Vorabbemerkung: Hallo liebe Leser, hiermit melde ich mich bis auf Weiteres zurück. Ich hatte ja schon mal kurz erklärt, warum ich die Geschichte seit fast einem Jahr nicht mehr aktualisiert habe. Am Anfang hatte ich durch den Ukraine-Krieg eine Schreibblockade (welchen Sinn hat es, so eine Fanfiction zu schreiben, während die Welt in Flammen steht?), dann fehlte mir die Zeit. Ich hoffe, dass sich das nun wieder geändert hat. Gedanklich bin ich schon ein halbes Dutzend Kapitel weiter als bisher hier stehen, daher sollte es mit Zeit und Muse hier problemlos weitergehen können. Ich denke nicht, dass ich den früheren Rhythmus von einem Kapitel pro Woche aufrecht erhalten kann, sondern strebe eher einen Takt von ein Kapitel alle 2-3 Wochen an, hoffe aber, damit dann kontinuierlich aktualisieren zu können. Danke für alle, die mir treu geblieben sind und auch interessiert nachgefragt haben! Euer Ravffindor
P.S. Da ich die Geschichte zu einem erzähltechnisch äußerst ungünstigen Zeitpunkt unterbrochen habe, bitte ich euch, vor dem Lesen dieses neuen Kapitels noch mal das Kapitel 11, Zauberstäbe, zu lesen. Sonst ist dieses neue Kapitel hier leider kaum verständlich, da es sich explizit auf die Geschehnisse dort bezieht.
Das Foto
Harry brauchte nicht groß spekulieren, dass ihm die Geschichte nicht gefallen würde. Überhaupt nicht gefallen. Er ahnte es bereits angesichts der Körperhaltung von Hermine, als er frisch geduscht in der Küche ankam, (Kopf nach unten gerichtet, Grimasse schneidend, vor sich hin köchelnd, während sie ihn taxierend aus den Augenwinkeln beäugte), oder dem Anblick von Ron (geballte Fäuste, Gesichtsfarbe und Haarfarbe ohne massiven Magieeinsatz nicht zu unterscheiden). Und er wusste es endgültig, Sekundenbruchteile nachdem er einen ersten flüchtigen Blick auf das riesige Aufmacherfoto erhascht hatte, das formatfüllend auf der Titelseite des Tagespropheten prangerte. Im Laufe der nächsten Sekunden, in denen niemand der drei etwas sagte, aber die Stimmung derart angespannt war, dass sich genauso gut pechschwarze Gewitterwolken über dem Küchentisch hätten entladen können, sickerten zunehmend die Details des Fotos in sein Bewusstsein. Und hätte er wirklich noch einen weiteren Beweis gebraucht, der Titel lieferte ihn. Und zwar mit der ganz groben Kelle.
Schreckliches Schicksal! Ehemaliger Hogwarts-Held Harry Potter jetzt von allen früheren Freunden verlassen!
Und so begann Harry die ganze Fülle des Desasters wahrzunehmen. Die halbseitige Abbildung unter der alle paar Sekunden rot aufblinkenden Titelzeile war nicht einfach nur ein schlecht getimtes, unglückliches Pressefoto, das Menschen auf die falsche Fährte führte. Oder eine x-te ungewollte Erinnerung, dass und warum er sich einfach nicht für fotogen hielt. Oh nein! Es war mehr als das, und beides zusammen. Die Komposition an sich war atemberaubend und bestürzend zugleich. Harry konnte seinen Blick nicht abwenden von der ca. dreisekündigen Bildsequenz, die sich immer und immer wiederholte, und die falscher wirkte als das falscheste „hem hem", das Dolores Umbridge je gefakt hatte. Es war einfach eine ausgewachsene Katastrophe allererster Güte.
Vor ihm tat sich die vertraute Umgebung des Scherzartikelladens auf, mit all den ihm bekannten Gesichtern seiner Freunde, die sich aufgeregt unterhielten und amüsierten. Doch all das spielte sich im Hintergrund ab, den aber kaum jemand wahrnahm. Das erste, was ihm im Vordergrund auffiel, war Hermine. Sie stand einige Meter von Harry entfernt bei Dean, der ihr in Richtung Harry schielend verschwörerisch zuzwinkerte. Dabei schüttelte sie sich vor Lachen, während sie eine Hand auf seiner Schulter liegen hatte und dabei bis über beide Ohren strahlte. Dann war da Ron. Er lehnte ganz in der Nähe lässig an einem leeren Regal, grinste mit einem Blick in Richtung Cho Chang, der mit „offensiv flirtend" noch sehr zurückhaltend beschrieben war, und sah hochgradig zufrieden mit sich selbst aus. Und zwar nicht nur, weil sie mit demonstrativem Augenklimpern antwortete und den ohnehin schon sehr geringen Abstand zwischen den beiden noch weiter verringerte. Doch das schlimmste waren Ginny und Neville, die sich mit offensichtlich geschlossenen Augen eng umarmten und die Welt um sie herum völlig verdrängt zu haben schienen, während ihr Kopf an seiner Schulter ruhte.
