Kap 13, Gartengespräche Teil 2

Nachdem die Katze aus ihrem Sichtfeld verschwunden war verfielen sie wieder in Schweigen und Harrys Gedanken drifteten zurück zu einem Augenblick des nun weitgehend vergangenen Tages, über den er seither mehrfach intensiv nachgedacht hatte. Einen Augenblick, an dem er einen Satz geäußert hatte, der ihm zu dem Augenblick ziemlich harmlos vorgekommen war, nun aber von Sekunde zu Sekunde unangebrachter erschien. Der ihm peinlich war. Und den er aus der Welt schaffen wollte.

„Ähm, Hermine", begann Harry zögerlich, fast schon verschämt, „darf ich dir mal eine eventuell unangenehme Frage stellen? Musst auch nicht antworten..."

Hermine blickte ihn interessiert, aber auch offen und zuversichtlich an.

„Natürlich, Harry. Das weißt du doch, dass du mit mir über alles reden kannst, wenn du nur willst."

„Abwarten...", murmelte Harry unbeeindruckt, worauf Hermine mit den Augen rollte.

„Raus damit, Harry. Was hast du auf dem Herzen?"

Harry atmete scharf ein und ließ seinen Blick rastlos über den sich schon ziemlich verdunkelten Garten wandern, während er fieberhaft überlegte, wie er die Frage stellen sollte, dass sie nicht falsch rüberkam.

„Ich, äh, wollte wissen, naja, heute morgen, im Scherzartikelladen, den Satz hätte ich nicht sagen sollen, oder? Das war unangemessen, oder? Mir ist er jedenfalls jetzt peinlich. Ich möchte, dass du das weißt."

Hermine sah ihn irritiert an. Sie hatte sichtlich keinerlei Ahnung, auf was Harry hinaus wollte.

„Welchen Satz meinst du, Harry?"

Harry sackte etwas in sich zusammen. Musste er das wirklich noch genauer ausführen? Hermine war doch sonst nicht so begriffsstutzig.

„Naja", sagte er nun ziemlich leise und mehr als nur etwas verschämt, „mit dem Vielsafttrank."

Hermine wusste immer noch nicht, was er meinte, sodass er weiter reden musste.

„Und deiner... beginnenden Rückverwandlung", vollendete Harry und deutete, um es endgültig klar zu machen, mit seinem Zeigefinger auf Hermines Oberkörper.

Hermine brauchte einen Moment, bevor sie verstand und dann prustend und breit grinsend in ziemlich lautes Kichern verfiel. Harry wusste nicht, was er von dieser Reaktion halten sollte, doch etwas in ihm sagte, dass es deutlich schlimmer hätte kommen können.

„Das muss dir nicht peinlich sein, Harry", erklärte Hermine ein paar Sekunden später immer noch grinsend. „Ich gebe zu, der Satz kam unerwartet. Zumindest wüsste ich nicht, wann du jemals meine Brüste kommentiert hast." Bei dem Satz brach sie erneut in kurzes Kichern aus. „Aber, naja, du hattest auch Recht und, es äh, es war in dem Fall ein durchaus hilfreicher und zielführender Hinweis", lachte sie, die letzten Worte absichtlich betonend. „Muss man in dem Kontext erst mal schaffen..."

Harry atmete tief durch und begann sich wieder etwas zu beruhigen.

„Es war dir also nicht peinlich? Und du fandest den Satz nicht unangemessen?"

Hermine schüttelte den Kopf und schenkte ihm ein aufrichtiges Lächeln.

„Nein Harry, alles ok. Kein Grund für ein schlechtes Gewissen."

„Gut", sagte Harry merklich erleichtert. Doch irgendwie hatte er den Eindruck, sich weiter rechtfertigen zu müssen. Denn es war wirklich das erste Mal gewesen und es kam ihm rückblickend betrachtet weiterhin nicht richtig vor. „Es ist nur so, Hermine, ich..., ich bin nicht gut in so Dingen, und, naja, ich weiß nicht, was angebracht ist oder nicht. Ich rate einfach immer nur. Mir hat niemand etwas dazu beigebracht. Deswegen weiß ich nie, ob das, was ich sage, richtig ist. Oder ob ich mich gerade richtig blamiert habe. Und gerade bei Mädchen, naja, fast alles, was ich weiß, weiß ich von Ron, und Dean, oder Neville und Seamus. Und naja, ich..., ich glaube, das sind nicht wirklich die besten Informationsquellen..."

