Die Übernahme
Harry starrte zusammen mit Ron auf den Zeitungsschnipsel, den Hermine auf Rons Bett ausgebreitet hatte. Es war nur ein kurzer, unscheinbar wirkender Artikel auf der vorletzten Seite, der neben all den blinkenden Werbebanner für alles Mögliche (natürlich auch wieder für die so dämliche wie omnipräsente Radio-Talkshow, die Harry jetzt schon tierisch nervte) fast unterging. Gemeinsam begannen sie zu lesen.
In eigener Angelegenheit
Paris: Die französische Tageszeitung Le Monde Magique gab gestern bekannt, dass sie ihr Übernahmeangebot für den Tagespropheten zurückzieht. Ein Sprecher erklärte, dass sich die Zeitung eher anderen Märkten widmen wolle, bei denen die Zutrittshürden kleiner als im fest etablierten britischen Markt seien. Insider interpretieren das als Zugeständnis, dass Le Monde Magique nicht in der Lage war, ausreichend Kapital für die Übernahme bereitzustellen. Damit sind nur noch die Content Corp des australischen Medienmoguls Robert Morerage sowie die Mediengruppe des deutschen Zeitungsverlegers Fritz Hüpfer im Bieterverfahren beteiligt. Es wird erwartet, dass es in den nächsten Wochen zu einer Entscheidung kommt, in welche Hände der Tagesprophet fällt. Das Zaubergamot gab bereits im Januar diesen Jahres die kartellrechtliche Zustimmung für den Verkauf des seit Jahren defizitären Tagespropheten. Damit wird der Tagesprophet erstmals in seiner Geschichte vollständig privatisiert. Vertreter der Zauberer-Wirtschaft begrüßen die Entscheidung. Amoaurum Makemoney, Sprecher der Zaubererwirtschaftsgruft, erklärte, die Privatisierung sei längst überfällig gewesen. Viel zu lange habe das Zaubereiministerium einen negativen staatlichen Einfluss auf den Tagespropheten sowie seine redaktionelle Ausrichtung ausgeübt. Von daher sei es lobenswert, dass nach all den Jahren der Kritik an den Verflechtungen zwischen Politik und Presse endlich Fakten geschaffen und eine saubere Trennung zwischen Staat und Medien etabliert werde. Es sei sich sicher, dass die Presse- und Meinungsfreiheit in den Händen von privatwirtschaftlich denkenden erfolgreichen Medienunternehmern deutlich besser aufgehoben sei als in den Krallen von Bürokraten des Ministeriums. Die Geschichte zeige, dass diese immer wieder durch planwirtschaftliche Ineffizienz große Mengen Steuergelder von hart arbeitenden Zauberern und Hexen verschwendeten, statt durch schlanke effiziente Strukturen maximale Kosteneffizienz zu erzielen. Es sei lobenswert, dass das nun auch das Zaubergamot erkannt habe.
„Das ist nicht gut, gar nicht nicht gut...", stammelte Hermine vor sich hin und ließ sich frustriert auf Rons Bett fallen.
„Wieso meinst du, Hermine?", fragte Harry, überrascht von der unerwartet starken Reaktion Hermines auf eine seiner Meinung nach unbedeutende Randnotiz. „Ist das wirklich wichtig für uns?"
„Ja, frage ich mich auch", ergänzte Ron. „Warum regst du dich darüber auf, wenn der Tagesprophet verkauft wird? Wen juckt es, wem der Tagesprophet gehört? Die haben schon immer Schrott geschrieben und werden nun kaum damit aufhören."
„Sicher nicht", brummte Harry bitter in Rons Richtung.
„Siehst du, wenn Harry kein Problem damit hat, dann sollten wir es auch nicht haben. Er ist ja der, der am meisten abbekommt von uns drei."
„Danke fürs Erinnern", knurrte Harry sarkastisch und schielte in Richtung der Titelseite mit dem schrecklichen Bild, die noch immer auf dem Fußboden lag.
„Immer wieder gerne, Kumpel", witzelte Ron und schlug Harry scherzhaft auf den Rücken.
Hermine war von der Reaktion ihrer beiden Freunde nicht angetan.
„Ich meine das, weil das, was hier so beiläufig angekündigt wird, nicht irgendeine Übernahme ist", grollte sie. „Ganz im Gegenteil. Hier wird gerade keine x-beliebige Zeitung verkauft, sondern der Tagesprophet, und der ist – leider – wie ihr wissen solltet, das Leitmedium der ganzen britischen Zaubererwelt. So etwas ist immer mit Vorsicht zu genießen, alleine schon, weil der Prophet eine enorme Reichweite und damit riesigen Einfluss hat. Trotz all der Falschnachrichten, die er die letzten Jahre verbreitet hat. Denn nicht jeder ist mit der Gabe ausgestattet, kritisch zu lesen und Wahrheit und Fiktion zu trennen."
„Jetzt mach mal halblang, Hermine", unterbrach Ron. „Der Tagesprophet hat die letzten Jahre wohl öfter seine Meinung über Harry gewechselt als Filch seine Unterbuchs. Immer so, wie es gerade passte. Selbst dem dümmsten Troll von Turkmenistan sollte auffallen, dass das alles Schwachsinn ist, was die so schreiben. Also was macht das aus, wenn er verkauft wird. Ist doch gut, vielleicht wird er ja unter dem neuen Besitzer ja sogar glaubwürdig. Wäre doch mal was."
„Tja", sagte Hermine und ging dann in einen zynischen Singsang über, „nur wird das leider nicht passieren..."
„Und das weißt du jetzt genau woher?", fragte Ron in einem Tonfall, den Harry sehr gut kannte und fürchtete, denn es war genau der Tonfall, der nach kurzer Zeit zu Streitereien zwischen Ron und Hermine führte. „Ich glaube nicht, dass du dabei warst, als sie die Verträge geschlossen haben..."
Hermine nahm die Kampfansage an.
„Das weiß ich, weil ich sehe, wer den Tagespropheten übernehmen wird. Denn das steht nun mal klar und deutlich im Tagespropheten. Und ob du es glaubst oder nicht, mir sagt die Content Corp von Robert Morerage was, und zwar nichts Gutes. Und der deutsche Hüpfer-Konzern ist, nach allem, was man so hört und liest, genauso schlecht."
Das ließ Ron nicht auf sich beruhen.
„Gut, dann klär uns auf, wenn du so gut Bescheid weißt."
„Ron...", zischte Harry leise und nur für ihn hörbar. Sie hatten Pläne für den gesamten Tag und Harry hatte nicht die Absicht, dass ein Streit von Ron und Hermine diese überlagerte oder gar zunichte machte. Denn er brauchte sie beide. Wenn zwischen ihnen Knatsch herrschte, dann brauchten sie den Fuchsbau gar nicht erst verlassen. Denn damit konnte er in seiner derzeitigen Gemütslage definitiv nicht umgehen.