Und dann war da noch er, Harry. Er saß mit deutlichem Abstand von allen anderen an der linken unteren Ecke des Bildes in sich zusammengesackt auf einer hölzernen Transportkiste, starrte mit todtraurigem Blick in Richtung Ausgang, so als gehörte er hier nicht hin und wollte einfach weglaufen, während er wie in einem Akt purer Verzweiflung die einzige Person an sich heranzog, die sich nicht von ihm abgewandt hatte: Luna Lovegood. Eine Luna Lovegood, die nicht nur genauso unglücklich aussah wie er, sondern auch eine selbstgestrickte Jacke mit Butterbierkorken als Knöpfe über einem karierten Kleid trug, dazu verschiedenfarbige Schuhe in bunten Ringelsöckchen, und mehrere Löwenzahnblüten in ihr Haar geflochten hatte, die Harry nun mit seinem dicken schwarzhaarigen Schwellkopf plattdrückte. So sah es zumindest aus. Harry musste weder Mode- noch Stilberater sein, auch kein Psychologieprofessor oder Experte für Körpersprache oder dergleichen, um zum Schluss zu kommen, dass es einen riesigen emotionalen Gegensatz zwischen Harry und Luna und allen anderen im Raum gab, der einem förmlich mit dem nackten Arsch ins Gesicht sprang. Und ihm, obwohl er es ohne jedes Problem erklären konnte, niemand, wirklich absolut niemand glauben würde, was da in just jenem Augenblick tatsächlich geschehen war, der nicht zum Zeitpunkt der Aufnahme im Raum anwesend gewesen war. Dafür war die Macht der Bildsprache einfach viel zu erdrückend. Hier seine ausgelassen feiernden Freunde auf der einen Seite, die Harry nicht selten den Rücken zuwandten, dort der in sich zusammengesackte und von allen ignorierte Haufen Elend, der nun niemand anders mehr hatte als das durchgeknallte Mädchen, das niemand ernst nehmen konnte. Ex-Freunde, korrigierte sich Harry, als sein Blick zurück auf den Titel schwenkte.
„Nettes Foto, oder?", witzelte Ron mit einem derart trockenen Sarkasmus, dass er selbst für seine Verhältnisse außergewöhnlich war. „Wirkt echt überzeugend. Ich habe mir überlegt, das wäre doch der passende Fotograf für ein passendes Hochzeitsfoto. Also nicht für dich und Luna, sondern wenn Umbridge und Filch endlich merken, dass sie wie für sich gemacht sind. Hier der edle Löwe, dort die anmutige Schmusekatze..., die beiden wären das Traumpaar der Winkelgasse..."
Hermine brach in Lachen aus, das nach kurzer Zeit zu einer Art krampfhaften Schütteln mutierte, als sich das Bild in ihre Hirnwindungen manifestierte.
Harry warf ihm hingegen nur einen missbilligenden Blick zu.
„Nicht witzig, Ron", grollte er. „Lohnt es sich zu lesen?"
„Es kommt darauf an...", begann Hermine.
„Worauf?", knurrte Harry.
„Naja, inhaltlich ist es dünn wie Wassersuppe, aber hinsichtlich Rhetorik und Suggesti..."
Harry unterbrach sie rüde.
„Ich lese es einfach, ok? Und zwar allein."
Der Satz klang deutlich barscher als er intendiert war und ließ Hermine und Ron verstummen.
„Sorry", murmelte Harry nach ein paar Sekunden, als er die betretenen Gesichter seiner beiden Freunde wahrnahm, verließ aber trotzdem den Raum und stapfte hinaus in den Garten. Dort breitete er die Zeitung auf dem großen Holztisch aus, an dem die Weasley-Familie zu besseren Zeiten im Sommer des öfteren zusammengesessen und gelacht hatte. Lang war es her.
Harry sog kräftig die noch feuchtfrische Morgenluft ein und starrte in Richtung der Bäume, in deren saftigem Grün sich zahlreiche Vögel tummelten und glückliche Balzlieder zwitscherten. Zu glücklich für Harry. Keine 30 Sekunden, nachdem er sich gesetzt hatte, sprang er wieder auf, klemmte sich die Zeitung unsanft unter den Arm und ging wieder ins Haus.
„Ich bin oben", murmelte er Hermine und Ron zu, die ihm verdutzt nachsahen. In Rons Zimmer angekommen ließ er sich entnervt auf sein Bett fallen und atmete geräuschvoll aus. Er hasste es, wenn die schlechten Nachrichten gleich nach dem Aufstehen auf in einprasselten. Da hatte der Tag gar nicht erst die Chance, sich zu entfalten. Es dauerte ein paar Sekunden, bis er sich dem Tagespropheten widmen konnte. Nachdem er es endlich geschafft hatte, seinen ungläubigen Blick von dem grässlichen bewegten Foto abzuwenden abwenden, versuchte er sich auf den Text zu konzentrieren. Nicht dass der Titel weniger grässlich gewesen wäre...
Schreckliches Schicksal! Ehemaliger Hogwarts-Held Harry Potter jetzt von allen früheren Freunden verlassen!
Von Beau Horsecobbler, Freier Journalist:
Endstation Einsamkeit! So hat sich Harry Potter die Rückkehr in die Winkelgasse ganz sicher nicht vorgestellt! Die Rückkehr des einstigen Hogwartshelden in das gefühlte Zentrum der Zaubererwelt, die sich Harry Potter wohl als umjubelten Triumphzug durch die Winkelgasse ausgemalt hat, entpuppte sich als völliges Fiasko! Statt dem erhofften Bad in der Menge mit Blumenzaubern, Lobesreden und sich ihm zu Füßen werfenden hübschen Hexen gab es für den Jungen, der gleich zwei Mal überlebte, nur eine eiskalte Dusche! Selbst seine engsten Freunde und Mitschüler wenden sich inzwischen offen von dem Siebzehnjährigen ab!
