Ein rettender Einfall
Anfang Januar war Hogwarts natürlich noch immer von einer dicken Schneeschicht bedeckt, welche die gesamten Ländereien in weißer Pracht umhüllte. Zurück im Schloss ging wieder alles seinen gewohnten Gang. Der erste Montag nach den Ferien war für Lily, Colin und Eric dermaßen anstrengend, dass ein Teil von Lily fast froh war, dass ihr am Abend kein Quidditchtraining mehr bevorstand, und das lag nicht nur am Wetter.
James dagegen hatte es sich natürlich nicht nehmen lassen und hatte den Schulleiter gleich nach dem Unterricht aufgesucht, um mit ihm über die erneute Trainingserlaubnis zu sprechen.
„Es gibt gute und schlechte Nachrichten", verkündete er am Abend im Gemeinschaftsraum.
„Die guten zuerst", sagte Fred sofort.
„Wir dürfen wieder trainieren", erklärte James, doch er klang dabei nicht stolz, jedenfalls nicht so stolz, wie Lily vermutet hätte, dass er es wäre, wäre das wirklich alles.
„Aber?", fragte sie deshalb gespannt nach.
„Nur noch einmal die Woche", sagte er zerknirscht und ließ sich wütend auf einen Sessel fallen.
„Einmal?", fragte Albus.
James sah ihn an und nickte.
„Jedes Team darf jetzt nur noch einmal die Woche trainieren, wenn wir uns dabei von einem Lehrer beaufsichtigen lassen", bestätigte James und seufzte so genervt, dass mehrere Schüler sich zu ihm umdrehten.
„Immerhin", sagte Marius und zuckte die Schultern.
James warf ihm einen fassungslosen Blick zu.
„Na ja, das ist doch schon besser als nichts", versuchte der sich gleich zu erklären, aber James schüttelte nur den Kopf, stand auf und ging Richtung Schlafsaal.
„Albus, versuch du bitte, Neville zu überreden, dass wir am Mittwoch trainieren können. Morgen ist ja wieder DA", brummte er noch, bevor der die Steinstufen hinaufstieg.
Gleich am nächsten Morgen beim Frühstück verkündete Professor Wennell auch die frohe Botschaft. James' Gesichtsausdruck war dabei völlig emotionslos und Lily überlegte, wie lange James wohl auf den Schulleiter hatte einreden müssen, bis er sich wenigstens zu einmal Training die Woche hatte durchschlagen lassen.
Colin aß beim Frühstück wieder so viel und so lange, dass Lily und Eric entschieden, dass sie schon früher hoch in den Gemeinschaftsraum gehen und dort auf ihn warten würden. Auch Emma wollte sich beeilen, denn sie musste zu Geschichte der Zauberei in den fünften Stock. Kaum jedoch hatten sie den Tisch verlassen, bekam Lily im Augenwinkel mit, wie Oliver McKinnon sich von seinem Platz erhob, ihnen einen verstohlenen Blick zuwarf und dann hinüber zu Colin ging.
„Und wie war es?", fragte er an Colin gewandt und, da Lily und Eric sich mittlerweile so weit entfernt hatten, dass sie kaum noch etwas hören konnte, blieb Lily stehen und tat so, als würde sie sich die Schuhe zubinden.
„Was?", fragte Colin, der sich gerade ein weiteres Toast in den Mund geschoben hatte.
„Na, du weißt schon, deine Ferien bei den Potters", antwortete Oliver aufgeregt.
Es folgte einen Moment lang ein kurzes Schweigen.
„Lass mich in Ruhe, Oliver", murmelte Colin dann genervt.
Lily stand wieder auf und ging weiter. Sie hatte genug gehört.
