Kapitel 2

„Morgen!"

Harry sprang die letzten zwei Stufen der Treppe herab und lief in das Esszimmer, wo es köstlich nach Frühstück duftete. Der Geruch von Bacon, Rührei, Toast und Kuchen lag in der Luft und ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen. Das erste Mal seit Tagen hatte er nach seinem nächtlichen Ausflug und dem Gespräch mit Ron und Hermine ohne Albträume geschlafen, und fühlte sich daher so frisch und erholt wie seit Monaten nicht mehr. Es war fast so, als sei er nun endgültig auf dem Weg der Besserung angekommen. Dann sah er Hermines Gesicht am Esstisch.

Harry wusste augenblicklich, in welcher Stimmungslage Hermine war. Für Menschen, die sie nicht so lange kannten wie Harry, hätte sie stark angesäuert ausgesehen, so missmutig, dass man sie nicht ansprechen wollte, aber auch nicht so wütend, dass man jeden Moment eine Explosion erwarten würde. Harry wusste es besser: Hermine kochte vor Wut, sie wollte es nur nicht jedem zeigen. Harry mutmaßte, dass sie sogar so verärgert war, dass sie gar nicht wirklich gelesen hatte und das Buch in ihren Händen nur der Tarnung diente, weil jeder von ihr erwartete, dass sie immer las, wenn sie eine freie Minute hatte.

„Morgen Harry", sagte Ginny, die ebenfalls am Esstisch saß. „Frühstück ist neben dem Ofen".

Anschließend entschuldigte sie sich hastig, angeblich, um ihrer Mum in der Waschküche zu helfen. Harry wusste es besser, verkniff sich aber eine Bemerkung zu dieser erneuten Flucht Ginnys vor ihm und wandte sich stattdessen Hermine zu, die ihr Buch in dem Moment abgesetzt hatte, als Ginny aus dem Esszimmer verschwunden war.

„Was ist los, Hermine? Schlechte Neuigkeiten?"

„Allerdings", presste sie heraus. „Wenn ich du wäre, würde ich erst frühstücken und dann den Tagespropheten lesen."

Sie schielte kurz auf einen neben ihr liegenden Stapel von teilweise zerknülltem Papier, der aussah, als hätten schon mehrere Menschen ihre Wut an ihm ausgelassen.

Harry ignorierte den Ratschlag und griff zu dem einschlägig bekannten Boulevardblatt, auf dessen Titelseite ein düsteres Bild eines völlig zerstörten Landhauses zu sehen war, in dem einige Flammen loderten. Darüber prangerte in dicken Buchstaben eine reißerische Überschrift:

Fatales Fiasko! Auroren-Spezialeinheit vernichtend geschlagen!

Todesser geflohen!

Harry knallte die Zeitung auf den Tisch und ließ sich auf einen Stuhl gegenüber von Hermine fallen. Seine gute Stimmung war wie weggeblasen.

„Kurzversion?", fragte er Hermine. Die Lust, den Artikel zu lesen, war ihm schlagartig vergangen. Hermine war ohnehin besser darin als er, die Essenz des Artikels zu erfassen und die entscheidenden Informationsstücke zu präsentieren. Gerade diejenigen, die nur zwischen den Zeilen zu finden waren.

„Der Krieg ist noch nicht vorbei", brummte Hermine missmutig. „Und jetzt hol dir Frühstück. Dann erzähle ich dir die mittellange Version."

Nachdem sich Harry einen ordentlichen Teller Rührei mit Bacon, Toast und ein Stück Kuchen geholt hatte, der so gut gefüllt war, dass vermutlich sogar Ron davon satt geworden wäre, und sich ein Glas Kürbissaft eingeschenkt hatte, setzte er sich wieder an den Küchentisch. Nach zwei Gabeln Ei und einem Bissen Toast wandte er sich erneut an Hermine.

„Also, was ist passiert?"

Hermine seufzte resignierend, bevor sie in ihre typischen Erzählmodus verfiel.

„Wie du weißt, sind nach dem Fall von Du-weißt-schon-Wem viele seiner engsten Anhänger geflohen oder haben sich in Verstecke zurückgezogen, in denen sie sich vor den Auroren sicher fühlten. Manche haben sich freiwillig gestellt wie die Malfoys oder wurden verhaftet wie die Carrows, aber viele andere konnten entkommen. Ist ja auch kein Wunder. Das Ministerium war seit der Hochzeit von Bill und Fleur in ihrer Hand, sie konnten dort schalten und walten, wie sie wollten. Die ganzen Führungsposten waren mit Todessern besetzt, Leuten wie Umbridge, oder eben Angestellten, die unter dem Imperius-Fluch standen. Also..."

Harry unterbrach sie.

„Bitte komm auf den Punkt, Hermine."

Sie setzte ab und holte tief Luft.

„Was ich sagen will, ist Folgendes: Die Schlacht in Hogwarts war nicht das Ende. Zwar sind in ihr viele Anhänger V-Voldemorts umgekommen oder gefangen genommen worden, aber das Ministerium liegt förmlich in Trümmern. Die ganzen Strukturen dort, die über Jahrzehnte oder gar Jahrhundert herrschten, sind durch die Übernahme durch die Todesser massiv in Mitleidenschaft gezogen worden."

„Das heißt?"

„Das heißt, Kingsley ist zwar provisorisch amtierender Minister, aber er ist derzeit ein König ohne Königreich und Volk. Das Ministerium ist auch heute noch mit seinem personellen Wiederaufbau beschäftigt und somit fast handlungsunfähig. Keiner dort weiß, wem er vertrauen kann. Wer unbelastet und loyal ist, wer ein Mitläufer unter Voldemorts Terrorregime war. Es gab einen großen personellen Aderlass. Alle Muggelgeborenen wurden entlassen, Muggelfreunde genauso, und die meisten Zauberer, die mit Muggeln oder Muggelgeborenen verheiratet waren. Viele kompetente und gegen Voldemort eingestellte Ministeriumsmitarbeiter sind ins Ausland geflüchtet, weil sie sonst verhaftet worden wären. Andere haben sich versteckt und sind bis heute nicht wieder aufgetaucht. Wieder andere wurden tatsächlich verhaftet und nach Askaban gebracht. Oder umgebracht", fügte sie leise an.

Harry dachte an die Cattermoles, die sie bei ihrer Infiltration des Ministerium kennengelernt hatten. Es ergab Sinn, was sie erzählte. Sie hatten ihnen ja selbst empfohlen, sich sofort ins Ausland abzusetzen, bevor sie verhaftet wurden.

„Aus dieser Gemengelage ergibt sich folgende Situation, Harry. Die Todesser haben in Hogwarts eine schlimme Niederlage erlitten. Aber es gab niemanden, der diese Niederlage ausnutzen konnte. Das Ministerium war funktionsunfähig, niemand konnte Auroren aussenden, um die fliehenden Todesser zu verhaften. Niemand konnte Ermittlungen einleiten und nach ihnen fahnden. Die Todesser konnten sich zurückziehen und in Sicherheit bringen. Wer sich nicht gestellt hat oder in Hogwarts verhaftet wurde oder gestorben ist, der läuft immer noch da draußen herum. Und schmiedet eventuell neue Pläne."

„Das alles steht in dem Bericht?"

„Nichts davon steht in dem Bericht, Harry", korrigierte ihn Hermine. „Das war der Hintergrund zum Verstehen des Berichtes."

Harry stöhnte genervt auf.

„Und was steht nun in dem Bericht?"

„Gestern gab es eine konzertierte Aktion der Auroren gegen Todesser. Die erste, seit Kingsley zum Zaubereiminister ernannt wurde. Kingsley hat Auroren angewiesen, parallel ein halbes Dutzend möglicher Zufluchtsorte bekannter Todesser zu stürmen und sie zu verhaften."

„Und das ging schief?"

Hermine nickte.

„Ja. Sehr sogar, Harry. Die meisten der Verstecke waren unbenutzt, womit die jeweiligen Aktionen zu einem Fehlschlag wurden. In einem Versteck fanden sie einen Mitläufer, der sich erst gewehrt und dann nach kurzem Gefecht gestellt hat. Ich kannte ihn nicht, er schien ein kleines Licht gewesen zu sein. Landon Rathouse, sagt er dir etwas?"

Harry schüttelte den Kopf.