Bei dem Satz brach Hermine erneut in lautes Giggeln aus.

„Nein. Sicher nicht", lachte Hermine lauthals und hielt sich mit einer Hand den Bauch, während sie mit der anderen Harry am Unterschenkel tätschelte, der seine Beine immer noch ausgestreckt neben ihr liegen hatte.

„Harry", sagte sie schließlich wieder in einigermaßen ernstem Tonfall, „so sehr ich mich freue, dass du offenbar meinen Vortrag vorhin zur Quellenkritik verinnerlicht hast – dabei grinste sie breit – du vergisst etwas ganz Entscheidendes: Ja, dir mag eine echte Aufklärung fehlen. Das meintest du doch, oder? Weil das die Dursleys nie für nötig empfunden hatten. Aber was ich sagen will: Du hattest nicht nur Ron, und Dean und Neville und Seamus, du hattest auch mich und Ginny und Cho und Mrs. Weasley. Und viele andere Mädchen in Hogwarts, mit denen du täglich zu tun hattest. Du hast einfach in der Praxis gelernt. Und glaube mir, ich meine es ehrlich, wenn ich sage, dass du es gut gemacht hast. Du bist jedenfalls nicht in allzu viele Fettnäpfchen getreten. Du magst es anders empfinden, aber du warst definitiv einer der Jungen in unserem Jahrgang, der am Erwachsensten war. Und wenn du wirklich noch was wissen willst, zu Mädchen, oder auch nur wie man mit ihnen redet, dann komm zu mir. Ich erkläre dir, was du wissen willst. Und wenn es mal kurz peinlich wird, dann ist es halt so. Das geht auch schnell wieder vorbei. Angebot?" Hermine lachte kurz auf, als ihr ein Gedanke kam. „Ich meine, nach all dem, was wir gemeinsam durchgemacht haben, soll uns ausgerechnet das Reden zu peinlich sein? Das wäre doch wirklich peinlich, oder?"

Harry zögerte einen Moment. Er hatte wirklich einige Fragen, die er irgendwann mal stellen wollte, die er sich aber bisher nie getraut hatte zu stellen. Es waren keine Fragen, auf die er dringende Antworten suchte, oder die ihm jetzt spontan wichtig waren. Einfach Fragen, die ihn interessierten und die er schon irgendwann mal gerne beantwortet hätte, alleine um zu wissen, ob er mit seinen Vermutungen einigermaßen richtig lag oder völlig daneben. Er hatte zwar schon überlegt, einmal Rons Meinung dazu zu hören, aber wenn er ehrlich war, dann war er sich sicher, dass Ron genauso ahnungslos war wie er. Blieben noch Ginny und Mrs. Weasley. Ginny war eine schlechte Idee, da war er sich sicher. Irgendwie fehlte ihm bei ihr einfach das nötige Grundvertrauen, und zwar nicht erst seit ihrer Trennung. Auch zuvor hatte er sich nicht vorstellen können, ein derart intimes Gespräch mit ihr zu führen. Es fühlte sich einfach nicht richtig an in seinem Kopf. Und die Vorstellung, zu Mrs. Weasley zu laufen... Harry schüttelte es alleine bei dem Gedanken daran. Das kam ihm einfach auf so vielen Ebenen falsch vor, dass ihm alleine die Vorstellung davon die Gedärme verknotete. Auch wenn er sich sicher war, dass sie ihm sofort alles beantwortet hätte. Bei Hermine hingegen war es hingegen nur einfache Scham, die ihn abhielt. Und die war überwindbar, oder? Zumal nach so einem offenen und ehrlichen Angebot.