Das war ja wieder typisch, dachte sie sich. Jetzt, wo Colin Weihnachten bei ihr verbracht hatte, war er für Oliver wieder interessant genug. Je mehr sie von Oliver hörte oder sah, desto glücklicher war sie über ihre eigenen Brüder. Die ignorierten sie wenigstens nicht die ganze Zeit, sondern verbrachten regelmäßig Zeit mit ihr. Irgendwie hatten sie alle auch ein recht gutes Verhältnis. Natürlich stritt man sich hin und wieder, aber das war doch unter Geschwistern völlig normal, oder?
„Wir sollten jetzt die Hausaufgaben für Kräuterkunde machen", riss Eric Lily aus ihren Gedanken.
Lily nickte nur.
So verbrachten sie den Morgen damit im Gemeinschaftsraum ihre Aufsätze für Professor Longbottom und auch für Professor Baddock fertigzustellen, bevor sie zu Verteidigung gegen die dunklen Künste gingen. Nach dem Mittagessen folgte eine weitere Stunde Verteidigung gegen die dunklen Künste und anschließend hatten sie eine Doppelstunde Geschichte der Zauberei zusammen mit den Ravenclaws, in der das Spannendste, das geschah, war, dass Ethan Portsman auf dem Tisch einschlief und laut zu schnarchen begann. Professor Binns bekam dies natürlich nicht mit und redete ununterbrochen fort. Lucy schrieb dagegen eifrig die wichtigsten Punkte seines Vortrags auf ein Blatt Pergament, während Lorcan in der letzten Reihe aufmerksam die neuste Ausgabe des Quibblers las, die auch das Interesse von Max auf sich gezogen hatte.
Nach dem Unterricht beeilten sich Lily, Colin, Eric und Emma noch, Hagrid zu besuchen, bevor die nächste DA-Stunde anfing. Dazu stapften sie über die Ländereien durch den hohen Schnee, in dem sie von weiter weg Grinder erkannten, der vor Hagrids Hütte darin herumtollte.
„Na, ihr!", begrüßte Hagrid sie, als sie näher kamen, „Habt ihr schöne Ferien gehabt?"
„Ja", begann Lily und erzählte, wie voll ihr Haus über Weihnachten gewesen war.
„Wie war es bei dir, Hagrid?", fragte Colin.
„Ich war bei Grawp", sagte Hagrid, „mein' Halbbruder, wohnt hier ganz in der Nähe in' Bergen. Wir ham 'n bisschen zusammen gefeiert."
Lily sagte nichts. Sie hatte bereits von Grawp gehört. Er war im Gegensatz zu Hagrid ein ganzer Riese, den Hagrid während der Schulzeit ihrer Eltern zu sich nach Schottland geholt hatte und der immer noch in der Gegend lebte. Diese Lebensdauer war schon ungewöhnlich lang für einen Riesen, aber das lag vermutlich daran, dass er hier keine anderen Riesen treffen konnte. Für gewöhnlich war die kurze Lebensdauer von Riesen nämlich dadurch bedingt, dass sie sich gegenseitig tot schlugen.
„Seht ihr euch oft?", fragte Colin weiter und Hagrid nickte.
„Ich versuch' schon ei'ma die Woche bei ihm vorbeizuschau'n. Muss schau'n, dass 's ihm gut geht."
Colin nickte und lächelte schwach. Lily wusste, dass er gerade an Oliver dachte, weshalb sie versuchte schnell das Thema zu wechseln.
„Wie geht es den Demiguisen?"
„Gut, gut", antwortete Hagrid ihr, „Sin' aber nicht so spannend. Wollte letztens schau'n, ob ich für meine Schüler nich' 'n Morungor kriege. War aber nichts zu machen."
„Ein Morungor?", fragte Colin.
„Davon habe ich gelesen", meldete sich nun Emma zu Wort, „In Die neusten Entdeckungen bisher unbekannter fantastischer Tierwesen sind sie aber als besonders selten aufgeführt."
„Ja, außerdem sind sie riesig und leben nur in Südamerika", warf Eric ein, „Wie willst du also so ein Tier hierher bekommen?"
