Die Rückkehr
„Du!", sagte Lily und ballte die Fäuste.
Sie hätte es vorher wissen sollen. Es hatte auf der Hand gelegen, irgendwo.
„Hätte mich gar nicht überraschen sollen, dass ausgerechnet ihr zu aller erst durch den Spiegel der Rache kommt", sagte Walker, „Ich bin beeindruckt. Da haben die mutigen kleinen Gryffindors in ihrem zweiten Jahr wohl dazugelernt, hm?"
„Wo ist Oliver?", fragte Colin, „Lass ihn frei! Er hat dir nichts getan!"
Walker musterte ihn und begann dann höhnisch zu lachen, doch statt Colin eine Antwort zu geben, schüttelte er nur den Kopf.
„Wir hätten wissen sollen, dass du hinter dem Spiegel der Rache steckst", sagte Lily.
„Ach, hättet ihr das?", fragte Walker und zog eine Augenbraue hoch.
„Wie letztes Jahr auch, diente das doch nur dem Zweck auf Hogwarts Unheil zu stiften."
Walker zuckte die Schultern.
„Da hat die kleine Miss Potter ja sogar einmal aufgepasst", höhnte er.
„Wo sind Steven und Oliver?", fragte Colin erneut, doch Walker lachte nur wieder.
„Siehst du sie hier irgendwo?", fragte er an Colin gewandt.
Lily wusste, dass er nur mit ihnen spielte. Er genoss es, dass sie hier verzweifelt nach ihren Mitschülern suchten und er allein vermutlich derjenige war, der wusste, wo sich Oliver und Steven befanden. Irgendetwas jedoch gab Lily das leise Gefühl, dass es ihnen gut ging, dass Walker sie nicht an den Morungoren verfüttert hatte und, dass sie noch am Leben waren. Vielleicht jedoch hoffte sie dies aber auch nur.
„Wo ist der Morungor?", fragte Eric.
Walkers Gesichtsausdruck veränderte sich und wirkte nun beeindruckt.
„Wie habt ihr das denn herausgefunden?", fragte er.
Lily schnaubte.
„Du hast auch die Bücher verschwinden lassen, stimmt's!", rief sie.
So langsam wurde ihr alles klar.
„Ja, das war ich", gab Walker offen zu, „Ich wusste, es war nur eine Frage der Zeit, bis vielleicht jemand dahinterkommen würde, um was es sich handelte, deshalb habe ich meine Helfer angewiesen, die Bücher zu stehlen."
„Welche Helfer?", fragte Eric, „Wer würde dir freiwillig helfen?"
„Die Slytherins!", sagte Colin sofort, „Ich wette auf Nott."
Doch Walker lachte nur.
„Ihr seid wohl immer noch nicht von der Idee abgekommen, dass die Slytherins das böse Haus sein müssen, oder?", fragte er, „Und dabei habt ihr vollkommen übersehen, dass ich meine Helfer in so ziemlich jedem Haus hatte. Wie sonst hätte ich jede Tasche, in jedem Gemeinschaftsraum, in jedem Schlafsaal nach allen Ausgaben von Die neusten Entdeckungen bisher unbekannter fantastischer Tierwesen durchforsten können."
„Wie hast du das geschafft?", fragte Lily entsetzt.
Walker grinste selbstzufrieden.
„Die Mischung aus Morungorgift oder Morungorrauch gepaart mit dem Imperius-Fluch verschafft dir die treuesten Diener", erklärte er, „Sie sind so treu, dass sie hinterher sicher nichts mehr ausplaudern, weil sie alles vergessen haben werden."
Lily überlegte. Das erklärte so einiges, aber nicht unbedingt alles.
„Aber wozu?", fragte Lily und betrachtete Walker interessiert.
Wieder zog dieser eine Braue hoch.
„Hast du dir diese Frage nicht vorhin selbst beantwortet?", fragte er.
Lily starrte ihn eine Weile lang ohne zu blinzeln an. Schließlich gab er nach.
„Glaubst du nicht, dass es mir in meiner Zelle in Azkaban nicht irgendwann ein wenig langweilig wurde? Tagein, tagaus dasselbe Essen, dieselben Leute. Man kann seine Zeit so viel sinnvoller aufwenden."