„Ok, Hermine", sagte er schließlich. „Aber nur, wenn das für dich auch okay ist."

Hermine strich mit der Hand über seinen Unterschenkel.

„Ist es, Harry. Wenn ich wirklich gerade nicht in der Stimmung sein sollte, werde ich es dir sagen. Einverstanden?"

Harry nickte.

„Einverstanden. Und gut zu wissen."

„Weißt du, Harry, wenn wir schon über potentiell peinliche Dinge reden", begann Hermine vielleicht eine Minute später etwas zaudernd und in ernstem Tonfall, „ich bin wirklich froh darüber, wieder in meinem eigenen Körper zu stecken. Es mag dich wohl überraschen, gerade in Sachen Optik, aber für mich war diese Verwandlung heute einfach nur unangenehm und alles in allem sehr anstrengend."

„Was meinst du?", fragte Harry verdutzt. Er wusste wirklich nicht, worauf Hermine hinauswollte. „Gerade in Sachen Optik?"

Hermine sah ihn skeptisch und mit zerfurchter Stirn an.

„Ach komm schon, Harry, du musst das nicht machen. Du kannst ruhig ehrlich sein. Ich kann die Wahrheit vertragen. Jeder hat gesehen, dass die andere Hexe, in deren Körper ich geschlüpft bin, eine tolle Figur hatte und traumhafte Haare. Und dass ich da nicht ansatzweise mithalten kann. Trotzdem fühle ich mich in meinen richtigen Körper wohler. Auch wenn es verrückt klingt."

Jetzt war Harry irritiert.

„Was machen, Hermine? Ich finde einfach nicht, dass du in dem anderen Körper besser aussahst. Im Gegenteil."

Hermine begann mit skeptischem Blick seinen Gesichtsausdruck zu mustern, um Hinweise zu finden, dass er log. Doch zu ihrer großen Überraschung fand sie keine.

„Du meinst das wirklich ernst?", fragte sie schließlich perplex.

„Ja", sagte Harry kraftvoll. „Warum verwundert dich das so?"

„Ich, äh", begann Hermine stotternd, nur um noch mal von Neuem zu beginnen. „Ich bin einfach erstaunt. Du findest, dass ich unscheinbares Mauerblümchen besser aussehe als diese Hexe?"

Hermines Tonfall ließ klar erkennen, dass sie entgeistert war und diese Aussage weder erwartet hatte noch für plausibel hielt.

„Ja!", wiederholte Harry abermals, diesmal noch etwas resoluter. „Und ich halte dich auch nicht für ein Mauerblümchen. Bist du nämlich nicht."

Hermine rollte mit den Augen.

„Ach Harry, das habe ich dir doch schon mal erklärt..."

Harry stöhnte gequält auf.

„Ja, hast du. Aber ich fand schon das letzte mal, dass deine Erklärung keinen Sinn ergab."

Hermine schnitt eine Grimasse.

„Aber was ist daran so schwer zu verstehen? Meine Figur ist bestenfalls mittelmäßig, genaugenommen bin ich einfach nur schlank. Meine Haare sind die meiste Zeit einfach nur schlimm, außer ich stecke richtig viel Zeit rein, was ich aber nicht mache. Auf Make-Up habe ich keine Lust, Mode interessiert mich nicht wirklich und stylen tue ich mich auch nicht. Also was findest du an mir hübsch?"

„Aber das ist es doch gerade", platzte es aus Harry heraus. Er konnte einfach nicht verstehen, warum Hermine ihre Schönheit nicht akzeptieren könnte. „Du bist einfach von Natur aus hübsch! Du musst nichts machen und siehst trotzdem gut aus! Ist das nicht das Entscheidende? Du hast einfach so eine natürliche Schönheit! Und diese finde ich einfach besser als so eine künstliche Schönheit, die erst aufwendig mit allerlei Tricks vor dem Spiegel geschaffen werden muss!"

Hermine setzte zu einer Erwiderung an, stockte aber. Das Wort „Schönheit" hatte sie auf dem falschen Fuß erwischt.

„Schönheit?", krächzte sie ungläubig.