„Da gibt's Wege", sagte Hagrid, „Hogwarts hat auch schon Drachen gesehen. Man braucht eben nur 'ne Genehmigung vom Ministerium, aber die meint'n 's sei denen alles noch zu neu, unerforscht und unsicher, als dass sie einen ins Land holen."
Lily, Colin, Eric und Emma nickten verstehend, obwohl Lily sich dachte, dass sie froh sein konnten, dass das Ministerium Hagrid hier einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte. So wie es sich anhörte, war ein Morungor nicht unbedingt eine Spezies, die man in der Nähe haben wollte, wenn Hagrid sie mit einem Drachen verglich, und Lilys Vater hatte ihr genügend Geschichten über seine Schulzeit erzählt, sodass Lily wusste, dass Hagrid eine Vorliebe für sehr gefährliche Kreaturen hatte.
Sie verbrachten den Nachmittag bei ihm, bis es dunkel wurde. Immer wieder bot er ihnen seine Felsenkekse an, von denen Lily, Colin und Eric jedoch die Finger ließen. Nur Emma, die Hagrid noch nicht kannte, biss herzhaft in einen der Kekse hinein und Lily warf ihr einen mitleidigen Blick zu, als sie schmerzverzerrt das Gesicht verzog. Als es zu dämmern begann, machten sie sich wieder zurück ins Schloss, um das Abendessen nicht zu verpassen.
Die Zeit vor der DA-Stunde verbrachten sie noch im Gemeinschaftsraum, wo Eric Lily ihre Ausgabe von Die neusten Entdeckungen bisher unbekannter fantastischer Tierwesen zurückgab.
„Ich habe es über die Ferien komplett durchgelesen", sagte er stolz.
Lily versuchte das mit einem Lächeln anzuerkennen. Sie musste zugeben, dass sie selbst das nicht getan hatte, und verspürte deswegen schon den Hauch eines schlechten Gewissens. Sie war eine der wenigen Schüler, die überhaupt eine Ausgabe erhalten hatten, und dann nutzte sie diese nicht einmal.
In der ersten DA-Stunde nach den Ferien lernten sie nun einen kräftigen Wind zu erzeugen, der ihnen gegen den schwarzen Rauch helfen sollte, käme es zu einem weiteren Anschlag. Das war ziemlich schwierig, weil es weniger ein wirklicher Verteidigungszauber war, als vielmehr Zauberkunst.
Ein Blick auf die anderen Schüler verriet ihr jedoch, dass sie nicht die einzige war, die nicht gut mit dem Zauber zurechtkam. In der Menge erkannte sie Louis, der wenigstens ein bisschen Wind erzeugt hatte, Roxanne, bei welcher der Wind in Stößen kam, und ihren Bruder Albus, dem gerade ein Slytherin-Mädchen half, den Zauber richtig auszuführen, weil er offenbar überhaupt nichts hinbekommen hatte. Lily runzelte die Stirn. Seit wann war ihr Bruder denn so eng mit den Slytherins? Normalerweise vertrat er doch wie auch James die Meinung, sich besser von ihnen fernzuhalten, wenn auch nicht ganz so stark wie dieser. Dann jedoch fiel Lily auf, dass es sich bei dem Slytherin-Mädchen um dasselbe handelte wie das, das sich beim Halloweenfest die Puddingschüssel von ihnen abgeholt hatte. Sie war groß, hatte lange schwarze Haare und ein freundliches Gesicht und, wenn Lily das richtig beobachtete, dann schien sie sich gut mit Albus zu verstehen.
„Ist dein Bruder mit Penelope Scott befreundet?", fragte Emmas Stimme plötzlich.
Lily wandte sich zu ihr um. Anscheinend hatte Emma in dieselbe Richtung geblickt wie sie.
„Ich weiß nicht", sagte Lily und musterte die beiden, „Sieht wohl so aus, oder?"
Emma zuckte die Schultern.
„Woher weißt du das eigentlich?", fragte Lily sie plötzlich interessiert.