Hermine warf Ron einen wütenden Blick zu, atmete dann aber tief durch und versuchte sich zusammenzunehmen.
„Also, das Problem ist", begann sie betont sachlich, „Robert Morerage ist kein gewöhnlicher Verleger und er ist erst recht kein Journalist. Er ist ein schwerreicher Medienunternehmer, der schon seit Jahrzehnten eine glasklare politische Agenda verfolgt, und war keine gute, wenn ihr wisst, was ich meine. Gegen das, was dessen Zeitungen tagtäglich schreiben, ist unser Tagesprophet geradezu harmlos und zurückhaltend. Und er ist extrem gut darin, Leute aufzuhetzen. Je mehr Emotionen, desto besser. Wut, Hass, Zwiespalt, er stürzt sich wie ein Geier auf alle Themen, die irgendwie in der Lage sind, Hexen und Zauberer irgendwie gegenseitig aufzuhetzen. Meist geht es dabei gar nicht mehr um Sachthemen, sondern um Spaltung. Ach..., Spaltung ist eigentlich zu schwach. Kulturkrieg, das trifft es besser! Radikaler Kulturkrieg. Denn der garantiert, dass die Emotionen hoch kochen, und das wiederum beschert ihm hervorragende Absatzzahlen. Dass er mit dieser Strategie langfristig die Gesellschaft zerreißt, ist ihm mindestens egal, vermutlich steckt aber Absicht dahinter. Denn je gespaltener die Gesellschaft, desto mehr kommen Minderheiten wie wir Muggelgeborene unter die Räder. Das Schlimme ist: Er ist mit dieser Strategie extrem mächtig geworden. In Australien gehört ihm fast jede Zeitung, fast jedes Magazin, fast jeder Radiosender. Und auch in den USA hat er zuletzt einiges an großen Zeitungen aufgekauft und auf Linie gebracht. Seine Linie."
„Du meinst, das kommt bei uns auch?", fragte Harry, dem angesichts dieser Schilderungen etwas bang geworden war.
„Sehr sicher sogar. Er hat es jetzt so viele Medien gekauft und nach seinem Sinne umgemodelt, dass es extrem naiv wäre, beim Tagespropheten etwas anderes zu vermuten. Nur eben mit dem Problem, dass unsere Gesellschaft nach dem Krieg schon extrem zerrissen ist. Und wir jetzt dringend wieder zusammenkommen müssen, statt durch Hass und Hetze noch weiter auseinandergerissen zu werden. Falls das überhaupt möglich ist."
„Woher willst du das eigentlich alles wissen", fragte Ron skeptisch. Der nörgelnde, zweifelnde Ton dabei war nicht zu überhören. „Du kennst den Mann doch gar nicht. Vielleicht hat er sich ja inzwischen geändert?"
Harry stöhnte innerlich auf. Warum konnte Ron es nicht einfach gut sein lassen? Glaubte er nach all den Jahren und zig ähnlich verlaufenen Diskussionen wirklich, dass sich Hermine das alles bloß ausdachte?
Hermines Gesichtszüge begannen sich zu verfinstern, während sie Ron einen tödlichen Blick zuwarf.
„Ja, und vielleicht hat Malfoy inzwischen einen Verein namens „Rettet die Schlammblüter" gegründet", spuckte sie ihm mit beißendem Sarkasmus entgegen. „Mensch Ron, ich habe vor einem Jahr meine Eltern nach Australien geschickt! Glaubst du wirklich, ich hätte das gemacht, ohne mich vorher intensiv mit der australischen Gesellschaft zu befassen?! Zauberer- wie Muggelwelt? Glaubst du, ich schicke sie einfach so ins Blaue in eine Gesellschaft, die ich kein bisschen kenne?! Ohne einschätzen zu können, was ihnen dort droht?! Wirklich?!"
Daraufhin ruderte Ron etwas zurück.
„Nein, natürlich nicht. Aber ich denke trotzdem, dass du hier zu schwarz siehst. Vielleicht kommt es ja gar nicht so schlimm, wie du befürchtest. Und wir wissen ja noch nicht mal, dass Moreage („Morerage", verbesserte Hermine grummelnd), den Tagespropheten überhaupt kriegt. Vielleicht bietet dieser Deutsche Typ einfach mehr Galleonen."
„Auch der ist kaum besser, Ron", erwiderte sie unbeirrt. „In einem Artikel, den ich gelesen habe, stand, dass er in Deutschland und einigen Nachbarländern fast den ganzen Boulevardzeitungsmarkt kontrolliert. Dazu kommt noch eine scheinbar seriöse Zeitung. Aber auch die ist faktisch nur Verdummungslektüre für Zauberer mit einem ZAG-Abschluss, die ihre Vorurteile etwas subtiler bestätigt haben wollen." Sie seufzte. „Das Problem ist: Auch Hüpfer soll politisch extrem parteiisch sein und immer genau das unterstützen, was wir hier definitiv nicht wollen. Der Mann wäre also auch nicht besser als Morerage. Entweder kriegen wir Griselkrätze oder Drachenpocken. Tolle Wahl, echt. Was ist da jetzt besser?"
„Griselkrätze", sagte Ron wie aus der Pistole geschossen, rieb sich das unvernarbte Gesicht und lachte. „Meine ist doch ganz wunderbar verheilt, oder nicht? Alles komplett weg."
Harry schmunzelte, während Hermine Ron erneut einen tödlichen Blick zuwarf.
„Du nimmst das Ganze kein bisschen ernst, oder?", fauchte Hermine. „Du meinst, das wäre alles ein Spaß! Man Ron, hier geht es um die Zukunft unserer Gesellschaft!"
Ron schluckte.
„Also ganz ehrlich, Hermine", sagte Harry in einem Versuch, die hitzige Diskussion wieder etwas zu beruhigen, „ich verstehe dich ja, und warum es dir wichtig ist. Aber bei all dem, was der Tagesprophet bisher über mich geschrieben hat, meinst du wirklich, dass es noch schlimmer kommen kann? Im Gegenteil, ich finde, hoffe, es kann doch eigentlich nur besser werden..."
Ron lachte zustimmend.
„Wo du Recht hast..."
Harrys Versuch zu schlichten ging gründlich schief.
„ARGH, Harrrr-rryyy!", schrie Hermine plötzlich unerwartet laut und sprang wuterfüllt von ihrem Platz auf. „Verstehst du es nicht?! Wie kann man nur so unglaublich begriffsstutzig sein, so... so... argh! Mann! Denk doch mal nach, was das bedeutet!", schrie sie und fuchtelte mit ihren Händen wild gestikulierend vor seinem Gesicht herum.