„Nie gehört."

„Ok."

„Und was ging nun schief?", fragte Harry.

Hermine räusperte sich.

„Eines der Verstecke war ein Volltreffer. Dort waren zig Todesser versammelt, als die Auroren eintrafen. Darunter auch Führungskader unter V-Voldemorts Herrschaft. Nott. Avery. Goyle und Crabbe Senior. Rastaban und Rodolphus Lestrange. Und noch eine Menge weiterer, der Tagesprophet wusste es ebenfalls nicht genau."

„Rodolphus war Bellatrix Ehemann, oder?", fragte Harry.

„Genau. Er scheint im ersten Krieg eine Schlüsselfigur gewesen zu sein und wurde zu lebenslanger Askaban-Haft verurteilt. Nach seinem Ausbruch aus Askaban 1996 hat er wohl auch im zweiten Krieg eine wichtige Rolle gespielt. Er war ja auch beim Kampf in der Ministeriumsabteilung dabei. Und ebenfalls letztes Jahr, als wir dich aus dem Ligusterweg evakuiert haben. Ron hat ihm einen ziemlichen Treffer verpasst, hat er erzählt. Scheinbar hat er sich aber vollständig erholt."

Hermine schnaufte durch.

„Jedenfalls: Die Aurorenaktion war ein übler Fehlschlag. Vermutlich war es eine Falle. Der Tagesprophet schreibt es nicht so genau, sondern versucht natürlich, Kingsley die Schuld zu geben, denn er hat ja den Einsatzbefehl erteilt. Aber scheinbar wurden die Auroren verraten. Die Todesser waren jedenfalls bestens vorbereitet. Sie wussten, dass sie Besuch bekommen würden, und hatten sich verschanzt, zudem hatten sie verschiedene Schutzzauber vorbereitet und magische Minen gelegt." Hermine schluckte, dann fuhr sie leise fort. „Nach wenigen Minuten waren 11 Auroren tot, darunter der stellvertretende Leiter der Aurorenzentrale, und viele weitere verwundet. Mr. Weasley meinte vorhin, bevor er zur Arbeit ging, mehrere der eingesetzten Auroren lägen in kritischem Zustand in St. Mungos, es wäre unklar, ob sie durchkämen."

Harry presste die Hände gegen sein Gesicht und ächzte gequält auf.

„Haben sie wenigsten jemanden erwischt?"

„Niemand Wichtiges", antwortete Hermine. „Laut Tagesprophet wurden zwei Unterstützer der Todesser getötet, aber Mr. Weasley sagte, das wären nur kleine Lichter gewesen, vielleicht sogar zwei Unschuldige, die unter dem Imperius-Fluch standen. Hier ist der Bericht sehr wage, Mr. Weasley sollte es besser wissen. Stattdessen kam dann ein ganzer Absatz, der mit viel Suggestion ziemlich klar machte, dass der Hauptschuldige Kingsley ist. Hätte mich auch gewundert, wenn es anders wäre. Der Tagesprophet war ja von Anfang an gegen ihn als Zaubereiminister. Zu enge Beziehungen zu Dumbledore, zu Muggelfreundlich, zu klar gegen viele traditionelle Reinblutfamilien eingestellt. Was seltsam ist, denn die Shacklebolts sind ja selbst ein Mitglied der Unantastbaren 28, wie die Blacks oder die Malfoys. Oder auch die Weasleys", ergänzte Hermine hastig. „Ich vermute, es geht einfach um die nächste Wahl. Noch ist Kingsley ja nur provisorischer Minister. Er hat noch keine Hausmacht, die tatsächlichen Machtverhältnisse sind ungeklärt, und dem Tagespropheten ist Kingsley viel zu liberal eingestellt. Wenn sie ihn jetzt diskreditieren, dann hat ein etwaiger Gegenkandidat durchaus Chancen, ihn bei der nächsten Wahl zu bezwingen."

„Hermine", stöhnte Harry, der dem Redefluss seiner langjährigen Freundin nicht mehr folgen konnte. „Nicht so viel Politik. Es ist früh am Morgen und ich habe noch nichts gegessen..."

Hermine errötete minimal.

„Entschuldige, Harry. Aber diese Sache ist wichtig. Deswegen muss ich das so betonen: Die Aufarbeitung des Krieges hängt davon ab, wer Zaubereiminister wird. Mit Kingsley haben wir gute Chancen, dass sich wirklich etwas ändern kann. Dass die Todesser zu Rechenschaft gezogen werden. Dass der Einfluss der Reinblüter auf die Politik eingeschränkt wird, und damit ihre rassistische Einstellungen. Dass Muggelgeborene im Ministerium aufsteigen können und nicht nur als Sekretärinnen und zum Kaffeekochen eingesetzt werden. Vielleicht sogar, dass nicht-menschliche magische Wesen mehr Rechte bekommen. Wird hingegen ein konservativer Reinblüter als Zaubereiminister gewählt, dann wird alles so bleiben wie es ist. Es gibt keine Aufklärung, Muggelstämmige werden weiter diskriminiert und von höheren Ämtern ausgeschlossen und die Zauberergesellschaft bleibt weiterhin so gespalten wie sie jetzt ist. Vielleicht wird es noch schlimmer! Das ist genau das, was nach dem ersten Zaubererkrieg auch passierte. Fast nichts! Es gab keine strukturellen Veränderungen. Und wir wissen, wie das ausgegangen ist..."

Harry fasste sich instinktiv an seine Narbe. Ja, er wusste, wie dieser Krieg ausgegangen war und was danach passiert. Wer wusste das besser als er? Harry nahm einen Bissen von seinem Toast und kaute extra lange darauf herum, während er aus dem Fenster in die Ferne sah und nachdachte.

„Das heißt, da draußen laufen immer noch die meisten Todesser herum?" fragte er schließlich rekapitulierend. „Und der Prophet versucht Kingsley aus dem Amt zu drängen, dass jemand übernehmen kann, der mehr Wert auf Abstammung und Blutstatus legt?"

„Genau, Harry! Im Innenteil ist sogar noch ein Kommentar zu finden, der explizit erläutert, warum Kingsley als Zaubereiminister ungeeignet ist. Fakten habe ich darin keine gefunden, aber rhetorisch war er leider ziemlich gut..."

„Klasse", grantelte Harry sarkastisch und riss einen weiteren Bissen von seinem Toast ab, den er anschließend besonders kraftvoll kaute. Hermine beließ es dabei, nahm die Zeitung wieder an sich und blätterte zu den letzten Seiten.

Ein paar Minuten später – Harry hatte gerade sein Frühstück beendet – kam Ron die Treppe herunter und in das Esszimmer.

„Verdammt Harry, es ist einfach noch viel zu früh...", maulte er noch etwas schlaftrunken, seine Frisur noch ein einziger kissengestylter Mob.

„Dir auch einen wunderschönen guten Morgen, Ron", sagte Hermine beißend, wobei sie nur kurz aufblickte, bevor sie wieder in den Propheten sah.

Harry nickte Ron zu.

„Morgen, Kumpel. Etwas Frühstück ist noch übrig."

„Ah, gut! Ich habe so eine Kohldampf. Seit Stunden nichts gegessen..."

Hermine blickte auf.

„Du hättest früher aufstehen können...", sagte sie spitz.

„Nah", wiegelte Ron ab und machte sich über die Reste her.

Harry und Hermine hörten das Klappern von Tellern, Schüssel und Besteck.

„Bin ich der letzte, der frühstückt? Will noch jemand was, oder kann ich das haben?"

Hermine verdrehte die Augen, während Harry leicht grinste.

„Du bist der letzte", sagte Harry, worauf sich das Geklappere intensivierte.

Eine Minute später kam Ron mit einem großen, eigentlich für das Mittagessen vorgesehenen Teller zurück, der so voll geladen war, dass er ihn vorsichtig zum Tisch balancieren musste.

„Willst du das alles alleine essen?", fragte Hermine ungläubig, nachdem er sich auf den Stuhl neben Harry gesetzt hatte.

„Klar", antwortete Ron und schob sich einen großen, gehäuften Löffel Eier in den Mund. „Iff will a fatt erden."

„Satt? Davon könnte ein Hauself einen Monat satt werden!"

„Defegen find die auff fo dünn..."