Dem Tagespropheten liegen exklusive Informationen vor, dass Harry Potters Verhältnis zu seinen beiden einzigen wirklichen Freunden, die er jemals hatte, Hermine Granger und Ron Weasley, inzwischen durch offene gegenseitige Verachtung geprägt ist. Wie sonst ist zu erklären, dass Miss Granger nur noch Spott für Potter übrig zu haben scheint, während Mr. Weasley inzwischen in aller Öffentlichkeit mit Potters ehemaliger Liebschaft Cho Chang flirtet? Die bildhübsche Hexe, über die Harry Potter nie hinweg kam und die er noch immer abgöttisch liebt!
Und schlimmer noch: Wie kommt es, dass selbst Ginny Weasley, die ihn seit Kindesbeinen an anschmachtete und mit der sich Potter nach der gescheiterten Beziehung zu Cho Chang vergeblich zu trösten versuchte, nunmehr mit Neville Longbottom liiert zu sein scheint? Die einzige, die offenbar noch zu Potter hält, ist seine Mitschülerin Luna Lovegood, die Tochter des in ganz Großbritannien für seine so exzentrischen wie umstrittenen Äußerungen bekannten Klitterer-Herausgebers Xenophilius Lovegood.
Was fiel vor, das Potter binnen kürzester Zeit vom Olymp der Zaubererwelt in das tiefste Tal der Verachtung fallen ließ? Was tat der Junge? Liegt es daran, dass der schon immer sehr von sich eingenommene Jungzauberer nach der Schlacht von Hogwarts nun endgültig komplett die Bodenhaftung verlor? Ist Potter der Ruhm seines Sieges derart zu Kopf gestiegen? Oder wenden sich seine ehemaligen Freunde wegen seiner dunklen Geheimnisse ab, die sie nicht mehr ertragen können? Bisher stand keiner aus Potters Umfeld für ein Interview zur Verfügung, doch neue Insiderquellen aus Hogwarts lassen Schreckliches rekonstruieren...
In dem Moment hatte Harry genug. Er packte die Zeitung, die er schon früher für ein übles Schundblatt gehalten hatte, und warf sie quer durch den Raum, wobei sich die einzelnen Blätter auf dem halben Fußboden verteilten. Harry ließ sich mit an die Brust gezogenen Beinen nach hinten fallen und stöhnte zutiefst genervt auf, während er sich vor Frust die Haare raufte. Was hatte er dieser Zeitung bloß getan, dass sie ihn derart vernichten wollten? Woher kam bloß diese Boshaftigkeit? Er verstand es einfach nicht.
Etwas später – Harry hätte nicht sagen können, ob es einige Sekunden oder Minuten waren – klopfte es an der Tür und eine leise leise Frauenstimme begann zu flüstern.
„Harry? Bist du es? Kann ich reinkommen?"
Zu seiner großen Überraschung war es nicht Hermine, sondern Ginny.
Harry setzte sich auf und bat Ginny nach einem Moment Bedenkzeit herein.
Ginny schlüpfte so schnell durch die Tür, dass es schien, als hätte sie sie gar nicht erst geöffnet. Es war offensichtlich, dass sie sich nicht wohl fühlte, und zwar nicht nur, weil sie sich zusammen mit Harry heimlich im Zimmer ihres Bruders befand. Steif und angespannt blieb sie direkt neben der Tür stehen, ihr Blick auf die am Boden verteilte Zeitung gerichtet, während sie ihre Hände nervös ineinander wand.
„Es war nicht so, wie es aussah", flüsterte sie schließlich mit Kloß im Hals und fasste sich an ein Auge, wo sich offenbar schon wieder eine Träne gesammelt hatte. Ginny deutete auf die Titelseite, die einige Meter von Harry und Ginny entfernt lag. „Das Bild. Es zeigt nicht, was wirklich war. Ich will, dass du das weißt."
Harrys Blick wanderte von Ginny zur Fotografie und wieder zurück. Er nickte leicht.
„Das gilt leider für vieles auf dem Foto...", seufzte er leise und starrte wieder auf das Foto. „Weißt du", sagte er nach einer Weile, um die entstandene unangenehme Pause zu überwinden, „ich habe versucht Luna zu trösten..."
Ginny sah zum ersten Mal auf, seit sie im Raum war.
„Macht sie sich immer noch so große Vorwürfe wegen ihres Vaters und dass er euch verraten hat?", fragte sie leise.
Harry nickte erneut, diesmal sehr deutlich. Natürlich waren sie die letzten Wochen immer wieder gefragt worden, was sie zwischen Hochzeit und der Schlacht um Hogwarts alles getan hatten, sodass nun jeder im Hause Weasley grundlegend über ihre monatelange Odyssee Bescheid wusste. Auch wenn sie natürlich aus guten Gründen viele problematische, gefährliche, verräterische oder brisante Details wie z.B. alles, was mit den Horkruxen zu tun hatte, großräumig umschifft hatten. Die Geschichte, die sie erzählt hatten, war nicht so wasserdicht, dass alle Fragen ausgeräumt waren, aber bisher hatte sie niemand dazu gedrängt, mehr zu erzählen, als sie von sich aus getan hatten. Erst recht nicht Ginny, die ihre Erzählungen bei Tisch oft geradezu teilnahmslos und nicht selten mit apathischem Blick hingenommen hatte. So teilnahmslos, dass Harry fast schon verwundert war, dass sie überhaupt etwas davon mitbekommen hatte.
„Und wie", antwortete er. „Sie scheint einfach nicht drüber wegzukommen. Ich habe ihr gesagt, dass es ja alles gut gegangen ist und wie sehr er uns geholfen hat, als er im Klitterer all die wichtigen Artikel veröffentlicht hat, die im Tagespropheten hätten stehen sollen. Und sie es daher am besten vergessen soll. Aber das kann sie scheinbar nicht."