„Es geht hier nicht nur um den Verkauf einer Zeitung! Es geht hier um das Grundsätzliche! Darum, dass demokratische Institutionen verkauft, geschleift, geplündert oder ganz abgeschafft werden! Das hier ist doch nur ein Schritt von vielen! Wenn wir all die Institutionen, die essentiell sind für den Erhalt unserer Demokratie, in die Hände von einer Clique extrem reicher, extrem mächtiger Leute geben..., was soll schon schief gehen? Denk doch mal nach! Jetzt bestimmen Leute mit viel zu viel Geld und Macht, was veröffentlichungswürdig oder gesellschaftlich relevant ist! Wir geben unsere Medien-, Presse- und Meinungsfreiheit in die Hände von einer internationalen Geldelite, die erstens nicht weiß, was für Sorgen und Nöte normale Hexen und Zauberer überhaupt haben, und zweitens selbst ganz andere Ziele verfolgt! Reicht es denn nicht, dass man sich mit Geld viel mehr Einfluss und Macht kaufen kann, als jede normale Hexe und jeder normale Zauberer in seinem ganzen Leben haben kann? Müssen jetzt wirklich auch noch die letzten Institutionen, die diesen Kreisen etwas entgegen setzen können, in deren Hände fallen? Was bleibt uns denn noch?"
Harry schluckte, als er realisierte, dass Hermine ihn gerade gewaltsam auf einen riesigen Eisberg aufmerksam machte, von dem er nur die kleine über Wasser schwimmende Spitze gesehen hatte, sie aber den großen unsichtbaren Rest. Und sie war wahrlich noch nicht fertig damit.
„Kannst du dir auch nur im Entferntesten vorstellen, welche Macht jemand hat, der sich nicht nur alles kaufen kann, was er will, sondern auch noch große Medienmaschinen besitzt, in denen er seine Ansichten unendlich vervielfältigen und sich selbst über den grünen Klee loben kann? Der jede Kritik an sich nicht nur abbügeln kann, sondern schlicht dafür sorgt, dass sie gar nicht erst veröffentlicht wird? Der seine Kritiker nicht nur mundtot machen kann, sondern sie auch mit Hass, Häme und Schmierkampagnen überziehen, wie er will? Der nicht nur eine Rita Kimmkorn hat, sondern sich zehn Rita Kimmkorns kaufen kann, die sich allesamt auf Kommando wie ausgehungerte Geier auf das gleiche Opfer stürzen? Und zwar ohne dass er von irgendwem kontrolliert werden kann? Denn das ist genau, was droht!"
Hermine schnaufte einen Moment durch.
„Verstehe mich nicht falsch, Harry. Der Tagesprophet war sicher keine gute oder auch nur ein seriöse Zeitung, und er war auch längst nicht immer so unparteiisch, wie ein seriöses Medium sein sollte. Aber er gab zumindest ab und an Leuten das Wort, die sein Agieren kritisierten. Zumindest vor der Übernahme durch die Todesser. Und er veröffentlichte auch kritische Leserbriefe, wenn auch öfter mal erst dann, wenn die Debatte schon fast vorbei war. Er war beeinflusst, aber er war wenigstens einigermaßen journalistisch, zumindest in seinen besseren Zeiten. Aber all das droht nun wegzufallen. In Zukunft wird ein winzig kleiner, abgehobener elitärer Kreis bestimmen, was veröffentlicht wird. Und das sind Leute, denen man alleine aufgrund ihrer Machtfülle ganz kritisch auf die Finger schauen müsste. Glaubst du ernsthaft, das wird noch passieren? Das Gegenteil wird der Fall sein! Immer dann, wenn diese Leute etwas besonders Verachtenswertes tun, das gesellschaftlich größte Auswirkungen hat, werden diese Zeitungen nicht berichten. Oder irreführend berichten. Oder noch schlimmer: Einen Fake-Skandal groß aufblasen, um von den eigenen Verfehlungen abzulenken. Denk doch mal nach! Warum kaufen solche Leute wie Morerage Zeitungen, die Verluste schreiben? Weil sie sich große Gewinne erhoffen?"
Hätte man Harry ein paar Sekunden zuvor gefragt, dann hätte er wohl ja gesagt. Doch der klar erkennbare Spott in Hermines rhetorischer Frage änderte das.
„Ja, natürlich, aber längst nicht nur! Und warum: Weil es denen nicht um Journalismus geht. Das sind keine Leute, die Journalismus im Sinn haben. Und erst recht nicht guten, seriösen Journalismus! Seriöser Journalismus kostet sehr viel Geld! Man muss recherchieren, Quellen abgleichen, Widersprüche ausräumen..., und vieles ist nicht so, wie es Anfangs scheint. Das macht echten Journalismus kompliziert und langwierig. Und Zeit ist Geld. Aber darum geht es hier nicht. So Leute wie Morerage, das sind Leute, denen es ums Meinungsmachen geht! Leute, die ihre Meinungen zu Fakten umdeuten wollen und echte Fakten zu bloßen Meinungen! Und es nicht selten sogar schaffen werden. Denn ohne Recherchieren irgendwelche suggestiven Stories zusammenbasteln geht viel einfacher und schneller. Und wenn dann Tage später echte Journalisten mühsam erklärt haben, was an diesen fabrizierten Meinungsstücken alles nicht stimmt, haben sich die Lügen längst im Gedächtnis der Leser fest verankert."
Hermine atmete geräuschvoll aus, spürbar gefrustet ob der Strategie, die sie gerade darlegte.
„Klar, das Meinungsmachen werden sie öffentlich so kaum zugeben. Offiziell werden sie sich natürlich die Verteidigung der Meinungsfreiheit auf die Fahne schreiben. Was auch sonst? Ist das nicht ein ehrenwertes Ziel? Meinungsfreiheit. Klingt super, oder? Aber damit meinen sie nicht tatsächlich Meinungsfreiheit! Sondern die Meinungsfreiheit derjenigen, die ihre Meinung vertreten! Es geht nicht um Meinungsfreiheit, es geht darum, dass sich Leute, die eh schon viel zu viel Geld und Macht haben in unserer Gesellschaft, mit etwas von ihrem Geld einen Machtapparat zulegen, mit dem sie ihre ohnehin schon überproportional laute Stimme unendlich vervielfältigen können! Damit ihre Meinung dann alle anderen Meinungen übertönt. Und zwar ohne dass irgendeine demokratische Institution dort regulierend oder mäßigend eingreifen kann. Nein, das wird dann als ganz böse politische Einflussnahme gebrandmarkt! Weil ja eine Medienlandschaft, die kontrolliert wird von einer Handvoll von extrem mächtigen Zauberern, die niemand gewählt hat und die diese Medien gezielt für eigenen Machtgewinn einsetzen, einfach gut ist. Und eine Medienlandschaft, bei der demokratische Institutionen zumindest versuchen, Meinungsfreiheit für alle zu gewährleisten und die journalistische Sorgfaltspflicht aufrecht zu erhalten, schlecht." Hermine schnaubte verächtlich, was ihren ätzenden Sarkasmus noch weiter unterstrich. „Aber natürlich..., klar doch! Harry, man! Genau. So. Gehen. Gesellschaften. Kaputt!"
