gesicht. Mit diabolischem Grinsen zog er Millicent mit sich, die ihrerseits noch daran arbeitete, in ihre Rolle zu finden. Vor der Kamera angekommen machte sie sich los und griff ihre Gabel mit beiden Händen. Die beiden begannen einander zu necken und zu jagen. Professor Flitwick wählte ein dunkles Rauchgrau für den Hintergrund, vor dem sich die Höllenbrut gut abhob und beobachtete das Treiben. Er drückte den Auslöser, als Millicent Blaise mit der Gabel drohte und dieser grinsend einen Finger gegen die mittlere Spitze drückte.
Flitwick freute sich sehr über die Kostüme, die mythologische Themen aufgriffen, und gab der Bühne eine Tag- und eine Nachtseite für Apollo und Artemis. Morag-Medusa wurde ausnahmsweise allein abgelichtet, wie sie zum Entzücken des Fotografen einer der Schlangen, die ihrem Haupt entsprangen, einen Kuß aufs Mäulchen hauchte.
Danach kamen Ron und Hannah mit einem Gespenstertanz und eine kleine Zombieparade: Vincent und Gregory schlurften als Untote umher. Megan Jones aus Hufflepuff hatte offensichtlich Sally gewählt, was aber nur diejenigen erkannten, die genug Kontakt zu Muggeln hatten, um sich mit Filmen auszukennen. Professor Flitwick hatte sie einfach mit zu den wandelnden Leichen sortiert.
Es folgte Harry in seinem Basiliskenkostüm. Ihm wurde Anthony zugeteilt, der als Schwarzer Ritter gekommen war. Die beiden Jungen hatten eine Menge Spaß dabei, den Kampf des Ritters gegen das Ungetüm zu spielen und jagten sich gegenseitig über die Bühne. Schließlich mußte Professor Flitwick sie fortscheuchen, als er genug Material hatte. Harry zischte und rannte Anthony hinterher, der sich, noch immer lachend, wieder ins Publikum mischte. Dann wurden die nächsten aufgerufen.
„Ah, nochmal griechische Antike", sagte Professor Flitwick erfreut. „Miss Granger, Mr. Nott, kommen Sie nach vorn."
Beide gehorchten und betraten die Bühne. Hermione schielte zu ihrem Klassenkameraden hinüber. Wahrscheinlich war sie so ungefähr die letzte Person, die er sich als Persephone gewünscht hätte. Aber das war ja wohl kaum ihr Problem. Wie schwer konnte es schon sein, als Herrscherpaar der Unterwelt zu posieren? Sie versuchte, würdevoll auszusehen, und streckte ihre Hand aus, die er nach kurzem Zögern ergriff. Mit einer Armeslänge Abstand.
„Etwas dynamischer bitte", wurden sie angewiesen. Der Zauberkunstlehrer malte mit einer eleganten Dirigierbewegung sanfte Hügel mit wogendem Gras und Blumen auf den Hintergrundstoff. Sie schluckte. Wenn sie das richtig deutete, würde Abstand halten schwierig werden.
„Nun stellen Sie sich nicht so an! Sie kennen die Geschichte doch, oder? Mr. Nott, ziehen Sie Miss Granger zu sich. Sie wurde Ihnen als Braut versprochen und nun wollen Sie sie nach Hause holen. Miss Granger, Sie wissen nichts davon und wollen nicht mit."
„Dann hätte ich gern einen Streitwagen", kam es prompt von Nott. Hermione mußte grinsen.
„Das bekommen Sie bestimmt auch so hin. Der Direktor erlaubt keine Pferde im Schulhaus."
Diese Entgegnung sorgte auch vor der Bühne für Erheiterung. Dennoch fühlte Hermione eine unangenehme Anspannung. Sie wollte wieder ins Publikum, oder mit jemand unverfänglicherem spielen.
„Bringen wir es hinter uns?"
‚Hades' nickte. Er legte seinen Stab an den Bühnenrand, um beide Hände frei zu haben, und verneigte sich vor ihr.
„Persephone, Tochter der Demeter, erweise mir die Ehre, mich in mein Heim zu begleiten."
„Wieso?"
„Weil du dort jetzt wohnst."
„Hab ich was verpaßt?" Sie verschränkte die Arme.
„Offensichtlich. Dein Vater versprach mir deine Hand."
„Na der kann was erleben!"
Verhaltenes Lachen drang zu ihr durch. Und sie hätte schwören können, daß ihr Spielpartner sich ein Lächeln verkneifen mußte. Stattdessen streckte er die Hand nach ihr aus.
„Können wir das später klären? Mir ist hier entschieden zu viel Sonne."
„Vergiß es!" Sie entknotete ihre Arme und hielt abwehrend die Hände vor sich, was er nutzte, um ihren rechten Arm zu ergreifen und sie heranzuziehen. Sie stolperte ihm leise fluchend entgegen.
Das anschließende Ringen war eigenartig. Hermione verzichtete darauf, zu kratzen und zu treten, immerhin war das kein echter Kampf. Nott schien sich ebenfalls zurückzuhalten. Außerdem beschlich sie das Gefühl, daß er keine Ahnung hatte, was er da eigentlich tat. Der rasche Griff, mit dem Millicent sie festgesetzt hatte, hatte sich deutlich professioneller angefühlt.
„Wunderbar!" rief Professor Flitwick. „Ungefähr so hatte ich mir das vorgestellt. Sie können aufhören, da ist bestimmt etwas Gutes dabei."
