Disclaimer:
Und schließlich Grund 1 der Gründe, warum Harry Potter einfach Joanne K. Rowling gehören muss:
Wenn Harry Potter pilarius gehören würde, müsste pilarius keine Disclaimer schreiben.
Schatten der Wahl
37. A ja tam byłem, miód i wino piłem
Es war ein wunderschöner Sommertag. Die Gäste hatten sich im Garten des Malfoy Herrenhauses versammelt, und Hermione stand an dem großen runden Tisch, den mit ihr die anderen Frauen umringt hatten. Alle von ihnen hatten einen Korb mit Ziegenmilch, Butter daraus, Weizenmehl, Gänseeiern, und Honig mitgebracht, das traditionelle Gastgeschenk an diesem Tag, zusammen mit den Kornähren, Gemüse und Früchten, aus denen die Kinder einen großen Kranz flochten. Sie fühlte sich ein wenig nervös, alle Augen waren auf sie gerichtet.
Die letzten Tage waren hektisch gewesen. Etliche der Gäste waren bereits früher eingetroffen und hatten in den Gästezimmern des Malfoy Herrenhauses übernachtet, zum Beispiel Theodore Nott und seine Familie, und sein Freund Sayyid Saya, dessen Freundin überraschenderweise eine Kollegin von Ginny war. Sie hatte das erst heute herausgefunden, als die Weasleys angekommen waren. Zwischen Ginny und der Frau schien es eine gewisse Animosität zu geben, aber sie waren nicht die einzigen, bei denen das der Fall war. Pansy Parkinson hatte Michael Corner geheiratet, und beide hatten offensichtlich irgendein Problem mit Narcissa. Außerdem waren etliche seiner ehemaligen Kollegen von St. Mungos gekommen, und eine Menge alte Bekannte der Malfoy Familie, die es anscheinend nicht störte, dass es nun einen anderen Herrn des Hauses gab. Oder vielleicht nutzten sie nur die Gunst der Stunde, sich politisch opportun zu positionieren. Das hielt sie nicht davon ab, anzumerken, wie wenig sie von der Braut und ihren Gästen hielten.
Neben Hermiones Eltern waren auch viele Mitglieder des Ordens gekommen, mit nennenswerter Ausnahme von Albus. Aberforth hatte etwas von Sturheit in seinen Bart gemurmelt, seine offizielle Ausrede war eine Versammlung der internationalen Zauberervereinigung, die am nächsten Tag stattfand. Hermione hätte gerne gesagt, dass ihre Gäste besser waren als Dracos, aber die Wahrheit war, etliche von ihnen konnten kaum verhehlen, wie sehr sie die Mitglieder der reinblütigen Familien hassten.
Hermione schämte sich ein wenig dafür, dass sie sich in den letzten Tagen meistens in der Bibliothek versteckt hatte, wo höchstens Theodore und Sayyid sie gestört hatten. Es hatte sie schockiert zu erfahren, dass Theodore anscheinend eine Professur für theoretische Physik in Oxford innehatte. Darüber hatte er Sayyid kennengelernt, dessen Eltern Muggel gewesen waren. Sie hatte sich ein wenig mit dem Mann unterhalten, und fand ihn überraschend sympathisch. Er las offensichtlich gerne, und seine Gesellschaft war still und unaufdringlich gewesen. Ein angenehmer Kontrast zu dem Chaos im Rest des Hauses. Sie fragte sich jedoch, was genau seine Beziehung zu Theodore war. Die beiden verbrachten eine Menge Zeit miteinander. Weder Theodores Frau noch Sayyids Freundin schien das jedoch zu stören.
Manchmal bereitete es ihr Kopfschmerzen, wieviel von der Zaubererwelt sie noch immer nicht verstand.
Draco hatte mit ihr besprochen, was von ihr erwartet wurde, und selbst Narcissa hatte widerstrebend dazu beigetragen.
Sie verstand nicht ganz, warum Narcissa die Feier nicht ein letztes Mal hatte leiten können, aber Narcissa hatte sich strikt geweigert. Auch wenn sie und Draco noch nicht offiziell verheiratet waren - sie hatte gesagt, es war Tradition, dass die Braut es tat.
Hermione sah den Sinn darin nicht, aber viele Traditionen waren ultimativ sinnlos.
Narcissa war allerdings offensichtlich der Ansicht, dass es wichtig war, und Hermione wollte sich zu ihrer eigenen Überraschung ihren Respekt verdienen.
Die Frau machte keinen Hehl daraus, dass sie der Überzeugung war, dass Hermione als Herrin des Hauses kläglich versagen würde, und das weckte den Ehrgeiz in ihr, ihr das Gegenteil zu beweisen. Wenn sie dazu mit einem Haufen reinblütiger Ziegen Teig kneten musste, dann würde sie es tun. Sie vermied einen Seitenblick auf Pansy Corner, die weiter unten am Tisch stand. Die Frau war als sie gekommen war überraschend freundlich gewesen. Hermione hatte sie seit ihrer Schulzeit nicht gesehen, aber offensichtlich sah sie Draco noch immer als Freund an. Genug jedenfalls, um zu seiner Hochzeit zu kommen. Ihr Blick wanderte zu Ginny, die den Korb vor sich anstarrte als wäre er ein Feind, den sie zu besiegen gedachte. Eine Sache, die sie und Ginny gemeinsam hatten, war, dass sie beide gnadenlos schlechte Köchinnen waren. Hermione hatte einmal gelesen, dass Kochen eine Kunst sei, aber Backen eine Wissenschaft. Was sie dazu verleitet hatte zu denken, dass Backen einfacher wäre… Ein trauriger Irrtum.
Reiß dich zusammen, dachte sie. Es ist nur ein verdammter Pfannkuchen.
Es gab drei Traditionen an diesem Tag, hatte sie gelernt. Den Ziegenbock, der am Tag zuvor in den Wald entlassen worden war, und den die Männer nun einfangen gegangen waren, den Kranz, den die Kinder flochten, und… nun ja… den Pfannkuchenmann.
Sie wäre weitaus lieber im Wald gewesen um den dämlichen Ziegenbock zu fangen. Was sollte daran schwierig sein?
Hermione atmete tief durch. „Es ist Lughnasad", sagte sie. „Wir haben uns hier versammelt, um für die Ernte dieses Jahres zu danken. Dafür geben wir das Mehl, für die Pflanzen der Erde."
Die Frauen wiederholten ihren letzten Satz, und sie alle schütteten das Mehl in die Mitte des Tisches.
„Wir geben Milch und Butter der Tiere des Feuers."
Warum waren Ziegen Tiere des Feuers? Sie hatte es nicht herausfinden können, und das nagte an ihr. Aber sie musste sich konzentrieren.
Dies war schwieriger, denn die Milch musste mit Zauberkraft über dem Mehl mit der Butter vermengt werden, und sie taten dies alle zusammen, aber der Hexenkreis hielt.
„Wir geben die Eier der Vögel des Wassers."
Sie hatte vorher geübt, um diesen Zauber wirklich zu beherrschen. Molly lächelte ihr von der anderen Seite des Tisches zu. Sie dachte natürlich nicht, dass es schwierig war, dachte Hermione neidisch. Sie hatte oft genug gesehen, wie Molly Teig wie mit einem Nebengedanken mischte, während sie gleichzeitig noch zwei oder drei andere Sachen tat.
Ihre Eier trennten sich zum Glück ohne Probleme von ihren Schalen, und mischten sich in die Kugel aus Milch und Butter, die zwischen ihnen schwebte.
„Wir geben den Honig der Bienen der Luft."
Der Honig mischte sich in den werdenden Teig, das Mehl flog nach oben, mischte sich ebenfalls hinein, nichts war bisher schief gegangen, aber der schwierigste Teil kam erst noch.
„Mit unseren Hoffnungen schaffen wir unseren Kämpfer, mit unserer Zauberkraft geben wir ihm Leben."
Der Teig wirbelte herum, verdichtete sich, gewann Form.
Hermione dachte an die Zukunft, die sie sich wünschte. Hoffnungen. Sie hatte viele Hoffnungen, für ihre Ehe, für das Kind, das noch nicht geboren war. Ängste ebenfalls, aber dies war nicht der Ort dafür. Die Hoffnung war stärker. Sie war immer stärker.
Plötzlich fühlte es sich an, als könnte sie für einen Augenblick die Gedanken der anderen Frauen spüren, ihre Hoffnungen und Ängste, ihre Zweifel und Entschlossenheit.
Sie war dankbar für all die Erfahrungen ihres Lebens, dachte sie plötzlich. Dankbar für all das, was sie an diesen Punkt gebracht hatte, was ihr beigebracht hatte, niemals aufzugeben. Egal was passierte. Hoffnung würde siegen.
Ein Lichtblitz blendete sie einen Augenblick lang, dann landete etwas mit einem dumpfen Aufprall auf dem Tisch.
Die Kinder lachten und schrien aufgeregt. Einige der Frauen lachten ebenfalls.