Ginny sah ihn traurig an.
„Es ist sehr schwer für sie. Luna hängt sehr an ihrem Dad. Bevor sie in unserem Freundeskreis kam hatte sie nur ihn. Ihre Mum ist seit langem tot, andere Freunde hatte sie früher keine. Ich weiß nicht, ob sie als Kind jemals Besuch von Gleichaltrigen hatte. Naja, von den zwei oder drei Mal abgesehen, als ich bei ihr war. Kann nicht mehr gewesen sein. Und jetzt hat sie das Gefühl, dass sie sich entscheiden muss zwischen ihrem Dad und uns. Daher nagt die ganze Sache unheimlich an ihr. Sie will weder ihn noch uns verlieren."
„Den Eindruck habe ich auch", bestätigte Harry. „Ich habe ihr gesagt, dass wir sie alle als wirklich gute Freundin sehen. Darüber freute sie sich wirklich, aber ihre Schuldgefühle gehen trotzdem nicht weg..."
Bei dem Wort „Schuldgefühle" sah Harry Ginnys Mundwinkel noch weiter nach unten fallen und verfluchte sich innerlich. Das war das falsche Stichwort. Das ganz falsche. Fang jetzt bitte nicht wieder mit Neville an, Ginny, ich bitte dich!
Harrys Verstand raste, während der verzweifelt nach einem Thema suchte, das nicht Neville lautete. Klar schwang sein Name bei ihrer Erklärung mit, auch wenn sie ihn nicht explizit erwähnt hatte, aber er wollte jetzt nicht auch noch ein längeres Gespräch über ihn aufgedrückt bekommen.
„Kommt mir irgendwie bekannt vor", flüsterte Ginny schließlich, und Harry war sich unsicher, ob dieser Satz überhaupt für seine Ohren bestimmt war oder nur für ihre. Sie begann aus Verlegenheit mit mit ihren Haaren zu spielen, während sie ihr Gewicht von einem Bein aufs andere verlagerte.
„Es ist so Harry", begann Ginny, bevor sie abbrach und sich erneut besann. „Ich, ich weiß nicht, ob ich dir das erzählen sollte, aber mir ist wichtig, dass du es weißt."
Harry sah sie bedröppelt an. Er war sich sicher, dass er das, was Ginny ihm nun sagen wollte, weder hören sollte noch hören wollte. Doch konnte er ihr das einfach so sagen? Wohl kaum...
„Neville ist sehr down in letzter Zeit", begann sie schließlich mit leiser Stimme, gerade so, als wollte sie erst testen, ob sie gefahrlos weiter reden konnte oder ob Harry sofort in die Luft ging.
Und jetzt geht's los, dachte Harry mit einer gehörigen Portion Selbstmitleid, lehnte sich nach vorne und stützte seinen Kopf auf die Arme, sein Blick auf Ginny gerichtet, die noch immer wie angewurzelt neben der Tür stand, mehrere Meter von Harry entfernt. Doch noch weniger als er jetzt über Neville hören wollte, wollte er nun einen erneuten Streit mit Ginny vom Zaun brechen. Also nahm er all seine Selbstbeherrschung zusammen, die er in sich auftreiben konnte, atmete tief durch und sagt mit nur halbwegs überzeugender Schauspielkunst:
„Echt? Ist mir gar nicht aufgefallen."
Es war ein Wunder, dass der Satz ernst gemeint rüberkam und nicht nach purem Sarkasmus klang. Um auf Nummer sicher zu gehen, schob er schnell noch ein deutlich aufrichtiger klingendes „Was ist mit ihm?" nach.
Ginny blickte wieder zu Boden und rieb sich das Handgelenk. Ihre Nervosität und Unbehaglichkeit war klar erkennbar.
„Er..., er, ich glaube, er fühlt sich gerade sehr einsam", flüsterte Ginny und wischte sich erneut die Tränen aus den Augen, während sie aufmerksam Harrys Reaktion beobachtete. Als er weder rüde unterbrach noch wütend aufsprang, redete sie zaghaft und mit gebrochener Stimme weiter. „Er sagt es nicht und gibt es nicht zu, wenn man ihn fragt, sagt, es geht ihm gut, aber ich glaube ihm nicht. Da sind immer so Andeutungen, so Nebensätze, die er nicht beendet, und dann sofort zu etwas anderem springt, als hätte er sich gerade verraten. Gestern war es die Bemerkung, dass er ja nur seine Gran und seine Pflanzen sieht..."
„Aber ich dachte, er und seine Gran stehen sich sehr nahe?", unterbrach Harry. „Dass sie ihn zwar einschüchtert, aber er sie sehr gern hat."
„Das ist auch so", bestätigte Ginny.
„Und er kann von seinen Pflanzen gar nicht genug bekommen", warf Harry ein. „Er redet ständig über sie. Über jedes Blatt, jede Blüte, jede schleimige, stinkige Tentakel..."
„Seine Gran und ein paar Pflanzen ersetzen aber kein Sozialleben, Harry. Seit Ostern, als ich nicht mehr in Howarts war, lebte er fast alleine im Raum der Wünsche. Über Wochen war er ganz alleine, ohne jeden Kontakt zur Außenwelt, ohne jede Möglichkeit mit irgendwem zu reden. Erst dann kamen mehr und mehr Leute dazu. Und seit der Schlacht wieder alleine mit seiner Gran. Seine einzige Abwechslung waren die Beerdigungen, die Besuche seiner Eltern im St. Mungos und jetzt gestern das Treffen in der Winkelgasse."