„Indem man unschuldige Schüler angreift?", empörte sich Colin dazwischen, doch Walker schüttelte den Kopf.
„Unschuldig?", fragte er an Colin gewandt und musterte ihn.
„Du glaubst doch wohl nicht, dass alle deine Mitschüler so unschuldig sind. Aber das spielt auch keine Rolle, sie waren nur Mittel zum Zweck, mir ein wenig meine Langeweile zu vertreiben."
„Wenn dir Azkaban so langweilig wurde, warum bist du nicht einfach ausgebrochen?", fragte Lily.
Ein Ausbruch war zwar seit über 20 Jahren nicht mehr vorgekommen, aber sie wusste, dass es auch heute noch Möglichkeiten geben musste und so wenig sie Walker auch mochte, sein Talent für Magie konnte sie, seit sie die Spiegelwelt gesehen hatte, nicht mehr bestreiten. Sie hätte wetten können, dass es ein Leichtes für ihn gewesen wäre. Schließlich hatte er es ja auch geschafft sich wieder einen Zauberstab zu beschaffen.
„Ohne die Dementoren ist es da nicht all zu übel", antwortete Walker, „Man hat genug zu essen, genug Zeit, um seine Kräfte für Wichtigeres zu sparen."
„Schüler in Hogwarts zu quälen?", fragte Eric ungläubig, dass das das Wichtigere von beidem war.
Walker verdrehte die Augen.
„Hauptsächlich konnte ich so ein ganzes Jahr lang meine neu entdeckten Waffen testen, ohne dass mir irgendjemand in die Quere kommt."
„Den Morungor", schloss Lily.
„Fünf Punkte für Gryffindor", sagte Walker sarkastisch, „Die Scamanders wissen gar nicht, was für nützliche Tierchen sie dort entdeckt haben. Mit ihnen kann man so wahnsinnig gut Unruhe stiften. Ich habe mich köstlich amüsiert, als sämtliche Schüler der explodierende Kot um die Ohren geflogen ist."
„Ist das das einzige Ziel?", fragte Lily, „Unruhe stiften, weil dir in deiner Zelle langweilig ist?"
Walker sah sie an und schüttelte dann den Kopf.
„Meinst du nicht, dass diese Waffe nicht einem größeren Zweck dient? Aber alles muss irgendwo getestet werden. Größtenteils hatte ich Spaß an meinen - wie Wennell sie nennt - Streichen und ihr seht, es hat funktioniert, oder? In Hogwarts ist seit Monaten die Hölle los und ich brauche nichts weiter tun, als in Ruhe und aus weiter Ferne zuzusehen. Wer würde mich schon verdächtigen? Ich sitze viele Meilen entfernt hinter Gittern in Azkaban. Niemand wird je dahinter kommen, dass ich es war."
„Wir sind dahintergekommen", sagte Lily und umklammerte fest ihren Zauberstab in ihrer rechten Hand.
Ihre Stimme mochte fest klingen, aber in Wirklichkeit fühlte sie sich gerade alles andere als mutig. Walker hatte schon einmal versucht, sie umzubringen und Lily, Colin und Eric waren ihm im letzten Jahr nur um ein Haar und auch nur mit Professor Longbottoms Hilfe entkommen. Nun jedoch standen sie ihm völlig allein gegenüber und Walker wusste das. Man konnte an seinem selbstgefälligem Gesichtsausdruck genau ablesen, wie er triumphierte. Es war unwahrscheinlich, dass sie hier lebend wieder herauskamen.
„Du hast nicht alle Bücher in die Hände bekommen", sagte Lily und versuchte so spöttisch wie möglich zu klingen.
Sie wollte, dass Walker dachte, dass sie diejenigen waren, die triumphierten, auch wenn sie ihm eindeutig unterlegen waren.
Eine Sekunde lang schien es sogar zu funktionieren und Lily glaubte Überraschung auf Walkers Gesicht zu sehen.
„Welches denn nicht?", fragte Walker und verschränkte die Arme, grinste jedoch amüsiert.