Harry entschied sich erst einmal gründlich über Hermines Worte nachzudenken bevor er antwortete. Denn so wie Hermine gerade kochte, war es wirklich nicht weise, zu schnell etwas Falsches zu sagen. Ron hingegen zeigte weniger Vernunft und setzte direkt zur Gegenrede an.
„Jetzt mach mal halblang, Hermine! So schlimm wird es ja wohl kaum werden... Außerdem..."
Weiter kam er nicht.
„Ach", unterbrach ihn Hermine resolut. „Wird es nicht? Und woher willst ausgerechnet du das wissen?" fragte sie mit beißendem Spott. „Seit wann bist du der große Medien- und Politikexperte? Ist es, weil du so viel darüber liest? Das wäre mir nämlich neu. Du hast bis heute noch nicht das Buch über die Geschichte der Zaubereigesellschaft gelesen, das ich dir zum Geburtstag geschenkt habe! Und zwar vor zwei Jahren! Und was das Zaubergamot ist, musste ich dir erst ausführlich erklären, als Harry nach dem Dementorenangriff davor zitiert wurde! Bei Merlins dreckiger Unterhose", schrie sie mit hochrotem Kopf, „du dachtest, das wäre ein Brettspiel so wie Zauberschach!"
Harry und Ron zuckten zusammen, was keinerlei Einfluss auf Hermines s Redefluss hatte.
„Den Politikteil in der Zeitung überspringst du auch, damit du schneller zu der Quidditch-Seite kommst! Wo dann rege debattiert wird, welcher Besen schneller oder wendiger ist. Oder welcher Helm einen Klatschereinschlag besser wegstecken kann. Und ob es aus Sicherheitsgründen nicht sinnvoller wäre, vor dem Kinn ein Gesichtsgitter zu installieren, statt bei der traditionellen Form von Anno dazumals zu bleiben. Was es natürlich wäre, was gibt's da schon zu diskutieren?!", schrie sie gellend. „Also Ron, was bitteschön ist deine Expertise, aufgrund derer du beurteilen kannst, dass dieser Verkauf und seine politischen und gesellschaftlichen Folgen nicht „so schlimm" sein werden und dass ich, die sich seit Jahren mit dieser ganzen Thematik befasst, da so falsch liege und übertreibe? Kannst du mir das mal sagen?! Los, raus damit, ich warte!", polterte sie und stemmte sich die Hände in die Hüfte.
Ron schluckte, sagte aber dann angesichts dieses gewaltigen Ausbruches tatsächlich nichts.
Hermine funkelte ihn noch eine Weile böse an, bevor sie sich auf einen in der Nähe stehenden Stuhl zurückfallen und seufzte tief, während ihre gerade noch kochende Wut in tiefe Frustration umschlug.
„Ehrlich Jungs, ihr müsst euch dringend mehr mit Politik befassen", stöhnte sie schließlich und rieb sich mit beiden Händen die Stirn. „Das Thema ist soooo wichtig. Aber ihr seid da so richtig naiv. Bei dir, Harry, verstehe ich es ja noch, weil du als Kind rein gar nichts von er Zaubererwelt wusstest und dann hier recht bald andere Probleme hattest. Aber Ron, bei dir ist das echt nicht mehr nachvollziehbar. Dein Dad arbeitet im Ministerium und du hättest das alles von Kindesbeinen an lernen können! Und dennoch muss ich Kind von Muggeln dir das alles erklären. Mensch, Jungs, Politik ist wichtig! Denn da entscheidet sich, was unser aller Leben maßgeblich bestimmt. Und ob Politik von Leuten gemacht wird, die unsere Interessen vertreten. Oder eben nicht! Ron, ich habe dir das Buch doch nicht geschenkt, weil ich dachte, dass es dich besonders interessiert. Sondern weil ich wusste, dass es sehr wichtig für dich ist. Schlimm genug, dass Politik und Gesellschaft in Hogwarts kaum gelehrt wird und Geschichte von einem durch Mauern fliegenden Schlaftrank! Aber das ist ja genau Teil des Problems. Wenn das Funktionieren der Gesellschaft von Wissen abhängt, das man sich mühsam selbst aneignen muss, dann braucht man sich nicht zu wundern, wenn diese Gesellschaft auseinanderfällt. Oder? Denn wer tut das schon? Jeder hält sich für einen aufgeklärten, informierten Bürger, aber kaum jemand ist es wirklich..."
Harry nickte. Da konnte er nicht widersprechen. Auch Ron schien sie überzeugt zu haben. Was Hermine aber nicht davon abhielt, ihre langsam in Richtung Gesellschaftskunde-Crashkurs ausartende Erklärung nicht noch weiter auszuführen.
„Demokratie ist nicht einfach da" fuhr sie mit eindringlicher Stimme fort, „sie muss gegen konkurrierende Interessen geschaffen, dann mühsam erhalten und tatkräftig gegen ihre Feinde verteidigt werden. Das erfordert mündige Bürger, die nicht einfach nur da sind, sondern aktiv Zeit und Mühen investieren, um jede Form von Angriffen auf sie abzuwehren. Das ist nicht immer einfach, aber es geht nicht anders. Je mehr Menschen sich für die Demokratie einsetzen und sie aktiv mitgestalten, desto gefestigter ist sie. Denn dann haben ihre Feinde kaum Angriffspunkte und wenn sie es doch versuchen, bekommen sie kräftig Gegenwind. Setzt sich aber kaum jemand aktiv für die Demokratie ein, dann öffnet man Tür und Tor für Angriffe auf sie. Und demokratische Strukturen, Normen und Werte werden sukzessive abgeschafft oder ersetzt. Das ist oft ein langer, schleichender Prozess, der überhaupt nicht auffällt. Aber dann, irgendwann, dann fällt es auch den Blinden auf. Nur ist es dann oft zu spät, weil bereits zu viele demokratische Strukturen abgeschafft wurden und die plötzlich alarmierten Bürger kaum noch Möglichkeiten der Mitgestaltung haben. Weil diese lange zuvor abgeschafft wurden. Dann hat man den Salat. Wie heißt es doch so schön: Wer in einer Demokratie schläft, wacht irgendwann in einer Diktatur auf. Kommt euch bekannt vor? Genau diese Diktatur hatten wir nämlich bis vor ein paar Wochen."