Und der eine Besuch hier im Fuchsbau, ergänzte Harry in Gedanken, sprach es aber nicht aus, um Ginny nicht zu verärgern. Er hatte auch keinen Grund dazu, er gab ihr ja Recht. Wenn Beerdigungen von viel zu vielen guten Freunden, die gewaltsam und viel zu jung ermordet wurden, und Besuche bei in den Wahnsinn gefolterten Eltern positive Abwechslung und Unterbrechungen des Alltagstrotts waren, dann lag der Verdacht der Einsamkeit nun wirklich nicht gerade fern. Und leider hatte Harry ja aufgrund eigener Erfahrungen selbst Expertenkenntnisse in angewandter Einsamkeit. Er wusste nur zu gut, wie es sich anfühlte, keine Freunde zu haben, ignoriert zu werden von allen anderen, niemanden zu haben, an den man sich wenden konnte, wenn man ein Problem hatte. Sich auskotzen musste, wenn der Frust einem über den Kopf wuchs. Oder einfach mal über Gott und die Welt reden wollte. Er wusste, wie verlassen man sich fühlte, wenn man über Wochen und Monate auf einen simplen „Piep" wartete, nur damit man irgendwas hörte und wenigstens für eine kurze Zeit das Gefühl hatte, dass man irgendwem irgendwas bedeutete. Oder zumindest irgendjemandem nicht völlig egal war. Harry wusste genau, wie es war, wenn man einsam war, und wie miserabel es einem dabei ging. Es waren Erinnerungen, die er keinem wünschte, von seinen schlimmsten Feinden einmal abgesehen. Es waren auch Erinnerungen, die nicht einfach so verschwanden, sondern Spuren hinterließen. Tiefe Spuren, die Harry auch noch über lange Zeit verfolgten und nie ganz verschwanden, so sehr er sie zu verdrängen versuchte. Egal ob es die systematische Vernachlässigung durch die Dursleys war oder der Sommer nach Cedrics Tod, als er glaubte, Hermine und Ron hätten sich von ihm abgewandt. Es brauchte mehrere Tage herzliche Weasley-Familiennormalität plus eine potentiell rippenzertrümmend feste Umarmung von Hermine, bis er wieder halbwegs davon überzeugt war, dass er doch nicht ganz alleine war. Wenn Ginny ihm nun also anvertraute, dass Neville unter dem gleichen Problem litt, war es dann nicht seine Pflicht, etwas dagegen zu tun? Sollte er also wirklich Nevilles Einsamkeit ignorieren oder sie ihm gar Einsamkeit absprechen, nur weil seine eigenen Gefühle verletzt waren? Nach all dem, was Neville für ihn getan hatte?
Harry seufzte bedrückt.
„Hat er sonst noch was in die Richtung angedeutet?", fragte er, um mehr zu zu erfahren und so Nevilles Zustand besser beurteilen zu können.
Ginny seufzte mitleidserregend.
„Immer wieder, Harry. Das waren nicht nur ein oder zwei flapsige Bemerkungen. Wir schreiben uns mehrmals die Woche. Und erst vor ein paar Tagen, als er offenbar ziemlich depri war, meinte er unter anderem, dass er nun mit seinem vernarbten Gesicht nach all den Bestrafungen nicht mal mehr auf der Drachenpockenstation eine Freundin finden würde." Ginnys Stimme brach bei dem Satz. „Harry, das sind Sätze, die habe ich so von ihm noch nie gehört."
„Das hat er geschrieben?", fragte Harry ungläubig. Das kam überraschend. „Als wir ihn vor der Schlacht trafen, da wirkte er so überzeugt und selbstbewusst. Da schien es so, als sei er so stolz auf jede einzelne Narbe! Weil er wusste, weswegen er sie erhalten hat."
„Hat er", sagte Ginny eindeutig, „und er meinte es auch so. In dem Brief waren noch ähnliche Aussagen drin, ich ich jetzt nicht wiederholen will. Er ist stolz auf die Narben, aber gleichzeitig glaubt er, dass er wegen ihnen auf ewig allein bleiben wird. Und das setzt ihm gerade richtig zu. Ich glaube, er ist schwer traumatisiert und hat einfach keinen, mit dem er darüber reden kann. Als er mir das gestern gesagt hat, und mit dem Blick, den er dabei zeigte, da musste ich ihn einfach fest drücken. Gerade nach den ganzen Bemerkungen zuvor."
„Das verstehe ich", hörte sich Harry mechanisch sagen. Und als er ein paar Sekunden darüber nachdachte, wurde ihm klar, dass er es auch so meinte. Seine Eifersucht war zwar noch immer da, aber sie schwand, je mehr er sich in Neville reinversetzte. Neville, der immer zu ihm stand, in der Schlacht so tapfer und furios gekämpft hatte wie kaum ein anderer und der nun schlimm an den Folgen litt. Wer war er, dass er Neville nicht mal eine feste Umarmung von Ginny gönnte, weil er an seiner Stelle sein wollte? Nicht mal Ron sagte etwas, wenn Hermine ihn lang und fest drückte, und Ron war ein Meister darin, aufgrund von Eifersucht eine Szene zu machen. Wenn also selbst jemand mit der emotionalen Reife von Ron kein Problem damit hatte, dann war es doch wirklich keine große Sache, wenn Ginny Neville umarmte, oder? Sei ein Mann und komm damit klar, Harry! Ginny riss ihn aus seinen Gedanken, noch bevor er sein Gefühlschaos in einigermaßen geordnete Bahnen lenken konnte.