Hermione war sich nicht sicher, was sie sich unter dem Pfannkuchenmann vorgestellt hatte. Eine flache und unförmige Gestalt, etwas wie die Pfannkuchenmännchen, die ihre Mutter ihr als Kind gebacken hatte, nur größer.
Das war völlig falsch gewesen. Vor ihnen auf dem Tisch stand ein Mann. Er war von Kopf bis Fuß goldbraun wie Pfannkuchenteig, seine Kleidung auch, aber es war ein Mann. Er grinste und schlug ein Rad auf den Tisch, dann verbeugte er sich. Einige der Frauen klatschten. Der Mann tanzte über den Tisch, offensichtlich die Aufmerksamkeit genießend, sprang vom Tisch herunter, und griff dann die Hand einer der Frauen um sie in einen Tanz zu ziehen.
Er hatte lange Haare, und seine Kleidung schien keltisch, mit Hosen, einer Tunika, und umwickelten Waden.
Als er sie zum Tanz aufforderte und ihre Hand nahm erwartete sie fast, weichen Teig zu fühlen, aber seine Hand war kräftig, wie die eines echten Mannes. Er grinste, als wenn er ihre Gedanken lesen könnte, und zog sie wild mit sich im Kreis herum, sie schließlich atemlos zurücklassend.
Er sprach nicht, sondern kommunizierte nur mit Gesichtsausdruck und Gesten, aber er schien eine Art Persönlichkeit zu haben.
Faszinierend. Wie konnte ein solcher Zauber überhaupt funktionieren? Sie hatte sich keinen richtigen Mann vorgestellt, ganz bestimmt nicht einen solchen, aber irgendwie hatte all ihre Magie zusammen ihn erschaffen.
Der Tanz stoppte plötzlich, als laute Rufe und Geklapper vom Waldrand her ertönten. Dann trotte der Ziegenbock aus dem Wald hervor.
Draco hatte ihr gesagt, die Männer würden ihn zum Fest bringen, und sie hatte automatisch angenommen, dass sie ihn eingefangen anbringen würden, aber das war es nicht, was sie taten. Sie trieben ihn vor sich her, mit Rufen und wilden Gesten. Der Bock war offensichtlich vor ihnen geflohen, aber nun, da er ihre Versammlung sah, richtete sein Blick sich auf den Kranz zwischen ihnen, und er rannte vorwärts, auf sie zu.
Der Pfannkuchenmann erstarrte, dann sprang er hoch, und rannte in Richtung des Bocks.
Dieser scharrte mit den Hufen, und senkte seine Hörner zum Angriff.
Der Bock war eine große, schwarze Cheviotziege, sicher ein Prachtexemplar einer Herde.
Der Pfannkuchenmann sprang ihn an, schlug und trat nach ihm.
Währenddessen versuchte der Ziegenbock, um ihn herumzukommen, heran an den Kranz, der offensichtlich seine Begierde geweckt hatte, aber der Pfannkuchenmann ließ es nicht zu. Mit einem akrobatischen Meisterstück sprang er hoch, landete auf dem Rücken des Ziegenbocks, und griff seine Hörner. Der Bock sprang im Kreis, versuchte ihn abzuschütteln, kam aber nicht vorwärts.
Frauen und Kinder feuerten den Pfannkuchenmann an, und riefen ihm ihren Ansporn zu.
Der Pfannkuchenmann umschlang den Hals des Ziegenbocks mit seinen Armen, und die beiden kämpften miteinander, bis schließlich der Bock zusammensackte, und zur Seite fiel.
Der Pfannkuchenmann sprang triumphierend auf, und verbeugte sich. Alle jubelten.
Er verbeugte sich erneut, und zerfiel in Stücke.
Die Kinder schrien aufgeregt, und rannten zu den Stücken hinüber, rangelten miteinander um die Wette für die süßen Stücke Teig, die nun nichts weiter als Pfannkuchen waren.
Zwei der Männer nahmen den toten Bock, der wie sie wusste zum Fest gebraten werden würde, und brachten ihn zum Grillfeuer.
Hermione ergriff zusammen mit den anderen Frauen den Kranz und sie hielten ihn über ihre Köpfe, um ihn triumphierend zum Tisch zu tragen.
Es war ein großer Kranz, mehr als drei Meter im Durchmesser, beladen mit Kürbissen und Maiskolben, rotem Weißdorn, blauen Heidelbeeren, Äpfeln und Holunder, und vielen anderen Gemüsen und Früchten.
Die Frauen schoben Hermione lachend vorwärts, zu dem Tisch hin. Auf der anderen Seite taten die Männer mit Draco dasselbe. Hermione sah sich ein wenig nervös um.
An der Seite tippte ihre Mutter unruhig auf ihrem Handy herum, und ihr Vater zuckte etwas hilflos mit den Schultern und schüttelte den Kopf, als er Hermiones Blick traf. Ihr Cousin Edmund war noch immer nicht angekommen. Langsam befürchtete sie, dass er sich verfahren hatte. Sie hatten zuvor angenommen, dass er irgendwo im Stau stand – es war schließlich ein langer Weg von Edinburgh nach Wiltshire. Hermione war ärgerlich. Sie hatte ihm gesagt, dass es besser wäre, wenn er einen Tag früher käme, aber Edmund war bei solchen Dingen immer sorglos. Er hatte ihr früh am Morgen eine SMS geschickt, als er losgefahren war, und sich seitdem nicht mehr gemeldet.
Es wäre nicht so schlimm gewesen, wenn Edmund nur einer ihrer Gäste gewesen wäre, aber er war der geplante Pate ihrer Kinder. Anders als bei Muggeln bestimmten Zauberer bei einer solchen traditionellen Zeremonie die Paten bereits bei der Hochzeit, und sie hatten eine ähnliche Rolle wie die Trauzeugen bei Muggelhochzeiten. Es war schwierig genug gewesen, Draco und Ihre Schwiegereltern zu überzeugen, einem Muggel diese Aufgabe übernehmen zu lassen, aber Hermione wollte, dass ihre Kinder eine Verbindung zu beiden Welten hatten.
Sie fand Dracos Blick. „Nicht da", sagte sie lautlos und machte eine Geste der Unterbrechung.
Seine Augen weiteten sich und er schüttelte den Kopf.
Verdammt. Er hatte ihr gesagt, dass die Zeremonie nicht unterbrochen werden konnte, wenn sie einmal angefangen hatte. Wo war Edmund?
Zwischen ihnen trat der Druide vorwärts. Sie hatte erwartet, dass ein Druide ein alter Mann sein würde, jemand wie Dumbledore, aber das war er nicht. Es war ein kindisches Vorurteil, nahm sie an, schließlich waren Priester auch nicht automatisch alt und greise.
Er sah aus wie ein normaler Zauberer, ein Mann mittleren Alters. Nur seine braune, mit Runen bestickte Robe kennzeichnete ihn als das, was er war.
Die Gäste hoben Sie und Draco auf den Tisch hinauf, so dass sie in der Mitte des Kranzes standen.
Der Druide hob seine Hände.
„An diesem heiligen Tag sind zwei zusammengekommen, um für ihre Vereinigung Segen zu erbitten.", sagte er.
„Draco Malfoy, wählst du diese Hexe, Hermione Granger, zu deiner Ehefrau, Haus und Land mit ihr zu teilen, Blut und Magie, für jetzt und in Ewigkeit?"
Draco lächelte sie an und griff ihre Hand. „Das tue ich."
„Hermione Granger, wählst du diesen Zauberer, Draco Malfoy, zu deinem Ehemann, Haus und Land mit ihm zu teilen, Blut und Magie, für jetzt und in Ewigkeit?"
Sie griff Dracos andere Hand, Edmund für den Augenblick vergessend. „Das tue ich."
Der Druide wandte sich von ihnen ab und an die Umstehenden.
„Wer bezeugt diese Bindung, wer steht Pate an des Vaters Stelle?"
Auf Dracos Seite trat Severus Snape vorwärts. „Ich stehe hier und bezeuge sie."
„Und schwörst du bei deinem Leben und deiner Magie die Kinder dieser Bindung zu schützen und sie anzuleiten, und ihnen Elternteil zu sein an Ihrer Eltern Stelle, so die Moiren es bestimmen?"
„Ich schwöre es."
Hermione sah sich erneut um, aber Edmund war weiterhin nicht da. Seine Schwester Lucy flüsterte mit ihrer Mutter, aber ihre Mutter schüttelte den Kopf. Hatte Lucy angeboten, an seiner Stelle Pate zu stehen? Hoffentlich nicht. Lucy war lieb und nett, aber sie lebte in ihrer Fantasiewelt und Hermione hätte ihr nicht mal eine Katze anvertraut, geschweige denn ein Kind.
„Wer noch bezeugt diese Bindung, wer steht Pate an der Mutter Stelle?", fuhr der Druide unbarmherzig fort.
Schweigen folgte, und die Gäste flüsterten unruhig miteinander.
Lucy trat vor, ihr Gesicht nervös gerötet. „Mein Bruder Edmund ist noch nicht da."
