Das Denkarium
Doch Tonk's Triumph war nur von kurzer Dauer. Kaum hatte sie den Fahrstuhl auf Höhe der Aurorenzentrale verlassen – wenn sie schon einmal hier war, konnte sie auch einen Blick in ihr Postfach werfen – legte sich ein drahtiger Arm um ihre Schultern.
„Tonky, Tonky, Tonky … immer in Schwierigkeiten!" Proudfoot grinste schadenfroh auf sie hinab.
Empört duckte Tonks sich unter seinem Arm weg. Sie konnte nicht fassen, dass er sich nach seinem Auftritt beim Konzert der Schicksalsschwestern erlaubte, sie ungefragt zu berühren! Nur der überlegene, leicht amüsierte Glanz seiner Augen verunsicherte sie, sodass sie davon absah, ihn an Ort und Stelle zu verfluchen. „Was willst du, Proudfoot?"
„Die Frage ist ja wohl eher, was du von mir willst.", konterte aufgekratzt.
Genervt blieb sie stehen. „Was bei Merlins Unterhose meinst du?"
Proudfoot ging nun rückwärts vor ihr her, was dank des menschleeren Büros auch einigermaßen funktionierte. „Nun ich habe gehört, du erzählst rum, du und ich hätten was miteinander. Das wundert mich dann doch ein bisschen, wo du mir doch sonst eine Abfuhr nach der anderen erteilst." Immerhin war diese Botschaft endlich bei ihm angekommen.
Tonks wurde trotzdem feuerrot, denn sie hatte diese Notlüge ganz vergessen. Nach Arthurs Angriff hatte Scrimgeour sie gefragt, was sie nachts im Ministerium getrieben hatte, worauf sie sich die unkreative Ausrede einer Affäre mit Proudfoot ausgedacht hatte. Sie hätte wissen müssen, dass diese Idee ihr früher oder später auf die Füße fallen würde. Bemüht entrüstet fragte sie: „Wer sagt denn sowas?"
Immer noch grinsend ließ Proudfoot sich auf ihrem Schreibtisch nieder während sie die wenigen Memos auf ihrem Schreibtisch durchsah. „Scrimgeour höchstpersönlich hat mir eine Standpauke gehalten was Beziehungen im Büro angeht. Erst war ich natürlich stinksauer, weil ich die Regeln so gut kenne wie alle anderen. Aber als er dann sagte, um wen es geht, war ich … sagen wir mal positiv überrascht."
Beim Anblick seiner Miene, die irgendwo zwischen unverschämt und hoffnungsvoll schwankte, hätte Tonks am liebsten laut gestöhnt. „Es ist so, Proudfoot, ich habe diese Affäre nur erfunden, damit Scrimgeour mich in Ruhe lässt."
Proudfoot runzelte die Stirn. „Wieso? Hat er dich etwa angebaggert?"
Tonks konnte nicht glauben, diese Unterhaltung führen zu müssen. „Nein, natürlich nicht. Er wollte nur wissen, warum ich mich nachts im Ministerium rumtreibe." Stirnrunzelnd entspannte Proudfoot sich ein wenig. „Und warum treibst du dich nachts herum.", fragte er zwinkernd.
Tonks verdrehte die Augen. „Das geht dich nichts an. Und überhaupt hab ich dich das gleiche auch schon mal gefragt."
„Ich sag doch: Streng geheime Sondermission."
Tonks hängte sich ihre Tasche um und machte Anstalten zu gehen. „Na also, wir haben beide unsere Geheimnisse."
Proudfoot erhob sich und stellt sich ihr neckisch, wenn auch unmissverständlich in den Weg. „Und es wäre okay für dich, wenn ich Lügen über dich verbreiten würde, um meine Mission zu schützen?"
Sie erstarrte. „Es tut mir wirklich leid, Proudfoot. Ich wusste, es war eine blöde Idee, aber da war es schon zu spät."