„Rate mal", entgegnete Lily.
Mit zwei Brüdern und drei Cousins und sechs Cousinen wusste sie genau, wie man auf Zeit spielte, auch wenn sie nicht wusste, was ihr dazugewonnene Zeit nutzen sollte. Sie waren die einzigen, die vom Spiegel der Rache wussten. Niemand hatte ihn zuvor entdeckt. Die Lehrer hatten das ganze Schloss abgesucht. Sie würden ihn jetzt auch nicht mehr finden.
„Vermutlich deins", sagte Walker und verdrehte die Augen.
„Dabei wäre es so leicht zu finden gewesen", sagte sie.
Walker musterte sie einen Augenblick. Anscheinend überlegte er, ob sie bluffte, doch dann wurde ihm klar, dass sie wohl die Wahrheit sagte und warf ihr einen interessierten Blick zu.
„Du denkst jetzt sicher, dass ich vielleicht wollte, dass ausgerechnet du den Spiegel findest", höhnte Walker, „aber ich habe dir schon letztes Jahr gesagt, dass du dich lieber nicht zu wichtig nehmen solltest. Der Grund, warum ich deine Ausgabe wohl übersehen habe, liegt vermutlich daran, dass du sie nicht ordnungsgemäß wie alle anderen Schüler auch bei Flourish und Blotts gekauft hast, oder?"
Lily sah ihn skeptisch an, antwortete jedoch nicht.
„Siehst du, ich habe nicht nur meine Helfer in Hogwarts. Ich habe auch außerhalb von Hogwarts echte Helfer, Menschen, die auf meiner Seite sind und für das Richtige eintreten. Ich habe mir genau mitteilen lassen, wer noch eine der ersten Ausgaben Anfang der Sommerferien gekauft hat, bevor ich sämtliche Nachbestellungen habe verschwinden lassen. Ein paar sollten die Bücher schon erhalten. Schließlich dachte ich mir, so würde man sich vielleicht untereinander darum streiten und wenn ich letztendlich alle Ausgaben verschwinden lasse, dann wird jeder den anderen verdächtigen. Dass mir ausgerechnet deine Ausgabe durch die Lappen ging, war reiner Zufall. Deine Brüder hatten doch auch keine, oder?"
Langsam schüttelte Lily den Kopf.
„Wie auch immer", sagte Walker gelangweilt, „Ich darf euch übrigens gratulieren. Ihr seid die ersten, die meine selbst erschaffene Welt des Spiegels der Rache zu Gesicht bekommen. Beeindruckend, nicht wahr?"
„Schluss mit den Gefasel!", rief Colin plötzlich, „Ich will endlich wissen, wo Oliver ist."
Walker lachte auf, als hätte Colin einen guten Witz gemacht. Er blickte ihn an.
„Eure Freunde sind hier nicht", erklärte Walker ruhig, „Ihr seid in eine Falle getappt. Hätte ich irgendjemanden hierher entführt, hätte ich mich ja nur selbst verraten und ein Mord wäre mir viel zu lästig. Wozu all der Umstand, wenn ich diese beiden nervigen Gryffindors auch so loswerden kann?"
„Wie meinst du das?", fragte Lily.
„Na, wem wird wohl der sogenannte Streich am Ende in die Schuhe geschoben? Ist doch mysteriös, dass die beiden stundenlang verschwunden sind und am Ende vermutlich behaupten werden, sich an nichts mehr erinnern zu können. Dennoch wird man natürlich eindeutige Indizien wie das Morungorblut bei ihnen finden. Außerdem kennt man es auch nicht anders von ihnen, ständig und überall Unfrieden zu stiften."
„Wo sind sie?", fragte Eric.
„Schlummern friedlich und betäubt mit Morungorrauch in einem Mädchenklo", sagte Walker Schultern zuckend.
Lilys Herz sank. Sie waren umsonst durch den Spiegel der Rache getaucht, hatten sich hierher verlaufen, um mit Walker ein Pläuschchen zu halten und würden vermutlich bald ihr jähes Ende finden und es war für Nichts gewesen. Oliver und Steven waren gar nicht hier.
