Kapitel 3

Der Regen hielt tagelang an und drückte die ohnehin schlechte Stimmung im Fuchbau auf weitere Tiefstwerte. Nach vier Tagen, in denen es derart geschüttet hatte, dass selbst das Füttern der Hühner in ihrem Stall praktisch einem Vollbad gleich kam, waren die Nerven aller Bewohner des Hauses zum Zerreißen angespannt. Das Eingepfercht-Sein im aus allen Nähten platzenden Fuchsbau, ohne Möglichkeit irgendwohin zu gehen, die vielen Personen im Haus, die es quasi unmöglich machten, sich einmal alleine in einen Raum zurückzuziehen, die weiter anhaltende Trauer um Fred und die anderen Getöteten, die dunklen Regenwolken, die so viele Erinnerungen an all die schlechten Erlebnisse der vergangenen Zeit hervorrriefen und dazu die Sonne verdeckten, dazu die weiter anhaltende Anspannung aufgrund der Tatsache, dass immer noch so viele Todesser auf der Flucht waren, und damit einhergehend die Unmöglichkeit den Fuchsbau zu verlassen: All das forderte seinen Tribut. Am vierten Tag gab es niemanden mehr, der nicht mindestens einmal mit jemandem aneinandergeraten war. Die einzige Ausnahme war Mr. Weasley, der von früh Morgens bis spät Abends im Ministerium war, um dessen Wiederaufbau voranzutreiben, und in den vergangen zwei Wochen fast nur zum Schlafen im Fuchsbau gewesen war.

Alle anderen hingegen litten stark unter dem jede Aktivität hemmenden Dauerregen, und auch Mrs. Weasley hatte trotz allem Bemühen keine Haushaltsaufgaben mehr zu verteilen, die nicht schon dreimal von drei verschiedenen Personen erledigt worden waren. Am Besten zurecht mit der quälenden Langeweile kam noch Hermine. Sie hatte sich mehrere Siebt-Klass-Schulbücher von Ginny ausgeliehen und verbrachte den Großteil des Tages lesend, wobei sie je nach Situation in der Küche, Ginnys Zimmer oder Rons Zimmer saß. Schon gegen Abend des zweiten Tages hatte sie das alte, mit vielerlei Schabernack vollgekritzelte Lehrbuch zu Verteidigung gegen die Dunklen Künste durchgearbeitet gehabt, das sie sich von George borgen musste, da im vergangenen Schuljahr ja keine Verteidigung gegen die Dunklen Küste gelehrt worden war. Harry merkte zwar, dass ihr die Situation ebenfalls schwer zu schaffen machte, aber solange sie las, konnte sie ihre negativen Stimmungen unterdrücken. Deutlich schlechter erging es Ron, der seine Stimmungsschwankungen an allen anderen ausließ, womit er wiederum zum Lieblingsziel all seiner Mitbewohner wurde. Mehr als nur einmal legte er sich mit Ginny an, die gleich ein halbes Dutzend mal wegen ihm in Tränen ausbrach und in ihr Zimmer stürmte oder sich einmal mit ihm einen fast furienartigen Kampf lieferte und ihn anschrie, wie es Harry nur selten erlebt hatte.

Einmal, als er zwischen den beiden Kampfhähnen zu schlichten versuchte, kam Harry zwischen die Fronten und wurde sowohl von Ginny als auch von Ron angebrüllt, worauf wiederum eine sehr wütende Mrs. Weasley angestürmt kam und Harry und Hermine in Georges Zimmer und Ron und Ginny in ihre jeweiligen Zimmer kommandierte und George in die Küche beorderte, bevor sie selbst kochend abdampfte. Auch auf Ron und Hermines Beziehung – oder vielmehr das zarte Pflänzchen, das einmal in ferner Zukunft zu einer solchen heranwachsen wollte – hatte der Regen keinen positiven Einfluss. Gleich mehrfach gerieten die beiden wegen Kleinigkeiten aneinander und schmollten anschließend, nur um sich später erneut in die Wolle zu kriegen. Harry wiederum versuchte sich aus all dem herauszuhalten, nur um meist doch wieder mittendrin zu landen und mal von Hermine Rons diverse Unzulänglichkeiten erklärt zu bekommen und sich mal von Ron anhören zu müssen, wie sie ihn für alle Mögliche kritisierte.