„Es tut mir leid", sagte der Druide, „aber wir können nicht länger warten. Uns fehlt ein Zeuge", sagte er lauter. „Gibt es jemanden unter den Gästen…"
Sayyid Saya, der mit Theodore an der Seite gestanden hatte, trat plötzlich vor und verbeugte sich. „Es wäre mir eine Ehre, Zeuge dieser Bindung und Pate eurer Kinder zu sein."
Hermione war völlig überrascht, und sah ihn unsicher an. Sie fand den Mann nicht unsympathisch, aber konnte sie ihn wirklich zum Paten ihrer Kinder machen? Sie hatte ihn erst vor ein paar Tagen kennengelernt! Draco atmete einmal tief durch. Er sah nervös aus. „Es ist Tradition, ein solches Angebot anzunehmen", flüsterte er.
„Wir kennen ihn nicht", flüsterte sie zurück.
„Es ist nur eine Formalität." Er zögerte einen Moment. „Ich bin sicher, Theodore hätte ihn nicht mitgebracht, wenn er ihm nicht vertrauen würde."
„Woher können wir wissen, ob er ein guter Pate wäre?"
„Das Ritual würde ihn nicht akzeptieren, wenn er uns oder unseren Kindern schaden will."
Hermione sah den Mann prüfend an. Ohne genau sagen zu können warum kam hatte sie ein merkwürdiges Gefühl bei der ganzen Sache. Aber die Gäste um sie herum warteten, und es war offensichtlich, dass sie langsam ungeduldig wurden. Nicht weit entfernt waren die Tische bereits zum Essen gedeckt, und einige der Kinder hatten schon mehrmals versucht, an die Süßigkeiten zu kommen.
„Bist du sicher?"
Draco nickte nach kurzem Zögern.
Sie presste die Lippen zusammen. „In Ordnung." Sie straffte sich. „Wir akzeptieren Ihr großzügiges Angebot, Mr. Saya."
Der Druide nickte resolut und wiederholte seine Frage.
„Wer bezeugt diese Bindung, wer steht Pate an der Mutter Stelle?"
Saya trat vor und sah lächelnd zu ihr hoch. „Ich stehe hier und bezeuge sie."
„Und schwörst du bei deinem Leben und deiner Magie die Kinder dieser Bindung zu schützen und sie anzuleiten, und ihnen Elternteil zu sein an Ihrer Eltern Stelle, so die Moiren es bestimmen?"
„Ich schwöre es."
„Zweimal geschworen, zweimal bezeugt, in Blut und Magie sind diese zwei zweimal verbunden", verkündete der Druide.
Hermione verspürte ein seltsames Gefühl, so als wäre eine Tür aufgegangen, so als hätte sie in Dunkelheit gestanden und wäre nun ins Licht getreten. Sie fühlte plötzlich das Land um sich herum, das Haus, die Leute, und Draco neben sich – nicht durch das was sie sah oder hörte, sondern auf einer anderen Ebene, die sie nicht wirklich beschreiben konnte. Wärme schien über ihre überkreuzten Hände durch ihre Körper zu strömen, sie auszufüllen in einem unendlichen Strom. Sie hoben ihre Hände und traten darunter aufeinander zu, um sich zu küssen.
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Ginny musterte den neuen Paten von Hermiones Kindern. Er kam ihr eigenartig bekannt vor, aber sie konnte nicht genau sagen, woher sie ihn kannte. Nein, eigentlich war sie sich sicher, dass sie dieses Gesicht nie zuvor gesehen hatte. Er war klein und dünn, mit einer Brille und langen braunen Haaren. Intelligente Augen in seinem spitzen Gesicht. Er sah freundlich aus, harmlos, sie wusste nicht, was sie an ihm so störte. Und doch war da etwas, was an ihr nagte wie eine Maus an einem alten Knochen.
„Ich kann mich nicht daran erinnern, Sie zuvor gesehen zu haben, Mr. Saya", sagte sie.
Der Mann lächelte. „Oh, ich war lange Zeit nicht in England. Ms… Weasley, nicht wahr? Sind Sie eine Freundin der Braut?"
„Und wie ich das bin", sagte sie trocken.
„Ich dachte mir, dass Sie keine Bekannte des Bräutigams sind. Ich will Ihnen nicht zu nahetreten, aber die Fehde zwischen Ihren Familien ist legendär."
Ginny schnaubte. „Ist sie das, hmm?"
„Sie sind nicht glücklich über diese Heirat?", fragte der Mann neugierig.
Ginny zuckte missmutig mit den Schultern. „Sie hätte etwas Besseres verdient."
Der Mann lachte leise. „Die Fehde existiert also noch."
„Das ist es nicht… Er…" Ginny schüttelte den Kopf und trank einen Schluck Whisky. Sie wollte nicht zu viel trinken, aber sie wusste nicht mehr, wie viele Gläser es bislang gewesen waren. War sie diese Person auf der Hochzeit? Vielleicht. „Hermione ist pures Licht, der beste Mensch den ich kenne. Malfoy… Malfoy hat sie nicht verdient."
„Wie würde die Erde aussehen, wenn es keine Schatten mehr gäbe?", sagte er. „Wäre es Ihnen lieber, wenn die Erde kahl wäre, wenn alle Lebewesen verschwunden wären, damit sie Ihrer Fantasie von reinem Licht genügt? Sie sind eine Närrin."
Ginny blinzelte und trank einen weiteren Schluck. Die Maus kam näher, sie hatte das Gefühl sie war fast in Reichweite. „Vielleicht", sagte sie. „Aber ich streite mich nicht mit Herrn Volant."
Diesmal sah er verblüfft aus, und sie lachte. „Was, dachten Sie, Sie sind der Einzige hier, der etwas Muggelliteratur kennt? Reden Sie nicht zu lange mit der Braut. Sie wird Sie sofort durchschauen."
Ginny starrte in ihr Glas und runzelte die Stirn. Die Maus huschte davon. „Ich muss gehen."
Sie konnte seinen Blick in ihrem Rücken fühlen als sie ging, und aus irgendeinem Grund hatte sie das Gefühl, seine braunen Augen wären blau.
Aber die Maus war im Dickicht verschwunden, und sie hatte andere Dinge, an die sie denken musste.
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„Ich verlasse England." Ginny sagte ihr nicht, dass sie vorhatte, mehr als England hinter sich zu lassen. Sie hatte in den letzten Jahren viel Zeit darauf verwendet, einen Schulabschluss zu bekommen, der in der Muggelwelt akzeptiert wurde.
„Bist du sicher?" Hermione betrachtete sie skeptisch. „Gerade jetzt? Nun da Voldemort tot ist, wird sich das Ministerium neu aufbauen und wir können hoffentlich endlich die Veränderungen durchsetzen, die wir immer wollten. Wir könnten Leute wie dich gebrauchen."
Ginny seufzte. „Das ist dein Traum, Hermione. Ich habe all diese Jahre für eine bessere Welt gekämpft und ich bin müde. Seien wir doch ehrlich, es wird niemals aufhören. Voldemort mag tot sein, aber seine Ideen sind so lebendig wie sie es immer waren. Es wird nicht lange dauern, bis ein anderer an seine Stelle tritt."
Hermione sah sie traurig an. „Du warst früher nicht so fatalistisch, Ginny."
„Das ist es, was Krieg aus Menschen macht", sagte Ginny bitter. Sie wusste, dass Hermione ihre Gründe nicht verstand. Hermione hatte den Krieg zuhause ausgesessen und Malfoy gevögelt während sie versuchte am Leben zu bleiben und dabei so viele andere Zauberer und Hexen am Leben zu halten wie es ging. Nein, das war nicht fair. Ginny wusste, Hermione hatte ihren Beitrag zu diesem Kampf geleistet, ihre Hilfe war unersetzbar gewesen. Dennoch, sie hatte den hässlichsten Teil dieses Krieges nicht miterlebt. Für sie war alles was Ginny gesehen hatte nur abstrakt. Sie sah nicht, was Ginny sah, wenn jemand einen Stab in ihre Richtung hob, wenn sie hörte, wie jemand einen Zauberspruch schrie, wenn sie den Nachhall von Flüchen und Hexen roch…
„Wenn du noch eine Weile hierbleiben würdest, würden deine Gefühle sich vielleicht ändern. Wir alle brauchen Zeit um zu verarbeiten, was geschehen ist. Nun hättest du endlich Zeit etwas für dich zu tun. Vielleicht findest du jemanden, der dir guttut, gründest deine eigene Familie…"
Die Wut, die in Ginny aufflammte, war plötzlich und schockierte sie. Sie hatte ähnliche Worte jahrelang von ihren Brüdern und ihrer Mutter gehört, aber von Hermione hatte sie sie nicht erwartet. Ein Gefühl des Verrats, gemischt mit Enttäuschung, so stark, dass ihr einen Moment lang die Luft wegblieb. Von allen Menschen auf der Welt hätte Hermione am Ehesten wissen müssen, dass Ginny niemals einen Mann heiraten würde, nur um diesem antiquierten Ideal zu genügen.