Hermione spürte, wie sich Theodores Griff löste, langsam, sodaß sie ihr Gleichgewicht wiederfinden konnte. Mit einem Schritt rückwärts zog sie sich ein Stück zurück. Sie nickten einander zu und Hermione schickte sich an, die Bühne zu verlassen. Da rauschte Theodore mit langen Schritten an ihr vorbei und zog den Zauberstab aus dem Ärmel. Blaise verschwand lachend zwischen den anderen Schülern und rannte in den Saal hinein.
„STOP! Keine Duelle im Schulhaus!"
„Ja, Professor Flitwick", grummelte Theodore und steckte den Stab wieder weg. Dann verließ er ebenfalls die Fotoecke.
„Was war denn das jetzt?", fragte Hermione, als sie sich wieder zu ihren Freunden gesellte.
„Nott hat 'nen Knall?", vermutete Ron.
„Nicht unbedingt", meinte Parvati, „Zabini hat ihn angegrinst und dann einen Kußmund gemacht."
„Wer weiß, vielleicht haben die zwei eine Wette laufen", sagte Morag mit einem Schulterzucken.
„Hoffentlich kommt er bald wieder", seufzte Lavender.
„Wer?", fragte Parvati.
„Blaise. Nicht daß er die anderen Kostüme verpaßt."
„Warum ausgerechnet – Moment, du benutzt seinen Vornamen? Ist er etwa-"
„Ssch! So war das nicht gemeint!" Lavender stand das Entsetzen ins Gesicht geschrieben.
„Das ist nicht dein Ernst!"
„Bitte seien Sie leiser", ertönte Professor Flitwicks hohe Stimme. „Lassen Sie Ihre Klassenkameraden spielen."
Die beiden verstummten, tauschten aber vielsagende Blicke und wurden von Morag, Hannah und Millicent interessiert beäugt. Hermione sah wieder nach vorn, wo Dean als Dementor, Roger als Skelett und Kevin als Gevatter Tod um einen kleinen Tisch saßen und Karten spielten. Sie genoß den Bilderrausch, der sich weiter vor ihr entfaltete. Die Gewächshauskulisse, die Neville, Zaccharias und Terry mit ihren botanischen Kostümen bekamen, Wind und glitzernden Schnee für Lavender und Sophie in ihrem Yetifell. Der Feenreigen aus Banshee, Brunnennixe und Jenny Grünzahn vor einem tiefdunklen See zwischen grünen Hügeln. Allzu rasch wurde das Licht gelöscht und die Kamera verpackt.
Die Utensilien für die Spiele schwebten an den Rand, dann erlosch ein Teil der Kerzen und Dämmerung senkte sich über die Große Halle. Es wurde sogar noch etwas dunkler als bei Daphnes Auftritt. Nach einer gefühlten Ewigkeit flammten am Vorderende Lichter auf und enthüllten die Bühne, zu der das Podest, das gewöhnlich den Lehrertisch trug, im Dunkel gewachsen war, und eine Gruppe von Musikerinnen, die sogleich mit vielstimmigem Jubel empfangen wurden.
Es war ein kurzes Konzert, wohl nur eine halbe bis dreiviertel Stunde. Aber es war genug, um fast allen ein seliges Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Es gab Schüler, die es schafften, sich heiser zu schreien oder völlig zu verausgaben. Als die Weird Sisters sich verabschiedeten und die Bühne verließen, wurden sie von Rufen nach Zugaben begleitet, die nicht verstummen wollten, als die Instrumente verschwanden und die Lichter sich wieder entzündeten. Erst Snapes Erscheinen sorgte für Stille.
„Wir danken unseren Gästen für ihren Auftritt. Es ist nun an der Zeit für die Klassen eins bis vier, ihre Häuser aufzusuchen. Heimliches Bleiben ebenso wie Umherwandern in den Gängen werden nicht geduldet. Die älteren Schüler erwartet noch der Gespensterball. Ich wünsche eine angenehme Nacht."
Nach diesen Worten verschwand Snape wieder in den Schatten. Wispern erhob sich unter den Schülern.
„Ob er schon ins Bett geht?" – „Wohl kaum, der ist bestimmt nachtaktiv." – „Aber er sieht so aus, als ob ihm die Feier Schmerzen bereitet."
Bevor der Geräuschpegel anschwellen konnte, trat Professor Sprout nach vorn:
„Wir haben uns im Kollegium beraten und wollen Ihnen noch eine Aufgabe stellen. Sie haben während des Abends wundervoll Theater gespielt und es sind großartige Bilder entstanden. Das wollen wir weiter ausdehnen. Während des Gespensterballs sollen Sie mindestens einmal mit jeder Person tanzen, mit der Sie abgelichtet wurden. Wenn Sie danach weitere Partner in passenden Kostümen finden, auch aus anderen Jahrgängen, gibt es einen Punkt pro Tanz für beide. Beleben Sie diesen Saal, und tanzen Sie, bis die Sohlen rauchen!"
Das Grammophon begann wieder zu spielen, und das Murmeln setzte ein. Die Aufgabe wurde mit sehr unterschiedlichem Maß an Begeisterung aufgenommen. Hermione behagte die Vorstellung nicht. Vielleicht konnte sie diese Anforderung einfach ignorieren, es war schließlich kein offizieller Schulstoff. Stattdessen wandte sie sich zu Morag um, die noch in ihrer Nähe stand. Monster und Unterweltgöttin? Das sollte passend genug sein.
„Probieren wir den Tanzboden aus?"