Lachend gab er den Weg frei. „Mach dich locker, Tonky! Das war doch nicht ernst gemeint. Ganz ehrlich, für dich bin ich vielleicht ein Idiot, aber ich fühle mich schon ein bisschen geschmeichelt, als dein Alibi herhalten zu dürfen." Irritiert schob Tonks sich an ihm vorbei in Richtung Aufzug. „Schätze, wir haben jetzt ein Geheimnis, du und ich!", rief Proudfoot ihr noch lachend hinterher.
Der Anblick der Tiere löste Bestürzung, Ekel und Faszination in Tonks aus. Alles im selben Moment. Wie konnte es sein, dass sie in ihren sieben Jahren auf Hogwarts nie ein derartiges Wesen zu Gesicht bekommen hatte? Alastor hingegen schien nichts Ungewöhnliches aufzufallen. Seelenruhig stiefelte er auf die kleine schwarze Kutsche zu und hievte sich ächzend auf eine der schmalen Bänke. Den Zauberstab im Anschlag kam Tonks zögernd näher.
„Vor denen brauchst du dich nicht zu fürchten.", tönte Hagrids donnernde Stimme von der anderen Seite der Kutsche zu ihr. Er hielt die seltsamen, an Pferdegerippe erinnernden, Kreaturen am Zügel und winkte Tonks nun freundlich heran.
„Wo hast du die denn her?", fragte sie schaudernd.
Hagrid gluckste. „Wohnen im Verbotenen Wald. Ziehn immer die Kutschen für die Schüler seit es Hogwarts gibt. Wenn ichs mir recht überlege, waren die Thestrale schon hier, als die Schule gegründet wurde."
Alastor klopfte ungeduldig auf den Sitz neben sich. „Können nur von Menschen gesehen werden, die den Tod gesehen haben.", erklärte er nicht sehr aufschlussreich. „Schätze du dachtest immer, die Kutschen bewegen sich von selbst."
Tonks errötete, weil diese Annahme über den Transport zur Schule tatsächlich zu den vielen magischen Phänomenen ihrer Kindheit gehörte, die sie nie genug interessiert hatten, um sie zu hinterfragen. Genau so wenig wie die Tatsache, dass die Boote der Erstklässler sich wie von Zauberhand über den Schwarzen See bewegten. Ob wohl die Seemenschen, die sie während des Trimagischen Turniers zum ersten Mal wahrgenommen hatte, dafür verantwortlich waren?
Als sie Hagrid danach fragte, lachte er nur ungläubig. „Denk nicht, dass die darauf große Lust hätten. Nein, das macht Balthasar." Tonks zog fragend die Augenbrauen hoch und auch Alastor schien nicht zu wissen, worauf Hagrid anspielte. „Der Krake natürlich.", erklärte Hagrid geduldig. „Packt die Boote von unten und zieht sie einfach über den See."
Insgeheim war Tonks mehr als erleichtert, dass sie als nervöse Elfjährige nichts von dem riesenhaften Seemonster geahnt hatte, dass sich lautlos im schwarzen Wasser unter ihr bewegte und mit seinen zahlreichen Tentakeln die Boote umschlang. Immer noch vorsichtig, aber weniger misstrauisch trat sie näher an die Thestrale heran, deren große Köpfe sie auch ein wenig an den knochigen Schädel eines Drachens erinnerten. „Warum konnte ich sie früher nicht sehen?", wundert sie sich.
„Hast vor Widdershins wohl noch niemand das Zeitliche segnen sehn.", stellte Alastor sachlich und dennoch mitfühlend fest. Tonks überkam eine Gänsehaut bei dem Gedanken an Willy Widderschins blutleeres Gesicht, über das silbrig glitzernde Tränen rannen. Wie schändlich sie sich beim Auffangen der Flüssigkeit vorgekommen war. Sie tastete nach den drei Fläschchen, die nach wie vor, sicher in ihrer Jackentasche steckten. Was ihr Inhalt ihnen wohl offenbaren würde?