„Setz ein paar Bälger in die Welt und alles wird gut, ist es das, was du mir sagen willst, Hermione?", fauchte sie. „Malfoy hat dich ja ganz schön um den Finger gewickelt. Pass auf, bald wackelst du selbst mit einem fetten Bauch herum und diskutiert die neuste Ausgabe von Witch Weekly beim Nachmittagstee, Lady Malfoy."
Hermione schloss einen Moment die Augen und atmete tief durch. „Du hattest immer einen gemeinen Zug, Ginny Weasley. Komm mir nicht damit, das habe ich nicht verdient. Ich kann verstehen, dass es dir schwer fällt nachzuvollziehen, dass ich Draco liebe, aber das tue ich. Er ist ein guter Mann, und ja, ich werde mit ihm Kinder haben. Ich wollte immer irgendwann Kinder."
Ginny lachte. „Du warst immer eine so brillante Hexe, Hermione. Jetzt gibst du das alles auf für diesen Pfau. Mir wird dabei übel, aber es ist dein Leben. Mach es, wenn es dich glücklich macht, aber sag mir nicht, wie ich mein Leben leben soll. Dieses eine sage ich dir: Du denkst jetzt, du könntest alles haben, aber mit dem ersten Baby ist dein Leben vorbei. Du bist keine Person mehr, du bist nur noch eine Mutter. Sieh dir meine Mutter an. Sie war mal eine der besten Auroren im Ministerium, wusstest du das? Natürlich nicht, niemanden interessiert das. Sie hätte eine glänzende Karriere haben können, aber dann kam Bill. Charlie. Percy. Die Zwillinge. Ron. Ich. Frag wen immer du willst wer Molly Weasley ist und sie werden dir sagen sie ist Arthurs Ehefrau, eine hingebungsvolle Mutter. Das ist alles, was sie jemals sein wird. In unserer Welt ist eine Frau nur das, was ihr Mann ihr erlaubt zu sein. Mit einem Mann wie deinem… viel Glück. Ich werde jedenfalls mein Leben nicht so wegwerfen."
„Es tut mir leid, dass du so fühlst", sagte Hermione, blass geworden. „Ich gebe zu ich habe nicht gewusst, dass Molly so viel für ihre Familie aufgegeben hat, und wenn dein Vater das so wollte, dann…" Sie biss sich auf die Lippen. „Draco ist nicht so. Du wirst sehen."
„Ja, wir werden sehen." Ginny trank einen Schluck aus ihrem Whiskyglas. Es war nicht ihr Vater, der das gewollt hatte. Es machte keinen Sinn, Hermione das erklären zu wollen, sie würde es nicht verstehen. Es war ihre Welt, die Erwartungen ihrer Gesellschaft, und Molly selbst, die ihnen immer hatte genügen wollen. „Hermione, es tut mir leid, das ist nicht das Thema über das ich reden wollte bevor ich gehe. Vielleicht hast du ja Recht. Ich wünsche dir jedenfalls viel Glück. Ich…" Sie glaubte nicht daran, aber was sollte sie sagen? Sie wollte ihr wahrscheinlich auf lange Zeit letztes Gespräch mit Hermione nicht auf diese Weise beenden. „Wahrscheinlich bin ich nur eifersüchtig."
„Oh, Ginny…" Hermione lächelte und zog sie in eine Umarmung.
Ginny erwiderte die Umarmung und atmete den süßen Duft von Hermiones Haar ein. Sie benutzte noch immer das gleiche Pfirsichschampoo, das sie in Hogwarts verwendet hatte. Es rief Erinnerungen in ihr wach, die sie lange begraben hatte. Ein Teil von ihr war eifersüchtig, eifersüchtig, dass jemand wie Malfoy Hermione das Leben geben konnte, das sie ihr nie hätte geben können. Ein rauschendes Hochzeitsfest. Einen Ring am Finger. Kinder. Aber es war unmöglich. Eine Zaubererheirat konnte nur zwischen einem Mann und einer Frau stattfinden. Sie war eine Vereinigung der femininen und maskulinen Elemente, deren Kulmination die verehrteste und mächtigste magische Verbindung war, die es gab - die Harmonie, die entstand, wenn duale Gegensätze zu einer Einheit wurden. Das war es, was ihre Familie glaubte. Das war es, was die Zaubererwelt glaubte.
Sie verstanden nicht, was Ginny fühlte. Sie würden es niemals verstehen.
Ein Teil von ihr hatte nie aufgehört, sie zu lieben. Süße, brillante Hermione, die immer so liebenswert gewesen war.
Scheiß auf diese Welt, dachte sie plötzlich, zornig. Ich habe mein Leben für euch aufs Spiel gesetzt, und alles, was ich für euch bin ist ein Irrtum der Natur, etwas das in euer Schema nicht passt! Wenn ihr nicht wollt, was ich euch geben kann, dann gehe ich dorthin, wo ich mehr willkommen bin, und das Leben leben kann, das ich verdiene! Sie hatte lange genug für Leute gekämpft, die dachten, dass sie sie bemitleiden müssten, oder meinten, dass mit ihr etwas nicht stimmte, trotz allem, was sie für sie getan hatte.
Sie schob Hermione von sich. „Ich muss gehen. Mein Portschlüssel aktiviert sich in zwei Stunden." Sie lachte verlegen. „Du weißt wie ich bin, ich habe noch immer nicht gepackt."
„Ich wünsche dir, dass du findest was du suchst." Hermione hielt ihre Hände fest. „Ich wünschte du würdest hierbleiben, aber ich weiß das ist ein wenig selbstsüchtig. Wenn dies das ist was du brauchst, alles Gute. Schreib mir."
Ginny nickte, auch wenn sie wusste, dass es eine Lüge war. Sie hatte nicht vor, eine Eule zu behalten. „Mach's gut, Hermione." Sie löste sich von ihr.
„Auf Wiedersehen!", rief Hermione ihr hinterher. „Viel Glück!"
Ginny lächelte, aber drehte sich nicht um.
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Als die Feier weiter ging, konnte Hermione sich des unguten Gefühls, das sie seit der Zeremonie verfolgt hatte, nicht mehr erwehren. Irgendetwas stimmte nicht.
Es hatte mit der neuen Magie zu tun, die sie nun plötzlich fühlte, dachte sie abwesend, während sie sich mit Minerva unterhielt. Die Magie des Malfoy Herrenhauses. Draco hatte ihr vorher davon erzählt, aber sie hatte es nur halb geglaubt und nicht wirklich verstanden. Uralte Magie des Landes, Familienmagie. Sie wusste nun, wo Draco war, obwohl er sich im Moment ganz am anderen Ende des Gartens befand und mit Theodore redete. Sie wusste sogar, wo Narcissa sich befand, die sich mit einem älteren Mann unterhielt, der ihr eigenartig vertraut vorkam, obwohl sie sich sicher war, dass sie ihn nie zuvor gesehen hatte. Die Hauselfen hatten ihn zu Beginn vorgestellt, irgendein Lord von noch einer weiteren reinblütigen Familie.
Sie fühlte… plötzlich war ihr schwindelig. Es konnte nicht sein… und doch war sie sich sicher.
Das Gefühl, das sie die ganze Zeit verfolgt hatte gewann grauenvolle Substanz. Sie ließ ihren Blick über die Gäste schweifen, und sah, wie Sayyid Saya zwischen den Hecken in Richtung Wald verschwand.
Zorn erfüllte sie, und sie verabschiedete sich hastig und folgte ihm. Kurz vor dem Waldrand holte sie ihn ein.
„Gehen Sie schon?", fauchte sie wütend.
Er drehte sich um und begegnete ihrem Blick unbeeindruckt.
„Ich habe nur etwas Ruhe gesucht."
Hinter ihr kam Draco zwischen den Hecken hervorgerannt. Er sah bleich aus. „Hermione, warte…"
„Ich weiß es", sagte sie zornbebend, ihren Stab ziehend. „Ich weiß, wer du bist! Wie kannst du es wagen…"
.
„Meine kluge Hermione", sagte Tigris gönnerhaft. „Du hast dich nicht verändert, meine gute alte Freundin."
„Wir sind schon lange keine Freunde mehr", sagte sie energisch, aber ihre Stimme schwankte leicht. Dennoch, ihr Stab zeigte fest in seine Richtung.
Draco wich ein Stück zurück und kämpfte mit der kalten Furcht, die ihn durchfloss. „Bitte…"
„Was hast du mit ihm gemacht?", fragte sie ärgerlich.
Tigris lachte. „Sind nicht unsere familiären Bande genug?"
Hermiones Augen verengten sich zornig. „Die familiären Bande, die dich abgehalten haben, ihn foltern zu lassen? Die gleichen süßen familiären Bande, die dich abgehalten haben, ihn fast umzubringen, ihn zu verkrüppeln?"
„Wie wenig du noch immer von uns reinblütige Familien verstehst, trotz all deiner Mühe. Nichts davon spielt eine Rolle. Ich habe es getan, um ihn zu beschützen. Draco versteht das."
„Um ihn zu beschützen!"
