Castle McNair
Tonks fiel wie durch einen schwarzen kalten Tunnel. Völlig orientierungslos taumelte sie panisch durch die Finsternis, bis sie ein helles Licht erblickte. Schnell wurde es größer und Tonks sah, dass es die Flamme einer Kerze war. Noch während sie diese Tatsache einzuordnen versuchte, setzte die Welt um sie her sich wieder zu einem halbwegs kohärenten Bild zusammen und die letzten Reste der Dunkelheit lösten sich so rasch in Luft auf, als wäre nichts Ungewöhnliches passiert.
Mit der Ausnahme, dass Tonks sich nicht mehr in Dumbledores Büro, sondern an einem gänzlich anderen Ort befand. Zwar wurde auch dieser von Kerzen in beeindruckenden schmiedeeisernen Haltern erleuchtet und aus allen Ecken blitzten ihr Kunstgegenstände aus Gold und Silber entgegen, doch die Atmosphäre war eine völlig andere.
Statt von wärmenden Wandbehängen und gütig blinzelnden Porträts war Tonks nun von kahlen Steinmauern und grob gemeißelten Säulen umgeben, die ein hohes rußgeschwärztes Gewölbe trugen. Der Schein der Kerzen spendete keine Wärme, sondern nur ein merkwürdig kaltes Licht, das sich in Silberleuchtern und mittelalterlichen Waffen spiegelte und außerdem eine Reihe ausgestopfter Tierköpfe an der Stirnseite des Raums erhellte. Tonks zählte zwei Wölfe, einen Eber mit riesenhaften Hauern, ein paar Hirsche und ein einziges Einhorn dessen einst weißes Fell stumpf und grau geworden war. Beim Anblick dieser Grausamkeit lief es Tonks kalt den Rücken hinunter. Sie wusste genug über die Pflege magischer Geschöpfe und die Gesetze zum Schutz seltener Tierwesen, um das grausame Verbrechen an der Natur und der Unschuld der Einhörner zu erkennen. Wer sich mit so einer Trophäe schmückte, schreckte vor keiner Gräueltat zurück.
Erst jetzt fiel ihr Blick auf den einzigen Menschen im Raum, sich selbst, Alastor und Dumbledore ausgenommen, deren Anwesenheit sie langsam gewahr wurde. Sie waren da und gleichzeitig nicht da, als geistig anwesende, aber körperlose und unsichtbare Existenzen. Was erklärte, warum der Zauberer, der vor einem großen leeren Kamin stand, keine Notiz von ihnen zu nehmen schien.
Es handelte sich um Willy Widdershins, der mit seinem biederen Umhang und dem albernen Hut völlig deplatziert in dieser archaischen Halle wirkte. Nun verstand Tonks, was Dumbledore gemeint hatte, als er sagte, man könne durch die Gedanken eines anderen spazieren. Offenbar war dies eine Erinnerung, die Widdershins vor seinem Tod unbedingt hatte teilen wollen. Warum? Und wo genau befanden sie sich?
Der Raum hatte keine Fenster und so war es unmöglich, die Tages- oder Nachtzeit zu ermitteln. Hinter Ihnen befand sich ein doppelflügeliges Portal, das Tonks vermuten ließ, dass sie sich in der Eingangshalle eines Jagdschlosses aufhielten. Sie sog die Luft ein, um weitere Hinweise zu sammeln, doch offenbar waren Sinneseindrücke wie Geruch einem Eindringling in Widdershhins' Erinnerungen nicht zugänglich. Wenigstens drangen langsam die Geräusche dieser neuen Welt zu Tonks durch wie ein Plattenspieler, der langsam lauter gestellt wird. Wobei die dröhnende Stille in ihrem Kopf hier nur durch eine andere, weniger undurchlässige, irgendwie hallende Stille ersetzt wurde.
Plötzlich erklangen Schritte auf einer steinernen Treppe, die Tonks bislang übersehen hatte. Auch Widdershins' Kopf fuhr herum und sein Blick heftete sich auf einen hochgewachsenen, spitzbärtigen Zauberer, der einen altertümlichen Waffenrock trug und an dessen Gürtel ein reich verzierter Dolch prangte. Über einer seiner Schultern hing ein wollener Umhang, dessen Saum fast den Boden streifte, während sein Träger mit selbstsicheren langen Schritten auf Widdershins zuging.
„Das ist McNair.", raunte Alastor Tonks leise zu. „Wurde nach Du-weißt-schon-wems Verschwinden angeklagt aber wegen Verdacht auf Imperiusfluch freigelassen. Seitdem macht das Schwein die Drecksarbeit für das Ministerium." Tonks nickte und ging etwas näher an die beiden Männer heran, um kein Wort zu verpassen.