„Was?", fragte Emma.
„Na, dass sie Penelope Scott heißt", antwortete Lily.
Es war ihr schon damals bei der Auswahlzeremonie seltsam vorgekommen.
„Meine Eltern fanden es wichtig, dass ich mich auskenne", erklärte sie, „Die britische Zauberergemeinschaft ist klein, weißt du, und es ist besser, sich zurechtzufinden."
Lily zog als Antwort nur die Brauen hoch, nickte jedoch.
Am nächsten Abend stand dann endlich James' lang ersehntes Quidditchtraining bevor. Natürlich hatte Albus es geschafft, Neville zu überreden, ihnen beim Trainieren zuzuschauen, wenngleich er keine besondere Begeisterung zeigte. Bei der Kälte draußen herumzusitzen war nicht unbedingt seine erste Wahl, seinen Mittwochabend zu verbringen, auch wenn er dies für sein Patenkind auf sich nahm. Nach zwei Stunden bloßem Sitzen auf den Zuschauerrängen war der Arme jedoch so durchgefroren, dass er James und Albus bat, sich etwas anderes zu überlegen. So könne das Training nicht weiter stattfinden. Ohnehin wisse er nicht, warum James nicht wie alle anderen Teams auch eine Winterpause einlegen konnte. Zu seiner Zeit hätte es Quidditch erst wieder im Februar gegeben.
„Aber wir können nicht bis Februar warten!", entrüstete sich James, „Die Hufflepuffs spielen unter Hitchens zu gut!"
Doch Neville blieb hart. Sie mussten das Training erneut einstellen.
Die Sache mit dem Quidditch sollte für James jedoch nicht das einzige Ärgernis des Monats bleiben. Am Freitagabend, als die meisten Gryffindors es sich im Gemeinschaftsraum gemütlich gemacht hatten, geriet er in eine heftige Auseinandersetzung mit Albus.
Zuerst verstand Lily gar nicht, worum es dabei eigentlich ging, doch schließlich dämmerte ihr, was Albus getan haben musste.
„Ich würde zu gern wissen, was dich da geritten hat!", fauchte James Albus an.
„Wieso?", fragte dieser nur unschuldig.
„Na, sie ist eine Slytherin. Warum bei Merlins Bart fragst du sie, ob sie mit dir zum Ball gehen will, außer es ist nur ein schlechter Scherz."
„Es war kein Scherz", murmelte Albus und lief rot an.
„Um so schlimmer!", rief James, „Muss ich dich daran erinnern, wohin dich deine Affinität zu den Slytherins das letzte Mal gebracht hat?"
Albus verdrehte die Augen.
„Das war etwas anderes. Das weißt du genau. Deshalb kannst du Penelope doch nicht mit ihm über einen Kamm scheren."
„Doch das kann ich. Sie ist eine Slytherin. Du weißt doch ganz genau, was das bedeutet. Die sind alle schwarzmagisch und böse."
„Nicht alle!", rief Albus.
„Ach, dann habe ich mir nur eingebildet, dass der Großteil von Voldemorts Anhängern Slytherins waren", sagte James provokant und brachte damit einige Schüler dazu, zusammenzuzucken.
„Aber nicht alle Slytherins waren auch Todesser! Was ist zum Beispiel mit Teds Grandma?"
„Das ist die Sache von Teds Grandma, aber dass mein eigener Bruder sich mit dem Feind einlässt."
Albus schnaufte.
„Der Feind? Hörst du dir selbst zu? Hat sie dir je etwas getan?"
„Mir nicht, aber ich denke da an dich. Du weißt doch selbst, was passiert, wenn man auch nur versucht, sich mit denen anzufreunden."
„Es ist mir egal, was du sagst, James. Ich finde sie nett. Aber wenn es dich beruhigt, sie hat sowieso „Nein" gesagt."
Mit einem wütenden Blick auf seinen großen Bruder verließ Albus den Gemeinschaftsraum und stieg die Steinstufen zu seinem Schlafsaal hinauf.