Harry selbst versuchte sich so gut es ging mit seinem Zauberstab zu beschäftigen und übte in diversen Rückzugsräumen – der Waschküche, dem Keller, einmal sogar im Badezimmer – diverse Zaubersprüche, was aber auch nach einer Weile sehr langweilig wurde. Alternativ versuchte er mehrfach es Hermine gleichzutun und etwas zu lesen, merkte aber ziemlich schnell, dass sein Verstand dazu noch nicht bereit war. Binnen Minuten wanderte seine Aufmerksamkeit zu allen möglichen Dingen, von dem Kampf in Godrics Hollow über die Schlacht von Hogwarts hin hin zu den zahlreichen Beerdigungen, die er die letzten Wochen besuchen musste. Es war, als erreichten die Buchstaben vor seinen Augen nicht einmal sein Hirn, sondern wurden herausgefiltert, bevor sie überhaupt einen Sinn ergeben konnten. Einmal mehr bewunderte Harry Hermine, wie sie mit quasi stoischer Gelassenheit und der Ausdauer einer Triathlonläuferin ein Buch nach dem anderen verschlingen konnte, und dabei sogar nicht nur die großen Züge, sondern auch noch fast alle Details behielt.

Als sich Ron und Hermine nach einem dummen Spruch Rons zum dritten Mal an diesem noch frühen Nachmittag in die Haare bekamen, ließ Harry die beiden in Rons Zimmer zurück und wanderte zum gefühlt zehnten Mal die Treppe hinunter, um zu sehen, ob er etwas in der Küche tun konnte. Kurz bevor er unten ankam, fing ihn Ginny ab.

„Hi, Harry. Können wir kurz reden?", fragte sie ungewohnt schüchtern und mit leiser Stimme und sah dabei mehr in Richtung der Hausschuhe, die sie trug, als in Harrys Gesicht.

„Öh, klar, Ginny", antwortete Harry und trat nach ihr in ihr Zimmer.

Ginny schloss die Tür und sprach zusätzlich noch einen Muffliato aus. Harry wusste nicht, woher sie diesen Zauber kannte, ahnte aber angesichts von Ginnys Sicherheitsvorkehrungen, dass das Gespräch kein Einfaches würde.

„Was gibt's, Ginny?", fragte Harry gutmütig und sehr darauf bedacht, diesmal keinen dummen Fehler zu machen, der wieder zu Streit führen würde.

Ginny spielte mit ihren Haaren, für Harry ein Zeichen, dass sie ziemlich nervös war.

„Ich wollte mich entschuldigen, Harry", sagte sie leise und mit betretenem Blick. „Dafür, dass ich die letzte Zeit so zickig war. Ich war nicht ich selbst. Ich bin so normal nicht."

„Ist ok, Ginny", erwiderte Harry und machte einen Schritt auf sie zu. „Die letzten Wochen waren für uns alle nicht einfach."

„Nicht nur die letzten Wochen", flüsterte Ginny. „Das ganze letzte Jahr war einfach nur schrecklich. Ich will, dass das endlich vorbei ist, Harry..." fügte sie mit stockender Stimme an.

„Es wird schon alles gut werden, Gin", versuchte sie Harry zu trösten. „Es wird wieder aufwärts gehen."

„Warum fühlt es sich dann nicht so an?", fragte Ginny. In ihren Augen sammelten sich Tränen. Sie sah regelrecht verloren aus.

Das war zu viel für Harry. Er schloss die Distanz zwischen den beiden und nahm Ginny in den Arm. Es fühlte sich ungewohnt an. Seltsam verkrampft und steif. Ginny ließ sich nicht wie sonst in die Umarmung fallen, oder presste sich gar an ihn, so wie sie es in der Zeit während ihrer kurzen Beziehung getan hatte, sondern war merkwürdig distanziert. Harry merkte sofort, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Er zog sich zurück und sah Ginny an, die fast ängstlich vor ihm stand.

„Ginny?", fragte er verwirrt, unfähig, seine Verwunderung in besser verständliche Worte zu fassen.

„Es tut mir leid, Harry", antwortete sie nach einer viel zu langen Pause. „Vielleicht... solltest du mich die nächste Zeit besser nicht berühren. Ich... ich brauche einfach etwas Zeit für mich."

Harrys Gedanken begannen zu rasen. Was war mit Ginny bloß los? Sie war was Berührungen anging nie besonders kontaktscheu gewesen und hatte Körperkontakt immer genossen und auch oft von sich aus initiiert. Harry hatte zwar nicht viele weibliche Vergleichspersonen – eigentlich nur Hermine – aber nach allem, was er über Ginny aus eigenen Erfahrungen und von den Erzählungen Dritter wusste, war sie eine sehr offene, kontaktfreudige, extrovertierte und selbstbewusste Persönlichkeit, die wusste, was sie wollte und es sich nahm, wenn sie es kriegen konnte. Warum war sie nun so reserviert und distanziert, so schüchtern und ängstlich? War im Krieg mehr vorgefallen, als Harry erfahren hatte? Hatte Ginny neben all dem Leid, von dem er wusste, noch mehr gesehen, das sie vor ihm verbarg? Oder noch schlimmer, war ihr in der Schlacht etwas zugestoßen, dass sie ihm, und evtl. auch jedem anderen im Haus verheimlichte? Es gab so viele Möglichkeiten.