Inzwischen hatte sich die Kutsche in Bewegung gesetzt und Hagrid lief neben ihnen her, führte die Thestrale auf einen schmaleren Weg abseits der Hauptstraße und hielt auf seinen langen Beinen mühelos mit ihrem gemächlichen Schritttempo mit. Was gut war, denn Tonks bezweifelte, dass das zierliche Gefährt gezogen von zwei klapperdürren Pferdewesen sich unter seinem Gewicht auch nur einen Zentimeter fortbewegt hätte.
„Schön, dich zu sehen, Hagrid.", rief sie ihm über das Rattern der Räder auf dem von Wurzeln durchzogenen Untergrund zu. „Danke fürs Abholen. Wie läufts denn so bei dir?" Angesichts Hagrids zahlreicher Beulen und Schnittwunden auf Gesicht und Händen, fiel die Frage unbedarfter aus als beabsichtigt. Was trieb er nur immer als Wildhüter und Lehrer für Pflege magischer Geschöpfe? Konnte Dumbledore ihm nicht wenigstens ein Minimum an Arbeitsschutz gewähren? Zum Beispiel einen funktionierenden Zauberstab?
Doch Hagrid zuckte nur gleichmütig die massigen Schultern. „Gut, dass der Winter bald vorbei ist. Den meisten meiner Viecher gefällt das gar nicht mit dieser verdammten Kälte. Und die Kids …", er hielt kurz inne, „ … machen sich ganz prächtig. Aus denen werden nochmal richtige Pfleger magischer Geschöpfe." Seine schwarzen Augen leuchteten erfreut auf. Die Verletzungen erwähnte er mit keinem Wort.
Bevor Tonks weiter nachhaken konnte, verließen sie den schattigen Waldweg und hielten nun direkt auf Hogwarts zu, das hell erleuchtet auf den Klippen über dem Schwarzen See thronte. Der Anblick hatte Tonks schon in ihrer Kindheit jedes Mal in Staunen versetzt, doch aus dieser Richtung hatte sie das imposante Schloss noch nie gesehen. Ein warmes, leicht melancholisches Kribbeln breitete sich in ihrem ganzen Körper aus. Auch auf Alastors narbigem Gesicht meinte sie, einen nostalgischen Zug zu erkennen.
Zu ihrer Überraschung fuhren sie jedoch nicht die steile Serpentinenstraße zum Hauptportal hinauf, sondern hielten weiter auf den See zu. Auf dieser Seite war das Ufer nicht grasbewachsen und hügelig, sondern bestand aus schwarzen gezackten Steinen und groben Felsblöcken. Kurz bevor sie mit den Rädern der Kutsche an der ersten Kante hängen bleiben konnten, klappte vor ihnen unvermittelt der Boden weg und die Thestrale zogen ihre Last unerschrocken in den Tunnel, der sich zwischen den Steinen aufgetan hatte.
Tonks hielt sich instinktiv die Arme über den Kopf, um nicht von herabrieselnden Erdklumpen und scharfkantigen Steinchen getroffen zu werden. Bevor ihre Augen sich an die neuen Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, schloss das Tor sich mit lautem Donnern wieder hinter ihnen und hüllte die Kutsche für einen Moment in völlige Dunkelheit. Tonks tastete nach ihrem Zauberstab als sie fühlte, wie der gruftig riechende Gang unvermittelt steil abfiel. Erschrocken schnappte sie nach Luft, klammerte sich an Alastors Umhang fest und hoffte, dass ihr kurzer überraschter Ausruf im lauten Rattern der Räder unterging. In diesem Moment flammten vereinzelte bläulich flackernde Laternen entlang der felsigen Wände auf. Die holprige Fahrt, der modrige Wind, der ihnen entgegenwehte, und der spärlich beleuchtete Weg erinnerten Tonks an die Verliese von Gringotts. Hoffentlich lauerten in den Tiefen dieses Tunnels keine Drachen … Seit wann es wohl diesen Geheimgang gab? Und wer wohl davon wusste? Tonks konnte nur bezeugen, dass seine Existenz während ihrer Schulzeit sicher nicht zum Allgemeinwissen der Schülerschaft oder wenigstens zur stets brodelnden Gerüchteküche gehört hatte.