„Aber vermutlich werden sie morgen schon zu Hause sein. Ich bin mir sicher für diesen Streich werden sie endgültig von der Schule geschmissen. Sogar Wennell, der Idiot, muss irgendwann einsehen, dass es so zu weit geht."
„Das heißt, es war nur dein Plan, die beiden von der Schule werfen zu lassen?", warf nun auch Eric ein, der sich bisher sehr ruhig verhalten hatte.
„Die beiden gingen mir schon lange auf die Nerven", seufzte Walker und machte eine kleine Pause, bevor er wieder anfing zu sprechen.
„Nun aber zurück zum Spiegel der Rache. Gefällt er euch?"
„Beeindruckend", antwortete Lily sarkastisch, ohne ihn aus den Augen zu lassen.
„Ist es nun so, dass du es geschafft hast, einen Morungoren hier durchzuquetschen?", fragte sie.
Walker nickte stolz.
„Es war natürlich nicht alles mein Werk allein - wie gesagt - ich habe Helfer. Inzwischen auf der ganzen Welt", erzählte er, „Der Raum ist fabelhaft, wenn man aus aller Welt schnell zusammenkommen will. Wir brauchen keine Portkeys, denn wir haben die Spiegelportale. Die wenigsten Zauberer wissen, wie weit man mit Magie eigentlich gehen kann, denn die Spiegel durchbrechen sogar die magische Barriere durch Hogwarts. Ich kann ins Schloss hinein und hinausschaffen, was mir gefällt, schneller als Wennell „apparieren" sagen kann. Wahrscheinlich erinnert ihr euch noch an die Magiecontinatoren. Genau dieses Konzept habe ich hier drin auch ausgebaut, nur nicht als Kugel. Die sind einfach so leicht zerstörbar. Nein, die Spiegelwelt wird durch den Brunnen zusammengehalten. Ich nenne ihn meinen Brunnen des ewigen Glücks."
Lily wusste, dass es einen Grund gab, wieso Walker ihnen das alles erzählte. Zum einen bekam er nicht oft die Gelegenheit über seine magischen Erfolge zu sprechen. Er war ein Häftling in Azkaban, mit dem kaum jemand sprach, aber bei ihnen war er sich absolut sicher, dass er es ihnen einfach so erzählen konnte, da sie vermutlich keine Gelegenheit mehr bekommen würden, es der Außenwelt mitzuteilen. Dafür würde er höchstpersönlich sorgen. Lily fragte sich nur, ob er es mit dem Todesfluch anging, oder ob er andere Methoden entwickelt hatte.
„Wieso nennst du ihn den Brunnen des ewigen Glücks?", fragte Eric und Walkers Grinsen erstarb.
„Muggelgeboren?", fragte er deshalb nur, erhielt jedoch keine Antwort.
„Der Brunnen des ewigen Glücks ist auch ein Märchen von Beedle dem Barden", erklärte Colin Eric, der sich daran erinnerte, dass sie zuvor bereits auf das Thema gekommen waren, „Genauso wie das Märchen von den drei Brüdern. Walker scheint ein Faible für Märchen zu haben."
„Nicht wirklich", entgegnete Walker, „Eigentlich konnte ich keins davon jemals leiden und der Brunnen des ewigen Glücks aus dem Märchen ist schließlich auch nur ein langweiliger gewöhnlicher Brunnen. Eine furchtbare Gute-Nacht-Geschichte."
Einen Moment lang herrschte zwischen allen ein eisiges Schweigen.
„Aber halten wir uns nicht mit diesen Kindermärchen auf", sagte Walker, „Ich finde es ist an der Zeit, dass ihr jemanden kennenlernt. Macht euch also bereit für eure erste Stunde in Pflege magischer Geschöpfe."
Walker beschwor aus seinem Zauberstab einen hässlichen kleinen schwarzen Gnom, der ungefähr bis zu Lilys Knien gereicht hätte, wenn es ihm nicht möglich gewesen wäre durch Flügel in der Luft zu schweben.