„Hat er bei dir mal etwas ähnliches angedeutet?", fragte Ginny. „In den Schlafsälen? Ihr müsst euch doch bestimmt über Mädchen unterhalten haben."
„Öh, nicht dass ich wüsste", sagte Harry, während ihm die Farbe (und etwas Schalk) ins Gesicht schoss, als er sich an die ganzen Gespräche erinnerte, die sich teils über Stunden hinzogen. Und die sich längst nicht nur um die Haut ihrer Mitschülerinnen drehten, sondern sich des öfteren auch mit anderen interessanten Körperteilen beschäftigten. „Neville hielt sich bei solchen Gesprächen eigentlich immer sehr zurück. Oder ganz raus", schob er nach.
„Das dachte ich mir", sagte Ginny grüblerisch, und die Art und Weise, wie sie es sagte, regte Harrys Erinnerungsvermögen an. Vor seinem inneren Auge tauchten immer mehr Erinnerungsfragmente aus seiner Hogwartszeit auf, die ihm vorkamen wie aus einer anderen Zeit. Tatsächlich war es so, dass Neville fast nie über Mädchen sprach. Kam das Thema auf, zog er sich in sein Bett zurück und schloss nicht selten die Vorhänge zu. Wurde er gegen seinen Willen mit einbezogen, antwortete er meist einsilbig und ausweichend und ließ klar erkennen, dass ihm solche Themen nicht behagten. Wurden die Gespräche all zu wild, verschwand er teilweise ganz aus dem Raum, und wenn Harry so drüber nachdachte, meist mit keinen allzu guten Ausreden wie „Buch im Gemeinschaftsraum vergessen" oder „muss noch Zähne putzen", obwohl er es erst wenige Minuten im Beisein von Harry getan hatte. Und drehten sich Konversationen gar darum, welche Mädchen ihm gefielen oder welche Erfahrungen die fünf Gryffindor-Jungs bereits gesammelt hatten, dann blockte er erst recht ab. Harry hatte darüber zuvor nie nachgedacht, aber jetzt, da er es wegen Ginnys Aussagen tat, da begann es alles einen Sinn zu ergeben. Harry hatte Nevilles Ausweichen immer als reine Schüchternheit interpretiert, aber was, wenn sie ein Schutzmechanismus gewesen waren? Wenn sein Verhalten vor allem dazu diente, seine Einsamkeit zu verstecken und all die negativen Gedanken, die damit einhergingen, nicht an sich heranzulassen? Ergäbe das nicht viel mehr Sinn? Tatsächlich fiel Harry nur ein einziges Mal ein, wo Neville von sich aus etwas in diese Richtung erzählte. Die Zeit um den Weihnachtsball, den er letztendlich mit Ginny besuchte...
Harry sah Ginny nun direkt an.
„Jetzt wo ich so drüber nachdenke... Du könntest echt Recht damit haben, dass er sich derzeit einsam fühlt."
Ginnys Augen flackerten auf.
„Bist du sicher?"
Es schien, als sie sie nun, da Harry zum gleichen Schluss kam wie sie, umso schockierter von ihrer Vermutung.
Harry schüttelte den Kopf.
„Nein. Du weißt, dass ich in so Dingen echt schlecht bin..."
Und zum ersten Mal seit Tagen sah Harry ein Schmunzeln auf Ginnys Lippen.
„Ja, leider. Harry Potter, Hogwarts-Held und Gefühlstroll."
Harrys Mundwinkel schossen nach oben.
„Hey!", sagte er, und freute sich, dass endlich – und sei es nur für kurze Zeit – das Eis zwischen ihm und Ginny gebrochen war. Es sollte nicht lange andauern.
„Da ist noch was mit Neville, fürchte ich", sagte Ginny, plötzlich wieder leise und reserviert.
„Ja?"
„Noch was, was ihn zu schaffen macht. Es war so, Harry. Eine seiner großen Hoffnungen, die ihn das ganze letzte Jahr antrieb und davon abhielt, einfach aufzugeben, war, dass er fest davon ausging, dass der Fluch, mit dem Bellatrix seine Eltern folterte, mit ihrem Tod allmählich an Wirkung einbüßen würde. Dass sie vielleicht wieder etwas klarer im Kopf würden, z.B. ihn nach all der Zeit wiedererkennen würden. Das war auch der eigentliche Grund, warum er vor zwei Jahren unbedingt mit in die Mysteriumsabteilung kommen wollte. Er ahnte, ja, hoffte, dass Bellatrix dort sein würde, wenn unser Einbruch entdeckt würde..."
Harry schluckte, als ihm die Implikationen dieser Aussage bewusst wurden.
„Äh, was Ginny?", stammelte er. „Das ist mir neu."
„Das wundert mich nicht, Harry", sagte Ginny. „Ich glaube, das hat er nie irgendjemand erzählt. Auch ich weiß es nur wegen den Carrows", ergänzte sie, brach aber erneut ab.
„Wegen den Carrows?", fragte Harry überrascht.
In Ginnys Augen begannen sich die Tränen zu sammeln. Sie nickte bedrückt.
„Sie folterten ihn. Lange. Wir hatten wieder einmal eine erfolgreiche Aktion gestartet, aber er kam nicht rechtzeitig in den Gemeinschaftsraum zurück. Wurde draußen erwischt. Sie konnten ihm nichts nachweisen, aber das störte sie nicht, die Tatsache, dass er nicht im Gemeinschaftsraum war, reichte ihnen als Beweis. Wir fanden ihn dann Nachts vor dem Portaitloch. Schleppten ihn in den Gemeinschaftsraum, päppelten ihn soweit auf, dass er am nächsten Morgen wieder fit für den Unterricht war. Denn sonst hätten sie ihn gleich erneut bestraft. Wir wechselten uns die Nacht ab, ich übernahm die erste Schicht. Es ging ihm da echt nicht gut. Sie hatten ihn übel zugerichtet, echt übel. Da erzählte er es mir. Dass diese Hoffnung sein Antrieb ist. Und dass er die Woche drauf gerade wieder von neuem beginnen würde. So lang wie es sein muss."