Zu ihrer Erleichterung wurde der Boden schon bald wieder flacher, die Thestrale bewegten sich langsamer und Hagrid schloss laut keuchend zu ihnen auf. „Tut mir leid, konnte euch nicht warnen. Über diesen Zugang zum Schloss wird nur geredet, wenn man grade drin ist. Anordnung von Dumbledore.", setzte er hinzu, als würde das alles erklären.
„Trotzdem ziemliches Sicherheitsrisiko, wenn ihr mich fragt.", murmelte Alastor. „Ach was!", lachte Hagrid. „Dumbledore musste sich schließlich irgendwas einfallen lassen, um Hogwarts zu verlassen, ohne dass diese fiese Umbridge Wind davon bekommt. Den Schlüssel", er klopfte stolz auf einen klirrenden Bund an seinem Gürtel, „haben auch nur der Schulleiter und ich." Trotz der Dunkelheit sah Tonks, dass Alastors Züge immer noch misstrauisch verzogen waren.
Bevor sie weiter nachhaken konnte, traf ein dicker kalter Tropfen sie im Nacken und ließ ihr das Haar zu Berge stehen. „Äh, Hagrid, sind wir hier unter dem See?", fragte sie alarmiert. Beim Gedanken an die riesige Menge eiskalten Wassers, in der sich auch noch ein halbzahmer Riesenkrake und griesgrämige Seemenschen herumtrieben, von denen sie nur eine tröpfelnde Felswand trennte, wurde ihr ganz klaustrophobisch zumute.
„Keine Sorge.", sie meinte Hagrids schwarze Augen verschmitzt zwinkern zu sehen. „Die Slytherins haben ihren Gemeinschaftsraum schließlich auch hier unten und da ist ja auch nie was passiert. Der Klotz hält einiges aus." Er tätschelte liebevoll die feuchte Wand, zog sie jedoch schnell wieder zurück. An seinen Fingern klebten schleimige grüne Algen, die er kurz betrachtete und sogleich schulterzuckend an seinem dicken Pelzmantel abwischte.
Mit gedämpfter Stimme fragte Alastor: „Und diese Umbridge hat keine Ahnung von den Geheimgängen der Schule?"
Hagrid gab den Thestralen ein Zeichen, sodass sie in eine langsamere Gangart und schließlich zum Stehen kamen. Sie waren an einer massiven Stahltür angelangt, die wie die Wände mit glitschigem Moos und algenartigen Flechten bedeckt war. „Von einigen schon, arbeitet immerhin mit Filch, dieser Pfeife, zusammen. Aber den hier hat Dumbledore erst jetzt über Weihnachten angelegt, solange die Schule schön leer war." Umständlich hielt er seinen schweren Schlüsselring ins Licht und wählte einen großen glänzenden, um die Tür zu öffnen. „Endstation. Von hier aus müsst ihr den Weg allein finden. Ich muss die Thestrale zurückbringen.", erklärte Hagrid und half den beiden beim Absteigen.
Tonks drückte sich an die Tunnelwand, um an den unheimlichen Zugtieren vorbei zu schleichen. Sie könnte schwören, der Atem, der den zerklüfteten Nüstern der Thestrale entströmte, war nicht lebendig und warm, sondern kalt und übelriechend wie Grabesluft. „Alles klar … vielen Dank für die Fahrt, Hagrid."