„Du solltest dir nun mehr Mühe geben, es zu lernen. Schließlich bist du nun Lady Malfoy, liebste Schwägerin. Es ist eine große Verantwortung. Eine Position mit vielen Pflichten. Sie erfordert Loyalität." Tigris schien entspannt, aber Draco konnte sehen, dass er Hermione nicht aus den Augen ließ.
„Bitte, du kannst nicht gegen ihn gewinnen!", flehte Draco. Er sah zu Tigris. „Lass sie gehen, sie kann dir nicht schaden."
Hermione ignorierte ihn, offensichtlich war sie der Meinung, dass Tigris ihn irgendwie verhext hätte.
Tigris grinste. „Komm Bruder… für wen hältst du mich? Denkst du, ich würde deiner Braut noch vor dem Hochzeitsball etwas antun? Warum sollte ich das tun? Wir sind doch alle Familie hier."
Er hob die leeren Hände, und Hermione runzelte verwirrt die Stirn. Sie wusste natürlich, dass Tigris keinen Stab brauchte, aber sie fragte sich offensichtlich, welches Spiel er spielte. Draco fragte sich das gleiche. Was wollte er von ihr? War es nicht genug, dass Draco sich ihm angeschlossen hatte?
„Denk an all die Dinge, die wir gemeinsam erlebt haben, Hermione", sagte Tigris. „Sind wir nicht gute alte Freunde? Haben wir einander nicht immer vertraut? Ich werde eure Kinder lieben, als wären es meine eigenen. Was mehr kann eine Mutter sich wünschen? Sicher kannst du nicht von Draco erwarten, dass er alles was er einmal war aufgibt wegen dir. Er liebt dich. Ist das nicht genug?"
Ihre Hand verkrampfte sich um ihren Stab und ihre andere Hand machte eine unbewusste Bewegung in Richtung ihres Bauches. „Ich… Ginny hat mir gesagt, wie manipulativ du bist! Du bist nicht der Harry, den ich einmal kannte. Harry war selbstlos. Er hat immer nur versucht, anderen zu helfen. Er hätte niemals…"
„Dieser Harry ist ein Mythos!", unterbrach Tigris sie, plötzlich ärgerlich. „Komm schon Hermione, du bist doch eine kluge Frau. Du weißt selbst, wie die Zeit Erinnerungen verklärt. Ich bin der gleiche Mensch! Ja, ich wollte anderen helfen. Aber ich war wohl kaum selbstlos. Ich wollte Anerkennung. Ich wollte geliebt werden. Ich dachte, der einzige Weg, das zu erreichen, wäre es das zu sein, was die Welt von mir erwartete. Was alle von mir erwarteten! Warst du nicht genauso? Was war ich, außer dem Held, der dich gerettet hat?"
„Du warst mein Freund!", rief sie. „Ich habe dich geliebt! Ich habe dir vertraut! Und du bist das… geworden!" Sie gab ihre Verteidigungshaltung auf und streckte beide Hände in Abscheu gegen Tigris aus. „Ein Monster!"
„Es tut mir leid, dass du es so siehst", sagte Tigris. Eine Regung, die Draco vorher in seinen Augen nicht einmal bewusst wahrgenommen hatte, war erstorben. Hatte er vielleicht tatsächlich gedacht, Hermione würde ihn als ihren alten Freund willkommen heißen? War er wirklich so arrogant? „Ich bin nicht mehr, als was ich immer gewesen bin. Ich bin nur älter und klüger worden."
„Nicht alles Wissen ist Weisheit", entgegnete sie, „und nicht alles Wissen ist den Preis wert, den es kostet."
„Seltsam, das von dir zu hören", sagte Tigris nachdenklich. „Ich habe immer gedacht, dass wir uns sehr ähnlich sind."
„Wenn wir das sind, bist du ein schwarzes Spiegelbild! Ein Albtraum! Ich könnte niemals sein wie du! Und ich werde dich niemals gewinnen lassen!" Sie klang schrill. Dies kam zu nah an eine wahre Furcht heran.
Tigris zuckte mit den Schultern. „Es ist mir egal, was du tust."
Hermione wich einen Schritt zurück. Die Gleichgültigkeit schien sie mehr zu treffen, als alles andere, was sie von Tigris wusste und erwartete.
„Du solltest mich nicht unterschätzen."
„Ich weiß sehr gut, zu was du fähig bist. Aber du solltest unsere Vergangenheit nicht so einfach vergessen, meine alte Freundin. Schließlich habe ich einmal mein Leben riskiert, um deines zu retten. Das schafft eine Verbindung zwischen Menschen."
Draco wurde mit einer gewissen Übelkeit klar, dass all dies zum Plan seines Bruders gehörte. Natürlich hatte er immer gewusst, dass Hermione ihm ihr Leben verdankte. Als Kind war es Hermione wahrscheinlich nicht klar gewesen, was das bedeutete, aber inzwischen wusste sie es sicher.
Ihre Augen weiteten sich vor Entsetzten. „Nein, das kannst du nicht…"
„Willst du behaupten, dass es nicht stimmt?"
Hermione schwieg, bleich geworden.
Tigris klatschte amüsiert in die Hände. „Keine Sorge, ich werde nicht viel von dir verlangen. Nur einen einzelnen Zauber. Egal, was du von mir denkst, ich liebe meinen Bruder wirklich sehr. Und ich mag dich. Ich bewundere dich. Du bist eine der klügsten Hexen, die ich kenne. Ich respektiere, zu was du fähig bist. Darum bin ich heute hier. Du gehörst jetzt zur Familie. Willkommen!"
Draco löste sich von der Wand und trat zu seiner Frau, einen Arm um sie legend. Sie zitterte. „Hör auf, zu spielen, Bruder, und sag, was du willst. Hab ein wenig Respekt. Dies ist mein Hochzeitstag. Hast du nicht schon genug getan?"
Tigris zog die Brauen hoch. „Sie hat es angefangen."
„Wirklich? Sind wir Kinder?"
Tigris wurde ernst. „Nein, wir sind keine Kinder mehr."
Er trat zu ihnen und strich Hermione über die Wange. Sie wich angewidert zurück. „Ich wünschte…" Sie beendete den Satz nicht, aber die unausgesprochenen Worte hingen in der Luft.
„Ich habe dich bewundert", sagte Tigris. „Ich habe dich geliebt, wie die Schwester, die ich nie hatte. Ich bin froh, dass du nun Teil unserer Familie bist, Hermione. Das ist die Wahrheit."
Sie wich seinem Blick aus, und er wich einen Schritt zurück. „Ich will keinen Streit in der Familie. Deinem Cousin geht es gut. Aber sicher verstehst du, warum ich heute hier bin. Draco hat sich mir angeschlossen. Ich kann nicht zulassen, dass du dich einmischst."
„Also wirst du mein Gedächtnis löschen?", fragte sie bitter. „Denkst du, ich würde es nicht wieder herausfinden?"
„Im Gegenteil, ich weiß, dass das passieren wird. Das tust du schließlich. Du siehst Zusammenhänge, erkennst Dinge. Ich habe niemals erwartet, dass er es wirklich erfolgreich schaffen würde, dich anzulügen."
Draco starrte ihn an, und Tigris lächelte schief.
„Du bist kein wirklich guter Lügner, Bruder. Bist es nie gewesen."
Hermione drückte sich gegen ihn. „Was dann?", fragte sie leise. „Was planst du zu tun?"
Tigris lächelte. „Es ist ein einfacher Zauber. Du wirst ihn nicht einmal bemerken. Alles, was er verlangt, ist dein Einverständnis."
„Um was zu tun?", fragte Draco scharf. Er kannte eine Reihe Zauber, die Tigris mit Einverständnis wirken konnte. Keiner davon war wirklich harmlos. Einer davon hatte ihn Jahre seines Lebens gekostet.
„Komm, Bruder, das wäre zu viel verraten."
Hermione reckte das Kinn nach vorne, aber ihre Hand umklammerte Dracos. „Wenn ich dich das tun lasse, ist alle Schuld zwischen uns beglichen. Ich bin dir nicht das Geringste mehr schuldig, und kann tun, was immer ich will."
„Hermione…", warnte Draco, aber sie schüttelte stur den Kopf und starrte Tigris an.
Tigris neigte zustimmend den Kopf. „Dies ist das Einzige, was ich von dir verlange."
Sie schwieg einen Moment, dann nickte sie. Draco hielt ihre Hand und traf Tigris Blick. Wenn er ihr Schaden zufügte…
Tigris hob seinen Stab. „Nonattinet ingenium ambait, alio vagari hasaboqi."
Ihr Blick ging einen Moment ins Leere, dann schüttelte sie den Kopf und drehte sich zu Draco um. „Es tut mir leid, ich fühle mich plötzlich etwas müde. Habe ich etwas verpasst?" Sie drehte sich um und blinzelte, als sie Tigris sah. „Entschuldigung, Mr. Saya. Ich hatte Sie nicht gesehen."
Tigris lächelte breit. „Keine Sorge, meine Liebe. Wer hat mehr Recht, als zwei frisch verheiratete, nur Augen für sich selbst zu haben? Ich möchte nicht mehr von Ihrer Zeit stehlen, und verabschiede mich."