„Ja", erklärte Harry. „Du hast eine natürliche Schönheit, ob du es mir glauben willst oder nicht."

Harry konnte sehen, dass er mit diesem Satz einen Wirkungstreffer gelandet hatte. In Hermine arbeitete es, und er konnte von Augenblick zu Augenblick dabei zusehen, wie sich Hermines Gesichtsausdruck entsprechend ändert. Wo zunächst noch Fassungslosigkeit geherrscht hatte, stand kurze Zeit später ein trauriges, aber ehrliches Lächeln.

„Ach Harry, ich nehme dir ab, dass du das ernst meinst", sagte sie schließlich leise und sah ihm direkt in die Augen. „Aber es fällt mir einfach schwer, es auch selbst zu glauben."

Harry seufzte, enttäuscht und auch eine Spur genervt, dass Hermine sich wieder einmal unberechtigterweise so niedermachte.

„Naja, dann sind wir ja zumindest einen Schritt weiter als das letzte Mal...", erwiderte er mit mehr als nur einem Hauch von Sarkasmus und tätschelte ihren Unterschenkel. „Aber irgendwann überzeuge ich dich!"

Hermine lachte trocken.

„Haha. Da nimmst du dir viel vor! Aber lass dir gesagt sein, dass du mit dieser Meinung die klare Ausnahme bist. Die Reaktionen heute Morgen waren eindeutig. Mit Ausnahme von dir und deinen merkwürdigen und für normaldenkende Menschen schwer nachvollziehbaren Schönheitsvorstellungen haben alle anderen gestarrt."

„Normaldenkende Menschen?", empörte sich Harry gespielt. Ich gebe dir gleich normaldenkende Menschen! Willst du jetzt wirklich behaupten, wer dich hübsch findet, kann nicht normaldenkend sein?"

Hermine versuchte einen durchdringenden, todernsten Blick aufzusetzen, scheiterte aber kläglich.

„Es ist zumindest ein Indiz...", grinste sie schließlich verschmitzt.

Harry ließ das nicht auf sich sitzen.

„Ich glaube, du bist einfach ein bisschen verrückt."

Hermines Grinsen verstärkte sich.

„Mag sein. Aber die Beleglage ist auf meiner Seite." Als Harry nicht zu einer Entgegnung ansetzte, sondern sie nur mit über dem Kopf schwebendem Fragezeichen ansah, sprach sie weiter, nun wieder mit normalem Tonfall. „Es haben wirklich alle gestarrt, Harry. Und das erlebe ich sonst nie. Dean, Ron, Lee, die Verkäuferin in der Apotheke, ja selbst Mr. Olivander hat mal einen kurzen Blick gewagt. Wie alt ist er noch mal?"

„Mr. Olivander?", wiederholte Harry ungläubig. „Naja, zumindest alt genug, dass es in dem Alter fast schon wieder beeindruckend ist..."

„Du bist blöd und unmöglich!", lachte Hermine und schlug Harry spielerisch gegen die Brust. „Aber es nicht nur er gewesen. Ja, sogar Seamus hat mal kurz geglotzt, und der ist bekanntlich schwul."

Harry verschluckte sich fast.

„Seamus ist was?!"

Jetzt blickte Hermine irritiert.

„Seamus ist schwul. Hast du das nicht gewusst?"

Harry machte große Augen.

„Nein, natürlich nicht! Woher sollte ich das wissen? Wann hat er sich geoutet?"

Hermine blieb erneut die Spucke weg.

„Ich dachte, das sei seit Jahren bekannt? Oder zumindest ein offenes Geheimnis. Im Mädchen-Schlafraum war das monatelang Dauerthema, gerade Parvati und Lavender haben sich da ewig drüber ausgelassen. Sie meinten, er hätte es irgendwann mal betrunken zugegeben. Ich habe aber auch mehrfach andere Mädchen auf dem Klo drüber reden hören. Das weiß eigentlich ganz Hogwarts."

„Wohl besser halb Hogwarts...", brummte Harry ungläubig. „Wie auch immer. Also alle haben dich heute angestarrt?"