Sie spürte die warme Pranke des Halbriesen auf ihrer Schulter und fühlte sich gleich etwas wohler. „Viel Erfolg! Wir sehen uns später." Er wendete die Kutsche eigenhändig, was sich in dem engen Gang als recht schwierig erwies, und führte die Thestrale daran vorbei, sodass sie wieder eingespannt werden konnten. Er ging dabei so sanft und fürsorglich mit den Geschöpfen um, dass Tonks ihre anfängliche Abneigung mehr und mehr abzulegen begann. Es gab wirklich kein Monster, das Hagrid nicht lieben konnte. Munter pfeifend spazierte er nun davon, die Laterne wie ein Irrlicht neben sich herschwingend.
Alastor straffte die Schultern, entzündete die Spitze seines Zauberstabs und lugte durch die offene Stahltür am Ende des Tunnels. Der Raum dahinter lag in völliger Dunkelheit und als das Licht über seine Wände wanderte wurde es reflektierend zurückgeworfen. Offenbar standen sie in einem kleinen gefliesten Kerker, dessen Zweck sich Tonks noch nicht erschloss. „Lumos", flüsterte sie und besah sich ihre Umgebung genauer. Auf hohen Regalen lagerten Kisten, Gläser und Körbe deren Inhalt sie nicht identifizieren konnte. In einer Ecke baumelten ein paar unheilvoll schwingende Fleischerhaken von enormer Größe. Es lief ihr erneut kalt den Rücken hinunter. „Mad-Eye? Wo sind wir hier?"
Doch bevor er antworten konnte, öffnete sich in der gegenüberliegenden Wand eine Tür, ein Streifen warmen goldenen Lichts fiel auf ihre Gesichter und eine hohe Stimme quiekte: „Willkommen in Hogwarts, Sie werden schon erwartet!"
Tonks sah überrascht, dass es eine junge Hauselfe war, die sie in Empfang nahm. Gekleidet in ein sauberes weißes Geschirrtuch und mit einer kleinen karierten Haube ausstaffiert wirkte sie sehr adrett. Ihre großen braunen Augen blickten zuvorkommend, aber auch neugierig auf die fremden Zauberer. „Annie weiß schon Bescheid, Sie müssen die ehrenwerten Gäste von Professor Dumbledore sein."
Tonks nickte erleichtert. „Hallo Annie, ich bin –"
Alastor ergriff sie am Arm und schüttelte den Kopf. Vermutlich hatte er recht und es war klüger, ihre Anwesenheit im Schloss nicht an die große Glocke zu hängen.
„Wir sind gute Freunde von Dumbledore.", schloss sie deshalb vage.
Annie schien ihr Verhalten nicht zu stören. „Wenn die ehrenwerten Herrschaften die Speisekammer verlassen wollen, wäre es Annie eine Freude, sie zum Büro des Schulleiters zu führen." Sie hielt ihnen die Tür auf und nun erst verstand Tonks, wo sie sich befanden. Bei dem kleinen Raum, der ihr so gruselig erschienen war, handelte es sich wirklich nur um eine blitzblanke gut sortierte Vorratskammer, die durch den See auf natürliche Weise gekühlt wurde. Dahinter befand sich die riesige Küche von Hogwarts, die sie zu ihren Schulzeiten so manches mal geplündert hatte.
Nicht weit von hier lag der Gemeinschaftsraum der Hufflepuffs, ihr ehemaliges Zuhause. Eine Welle der Nostalgie überkam sie, als sie in die hell erleuchtete warme Schlossküche traten. Trotz der späten Stunde war der Raum von herumwuselnden Hauselfen bevölkert, die eilfertig und munter schwatzend Geschirr spülten, Wärmflaschen fülltem, Tee kochten und Morgenmäntel aufbügelten. Keiner von ihnen schien sich besonders an den Fremden, die soeben aus der Speisekammer getreten waren, zu stören. Sie hielten lediglich, einer nach dem anderen, in ihrer Beschäftigung inne, verbeugten sich tief und gingen wieder an die Arbeit.