Hermine seufzte, während Harry zwischen seinen Freunden hin und hersah. Hier Ron, der große Mengen Eier in seinen Mund stopfte und fast ohne zu kauen hinunterschluckte, dort Hermine, die sich auch nach sieben Jahren noch nicht an seine besonderen Tischmanieren gewöhnt hatte.

„Was gibt's Neues?", fragte Ron schließlich, nachdem er schon die Hälfte seines Frühstücks heruntergeschlungen hatte.

Harry und Hermine tauschten kurze Blicke aus.

„Nichts Gutes", sagte Harry schließlich, und Hermine zeigte ihm das Coverfoto des Tagespropheten, auf dem immer noch das zerstörte Landhaus zu sehen war. Nur die Flammen waren inzwischen weitgehend gelöscht.

„Verdammer Mist!", rief Ron erstaunt aus und riss ihr die Zeitung aus der Hand. „Das ist nicht gut, oder?"

Hermine schüttelte den Kopf.

„Nein. Nein, das ist es nicht."

„Steht weiter hinten noch mehr?", fragte Ron ungeduldig, und begann die Zeitung aufzuschlagen.

„Warte, Ron!", rief Hermine hastig und versuchte ihn am Arm zu packen, doch es war bereits zu spät.

Rons Augen weiteten sich, und auch Harry sah die unliebsame Bescherung.

Harry blickte Hermine scharf an, die nun nervös und mit rotem Gesicht auf ihrem Stuhl herumrutschte.

„Wann wolltest du es mir sagen?", fragte Harry forsch. „Du wolltest es mir doch sagen, oder Hermine?"

„Es tut mir leid, Harry", murmelte Hermine kleinlaut, die sich nun offensichtlich schuldig fühlte. „Natürlich wollte ich es dir sagen. Ich wollte nur nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen, sondern wollte, dass du erst einmal was isst, bevor du es siehst. Damit du diese Nachricht nicht auf nüchternen Magen erfährst. Ich wollte nur dein Bestes, Harry!"

Harry war Hermine einen sauren Blick zu, dann besann er sich eines Besseren.

„Ach vergiss es, Hermine. Du kannst ja auch nichts dafür."

Er griff nach der vor Ron liegenden Zeitung und zog sie zu sich her, um die Seite besser betrachten zu können. Das großformatige Portraitfoto sowie die in Großbuchstaben gedruckte Schlagzeile ließen keine Zweifel zu.

Harry sah in ein etwas jüngeres Abbild seiner Selbst, neben ihm stand eine Endvierzigerin mit blonden Locken, lackierten Fingernägeln und aufgemalten Augenbrauen, die in hässlichen grünen Roben gekleidet war. Umgehängt hatte sie eine Handtasche aus Krokodilleder, aus der eine giftgrüne Schreibfeder herausragte. Harry kniff die Augen zu und stöhnte laut auf, doch die Schlagzeile ging auch mit geschlossenen Augen nicht weg.

Rita Kimmkorn kündigt Harry-Potter-Biografie an!

Wir haben sie exklusiv interviewt

Harry überlegte, ob er dieses Interview wirklich lesen wollte. Etwas Gutes darin würde er garantiert nicht finden, dafür aber zig haltlose Unterstellungen, noch mehr Spekulationen und eine mit Sicherheit kaum zu überblickende Zahl an krassen Lügen. Er würde sich aufregen, vermutlich explodieren und schließlich mit hochrotem Kopf am Küchentisch sitzen und brodeln. Vielleicht auch in den Garten gehen und mit Explosionszaubern etwas Dampf ablassen. Doch es nützte nichts. Er musste dieses Interview lesen. Jeder würde ihn dazu befragen, jeder würde es gelesen haben, jeder würde vor oder hinter seinem Rücken darüber reden. Er kam nicht drum herum. Harry öffnete die Augen und atmete tief durch. Er wusste, dass er jedes Molekül Sauerstoff in seinem Körper brauchen würde, um dieses Machwerk zu überstehen.

„Sollen wir dich alleine lassen, während du es liest?", fragte Hermine sanft. „Oder willst du uns zur Unterstützung dabei haben?"

„Bist du irre, Hermine?!", fuhr Ron dazwischen. „Ich will dabei sein, wenn Harry die Zeitung in der Luft zerreißt! Das lasse ich mir doch nicht entgehen!"

„Danke Ron, sehr einfühlsam", sagte Harry skarstisch, ohne dabei zu lachen. „Aber ihr bleibt wirklich besser. Bevor ich noch etwas Dummes tue..."

„Harry, denk immer daran, es ist nur ein Interview", erinnerte ihn Hermine. „Du kennst Kimmkorn. Wir kennen sie. Sie will jeden und alles fertigmachen. Lass dich davon nicht verletzen. Sie ist es nicht wert."

„Ich versuche es, Hermine", versprach Harry. Er klang nicht wirklich zuversichtlich dabei.

Harry begann laut zu lesen:

Rita Kimmkorn kündigt Harry-Potter-Biografie an!

Wir haben sie exklusiv interviewt

Von Barnabas Cuffe, Chefredakteur des Tagespropheten.

Unzähmbare schwarze Haare, grüne Augen hinter runden Brillengläsern, eine blitzförmige Narbe auf der Stirn. Spätestens seit seinem erfolgreichen Kampf gegen Sie-Wissen-Schon-Wen ist Harry Potter berühmt wie die vier Gründerfiguren von Hogwarts. Die Zaubererwelt kennt den 17-jährigen Gryffindor-Schüler vor allem als glühenden Dumbledore-Bewunderer und vermeintlichen Helden der Schlacht um Hogwarts. Tatsächlich ist der junge Zauberer aber keinesfalls der edle und selbstlose Retter der Zaubererwelt, sondern vielmehr eine hochgradig dubiose Figur, die in ihrem jungen Leben bereits viele schwarze Flecken auf der vermeintlich weißen Weste angesammelt hat. Wir haben Rita Kimmkorn interviewt, eine auch für den Tagespropheten schreibende Autorin, die gestern eine Biographie angekündigt hat über den Jungen, der überlebt hat. Frau Kimmkorn, was hat Sie dazu bewogen, nach den Biographien über Amando Dippet und Albus Dumbledore nun über Harry Potter zu schreiben?

Die noch kurze und doch so bewegte Lebensgeschichte Harry Potters ist ein Stoff, nach dem sich Journalisten und Biographen die Finger lecken. Geboren zur Zeit eines Krieges in ein Traumpaar, das tragisch dahingerafft wurde durch die Hand von Sie-Wissen-Schon-Wem, aufgewachsen unter Muggeln, die er mit seinen magischen Fähigkeiten beständig traktierte und zur Weißglut trieb, vom sprechenden Hut in das Hause Gryffindor einsortiert, dem seit jeher der Heldenmythos anhaftet. In Hogwarts seit seinem ersten Schuljahr durch beständiges Brechen der Schulregeln auffällig, dennoch immer protegiert von einem so charismatischem wie fragwürdigen Schulleiter namens Albus Dumbledore, der ihn wie ein eigenen Sohn betrachtete und ihm durchgehen ließ, wofür jeder andere Schüler von der Schule geflogen wäre. Und schließlich das mit so großer Spannung erwartete Duell mit Sie-Wissen-Schon-Wem, das er wie durch ein Wunder für sich entschied. Es braucht nicht viel Phantasie um sich auszumalen, dass dieser Junge mit seinen gerade mal 15 Jahren etwas ganz Besonderes ist. Doch wie immer in solchen Lebensläufen gibt es oft viel mehr Schatten als Licht. Als der Wahrheit verpflichtete Journalistin ist es meine Pflicht, diese dunklen Schatten darzustellen, die bisher im blendenden Licht untergehen, damit die Öffentlichkeit das ganze Bild kennt und nicht nur den verklärenden Schein.

Hier stöhnte Harry das erste mal auf, was ihm einen mitleidenden Blick von Hermine und einen ungläubigen Blick von Ron einbrachte.

Von welchen dunklen Schatten sprechen Sie genau?