„Ja", bekräftigte Hermine. „Naja, fast alle. Du ja scheinbar nicht. Aber ich dachte, du hältst dich einfach absichtlich zurück. Oder glotzt einfach geschickter...", fügte sie mit einer für Harry nicht zu deutenden Grimasse an.

„Ich glotze geschickter? Wäre das denn was Positives?", fragte Harry mit ungläubigen Unterton.

Hermine sah ihn ratlos an.

„Um ehrlich zu sein, ich habe keine Ahnung. Ich kann nur sagen, dass ich die Blicke der anderen nicht mochte. Ich gebe ihnen keine Schuld, ich sage ja selbst, dass das an dem Körper lag, aber es war einfach unangenehm. Und nicht nur die Blicke, die ganze Aufmerksamkeit. Ich mag es nicht, so im Fokus zu stehen, und schon mal gleich gar nicht wegen meiner Optik. Deswegen bin ich ja so froh, wieder in meinem richtigen, langweiligen Körper zu stecken."

Harry setzte an, bei „langweilig" zu protestieren, ließ es aber stecken, als er Hermines drohenden Blick erkannte, die genau wusste, was er erwidern wollte. Er hatte ja bereits mehr als deutlich kund getan, was er von dieser Selbsteinschätzung hielt und wollte nicht erneut damit anfangen. Zu viel Druck konnte schließlich leicht kontraproduktiv werden.

„Ich bin auch ganz froh, wieder ich zu sein", sagte er nur. „Fühlt sich einfach normal an."

„Ja, ne? Vielleicht ist es einfach eine Gewohnheitssache."

„Vielleicht", sinnierte Harry. „Ich hätte nichts dagegen, wenn wir demnächst mal eine Weile auf Vielsafttrank verzichten könnten."

Hermine starrte ein paar Sekunden in das Dunkel.

„Ob Ron es ebenso sieht?", fragte sie schließlich unsicher. „Er scheint die heutige Aufmerksamkeit ja ziemlich genossen zu haben."

„Ja", bekräftigte Harry, „das ist mir auch aufgefallen. Hat ihm richtig Spaß gemacht, Malfoy einzuschüchtern. Und die Blicke von Iphigenia haben ihm auch sichtlich gefallen..."

Als diese Worte seinen Mund verlassen hatten, verfluchte sich Harry innerlich, und zwar noch bevor Hermines Mundwinkel angesichts der Erinnerung traurig nach unten sackten.

„Ja", flüsterte sie leise und enttäuscht und starrte neben Harry auf den Boden.

Harry haderte einen Moment, ob er sich für seinen unsensiblen Spruch zunächst selbst geißeln oder erst Hermine trösten sollte und entschied sich für letzteres.

„Hey", sagte er mit einfühlsamer Stimme, während er sich aufsetzte und Hermines Hand ergriff. „Lass dich davon doch nicht runter ziehen. Das ist es doch nicht wert."

Hermine schenkte ihm ein trauriges Lächeln.

„Ich wünschte, es ginge so einfach."

„Ron mag dich wirklich", bekräftigte Harry. „Auch wenn er es nicht allzu oft zeigt und manchmal dumme Sachen macht."

Hermine seufzte nachdenklich.

„Das weiß ich, Harry, und das war auch nie das Problem. Es ist nur so..., ich habe die letzte Zeit nachgedacht..."

„Über?", fragte Harry, und entschloss sich, die plötzlich gedrückte Stimmung mit einer flapsigen Bemerkung aufzulockern. „Bis jetzt ist es nämlich noch keine besonders ungewöhnliche Geschichte..." Parallel gab er Hermine ein aufrichtiges Lächeln.

„Haha, ja das stimmt wohl", erwiderte Hermine. „Also gut, dann eben die volle Geschichte. Also, ich habe nachgedacht über Ron und mich... Behalte das aber bloß für dich, ja?"

„Natürlich", versprach Harry, und machte mit seiner Hand eine Bewegung, als zöge er einen Reißverschluss vor seinem Mund zu.