McNair hatte eine hohe schmierige Stimme, die im Gegensatz zu seinem rohen, von Gier und Hass gezeichneten Gesicht stand. Er hatte sich lässig auf einen der mit Lammfell gepolsterten Stühle am Kamin geworfen und stierte Widdershins nun mit unverstelltem Hohn von der Seite an. „Hast dich also doch noch entschieden, aufzukreuzen.", begann er das Gespräch. Widdershins räusperte sich, nahm den Hut ab und antwortete mit mühsam beherrschter Stimme: „Ich hab über euer Angebot nachgedacht und … ich bin dabei.", „Na prima!" McNair schwang die Beine von der Stuhllehne, schüttelte sich das zu lange Haar aus den Augen und taxierte Widdershins aufs Neue. „Willy, Willy, Willy … Aus dir kann vielleicht wirklich noch was werden. Na, wir werden sehen …" Er erhob sich ächzend und winkte dem anderen Zauberer, ihm zu folgen.
Es war eine überaus seltsame Erfahrung durch die Erinnerungen eines anderen Menschen zu spazieren, wie Dumbledore es genannt hatte. Noch dazu die Erinnerungen eines Zauberers, den Tonks vor wenigen Tagen mit eigenen Augen hatte sterben sehen. Es fühlte sich ein wenig übergriffig an, im Gedächtnis eines Toten herumzuschnüffeln. Aber Alastor zufolge war die Tatsache, dass Widderschins im Sterben diese seltsamen silbernen Tränen geweint hatte, Beweis, dass er offenbar wollte, dass jemand sich diese Bilder ansah. Sie war gespannt, was sie über die Machenschaften der Todesser erfahren würden, denn dass es sich um eine geheime Zusammenkunft von Voldemorts Anhängern handelte, lag schnell auf der Hand. Nachdem sie McNair für ein paar Minuten durch zugige Gänge gefolgt waren, dekoriert mit muffigen Wandteppichen und altmodischen vom Rost angefressenen Waffen, erreichten sie eine schwere Eichentür hinter der sie laute Stimmen, Gelächter und gelegentliches Johlen vernahmen.
Durch ein kleines vergittertes Fenster in der Nähe drang schwaches Mondlicht, in dem vereinzelte Schneeflocken tanzten. Wenigstens gab das Tonks ein paar Anhaltspunkte zu Tages- und Jahreszeit der Erinnerung. Sie blickte über die Schulter, um zu sehen, ob die anderen noch da waren. Dumbledore und Alastor folgten ihr auf den Fuß und schienen ebenso gespannt wie sie.
McNair trat die Tür auf und schubste Widderschins in den Saal. Hier brannte im Gegensatz zur Eingangshalle ein großes Feuer, über dem sich ein fettig glänzendes Spanferkel drehte. Freistehende schmiedeeiserne Kerzenständer verbreiteten schummriges Licht und erhellten eine grob gezimmerte reich gedeckte Tafel.
Die Zauberer und wenigen Hexen, die sich auf fellbedeckten Stühlen räkelten, waren ähnlich mittelalterlich gekleidet wie McNair, so als hätten sie sich abgesprochen. Ein paar zerlumpte Hauselfen eilten geschäftig hin und her, bemüht, die Todesser zu bedienen, bevor sie sich ungeduldige Hiebe und rüde Kommentare einhandelten. Die Versammelten am Tisch redeten laut durcheinander, machten Scherze, aßen, tranken blutroten Wein aus einfachen Zinkbechern und bemerkten Widderschins Erscheinen zunächst gar nicht.
Erst als McNair polternd seinen Stuhl zurückzog und sich setzte, wandte sich die Aufmerksamkeit dem Neuling zu. Denn dass Widderschins kein eingeschworener Teil dieser Gruppe war, schien allzu offensichtlich. Er passte mit seinem schlichten grauen Umhang nicht zu den altertümlichen Trachten der Todesser, wich prüfenden Blicken aus, beteiligte sich nur zaghaft an der ausgelassenen Stimmung. McNair hob zum Sprechen an: „Widderschins, hier, hat scheinbar endlich genug davon, nur in der Kanalisation der Muggel herumzukriechen und ist endlich bereit für seinen ersten Feldeinsatz."