Zu Beginn der Schlacht schien sie noch normal zu sein, war selbstbewusst gewesen und hatte selbst ihrer in dieser Beziehung sehr resoluten Mutter klar gemacht, dass sie Hogwarts nicht verlassen würde, um sich zu verstecken, sondern kämpfen würde wie jeder andere. Und sich damit durchgesetzt. Doch was war danach passiert? Irgendetwas musste passiert sein. Es gab längere Phasen, in denen sie in dieser Nacht auf sich alleine gestellt war. Beispielsweise, als sie den Raum verlassen musste. War ihr in dieser Zeit etwas zugestoßen, dass ihre Seele jetzt derart belastete? War sie angegriffen worden? Oder gar besiegt? Und wenn ja, was hatten ihr die Todesser anschließend angetan, dass es so einen Effekt auf Ginny hatte?

In Harry kroch kalte Panik hoch, als er sich alle möglichen Szenarien ausmalte, was einem jungen, hübschen Mädchen inmitten einer barbarischen Schlacht zustoßen konnte. War es das, was sie zu diesem gebrochen Mädchen gemacht hatte, das sie derzeit war? Und war Harry, der sie ja selbst aus dem Raum der Wünsche geschickt hatte, um dort nach dem Diadem von Rowena Ravenclaw zu suchen, verantwortlich dafür? Hatte er Schuld an Ginnys jetzigem Zustand, daran, dass sie derart litt?

„Ginny, was ist in Hogwarts passiert?!", schrie er, als er es nicht mehr aushielt, nicht zuletzt, weil die Vorstellungen in seinem Kopf beängstigend real aussahen.

Ginny erschrak und zuckte zusammen, mit dieser heftigen Reaktion hatte sie nicht gerechnet.

Harry bereute augenblicklich seinen Ausbruch.

„Es tut mir leid, Gin!", sagte er sofort, um anschließend mit leiser, beruhigender Stimme fortzufahren. „Hör mal, Gin, du weißt, dass du mit mir über alles reden kannst. Wenn es irgendwas gibt, was ich für dich tun kann, dann lass es mich wissen. Aber rede mit mir! Was ist in Hogwarts passiert, dass du so verändert bist? Ist es wegen Fred, oder war da noch mehr? Ich will dir doch nur helfen..."

Ginny begannen die Tränen über die Wangen zu laufen.

„Es tut mir leid, Harry", flüsterte sie erneut und konnte ihm dabei kaum in die Augen sehen.

„Was tut dir leid, Ginny? Du hast mir doch nichts getan. Dir muss nichts leid tun."

Ginny schluchzte, dann wendete sie sich von Harry ab und lief zu Schritte in Richtung des Fenster. „Du verstehst nicht", murmelte sie schließlich in Richtung Garten und schluchzte erneut.

„Was verstehe ich nicht?", bohrte Harry nach.

„Es war so schlimm", sagte sie schließlich, wieder kaum hörbar. „All die Zeit alleine. Es ist einfach passiert. Ich konnte nichts dagegen tun."

Harrys lauernde Ängste verstärkten sich zu wahren Monstern. Er war unfähig zu sprechen.

„Du warst nicht da, und er schon. Ich wollte das nicht. Aber, aber, es ist einfach passiert. Ich konnte mich nicht dagegen wehren..."

„Oh Gott, Ginny", stammelte Harry, innerlich zu Eis gefroren. „Das ist schrecklich!"

Ginny stoppte.

„Nein, Harry, nicht was du denkst!", rief sie plötzlich, nachdem sie sich bewusst war, wie das für Harry klingen musste, und fuhr herum. „Ich rede nicht von der Schlacht! Dort ist mir nichts passiert! Nein, Harry, es tut mir leid, dich so geschockt zu haben!"

Harry fiel ein Stein, um nicht zu sagen ein Gebirge vom Herzen.

„Merlin sei dank!", rief er und sprang vorwärts, um Ginny so fest zu umarmen wie er nur konnte. Ginny ließ es diesmal geschehen, begann dafür aber, umso stärker in seine Schulter zu schluchzen. Schließlich drückte sie sich wieder weg und ließ Harry konsterniert stehen.