„Also, es ist so, ich glaube nicht mehr, dass unser permanentes Zanken das eigentliche Problem ist."

„Nicht?", fragte Harry erstaunt. Denn er selbst sah das durchaus als großes Problem an. Zumindest wollte er selbst nicht in einer Beziehung sein, die gefühlt zur Hälfte aus Streit und verbalen Auseinandersetzungen bestand. Neckereien, gegenseitiges Aufziehen, spielerische Wortgefechte, das alles sehr gerne, aber echter Streit? Nein.

„Nein."

„Sondern?"

„Unsere Unsicherheit, Harry. Es scheint so, als wären Ron und ich die totalen Gegensätze. Und man sagt ja, Gegensätze ziehen sich an. Da mag durchaus was dran sein. Aber es ist so, in einem Punkt sind Ron und ich uns sehr ähnlich. Wir sind beide fast schon pathologisch unsicher. Hast du vor ein paar Tagen im Grimmauldplace ja auch gesagt."

Harry nickte zustimmend, als in ihm die Erinnerung daran und warum er dort hin geflüchtet war, wieder hochkamen, sagte aber nichts dazu.

„Bei Ron äußert sich diese Unsicherheit in Eifersucht, seinem Verlangen nach Aufmerksamkeit usw. Du kennst ihn. Aber ich bin genauso unsicher, auch wenn ich anders reagiere und z.B. panische Angst habe, durch Prüfungen zu fallen, was objektiv betrachtet ja nicht allzu wahrscheinlich ist."

„Nicht wirklich", spöttelte Harry grinsend.

„Genau. Trotzdem kann ich diese Ängste nicht abstellen, genau wie Ron seine Eifersucht und sein Verlangen nach Aufmerksamkeit nicht abstellen kann. Und beides passt so überhaupt nicht zusammen. Jedes Mal, wenn Ron die Aufmerksamkeit bekommt, die er braucht, springen mich meine Komplexe an und versuchen mir einzureden, dass ich es nicht wert bin und er mit jemand anderem viel besser dran wäre. So wie heute. Was sollte es mich kümmern, wenn eine Hexe, die fast doppelt so alt ist wie ich, einem mit Vielsafttrank verwandeltem Ron hinterher schaut und schöne Augen macht? Das sollte mir eigentlich gerade egal sein. Ist es aber nicht. Es nagt an mir. Und tut weh. Und ihm geht es ähnlich. Er tut sich extrem schwer damit, Leistung von anderen anzuerkennen, weil dann seine Eifersucht durchbricht. Du hat es erlebt während des Trimagischen Turniers. Aber bei mir ist es aber nicht anders. Auch meine Erfolge kann er nur schlecht anerkennen. Er bemüht sich, das kann ich ihm nicht absprechen, weil er ja auch um seine Unsicherheit weiß, aber es fällt ihm sichtlich schwer, entsprechend zu handeln."

Harry nickte erneut.

„Nur wie soll das langfristig zwischen uns funktionieren?", fragte Hermine schließlich mit leiser, bedrückter Stimme. „Ich will nach Hogwarts in meinem Leben etwas bewirken. Möglichst im Ministerium. Nicht einfach nur irgendwas verwalten, sondern gestalten. Die Welt verbessern. Dafür sorgen, dass es Muggelgeborene und Hauselfen und Kobolde und so weiter einmal besser haben als heute. Und ich hoffe sehr, dass ich dabei einige Erfolge habe. Nur fürchte ich einfach, dass Ron das dann nicht honorieren kann. Und ich mir deshalb wieder einrede, dass ich versagt habe. Ist das nachvollziehbar, Harry? Verstehst du, was ich meine? Oder habe ich da einen großen, schweren Denkfehler drin?"

Harry fand, gerade angesichts ihres Tonfalls, dass es fast ein Flehen gewesen war, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Er versuchte, ein Gegenargument zu finden, denn die Finalität, mit der Hermine sprach, machte ihm Sorgen. Doch ihm fiel keines ein. Zumindest keines, das Hermine nicht sofort widerlegen würde.

