Das Desaster

Beim Mittagessen herrschte große Aufregung. Zuerst dachte Lily, dass sich die Neuigkeiten um Nicolas schon herumgesprochen hatten und nun über den neusten Anschlag diskutiert wurde, doch dann erfuhren sie von James, dass Madeleine nicht zur dritten Stunde Zaubertränke erschienen war und es wohl mehr als eine Bombenmexplosion im Schloss gegeben hatte.

Dominique berichtete, dass sie Filchs Katze Mrs Norris im dritten Stock aufgefunden und in den Krankenflügel gebracht hatte.

„Das Mistvieh hättest du auch liegen lassen können!", beschwerte sich Fred bei ihr, doch Dominique schüttelte nur den Kopf.

„Sie ist einfach nur ein Tier, Fred", erklärte sie und schenkte sich Kürbissaft nach.

Fred schnaubte.

„Wer's glaubt", knurrte er.

In diesem Moment trat Gracie Conner an den Gryffindortisch heran.

„Hast du sie gefunden?", fragte James sofort und Gracie nickte.

„Sie lag im Schlafsaal", seufzte Gracie, „Ich habe sie in den Krankenflügel gebracht."

Gracie schien Lily schon ziemlich aufgelöst zu sein und Lily beobachtete, wie sie sich an den Tisch setzte, allerdings das Essen nicht anrührte.

„Da scheint Madame Longbottom jetzt einiges zu tun zu haben", sagte Roxanne.

Die anderen schwiegen betreten.

„Ich frage mich, warum sich bisher niemand vom Ministerium eingemischt hat", überlegte Molly und sie erinnerte Lily damit ein wenig an ihre Schwester Lucy, „Auch im Tagespropheten wird nicht darüber berichtet, was hier in den letzten Monaten los war."

„Nun", mischte sich nun auch Rose ins Gespräch ein, „Man hat damals nach dem Krieg festgelegt, dass das Ministerium sich nur noch im äußersten Notfall in die Geschehnisse von Hogwarts einmischen darf, und dasselbe gilt auch für den Tagespropheten. Solange das Ministerium nicht handelt, dürfen sie nicht über die Schule schreiben."

Alle sahen sie interessiert an.

„Warum handelt das Ministerium dann nicht?", fragte Eric.

„Das frage ich mich auch schon seit einiger Zeit", erwiderte Rose.

„Okay, wir haben keine Ahnung, wo der Spiegel der Rache ist. Dieses Mal waren auch Gryffindors von den Bomben betroffen und, wenn man den Spiegel nicht bald findet, dann wird das Zaubereiministerium die Schule schließen", fasste Eric den Ernst der Lage zusammen, als er, Colin und Lily es sich für eine Freistunde vor Zaubertränke im Gemeinschaftsraum gemütlich gemacht hatten.

„Wenn er nicht bei den Hufflepuffs im Gemeinschaftsraum hängt, dann irgendwo anders im Schloss", sagte Colin.

Lily nickte und streichelte in Gedanken versunken Morgana.

„Es ist alles so merkwürdig. Alle Anschläge sind irgendwo im Schloss passiert, an den verschiedensten Orten. Das würde ja bedeuten, dass der Spiegel durch das Schloss wandern könnte, oder?"

Colin und Eric sahen sie an.

„Der Spiegel nicht, aber die Schüler, die durch ihn verhext wurden sicherlich", sagte Eric.

„Wir müssen weitersuchen", schloss Colin voller Tatendrang.

Genau das taten die drei dann auch. In den nächsten Wochen bemühten sie sich alle, die Augen nach einem Spiegel offen zu halten, allerdings war es sinnlos. Das Schloss war zu groß und die Lehrer waren schließlich auch nicht fündig geworden. Gracie Connor hatte ihnen erzählt, dass sie die Weihnachtsferien genutzt hatten, um nach dem Spiegel der Rache zu suchen. Nicht nur die Lehrer, sondern auch Filch und die Geister hatten sich an der Suchaktion beteiligt und waren leider erfolglos geblieben.