Im Gemeinschaftsraum selbst herrschte Stillschweigen. Egal, was jeder einzelne zuvor getan hatte, er hatte es unterbrochen, um dem Streit der beiden Potter-Brüder zu lauschen und die Blicke fielen nun von dem gerade abgedampften Albus auf einen in der Mitte des Raumes stehenden James, der wohl zum ersten Mal in seinem Leben begann, sich im Rampenlicht unwohl zu fühlen, und kurz darauf Albus' Beispiel folgte und sich auch auf in den Schlafsaal machte.
Emma sah Lily mit hochgezogenen Augenbrauen an, doch Lily zuckte nur die Schultern. Es war nicht der erste Streit, den sie zwischen ihren Brüdern mitbekommen hatte, und dieser hier war vergleichsweise harmlos gewesen. Kurz bevor Albus nach Hogwarts gekommen war, so erinnerte Lily sich, hatte es jeden Tag Streit zwischen den beiden gegeben. Damals jedoch meist deshalb, weil James Albus mit irgendetwas aufgezogen und ihm gesagt hatte, dass er bestimmt in Slytherin landen würde, eine Vorstellung, die Albus nicht hatte ertragen können.
In der darauffolgenden Woche hatten sich die Gemüter bereits beruhigt und Lily war mehr als überrascht, als sie James am Montagmorgen überglücklich beim Frühstück antraf. Er saß inmitten der anderen Gryffindor-Sechstklässler und erzählte freudestrahlend, dass sie die Hufflepuffs Ende Februar sicherlich plattmachen würden.
„Was ist denn mit deinem Bruder passiert?", fragte Colin.
„Das würde ich auch gern wissen", antwortete Lily und runzelte die Stirn.
Nach dem Essen jedoch bekam sie eine Antwort.
„Heute Nachmittag findet wieder Quidditchtraining statt", sagte James begeistert, „Sei nach der sechsten Stunde bereit im Gemeinschaftsraum."
Bevor Lily fragen konnte, wie er das nun wieder geschafft hatte, war James jedoch schon weitergezogen und ließ Lily ratlos zurück.
„Das klingt doch vielversprechend", sagte Colin, der im gerade gekommenen Tagespropheten blätterte, während er sein Toast kaute.
„Was genau liest du da eigentlich?", fragte Eric, „Ich dachte, beim Quidditch gibt es gerade eine Winterpause."
Colin errötete leicht.
„Ich dachte, es könnte nicht schaden, sich auch einmal ein wenig über die Außenwelt zu informieren", erklärte er Eric altklug und erntete dafür nur einen zweifelnden Blick.
„Irgendwelche Angriffe?", fragte Lily ihn, die sich schon gedacht hatte, dass er sich bezüglich der Werwolfangriffe informieren wollte, über die ihr Vater in den Ferien gesprochen hatte.
„Oh, redet ihr über die Werwolfangriffe?", fragte Emma nun auch interessiert.
Colin nickte.
„Da brauchst du gar nicht zu schauen", sagte sie belehrend, „Vollmond ist erst wieder am Sonntag."
Das brachte Colin dazu, die Zeitung abrupt wegzulegen und sich wieder ganz seinem Frühstück zu widmen.
Am Nachmittag fand sich das Gryffindor-Quidditchteam somit vor dem Porträtloch im Gemeinschaftsraum ein und zu Lilys Überraschung waren auch Gracie Connor, Madeleine Towler und Hugo dabei.
„Mitkommen!", befahl James dem Team und kletterte ihnen voraus durch das Porträtloch.
Lily winkte Colin, Eric und Emma zum Abschied und folgte dann ihren Teammitgliedern nach draußen in den Korridor.
„Ich bin jetzt Ersatzspieler im Team", erklärte Hugo Lily.
„Oh, herzlichen Glückwunsch", sagte sie.
Hugo errötete.
