Außentests

Der Tag begann ruhig und wunderschön, als die Sonne durch die kahlen Äste der Bäume schien und alles in ein friedliches Licht tauchte. Es fiel auf den unberührten Schnee und brach sich millionenfach in der sich ausbreitenden Winterlandschaft. Vereinzelte Vögel zwitscherten irgendwo in der Ferne und vermittelten den Eindruck eines normalen Waldes, würde da nicht ein nackter Mann stehen. Völlig reglos und der Kälte gegenüber scheinbar unempfänglich stand er mit geschlossenen Augen zwischen den Bäumen, als würde er verborgenem lauschen. Seine Brust hob und senkte sich so gleichmäßig, dass es den unnatürlichen Eindruck noch zusätzlich verstärkte. Vielleicht lag es aber auch an dem Kasten, der um seine Hüfte hing und von dem aus sich allerlei Kabel ihren Weg nach oben bahnten. Fest verankert in seinem Nervensystem. Bereit jederzeit Befehle weiterzuleiten und Daten zu erfassen.

Ein Geräusch hätte an seine Ohren dringen sollen. Hätte jeden anderen aufhorchen und in Alarmbereitschaft versetzen lassen, aber er stand weiter reglos da als wäre er im Stehen eingeschlafen. Es war etwas das sich ihm mit leisen Pfoten zielstrebig von mehr als nur einer Seite näherten. Sie waren zu fünft, wild und hungrig, weil man ihnen tagelang für genau diesen Moment nichts zu fressen gegeben hatte. Der Schnee knirschte als er zusammengepresst wurde, während der erste Wolf zum Sprung ansetzte. Krallen wurden ausgefahren und gruben sich in warmes Fleisch. Blut spritzte und färbte den weißen Schnee scharlachrot. Ein Wimpernschlag nur und die Welt hatte ihre Unschuld, ihre Reinheit für immer verloren. Ein wütendes Heulen ging durch den Wald und verscheuchte jedes andere Lebewesen, während die Meute ihr Opfer auf den Boden warf.

Metall blitzte auf und dann jaulte der erste Wolf ein letztes Mal, bevor er sterbend zur Seite sackte. Ein Zweiter flog in hohem Bogen und knallte mit einem lauten Knacken gegen einen Baum, bevor er leblos zu Boden fiel. Der Rest wich nun zurück, während sich das Monster aufrichtete. Adrenalin durchströmte all ihre Körper. Ein Rausch aus dem Wunsch zu töten und dem Willen des Überlebens. Unmöglich zu erkennen wer von ihnen was symbolisierte. Was folgte war wie ein Tanz. Wirkte wie vor Urzeiten choreografierte und tief verwurzelte Instinkte, wären da nicht die Kabel am Körper des Monsters. Nicht die Befehle die unaufhörlich in sein Unterbewusstsein jagten und dieses nur noch aus Einsen und Nullen bestehen ließen. Nichts hiervon war real für ihn. Nichts war er selbst, sondern alles nur eine Zurschaustellung menschlichen Entwicklergeistes. Er war fort. Verloren in den Tiefen eines zum töten geschaffenen Monsters.

Es war vorbei als er umgeben von Blut und Eingeweiden, Haut- und Knochenteilen reglos im Schnee stand. Sein Puls wieder ruhig und normalisiert, seine Atmung ein gleichmäßiges Rauschen im lautlosen Wald. Sein Kopf leer und unbefleckt im Widerspruch zu seiner Umgebung. Da war keine Schuld und keine Reue nur unendliche Leere.

Das alles war kein Vergleich zu dem hektischen Stimmengewirr in der Forschungsanlage ganz in seiner Nähe. Befehle wurden gebrüllt, Daten ausgewertet und einander für den Erfolg dieser Testreihe auf die Schultern geklopft. Waffe X würde ein voller Erfolg werden, das hatte ihnen der heutige Tag bewiesen.