Eine Sekunde lang hatte Lily geglaubt, dass nun der Morungor käme, obwohl sie sich schon gefragt hatte, wie Walker diesen allein aus seinem Zauberstab hervorkommen lassen wollte, doch der Gnom machte sich auf und flog schnurstracks in eine Richtung davon und war bald schon außer Sichtweite.
„Das war ein Famulus", erklärte Walker, „Auch den habe ich selbst erfunden. Ein nützliches kleines Vieh."
„Gratulation", sagte Colin, doch Lily überlegte, was jetzt passierte.
Wozu war der Famulus gut? Warum hatte Walker ihn beschworen und wo hatte er ihn hingeschickt? Sie hatte das ganz dumpfe Gefühl, dass es nicht Walker selbst war, der sie im Spiegel der Rache erledigen würde. Es war entweder der Famulus oder der Morungor und kaum hatte sie diesen Gedanken zu Ende gedacht ertönte hinter ihnen ein lauten Schnaufen, wie von einem riesigen Monster.
Lily, Colin und Eric fuhren herum und tatsächlich bot sich vor ihren Augen der Anblick eines riesigen Monstrums mit gelber Haut und einem braunen Panzer. Sie standen vor einem echten ausgewachsenen Morungoren. Lily klappte die Kinnlade herunter beim Anblick seiner riesigen Klauen und seiner scharfen Zähne, die er gefährlich fletschte.
„Er ist extra für euch aus Südamerika gekommen", höhnte Walker breit grinsend, bevor er eine riesige Luftblase heraufbeschwor, die sich um seinen Körper legte, „Kümmert euch gut um euren neuen Freund. Viel Spaß."
Lily, Colin und Eric tauschten entsetze Blicke, als der Morungor kurz darauf seine erste Rauchwolke ausstieß.
„Ventus!", riefen Lily, Colin und Eric gleichzeitig und erzeugten dadurch einen so starken Wind, dass der schwarze Rauch umkehrte und dem Tier gleich wieder entgegen blies.
Dies verhinderte zwar, dass sie alle drei in den bewusstseinsverändernden Nebel eingehüllt und danach samt Haut und Haar gefressen wurden, ließ den Morungor selbst jedoch nicht verschwinden.
„Lauft!", rief Eric Lily und Colin zu und keiner von ihnen ließ es sich zweimal sagen.
Eric ließ die Überreste seines Umhangs fallen und alle drei rannten der Schnur des Umhangs folgend zurück durch die Landschaft des Spiegels der Rache.
Offenbar unerfreut, dass die erste Ladung Rauch nichts gebracht hatte, ließ der Morungor eine weitere Ladung auf sie los, doch wieder schafften die drei es, ihm einen heftigen Wind entgegenzusetzen.
„Ihr könnt nicht ewig weglaufen", höhnte Walker, der in seiner schützenden Blase direkt hinter ihnen herschwebte.
„Wir brauchen Feuer", rief Lily, „Wir müssen seine Rauchdrüse verbrennen."
Gleichzeitig jedoch war ihr absolut klar, dass sie keinen ausgewachsenen Drachen dabei hatten und ihr Wunsch damit hinfällig war.
Dormy jedoch kreischte aufgeregt und flog direkt auf dem Morungor los.
„Nein, Dormy!", rief Colin panisch und blieb stehen, während der Drache sich dem Morungor ins Gesicht setzte, wo offenbar die Nebeldrüse war.
Lily traute ihren Augen nicht.
„Feuerspeiunfähig", hatte Fred damals gesagt, doch das, was Dormy dort vollbrachte, war alles andere als feuerspeiunfähig.
Der kleine Drache, der nur wenig größer war als Lilys Kopf erzeugte eine so gewaltige Flamme, dass der Morungor laut aufheulte, als ihn das Feuer direkt in der Nebeldrüse traf. Der Schmerz lähmte ihn und der Morungor blieb stehen, während Dormy wieder zu ihnen zurückkehrte und auf Colins Schulter landete.
„Weiter!", brüllte Eric Lily und Colin an und sie liefen wieder los.
„Wir könnten durch irgendein Portal nach draußen", rief Colin, während die drei rannten, „Irgendeins, sodass uns der Morungor nicht folgen kann."
