Personen: James Potter, Gracie Conner
Zuordnung: Teil 2, Kapitel 13
Bilderbuchfamilie
James' Geburtstagsfeier war in vollem Gange. Alle Gryffindors amüsierten sich über das Fest, das James in letzter Minute organisiert hatte. Natürlich musste er zugeben, dass ihm ein paar Hauselfen aus der Küche geholfen hatten, Speisen und Getränke in den Gemeinschaftsraum zu bringen. Außerdem hatten Fred und Marius für die Musik gesorgt, die für ein wenig gute Stimmung sorgte.
Gerade hatte James noch stolz seine neue Armbanduhr herumgezeigt, an der besonders seine Verwandten interessiert gewesen waren, da es sich um eine Familientradition handelte, als sein Blick durch den Raum schweifte und an Gracie Connor hängen blieb, die sich, nachdem sie ihm gratuliert hatte, auf eine der Fensterbänke gesetzt hatte und nun ein Buch las, während sie ab und an an ihrem Kürbissaft nippte.
Gerade wollte James zu ihr hinüber gehen, um sie aufzufordern mit ihm zu feiern, statt in ihrem Buch zu lesen, als er mitbekam, wie Gracie das Fenster öffnete und eine Eule empfing, die einen Brief mit sich trug. Es musste eine der Schuleulen sein. James wusste, dass Gracie keine eigene Eule hatte, denn, da ihre Eltern Muggel waren und Muggel offenbar keine Eulen nutzten, um sich gegenseitig Nachrichten zu schicken, war ihnen eine Eule zu auffällig und zu seltsam für ihre Tochter gewesen.
Gracie öffnete den Brief, las kurz den Anfang und faltete ihn dann wieder zusammen. Schließlich stand sie auf und verließ den Gemeinschaftsraum durch das Porträtloch.
James runzelte die Stirn, zögerte jedoch nicht lange und entschuldigte sich bei Fred und Marius, die in ein Gespräch über die Quidditchliga vertieft waren. Sofort lief er hinauf in den Schlafsaal und griff nach seinem Tarnumhang und der Karte des Rumtreibers. Er hatte ein komisches Gefühl. Für Gracie war es höchst ungewöhnlich den Gemeinschaftsraum einfach nach der Sperrstunde zu verlassen. Sie war schließlich Vertrauensschülerin und hielt sich immer an die Regeln. Irgendetwas stimmte nicht.
Er zog seinen Tarnumhang noch im Schlafsaal über und durchquerte unsichtbar den Gemeinschaftsraum. Mithilfe der Karte des Rumtreibers konnte er in Sekundenschnelle ausmachen, wohin Gracie gelaufen war und die Antwort irritierte ihn noch mehr. Sie war auf den Ländereien. Genau genommen saß sie am Schwarzen See.
„Gracie?", fragte James.
Unwillkürlich zuckte Gracie zusammen und fuhr herum.
„'Tschuldigung", nuschelte James und fuhr sich verlegen an den Hinterkopf.
„Du meine Güte, James", entfuhr es Gracie, „Musst du mich so erschrecken?"
„War keine Absicht", sagte er, „Darf ich?"
Er deutete auf den Platz neben ihr auf einem großen Stein direkt am Wasser.
Gracie nickte stumm.
„Woher weißt du, dass ich hier bin?", fragte Gracie und sah ihn durchdringend an.
„Intention", behauptete James, sah sie jedoch nicht an und zerwuschelte sich erneut das Haar.
„Ich habe vorhin mitbekommen, wie du diesen Brief bekommen hast", sagte er und deutete auf das Blatt Papier in Gracies Händen, „Außerdem war ich verwirrt, warum ausgerechnet du nach der Sperrstunde noch raus läufst."
Gracie musterte ihn einen Augenblick, sah dann jedoch wieder zum Wasser.
„Ich wollte ein bisschen nachdenken", sagte sie dann und warf ihm noch einen flüchtigen Blick zu.
„Worüber?", fragte James.
„Ich habe dir doch mal von meiner Schwester Gloria erzählt, oder?", fragte sie.
„Ja, die genauso aussieht wie du, aber nicht zaubern kann."
„Genau die", seufzte Gracie.
„Was ist mit ihr?", fragte James.
Gracie machte eine kurze Pause, in der sie nur das schwache Glitzern des Mondscheins auf dem Schwarzen See beobachtete. Es war fast Neumond und dunkel.
„Sie ist von zu Hause ausgezogen", sagte Gracie schlicht.
„Oh, aber in der Muggelwelt ist sie doch noch gar nicht volljährig, oder?"
„Nein", stimmte Gracie ihm zu, „Das Verhältnis zu ihr und meinen Eltern ist schwierig. Sie sagt, sie hält es nicht mehr länger aus und meine Eltern sind völlig schockiert, meinen, sie wüssten nicht, was sie falsch gemacht hätten, was in sie gefahren sei."
James hörte ihr aufmerksam zu.
„Außerdem macht Gloria mir Vorwürfe, weil ich nie da bin und ja gar nicht weiß, wie es das Jahr über ist, womit sie natürlich Recht hat, aber, was soll ich machen? Ich kann auch nichts dafür, dass ich mit magischen Kräften geboren wurde und sie nicht."
„Meinst du, sie ist eifersüchtig?", fragte James vorsichtig.
„Ein bisschen vielleicht, aber wir haben eigentlich ein gutes Verhältnis, wobei es früher vor Hogwarts viel besser war."
„Weil ihr mehr Zeit zusammen verbracht habt?"
„Ja", sagte Gracie schlicht.
„Warum warst du über Weihnachten dann nicht zu Hause?"
Gracie seufzte.
„Weil ich die ständigen Streitereien zwischen ihr und meinen Eltern satt habe, die ich jedes Mal schlichten muss."
„Das tut mir leid", sagte James und überlegte, wie er ihr nur irgendwie helfen konnte.
„Weißt du, manchmal beneide ich dich ein wenig", sagte Gracie plötzlich und James sah sie überrascht an.
„Mich?", fragte James verblüfft.
„Ja, dich", bestätigte Gracie, „Ich habe dich den einen Tag im Krankenflügel gesehen mit Albus und Lily. Ihr habt so ein gutes Verhältnis, egal was passiert, egal was kommt, ihr haltet immer zusammen."
James errötete leicht. Ganz so eine Bilderbuchfamilie, wie Gracie sie hier beschrieb, waren sie auch wieder nicht.
„Na ja, also, wir streiten schon auch hin und wieder", wollte James sich herausreden, doch Gracie setzte ihm entgegen: „Sogar dein Bruder, den du immer piesackst, fängt beim Quidditch lieber dich als den Schnatz, oder?"
James grinste breit.
„Das hätte ich auch nicht gedacht", gestand er, wurde dann jedoch wieder ernst.
„Ich wünschte, ich könnte dir irgendwie helfen", sagte er.
Gracie rang sich ein schwaches Lächeln ab.
„Weißt du, irgendwie hast du das sogar", sagte sie und berührte dabei sachte seinen Arm, der dadurch angenehm kribbelte.
„Lass uns wieder hochgehen", schlug sie vor, „Ich will nicht daran Schuld sein, dass du an deinem Geburtstag zu wenig Zeit mit deiner Familie verbringst."