Ich stehe mit meinen Recherchen naturgemäß noch am Anfang, und möchte deshalb bisher noch nicht zu viel verraten. Schon alleine, weil ich noch nicht das volle Bild kenne und das Risiko ausschließen möchte, den Ruf Harry Potter mit einer voreilig verbreiteten Ungenauigkeit zu beschädigen. Gerade als Biographin ist es sehr wichtig, akribisch zu recherchieren und die Quellen detailgetreu und punktgenau wiederzugeben, um keine Unwahrheiten zu verbreiten. Allerdings sticht schon die schiere Masse an Regelverstößen durch Harry Potter negativ hervor. Schon in frühen Jahren fiel er immer wieder durch unerlaubte Zauberei unter Muggeln auf. In Hogwarts setzte sich dieses Verhalten fort. Am bekanntesten ist vermutlich seine erschlichene Teilnahme an dem Trimagischen Turnier, über die ich ausgiebig berichtet habe, obwohl er das dafür nötige Alter noch lange nicht erreicht hatte. Später dann die unglückselige und verstörend enge Beziehung zu Albus Dumbledore, die Dumbledore mit dem Leben bezahlen musste. Und zuletzt der Kampf gegen Sie-Wissen-Schon-Wem, die der Junge wohl unmöglich einfach so gewinnen konnte.

Was meinen Sie damit?

Bei meinen früheren Begegnungen mit Harry Potter konnte ich mich davon überzeugen, dass der Junge über keinerlei besondere magische Begabungen verfügte, außer der, sich besser als alle anderen in Schwierigkeiten zu bringen. Wie also soll dieser Junge Sie-Wissen-Schon-Wen in einem einfach Duell besiegt haben können? Die offiziell verbreitete Version, dass Sie-Wissen-Schon-Wer, der größte schwarze Magier aller Zeiten, durch seinen eigenen zurückprallenden Fluch getötet wurde, ist gelinde gesagt völlig unglaubwürdig. Ich habe die Recherchen hierzu noch nicht vollends abgeschlossen, aber derzeit deutet vieles darauf hin, dass Harry Potter Hilfe von unerwarteter Seite erhalten hat.

Sie meinen jetzt nicht die Unterstützung durch seine Schulkameraden Ronald Weasley und Hermine Granger ?

Nein. Ronald Weasley ist ein unreifer Schüler ohne jede nützlichen Fähigkeiten, er konnte ihm sicher nicht beistehen [„Ey, diese blöde Kuh!", rief Ron aus, als er das las.] Hermine Granger, die von ihren Freunden als intelligenteste Schülerin ihrer Zeit stilisiert wird, mag zwar tatsächlich über gewisse intellektuelle Kompetenzen verfügen, kann meiner Meinung nach aufgrund ihrer emotionalen und charakterlichen Schwächen kaum eine große Hilfe gewesen sein. Nein, ich rede von schwarzer Magie. [Hier schrie Harry das erste Mal laut auf und ballte die Fäuste.] Bekanntlich war Harry Potters Förderer Albus Dumbledore in seiner Jugend sehr interessiert an schwarzer Magie. Meine Recherchen deuten darauf hin, dass Dumbledore dieses Interesse nie verlor und Harry Potter bei seinen vielen privaten Lehrstunden in diese dunklen Künste einwies. Nur so ist wohl erklärbar, wieso ein so unscheinbarer Junge Sie-Wissen-Schon-Wen besiegen konnte. Sie kämpften mit gleichen Waffen.

Harry Potter als schwarzer Magier? Das ist eine ziemlich schwere Anschuldigung. Auf welchen Belegen beruht diese Aussage?

Auch hier möchte ich nicht zu viel verraten, es sollen ja auch noch Leserinnen und Leser mein Buch kaufen. Doch die Indizienlage ist klarer, als es im ersten Augenblick scheint. Was trieb das sogenannte Goldene Trio in den rund neun Monaten, als es von der Bildfläche verschwunden war? Die offiziell kolportierte Meinung, dass sie auf der Flucht waren, ist unglaubwürdig. Ein so junges und unerfahrenes Trio von drei mittelmäßigen Schülern hätte sich kaum monatelang vor den Todessern und dem Ministerium verstecken können, wenn es tatsächlich auf der Flucht gewesen wäre. Viel wahrscheinlicher ist, dass sie sich bei Unterstützern versteckt und gezielt nach schwarzer Magie gesucht haben, um Sie-Wissen-Schon-Wen mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Denken Sie nur an den Einbruch in Gringotts! Ohne massive Hilfe bisher nicht bekannter Hintermänner hätten sie niemals in die am besten geschützte Bankfiliale der gesamten magischen Welt einbrechen können. Und vor allem: Was suchten Sie dort? Wahrscheinlich ist, dass der Einbruch dazu diente, einen in einem Gringottsverlies versteckten schwarzmagischen Gegenstand zu entwenden, der dann im Kampf gegen Sie-Wissen-Schon-Wen eingesetzt werden könnte. Das schließt eine persönliche Bereicherung natürlich nicht aus, diese dürfte aber eher sekundärer Natur gewesen sein. [Harry schnaubte derart stark, dass er davon husten musste. Hermine hingegen sah sehr besorgt aus.]

Sie mutmaßen also, dass Harry Potter die Bank ausraubte, um einen magischen Gegenstand zu stehlen?

Mutmaßen ist das falsche Wort hierfür. Augenzeugen, die am Tag der Schlacht um Hogwarts vor Ort waren, haben mir berichtet, dass der Junge, der lebte, vor der Schlacht fieberhaft nach einem bedeutenden magischen Gegenstand suchte. Unbestätigten Aussagen zufolge soll es sich hierbei um das Diadem von Rowena Ravenclaw gehandelt haben, das lange als verschollen galt. Als ehemalige Ravenclaw-Schülerin bin ich mir der Bedeutung dieses historischen Gegenstandes natürlich bewusst, kann aber noch nicht genau erklären, wie dieses Diadem bei einer Schlacht helfen sollte. Allerdings belegt die Suche nach diesem Diadem die These, dass Harry Potter wirklich auf der Suche nach magischen Gegenständen war, um diese dann im Krieg zu nutzen. Was soll er sonst gesucht haben? Möglicherweise gab ihm Dumbledore höchstpersönlich den Auftrag, in Gringotts einzubrechen. Hierfür spricht, dass Dumbledore einer der wenigen Zauberer war, der den Einfluss und die Kontakte gehabt hätte, um so einen tollkühnen Plan zu schmieden und in die Tat umzusetzen.

Sie glauben also nicht, dass der Einbruch in Gringotts ein gewöhnlicher Einbruch gewesen war, der nur der persönlichen Bereicherung der Täter diente.

Nein. Ich denke, dass da mehr dahinter steckt. Zwar wird die Familie Weasley traditionell von großen Geldsorgen geplagt, sodass ein Einbruch dort auch rein aus finanziellen Motiven geschehen sein könnte. Gleiches gilt für Hermine Granger, die als Muggelgeborene keinerlei Vermögen in der Zaubererwelt besitzt. Doch wären solche Gründe nicht auch ein perfekter Vorwand? Wäre es nicht logisch anzunehmen, dass Zauberer, die aus besonders sinistren Gründen in Gringotts einbrechen, eben um dort versteckte schwarzmagische Gegenstände zu entwenden, genau auf diese Art und Weise eine falsche Spur legen würden? Dass sie der Öffentlichkeit vorgaukeln, nur Geld entwendet zu haben, während sie tatsächlich etwas viel mächtigeres, gefährlicheres gestohlen haben?

[Harry stöhnte. Er hatte wirklich keine Lust mehr weiterzulesen]

Die Familiengeschichte der Potters hat durchaus verschiedene Figuren mit ambivalenter Einstellung zu Geld hervorgebracht...

Das ist richtig. Sie spielen auf Henry Potter an, der bekanntlich ein großer Muggelfreund war und sich 1915 in einer beispiellosen Rede vor dem Zaubergamot dafür einsetzte, den ersten großen Muggelweltkrieg mit Magie zu entscheiden. Weniger bekannt ist, dass er nach dem Verkauf seiner Besenmanufaktur [„Mein Urgroßvater war Besenmacher?", dachte Harry erstaunt] in diverse Finanzskandale verwickelt war. Wie ich bei meinen Recherchen zur Familiengeschichte der Potters herausgefunden habe, war der Verkauf der Manufaktur nicht freiwillig erfolgt, sondern die Folge mehrerer persönlicher Eskapaden und außerehelicher Affären Henrys, die er mit Schweigegeld und Abfindungen zu regeln versuchte [Harrys Augen weiteten sich. Was, wenn er doch noch Verwandschaft besaß?] . Dies schien im gelungen zu sein, allerdings auf Kosten der Manufaktur. Ich halte es daher für unglaubwürdig, dass die Potters derart wohlhabend sind, wie oft kolportiert wird. [Harry dachte an die Unmengen Galeonen in seinem Verlies und schüttelte vor ungläubigem Lachen fast schon manisch den Kopf]

Sie denken, dass Potter Geldsorgen hat?