„Oh!", sagte sie überrascht. „Wollen Sie nicht zum Ball bleiben?"
„Nein, es tut mir sehr leid, aber ich muss leider gehen."
Draco starrte ihn an, als er sich leicht verbeugte, lächelte, und ging.
„Ist etwas nicht in Ordnung?", fragte Hermione.
Er fing sich, und lächelte ein wenig gezwungen. „Nein. Nein, alles ist gut."
„Gut, dann lass uns zurückgehen. Die Gäste vermissen uns wahrscheinlich schon." Sie sah noch einen Augenblick etwas verwirrt aus, weil sie sich offensichtlich nicht erinnern konnte, warum sie so weit zum Wald hinausgelaufen waren. Dann tat sie es uncharakteristischer Weise ab und wandte sich in Richtung Herrenhaus.
Was hast du getan, Bruder?, fragte Draco sich, als sie zurückgingen.
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Das Teezimmer war hell, von der Sonne erleuchtet. Draco hatte es immer für einen der schönsten Räume des Herrenhauses gehalten, und sicher hatte sein Erbauer dies auch mit bedacht, als er die Zauber gewirkt hatte, die es erschaffen hatten.
In der Mitte des Raumes stand ein altes griechisches Denkarium, mit klarem Wasser gefüllt, das niemals verdunstete. Es war das älteste Erbstück seiner Familie. Das runde Deckenfenster spiegelte sich darin, wie eine kleine eingefangene Sonne.
Er beobachtete Hermione sorgfältig als sie den Raum betrat. Zuerst lächelte sie, eingefangen von der Schönheit des Raumes. Dann fiel das Lächeln von ihren Lippen und sie taumelte und fing sich an einem der Polstersessel ab. „Was…"
Draco berührte mit seinen Fingern die Wasseroberfläche. Die Kühle schien in ihn hineinzufließen, klar und reinigend. „Wie ich dir gesagt habe war einer der Vorfahren der Malfoy Familie Aesculapius. Die Mythen beschreiben ihn als einen Gott der Medizin, und er war ein außergewöhnlicher Heiler. Aber er war auch ein außergewöhnlicher Magier. Er hat dieses Denkarium erschaffen. Als die Malfoys nach England kamen, wurde dieser Raum gebaut, um es aufzubewahren. Nur der Lord und die Lady des Hauses können ihn finden und betreten. Kein Zauber, der den Geist beeinflusst, wirkt hier. Jede Krankheit, die den Geist trübt, wird gemildert, wenn nicht geheilt. Gleichzeitig kann hier keine Lüge gesprochen werden, nicht einmal, wenn man sich selbst versucht, davon zu überzeugen. Es ist ein Raum der Klarheit und geistigen Heilung. Ein Raum in dem klar und offen gesprochen werden muss, und keine Lüge Bestand hat. Er wurde als eine Zuflucht erbaut, aber auch in dem Bewusstsein, dass die Malfoys immer Politiker gewesen sind, und es einen Ort geben muss, in dem es keine Rolle spielt, was die Welt sehen soll. Einem Ort, an dem der Herr und die Herrin dieses Hauses sie selbst sein können und müssen."
„Ich dachte, er würde es mich nur vergessen lassen", sagte sie erstickt. „Aber ich weiß, was er ist! Ich weiß, was er getan hat! In einem stillen Moment, kurz vor dem Einschlafen, weiß ich es genau. Es ist nur so, als wenn ich es ignorieren würde, als wenn meine Gedanken bei meinem täglichen Handeln davor zurückschrecken und es absichtlich ignorieren. Immer, wenn ich etwas sehe, was damit zu tun hat, wende ich mich absichtlich ab! Manchmal sage ich genau das Gegenteil von dem, was ich wirklich sagen will!" Sie vergrub die Hände in ihren Haaren. „Wie…"
„Nun weißt du, wie es all die Jahre für mich war", sagte er. „Ich habe nie etwas vergessen, Hermione. Es ist ein alter Fluch der Black Familie. Ein Fluch, den er für seine Zwecke angepasst hat."
Sie umklammerte die Lehne des Sessels. „Ist er geheilt? Hat der Raum ihn geheilt, Draco?"
Er schüttelte bedauernd den Kopf. „Er wirkt hier nicht, und wir können uns hier frei über alles unterhalten, was wir denken und wissen. Aber wenn wir diesen Raum verlassen, wird es ins Unterbewusstsein sinken. Was wir hier bereden mag dein Handeln beeinflussen. Aber niemals bewusst."
„Ich werde ihn weiter bekämpfen", sagte sie.
Er nickte. „Ich weiß."
Sie starrte ihn an. „Du hast dich ihm angeschlossen! Warum, Draco? Du kannst doch nicht glauben, dass das was er will erstrebenswert ist!"
Draco wich ihrem Blick aus.
„Du weißt ebenso wie ich, dass die Muggel diese Welt zerstören", entgegnete er widerwillig. „Dein Vater weiß es, und kämpft dafür, dass sie damit aufhören. Aber sie werden es nicht schaffen, sich selbst aufzuhalten. Sollen wir nur zusehen, wenn wir etwas dagegen tun können?"
„Und du denkst, die Art, wie er es tun will, ist der richtige Weg? Autoritäre Gewalt? Ein Diktator, der den Menschen die freie Wahl nimmt und sie zu ihrem Besten zwingt?"
Draco senkte den Kopf und strich mit seinen Fingern durch das Wasser, ließ die Kälte in seine Gedanken sinken. „Ich habe mich ihm nicht angeschlossen, weil dich denke, dass was er tut richtig ist. Ich denke, dass er es tun wird, egal was ich denke. Ich denke, dass es zwecklos ist, sich gegen ihn zu stellen. Er ist mächtig geworden, Hermione. Nicht nur als Magier, auch wenn ich keinen mächtigeren Zauberer kenne, auch durch seine Gefolgsleute. Er hat diese Art, Menschen zu gewinnen, sie zu überzeugen. Er wird gewinnen, und ich will nicht gegen ihn kämpfen. Er ist mein Bruder. Ich will, dass wir sicher sind, dass unsere Kinder sicher sind. Ich weiß, dass du tun musst, was du für richtig hältst. Ich glaube sogar, dass das, was du tun willst, bewundernswert und nobel ist. Ich glaube nur, dass es vergeblich sein wird. Er hält dich nicht einmal für einen ernst zu nehmenden Gegner."
Ihre Hände klammerten sich um die Sessellehne, bis ihre Knöchel weiß hervortraten. „Ich habe diese Art der Apathie immer verabscheut."
Er lächelte traurig. „Ich weiß. Aber du liebst mich trotzdem, oder?"
„Ja", sagte sie widerwillig. „Auch wenn ich schwöre ich weiß manchmal nicht, warum."
Er trat vorsichtig auf sie zu und nahm sie in die Arme, erleichtert, als sie es zuließ. „Wir werden dies überleben", sagte er. „Das ist alles, was mir wichtig ist."
Sie lachte bitter, aber wandte sich nicht ab.
Er strich ihr die Haare aus dem Gesicht. „Ich habe ihn gebeten, Pate unserer Kinder zu werden."
Sie sah entsetzt zu ihm hoch und stieß ihn von sich. „Warum? Weil Edmund ein Muggel ist?"
Edmund hatte sich verfahren und war nicht auf die Idee gekommen, Hermiones Eltern anzurufen, bis die Hochzeit vorbei war. Ein simpler Confundus, wie ihn Auroren ständig verwendeten.
„Nein, auch wenn ich es nie für eine gute Idee gehalten habe. Er kann Taufpate sein, wenn du es willst." Sie hatten sich geeinigt, dass ihre Kinder getauft werden würden, da Hermiones Familie der englischen Kirche angehörte. Sie brauchten zwei Taufpaten dafür, da Draco natürlich nicht konvertieren würde. Weder Hermione noch ihre Eltern nahmen ihre Religion besonders ernst, aber sie wollte, dass ihre Kinder die Möglichkeit hatten, sich später zu entscheiden, was sie wollten, und diese Tradition kennenlernten. Draco hatte nichts dagegen, auch wenn er es ganz bestimmt nicht seinen Eltern gesagt hatte. Er hatte mit Hermione und ihren Eltern ein paarmal den Gottesdienst besucht, zu Ostern und Weihnachten. Es war nur eine bedeutungslose Zeremonie, bei der sich Leute aus ihrer Gemeinde trafen und unterhielten, eine gesellige Veranstaltung, weiter nichts.
Vielleicht hatte es früher einmal etwas anderes bedeutet, aber die heutigen Muggel glaubten nicht mehr wirklich an das, was in ihrer Bibel stand, und was sie vor Jahrhunderten gefährlich gemacht hatte. Es waren Fabeln für sie, philosophische Metaphern. Es sah keinerlei Problem darin.