Einige der Todesser lachten höhnisch, andere hoben grinsend ihre Becher und prosteten Widderschins zu. Einer der Zauberer hob allerdings nur abschätzig die Augenbrauen. "Der da? Mit uns auf die wilde Jagd? Wohl kaum."
Tonks fühlte Alastors Atem an ihrem Ohr als er ihr zuflüsterte: „Mulciber. Hat seinerzeit schlimme Dinge getan, sich aber ebenfalls mit dem Imperius-Fluch rausgeredet." Sie nickte und beobachtete fasziniert und gleichzeitig voller Abscheu wie der Todesser sich die fettigen Hände an einem Taschentuch abwischte, den ausladenden Kragen zurechtrückte und Widderschins von oben bis unten musterte. „Für so was braucht man starke Nerven. Es sind zwar nur Muggel …", er ließ eine Kunstpause, in der seine Tischgenossen Zeit hatten beim Klang des Wortes ausgiebig zu würgen und über die Schulter zu spucken, „aber sie haben mächtige Beschützer."
Es lief Tonks kalt den Rücken hinunter. Von welchen Muggeln war hier die Rede?
McNair lachte gutmütig, drückte Widdershins mit sanfter Gewalt auf einen freien Stuhl und schenkte ihm Wein ein. „Nana, Mulciber. Normalerweise würde ich dir zustimmen, Willy hier hat nicht die stärkste Konstitution. Aber dieses Jahr ist alles anders."
Er schnipste mit den Fingern und die Hauselfen scharten sich augenblicklich um einen großen verrosteten Hebel an der Wand, der Tonks bisher noch nicht aufgefallen war. Mit vereinten Kräften zogen die kleinen Geschöpfe daran und nach einem grauenhaften kreischenden Geräusch tat sich etwas an der Decke über ihnen. Eine hölzerne Falltür öffnete sich und unter lautem Rasseln fiel ein großer Gegenstand auf sie herab. Tonks sprang zur Seite, stellte aber rasch fest, dass es sich um einen eisernen Käfig handelte, der an einer massiven Kette baumelte, die seinen Fall nach wenigen Metern abgefangen hatte, sodass er nun wild schwankend und kreiselnd unter der Decke hing. McNair richtete seinen Zauberstab auf den Käfig und rief „Immobilus!", und er kam augenblicklich zum Stillstand.
Erst jetzt erkannte Tonks, was oder viel mehr wer in sich zusammengesunken im Inneren des Käfigs hockte. Sie traute ihren Augen kaum und in ihr wuchs erneut der Hass auf die menschenverachtenden Todesser und ihre kranken Machenschaften.
In dem Käfig, der so klein war, dass sie ihn nicht einmal einem Hund zugemutet hätte, saß eine junge Frau, fast noch ein Mädchen in einem langen weißen Kleid und mit zotteligen schwarzen Haaren. Sie saß so beengt, dass sie sich zusammenkrümmen musste. Der abrupte Fall aus der Decke hatte sie gegen die dicken Gitterstäbe geschleudert und musste entsetzlich wehgetan haben. Doch sie gab keinen Laut von sich, obwohl sie bei Bewusstsein war. Ihre blutunterlaufenen tiefschwarzen Augen flogen wild durch den Raum und ihr Blick war so durchdringend, dass alle, die er traf, schnell den Kopf abwandten. Ihre Lippen waren fest aufeinandergepresst, so als könnte sie sie nicht öffnen, obwohl sie es augenscheinlich verzweifelt versuchte. Tonks fragte sich, was für ein Zauber sie dazu verflucht hatte. „Hauselfenkleber!", verkündete McNair stolz, so als hätte er ihre Gedanken gelesen. „Verdammt stark das Zeug. Und haltbar. Die Kleine wird womöglich nie wieder ihren hübschen Mund benutzen können." Die Zauberer ringsum schienen weniger selbstbewusst, denn sie rutschten unruhig auf ihren Stühlen hin und her und linsten zur Decke.
„Eine Todesfee? Bist du wahnsinnig, McNair?", fragte eine Hexe mit schriller Stimme.
Der Gastgeber hob beschwichtigend die Hände. „Die Nichte einer Todesfee, väterlicherseits. Die Verwandtschaft ist also beträchtlich, aber nicht tödlich. Davon abgesehen habe ich ja, wie ihr sehen könnt, entsprechende Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Sie ist ohnehin nicht viel gefährlicher als eine gewöhnliche Alraune."