Morag lächelte, was auf dem schuppenglänzenden Gesicht durchaus angsteinflößend war.
„Gerne. Soll ich führen, oder willst du?"
Hermione zuckte mit den Schultern. „Mir ist beides recht." Irgendwie wird es schon gehen.
„Oder wir probieren etwas anderes."
Morag zog sie aus dem Gedränge und faßte ihre Handgelenke so, daß Hermione den Griff ganz von selbst spiegelte. Zum Walzerrhythmus drehten sie sich im Kreis. Der Saal verschwamm zu einem Bilderrausch. Harry und Anthony schubsten einander über die Tanzfläche. Blaise verbeugte sich übertrieben vor Millicent, die mit verschränkten Armen auf ihn hinunter starrte. Draco und Padma bewegten sich voll Eleganz vorüber.
„Es reicht, mir wird schlecht."
„Mir auch."
Lachend und schwankend bahnten sich die beiden Hexen den Weg zum Buffet, um etwas zu Trinken zu suchen.
„Seltsam", sagte Morag, „daß sie ‚Hand in Hand' nicht gespielt haben. Das war ein großer Hit, und es heißt, sie spielen es auf jedem Konzert, mindestens als Zugabe. Ich frage mich, ob sie sich nicht getraut haben, oder ob man es ihnen gleich verboten hat."
„Du meinst, wir sind schon bei Selbstzensur?"
„Gut möglich. Das würde zu der Stimmung passen, die man so aus dem Tagespropheten bekommt. Meine Eltern schreiben nichts dazu, ich schätze, sie sind vorsichtig. Aber das, was die Zeitung transportiert, paßt zu dem, was diese Schülerband hier abgeliefert hat."
Hermione hörte kaum verhohlene Verachtung in der Stimme der Ravenclaw und erinnerte sich an die Einschätzung, die Lisa in der Versammlung gegeben hatte. Daß Morag auf ihrer Seite stand, man ihre Familie aber möglicherweise erpressen werde. Würde sie trotzdem heimlich Widerstand leisten? Mit ihrem Geschick in Verwandlung wäre sie sicher eine Bereicherung für die Gruppe.
„Ohje, die Ärmste."
Hermione folgte Morags Blick. Auf der anderen Seite der Tanzfläche wurde Megan von Crabbe herumgeschoben. Nichts von dem, was er tat, hatte mit dem Rhythmus der Musik zu tun, und seine Richtungswechsel waren unvorhersehbar. Die Hufflepuff kämpfte damit, schnell genug zu reagieren, um nicht von den Füßen gerissen zu werden.
„Und dann noch Goyle. Das ist bestimmt nicht besser", entfuhr es ihr.
„Das war eine Schnapsidee. Herumhüpfen, auch mit Leuten, mit denen man auf einem formalen Ball nicht tanzen würde, ist ja nicht schlecht, aber sowas übers Knie zu brechen ... Was ist eigentlich mit dir und Nott?"
„Nichts. Ich werde diese Aufgabe ignorieren, es sei denn, McGonagall fordert mich persönlich dazu auf. Und Nott kommt bestimmt nicht von selbst. Der denkt doch, ich hab Flöhe oder so."
Froh gestimmt beobachtete Millicent das bunte Treiben. Das Unwohlsein, das die Schülerband geweckt hatte, war in den Hintergrund getreten. Die Runde um den Saal mit Blaise hatte mehr Spaß gemacht, als sie für möglich gehalten hatte. Er hatte sie weder beleidigt noch angegraben, sie hatten einfach herumgealbert. Inzwischen hatte sie ein Glas Bowle in der Hand und wieder Tracey an ihrer Seite. Beides mochte zu ihrer guten Laune beitragen. Die Spinnenhexe nieste, und ein Schwarm winziger Fledermäuse aus dunklem Rauch flatterte der Decke entgegen.
„Cool. Passiert das bei dir auch?", fragte sie.
„Das werden wir sehen. Mein Glas ist noch voller als deins." Aber nun, wo sie darauf achtete, spürte Millicent schon ein schwaches Kribbeln in der Nase.
„Sieh mal da drüben."
Draco hatte gerade das zweite Stück mit der Ravenclaw-Patil beendet, und wieder war Pansy ganz in der Nähe, um ihn abzufangen. Er versuchte, seine Partnerin gleich wieder aufs Parkett zu ziehen, doch diese schüttelte den Kopf, wollte anscheinend eine Pause. Draco gab den Galan und begleitete sie zum Buffett, vermutlich zum Getränkeholen. Millicent hätte jede Wette abgeschlossen, daß er verzweifelt versuchte, die zweite Schwester zu erspähen. Ein Stück weiter fiel ihr Daphne ins Auge, die mit unergründlicher Miene mit Sally tanzte. Anscheinend nahmen die meisten die Sonderaufgabe ernst, auch wenn dabei viele eher unkonventionelle Paare zustande kamen.
Millicent verschluckte sich fast an ihrer Bowle, als sie Professor Malfoy erspähte. Er mischte sich tatsächlich unter die Schüler auf der Tanzfläche, drehte Professor Sinistra im Kreis, die deutlich unentspannter aussah. Die gehörten doch an den hohen Tisch! Millicents Blick huschte ans Ende des Saals. Professor Snape fehlte. Anscheinend hatte er sich fortgeschlichen, sobald der offizielle Teil des Abends durch war. Ansonsten saßen die meisten Lehrer auf ihren Plätzen, wie es sich gehörte.