Ich halte es für wahrscheinlich, ja. Zwar machte sein Großvater Fleamont Potter durchaus nicht wenig Geld mit der Erfindung und Vermarktung von Sleekeazy, dessen diverse Anwendungsgebiete ich vor einigen Jahren in einer 12-teiligen Serie für Witch Weekly genau untersucht habe. Doch erscheint es mir angesichts des bekannt verschwenderischen Lebensstils von James Potter kaum realistisch, dass davon viel übrig geblieben ist. [Harry ballte die Fäuse und atmete tief durch, um nicht zu explodieren] Auch seinem Sohn Harry wird ein sehr prassender Lebenswandel nachgesagt, wie mir diverse Schulkameraden von ihm bestätigt haben. Beispielsweise soll Harry Potter immer die neusten und teuersten Besen besessen haben und in Hogsmeade-Ausflügen immer mit Geld um sich geworfen haben, um sich wenigstens die Freundschaft einiger weniger Gryffindors zu erkaufen. [Harry knallte seinen Kopf auf die Tischplatte und schrie vor lauter Frust auf].

Kommen wir noch einmal auf Harry Potters mögliche Verbindung zu schwarzer Magie zurück. Gibt es neben der Suche nach mutmaßlich schwarzmagischen Gegenständen noch weitere Belege, die diese These untermauern?

In der Tat gibt es eine ganze Reihe solcher Belege. Wie bereits erwähnt besteht über seinen Lehrer und Mentor Albus Dumbledore ja bereits eine sehr enge Verbindung, die ich bereits sehr ausführlich in meiner Dumbledore-Biografie „Leben und Lügen des Albus Dumbledore" erläutert habe. Doch auch der junge Harry war seit jeher von der schwarzen Magie angetan. Bereits von Geburt an war er ein Parselmund, eine sehr seltene Begabung, die fast nur unter schwarzen Magiern verbreitet ist. Noch vor seiner Einschulung in Hogwarts war er so versiert im Sprechen von Parsel, dass er aus einer einfachen Laune heraus eine Schlange auf seinen unbeliebten Muggel-Cousin Dudley hetzte. Nur durch viel Glück kam der unschuldige Junge dabei nicht ums Leben. Später tat sich der Potter ebenfalls durch den Einsatz diverser unverzeihlicher Flüche hervor. Unter anderem nutzte er mehrfach und aus purer Boshaftigkeit [Boshaftigkeit? Harrys Gesicht verzog sich zu einer Fratze] den Cruciatus-Fluch, darunter im Zaubereiministerium und während der Schlacht um Hogwarts, wie mir Augenzeugen unabhängig voneinander berichteten.

Harry Potter ist ein Zauberer, der vielfach unverzeihliche Flüche zu seinem eigenen Vorteil einsetzte?

In der Tat. Es ist ja nicht nur der Cruciatus-Fluch, den er immer wieder gegen seine Feinde einsetzte. Gerüchten zufolge soll auch der Einbruch in Gringotts nur durch den Einsatz eines Imperius-Fluches erfolgreich gewesen sein. Und dann gab es dieses Duell mit Sie-Wissen-Schon-Wem. Wie oben schon erwähnt halte ich es bei meinem bisherigen Recherchestand für völlig unplausibel, dass Sie-Wissen-Schon-Wer durch einen zurückprallenden Todesfluch getötet wurde. In meinen Augen ist es wahrscheinlicher, dass vielmehr Harry Potter selbst einen Todesfluch benutzte, möglicherweise nonverbal. Bisher kann ich dies nicht abschließend bestätigen, aber meine Recherchen hierzu sind bereits weit gediehen. Und denken wir auch einmal an die unselige Juninacht des vergangenen letztes Jahres, die Albus Dumbledore nicht überlebte. Wie die Leser meiner Dumbledore-Biografie wissen, sind die Geschehnisse dieser so folgenschweren Nacht gelinde ausgedrückt obskur. Der einzige Zeuge, der bisher ausfindig gemacht werden konnte, ist niemand anderes als Harry Potter höchstpersönlich. Er war es, von dem wir die Geschichte der Ermordung Dumbledores durch Severus Snape erfahren haben. Er, der seit seinem ersten Schultag einen unbändigen Hass auf Snape hatte, weil er ihn für den Tod seiner Eltern verantwortlich machte, wie mir eine Vielzahl von Zeugen bestätigt haben. Doch was, wenn diese Geschichte gar nicht wahr ist? Was, wenn Snape unschuldig war? Wäre es nicht höchst plausibel, dass Potter die Ermordung Dumbledores durch Snape nur erfunden hat? [Harry schrie vor Wut. Nach einem kurzen Durchatmen las er weiter].

In einem früheren Artikel im Tagespropheten hatten sie diese Zweifel schon einmal dargelegt. Haben Sie seitdem neue Erkenntnisse erlangt?

Korrekt. Sie spielen auf meinen Artikel von letztem Sommer an. Dort hatte ich ja erstmals meine Zweifel an dieser Erzählung kundgetan, konnte es aber noch nicht wirklich belegen. Damals wusste ich aber noch nichts von der Suche Potters nach schwarzmagischen Gegenständen. Fügt man dieses Puzzleteil in die Gesamterzählung ein, wird vieles klarer und es ergibt sich ein weiteres Motiv für die Ermordung Dumbledores durch Potter. In diesem neuen Licht betrachtet erscheint es so, als hätten sich Potter und Dumbledore über die weitere Fortführung ihres Planes gestritten. Erst verbal, dann mit Zauberstäben. Alle, die ihn kennen, wissen, wie aufbrausend der Junge sein kann. Was wenn er an diesem Abend einfach ausgerastet ist? Wenn er und Dumbledore sich derart uneinig waren, dass Potter irgendwann einfach zum Zauberstab griff? Wenn Dumbledore so überrascht war, dass er nicht mehr rechtzeitig reagieren konnte? Und der Junge in seinem unbändigen Zorn seinen Lehrer ermordete? Wäre das wirklich so unwahrscheinlich? Ich glaube nicht. [Harry nahm die letzten Sätze kaum noch zur Kenntnis, zu abgedreht waren die dort geäußerten Behauptung]

Ich bedanke mich für dieses erleuchtende Interview. Lassen Sie uns hören, wenn sie mehr herausgefunden haben. Fest steht eines: Die neue Harry-Potter-Biografie verspricht eine sehr interessante Lektüre zu werden.

Gerne!

Harry knallte die Zeitung auf den Tisch. Er war so voller Wut, dass er gar nicht wusste, worüber er sich zuerst aufregen sollte. Die unsäglichen Diffamierungen, die infamen Lügen, die Angriffe auf alle Menschen, die ihm etwas bedeuteten, der Twist, der in zu einem Täter stilisierte und Voldemort gewissermaßen zu seinem Opfer machte. Es war ihm schier unbegreiflich, wie ein vernunftbegabtes Wesen so etwas niederträchtiges schreiben konnte. Wieso tat sie das? Was hatte er dieser Frau getan, dass sie derart viele Lügen über ihn verbreiten musste?!

„Alles ok, Harry?", fragte Hermine sanft.

„Sehe ich aus, als wäre alles ok?", blaffte Harry sofort zurück, auch wenn er natürlich wusste, dass Hermine das falsche Ziel für seine Rage war.

„Du siehst aus, als wolltest du vor Wut dein Frühstück ein zweites Mal durch den Kopf gehen lassen", kommentierte Ron.

„Vielleicht liegt das daran, dass ich mich tatsächlich so fühle?", fauchte Harry schnippisch.

„Harry! Ich habe die vorhin gesagt, dass du diesen Interview nicht zu Herzen nehmen darfst", versuchte es Hermine erneut. „Die Frau will dich fertig machen. Aus welchen Motiven auch immer. Diese werden wir schon noch herausfinden. Aber es wäre falsch, jetzt darauf mit Wut und Zorn zu reagieren. Es bringt dir nichts."