Ginny wischte sich mit ihrem Arm die Tränen aus den Augen und schniefte laut. Harry wusste nicht, was er sagen sollte, so mitgenommen war er.
„Das ist schlimm", sagte er nur, worauf Ginny traurig nickte.
„Das war es, Harry. Aber was ich eigentlich sagen wollte: Bisher zeigen seine Eltern keine Anzeichen von Besserung. Er ist mehrfach die Woche in St. Mungos, das letzte Mal am Abend vor unserem Treffen in der Winkelgasse. Nichts. Keine Veränderung. Keine Spur. Und das nimmt ihn schwer mit. Ich weiß nicht, wie lange er noch Hoffnung hat, Harry... Ich musste ihn aufbauen! Ich weiß, wie es aussieht auf dem Foto, aber ich wollte ihm einfach zeigen, dass er die Hoffnung nicht verlieren darf!"
„Das verstehe ich, Gin", sagte Harry mit verstockter Stimme. Mit den ganzen Hintergrundinformationen saß der Stich ins Herz, den das Foto der eng umschlungenen Ginny und Neville kurz nach ihrem Schlussmachen in ihm hervorgerufen hatte, plötzlich nicht mehr ganz so tief. Auch wenn es ihn freilich immer noch schmerzte, dass es nun Neville war, der Ginnys Zuneigung und Trost erfuhr. Seine Eifersucht war weiterhin eher ein brüllender Tiger als ein tapsiges Kätzchen, doch zugleich machten sich weitere Gefühle in seiner Brust breit. Mitleid und Mitgefühl für Ginny und Neville und was sie erdulden mussten, Scham und Verachtung für seine Missgunst, dass er Neville, seinem treuen Freund Neville, Ginnys Trost nicht vollauf gönnte, und erneut aufflammender Hass für die Todesser, der immer weiter hin ihm hochwallte.
Harrys Blutdruck begann zu steigen, während sein Herz immer schneller pochte. Alle Muskeln in seinem Körper begannen sich anzuspannen. Harry ballte die Faust und schlug sie so fest er nur konnte in die Matratze.
Ginny erschrak fürchterlich.
„Sorry", murmelte Harry. „Wütend. Verdammte Todesser", presste er mühsam hervor, während er sich wieder versuchte zu beruhigen. Dass seine Wut auf die Todesser nur ein Teilgrund für seinen Wutausbruch war behielt er für sich.
„Bist du mir böse?", fragte Ginny schließlich aus heiterem Himmel und mit leiser, brüchiger Stimme und sah dabei extrem verletzlich aus.
Harry zuckte zusammen. Er starrte sie an, während seine Gedanken rasten und nach einer angemessenen Antwort auf ihre Frage suchten. Böse wegen was? Weil sie sich in Neville verliebt und damit de facto mit ihm Schluss gemacht hatte? Weil sie Neville umarmt hatte? Weil sie seine Zukunftsträume zerplatzen ließ? Weil sie...
„Autsch!"
Der Türknauf traf Ginny in den Rücken. Harry und Ginny erschraken beide gleichermaßen, während Hermine einfach nur verdattert durch den Türspalt lugte.
„Ginny?", fragte sie so leise wie überrascht, sodass Ron, der noch im Erdgeschoss war, sie nicht hören konnte.
„Ich ähm", begann Ginny, „wir haben kurz geredet. Ich..., sollte nicht hier sein."
Sie versuchte an Hermine vorbei nach draußen zu schlüpfen, doch Hermine legte ihr behutsam eine Hand auf die Taille und hielt sie damit davon ab.
„Warte noch einen Moment, Gin", flüsterte sie, streckte ihren Kopf dann nach draußen und rief nach unten. „Ron! Kannst du mal schauen, ob Krummbein noch bei dir unten ist? Ich habe ihn die letzte Stunde nicht gesehen."
Von unten schallte Rons charakteristische Stimme hoch.
„Ja, Moment, ich seh mal nach!"
Daraufhin nickte Hermine Ginny verschwörerisch zu.
„Jetzt aber schnell, bevor dich Ron hier drin erwischt..."
Als Ginny Rons Zimmer verlassen hatte, griff Hermine sich eine Seite des immer noch verstreut herumliegenden Tagespropheten – es war die Quidditch-Seite – richtete ihren Zauberstab auf eine Ecke davon und flüsterte incendio. Das Stück Papier fing unverzüglich Feuer. Hermine wartete einen Moment, bis etwa ein Viertel des Blattes verbrannt war, bevor sie es mit einem für ihre Verhältnisse nicht allzu fein dosierten Wasserstrahl aus ihrem Zauberstab löschte. Anschließend warf sie das Blatt wieder zum Rest der Zeitung auf den Boden.
„Woah, Hermine, was war das denn?", fragte Harry baff.
Hermine grinste verschmitzt.
„Ich rette gerade deinen Arsch, Harry. Was denkst du denn, wie Ron reagieren wird, wenn er Ginnys Parfüm hier im Raum riecht?"
Harry klappte die Kinnlade herunter. Daran hatte er nicht gedacht.