Etwas schlug gegen ihre Seite, das Glas kippte und blutrote Bowle schwappte auf den Boden. Ohne nachzudenken ließ Millicent das Glas fallen, drehte sich und griff zu. Es klirrte und ein spitzer Schrei zerriß die Musik. Sie sah sich Dabria gegenüber, deren Arm sie gepackt hielt.
„Finger weg, was bildest du dir ein?!"
„Paß auf wo du langläufst", erwiderte Millicent und ließ los.
„Du hast im Weg gestanden, entschuldige dich gefälligst!"
„Nicht mehr als alle anderen hier, es ist nunmal voll. Das ist kein Grund, sich durchzurempeln."
„Was ist hier los?" Professor Malfoys Stimme schnitt durch ihren Streit, und beide verstummten. Dabria fing sich zuerst. Sie legte die Hand auf den Oberarm, den Millicent erwischt hatte, und beklagte sich: „Das da hat einfach nach mir gegrabscht und mich gekniffen!"
„Du hast mich angerempelt. Ich bin erschrocken."
Mund und Augen des Lehrers wurden schmal.
„Miss Bulstrode, Sie werden sich entschuldigen und hier aufräumen. Beim nächsten Vorfall verlassen Sie den Saal. Morgen Nachmittag um vier werden Sie sich zu einer Strafarbeit bei mir einfinden. Das genügt hoffentlich, um Sie Respekt zu lehren."
Millicent fischte ihren Zauberstab hervor und fügte die Scherben wieder zusammen. Das reparierte Glas in der Hand, ließ sie die Bowlepfütze verschwinden. Sie neigte den Kopf in Richtung des Lehrers und wandte sich ab.
„Halt!", quietschte Dabrias Stimme. „Du hast etwas vergessen."
Millicent drehte sich zurück und hob die Brauen.
„Sie sollen sich entschuldigen", wiederholte nun auch Malfoy.
Mit Mühe unterdrückte Millicent ein Knurren. Arrogante Drecksstücke, allesamt. Doch Malfoy konnte ihr ernsthaft schaden, wenn sie ihm zu sehr auf die Füße trat. Und im aktuellen Klima war Dabria leider in der besseren Position.
„Bitte entschuldige den Unfall", stieß sie mühsam hervor.
„Das soll alles sein?"
„Sei nachsichtig, Dabria", mischte sich nun Tracey ein. „Sie ist einfach überwältigt von deiner strahlenden Erscheinung."
Diese ließ nur ein unwilliges Zungenschnalzen hören. Da tauchte wie aus dem Nichts Convallaria auf und legte Dabria eine Hand auf die Schulter.
„Laß gut sein. Professor, vielen Dank, die Angelegenheit ist geklärt."
Malfoy verschwand in der Menge, und Convallarias Blick heftete sich wieder auf Millicent. Irgendetwas würde sie verlangen, so viel war sicher.
„Du kannst deine Dankbarkeit zeigen indem du ein oder zwei Fragen beantwortest."
„Da bist du! Wie kannst du hier lesen?"
„So wie sonst auch."
Theodore war nicht entgangen, daß Daphne ihn entdeckt hatte, hier in den Schatten am Rand des Saals, weit fort vom Trubel um Essen und Getränke, eine Kerze mit grüner Flamme neben sich und einen kleinformatigen Gedichtband in den Händen. Bleich wie der Nebel war sie herangeglitten, um ihn aus seinem Versteck zu treiben.
„Idiot, du weißt was ich meine. Ich würde gern mit dir tanzen und eigentlich wäre es deine Aufgabe, jemanden aufzufordern."
„Das ist ein Schulfest und nicht der verdammte Neujahrsball. Hier können wir die Regeln getrost ignorieren."
„Einen Tanz hätte ich schon gern. Und leider schuldest du auch Miss Lexikon einen, weil ihr passende Kostüme tragt."
„Ich habe schon mit ihr Theater gespielt, das muß genügen."
„Du hast die Ansage gehört: wer zusammen fotografiert wurde, soll wenigstens einmal miteinander tanzen. Also wirst du sie auffordern, egal wie unpassend es ist."
„Sie wäre sicher hocherfreut. Zum Glück ist es ein Soll, kein Muß." Er lehnte sich zurück und schlug das Buch wieder auf, verzichtete jedoch darauf, Daphne demonstrativ zu ignorieren. Noch bevor er ihr einen angenehmen Abend wünschen konnte sprach sie weiter, mit einer Stimme wie Honig:
„Bitte! Blaise hat es schon geschafft mit Millicent zu tanzen, und da hinten stolpern Smith und Boot zusammen herum. Also zieh das durch."
Theodore schloß kurz die Augen. Dann antwortete er, langsam und mit einer Spur Argwohn in der Stimme:
„Es geht um Draco, nicht wahr?"
„Wenn er heute nicht mit Pansy tanzt wird sie mindestens zwei Wochen unausstehlich sein, und ich muß neben ihr schlafen! Also hör auf dich hinter diesem Buch zu verstecken und geh zu deiner Persephone. Einen Tanz wirst du wohl schaffen, danach kannst du dich wieder verkriechen. Und dann hat Draco keine Ausrede mehr."
Mit einem Seufzen schlug er das Buch zu. „Du läßt mir sowieso keine Ruhe." Der Gedichtband wurde verkleinert und verschwand in einer im Gewand verborgenen Tasche, während Theodore mit Bedauern seinen Platz verließ. Daphne strahlte übers ganze Gesicht, was nicht so recht zu ihrem Kostüm passen wollte. Eine Banshee mit Siegeslächeln ist unheimlich.