„Ach, und was bringt mir was?"

„Ehrlich, Harry. Ich habe den Artikel auch gelesen, und es ist völlig verständlich, dass du wütend bist. Jeder wäre das. Das wirklich problematische am Artikel sind aber nicht die Angriffe auf dich."

Harry und Ron starrten sie an.

„Nicht?", fragte Ron.

„Sondern?", fragte Harry. Du meinst, es gibt noch etwas Schlimmeres als das?"

Hermine nickte, ihr Blick verriet große Sorge.

„Nicht hier." Sie nickte in Richtung Treppenhaus. Ron und Harry verstanden.

Hermine schnappte sich die Zeitung und stieg die Treppe nach oben, gefolgt von Ron und Harry. Als sie in Rons Zimmer angekommen waren, schloss sie die Tür magisch ab, zündet die Zimmerbeleuchtung an, zog den Rollladen herunter und sprach einen Muffliato-Zauber, um zu verhindern, dass es etwaige Mithörer gab.

„Jetzt."

Während Ron noch etwas unschlüssig dreinblickte, was die ganze Geheimhaltung wegen eines dummen Zeitungsinterviews sollte, hatte Harry eine Ahnung, was Hermine denken konnte.

„Glaubst du, Kimmkorn ist der Sache mit den Horkruxen auf der Spur?"

Hermine ließ sich Rons Bett fallen und stützte die Arme auf die Knie. Sie sah erheblich beunruhigt aus.

„Ich weiß es nicht, Harry. Es wäre möglich." Hermine wog ihre Worte ab. „Die Formulierungen sind wage, daher vermute ich, dass sie derzeit noch ins Blaue spekuliert. Aber sie hat einen Instinkt für Skandale und Lücken in Erzählungen, und ehrlich, Jungs, in unserer Erzählung klaffen ziemliche Lücken. Was haben wir die letzten Monate wirklich gemacht? Nach was haben wir gesucht? Warum der Einbruch bei Gringotts? Warum die Suche nach dem Ravenclaw-Diadem? Das sind Fragen, die man uns bisher dankenswerterweise nur selten gestellt hat, aber sie sind da. Diese Fragen stellt sich McGonagall, die stellt sich Kingsley, aber auch deine Familie, Ron. Und viele andere Leute da draußen. Wir hatten bisher nur das Glück, dass bisher niemand wirklich nachgebohrt hat, wenn wir vom Thema abgelenkt haben. Aber Kimmkorn wird nicht so einfach aufgeben. Sie wird Nachforschungen anstelle, und nur Merlin weiß, was dabei herauskommen wird."

„Was soll die alte sabbelnde Klatschtrommel denn rausfinden, Hermine?", fragte Ron. „Keiner von uns wird reden. Unser Geheimnis ist sicher."

„Ich wünschte, es wäre so einfach, Ron", sagte Hermine leise. „Wir dürfen uns aber nichts vormachen. Bei all der Abneigung gegen sie, eines muss man ihr lassen: Sie weiß, wie man recherchiert und unwahrscheinliche Quellen ausmacht. Denk doch mal nach! Woher kannte sie die Geschichte von Harry, Dudley und der Schlange? Wie kam sie auf das Diadem von Rowena Ravenclaw? Woher wusste sie, dass Harry Bellatrix mit dem Cruciatus-Fluch angegriffen hat im Ministerium? Das sind alles Aussagen, die stimmen! Und die eigentlich nur wir drei wissen sollten!"

„Hermine hat recht", mischte sich Harry ein, der bisher geschwiegen hatte. „Sie könnte wirklich gefährlich werden. Es war Dumbledores klarer Auftrag, dass niemand etwas über Horkruxe erfahren darf. Nicht mal die anderen Lehrer in Hogwarts. Wenn Kimmkorn dieses Geheimnis irgendwie herausfindet und publik macht..."

Hermines Augen weiteten sich vor Schrecken.

„Oh nein! Ich dumme Kuh!", schrie sie plötzlich. „Ich war es, die das Geheimnis ausplauert hat! Ich!"

„Was?", fragten Harry und Ron unisono.

„Ich habe es verraten! Während der Schlacht! Als wir gerade aus dem Raum der Wünsche entkommen sind und das Diadem zerbrochen ist! Dort habe ich das Wort Horkrux erwähnt! Wisst ihr noch? Malfoy war ganz in der Nähe. Was wenn er es gehört hat?" Hermine schlug sich die Hände vor die Augen. „Oh nein, oh nein, oh nein!"

Harry dachte fieberhaft nach und versuchte sich so exakt wie möglich an die Vorkommnisse zu erinnern. Sie waren aus dem Raum entkommen, hatten Malfoy und den bewusstlosen Goyle zurückgelassen und waren weitergelaufen, als der Horkrux zerbrach. Wie weit war Malfoy weg gewesen? 10 Meter? 15? Wie laut hatte Hermine gesprochen? Wie viele Hintergrundgeräusche der Schlacht konnten sie übertönt haben? War es möglich, dass Malfoy das Wort wirklich aufgeschnappt hatte? Oder war er so in Gedanken versunken, dass er nichts mitbekommen haben konnte? Immerhin war er ja unmittelbar zuvor einem tödlichen Feuer entkommen, gerettet von dem unwahrscheinlichsten Helfer. Und hatte auch nur Sekunden vorher erfahren, dass sein langjähriger Freund Crabbe im von ihm selbst ausgelösten Feuer umgekommen war. War er wirklich in der Lage gewesen, das Gespräch zu belauschen? Wahrscheinlich war es nicht gerade. Doch eines musste Harry zugeben. Es war auch nicht unmöglich.

Harry sah, wie Hermine immer weiter in sich zusammensank, während sie ihr Gesicht hinter ihren Händen versteckte. Er wusste, wie sehr sie sich bei solchen Angelegenheiten Vorwürfe machen konnte. In dieser Beziehung war sie ähnlich gestrickt wie er, auch wenn es ihm meist nicht auffiel. Harry lugte zu Ron, und als er seine Aufmerksamkeit hatte, nickte er kaum wahrnehmbar in Richtung Hermine. Ron brauchte eine Sekunde, um zu verstehen. Dann lief er zu Hermine, setzte sich neben sie aufs Bett und nahm sie in den Arm, was sie dankend annahm und ihr Gesicht in seiner Schulter vergrub.

„Ich glaube nicht, dass Malfoy etwas gehört hat", sagte Harry schließlich, teils, weil er es wirklich glaubte, teils weil er es sich selbst einreden wollte und teils, weil er wollte, dass sich Hermine keine Vorwürfe machte. „Es war sehr laut und er war wie weggetreten nach Crabbes Tod."

„Aber was wenn doch?", fragte Hermine weinerlich, nachdem sie sich etwas von Rons Schulter gelöst hatte. „Was wenn er es doch gehört hat?"

Harry wusste darauf keine Antwort.

„Dann wissen wir immer noch nicht, ob ihm das Wort Horkrux überhaupt etwas sagte. Oder ob er es für wichtig hielt."

„Er wird wohl kaum gewusst haben, was ein Horkrux ist, oder?" fragte Ron.

„Kann ich mir nicht vorstellen", ergänzte Harry. „Wir wissen auch nicht, ob er Kontakt zu Kimmkorn aufgenommen hat. Oder es noch wird. Wenn er nach Askaban kommt, dann hat sie eh keine Chance mehr, ihn zu interviewen." Harry stutzte. „Was machen die Malfoys jetzt eigentlich?"

„Dad meinte, sie stünden unter Hausarrest, bis es zum Prozess kommt. Bewacht von Mitgliedern der Magischen Strafverfolgungsbehörden und Auroren."

„Ob das reicht, wenn ein paar Todesser aufkreuzen...?", sinnierte Harry laut. „Für die müssen die Malfoys derzeit doch die Verräter schlechthin sein. Und gefährlich, bei all dem, was sie wissen."

„Du meinst, die Todesser murksen die Malfoys ab, damit sie keine Geheimnisse ausplaudern?", fragte Ron. „Dann müssten wir ja zumindest keine Sorgen mehr haben, dass Malfoy etwas über die Horkruxe verrät..."