„Oh, und es war alles Professor Longbottoms Idee, die Schule zu durchsuchen", fuhr sie fort, „Wennell war sich sicher, die Anschläge würden bald genauso plötzlich aufhören, wie sie begonnen hatten."

„Warst du auch bei der Suche dabei?", fragte Emma Gracie neugierig.

Gracie nickte.

„Ja, aber wie gesagt. Niemand hat irgendetwas Merkwürdiges gesehen. Es scheint alles ganz normal, so als würde es den Spiegel nicht geben. Aber was ist an einem Zaubererschloss schon normal?", fragte sie.

Neben dem Spiegel der Rache und der Suche danach, gab es noch ein anderes Thema, an das die Gryffindors täglich erinnert wurden. James stolzierte täglich durch den Gemeinschaftsraum und erzählte jedem, der es nicht hören wollte, dass er in wenigen Wochen volljährig werden würde. Diesen Tag könnte er jedoch nur genießen, wenn Gryffindor bis dahin Hufflepuff im Quidditch geschlagen hatte und sie damit an der Spitze der Tabelle stehen würden. Daran erinnerte er sie auch bei ihrem täglichen Training immer wieder.

Ende Februar war es schließlich so weit. Gryffindor hatte nach der langen Winterpause endlich sein erstes Spiel gegen Hufflepuff und James war dadurch, dass sie in den letzten Wochen fast unablässig trainiert hatten, bester Laune und guten Mutes, dass sie gewinnen würden.

„Wir gewinnen heute, egal, was es kostet", begann er in der Umkleide seine Rede, während draußen im Stadion ein lautes „Go, go, Gryffindor" zu hören war.

Lily hörte James kaum zu, denn sie war mehr als nur aufgeregt. Er hatte der ganzen Mannschaft wegen dieses Spiels nun wochenlang Druck gemacht. Würden sie verlieren, wäre das eine herbe Enttäuschung.

Es war ein ausgesprochen sonniger Tag für Ende Februar, etwas kalt, jedoch hervorragend für eine Partie Quidditch. Lily war trotz ihrer Aufregung auch guten Mutes, als sie alle gemeinsam nach draußen auf das Feld gingen.

„Und da kommen die Mannschaften", brüllte Marius Proudfoot durch sein Megafon, während die Quidditchteams der Gryffindors und Hufflepuffs neben Madame Rivers aufs Spielfeld schritten.

„Glaubt es, oder nicht, aber das könnte das spannendste Spiel der Saison werden. Die Gryffindors brauchen ihren Sieg, um das siebte Jahr infolge den Pokal zu holen und Lucas Hitchens will die Hufflepuffs zu ihrem ersten Pokal seit... Eigentlich weiß ich auch nicht, wann die Hufflepuffs zuletzt den Quidditchpokal gewonnen haben. Vielleicht können Sie mir da aushelfen, Professor."

„Zwölf Jahren", beendete Professor Crouch seinen Satz.

„Seit zwölf Jahren", wiederholte Marius noch einmal laut durchs Megafon und wandte sich dann wieder dem Spielfeld zu.

„Die Kapitäne Potter und Hitchens geben sich die Hand."

Lily hatte Lucas Hitchens nie aus der Nähe gesehen, doch nun, wo sie ihn im Abstand von zwei Metern betrachtete, fiel ihr auf, dass er auffallend hübsch war. Er hatte braune Haare und ein ausgesprochen freundliches Gesicht und helle graue Augen, die Lily irgendwie bekannt vorkamen.

„Auf geht's!", rief Madame Rivers und blies in ihre Trillerpfeife.

Eilig bestieg Lily ihren Besen und stieß sich vom Boden ab.

„Gryffindor in Quafflebesitz!", rief Marius, „Weasley spielt zu Potter, James. Klatscher von Malone. Ja, die Silberpfeile der Hufflepuff-Treiber zahlen sich immer wieder aus. Quaffle bei Bird, rüber zu Hamlin, nein, Potter, Lily geht dazwischen und erobert den Quaffle für Gryffindor zurück."