Annie führte die Beiden zielstrebig ans andere Ende der Küche und schärfte ihnen ein, sich ruhig auf den Gängen zu verhalten, da im Schloss bereits Nachtruhe herrsche und weder die Schüler noch die Lehrkräfte gestört werden sollten. Tonks gab sich auch alle Mühe, dieser Aufforderung Folge zu leisten, doch so federleicht, umsichtig und lautlos, wie Annie konnte kein Mensch sich bewegen. Nur der Umstand, dass Tonks die Korridore und Säle von Hogwarts so gut kannte und sich seit ihrem Abschluss absolut nichts verändert hatte, bewahrte sie davor, gegen Ritterrüstungen zu stolpern oder eiserne Fackelhalter von den Wänden zu fegen. Auch vor den zahlreichen Trickstufen, lichtempfindlichen Gemälden und laut knarrenden Türen wusste sie sich in Acht zu nehmen.
In Dumbledores Büro war sie während ihrer Schulzeit nie gewesen, deshalb erwartete sie mit Spannung, wo Annie sie hinführen würde, und staunte nicht schlecht als sie vor einer großen Statue in Gestalt eines Greifs stand, der sie früher kaum Beachtung geschenkt hatte. Die dahinterliegende sich selbst bewegende Wendelteppe machte sie so vergnügt, dass sie fast den ernsten Grund für ihren Besuch vergaß. Oben angekommen führt Annie sie zu einer schweren Eichenholztür und klopfte dreimal sanft dagegen. Nach einem kurzen Augenblick der Still ertönte die leise Stimme des Schulleiters, „Herein!", und die Tür öffnete sich von selbst. Annie trat zurück, verabschiedete sich mit einer tiefen Verbeugung und war im nächsten Moment auch schon verschwunden.
Neugierig linste Tonks durch den größer werdenden Türspalt. Der Anblick von Dumbledores Büro war überwältigend, wenn auch nicht sonderlich überraschend: Auf den Regalen der kleinen Privatbibliothek türmten sich nicht nur alte Folianten, sondern auch Gerätschaften und magische Instrumente in so großer Zahl, dass sie Alastors kleine Sammlung dagegen schäbig und unvollständig wirken ließen. Tonks konnte nicht einmal die Hälfte der langsam rotierenden und mechanisch vor sich hin summenden Apparaturen benennen. An den Wänden des hohen Turmzimmers hingen dutzender farbenfroher Porträts, die wohl ehemalige Schulleiter von Hogwarts darstellten, von denen die meisten bereits fest schliefen.
Hinter einem gewaltigen Schreibtisch saß schließlich Dumbledore selbst auf einem prunkvoll verzierten goldenen Stuhl, gekleidet in einen eleganten und gleichzeitig gewagt grell gemusterten Morgenmantel mit dazu passender Mütze. Seine blauen Augen blitzten bei ihrem Anblick und er erhob sich, um Stühle für seine Besucher heraufzubeschwören. Zwei bequeme Sessel nebst Beistelltisch, auf dem ein silbernes Service mit dampfenden Tassen thronte, erschienen aus dem nichts.
Alastor ließ sich sofort ächzend nieder, ganz blass im Gesicht. Betreten fiel Tonks ein, dass ihr Mentor alles andere als bei guter Gesundheit war und dieser Besuch ihn schon sehr strapaziert hatte. Sie reichte ihm eine der verführerisch duftenden Tassen und zu ihrer Überraschung nahm er sie an, träufelte eine durchsichtige Tinktur hinein und trank, ohne den Kakao auf potenzielle Gifte zu testen. „Du wirst ja noch vernünftig auf deine alten Tage.", scherzte Tonks, was ihr einen äußerst grimmigen Blick eintrug.