Hermine machte eine Kunstpause, um die Wucht ihres letzten Satzes noch weiter zu verstärken. Harry traf der Satz stärker, als er es gedacht hätte. Bisher hatte er den Krieg „nur" als das Werk eines unendlich bösen Zauberers und Massenmörders angesehen, der unterstützt von fanatischen Anhängern seiner Macht freien Lauf ließ. Er hatte sich aber nie gefragt, wie es dazu kommen konnte, dass Voldemort überhaupt erst so viel Macht und Anhänger bekam, dass es ihm gelang, die ganze Gesellschaft unterzujochen und zu terrorisieren. Und dass da deutlich mehr dahintersteckte als das Wissen um die Horkruxe sowie die Kühnheit, solch einen abgrundtief bösartigen Plan tatsächlich in die Tat umzusetzen. Doch es stimmte. Was wäre Voldemort ohne Anhänger gewesen, ohne Todesser? Hätte er jemals Macht erringen können? Wohl kaum. Wie denn? Hätte er im Alleingang die gesamte Aurorenabteilung umbringen sollen? Selbst jemandem wie Voldemort wäre das nicht gelungen. Er wäre schlicht aufgrund der schieren Zahl überwältigt worden, auch wenn vermutlich mehrere Auroren in Ausübung ihres Dienstes dabei umgekommen wären. Und eingesperrt in eine Hochsicherheitszelle wie Grindelwald hätten ihm auch seine Horkruxe nichts genutzt. Also war es die Gesellschaft, die solche Tyrannen zuließ. Durch aktive Unterstützung oder zumindest passives Dulden ihrer Bestrebungen. Oder? Perplex starrte er Hermine an. Harry hatte den Eindruck, in den letzten paar Minuten gerade mehr über Politik, Gesellschaft und Geschichte gelernt zu haben als in seiner gesamten Hogwartszeit.
Doch Hermine war noch nicht fertig.
„Und Jungs", sagte sie, als sie merkte, dass Harry und Ron ihre Ausführungen einigermaßen verdaut hatten, „geht bitte nicht davon aus, dass es einfach ist, die Demokratie wiederherzustellen, wenn sie erst einmal abgeschafft und durch ein diktatorisches System ersetzt war. Ihr glaubt ja wohl kaum, dass Kingsley jetzt einfach mal so 10, 20, 30 Dekrete unterschreibt und dann ist alles wie vorher? Das ist eine Heidenarbeit, alles wieder herzustellen, wie es einmal war! Wir hatten ein Schweineglück, dass sich in Hogwarts Voldemort mit seinem Todesfluch selbst umgebracht hat und viele Todesser in der Schlacht entweder umgekommen sind oder gefangen genommen wurden. Damit waren die Todesser im entscheidenden Moment führungslos und damit handlungsunfähig. Das war der einzige Grund, warum Kingsley zum amtierenden Zaubereiminister gemacht werden konnte! Wäre dieses Machtvakuum nicht eingetreten, hätten wir jetzt nämlich weiter ein von Todessern geführtes Ministerium, das dann nicht mehr von V-Voldemort geführt würde, sondern von Crabbe, Goyle, Nott oder wem auch immer. Und die hätten die Politik von Voldemort einfach fortgesetzt!"
Ron sah sie schockiert an.
„Du machst Scherze, oder? Crabbe, Goyle oder Nott als Zaubereiminister?"
Hermine richtete sich ruckartig in ihrem Stuhl auf und warf Ron einen entnervten Blick zu.
„Sehe ich so aus, als würde ich Scherze machen? Was hast denn du gedacht? Dass mit dem Fall von Voldemort schlagartig und einfach so alles wieder gut wird? Wieso sollte das geschehen? Welcher wundersame Mechanismus sollte dafür sorgen? Sie kontrollierten doch alle Schaltstellen der Macht. Und weil Voldemort weg ist, geben sie das alles sofort auf? Einfach so? Jungs...", stöhnte sie und atmete lang und geräuschvoll aus, „wir hatten verdammtes Glück, dass Kingsley und ein paar weitere demokratisch gesinnte Auroren, Ministeriumsangestellte usw. direkt nach der Schlacht um Hogwarts ins Ministerium zurückgekehrt sind und dort in all dem Chaos erst mal Todesser verhaftet und die Kontrolle zurück erkämpft haben. So schlimm es klingt, ohne das hätte uns die Schlacht in Hogwarts nicht viel gebracht. Sie wäre ein Pyrrhussieg gewesen, nicht mehr. So haben wir wenigstens eine Chance auf Besserung, da wir die Exekutive kontrollieren."
„Die was?", fragte Ron.
„Die Exekutive, Ron. Die ausführende Gewalt. Die Regierung mitsamt den ihr unterstehenden Organen."
„Das ist doch gut, oder?", frage Harry.
„Ist es", sagte Hermine, „denn das erlaubt uns nun Todesser zu verhaften, die öffentliche Ordnung wiederherzustellen und ganz allgemein die Regierungsgeschäfte zu erledigen. Das ist unheimlich wichtig. Es ist nur so...", sagte sie, brach dann aber ab.
„Ja?", fragte Harry. „Es ist was? Was ist das Problem?"
Hermine wand sich etwas auf ihrem Stuhl, gerade so, als ob sie sich aus der Frage herauswieseln wollte, während Ron sie mit fragendem, interessierten Blick anstarrte.
„Spuck's schon aus", sagte Harry schließlich. „Ich bin Kummer gewohnt."
Bei dem letzten Satz zuckte Hermine leicht zusammen und verzog ihr Gesicht zu einer gequälten Grimasse, was in Harry sofort Schuldgefühle aufkommen ließ.
„Ich meinte, ich kann damit umgehen", schob er schnell nach.
Hermine sah Harry für den Bruchteil einer Sekunde mit besorgtem, mitfühlenden Blick an, gerade so, als traute sie sich nicht, ihn nach all dem, was er bisher erlebt hatte, noch mit weiteren negativen Nachrichten zu belasten. Doch nach ein paar Sekunden atmete sie tief durch, stützte ihr Gesicht auf ihren Ellenbogen ab und suchte nach einem Anfang.
„Mir macht das Zaubergamot Sorgen", sagte sie schließlich leise.
„Warum?", fragte Harry, als sie nicht weiter redete.
„Weil das langfristig das viel wichtigere Gremium ist und dort die entscheidenden Weichen für die Zukunft gestellt werden. Es ist sowohl Legislative als auch Judikative, das heißt, dort werden nicht nur Gesetze gemacht, sondern es finden dort auch alle Gerichtsverhandlungen statt. Das verleiht dem Zaubergamot eine extrem wichtige Rolle in unserem politischen System, viel größer als in der Muggelwelt, wo Legislative, sprich Parlament, und Judikative, sprich Justiz klar getrennt sind."