Wie aus dem Nichts hatte Lily die Vorteile ihres Besens genutzt und sich den Quaffle aus der Luft geschnappt, bevor Jane Hamlin ihn erreichen konnte. Nun flog sie zielstrebig auf die Torposten der Hufflepuffs zu, vor denen schon Daniel McLeaks, ein großer Viertklässler, auf sie wartete. Kurz bevor sie jedoch nah genug war, um zu werfen, rauschte ein Klatscher an ihr vorbei und sie war so überrascht, dass sie den Quaffle fallen ließ. Paul Butler fing ihn auf und flog in Windeseile wieder in die andere Richtung, wo er allerdings durch einen Klatscher von Fred ausgebremst wurde und Cody Stevens ihn schlussendlich abfing.

Hin und her ging das Spiel, schließlich landete Hufflepuff den ersten Treffer, was jedoch neuen Kampfgeist bei den Gryffindors entfachte, die mit dem Ausgleich nicht lange auf sich warten ließen, doch die Hufflepuffs waren ein zäher Gegner, ein sehr zäher Gegner.

James hatte in den letzten Wochen nicht übertrieben, wann immer er ihnen eingeschärft hatte, dass dies das wichtigste Spiel der Saison war und sie um jeden Preis gewinnen mussten. Lily hoffte mehr und mehr auf Albus und, dass er den Schnatz möglichst schnell fing und sie danach endlich erlöst waren, doch auch da herrschte Funkstille, sonst hätte Marius schon etwas durch sein Megafon verlauten lassen. Sie traute sich nicht, sich selbst umzusehen, denn auch nur eine Sekunde der Unachtsamkeit konnte sich keiner der Gryffindors leisten.

Das Spiel ging von einer Spielfeldhälfte zur anderen, Klatscher flogen wie wild durch das ganze Stadion, doch am Ende war das Spiel so ausgeglichen, dass jeder Jäger jedes Teams genau zwei Tore gemacht hatte, wenn auch mit ach und Krach.

Trotzdem hieß es weiterzukämpfen. Sie mussten gewinnen.

„Hamlin mit dem Quaffle", riss Marius Lily aus ihren Gedanken.

Jane Hamlin hatte sich nach einem Fehlwurf von Roxanne blitzschnell den Quaffle ergattert und raste nun über das Spielfeld auf die Torposten der Gryffindors zu. Nur James war ihr dicht auf den Fersen, während Klatscher von Fred und Leslie auf die beiden herabprasselten.

„Oha, Albus Potter hat den Schnatz gesichtet!", rief Marius und Lily vernahm ein Raunen aus der Menge.

„Kann Hitchens ihn noch einholen? Die beiden Sucher liefern sich hier ein Wettrennen, während Kapitän James Potter endlich Hamlin eingeholt hat."

James schoss mit dem Quaffle geradewegs in die andere Richtung auf Lily zu, die ihm sofort Platz machte, weil sie im Augenwinkel vernahm, dass auch Albus und Hitchens inmitten durch das Spielfeld fliegen mussten, um den Schnatz zu kriegen.

Dann jedoch geschah es: Owen Greaf feuerte einen Klatscher ab und schlug dabei so hart zu, dass ihm sein Schlagstock mit aus der Hand rutschte. Mehr oder minder ungewollt, traf der Klatscher einen Spieler seines eignen Teams und so rammte Paul Butler mitten in James hinein, der dadurch vom Kurs abkam und Greafs Treiberstock mit aller Wucht an den Kopf bekam.

„Nein!", rief Lily und versuchte so schnell wie möglich den dadurch vom Besen gefallenen James einzuholen, doch es war zu spät.

Lily wusste, dass sie nichts mehr tun konnte und sie ihn nicht mehr erreichen würde, bevor er auf dem Boden aufkommen würde. Panik stieg in ihr auf. Auch alle anderen Gryffindors waren viel zu weit entfernt, als dass sie hätten irgendetwas ausrichten können. Aus dem Publikum vernahm sie Schreie und dann plötzlich landete James plump in Albus' Armen.