„Verzeiht die beschwerliche Reise.", entschuldigte sich Dumbledore. „Ich hätte euch mit Freuden den Zugang zu meinem Büro über das Flohnetzwerk ermöglicht, aber es schien mir nicht klug, die Regeln der Großinquisitorin zu missachten. Zumal sie vermehrt mit der Entlassung meines Lehrkörpers droht, sollte ich mich nicht ihrem Willen fügen."
„Das ist ja furchtbar!", entfuhr es Tonks, doch das rücksichtslose Verhalten von Umbridge war nicht der einzige Grund für ihre Bestürzung. Wieder einmal zeigte sich wie ohnmächtig und erpressbar ihre Seite, allen voran der moralisch unfehlbare Dumbledore, war.
Ohne auf Tonks' Einwurf einzugehen, fuhr der Schulleiter fort: „Es war allerdings unumgänglich unser kleines Treffen hier in meinem Büro abzuhalten, da es, wenn ich das richtig verstanden habe, um eine Erinnerung geht." Er hob fragend die Augenbrauen. „Bisher ist es mir nicht gelungen, die Geschehnisse der Neujahrsnacht sinnvoll zusammenzusetzen, deshalb wäre ich euch für eine kleine Rekapitulation der Ereignisse sehr dankbar."
Tonks tat ihm den Gefallen und Dumbledore hörte aufmerksam zu, nickte hin und wieder oder stieß leise Laute der Überraschung aus. Als Tonks sowohl ihren Bericht beendet als auch ihre Tasse geleert hatte, erhob sich der Schulleiter und trat an eine der größeren Vitrinen, die die Wände seines Büros bedeckten. Er entriegelt sie mit seinem Zauberstab, beugte sich zu einem der niedrigeren Fächer hinunter und hob vorsichtig einen großen in Samt eingeschlagenen Gegenstand heraus. Er kehrte zum Schreibtisch zurück und stellte seine Last auf der polierten Eichenplatte ab. Auf einen Wink seines Zauberstabs entfalteten sich die Lagen des schweren roten Stoffes und eine flache aufwendig verzierte Schale kam zum Vorschein.
Zu Tonks' Verwirrung war sie jedoch nicht leer, sondern enthielt eine neblig wabernde Flüssigkeit, die sich in schillernden Schlieren über das Muster im Inneren der Schale kräuselte, offenbar nicht geneigt sich für nur einen Aggregatszustand zu entscheiden. Alastor setzte sich aufrechter hin und beobachtete fasziniert, was vor sich ging.
Dumbledore hatte wieder Platz genommen und streckte nun die Hand in Tonks' Richtung aus. „Die Erinnerung, wenn ich bitten darf."
Ohne zu wissen, was als nächstes geschehen würde, zog sie die drei Fläschchen hervor und gab sie aus der Hand. Während der letzten Tage hatte sie diese Überreste von Willy Widderschins Leben gehütet, wie einen Schatz, ohne recht zu wissen warum. Doch in Gegenwart dieser der ihren so weit überlegenen Magie und Dumbledores unglaublicher Erfahrung fühlte sie, kein Recht mehr darauf zu haben.
Er entkorkte nun sorgsam alle Fläschchen und goss den Inhalt in dünnen leuchtenden Strahlen in das seltsame Becken. Sofort veränderte sich die Oberfläche und Tonks sah Bilder von London, der Winkelgasse, Todessern und auch sich selbst aufflimmern und wieder zerfließen. Erwartungsvoll sah sie Dumbledore an. „Was ist das, Professor?"
„Ein Denkarium. Es hilft dabei, die eigenen Gedanken zu ordnen. Außerdem hat es die praktische Funktion, uns durch die Erinnerungen eines anderen spazieren zu lassen als wären es unsre eigenen."
Tonks hob fragend den Blick, doch bevor sie ihre Bedenken äußern konnte, hatte Alastor sie bereits unvermittelt am Schopf gepackt und mit dem Gesicht voran in die wallende silberne Flüssigkeit gedrückt.