„Das ist die schlechte Nachricht?", hakte Ron nach.
Hermine schüttelte den Kopf.
„Das ist erst mal der Status quo. In meinen Augen ist das eine sehr unglückliche, ja gefährliche Vermischung zweier Gewalten, die in Muggeldemokratien zu Recht klar getrennt sind. Also ja, in meinen Augen ist das auch sehr schlecht, aber daran können wir erst mal nichts ändern, ohne unser politisches System von Grund auf zu reformieren und neu zu gestalten. Was wir irgendwann definitiv tun sollten, aber das geht nicht von heute auf morgen, sondern wird im Besten Fall Jahre dauern."
„Und was ist nun die schlechte Nachricht, Hermine?", fragte Harry, dem sichtlich auffiel, wie Hermine – zu seinem Schutz? – um den heißen Brei herumredete.
Hermine seufzte bedrückt.
„Ich..., ich befürchte, dass im Zaubergamot weiterhin Todesser und Vertreter der Reinblutsvorherrschaft die Mehrheit stellen", flüsterte sie so leise, als würde leises Flüstern anstelle von lauter Aussprache die Eintrittswahrscheinlichkeit ihrer Befürchtung vermindern.
Harry machte große Augen, als er versuchte zu verstehen, was das bedeutete und ihm nach und nach klar wurde, dass während Voldemorts Terrorherrschaft mehr als nur ein paar ihm wohlgesonnene Mitglieder verschwanden oder gleich offen ermordet wurden. So wie Amelia Bones, nur weil sie sich für ihn eingesetzt hatte. Auch in Rons Kopf schien es zu rattern. Hermine saß dagegen nur wie ein Häufchen Elend auf ihrem Stuhl und war den Tränen nahe.
„Was..., was hieße das in der Praxis?", fragte Harry, nun ebenfalls mit sanfter Stimme, um Hermine nicht tatsächlich noch zum Weinen zu bringen.
Hermine sah ein paar Sekunden betreten zu Boden, dann zu Ron, räusperte sich laut, um den Kloß in ihrem Hals loszuwerden, und schließlich zu Harry.
„Es heißt wohl Zweierlei", sagte sie und schnaubte frustriert. „Einerseits hätte Kingsley als Zaubereiminister kaum Macht, irgendetwas zu bewegen, was über das unmittelbare Tagesgeschäft hinausginge. Denn das Zaubergamot könnte weiter Gesetze beschließen, die die Vormachtsstellung von Reinblütern aufrechterhalten oder gar noch weiter ausbauen." Sie vergrub das Gesicht in ihren Händen und rieb sich die Stirn. „Ich habe keine Ahnung, was das Zaubergamot im letzten Jahr alles gemacht hat, aber ich fürchte, sie haben alles völlig umgekrempelt in Richtung Diktatur. Wir können nur hoffen, dass sie kaum Zeit dafür hatten. Gesetzgebung dauert, und sie hatten zum Glück nur neun Monate Zeit dafür. Also vielleicht haben ein paar Strukturen und Institutionen standgehalten. Sie könnten aber genauso gut auch das Wahlrecht so geändert haben, dass nun nur noch Reinblüter wählen dürfen. Oder gewählt werden können. Oder sonstige Hürden aufgebaut haben, die ihnen auf Jahrzehnte die Macht sichern. Das Wahlrecht diskriminierte schon vorher Muggelgeborene, wieso nun nicht auch Halbblüter...?"
„Das könnten sie?", rief Ron erstaunt aus.
„Klar, warum nicht?", antwortete Hermine. „Wenn sie dafür eine Mehrheit bekamen? Wir wissen nicht, wie oft das Zaubergamot tagte und wer dort überhaupt anwesend war. Es ist gut möglich, dass liberalere Vertreter und Mitglieder, die als Gegner V- Voldemorts oder auch nur als Muggelfreunde oder Blutsverräter bekannt waren, sich gar nicht erst in die Sitzungen getraut haben. Können wir es ihnen verdenken?"
„Scheiße...", flüsterte Ron, was Harry nur durch zustimmendes Nicken unterstützen konnte.
„Genau", flüsterte Hermine. „Und es gibt noch was: Im Zaubergamot werden, wie ihr wisst, auch alle wichtigen Gerichtsverhandlungen geführt. Sollte das Zaubergamot derzeit wirklich vor allem mit Todessern und Reinblutsvertretern besetzt sein, dann braucht es nicht viel Phantasie um zu erraten, wie diese Prozesse ausgehen...", wisperte sie, und wischte sich nun endgültig eine Träne aus dem Gesicht.
Ron sprang wutentbrannt auf.
„Aber die können die doch nicht einfach laufen lassen! Nicht nach all dem, was sie getan haben! Das sind Mörder, diese ganze Bagage von Unterstützer von, von... Ihr-Wisst-Schon-Wem!"
„Er heißt Voldemort, Ron", knurrte Harry aggressiv. „Nenne ihn endlich beim Namen!"
Hermine ignorierte den Ausbruch und starrte stattdessen gedankenabwesend aus dem Fenster.
„Oh doch, Ron, da irrst du dich, sie können", sagte sie schließlich, und Harry fühlte sich plötzlich zu seinem Leidwesen an einen sehr ähnlich klingenden Satz von Dolores Umbridge erinnert. „Wenn die Mehrheitsverhältnisse so sind, wie ich sie befürchte, dann können sie. Und sie werden es wohl auch."