„Deswegen Feuer, Harry. Riecht der Mensch Rauch, setzt ein Urinstinkt ein, der uns vor Feuer warnt. Das verschleiert alle anderen Gerüche. Habe ich zumindest mal gelesen..."
„Was?", fragte Harry ungläubig, und fragte sich heimlich, ob der sich den Trick merken sollte. Zum Beispiel, wenn er das Pech hatte, morgens gleich nach Ron auf die Toilette zu müssen. Dagegen war bisher noch kein Zauber erfunden worden, und er bezweifelte, dass das jemals passieren würde. Doch wollte er den Trick mit dem Feuer wirklich riskieren? Denn er musste vorsichtig sein. Nicht dass dann noch das ganze Bad explodierte... Bei dem Gedanken musste er breit grinsen, mehr noch, er übertünchte sogar kurzzeitig seine negativen Gedanken wegen Ginny, Neville und dem Tagespropheten.
Hermine blieb das nicht verborgen.
„Eine Galleone für deine Gedanken gerade."
„Besser nicht...", antwortete Harry. Die allmorgendlichen olfaktorischen Kollateralschäden von Rons gesundem Appetit waren nichts, dass er mit Hermine diskutieren wollte. Und zwar nicht nur wegen des noch immer völlig unklaren aber definitiv sehr komplizierten Beziehungsstatus zwischen den beiden.
„Raus mit der Sprache, Harry!"
„Vergiss es, Hermine!", rief Harry, recht skeptisch, dass das Hermines Art von Humor war. „Nicht mal per Legilimens!"
„So schlimm?"
Harry winkte ab.
„Nicht schlimm, aber nicht dein Humor." Er begann zu grinsen. „Nichts für empfindsame Junghexenohren."
Hermine stemmte sich die Hände in die Hüfte, baute sich vor ihm auf und funkelte ihn mit nicht ganz überzeugendem bösen Blick an.
„Bitte?! Meine empfindsamen Junghexenohren sind nach den letzten Jahren und ganz besonders seit dem letzten August eine Vielzahl von Abscheulichkeiten gewohnt und inzwischen bestens abgehärtet! Und mein einst unschuldiges Junghexenhirn erinnert sich auch dunkel daran, welchen zwei Jungzauberern ich das zu verdanken habe! Meinen Humor habt ihr die letzten Jahre gehörig versaut", protestierte sie. „Komm schon, Harry, ich will es wissen."
Harry lachte, seine gerade noch so schwermütigen Gedanken waren plötzlich fast verschwunden. Er wusste nicht, wie es Hermine geschafft hatte, aber Tatsache war, sie hatte es geschafft, seine Stimmung binnen weniger Augenblicke von tief deprimiert zu neckisch und zu Scherzen aufgelegt zu verbessern.
„Dein einst unschuldiges Junghexenhirn...?", flötete er, während er im Kopf die zahlreichen Möglichkeiten überdachte, mit der sich diese vieldeutige und sicher so nicht gewollte Aussage interpretieren ließ.
Hermine begann zu stottern.
„Ich ähm..., du weißt ganz genau was ich meinte! Also lenk nicht ab! Sag's mir, Harry. Bitte..."
„Sorry Hermine, aber das willst du wirklich nicht wissen. Auch wenn du es willst..."
Hermine schnaubte.
„Und das nachdem ich dir hier gerade deinen Hintern gerettet habe..."
„Du hast was?" Ron stand plötzlich mit sehr verdutztem Gesichtsausdruck in der Tür. „Wieso muss Hermine dir deinen Arsch retten, Harry? Und wieso riecht es hier nach Rauch? Was habt ihr beide in meinem Zimmer angestellt?"
In dem Moment sah er die teilweise verbrannte Zeitungsseite.
„Hast du hier etwa versucht mein Zimmer abzufackeln, Harry?! Das ist nicht witzig!"
Harry sah erschrocken zu Ron, während er nach einer glaubwürdigen Ausrede suchte. Hermine nahm im die Antwort ab.
„Beruhige dich Ron, hier ist gar nichts passiert. Harry hat mir nur gerade erzählt, was er von dem Artikel hält. Willst du raten? Naja, dabei wurde er ziemlich wütend, und puff, plötzlich ist die Seite in Flammen aufgegangen. Ich konnte sie zum Glück sofort löschen. War wohl ein Ausbruch unkontrollierter Magie, Ron. Ist selten, aber bei starken Gefühlen kann das schon mal passieren."
Ron sah sie mit einem Blick an, den er sonst für Lunas Schilderungen von Schrumpfhörnigen Schnarchkackler oder ähnlich glaubwürdigen Erzählungen reserviert hatte.
„Ja, vielleicht wenn man ein kleines Kind ist und keine Ahnung hat, wie man seine Magie kontrolliert. Wie alt ist Harry? Sieben? Und dann ausgerechnet die Quidditch-Seite. Mann, Harry, das ist die einzig interessante Seite in der ganzen Zeitung..."
„Ansichtssache", widersprach Hermine. „Da steht eh immer das selbe, nur die Endergebnisse ändern sich."
Jetzt protestierten sowohl Ron und Harry lautstark. Doch Hermine nahm die Beschwerden gar nicht wahr. Stattdessen bückte sie sich und hob eine Seite auf, die sie offenbar zuvor übersehen hatte. Harry und Ron verfolgten ihre Augen, die über das Pergament rasten.
„Was hast du gefunden?", fragte Harry schließlich, als sie fertig war. Hermine winkte die beiden zu sich und breitete die Seite auf Rons Bett aus. Ihr Blick ließ nichts Gutes verraten.