Erleichterung war aus der Menge zu vernehmen. Lily spürte, dass ihr Tränen in die Augen gestiegen waren, die sie jedoch schnell wieder wegwischte, während sie die letzten Meter auf Albus zuflog, um ihm zu helfen, James sacht auf dem Rasen abzusetzen.

Im ganzen Stadion herrschte eine eisige Stille und dann ein Schrei aus dem Publikum: „Hitchens hat den Schnatz!"

Lily und Albus wandten die Köpfe gen Himmel und sahen einen leicht verwirrten Lucas Hitchens, der den Schnatz in der Hand hielt.

„Hufflepuff gewinnt!", rief Madame Rivers und blies ein weiteres Mal in ihre Trillerpfeife, um das Spiel zu beenden.

Dann landete sie neben Lily, Albus und James im Gras und beschwor eine Trage hinauf, die James in den Krankenflügel schweben ließ.

„Aber Madame Rivers, wenn ich gesehen hätte, warum Albus so plötzlich vom Schnatz abgelassen hat, dann hätte ich doch niemals...", wollte Hitchens anfangen, doch Madame Rivers schüttelte nur den Kopf.

„Gefangen ist gefangen, Hitchens. So sind die Regeln", erklärte Madame Rivers und Lily bekam noch mit, wie Hitchens ein weiteres Mal den Mund öffnete, um etwas zu erwidern, ihn jedoch gleich darauf wieder schloss.

In der Umkleide der Gryffindors herrschte eisiges Schweigen. Keiner der Anwesenden traute sich ein Wort zu sagen. Das würde das Ganze nur realer machen und niemand von ihnen wollte wahrhaben, was da draußen gerade wirklich passiert war.

Wie auch schon beim Spiel gegen die Slytherins warteten Colin, Eric und Emma wieder draußen vor den Umkleiden auf sie, doch auch sie hatten einander wenig zu sagen, weshalb sie einfach alle schweigend nebeneinander her zurück zum Schloss stiefelten.

„Potter?", erklang plötzlich Hitchens Stimme hinter ihnen.

Lily drehte sich herum, erkannte jedoch, dass sie nicht gemeint war.

„Ich habe versucht mit Rivers zu reden, ob wir das Spiel wiederholen können. Ich wollte nicht so gewinnen", erklärte er sich.

Albus nickte nur.

„Ist schon okay", antwortete er, „Es war ja meine Entscheidung."

Sie sahen einander eine Weile lang an, dann nickte Hitchens kaum merklich und folgte den Gryffindors in die Eingangshalle.

Das Abendessen in der großen Halle war das Traurigste, das Lily in ihrer Zeit auf Hogwarts erlebt hatte. Für die Gryffindors war der Traum vom Sieg geplatzt und die Hufflepuffs konnten sich unter den gegebenen Umständen nicht wirklich freuen.

Am nächsten Tag hatte sich bei den meisten Gryffindors im Wesentlichen Akzeptanz breit gemacht. Noch kein Haus hatte es je zuvor geschafft, den Pokal sieben Jahre infolge zu holen. Es wäre zu schön gewesen, aber hatte doch nicht sein sollen. Lilys Cousine Molly hatte dem gesamten Quidditchteam der Gryffindors kleine Pokale aus Schokolade geschenkt und Lily hatte sich müde und mit einem traurigen Lächeln bedankt. Sie wusste, sie meinte es gut, dennoch machte es nichts besser.

Einem jedoch schien es ganz besonders schlecht zu gehen. Lilys Bruder Albus hatte seit Samstag Abend eines der Sofa im Gemeinschaftsraum besetzt und starrte durchgehend wütend und grüblerisch an die Decke. Lily wusste, dass er sich an allem, die Schuld gab und nun lediglich darauf wartete, was James dazu sagen würde, sobald dieser wieder aufwachte. Wie Lily ging er nämlich fest davon aus, dass James sich lieber sämtliche Knochen gebrochen hätte, als zu hören, dass Gryffindor gegen Hufflepuff verloren hatte.