Damit war alles gesagt. Weder Harry noch Ron antworteten und es war auch nicht nötig. Das Damoklesschwert, dass die Todesser oder ihre Verbündeten doch wieder die politische Macht übernahmen und all die von ihnen begangenen abscheulichen Verbrechen ungesühnt blieben, schwebte nun über ihnen, und erst die Zukunft würde zeigen, was geschehen würde. Derzeit hatten sie einfach nicht genug Informationen, um die Eintrittswahrscheinlichkeit von Hermines Befürchtung beurteilen zu können. Und genauso wenig konnten sie derzeit etwas ändern. Sie mussten warten und hoffen, dass die demokratischen Institutionen gehalten hatten, nicht weggespült worden waren von der Welle von Todessern, die die Gesellschaft übernommen und terrorisiert hatten und sich in allen Schaltzentralen der Macht ausgebreitet hatten. Es war, also säßen sie wieder zu dritt gemeinsam in ihrem frostigen Zelt, externen Gewalten ausgesetzt, die sich nicht kontrollieren konnten, sondern darauf angewiesen, dass sie Glück hatten und das Schicksal ihnen positiv gewogen war. Harry schüttelte es bei dem Gedanken und ein eiskalter Schauer lief ihm über den Rücken, den alle blauen Flammen der Welt nicht vertreiben konnten. Was wenn der Krieg gar nicht zu Ende war, sondern einfach eine andere Phase erreicht hatte? Wenn dem offenen Krieg mit Zauberstäben nun der juristische Krieg um die Schlüsselpositionen in Politik und Justiz folgte? Wenn die Todesser sich, nachdem die erste Welle gescheitert war, nun in der zweiten Welle doch noch durchsetzten mit ihrem Ziel, die Zauberergesellschaft zu unterjochen? Was wenn, wie es Hermine ausgedrückt hatte, alles ein einziger Pyrrhussieg gewesen war? Fragen über Fragen schossen durch Harrys Kopf, während er verzweifelt nach Antworten suchte, die einfach nicht kamen. Es war zum Haareraufen! Er hasste es, machtlos zu sein, nichts tun zu können, von anderen abhängig zu sein. Erst recht vom Schicksal, das ihm in seinen noch nicht mal 18 Lebensjahren so viele schwere Schläge zugemutet hatte, dass er Mühe hatte, sie alle aufzählen zu können. Gab es denn wirklich nichts, was er tun konnte? Er war schließlich Harry Potter, der Junge, der zweimal überlebt hatte! Irgendwas musste er doch tun können! Doch was? Er wusste es einfach nicht.
Harry atmete tief ein. Wissen. Das war es. Er brauchte Wissen. Wissen, wie die politischen Verhältnisse waren, wie die Politik in der Zaubererwelt abseits von Zauberstabgefuchtel in direkten Duellen funktionierte. Und es gab da etwas, was ihm dieses Wissen vermitteln konnte. Eine solche Quelle saß wenige Meter von ihm entfernt und hatte ihm bisher in seinem Leben schon so oft geholfen. Doch diese Quelle stieß trotz ihres brillanten Verstandes gerade an ihre Grenzen. Doch wie so oft hatte Hermine, wenn sie nicht weiter wusste, Rat, wo sie sich weiteres Wissen besorgen konnte. Oder eben er. Harry stöhnte, doch sein Entschluss stand fest. Wirklich Lust hatte er nicht auf dieses Buch. Hermine hatte ja sehr deutlich gemacht, dass sie es als eine Art Schulbuch ansah. Und Schulbücher waren nicht gerade Harrys Lieblingsbuchart. Zumal er auch an sich jetzt nicht sooo gerne las, wenn auch immer noch mehr als Ron. Doch er musste zugeben, dass Hermine recht hatte.
Sein ganzes Leben war von der Politik bestimmt. Schon seine Geburt als Sohn einer Muggelgeborenen und eines Reinblüters aus besten Kreisen war politisch. Die Ermordung seiner Eltern erst recht. Seine Einquartierung bei den Dursleys war politischen Zwängen geschuldet. Als Heranwachsender geriet er in die Mühlen der Politik sowie der Medien, die ihn mal zum Helden und mal zum Gegenteil zu stilisieren versuchten. Die Leugnung von Voldemorts Rückkehr durch Zaubereiminister Cornelius Fudge war politisch motiviert, und natürlich war es auch Politik, wie sich Zaubereiminister Scrimgeour am Vorabend des Krieges bei ihm einzuschleimen versuchte, kurz bevor er ermordet wurde. Von seinem Kampf gegen Voldemort ganz zu schweigen. Harry begann zu verstehen. Sein ganzes Leben war zutiefst geprägt von der Politik. Und mehr noch: er selbst war von Geburt an ein politischer Akteur. Es war ihm nie bewusst gewesen, aber es war so. Er war ein politischer Akteur, ein bedeutender sogar. Er hing nicht nur von der Politik ab, so wie jeder Zauberer und jede Hexe, er hatte auch politischen Einfluss. Einfluss, der über das reine Wählen hinausging. Klar, jedem stand es offen, sich politisch zu engagieren, aber er war längst mitten drin, auch wenn er das bis gerade eben nicht realisiert hatte. Er war jemand, auf den Leute hören würden, wenn er sich äußerte. Zumindest manche. Und da er das war, war es dann nicht sinnvoll, wenn er wenigstens die Grundzüge von Politik verstand? Wenn möglich, sogar deutlich mehr?
„Hermine, ich werde das Buch lesen", sagte Harry schließlich mit einer Lautstärke und Selbstgewissheit, die ihn selbst überraschte. „Wenn es passt fange ich sogar schon heute Abend damit an! Gibt es irgendwelche Kapitel, die ich besonders dringend lesen sollte?"
Hermine drehte sich ruckartig zu ihm um und klatschte überrascht in die Hände.
„Du wirst?", fragte sie verdattert. Damit hatte sie offensichtlich nicht gerechnet. „Echt?"
Harry nickte und hob die Hand so, als ob er einen Schwur ableisten wolle.
„Ja."
„Klasse, Harry!" rief Hermine und schenkte ihm eines ihrer typischen Hermine-Lächeln, die – das konnte Harry innerlich kaum noch verhehlen - sein Herz ziemlich aufgehen ließen. „Das freut mich!"
Ihre Stimmung hatte sich abrupt verbessert, auch wenn ihre feuchten Augen keinen Zweifel daran ließen, was gerade eben noch in ihr vorgegangen war.
„Und äh, was die Kapitel angeht..., ich habe vorne ein Notizpergament hineingelegt, in dem ich die wichtigsten Kapitel aufgeschrieben habe. Du musst also nicht alles lesen, wenn du nicht willst. Es wäre zwar besser, weil dann manches mit mehr historischem Kontext leichter zu verstehen ist, aber..."
Harry hob die Hände und unterbrach sie.
„Ich fange mal mit den markierten Kapiteln an. Und dann kann ich ja immer noch weitersehen..."
„Einverstanden. Falls du dann noch mehr wissen willst, kann ich dir ja noch einiges erklären. Ich kann dir auch noch mehr Literatur besorgen, wenn du magst. In Hogwarts gibt es in der Bibliothek eine ganzes Regal voll..."
Jetzt ging Ron dazwischen.
„Ich glaube, Harry ist mit dem Buch erst einmal sehr gut versorgt, Hermine. Und wenn er dann durch ist, so gegen Herbst, nehme ich an, dann werde ich auch mal durchblättern. Versprochen."
Hermine hob eine Augenbraue, nicht ganz überzeugt von der Antwort.
„Es wäre besser, du würdest nicht nur durchblättern, Ron, sondern auch tatsächlich darin lesen...
„Das meine ich doch. Querlesen. Du weist schon..."
„Ja, ich weiß. Ich weiß nämlich, wer dir das Querlesen beigebracht hat..."
„Und dafür bin ich dir auch heute noch dankbar, Hermine!", schob Ron nach. „Damit habe ich mir viel Lesezeit erspart!"