„Ron!" protestierte Hermine energisch und schob ihn etwas von ihm weg. „Das ist nicht witzig! Mrs. Malfoy hat Harry das Leben gerettet!"

„Und wir ihrem großkotzigen Sohn, der unbedingt einen auf Baby-Todesser machen musste", sagte Ron lapidar. „Ich finde, wir sind quitt."

Harry stöhnte gequält.

„So sehr ich die Malfoys auch verachte, Hermine hat einen Punkt. Ohne Mrs. Malfoy wäre ich jetzt wohl nicht hier. Ich denke, wir müssen uns mehr Sorgen um Kimmkorn machen als um die Malfoys. Die kommen wahrscheinlich eh nach Askaban und sind damit keine Gefahr mehr. Wenn Draco unter Veritasserum aussagt, dann kommt auch raus, was wirklich in der Nacht von Dumbledores Tod geschah. Wisst ihr, wann die Prozesse beginnen sollen?"

„Es gibt noch keinen Zeitplan, Harry", antwortete Hermine, nun wieder gefasster. „Das Ministerium ist erstmal mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Mich würde wundern, wenn es vor Herbst losgehen würde. Viele Todesser sind ohnehin noch auf freiem Fuß. Gefangen wurden von wenigen Ausnahmen abgesehen nur die, die in Hogwarts kampfunfähig gemacht wurden. Thicknesse, McNair, Dolohov, die Carrows... Die meisten anderen lauern noch irgendwo da draußen oder sind aus dem Land geflohen."

„Tolle Aussichten", brummte Harry sarkastisch. „Man sollte meinen, die Auroren hätte inzwischen mehr erreicht..."

„Naja, es ist doch logisch, oder etwa nicht?", meinte Hermine. „Wir können annehmen, dass die Todesser mindestens genauso viel weiße Magie beherrschen wie wir, plus noch eine ganze Menge schwarzer Magie. Und selbst uns konnte das Ministerium das ganze letzte Jahr nicht aufspüren. Wieso sollten sie dann sofort lauter geflohene Todesser finden können? Die können genauso im Land herumapparieren wie wir, sie können genauso Schutzzauber ausführen wie wir und haben vermutlich noch eine ganze Menge mehr Tricks auf Lager. Es ist daher nur folgerichtig, sich darauf einzustellen, dass der Krieg nicht mit der Schlacht um Hogwarts endete. Der heiße, offene Krieg mag dort zu Ende gegangen sein, das ja. Nun wird es einen versteckten asymetrischen Krieg geben, Todesser gegen Auroren. Wie lange dieser dauern wird, das muss die Zukunft zeigen."

„Du hast echt eine merkwürdige Art, anderen Mut zu machen", nuschelte Ron mehr für Harry bestimmt als für Hermine.

„Das heißt, wir sitzen hier erst einmal fest", konstatierte Harry.

„Was hast du daran auszusetzen?", fragte Ron und klang dabei etwas verletzt. „Ich dachte, dir hat es hier immer gefallen?"

„Es gefällt mir hier auch, Ron", sagte Harry beschwichtigend. „Ich hatte mich nur darauf gefreut mal etwas alleine zu sein. Wir haben 9 Monate zusammen in einem engen Zelt geschlafen, und jetzt hängen wir wieder aufeinander, ohne zu wissen, wie lange das so bleiben wird. Außerdem möchte ich auch mal wieder in die Winkelgasse."

„Solange es nicht sicher ist, sollten wir hier bleiben, Harry", sagte Hermine bestimmt. „Wir sollten kein Risiko eingehen. Ich möchte auch unbedingt nach Australien und meine Eltern zurückholen. Sie fehlen mir so sehr. Aber das werde ich nicht tun, wenn hier noch überall Todesser herumlaufen. Es ist einfach noch zu gefährlich."

„Auch die Winkelgasse? Kommt schon", sagte Ron, „dort sind so viele magische Polizisten und Auroren unterwegs, jeder Todesser würde dort binnen Sekunden festgenommen. Ihr glaubt doch nicht ernsthaft, dass sich einer dieser Typen da blicken lassen würde? Das wäre Selbstmord!", lachte er.

Hermine biss sich auf die Unterlippe.

„Mag sein, Ron. Trotzdem ist die Winkelgasse auch ein interessantes Ziel. Wenn sie dort für Chaos sorgen, oder gar einen Mord begehen, direkt vor den Augen des Ministeriums, dann würde das Wirkung hinterlassen. Vergiss nicht wie verängstigt die gesamte Zauberergesellschaft derzeit ist. Und was los wäre, wenn dort ein Todesser nur gesehen würde. Es gäbe eine Massenpanik! Außerdem könnte Harry wohl kaum einen Schritt machen, ohne dass Hunderte Zauberer um ein Autogramm bitten würde. Von den Hexengroupies ganz zu schweigen..."

„Hexengroupies?", fragten Harry und Ron unisono.

Hermine seufzte.

„Ehrlich Jungs, geht ihr auch manchmal mit offenen Augen durchs Leben? Harry ist berühmt! War es immer und ist es jetzt noch mehr. Dort draußen laufen jetzt wohl tausende Romilda Vanes rum, die alle das gleiche von Harry wollen. Nein, keine Autogramme. Das ist wie Quidditchpokalsiegerfeier hoch zehn. Ich weiß nicht, ob Harry darauf Lust hat."

Harry dachte einen Moment daran, wie ihn Tausend Romilda Vanes anhimmelten, ihm nachstellten und ihn mit Liebeszauberpräsenten überhäuften, um ihn in die Arme oder noch besser ins Bett zu bekommen.

„Vielleicht ist es doch keine so schlechte Idee, noch ein paar Tage hier zu bleiben", sagte er schließlich mit einem Zwinkern. „Aber mittelfristig muss ich in die Winkelgasse. Und ins Ministerium."

„Wenn wir in die Winkelgasse gehen, dann gemeinsam", machte Hermine klar. „Ron und ich brauchen neue Zauberstäbe. Es wäre aber klug, vorher mit Kingsley zu reden. Vielleicht kann er uns eine Eskorte mitgeben. Und vorher mal eine Note an die Kobolde versenden, dass wir tun mussten, was wir getan haben. Bevor es von dieser Seite aus auch Probleme gibt..."

„Daran habe ich noch gar nicht gedacht", ächzte Harry. „Die werden uns den Überfall nicht so schnell verzeihen..."

„Oder gar nicht, Harry. Kobolde sind bei Diebstählen sehr resolut. Sie mögen verstehen, dass es notwendig war, bei ihnen einzubrechen um den Krieg zu gewinnen, aber sie werden uns die Tat nicht verzeihen. Diebstahl ist für Kobolde eines der schlimmsten Verbrechen überhaupt."

„Vielleicht kann Bill da helfen?", fragte Ron. „Ich meine, er arbeitet dort, wenn er nicht weiter weiß, wer dann?"

„Gute Idee, Ron", stimmte ihm Harry zu. „Ich frage ihn mal, wenn ich das nächste Mal sehe. Sollte das nicht hinhauen, bleibt nur noch Telefonbanking..."

„Teldefon-was?", rief Ron.

Harry und Hermine grinsten sich an und brachen schließlich in Lachen aus.

„Was machen wir nun mit Kimmkorn?", fragte Harry nach mehreren Minuten harmlosen Neckereien, in der er und Hermine Rons absolute Ahnungslosigkeit über die Muggelwelt aufs Korn genommen hatten.

„Ich glaube, wir haben derzeit nicht viele Möglichkeiten", konstatierte Hermine. „Erstens sitzen wir hier fest. Zweitens würde sie kaum auf uns hören. Und drittens sollten wir ihr keinen Floh ins Ohr setzen."

„Damit meinst du was?", fragte Ron.

„Naja, denk doch mal nach, wie so eine Frage ankäme. Wenn wir versuchten, sie von einem Thema abzubringen, dann würde sie doch sofort merken, dass es dort was gibt, von dem wir nicht wollen, dass es bekannt wird. Sie würde also noch viel intensiver suchen als ohnehin schon. Das wäre ein klassisches Eigentor."

„Und wenn Kingsley sich einmischen würde?"

„Wäre es das gleiche. Wir müssen einen anderen Weg gehen."

„Welchen Weg?", wollte Harry wissen.

Hermine seufzte.