„Ihr denkt doch nicht ernsthaft, dass ihr hier wieder herauskommt", lachte Walker hämisch.
„Zur Brücke", japste Eric, dem so langsam wohl die Puste ausging.
Walker ignorierend liefen sie dem Faden von Erics Umhang hinterher auf die Brücke zu, die bald wieder in ihrem Sichtfeld aufragte.
„Bleibt stehen!", rief Eric plötzlich, als Lily und Colin gerade die Brücke und den kleinen Bach erreicht hatten.
„Bist du verrückt?", rief Colin, doch Eric nickte mit dem Kopf auf die Puffknollen, die unten am Bach wuchsen.
Wenn sie den Morungor darauf aufmerksam machen konnten, dann würde er wenigstens für ein Weilchen das Interesse verlieren und sie hätten Zeit, aus der Spiegelwelt herauszufinden.
„Das sind nie im Leben genug!", rief Colin.
„Haben wir eine andere Wahl?", fragte Eric.
Sie hatten eine Wahl, überlegte Lily, jedoch standen ihre Chancen nicht sehr gut. Sie wusste, dass ein Portal in Walkers Zelle nach Azkaban geführt hatte und eins in den südamerikanischen Regenwald. Diese Ausgänge zu nehmen wäre der reinste Selbstmord und wer wusste, wohin die anderen führten.
„Los kommt, helft mir die Knollen abzupflücken", rief Eric und tatsächlich beeilten sich Lily und Colin, ihm zu helfen, während der Morungor immer näher rückte.
Lily betete innerlich, dass Luna die neuen Geschöpfe auch richtig erforscht hatte und, dass diese wirklich so verfressen waren, wie sie es in ihrem Schulbuch nachgelesen hatte.
Sie warfen die gesammelten Puffknollen alle vor der Brücke ab, wo die meisten von ihnen gleich zu Blühen begannen. Doch tatsächlich sollte Colin Recht behalten. Es waren einfach nicht genug. Zudem waren es einfach nicht genug, die schnell genug wuchsen.
„Drachenmist!", rief Lily, „Colin, kann Dormy...?"
Doch als hätte der Drache verstanden, was Lily von sich gegeben hatte, flog er von Colins Schulter los.
„Urg", machte Eric und verzog das Gesicht, „Was hast du ihm eigentlich alles gefüttert?"
„Alles, was er mochte", sagte Colin, „Wenn es nicht artgerecht wäre, würde er es nicht essen."
Erleichtert darüber, dass sie den Morungoren losgeworden waren, wollten sie weiterlaufen, doch Walker hielt sie auf.
In seiner Blase landete er direkt vor ihnen und schnitt ihnen den Weg hinter der Brücke ab.
„Nicht so schnell!", rief er, „Vielleicht will er noch einen Nachtisch."
Colin ballte die Hände zu Fäusten.
„Lass uns durch!", rief er, doch Walker lachte nur und dann geschah etwas, womit keiner von ihnen gerechnet hätte.
Es ging so schnell, dass keiner von ihnen wirklich wusste, wie ihnen geschah, aber Eric stürmte einfach so, frei und unbewaffnet auf Walker zu, während Walker seinen Zauberstab erhob, um seinen Angriff abzuwehren. Dieser flog jedoch geradewegs über seinen Kopf nach oben in die Luft und wurde dort von Dormy abgefangen, während Walker von Eric zu Boden getacklet wurde.
Lily, die ihren Augen nicht traute, dass sie soeben einen voll ausgebildeten Zauberer entwaffnet hatte, stand unbeweglich da, während Colin Eric zu Hilfe eilte, um Walker am Boden zu halten. Diese drei verschmolzen für einige Zeit zu einem kämpfenden Haufen, solange bis Lily ihre Stimme wiederfand und Walker mit einem Ganzkörperklammerfluch belegte. Erschöpft ließen sich Eric und Colin neben ihm ins Gras fallen.
Es war pures Glück gewesen und kaum hatten die drei realisiert, dass sie es nun geschafft hatten, dass sie nun frei waren und gehen konnten, da vernahmen sie hinter sich erneut das laute Schnaufen des Morungoren und sie wussten, die Jagd war noch lange nicht zu Ende. Sie hatte gerade erst begonnen.