Harry sah Ron skeptisch an.
„Ich erinnere mich dunkel, dass Hermine damals erklärt hat, dass Querlesen nicht dazu dient, einfach nur viel Zeit zum Lesen einzusparen, sondern viel mehr Zeit zu haben, um herauszufinden, was wichtig ist und was nicht, und anschließend die wichtigen Texte besonders genau lesen zu können... Nicht wahr, Hermine?"
Sie nickte, wieder positiv überrascht.
„Ich bin beeindruckt, Harry."
Ron stand auf.
„Ich geh dann mal das Buch holen. Damit Harry sofort mit dem Lesen beginnen kann, wenn er will. Nicht dass ich jetzt unbedingt das Bedürfnis hätte, dich ebenfalls beeindrucken zu müssen..., aber..."
Hermine nickte ihm affirmativ zu.
„Ich registriere den guten Willen, Ron."
Mit einen Anflug von Stolz lief Ron zu dem (eher kleinen) Bücherregal in der Ecke des Raumes und begann es zu durchstöbern. Harry sah, wie Ron alte Kinderbücher zur Seite räumte, seine Quidditch-Hefte durchforstete und sich schließlich in Hermines Blickachse stellte, bevor er Zwölf narrensichere Methoden, Hexen zu bezaubern beiseite schob, während er immer verwunderter dreinschaute. Als er auch in dem Stapel alter Schulbücher nichts fand, murmelte er was von „hab es wohl im Bücherregal unten vergessen" und verschwand, von Harry und Hermine aufmerksam beobachtet aus dem Raum, um, als er sich außer Hörweite glaubte, leise zu fluchen. Hermine seufzte bitter, griff in ihre Perlenhandtasche und zog nach ein paar Sekunden des Suchens einen schweren, dicken Wälzer mit mattem Schutzeinband heraus, den sie nach kurzer Begutachtung Harry reichte.
„Weißt du, Harry", sagte sie mit nachdenklicher, beschlagener Stimme, „wirklich beeindruckt gewesen wäre ich, wenn er irgendwann in der letzten Zeit gemerkt hätte, dass es gar nicht mehr in dem Buchregal hier steht..."
Harry grinste breit.
„Du hast es das ganze Jahr über in deiner Handtasche gehabt?"
Hermine erwiderte sein Grinsen nicht. Stattdessen sah ihn mit traurigen, grüblerischen Augen an und nickte.
„Seit ich im Sommer alles Mögliche zusammengepackt habe, ja. Ich dachte, es könnte wichtig sein auf der Jagd nach den..., du weist schon. War es schlussendlich aber nicht."
„Wäre ja möglich gewesen", sagte Harry, der angesichts von Hermines Reaktion vermutete, dass es hier um mehr ging als nur das Buch, und strich ihr einmal sanft über den Rücken.
Hermines Mundwinkel zuckten für einen Moment nach oben, als sie für einen kurzen Moment direkten Augenkontakt mit Harry aufnahm. Dann wandte sie sich ab und begann aus dem Fenster zu starren. Harry sah ihr nach und fragte sich, ob sie tatsächlich über das nachdachte, was er dachte, dass sie dachte.
„Aber naja, du musst zugeben, allzu viel Zeit hatte Ron nicht, um es zu bemerken", sagte er leise. „Und die wenige Zeit, die wir hier waren, hatten wir wirklich Wichtigeres um die Ohren..."
„Das stimmt", gab Hermine zu, ohne ihn dabei anzusehen, und bestätigte damit seine Vermutung. „Aber trotzdem wäre es schön gewesen, wenn er es bemerkt hätte..."
Dann beugte sie sich etwas vor, stützte ihre Ellenbogen auf dem Fensterbrett ab und seufzte erneut.
Harry beobachtete sie einen Moment beim Grübeln und überlegte kurz ob er mehr sagen sollte, unterließ es aber, da er Ron jeden Augenblick zurückerwartete. Stattdessen widmete er sich dem dicken Wälzer in seinem Schoß und überflog das Inhaltsverzeichnis. Das Buch bestand aus insgesamt 29 Kapiteln. Von diesen waren gemäß Hermines handschriftlicher Notiz 17 unbedingt zu lesen, um das politische System der britischen Zaubererwelt zu verstehen, fünf Kapitel lieferten sehr guten Hintergrund und wurden daher von ihr für das bessere Verständnis explizit empfohlen, sechs beurteilte sie als eher unbedeutend und daher vernachlässigbar und eines (ein Kapitel über das Verhältnis von Muggeln und Zauberern) empfand sie offenbar als derart vorurteilsbehaftet, dass sie hier gleich drei große scharlachrote Fragezeichen gesetzt hatte. Harry beschloss, dieses Kapitel ganz am Schluss zu lesen. Aber erst, nachdem er Hermine gefragt hatte, warum sie es als so fragwürdig beurteilt hatte.
Kurz darauf kam Ron mit einem irritierten Gesichtsausdruck zurück.
„Moment", sagte er, als er das Buch in Harrys Händen sah. „Es war gar nicht in der Küche? Es war... Du hattest es in deiner Handtasche, richtig? Es war die ganze Zeit dabei, während wir auf der Flucht waren?"
„Genau", sagten Harry und Hermine unisono.
„Und ich habe es nicht gemerkt? Obwohl wir schon wieder ein paar Wochen hier sind..."
„Stimmt", sagten Harry und Hermine fast zeitgleich.
„Damit stehe ich schon ein bisschen wie ein minderbemittelter Troll da, oder?"
„Tust du", antworteten Harry und Hermine zusammen.
„Mist", sagte Ron, „blöd gelaufen."
„In der Tat, blöd gelaufen", wiederholte Harry, während sich in seinem Mundwinkeln ein Grinsen bildete. Als Ron das sah, begann er zu lauthals lachen, was dann wiederum Harry ansteckte. Schließlich hellten sich auch Hermines Gesichtszüge auf, als sie sah und hörte, wie ihre beiden Freunde fast schon wild wieherten, wurde sie selbst davon überwältigt und begann ausgelassen zu kichern. Es war ein schönes, befreiendes Lachen, fand Harry, ein Lachen, das es geschafft hatte, zumindest mal einen Moment die dunklen Wolken über ihnen zu vertreiben. Wolken, zu denen sich gerade wieder eine ganze Reihe weitere hinzugesellt hatten. Und das war in dieser schweren Zeit extrem kostbar fast mehr als sie sich wünschen konnten. Oder?
Als das Lachen verebbt war, sah Hermine noch mal zu Ron.
„Blöd gelaufen", flüsterte sie nur für sie selbst hörbar vor sich hin. Und starrte dann wieder nachdenklich aus dem Fenster.