Besagte Banshee hakte sich mit geübter Selbstverständlichkeit an seinen Arm.
„Zuerst bin ich an der Reihe."
Mit Daphne zu tanzen war leicht. Es war vertraut, in jeder Hinsicht. Immerhin kannten sie einander seit frühester Kindheit und waren schon vor Hogwarts gemeinsam in Balletikette unterrichtet worden. Dennoch blieb Anspannung. Die Sorgen, die ihn seit dem Sommer begleiteten, ließen sich nicht abschütteln. Zudem hatte er den Eindruck, daß Daphne ihn beobachtete und versuchte, mehr zu erfahren, als er preiszugeben bereit war. Dennoch überraschte sie ihn, indem sie ein anderes Thema aufgriff, das den Sommer über geruht hatte.
„Mein Angebot steht übrigens noch. Hast du darüber nachgedacht?"
Kaum, hatte er doch gerade andere Probleme. Aber er würde sich damit beschäftigen müssen, oder vielmehr mit Daphnes Sammelleidenschaft. Dahinter steckte mehr als die Suche nach Zerstreuung.
„Ich finde die Vorstellung nach wie vor seltsam. Wir stehen uns fast so nahe wie Geschwister."
„Aber wir sind keine. Und ich bin sicher, daß das nicht alles ist."
„Können wir dieses Gespräch bitte woanders führen?"
Er hatte wahrhaftig keine Lust, mitten in der Großen Halle seelisch blankzuziehen. Am liebsten wollte er das ganz vermeiden, auch Daphne gegenüber. Aber sie war hartnäckig.
Immerhin kam sie der Bitte um Aufschub nach, kommentierte die Dekoration und ließ sich für ihren Auftritt loben. So war er gelöster Stimmung, als das Stück endete. Das änderte sich rasch, als die Hexe ihn zu der Gruppe von Ravenclaws und Gryffindors führte, in der der Frühlingsblumenkranz auf braunen Locken nicht zu übersehen war. Ein paar Schritte entfernt ließ sie seine Hand los und gab ihm einen Stups. Natürlich wurde er von allen, die sich dort versammelt hatten, angestarrt. Er schluckte und unterdrückte den Drang, sich einfach umzudrehen und zu gehen.
Inzwischen war die Gruppe um Hermione und Morag gewachsen. Lisa war hinzugekommen, Dean und Seamus, vor Kurzem auch die Patilschwestern. Man stand am Rand, konsumierte mehr oder weniger interessante Getränke und beobachtete das bunte Treiben. Hermione war vorsichtig geworden, nachdem sie von einer blauen, säuerlichen Flüssigkeit silberne Funken aufgestoßen hatte. Parvati mußte auch etwas Spezielles erwischt haben, denn sie brach in unkontrolliertes Gelächter aus.
„Seht mal!", rief sie und zeigte auf die Tanzfläche, wo sich Lavender vorüberbewegte. „Sie probiert es tatsächlich aus."
„Was?", fragte Lisa. Hermione antwortete, indem sie ihre Beobachtung aussprach:
„Sie tanzt mit Zabini."
„Und?"
„Sie hat vorhin spekuliert, daß jemand sein kaltes Herz erwärmen müßte", klärte Parvati die anderen auf. Hermione schnaubte. „Ob er ihr geneimnisvolles Hogsmeade-Date ist?", spekulierte ihre Zimmernachbarin weiter.
„Vielleicht hat ihm auch bloß jemand verraten, daß sie auch als Märchenfigur verkleidet ist. Ich hoffe es für sie", sagte Hermione.
„Vielleicht versucht sie auch, Informationsquellen zu erschließen", gab Padma zu bedenken.
Hermione lächelte. Ein Gefühl von Freude und Anspannung durchströmte sie. Es war aufregend, heimlich zu konspirieren. Nicht, daß diese Situation für sie neu gewesen wäre, aber die größere Gruppe schien irgendwie die Qualität zu verändern. Sie wollte darin schwelgen, schämte sich aber auch ein bißchen. Es war schließlich kindisch und der allgemeinen Lage völlig unangemessen, sich am Geheimclub spielen zu ergötzen. Ob diese Anwandlungen wohl auch mit den Getränken zu tun hatten?
„Was wollt ihr hier?"
Seamus' Stimme zog Hermiones Aufmerksamkeit auf sich. Ihr Hauskamerad mit der noch immer brennenden Haarsträhne suchte seinen Zauberstab aus der Tasche. Dean stand mit verschränkten Armen daneben und versuchte, möglichst groß und breit auszusehen, was seine Dementorenkutte unterstützte. Der Grund des Mißtrauens ließ ihre Stimmung sinken: Greengrass und Nott. Die nächste peinliche Pflichtaufgabe. Soviel zu ‚Vermeiden durch ignorieren'.
„Von dir will ich nichts. Laß mich einfach durch."
„Schieb ab, du bist hier nicht erwünscht."
„Vorsicht, für solche Sprüche kannst du Ärger bekommen."
Notts Stimme blieb ruhig. Seamus hingegen wurde lauter und sein Tonfall erst sarkastisch, dann ernst. Seine Aussprache war ein wenig verwaschen.
„Oh, ich habe ein heiliges Reinblut beleidigt anstatt den Boden zu küssen, auf dem es wandelt. Was für ein Skandal. Zeig mir doch erstmal, daß du besser bist."
Dean legte die Hand auf Seamus' Schulter. „Komm runter, laß uns das friedlich klären."