Die Patenschaft bei einer Zaubererhochzeit war keine philosophische Metapher. Es war ein Schwur, der niemals gebrochen werden konnte. „Als ich dir gesagt habe, dass es nur eine Formalität ist, habe ich gelogen", sagte er. „Es ist sehr viel mehr als das. Er wird nun niemals in der Lage sein, unseren Kindern zu schaden, egal was passiert, egal, was sie tun. Mehr als das, er muss sie beschützen. Unsere Kinder werden sicher sein, vor ihm, und vor seinen Schatten."
Hermione seufzte und schüttelte ihren Kopf. Sie sah enttäuscht und traurig aus. „Ich verstehe." Sie biss sich auf die Lippen. „Ich hoffe, dass du recht hast." Sie sah zu dem Denkarium. „Ich habe dir auch etwas verschwiegen."
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„Guten Abend, Minister."
Percy sah auf und musterte den dunkelhaarigen Mann, der gerade eingetreten war.
„Wie sind sie hier hereingekommen?" Es war spät am Abend, aber er erwartete mehr von Penny. Wenn er schon eine Aurorin hatte, die sich als Sekretärin ausgab – und bei Merlin, sie war alles andere als gut darin – dann erwartete er zumindest, dass sie aufmerksam genug war, nicht alle Welt in sein Büro marschieren zu lassen.
„Wir sind uns auf der Hochzeit der Malfoys begegnet", sagte der Mann. „Haben Sie das schon vergessen? Sie haben mir gesagt, ich sollte mit Ihnen in Kontakt bleiben."
Er erinnerte sich plötzlich, wo er denn Mann zuletzt gesehen hatte. „Als ich das gesagt habe, dachte ich, dass Sie mir einen Brief schreiben würden."
Der Mann grinste breit. „Ich weiß, dass alle Eulen, die an Sie adressiert sind von Ihrem Büro empfangen werden. Ich wollte mit Ihnen reden, nicht mit Ms. Maisel, auch wenn ich sicher bin, dass sie sehr gut in dem ist, was sie tut."
Percy runzelte die Stirn. „Wie war noch mal Ihr Name?"
Der Mann setzte sich in den schwarzen Sessel gegenüber von Percys Schreibtisch und schlug die Beine übereinander. „Sie können mich Sayyid nennen, Percy. Ich kann Sie doch sicher Percy nennen, oder? Ich habe das Gefühl, wir könnten alte Freunde sein."
„Ich kann mich nicht erinnern, Sie vor der Hochzeit jemals gesehen zu haben, und wir haben nur ein paar Minuten miteinander geredet", sagte Percy kühl. Er hatte ein ungutes Gefühl, aber er zögerte, die Auroren zu rufen. Er wollte wissen, was der Mann wollte. Es wirkte nicht so, als wenn er ihn umbringen wollte. Percy wusste, wie das aussah. Er hätte nicht so lange überlebt, wenn er keine guten Instinkte hätte.
„Die Vergangenheit ist eine eigenartige Sache, nicht wahr? Wir versuchen, sie zu vergessen, und dann sucht sie uns plötzlich und unerwartet heim. Es ist unmöglich, ihr zu entkommen. Es wundert mich nicht, dass es viele Dinge gibt, die Sie vergessen haben, Minister. Erinnern Sie sich zum Beispiel, wie Sie auf diesen Stuhl gekommen sind? Wer Ihnen hinaufgeholfen hat?"
„Meine Freunde. Meine Familie. Meine Wähler, deren Treue ich immer versuche, gerecht zu werden." Percy ließ seinen Blick über sein Büro schweifen, die Pressefotos an der Wand, seine guten alten Bücherregale mit sorgfältig ausgewählter Literatur. Das erste, was er getan hatte, als er zurückkam, war, das Büro exakt so wieder einzurichten, wie er es verlassen hatte. Einige Bilder waren jedoch für immer verloren. Sie hätten nun ohnehin nicht mehr gut gepasst.
„Blaise Zabini war eine fabelhafte Wahlkampfmanagerin, nicht wahr? Es gibt viele Dinge über sie zu sagen, aber diese Frau wusste, was sie tat. Denkst du, deine Wähler erinnern sich daran, Percy? Sie hat damals ziemlich im Hintergrund agiert, also war es nicht allzu schwer, sie zu vergessen. Es wird wahrscheinlich niemals wieder jemand erwähnen, falls es niemand in Erinnerung ruft."
„Soll das ein Erpressungsversuch sein?", fragte Percy abfällig. Irgendwie hatte er mehr erwartet. „Ich wusste damals nicht, was sie war. Niemand wusste das. Ja, sie war gut in dem, was sie getan hat. Darum habe ich sie eingestellt. Ich mochte sie nie besonders, deswegen habe ich sie entlassen, sobald der Wahlkampf vorbei war."
Der Mann lachte leise. „Wir beide wissen, dass sie zu dir gekommen ist, Percy, und dass sie nie auch nur eine einzige Galeone von dir bekommen hat. Der jüngste Zaubereiminister in dreihundert Jahren. Denkst du wirklich, das wäre jemals passiert, wenn es nicht jemand gewollt hätte?"
Percy verkrampfte seine Hand um die Stuhllehne. Er hatte nie zu sehr darüber nachgedacht, auch wenn er immer einen Verdacht gehegt hatte. Es führte zu anderen Gedanken, mit denen er sich lieber nicht beschäftigen wollte. Zum Beispiel, dass sein Vater so plötzlich zu genau dem Zeitpunkt gestorben war, an dem Percys Wahlkampagne auf der Kippe stand.
„Was du da andeutest ist doch einfach lächerlich. Während ich Minister war, hatten wir die effektivsten Auroreinsätze seit Jahren. Ich musste dieses Land verlassen, weil ein Anschlag auf mein Leben verübt wurde."
„Weißt du, warum er dir geholfen hat, Minister zu werden? Weil du ein Pragmatiker bist, Percy. Du hast auf Ratschläge gehört, wenn es zu deinem Vorteil war. Es hat es einfach gemacht, die Dinge vorwärts zu bringen, die wichtig waren, während die Zaubererwelt sich sicher fühlte. Das habe ich immer an dir gemocht. Du bist ein Mann, der seine Prioritäten kennt."
Percy stand ruckartig auf und schwenkte seinen Stab. Den Zauber, den er gesprochen hatte, hatte er schon in der Schule gelernt, und er hatte ihm immer gut gedient. Ein Zauber, um zu verhindern, dass jemand zuhörte oder Aufzeichnungen machte, und jede Denkariumerinnerung gefälscht erscheinen lassen würde. Er trat einen Schritt von seinem Schreibtisch zurück, um mehr Abstand zwischen sie zu bringen. Das Büro kam ihm plötzlich zu klein vor.
„Du hast mich benutzt!"
Der Mann – Tigris, Percy hatte ihn nicht lange nach seiner Ankunft erkannt – sah ein wenig beeindruckt aus.
„Und du mich nicht? Ich denke, wir beide haben bekommen, was wir gewollt haben, oder nicht?"
„Was ich wollte? Ich wollte nicht, dass jemand in mein Büro kommt und versucht, mich umzubringen. Ich wollte nicht jahrelang von einem Nest im Nirgendwo zusehen, wie verrückte Terroristen mein Land zerstören und meine Leute ermorden. Es war kalt. Es war dunkel. Ich sage dir, Albträume sind verdammt Scheiße in einem Land, in dem es die Hälfte des Jahres Nacht ist! Ich wollte nicht in eine Ruine dessen zurückkehren, was ich einmal als Heimat bezeichnet habe, zu einer Familie, die traumatisiert ist, mit einer Frau, die es in unserem Haus kaum aushält, und drei Kindern, die Englisch für eine lustige Zweitsprache halten. Ich wollte nicht Minister eines Landes sein, das die ganze restliche Welt mit Mitleid betrachtet, sich insgeheim fragend, ob wir uns jemals erholen werden!" Percy wurde sich bewusst, dass er schrie, und holte tief Luft. Er verlor selten die Beherrschung.
Tigris lehnte sich in seinem Stuhl zurück und musterte ihn. „Ich wollte nicht von deinem Bruder gefoltert werden, was ich übrigens nur durch die zweifelhafte Gnade eines kapriziösen Schwarzmagiers überlebt habe. Ich wäre beinahe den Rest meines Lebens blind gewesen. Was würde die Öffentlichkeit wohl dazu sagen? Ich trage es dir nicht nach, wir hatten beide schließlich unsere Verpflichtungen. Mein Versprechen an dich war allein, dich zum Minister zu machen. Du bist Minister geworden, und bist es noch immer. All der Rest waren lediglich unglückliche Umstände, an denen wir beide nichts ändern konnten."
Percy biss die Zähne zusammen und rieb sich über die Stirn. „Was willst du hier?"
„Ist das nicht offensichtlich? Ich will, dass du dich mir anschließt."
Percy lachte. „Du musst verrückt sein."