„Niemand macht dir einen Vorwurf, Al", sagte Rose, die sich zu ihm gesetzt hatte.

Albus antwortete nicht. Er konnte manchmal sehr stur sein.

„Ich verstehe ihn", erklärte Ascella schlicht und Albus wandte den Kopf zu ihr um, „An seiner Stelle würde ich mir auch die Schuld geben. Was war das auch für eine alberne Idee, James zu retten."

Sarkastisch verdrehte sie die Augen und wandte sich mit einem Kopfschütteln wieder ihrem Aufsatz für Kräuterkunde zu.

Lily grinste breit. Ascellas Worte waren viel eher das, was Albus in einer solchen Situation gebrauchen konnte, als Rose' Fürsorge und Aufmunterung.

Am Montag beim Mittagessen erhielten Lily und Albus auch gleich eine gute Nachricht.

„James ist heute Morgen aufgewacht", erzählte ihnen Professor Longbottom fröhlich, „Ihr könnt ihn heute Nachmittag besuchen.

Lily und Albus sahen sich einen Moment lang an und fochten dabei stumm aus, wer von ihnen James die frohe Botschaft überbringen sollte.

„Wahrscheinlich hat er Madame Longbottom sowieso schon ausgefragt", gab Rose zu bedenken.

Lily nickte.

„Oh und Lily, dein Nachsitzen findet diesen Freitag um sechs in Mr Filchs Büro statt", fügte Professor Longbottom an.

Max Fry warf ihr einen interessierten Blick zu.

„Weshalb hast du denn schon wieder Nachsitzen bekommen?", fragte er mit einem breiten Grinsen.

„Ach, das Übliche", winkte Lily hastig ab und stopfte sich schnell Essen in den Mund, um nicht weiter antworten zu müssen.

Nach dem Unterricht hatten die Gryffindors eine Stunde Zauberkunst, mussten dort jedoch feststellen, dass sie nicht durch den gewohnten Korridor gehen konnten, da Peeves im Gang Stinkbomben verteilt hatte.

„Also dieses Mal ist er endgültig zu weit gegangen", hörte Lily den Fast Kopflosen Nick zum Fetten Mönch sagen, die gemeinsam an den Zweitklässlern vorbeischwebten.

„Wenn das der Blutige Baron erfährt", pflichtete der Fette Mönch ihm bei.

Als die beiden Geister außer Sichtweite waren, sagte Max stolz: „Die Stinkbomben hatte Peeves von mir."

Olivia Abbott verdrehte nur die Augen und schüttelte den Kopf, doch Susanna Lewis warf Max einen bewundernden Blick zu. Dieser fühlte sich durch seinen gelungenen Streich anschließend so selbstsicher und lebendig, dass er im Unterricht mit Professor Baddock übermütig wurde und sich auch gleich Nachsitzen einhandelte. Lily hatte jedoch den Eindruck, dass er darüber nicht einmal enttäuscht, sondern sogar glücklich war.

Nach Zauberkunst trafen sich Lily und Albus vor dem Krankenflügel. Albus war gerade von Kräuterkunde reingekommen und er sah aus, als hätte man versucht, ihn als Pflanze einzubuddeln.

„Frag nicht", zischte er nur und versuchte sich den Dreck mit seinem Umhang abzuwischen.

Lily zog bloß die Brauen hoch, sagte jedoch nichts.

Gemeinsam traten sie dann durch die Tür und ließen sich gleich rechts und links an James Bett nieder. Tatsächlich war der Krankenflügel noch immer überfüllt. Nicht alle Opfer des letzten Anschlags hatten es bisher wieder nach draußen geschafft. Madeleine Towler zum Beispiel lag in einem der hinteren Betten und hatte offenbar gerade Besuch von Gracie.

„Schön, dass ihr mich besuchen kommt", sagte James und versuchte zu grinsen.