„Ich bin friedlich!"
Mehrere Leute drehten sich zu ihnen um. Wieviel hatte Seamus getrunken? Er vertrug eine Menge, mehr als man in seinem Alter vertragen sollte, aber inzwischen war sein Maß eindeutig voll. Rasche Blicke genügten, um zu wissen, daß die beiden Ravenclaw-Hexen das genauso sahen. Während sie sich auf den Iren konzentrierten, nahm Hermione sich den Slytherin vor.
„Du bist meinetwegen hier, nicht?"
„Würdest du mir die Ehre eines Tanzes erweisen?" Das Schmunzeln füllte die förmliche Ansprache und die leichte Verbeugung mit Ironie.
„Lieber würde ich heute aufs Tanzen verzichten."
„Ich auch, aber wir haben da eine Aufgabe zu erfüllen."
„Vielleicht laß ich die einfach sausen", antwortete sie mit einem Schulterzucken. „Ich habe keine Lust."
„Du bist doch sonst immer das brave Mädchen, das tut was die Lehrer sagen."
„Meistens, aber nicht immer. Was treibt dich dazu, dich gewissermaßen aktiv am Unterricht zu beteiligen? Hat dich jemand persönlich dazu aufgefordert?"
„Ich tue Daphne einen Gefallen, indem ich ihr helfe, Draco unter Druck zu setzen."
„Du willst mich für eine Intrige in der Schlangengrube benutzen?"
„Wenn du das so sehen willst… Man könnte es aber auch als ein Bündnis betrachten. Möchtest du Draco ärgern?"
„Das klingt durchaus verlockend. Solange du nicht versuchst, mir einen Granatapfel anzubieten."
„Keine Sorge, ich habe nicht vor, dich heute Abend mit in den Untergrund zu nehmen."
Das entlockte ihr tatsächlich ein Lächeln. Doch kaum hatte sie sich bei ihm eingehakt, bildete sich ein Knoten in ihrem Magen. Die Hochzeit war schon wieder Monate her. Bestimmt war sie eingerostet. Mit Morag war das kein Problem gewesen, zumal sie ohnehin auf die klassischen Schritte verzichtet hatten. Nun aber würden Fehler und Unsicherheiten sie angreifbar machen. Dabei mußte sie doch jetzt erst Recht beweisen, daß sie ebenbürtig war. In allen Bereichen. Schon hatten sie den Rand der Tanzfläche erreicht und warteten auf den Beginn des nächsten Stücks.
„Bist du nervös?"
„Nein!"
Er lachte. Hermione fühlte, wie ihre Wangen warm wurden. In überraschend freundlichem Tonfall sprach Nott weiter.
„Versuch, dich zu entspannen. Und hör auf, deine Lippe zu zerkauen. Das muß doch weh tun."
Hermione schwieg, beendete aber die leidige Angewohnheit. Ihr wurde immer wärmer, und der Gedanke daran, wie rot ihre Wangen sein mußten, machte es nicht besser. Im Stillen war sie dankbar für das eher spärliche Licht in ungewöhnlichen Farben.
Mittlerweile wurde die Musik leiser und verstummte. Einige Paare und Grüppchen wanderten zu den Rändern, sie selbst hingegen wurde einige Schritte weiter ins Zentrum gezogen. Zu spät, um dem Desaster noch zu entkommen. Mechanisch legte sie ihre Hand auf seinen Oberarm und versteifte sich noch weiter, als die seine sich an ihrem Rücken platzierte. Sie vermied es, ihm ins Gesicht zu schauen, und starrte stattdessen auf den Punkt, an dem sich die Schlüsselbeine trafen. Diese zeichneten sich sehr deutlich ab, soweit das Gewand sie nicht bedeckte. Doch auch ohne die Mimik zu sehen, war seine Frustration nicht zu ignorieren.
„Haben sie dich schon so eingeschüchtert? Wovor hast du Angst? Daß ich dich zu Madam Pomfrey fluche, vor der gesamten Schule?"
„Was? Nein."
Ihre Gedanken wanden sich, als sie versuchte, diesen Kommentar zu deuten. Doch gleich darauf beanspruchte die Musik ihre Aufmerksamkeit. Den Takt zu hören, war nicht weiter schwer. Und Nott stellte sich dankenswerterweise als passabler Partner heraus. Schon nach wenigen Schritten fühlte sie sich wieder sicher in dem, was sie tat. Die Erinnerung kam zurück. Mit Viktor hatte sie sich wohler gefühlt, keine Frage. In seinen Armen hatte sie nach einer Weile sogar die geballte Aufmerksamkeit vergessen können, die auf den Champions und deren Begleitungen ruhte. Viktor war noch ein Stück sicherer und fließender in seinen Bewegungen gewesen als Nott, aber nicht überragend besser. Das war es nicht, was den Unterschied brachte. Zu wissen, daß sie respektiert und nicht als nervige Streberin oder gar Ungeziefer betrachtet wurde, machte eben eine Menge aus. Was sie von Nott zu halten hatte, wußte sie nicht mehr so recht. Er hatte gelegentlich mitgelacht, wenn er gerade neben Malfoy und Co gestanden hatte. Er hatte sie nicht verteidigt. Aber er hatte auch nie selbst etwas gegen sie unternommen. Und dann war da noch diese ominöse Warnung in der Bibliothek. Oder das Trainingsduell in Verteidigung, das recht fair abgelaufen war, obwohl es einfach gewesen wäre, die Situation für Bosheiten auszunutzen.