„Es ist nur, weil wir zehn sein müssen, um durch das Schloss zu laufen", erklärte er, „Aber James hat gesagt, dass ich wenn ich mehr trainiere Potenzial habe."
Lily nickte.
„Das glaube ich auch", sagte sie.
Lily wusste, dass Hugo in seiner Freizeit selten Quidditch spielte. Manchmal, wenn sein Vater Zeit hatte, trainierte er mit ihm im Garten, oder, wenn alle Weasley-Cousins und Cousinen im Fuchsbau zusammenkamen, dann kam er dazu zu spielen. Seine Schwester Rose war nicht unbedingt ein begeisterter Fan, wenngleich sie über mindestens ein Poster der Chudley Canons verfügte. Auf den Besen stieg sie allerdings eher selten.
„Ich bin jedenfalls froh, dass James mir diese Chance gibt, und er hat auch versprochen, dass ich weiter mit euch trainieren darf, falls Wennell uns wieder erlaubt nach draußen zu gehen."
„Das klingt doch toll!", sagte Lily begeistert.
Sie fing allerdings an, sich zu wundern, wo sie eigentlich hinliefen. Am Anfang hatte sie geglaubt, dass sie nach draußen gingen, doch sie waren bisher keine weitere Treppe hinabgestiegen und befanden sich ihres Wissens nach noch immer im siebten Stock.
Spätestens als sie plötzlich vor dem Wandteppich von Barnabas dem Bekloppten halt machten, dämmerte ihr jedoch, was James vorhatte, als dieser anfing auf und ab zulaufen, bis vor ihnen eine Tür erschien.
„Tadaa", eröffnete ihnen James und bedeutete den Gryffindors einzutreten.
Lily staunte. Hinter der Tür war ein riesiges Quidditchfeld erschienen. Auf dem Boden lag plötzlich ein grüner Rasen und links und rechts des Spielfeldes waren jeweils drei hohe Torringe angebracht.
„Unsere liebe Gracie hier hatte die Idee", sagte James mit einer Handbewegung in Richtung Gracie.
„Dank ihr haben wir nun den ganzen Winter über eine warme Möglichkeit zum Trainieren", sagte er stolz.
„Voraussetzung ist allerdings, dass das unter uns bleibt. Wir können uns nicht leisten, dass ein anderes Haus von dieser Idee erfährt. Ich will diesen Vorteil und ich weiß, dass Cauldwell die Hufflepuffs trotz der Kälte unterstützt und sie nun begonnen haben, einmal die Woche trainieren."
Er blickte ernst in die Runde.
„Weißt du das wieder aus ziemlich sicherer Quelle?", fragte Fred mit einem breiten Grinsen und Leslie Middleton und Roxanne begannen zu kichern.
Gracie, die zuvor noch fröhlich geschaut hatte, war das Lächeln aus dem Gesicht gewischt worden.
„Sehr lustig", winkte James nur ab und marschierte hinüber zur Truhe mit den Quidditchbällen.
Nachdem er diese freigegeben hatte, konnte das Training beginnen, doch schon nach kurzer Zeit, mussten sich alle Gryffindors eingestehen, dass es auch Nachteile hatte, im Raum der Wünsche zu trainieren.
Albus zum Beispiel fing andauernd einen Schnatz, denn, wann immer er sich wünschte, dass er den Schnatz direkt vor sich sah, erschien ihm auch einer. Lily wünschte sich einen weiteren Torring, um auf jeden Fall den Hüter Cody Stevens auszutricksen, der dann ebenfalls einfach auftauchte, und James beschwerte sich, dass er sich Quidditch so nicht unbedingt vorgestellt hatte.
„Wir sollten trotzdem weitermachen", entschied Roxanne, konzentriert euch einfach darauf, euch nichts mehr zu wünschen."
Das war zwar leichter gesagt als getan, aber am Ende hatten sie trainiert und das war das, was zählte.