„Ich denke, es ergibt Sinn", gab Harry schließlich zu. „Ich denke aber trotzdem, du solltest keine voreiligen Schlüsse ziehen. Und vor allem mit jemand darüber reden, der sich mit solchen zwischenmenschlichen Angelegenheiten auskennt! Ich fürchte, ich bin da leider nicht gerade die beste Quelle."

Bei dem letzten Satz huschte Hermine ein kurzes Lächeln über die Lippen.

„Versuche nicht, mich mit meinen eigenen Waffen zu schlagen, Harry Potter!"

Doch schon zwei Sekunden später starrte sie wieder deprimiert in das Dunkel des Gartens.

Harry hob beide Hände.

„Würde ich nie wagen. Aber ich meine es ernst. Rede mit Leuten, die sich in Beziehungsfragen besser auskennen als ich. Zwei grandios gescheiterte Beziehungsversuche sind sicher keine Basis für Ratschläge."

Hermine kaute auf ihrer Unterlippe.

„Ginny sieht es glaube ich ähnlich."

„Hast du mit ihr darüber geredet?", wollte Harry wissen.

Hermine nickte.

„Mehrfach. Ok, über die Überlegungen von gerade natürlich noch nicht. Oder über das, was heute war. Aber allgemein natürlich schon. Sie war es, die mich mit einer Bemerkung überhaupt erst auf den Gedankengang gebracht hat, den ich dir gerade beschrieben habe."

„Ah, verstehe."

Harry beäugte Hermine aufmerksam, wie sie nachdachte. Er hatte diesen Blick von ihr schon öfter gesehen. Gerade in der Zeit, die sie ohne Ron zu zweit im Zelt verbracht hatten. Als ihre anfängliche Wut verschwunden und durch Trauer ersetzt worden war. Nach einer Weile sah er, wie eine einsame Träne über ihre Wange kullerte. Harry hievte sich auf seine Hände und rutschte herum, um neben ihr Platz zu nehmen.

„Komm her", sagte er leise, während er einen Arm um sie legte und sie behutsam an seine Schulter zog. Hermine vergrub ihr Gesicht in seinem Nacken.

„Sorry", schniefte sie leise.

Harry legte seinen freien Arm um ihre Taille und strich ihr beruhigend über die Seite.

„Du zitterst ja", stellte er überrascht fest.

„Kalt", murmelte sie leise gegen seinen Hals, aber ohne ihren Kopf zu heben.

„Sollen wir reingehen?", fragte Harry besorgt.

Hermine schüttelte den Kopf. Zumindest versuchte sie es.

„Nein. Bleib bitte hier", flüsterte sie.

„Gut. Dann produziere ich aber einen Wärmzauber."

Harry löste für ein paar Sekunden seinen Arm von Hermines Seite, um den nötigen Zauber durchzuführen.

„Hmmm, besser", schnurrte Hermine. „Danke."

„Hm, weißt du, Harry", sagte Hermine ein oder zwei Minuten später wieder etwas gefasster, „manchmal wünschte ich, Ron wäre ein bisschen mehr so wie du. Einfach verständnisvoller. Auch aufmerksamer. Unter anderem..."

Harry schnaubte.

„Was gibt's da zu schnauben?", fragte Hermine eingeschnappt und hob irritiert den Kopf von seiner Schulter.

Harry seufzte, enttäuscht darüber, dass sie den Grund für seine Reaktion nicht erraten, sondern komplett falsch gedeutet hatte.

„Ich fand die Ironie gerade lustig", erklärte er versöhnlich. „Denn ich denke auch immer wieder, dass es besser mit Ginny gelaufen wäre, wenn sie etwas mehr so wäre wie du..."

„Wirklich?", fragte Hermine überrascht. „Oh. Na dann ist das ja nachvollziehbar. Erlaubnis zum Schnauben erteilt."

Harry grinste und drückte Hermine etwas fester an sich, was sie mit einem langgezogenen „Hmmm" quittierte und ihren Kopf wieder auf Harrys Schulter legte.