Im Geiste gab Tonks zu bedenken, dass auch der Schrei von Alraunen töten konnte. Über die Wirkung des Schreis einer halben Todesfee wusste sie allerdings nichts. Dank ihres unklaren Status als intelligente magische Wesen, die allerdings weder Hexen noch Kobolde waren, hatte man sie in ihrem Schulunterricht größtenteils übergangen. Sie passten in keins der Fächer richtig hinein, weder in Pflege magischer Geschöpfe noch in Verteidigung gegen die dunklen Künste, ähnlich wie Zentauren und Werwölfe. Tonks' Wissen über diese Wesen war daher beschämend gering. Um zu sehen, dass die Todesfee furchtbare Schmerzen litt und vor Zorn kochte, musste man allerdings kein Experte sein. Tonks fragte sich schaudernd, wie lange sie wohl bereits in ihrem beengten Gefängnis saß.
Wieder beantwortete McNair ihre Frage rein zufällig: „Hab ich vor ein paar Tagen zu fassen bekommen, als sie irgendein primitives Ritual vorbereitet hat. Ich habs diesen Schwachköpfen doch gesagt: Wer das Dorf allein verlässt, ist Freiwild." Er lachte gehässig und fuhr routiniert fort. „Letztes Jahr war nur ein dämlicher Muggel drin, aber diese Beute ist wirklich Grund zum Feiern!"
Ein paar seiner Kumpane prosteten ihm anerkennend zu und es drehte Tonks den Magen um. Von was für einer Jagd war hier die Rede? Nahm McNair wirklich jedes Jahr ungestraft Muggel und Zauberwesen gefangen? Und warum hatte Widderschins gewollt, dass Tonks diese Erinnerung sah? Konnten Sie etwa Schlimmeres verhindern, bevor es zu spät war?
Wieder sah sie zu der Todesfee in dem langsam rotierenden Käfig hinauf. Jetzt, da Tonks wusste, um was für ein magisches Wesen es sich handelte, zumindest zum Teil, verspürte sie neben Mitleid auch einen Hauch von Furcht und Verunsicherung bei ihrem Anblick. Sie mochte nur eine halbe Todesfee sein, doch wahrscheinlich immer noch sehr gefährlich. Tonks überlegte, ob ihr in der Erinnerung eines anderen Menschen überhaupt etwas zustoßen konnte. Ihre Angst und Reflexe blieben zumindest unverändert, schließlich hatte sie als der Käfig fiel, sofort schützend die Arme über den Kopf gerissen. Inzwischen machten die Zauberer und Hexen sich einen Spaß daraus, den Käfig mithilfe ihrer Zauberstäbe zu malträtieren. Auch Widderschins fiel zögerlich in die Schikanen ein und beeindruckte die Umsitzenden mit seiner Fingerfertigkeit und seinem Wissen über die Eigenschaften von allen möglichen Materialien. Er brachte die Metallstäbe des Käfigs dazu, sich wie Schlangen um den Hals der Todesfee zu ringeln bis diese blau anlief.
Tonks wandte entsetzt den Blick ab.
Schließlich gebot McNair dem Treiben Einhalt. „Macht sie nicht kaputt, sie könnte noch nützlich werden." Er hob den Kopf und sprach nun direkt zu der jungen Frau, die nun kraftlos und tränenüberströmt in einer Ecke ihres Käfigs lag. „Du willst das Spektakel ja sicher nicht verpassen! Nächsten Neumond ist es so weit. Und ich fürchte, für euer Dorf hat dann ebenfalls sein letztes Stündlein geschlagen."
Er grinste vielsagend und ein Todesser namens Avery fragte aufgeregt: „Dementoren?"
„Allerdings.", erwiderte McNair mit einem übelkeitserregenden heiseren Lachen. „Sie werden sich winden wie die Würmer, die sie sind."
Allgemeines Hohngelächter, mehr Wein wurde ausgeschenkt, der Käfig verschwand wieder in der Decke. Mehrere Zauberer klopften McNair anerkennend auf die Schulter, Trinksprüche wurden ausgebracht, die Ränder der Erinnerung wurden immer undeutlicher, so als franste sie langsam aus. Tonks nahm an, dass Widderschins sich langsam betrank und sich daher nicht an viel mehr erinnern konnte, was in dieser Nach geschehen war.
Fragend blickte sie zu Dumbledore und Alastor, die ihr zunickten und die Augen schlossen. Tonks tat es ihnen gleich und fühlte, wie sie in einer Art Sog aus der Erinnerung emporstieg, sich dabei um sich selbst drehte und schließlich wieder die vertraute Wärme und das weiche Kissen ihres Sessels in Dumbledores Büro unter sich fühlte. Sie schnappte nach Luft und öffnete die Augen.