„Ich habe das nicht verdient, Harry", stammelte sie unter Tränen und konnte ihn wieder kaum ansehen.

Harry wies diese Behauptung zurück.

„Natürlich hast du das, Ginny!"

Doch Ginny ließ sich nicht berirren.

„Nein Harry, habe ich nicht. Und schon gleich gar nicht von dir. Du bist viel zu gut für mich!"

„Warum sagst du sowas?", fragte Harry empört, das Unverständnis über die Zurückweisung in seiner Stimme klar hörbar.

„Weil es die Wahrheit ist", antwortete Ginny trotzig.

Harry stand kurz vorm Explodieren. Was ging bloß in Ginny vor, dass sie so reagierte?

„Ginny, was ist los mit dir?", fragte er erneut, diemal mit viel Nachdruck und viel lauter, als er es beabsichtigt hatte. „Ich verstehe es nicht! Und deine Erklärungen ergeben keinen Sinn! Was ist in Hogwarts passiert?"

Ginny starrte ihn ein paar Sekunden an, dann setzte sie sich auf ihr Bett und vergrub ihr Gesicht in ihren Händen. Sie atmete mehrfach hörbar ein und aus und begann schließlich zu erzählen, zunächst ganz langsam.

„Es war in Hogwarts, Harry. Es war so schlimm. Du kannst dir nicht vorstellen, wie es gewesen ist unter den Carrows. Wie sie die Schule terrorisiert haben. Wie sie jeden gequält und gefoltert haben, der auch nur den kleinsten Verstoß gegen ihre Regeln begangen hat. Der ihre abstrusen Reinblutphantasien nicht geteilt hat. Wie sie den Cruciatus-Fluch gegen Erstklässler eingesetzt haben, die zu spät zum Unterricht kamen. Es war schrecklich."

Ginny brach ab, um sich zu sammeln.

„Wir wussten, dass wir etwas tun mussten. Dass wir dagegen aufbegehren musste, den anderen Hoffnung geben. Die Hufflepuffs waren völlig eingeschüchtert. Die Ravenclaws zogen sich immer weiter zurück. Wir Gryffindors genauso. Es gab kein Lachen mehr in der Schule. Nicht im Unterricht, nicht in der Großen Halle beim Essen, nicht in den Gemeinschaftsräumen, überhaupt nicht mehr. Nur die Slytherins haben gefeiert, das aber umso lauter. Und uns permanent klar gemacht, wer nun das Sagen hat. Es war nicht auszuhalten. Und dann hatte Neville den Plan. Er hat ganz alleine einen Plan ausgearbeitet, wie wir die Carrows ärgern könnten und den Schülern Mut machen. Seamus hat ihn für verrückt erklärt, ihm in aller Deutlichkeit klar gemacht, was die Carrows mit ihm machen würden, wenn sie ihn erwischen würden. Doch er hat sich nicht davon abbringen lassen und es durchgezogen. Er hat im Alleingang mehrere Wände mit Sätzen wie „Snape stinkt", „Muggleborn magicians matter" und „Selbst Argus Filch wäre ein kompetenterer Lehrer als Amycus Carrow" bemalt. Obwohl im jeder abgeraten hat. Und zum ersten Mal gab es wieder Lachen in der Schule. Es war wie eine Befreiung."

Ginnys Stimme raste nun fast.

„Danach wurde es leichter. Von da an haben wir uns fast jeden Abend zusammengesetzt und darüber gebrütet, was wir tun können, um die Carrows zu ärgern und die Moral hochzuhalten. Neville war der klare Anführer, Seamus und ich seine Stellvertreter, nach einer Weile kamen noch Luna und Hannah dazu. Wir waren der Führungszirkel, aber es waren noch viel mehr beteiligt. Alle Mitglieder von Dumbledores Army waren dabei, dazu ein paar weitere Schüler. Wir waren vorsichtig, aber uns allen war klar, dass es nicht ewig gutgehen würde. Mit jeder einzelnen Aktion gab es mehr Gegenmaßnahmen. Es war noch viel schlimmer als unter Umbridge. Die Carrows haben uns gejagt, die Slytherins haben uns gejagt, alle. Aber Neville ließ sich nicht davon abbringen. Er hat uns Mut gegeben, er war der klare Leader, er hat den Widerstand in der Schule koordiniert. Teils im Alleingang. Ohne in hätte es vermutlich Tote gegeben, weil es einige einfach nicht mehr ausgehalten hätten. Aber so zeigten unsere Aktionen Wirkung. Jeder in der Schule wusste, dass Snape und die Carrows nicht allmächtig waren, dass wir ihnen auf der Nase herumtanzten und sie dagegen machtlos waren. Es war wie ein Zeichen, dass sie uns nichts können. Denn jeder wusste, dass wir dahinter steckten, nur hatten sie keine Beweise. Und McGonagall kämpfte wie eine Löwin für uns und verhinderte, dass sie uns einfach so folterten."