So saßen sie bestimmt weitere 20 Minuten da, ohne dass sie noch nennenswert miteinander redeten. Es war nicht nötig. Beide genossen einfach nur die Gegenwart des anderen, spendeten sich gegenseitig Wärme und Trost und Hoffnung und hingen ihren eigenen Gedanken nach, während die Welt um sie stillzustehen schien. Erst als der von Harry provisorisch und ohne große Sorgfalt produzierte Wärmzauber endgültig den letzten Rest seiner Wirkung verloren hatte und niemand der beiden trotz allen gegenseitigen Wärmens mehr etwas anderes behaupten konnte, hob Hermine schließlich unter hörbarem Knacken ihres Nacken ihren Kopf von Harrys Schulter.

„Aua", sagte sie genervt von sich selbst und massierte sich ihren Nacken.

„Verspannt?", fragte Harry besorgt.

„Nein, zu lange in einer ungewohnten Position gesessen."

Harry errötete, oder hatte zumindest den Eindruck, es zu tun.

„Oh", blubberte er. „Sorry."

Hermine begann zu lächeln.

„Kein Grund dich zu entschuldigen. Das war es wert. Mehr als das." Sie nahm Harrys Hand in ihre und strich über seinen Handrücken, während sie ihm tief in die Augen sah. „Danke dafür."

Harry lächelte zurück.

„Gern geschehen. Und definitiv."

„Wir sollten rein gehen", sagte Hermine ein paar Sekunden später. Harry nickte.

„Ja, sollten wir."

Langsam und nicht wirklich besonders elanvoll löste er sich von Hermine und stand auf. Er reichte ihr eine Hand und zog sie ebenfalls auf die Beine. Anschließend faltete Hermine die Decke, auf der sie gesessen haben, zusammen, trocknete sie mit einem schnellen Trocknungszauber und verstaute sie wieder in ihrer Perlenhandtasche. Als sie in der Wohnküche ankamen, war dort bereits niemand mehr zu finden.

„Ähm, Harry, warte noch einmal", begann Hermine, als Harry sich auf den Weg zur Treppe machte.

„Ja?", fragte er.

„Was ich noch sagen wollte, wegen vorhin: Es gibt da was, was du wissen solltest: Die meisten Mädchen reagieren nicht ganz so verständnisvoll wie ich, wenn ein Junge versucht, ihnen ihre Komplexe uns unsere Komplexe teilweise mehr definieren, als es uns gut tut."

Harry sah Hermine mit fragendem Blick an.

„Das heißt, du warst noch pflegeleicht?", lachte er schließlich ungläubig.

Hermine begann zu grinsen.

„Du hast es erfasst!"

„Und dabei hast du alle meine Argumente bestritten...", stöhnte Harry entgeistert.

Hermines Grinsen wurde breiter.

„Ja, aber ich wurde nicht zickig dabei. Da siehst du mal, wie gut du es mit mir hast."

Harry seufzte.

„Na zumindest das habe ich nie bezweifelt."

Und er meinte es auch genau so.

„Das weiß ich, Harry", flüsterte Hermine. Und trotz der großen Dunkelheit im Flur konnte Harry sehen, dass sie dabei strahlte.

Anschließend machten sie sich auf den Weg nach oben. Vor Ginnys Zimmer, in dem noch Licht brannte, wie der leuchtende Schein unter der Tür zeigte, verabschiedete sich Harry von Hermine.

„Gute Nacht, Hermine. Träum was schönes!"

Hermine lächelte zurück.

„Du auch, Harry."

Dann zog sie ihn in eine ihrer engen Hermine-Umarmungen, die so typisch waren für sie und die Harry so mochte, und ließ erst wieder los, als bereits einige Sekunden verstrichen waren. Als Harry die Treppe zu Rons Zimmer emporstieg, dachte er, dass es alles in allem ein guter Tag gewesen war. Er hatte mit einer langen Umarmung von Hermine begonnen und mit einer langen Umarmung von Hermine geendet. Und all das, was dazwischen geschehen war, das war auch ganz okay gewesen.