„Wie geht's dir?", fragte Lily.

„Gut, gut", sagte James, „Hab' nur ein bisschen Kopfschmerzen."

Lily und Albus tauschten einen Blick.

„Kannst du dich daran erinnern, was passiert ist?", fragte Albus unsicher.

„Nur daran, dass wir Quidditch gespielt haben", seufzte James und machte eine Pause.

„Ich habe mich bisher noch nicht getraut zu fragen, wie es ausgegangen ist", gab er dann zu und sah von Albus zu Lily und wieder zurück zu Albus.

Lily und Albus tauschten erneut einen Blick.

„Weißt du", begann Albus, „Wir..."

Doch er brach ab.

„Wir haben verloren", brachte Lily es auf den Punkt.

James vergrub das Gesicht in den Händen und fuhr sich dann durch die Haare. Dann stieß er einen Fluch aus, von dem er froh sein konnte, dass ihre Mutter ihn nicht gehört hatte.

„Aber wir hätten fast gewonnen", fuhr Lily fort, die der Meinung war, dass die zwar kurze, aber schmerzvolle Wahrheit am einfachsten zu verkraften war.

James sah sie fragend an.

„Na, als du Greafs Treiberholz gegen den Kopf bekommen hast, bist zu vom Besen gefallen und Albus war in der Sekunde kurz davor, den Schnatz zu fangen, aber er hat sich dann entschieden, lieber dich zu fangen, bevor du am Boden aufprallst", erklärte Lily.

James starrte sie an und blickte dann zu Albus.

„Ist das wahr?", fragte er.

„Ja", sagte Albus und lief rot an, „aber... ich... es tut mir leid. Ich weiß, es ist alles meine Schuld."

„Bist du verrückt?", rief James und schüttelte den Kopf.

„Also, ich kann verstehen, wenn du mich jetzt aus dem Team wirfst", sagte Albus, doch James zog ihn in eine Umarmung.

„Du bist der beste Bruder, den man sich wünschen kann. Habe ich dir das schon einmal gesagt?"

Lily traute ihren Augen kaum und wünschte sich inständig, sie hätte irgendetwas, womit sie diesen Moment festhalten konnte. So sah sie völlig überfordert zwischen dem überschwänglichen James zu dem ebenso überforderten Albus hin und her.

Lily überlegte, ob ihr jemand glauben würde, sollte sie je einem Außenstehenden von dieser Situation erzählen.

„Nicht wirklich", antwortete Albus auf James' Frage.

„Du fliegst natürlich nicht aus dem Team. Du bist der beste Sucher, den wir kriegen können."

James ließ von Albus ab und machte es sich wieder in seinem Bett gemütlich.

„Danke, dass du mich gerettet hast!"

„Gern geschehen", antwortete Albus verlegen.

„Kommen Mum und Dad dich noch besuchen?", versuchte Lily die peinliche Stille zu durchbrechen, bevor sie entstehen konnte.

„Nein, ich habe ihnen geschrieben, dass alles in Ordnung ist", sagte James lässig und griff nach einem Schokofrosch, der auf seinem Nachttisch gelegen hatte.

„Bist du gar nicht traurig, dass wir verloren haben?", harkte Albus schließlich nach.

„Doch", seufzte James, „Aber besser verloren als tot, oder?"

Lily und Albus nickten hastig, ganz so als hätten sie Angst, James könnte seine Meinung diesbezüglich noch einmal ändern.

Anschließend erzählten sie ihm noch, wie Hitchens versucht hatte, das Spiel wiederholen zu lassen, doch erfolglos geblieben war. James hörte sich alles interessiert an und nickte nur. Er kannte die Regeln, er war nicht ohne Grund Kapitän geworden.

Irgendwann jedoch bat Madame Longbottom sie zu gehen, denn sie wollte James noch einen Trank verabreichen, der seine Kopfschmerzen besser werden lassen sollte, weshalb Lily und Albus sich verabschiedeten und den Krankenflügel verließen.