„Und was ist dann passiert?", unterbrach sie Harry in ihrem Redefluss. Er hatte immer noch keine Ahnung, worauf Ginny hinaus wollte.

Ginny seufzte schwer und vergrub ihr Gesicht erneut in ihren Händen.

„Dann ist es einfach passiert. Du warst nicht da..., und ich war so alleine..., und Neville war so mutig..., und... und... ich hab mich einfach in Neville verliebt... Ich...". Weiter kam Ginny nicht, da sie in dem Moment in Tränen ausbrach und bebend auf ihrem Bett zusammenbrach.

Harry starrte sie einige Sekunden regungslos an, als die Worte wie Glockenschläge in seinem Kopf nachklangen; er war unfähig, etwas zu sagen. Vor seinem inneren Auge liefen wie im Film seine glücklichsten Momente mit Ginny ab, und wurden schließlich ersetzt durch das lächelnde Gesicht von Neville, worauf sie wie Seifenblasen zerplatzten.

„Neville?", krächzte Harry schließlich, er konnte es immer noch nicht fassen. „Du hast mich mit Neville betrogen?"

„Nein!", protestierte Ginney energisch und schluchzte besonders laut. „Ich, ich habe d-dich nicht b-betrogen. Neville w-weiß es noch gar nicht!"

„Sondern?", forderte Harry, während in ihm die Wut hochkochte. Er fühlte sich verraten, verraten wie ie zuvor in seinem Leben. Und Ginnys Erklärungsversuche machten es nur noch schlimmer.

„Verbliebt!", schluchzte Ginny. „Ich habe mich in ihn verliebt! Ich weiß nicht warum, es ist einfach passiert!"

„Ach, und wo ist da der Unterschied?", frage Harry höhnisch, unfähig seinen Zorn weiter zu verbergen.

„Das ist ein Riesenunterschied!", bekräftigte Ginny und sprang nun vom Bett auf. „Es war keine Absicht! Es ist einfach passiert!"

„Toll", antwortete Harry mit beißendem Sarkasmus. „Jetzt geht's mir schon viel besser, danke! Dann ist ja alles in Butter!"

Harry dachte an all die Abende im Zelt, als er auf der Karte der Rumtreiber Ginny beobachtet hatte, weil er sie so vermisste. An die vielen Nächte, in denen ihr Schriftzug auf dem Pergament seine Hoffnung auf einen guten Ausgang des Krieges hochhielt, die Hoffnung, dass es möglicherweise ein Leben nach dem Krieg geben würde, sogar ein Leben, das er nicht alleine verbringen musste. Dass er die Beziehung mit Ginny wieder aufnehmen könnte, wenn endlich alles überstanden war. Dass sie gemeinsam glücklich würden. Nun nahm ihm Ginny jäh all diese Hoffnungen, riss sie brutal aus seinem Herzen, und hinterließ dort eine klaffende Wunde, in der sich schlagartig all der unterdrückte Schmerz der letzten Jahre sammelte, den er nie verarbeitet, sondern nur verdrängt hatte. Es war zu viel für ihn, zu viel, um irgendwie damit umgehen zu können.

Und Harry tat das einzige, das für ihn in dieser Situation Sinn ergab. Er stürmte Hals über Kopf aus Ginnys Zimmer, die Treppe hinunter, vorbei an einem ihm mit fragendem Blick entgegen kommenden George, hindurch durch die Wohnküche, in der Ron und Hermine saßen und sich scheinbar wieder normal unterhielten, hinaus aus der Tür in den Garten, hindurch durch den immer noch strömenden Regen, hinweg über aus dem Weg springende Gartengnome, und hinweg über die Grundstücksgrenzen, die mit einer Vielzahl an Schutzzaubern die Sicherheit des Fuchsbaus garantierten. Er ignorierte Ginnys flehende Bitten zurückzukommen, Georges und Rons verwunderte Fragen, was los sei und auch Hermines klare Aufforderung, bloß nicht das Grundstück zu verlassen. Er sah sich nicht um und bekam nicht mit, wie Hermine und Ron ihm in den Regen folgten und hinter ihm her rannten, er sprintete einfach weiter, ohne auf alles zu achten, was hinter ihm geschah. Und dann verschwand er ins Nichts.