So trafen sich die Gryffindors nun jeden Abend im Raum der Wünsche. Gelegentlich kam noch der ein oder andere dazu, um ihnen beim Training zuzusehen, so wie Gracie und Madeleine am ersten Abend. Am Donnerstag kamen Colin, Eric und auch Emma mit, die als einzige Erstklässlerin wohl überhaupt davon wusste. James hatte sie schließlich gezwungen möglichst Stillschweigen über die Sache zu bewahren, da keiner der anderen Häuser davon Wind bekommen sollte.
Lily fragte sich, wie lange das gut gehen sollte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis einer der Lehrer die Gruppe mal auf dem Korridor erwischte. Grundsätzlich taten sie zwar nichts Verbotenes, aber geheim blieb es so auch nicht.
Am Freitag Morgen hatte Professor Crouch Kröten in den Unterricht mitgebracht. Schon seit einiger Zeit übten sie sich nun daran, Tiere in Gegenstände und wieder zurück zu verwandeln, doch Lily hatte schon bei der ersten Stunde, in der ein Vogel ein Kelch hatten werden sollen, bemerkt, dass es ihr nicht gerade lag und sie tat sich auch diese Stunde sehr schwer damit.
Lucy dagegen hatte überhaupt kein Problem mit den Verwandlungen und belehrte Lily durchgehend, wie sie es richtig zu machen hatte. Nahezu mühelos verwandelte sie ihre gerade noch davon hüpfen wollenden Kröte in eine kleine Müslischale.
„Und wie weit sind Sie bisher gekommen. Lassen Sie mal sehen, Miss Potter!"
Professor Crouch war hinter ihr aufgetaucht.
Lily hob ihren Zauberstab.
„Fera Verto!", murmelte sie, doch das einzige, was sich an der Schale änderte, die Lucy so perfekt verwandelt hatte, war, dass sie sich krötengrün färbte.
Lily stöhnte auf.
„Üben, Miss Potter, üben", sagte Professor Crouch und Lily nickte nur.
Kurz vor Ende der Stunde jedoch, als alle ihre Sachen zusammenräumten und ihre Bücher zurück in ihre Taschen stopften, ertönte plötzlich ein lauter Knall. Es war wie eine Explosion und alle Zweitklässler zuckten augenblicklich zusammen.
Als Lily sich umdrehte, sah sie, dass aus Nicolas Martins Schultasche schwarzer Rauch hervorquillte. Er selbst fiel reglos von seinem Stuhl.
„Alle nach draußen!", befahl Professor Crouch den Schülern und Lily ließ sich das nicht zweimal sagen, nahm ihre Schultasche und eilte wie alle anderen zur Tür, während Professor Crouch dem armen Nicolas zu Hilfe eilte.
Kurze Zeit später sahen die Zweitklässler, wie sie ihn auf einer Trage in Richtung Krankenflügel, transportierte.
„Schon wieder ein Anschlag!", sagte Lucy mit aufgerissenen Augen, „Ich frage mich, wie lange das noch so weiter gehen soll, bis sie die Schule schließen. Ich habe in den Ferien mal mit Dad darüber gesprochen und er meinte, es sei unverantwortlich, wie Wennell die Dinge hier handhabt."
Lily sagte dazu nichts. Sie wollte nicht, dass Hogwarts geschlossen wurde. Sie liebte das Schloss und konnte sich nicht vorstellen, mitten im Schuljahr nach Hause geschickt zu werden.
AN: Zu diesem Kapitel gibt es wieder drei Sidechapter, die euch mehr über James und Albus verraten: [link href=" .de/s/4ec910a60001c314067007d0/18/Ballbegleitung-auf-Potterart"]Einladung[/link]; [link href=" .de/s/4ec910a60001c314067007d0/19/Ballbegleitung-auf-Potterart"]Affinität[/link]; [link href=" .de/s/4ec910a60001c314067007d0/20/Ballbegleitung-auf-Potterart"]Wünsche[/link]
