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Als er die Augen öffnete befand er sich in einer nackten Stahlkammer. Nur Kameras, die sich in allen vier Ecken des Raumes befanden und ihn beobachteten. Nichts was aussah wie eine Tür.
Er sah an sich herunter. Kabel. Überall Kabel, die in den Boden eingelassen waren. Sein Schädel, eingespannt in eine Art Helm, der höllisch brummte und gleich zu platzen schien. Stimmengewirr, obwohl er allein war.
Nein. Da saß jemand. Eine Frau. Er hatte sie schon einmal gesehen. Wusste nicht wann oder wo. Erinnerungen durch schwirrten seine Gedanken. Nicht greifbar. Nicht zuzuordnen, während die Stimmen in seinem Kopf immer lauter wurden.
[Töte. Töte Sie!]
Wieso?
Sie saß da, festgebunden an einen Stuhl und blickte ihn unentwegt an. Aber keine Angst lag in ihrem Blick.
Schmerz. Krallen.
Wieso?
Er verstand nicht.
Was passiert da mit mir?
[Töte!]
Ich will nicht. Wieso soll ich sie töten?
Er kämpfte dagegen an. Gegen die immer lauter und eindringlicher werdenden Stimmen in seinem Kopf. Sie sah ihn immer noch an, sah seine Unentschlossenheit, sah den innerlichen Kampf mit sich selbst in seinen Augen. Sie stand auf und ging langsam auf ihn zu. Dann sprach sie, während sein Blut leise von den metallenen Krallen tropfte.
„Ich weiß, dass du mich hören kannst. Ich weiß, dass sie dich noch nicht unter ihrer Kontrolle haben. Und ich weiß, dass du mich töten sollst. Tu es und dann flieh. Wiege sie in Sicherheit. Lass sie glauben, sie hätten dich unter Kontrolle und dann lauf weg ohne nachzudenken. Ohne dich umzusehen. Verwisch deine Spuren. Versteck dich und komm nie wieder zurück."
Er sah sie an. Hatte sie genau verstanden und doch. Er wollte nicht. Wollte sie nicht töten.
Sie lächelte ihn an.
„Tu es. Sonst machen sie dich zu ihrer Marionette. Dann tötest du mich, ohne zu wissen, was du tust. Ohne zu wissen wieso. Wieder und immer wieder. Behalte dir immer deinen freien Willen, eigene Entscheidungen zu treffen."
Sie sah ihn immer noch an. Jetzt fast schon flehend.
Sie opfert sich für mich. Wieso? Wir kennen uns doch nicht. Oder doch? Ich weiß es nicht.
So viele Fragen. So viele Stimmen, die durch seinen Kopf schwirrten und immer lauter wurden. Starke Kopfschmerzen.
[Töte. Töte Sie!]
Und dann spürte er wie sich seine Krallen in ihren Körper bohrten. Er spürte den Widerstand, den ihre Knochen einen kurzen Augenblick nur seinem Adamantium entgegen leisteten, bevor sie nachgaben. Er fühlte das heiße, pulsierende Blut, das seine Hand herunterlief und gegen seinen Bauch spritzte. Die Kraft seiner Bewegung war zu stark für ihren zierlichen Körper. Fleisch riss, Knochen splitterte und sie sackte dumpf zu Boden, während sie noch ein letztes Mal zuckte.
Ihre Augen waren weit aufgerissen als es passierte, doch sie gab keinen Mucks von sich. Ihr Kopf, jetzt zur Decke gerichtet, starrte in eine nie endende Dunkelheit. Ihr Mund, zwar lautlos aufgerissen, zierte ein Lächeln.
Was ist passiert? Was habe ich getan? Schon wieder? Erinnerungen. Ein Déjà-vu.
Er verstand nicht wieso. Es tat ihm leid was er getan hatte. Hatte es nicht tun wollen und doch müssen, denn ein Befehl war schließlich ein Befehl, oder?
Seine Krallen zogen sich langsam in seine Hände zurück. Er blickte nach unten und bemerkte seine blutigen Fußspuren, als er stehen blieb. Genauso reglos wie sie nun da lag. Starr mit dem Blick auf das Blut gerichtet.
Eine verborgene Tür wurde geöffnet und Männer mit langen Stäben, die sie schützend vor sich gerichtet hatten, kamen vorsichtig auf ihn zu. Er rührte sich nicht bis sie vor ihm standen. Starrte nur unentwegt vor sich hin.
„Keine Angst. Die Professoren haben ihn ausgeschaltet. In dem Zustand kann er keiner Fliege was zuleide tun", versuchte der Soldat zuversichtlich zu sagen.
Seine Gedanken rasten. Was hatte sie zu ihm gesagt. Er sollte fliehen und nie zurückblicken. Sollte nicht zulassen, dass sie ihn fanden. Er erinnerte sich.
Krallen blitzten und ein einziger Hieb genügte, dass die Schreie verstummten. Körperteile der sterbenden Soldaten flogen noch umher, während er sich schon die Geräte, die an ihm befestigt waren, vom Körper riss.
Dann lief er los, ohne sich noch einmal umzublicken. Niemand war da, um ihn aufzuhalten, während er aus dem Gebäude rannte. Niemand, der ihm auf seinem Weg in die Freiheit in die Quere kam.