„Ich weiß es noch nicht. Wir müssen uns etwas ausdenken. Wir dürfen keinesfalls zulassen, dass öffentlich bekannt wird, was Horkruxe sind und wie man sie herstellt. Wenn die nun flüchtigen Todesser von der Möglichkeit erfahren, einen Horkrux herzustellen, dann geht dieser Krieg noch ewig weiter. Das müssen wir um jeden Preis verhindern!"

Harry und Ron nickten grimmig. Mehrere Todesser, die jeweils einen oder gar mehrere Horkruxe erschufen..., die Folgen wären schlicht unabsehbar.

„Glaubt ihr, es gibt da draußen Zauberer, die von Horkruxen wissen?", fragte Ron plötzlich nach einer Weile des Schweigens. „Ich meine, Dumbledore hat die Bücher doch aus der Bibliothek entfernen lassen, oder nicht? Damit müsste die Gefahr doch klein sein, oder? So von sich aus, wenn Kimmkorn ihre Feder stecken lässt."

Hermine dachte lange nach, bevor sie antwortete.

„Gute Überlegung, Ron. Die Frage ist wohl, ob diese Bücher nur in der Hogwarts-Bibliothek zu finden waren, oder ob sie auch in privaten Bibliotheken standen. Oder noch immer stehen. Wenn dies der Fall ist, dann ist sehr gut möglich, dass noch andere Zauberer informiert sind. Gerade die alten Reinblutfamilien legen sehr viel Wert auf Traditionen und haben meines Wissens oft große Privatbibliotheken. Ich glaube, wir wären erstaunt und erschreckt, was sich dort so alles findet. Habt ihr euch mal im Bibliothekszimmer im Grimmauld Place umgesehen?"

Harry und Ron setzten simultan einen peinlich berührten Gesichtsausdruck auf, worauf Hermine mit den Augen rollte.

„Viele der Bücher dort enthalten Schwarze Magie. Manche wirklich dunkle schwarze Magie. Ich habe die meisten nur grob durchgeblättert, aber die Zaubersprüche daran sind nichts für schwache Nerven. Wenn andere Reinblutfamilien ebenfalls solche Bibliotheken besitzen..." Hermine stoppte in ihrem Gedankengang. „Oh, da fällt mir etwas ein: Ich schleppe immer noch Dumbledores Bücher mit mir herum."

Hermine griff zu ihrer Perlenhandtasche, die sie nach wie vor immer am Körper trug und niemals aus den Augen ließ, und schwenkte sie demonstrativ. In ihr raschelte etwas, dann polterte es aus der Tasche.

„Ach Mist", schimpfte sie, „das war so nicht geplant. Aber was ich eigentlich sagen wollte: Die Bücher müssen weg. Ich will sie an einen sicheren Ort bringen, wo nur wir sie wiederfinden können. Habt ihr Idee? Mir fällt nichts Adäquates ein."

„Können wir Sie irgendwo vergraben?", fragte Ron.

„Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist", meinte Hermine. „Zu unsicher."

„Und zerstören?"

Hermine sah Ron mit großen, schockierten Augen an. Es waren schließlich Bücher.

„Schon gut", sagte er hastig, nachdem er seinen Lapsus bemerkt hatte. „Ok, wir finden etwas anderes."

„Wie wäre es mit Gringotts?" schlug Harry nach einer Weile vor. „In meinem Verließ? Dort müssten die Bücher erst einmal geschützt sein. Und wir könnten in aller Ruhe überlegen, was wir mit ihnen machen."

„Auch dort sind die Bücher nicht völlig sicher, wie ihr wissen solltet", sagte Hermine. „Und wir kämen bei Bedarf nicht schnell an sie heran."

„Aber gilt das nicht für alle Verstecke, die wir auftreiben können?" Harry überlegte. „Ich sehe es so: Wir haben die Wahl zwischen Verstecken, die zwar schnell erreichbar, dafür aber recht unsicher sind. Oder zwischen Verstecken, die sehr sicher sind, aber nicht sofort zugänglich. Bei dem, was in diesen Büchern steht, möchte ich die Bücher lieber sicher verstecken. Gringotts wäre sehr sicher. Vielleicht könnten wir auch noch zusätzliche Schutzzauber einbringen, die die Bücher zerstören, wenn sie gestohlen werden? So also letzter Ausweg?"

Hermine kaute auf ihrer Unterlippe herum.

„Ich denke darüber nach", erklärte sie nach einer Weile. „Es ist nur so, was ist, wenn wir das Wissen aus den Büchern brauchen, wenn wir aber nicht in der Lage sind, an die Bücher zu kommen, weil wir keine Zeit oder keine Möglichkeit für einen Gringottsbesuch haben?"

„Als wenn du irgendetwas wichtiges vergessen würdest...", grinste Ron und sah sie schief an. „Du hast doch alles gelesen, oder?"

Hermine errötete.

„Ja, schon, aber da sind so viele Informationen enthalten... Was, wenn es um konkrete Formulierungen geht? Um völlig unwichtig erscheinende Details?"

„Es gibt keine absolute Garantie, Hermine", sagte Harry. „Aber ich bin mir sehr sicher, dass du dir alles wirklich Wichtige gemerkt hast. So wie immer. Wir sollten daher auf Nummer sicher gehen und die Bücher wegbringen. Die Gefahr, dass die Bücher in falsche Hände geraten, ist viel größer als die Gefahr, dass du ein unwichtiges Detail vergessen hast, das uns dann schadet."

Hermine atmete tief durch.

„Ok. Ich bin bei sowas immer so unsicher..."

Harry und Ron begannen zu grinsen.

„Wissen wir", lachten sie beide. Hermine sah sie mit bösen Blick an, den sie jedoch nur für zwei Sekunden halten konnte, bevor sie ebenfalls zu grinsen begann.

„Ich kann es einfach nicht abstellen", verteidigte sie sich lahm, aber ohne Vorwürfe gegen ihre Freunde, weil sie sie für ihre so deplatzierten Selbstzweifel aufzogen.

Ein paar Minuten später – sie waren inzwischen zu weniger schwer im Magen liegenden Themen übergegangen – schallte die Stimme von Mrs. Weasley durchs Haus.

„Ron! Es fängt an zu Regnen! Bring die Hühner in den Stall, bevor sie nass werden!"

Ron stöhnte, stand widerwillig auf und zog den Rollladen wieder hoch. Draußen waren dunkle Gewitterwolken aufgezogen, schwer von Regen, und es begannen bereits dicke Tropfen vom Himmel zu fallen, die auf das Dach und die Fensterscheiben des Fuchsbaus klatschten und dort die typischen Prasselgeräusche erzeugten.

„Ich komme, Mum!", rief Ron mit sehr wenig Enthusiasmus.

„Ich glaube nicht, dass sie dich gehört hat", grinste Hermine.

Wie zur Bestätigung schrie Mrs. Weasley erneut.

„Ron! Wo zum Teufel steckst du?! Bring die Hühner in den Stall! Sie werden nass!"

„Ich komme!"

Harry und Hermine grinsten sich an, und brachen in Lachen aus, als Ron am Türgriff zog und sich nichts tat.

„Hast du nicht etwas vergessen?", flötete Hermine unschuldig.

Jetzt fiel es auch Ron auf.

„Ach, die verdammten Schutzzauber!", rief Ron, als es ihm dämmerte. „Hermine, würdest du?"

Hermine zog ihren Zauberstab und löste erst den Muffliato, dann den Türschutzzauber.

In dem Moment, als Ron die Tür öffnete, rief Mrs. Weasley zum dritten Mal. Es klang fast wie ein Heuler.

Ron stürmte aus dem Zimmer, die Treppe hinab.

Hermine sah Harry an.

„Sollten wir ihm nicht dabei helfen? Er wird ziemlich nass werden."

Harry blickte zum Himmel hinauf, aus dem nun wahre Regenmassen zu fallen begannen, und dann auf die vielen Hühner, die vom Regen unbeeindruckt um den Hühnerstall herumwuselten und nach Würmern und Insekten pickten.

„Nö, glaube nicht. Ich denke, Ron ist mehr geholfen, wenn wir unsere Zauberstäbe trocken halten. Dann funktionieren die Trocknungs- und Wärmzauber besser", lachte er und zwinkerte Hermine dabei verschwörerisch zu.