Personen: James Potter, Gracie Conner
Zuordnung: Teil 2, Kapitel 14
Mut
Das Lästige an der Arbeit eines Vertrauensschülers war es, dass man sich hier und da gelegentlich in die Angelegenheiten seiner Mitschüler einmischen musste und somit das ein oder andere Mal auch deren Missgunst auf sich zog. Es war das eine jüngeren Schülern zu erklären, dass sie rechtzeitig ins Bett gehen mussten, oder Scherzartikel von Weasleys Zauberhafte Zauberscherze zu beschlagnahmen. Inzwischen jedoch war der Job sogar gefährlich geworden. Seit einigen Wochen wurde auf den Korridoren mehr geflucht als je zuvor. Passte man nicht auf, wurden einem die Beine zusammengehext, man fiel kurzerhand reglos zu Boden, bekam verlängerte Schneidezähne oder riesige Ohren und hielt man die Angreifer als Vertrauensschüler auf, wurde man selbst angegriffen. Je älter die Schüler waren, desto fieser wurden die Flüche.
Ein Hufflepuff-Drittklässler wurde gegen Ende der Osterferien an die Decke im Kerker geklebt und kam dort nicht wieder herunter. Man hatte einen ganzen Tag gebraucht, um ihn zu finden und ihn dort wieder herunterzuholen. Gracie wusste, dass eine Gruppe Slytherins im Jahrgang über ihr dahinter steckte, die kundgetan hatten, dass sie große Befürworter des Spiegels der Rache waren.
Als Gracie eines Nachmittags aus der Bibliothek kam, in der sie wie auch die anderen Schüler, die sich derzeit auf die Abschlussprüfungen vorbereiteten, gelernt hatte, traf sie auf ebendiese Gruppe Slytherins.
„Sieh an, sieh an", höhnte einer von ihnen, „Da ist ja das kleine Schlammblut."
Gracie seufzte tief.
„Zwanzig Punkte Abzug für Slytherin wegen deines Ausdrucks", erklärte sie, versuchte den Augenkontakt zu vermeiden und einfach an ihnen vorbeizuhuschen, doch da stellten sich ihr schon zwei von ihnen in den Weg.
Beide waren so groß wie Trolle.
Unwillkürlich musste Gracie schlucken und griff direkt nach ihrem Zauberstab.
„Expelliarmus!", rief einer von ihnen und sofort flog Gracies Stab aus ihrer Hand und landete drei Meter weiter auf dem Korridorboden.
„Ich finde ja, den solltest du ohnehin gar nicht besitzen dürfen", sagte der, der sie vorhin Schlammblut genannt hatte.
Gracie kannte ihre Namen nicht. Sie hatte sie ab und zu im Schloss gesehen, aber da sie nicht im selben Jahrgang waren, hatte man sich nicht vorgestellt.
„Glaubst du, du bist etwas Besseres, weil du dieses tolle Abzeichen trägst?", fragte er sie direkt und Gracie sah ihm nun in die Augen, versuchte keine Angst zu zeigen und hielt seinem Blick stand.
„Wie wäre es, wenn ich mir das Abzeichen ausleihe?", fragte er weiter und riss es ihr von ihrem Umhang.
Ein Tippen mit seinem Zauberstab veränderte das „P" zu einem „M".
„Schlammblut", sagte er und näherte sich mit seinem Gesicht so, dass Gracie seinen Mundgeruch einatmen musste.
Warum nur war sie eben zu langsam gewesen? Sie hätte die Gefahr erkennen müssen und gleich handeln sollen. Konnte sie noch um Hilfe rufen?
„Petrificus totalus!", schoss der Slytherin da schon seinen Fluch auf sie und Gracie konnte sich nicht mehr länger auf den Beinen halten und fiel zunächst gegen den Troll-Slytherin, der hinter ihr gestanden hatte und dann unsanft auf den harten Steinfußboden.
Sie konnte sich nicht mehr bewegen.
Der Slytherin trat einmal mit dem Fuß gegen sie.
„Das ist dafür, dass du glaubst, du seist etwas Besseres und hier durch die Schule stolzierst, die du mit deinem dreckigen Muggelblut nicht einmal hättest betreten sollen."
„Was machen wir jetzt mit ihr?", wandte er sich an seine Kumpanen.
„Wir könnten sie die Treppe runterschubsen", schlug der eine vor.
„Oder auch an die Decke kleben, wie diese eine Heulsuse letzte Woche?", sagte der andere
„Wingardium Leviosa!", rief der erste.
„Wag es nicht!", ertönte da plötzlich eine Stimme und Gracie erkannte sofort, wem sie gehörte.
„Potter!", höhnte der eine, „Was willst du?"
„Lasst sie runter!", sagte James mit ruhiger Stimme.
„Wir nehmen keine Befehle von dir an, Potter!", höhnte er, „Expelliarmus!"
„Protego!"
Gracie spürte ein flaues Gefühl in der Magengegend. Der Schwebezauber löste sich langsam auf und sie fiel, fiel nach unten.
„Spongify!", hörte sie James' Stimme rufen und, als sie den Boden erreichte, prallte sie nicht, wie zu erwarten auf hartem Stein auf, sondern auf etwas, das sich anfühlte, wie ein Trampolin.
Mehr bekam sie nicht mit. Inzwischen wurden wild Flüche herumgeschossen, aber da sie sich noch immer nicht bewegen konnte, war es schwer zu sehen, wo genau diese landeten. Erst nach einer Weile, als jemand „Finite Incantatem!" sprach, war es ihr möglich, sich wieder zu bewegen.
„Alles okay?", fragte James und reichte ihr die Hand.
„Ja", antwortete Gracie, die seine Hand nahm und aufstand.
Die Slytherins saßen alle in einer Ecke. Um sie herum war ein dickes Seil geknotet, was dafür sorgte, dass sie sich nicht mehr bewegen konnten.
Gracie hob ihren Zauberstab auf, der noch immer auf derselben Stelle lag wie zuvor.
„Sie haben mich überrumpelt", erklärte sie.
James nickte und musterte sie.
„Waren ja auch gleich drei", sagte er und wischte sich mit dem Ärmel seines Umhangs über die Stirn.
„Ja, ganz schön mutig, dich mit allen auf einmal anzulegen."
James grinste schief.
„Ist ja noch einmal gut gegangen", sagte er, „und ich hatte keine andere Wahl."
Gracie nickte und lächelte ihn an, während er sich das pechschwarze Haar verstrubbelte.
Sie räusperte sich.
„Ich ähm, ich gehe dann mal."
„Klar", sagte James eilig mit einem kurzen Blick zu den drei Slytherins.
„Äh und James... Danke!"
„Kein Problem."