„Warum bist du noch hier?"
Sie brauchte einige Sekunden, um zu begreifen, daß er sie gerade wieder angesprochen hatte.
„Wie meinst du das?"
„Du wirst langsam vorsichtiger, und das zu Recht. Dir ist bestimmt klar, daß das hier erst der Anfang ist. Warum also bist du noch hier? In Hogwarts, auf dieser Insel? Hast du keinen Ort, an den du gehen kannst?"
„Weil es nicht meine Art ist, einfach wegzulaufen, sobald es schwierig wird. Ich werde Harry weiter unterstützen."
„Nur wobei? Bis jetzt scheint er noch nicht viel zu tun."
„Das werde ich dir nicht auf die Nase binden."
Er zuckte mit den Schultern. „Natürlich nicht. Kannst du dich drehen?"
Sie nickte und wurde bei nächster Gelegenheit in eine Drehung geführt. Als sie wieder näher beieinander waren, sprach er erneut:
„Achte auf Pansy und Sally. Von den beiden kann schnell mehr kommen als dumme Kinderstreiche."
Etwas klickte in ihrem Hirn. „Stecken sie hinter der Aktion im Drei Besen?"
„Gut möglich. Aber das hast du nicht von mir."
„Warum sagst du mir das?"
„Vielleicht habe ich keine Lust auf Sonderübungen in Verteidigung. Vor der ganzen Klasse Leute verfluchen ist mir zu viel Aufmerksamkeit."
Jetzt hob sie doch den Blick und sah ihm ins Gesicht. Doch das brachte sie nicht weiter. Wie viel Ernst steckte in diesen Sätzen, wie viel Ironie? Die Mundwinkel zuckten. Mehr passierte nicht. Als bald darauf der Tanz endete, war sie ähnlich irritiert wie damals in der Zweiten im Buchclub, als er in Reimen gesprochen hatte.
„Draco, es wird Zeit."
„Hör auf, Daphne, du kriegst mich nicht dazu mit Pansy zu tanzen."
„Spielverderber. Alle anderen aus unserem Haus haben ihre Aufgaben erledigt."
„Weil du sie dazu getreten hast. Das wirst du bei mir nicht so einfach schaffen. Außerdem habe ich schon mit Padma und Parvati getanzt, das ist mehr als die anderen zu erledigen hatten."
„Ach, hör auf dich zu winden. So schlimm kann es nicht sein."
Draco verschränkte die Arme vor der Brust und hob das Kinn noch ein wenig höher. Daphne nickte Millicent zu. Diese richtete mit einem Teufelsgrinsen ihre Gabel auf ihn. Er griff in seine Robe, um seinen Zauberstab hervorzuholen. Daphne und Tracy, zu Millicents Seiten, holten im gleichen Moment ihre Stäbe hervor.
„Hört auf damit, ich habe keine Lust mich mit euch zu duellieren!"
„Das will ich auch hoffen", ertönte da Professor Greys Stimme. „Was ist hier los?"
„Draco hat noch einen Tanz mit Pansy offen", sagte Tracy mit sanfter, liebenswürdiger Stimme und weiten Augen, „und er weigert sich, sie aufzufordern. Sie ist schon richtig verzweifelt weil er sie den ganzen Abend abweist."
Medea seufzte. „Mr. Malfoy, bitte tun Sie dem Mädchen den Gefallen. Und sei es nur um des Friedens in Ihrem Hause willen." Sie lächelte ihm aufmunternd zu. Dann grüßte sie zum Abschied und zog weiter.
„Du hast sie gehört."
Draco gab sich mit deutlich sichtbarem Widerwillen geschlagen und ging in Pansys Richtung, eskortiert von den drei Mädchen.
Es mußte bereits weit nach Mitternacht sein, als sie sich auf den Weg zu ihren Häusern machten. Theodore ging die Treppe sehr langsam hinunter. Er war müde und hatte wohl auch ein bißchen zu viel Feentraum getrunken. Das Licht der Fackeln schimmerte verdächtig violett.
Die Lampen im Schlafsaal waren ihm zu hell, und er wollte nur noch ins Bett. Ein Reinigungszauber würde genügen müssen, duschen konnte er auch am nächsten Morgen.
„Was ist das denn?", fragte Gregory. Theodore sah in seine Richtung. Er hatte einen schwarzen Umschlag auf dem Bett gefunden. Draco nahm auch gerade einen von der Decke, die Brauen zusammengezogen und die Lippen aufeinandergepreßt. Theodores Puls, eben noch reptilhaft langsam, beschleunigte sich. Rasch schritt er zu seinem eigenen Bett. Auch dort lag ein tiefschwarzer Umschlag, beschriftet in schimmerndem Grün. Theodore Carisius Nott.
„Ich hab auch einen."
Vincent. Er machte einen zufriedenen Eindruck. Blaise stand gegenüber und beobachtete seine Zimmernachbarn mit zurückhaltendem Interesse.
Theodore wandte sich wieder seiner Post zu. Dieser Umschlag weckte Furcht in ihm. Seine Brust war wie eingeschnürt, die Hände wurden feucht. Er ahnte, was darin sein mußte. Am liebsten hätte er dieses Stück Papier verbrannt. Doch es half nichts. Er öffnete den Brief und entnahm eine Karte aus dickem grünem Karton, auf der das Dunkle Mal glänzte. Ihm wurde kalt. Er wandte sich ab, um Blaises Blick zu entgehen, und öffnete die Karte.