Wie vom Blitz getroffen sprangen Eric und Colin aus dem Gras auf und liefen los, der Morungor, der direkt hinter ihnen war, verfehlte um ein Haar Walker, der unbeweglich auf dem Boden lag, mit seinen schweren Planken. Lily, Colin und Eric liefen immer dem Faden von Erics Umhang hinterher, der sie durch den Urwald führte, von dem sie sicher waren, dass der Morungor hierher gekommen war.
„Wie hat er sich so schnell an den Knollen vorbeigefressen?", fragte Eric.
„Ich habe doch gesagt, es sind nicht genug!", rief Colin, der sich an den Ästen vorbeizwängte.
„Hey, entgegen aller Erwartungen sind wir immer noch am Leben", erinnerte ihn Eric.
„Ja", stimmte Colin zu, „und wem haben wir das größtenteils zu verdanken?"
Es entstand eine kleine Pause.
„Sag mal, Colin, wo ist Dormy überhaupt?", fragte Lily.
Sie hatte ihn nicht mehr gesehen, seit er sich Walkers Zauberstab geschnappt hatte und davongeflogen war.
„Ich weiß nicht. Dormy! Dormy!", rief Colin laut, als sie aus dem Urwald herauseilten.
„Wahrscheinlich hat er sich verflogen!", pustete Eric.
Lily hatte keine Ahnung, wie lange sie bereits gerannt waren, aber während sich hinter ihnen immer noch der Morungor befand, tauchte vor ihnen in weiter Ferne der Brunnen auf.
Als sie ihn erreichten, blieb Colin stehen.
„Ich muss ihn suchen", sagte er.
„Er ist nicht dumm, Colin", sagte Lily und hielt ebenfalls an, „Vielleicht ist er schon lange draußen und versucht sogar Hilfe zu holen und wenn nicht, bringt es uns allen weitaus mehr, wenn wir hier zuerst rauskommen und Hilfe holen. Weder Walker ohne Zauberstab noch der Morungor, der nicht einmal fliegen kann, können ihm etwas anhaben."
Als hätte der Morungor Lilys Worte gehört, machte er plötzlich Halt und stieß erneut ein genervtes Schnaufen aus.
„Was tut er da?", fragte Eric, doch seine Frage beantwortete sich just in diesem Moment selbst, als hinter dem Morungor kleine braune Bälle zu Boden plumpsten.
Angeekelt verzog er das Gesicht, während Lily urplötzlich eine Idee kam.
„Wir müssen die Spiegelwelt zerstören", sagte sie und warf Colin und Eric einen erwartungsvollen Blick zu.
„Und wie das?", fragte Colin skeptisch.
„Walker hat doch angedeutet, dass die Magie der Spiegelwelt durch diesen Brunnen dort fließt", sagte Lily und deutete auf den merkwürdigen Brunnen, dessen Wasser nach oben floss.
„Wir müssen den Brunnen zerstören, dann wird auch die Spiegelwelt zerstört", schloss sie und hoffe inständig, dass ihre Vermutung richtig war.
„Ich lenke den Morungor ab!", rief Colin und ehe Lily und Eric sich versahen, war er schon losgelaufen und zog die Aufmerksamkeit des riesigen Monstrums auf sich.
„Beeilt euch!", rief er ihnen zu, als er sich aus dem Staub machte und Lily und Eric ließen es sich nicht zweimal sagen und rannten so schnell sie konnten zu dem riesigen Haufen an Morungorkacke, sammelten diese auf und brachten sie hinüber zum Brunnen.
„Auf drei", sagte Lily und die begannen zu zählen.
„Eins."
„Zwei."
„Drei."
Sie entleerten alles, was sie gesammelt hatten in den Brunnen und im ersten Moment war Lily enttäuscht, als nichts geschah, dann jedoch begann das Wasser im Brunnen merkwürdig zu brodeln und Eric zog sie am Umhang weg.
In letzter Sekunde, wie Lily feststellte, denn kurz darauf wurde alles in vollkommene Dunkelheit getaucht.