„Wir hätten ihm schon früher mal eine mit einem Treiberstock überziehen sollen", sagte Albus an Lily gewandt, als die Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen war.

Lily kicherte.

Am Freitag beim Nachsitzen jedoch war ihr weniger zum Kichern zu Mute. Wenigstens war sie überrascht, als sie vor Filchs Bürotür auch noch Max Fry stehen sah.

„Was machst du denn hier?", fragte Lily.

„Peeves hat Longbottom gepetzt, dass ich ihm die Stinkbomben gegeben habe", sagte Max zerknirscht.

„Hast du nicht schon Nachsitzen bei Baddock?", fragte Lily ihn.

„Das ist morgen Abend", antwortete Max.

„So", krächzte plötzlich eine Stimme hinter ihnen.

Filch öffnete seine Bürotür und winkte Lily und Max hinein.

„Ihr beide habt heute die Aufgabe die Strafkartei neu zu ordnen. Alles, was älter ist als 50 Jahre kommt in ein anderes Register."

„Aber da brauchen wir ewig für", fing Max an sich zu beklagen.

„Das hättest du dir vorher überlegen können!", fauchte Filch ihn an, „Ich habe hier auf Hogwarts ganz andere Zeiten miterlebt."

Lily verdrehte die Augen. Sie vermutete, dass nun wieder ein Vortrag über Daumenschrauben und Auspeitschen folgen würde. James hatte es sich früher zum Spaß gemacht, Filch nachzuahmen und Albus und Lily durch das Haus zu jagen, als sie noch nicht alt genug für Hogwarts gewesen waren. Seine Rede blieb jedoch aus und er befahl ihnen stattdessen an die Arbeit zu gehen.

Genervt begannen Lily und Max das Register zu durchforsten und die Akten zu sortieren. Lediglich einmal wurde ihre Arbeit unterbrochen, als es an der Tür klopfte.

Filch humpelte hin, um zu öffnen.

„Hätten Sie einen Moment, Argus?", ertönte Baddocks Stimme.

„Ich beaufsichtige gerade zwei Nachsitzer", erklärte Filch.

„Mit wem haben Sie denn das Vergnügen?", sagte Baddock höhnisch und warf einen Blick in den Raum hinein.

Er gab ein belustigtes Schnaufen von sich, als er Max und Lily erblickte.

„Mr Fry, natürlich. Das war ja wieder typisch", sagte er arrogant, „und Miss Potter."

Er verdrehte die Augen.

„Manchmal glaube ich, es steckt wie die Magie im Blut", höhnte er, „Wenn Sie trotzdem einen Moment hätten, Argus. Ich bin sicher die beiden kommen auch ein paar Minuten zurecht, ohne gleich Ihr Büro in Brand zu stecken."

„Natürlich, natürlich", antwortete Filch und folgte Professor Baddock nach draußen.

„Mr Fry, natürlich", begann Max Baddock nachzuäffen, als die Bürotür wieder ins Schloss gefallen war.

„Das war ja wieder typisch", folgte Lily seinem Beispiel und erhob den Zeigefinger warnend in Max' Richtung.

„Und Miss Potter, manchmal glaube ich, es steckt wie die Magie im Blut", fuhr Max fort und erhob sich von seinem Platz.

„Was machst du?", fragte Lily.

„Oh, ich suche etwas", antwortete Max und blätterte wie wild die Kartei mit den Vergehen der Schüler durch.

„Und was?", fragte Lily neugierig.

„Ich bin um ehrlich zu sein aus einem Grund hier", erklärte er, während er eine Akte nach der anderen hervorzog.

Lily zog die Brauen hoch.

„Der da wäre?", fragte Lily.

„Ich suche Informationen über Angehörige der Familie Black", gab Max zu.

AN: Zu diesem Kapitel gibt es wieder ein Sidechapter, das euch mehr über James und Albus verrät: [link href=" .de/s/4ec910a60001c314067007d0/21/Ballbegleitung-auf-Potterart"]Familie[/link]