Sie haben die Ehre, zur Zeremonie am 31.12. geladen zu sein. Erscheinen Sie um acht Uhr abends auf Malfoy Manor. Angemessene Kleidung wird Ihnen zugesandt.
Die Karte fiel ihm aus der zitternden Hand. Es war soweit. Der Tag stand fest, viel früher, als er befürchtet hatte. Sie würden nicht nur Gäste auf einer Feier mit fragwürdiger Unterhaltung sein, sie waren selbst Teil des Programms.
„Was soll das heißen, Zeremonie?", fragte Gregory.
„Wir sind auserwählt", antwortete Vincent. „Endlich nimmt er uns auf!"
Theodore hob die Karte auf, stopfte sie in die Tasche und ging.
„Wo willst du hin?", rief Vincent ihm nach.
„Hab was vergessen."
Und schon schloß er die Tür.
Der Gemeinschaftsraum empfing ihn mit Stille und gedämpftem Licht. Rastlos schritt er vor den Fenstern umher, hinter denen der finstere, eisige See lag. Gelbe Augen flammten auf und verschwanden. Etwas huschte an ihm vorbei. Wohl eine der Katzen.
Von der wohligen Erschöpfung, die ihn noch Augenblicke zuvor eingehüllt hatte, war nichts geblieben. Er hatte das Bedürfnis, zu rennen, weit fort, bis er nichts mehr kannte. Sein Herz raste. Der vertraute Raum kam ihm wie ein Käfig vor. Das Licht war noch immer ein bißchen lila.
„Theo, was ist los?"
Beim Klang von Blaises Stimme fuhr er zusammen.
„Nichts besonderes, mach dir keine Sorgen."
Blaise schnaubte. „Das kannst du Vincent erzählen, nicht mir."
„Laß mich einfach in Frieden, okay? Ich will nicht darüber sprechen."
„Auch nicht mit deinem besten Freund? Soll ich Daphne holen?"
„Nein, laß sie schlafen."
„Hast du Angst, daß ich irgendwem Dinge erzähle, die du nicht preisgeben willst? Du kränkst mich."
„Ich weiß. Es ist nur... Ich weiß gerade nicht, was ich machen soll. Alles ist falsch."
„Diese Briefe, die ihr bekommen habt: Ihr sollt aufgenommen werden, nicht wahr?"
„Ja."
„Muß man sich dafür bewerben?"
„Manche schon. Aber nicht wenn man familiäre Bindungen hat. Oder sonst irgendwie interessant ist."
„Du behauptest, ich sei nicht interessant?"
„Du hast keine nahen Verwandten in Seinem Kreis."
„Hm."
„Willst du denn beitreten?"
Stille breitete sich aus, in der beide einander musterten.
„Nicht unbedingt", sagte Blaise schließlich. „Scheint sehr fordernd zu sein. Und ich weiß noch nicht, ob ich auf dieser Insel beliben will."
Füße tappten auf dem Grund. Beide wandten sich zu den Türen um, die zu den Schlafsälen führten. Die Katzenaugen kamen ihnen entgegengefunkelt, und ein Schatten folgte.
„Wer ist da?", fragte Blaise.
Millicent trat ins Licht, wieder mit normaler Hautfarbe, ohne Hörner und im Schlafanzug.
„Was hast du hier zu suchen?"
„Ich schaue, ob alles in Ordnung ist. Du weißt schon, Schüleraufsicht."
„Und das Monster hat dich hergeholt? Fängst du jetzt auch schon an wie Filch?"
„Nein. Post von zu Hause?" Damit wandte sie sich an Theodore.
„Was geht es dich an?"
Millicent zuckte mit den Schultern. „Pansy hat eine Karte bekommen und sich unheimlich gefreut."
„Pansy!?" Sie mußte sich beworben haben. Ihre Eltern hatten keine enge Verbindung zum Dunklen Lord. Innerlich fluchend versuchte Theodore, sein Entsetzen in den Griff zu bekommen. Es war zu offensichtlich. Millicent sprach seinen Gedanken aus:
„Ich hätte nicht gedacht, daß sie es so ernst meint. Vielleicht will sie jemandem etwas beweisen."
Natürlich. Draco. Ist es das wirklich wert?
„Kann schon sein. Ich geh dann mal schlafen."
„Warte." Sie ergriff seinen Ärmel, und Theodore stoppte, kaum daß er sich in Bewegung gesetzt hatte. „Convallaria hat mich heute gefragt, ob ich vorher wußte, was für ein Kostüm du ausgesucht hast. Kann sein, daß sie versuchen wird, mich als Informandin anzuwerben."
Das war nicht gut. Theodore wurde übel.
„Sieh ihr nicht in die Augen."
„Wieso?"
„Sie kennt Wege, das Bewußtsein zu erkunden und Erinnerungen zu suchen."
Jetzt sah Millie unbehaglich aus. Blaise hingegen wirkte interessiert.
„Du meinst, sie beherrscht Legilimentik?", fragte er.
Theodore nickte. „Ziemlich sicher. Ich weiß nur nicht, wie gut."
„Kann man was dagegen tun?", fragte Millicent.
„Schon, aber das zu lernen braucht Zeit. Und es liegt nicht jedem. Blickkontakt zu vermeiden ist der beste Schutz, den du schnell bekommen kannst."
Sie nickte.
„Gute Nacht." Nun ging er wirklich. Heute würde er etwas von dem Trank für traumlosen Schlaf brauchen, der in seiner Kleidertruhe schlummerte.