„Warum? Wir beide wissen, dass du ohne mich nicht in diesem Amt überleben würdest. Vier Monate, bis es Neuwahlen gibt, und die Wählerschaft ist vollkommen gespalten. So wie es im Moment aussieht, wird es in Chaos und Anarchie enden. So kann dieses Land nicht wieder aufgebaut werden. Du bist ein kluger Mann Percy, du weißt es ist nicht alles einfach verschwunden. Denk darüber nach, was ich für dich tun könnte. Ich könnte einen Mann mit deinem einzigartigen je ne sais quois gebrauchen. Wir haben schließlich immer gut zusammengearbeitet. Wir haben den Zusammenbruch gesehen. Lass es uns zusammen aufbauen."
Das Lächeln, das sich auf Percys Lippen stahl, war einstudiert und automatisch. Er setzte sich wieder und musterte sein Gegenüber. Tigris Malfoy war ein kluger Mann, aber auch ein sehr gefährlicher. Er fragte sich einen Moment lang, was Spencer-Moon wohl getan hätte, wenn Riddle nach Grindelwalds Tod mit einem solchen Angebot zu ihm gekommen wäre. Würde die Welt nun anders aussehen? Wahrscheinlich hätte es nur schneller zur Zerstörung geführt. Er wusste auch, dass Tigris anders war als Riddle.
Das alles spielte jedoch nicht wirklich eine Rolle. Die Frage war, ob er dachte, dass Tigris am Ende gewinnen würde. Wie würde das aussehen?
„Ich mache mir ein wenig Sorgen um deinen Bruder", sagte er, „und das, was er Dumbledore erzählt."
„Kein Grund zur Sorge."
Percy nickte. Er hatte das Gefühl gehabt, dass dies alles zu glücklich ausgegangen war.
„Was hast du mit meiner Sekretärin gemacht?"
„Auror Maisel? Ich habe ihr gesagt, sie soll sich einen Kaffee holen gehen."
Es war ein Fehler gewesen, so viele bestehende Mitarbeiter des Ministeriums zu behalten, das hatte Percy immer gewusst, aber was sollten sie tun? Der Betrieb musste weitergehen.
Die meisten von ihnen hatten nie etwas getan, das eine Entlassung gerechtfertigt hätte. Sie taten nie etwas, was ihnen Probleme einbrachte. Deswegen waren einige wenige engagierte Leute an der Spitze notwendig, die das Schiff in die richtige Richtung lenkten.
Er stellte keine asinine Frage wie „Wie viele?". Tigris wäre nicht hier, wenn es nicht genug wären.
„Warst du wirklich Harry Potter?", fragte er stattdessen.
Tigris lachte und nickte. „Kaum zu glauben, nicht wahr?"
„Unfassbar. Wie ist das passiert? Ich bin dem Jungen begegnet, und ich habe immer gedacht er wäre nichts als eine ahnungslose Spielfigur mit einem kurzen Haltbarkeitsdatum."
Tigris sah einen Moment nachdenklich aus. „Ich habe mich weiterentwickelt."
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„Warum denkst du, dass wir dich jemals unterstützen würden?" Die Stimme des Unsäglichen war ohne jede Betonung. Tigris konnte seine Gedanken nicht lesen, aber er hatte auch nicht damit gerechnet.
„Du bist gekommen."
„Unsere Loyalität gehört dem Ministerium."
„Was willst du damit ausdrücken? Soll ich wirklich glauben, dass ihr die Wahrheit nicht wisst? Das wäre sehr enttäuschend. Vielleicht habe ich mir zu viel erhofft."
„Nein." Der Mann schwieg einen Moment. „Du denkst, ich könnte aufgrund meiner Position für uns alle sprechen. Du verstehst nicht, was wir wirklich sind. Ich kann dir nicht geben, was du willst. Aber ich kann dir etwas anderes geben."
Der Mann schlug die Kapuze seiner Robe zurück. Tigris wich überrascht zurück.
„Sameth?"
Der Mann grinste. „Überrascht? Ich habe nicht viel mit meiner Schwester gemeinsam, aber das heißt nicht, dass ich nicht meine eigenen Ambitionen hatte."
„Bist du nicht zu jung?" Tigris hatte immer gedacht, Croaker wäre einer der ältesten und erfahrensten Unsäglichen.
„Ich habe andere Talente."
Tigris hatte immer gewusst, dass Sameth Zabini genauso intelligent wie seine Schwester war, aber er hatte ihn während des Krieges aus den Augen verloren. Er hatte gewusst, dass er sich nie Voldemort angeschlossen hatte, aber sein Verschwinden hatte ihn denken lassen, dass er während des Krieges umgekommen war. Nun wusste er, was wirklich geschehen war.
Sameth grinste, und kniete sich hin, die Hand ausstreckend. „Ich habe mich dir schon einmal angeschlossen. Wirst du es mich wieder tun lassen?"
Das war ein überraschendes Geschenk, das Tigris so nicht erwartet hatte. Er hatte von diesem Treffen mit Croaker nicht viel erwartet, wenn er ehrlich war. Das Beste, was er sich erhofft hatte, war, dass sie nicht gegen ihn arbeiten würden. Er ergriff Sameths Hand.
„Schwörst du, mir als deinem Anführer zu folgen und mit deinem Leben, deinem Geist und deiner Magie unserer Sache zu dienen? Schwörst du unsere Geheimnisse zu bewahren und alle die mit dir geschworen haben zu beschützen?"
Sameth lächelte. „Ich schwöre es."
Von einem Moment auf den anderen lag sein Geist ihm offen, und Tigris wurde bewusst, welchen Fehler er begangen hatte. Es war zu gut gewesen, um wahr zu sein, er hätte das wissen müssen.
Sameth lachte. „Du hast bekommen, was du wolltest, mein Lord. Es hat nur einen gewissen Preis gekostet, aber gilt das nicht für alles im Leben?"
Die Unsäglichen hatten ihre eigenen Eide, und keinen wirklichen Anführer. Es war auch nicht notwendig, denn einer von ihnen war nicht viel anders als alle von ihnen. Sie hatten Sameth geschickt, weil sie gewusst hatten, dass Tigris ihn nicht ablehnen würde. Er hatte den Schwur für alle von Ihnen gesprochen, doch es hieß auch, dass Tigris weit mehr bekommen hatte, als er erwartet hatte.
„Ein Teil von uns für dich, ein Teil von dir für uns. Sicherlich kannst du verstehen, dass wir es diesmal nicht dem Zufall überlassen konnten."
Tigris verstand das. Er verstand das nur zu gut. Das hieß nicht, dass er nicht wütend sein konnte, dass er auf ihren Trick hereingefallen war.
Die Unsäglichen hatten geschworen, die Zaubererwelt zu beschützen. Dieser Schwur war Teil ihrer Gedanken. Er verband sie miteinander – und nun mit ihm.
„Es ändert nicht das Geringste", zischte Tigris. „Ich habe nie etwas anderes gewollt, als die Zaubererwelt zu beschützen. Wir verfolgen das gleiche Ziel!"
„Das hast du uns gesagt, und ich glaube dir", sagte Sameth. „Und nun wissen wir es."
Tigris war versucht, ihn zu verfluchen, aber er wusste, er würde sich dadurch nicht besser fühlen.
Sameth stand auf und grinste. „Du bist bereits klüger als dein Vorgänger! Welch positive Überraschung! Ich habe das Gefühl, dies wird der Beginn einer wunderbaren Freundschaft werden. Abgesehen davon, du hast meine Schwester umgebracht. Auch wenn du der Welt damit einen Gefallen getan hast, ich habe meine Schwester geliebt."
„Ich habe bedauert, was aus ihr geworden ist", sagte Tigris. „Sie hat mir keine Wahl gelassen."
Sameth neigte zustimmend den Kopf. „Wir sollten die Vergangenheit nun ruhen lassen, und neu beginnen. Wenn du uns brauchst, kannst du mich rufen. Du weißt, was du von uns verlangen kannst, und was nicht."
Er war zu wütend, um etwas darauf zu erwidern.
Sameth lachte. „Bis zum nächsten Mal, mein Lord."
Er zog die graue Kapuze wieder über seinen Kopf, verbeugte sich, und verschwand.
Tigris starrte auf den Punkt, an dem er verschwunden war. Es hatte einen Preis gekostet, aber was er gesagt hatte war dennoch die Wahrheit - es änderte nicht das Geringste an seinen Plänen.
Er mochte es hassen, an ein Versprechen gebunden zu sein, dass er nicht freiwillig gegeben hatte, aber er hätte problemlos darin einwilligen können, wenn sie gefragt hätten.
Er würde sie beschützen – auch vor sich selbst, wenn es notwendig sein sollte. Die Unsäglichen hatten immer das Gleiche getan. Sie waren dabei nicht immer erfolgreich gewesen, aber die Regeln, die sie gehindert hatten, galten nicht für ihn. Er würde sie zum Erfolg führen – auch wenn es nicht der sein mochte, den sie wollten.
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„Und am Ende fielen drei Äpfel herunter, einer für Mama, einer für Orion und Lyra, und einer für unsere Helden. Und damit lebten sie alle glücklich bis an ihr Lebensende."
Der kleine Junge kuschelte sich in die Kissen, bereits halb eingeschlafen. Das dunkelhaarige Mädchen jedoch runzelte die Stirn. „Das kann doch nicht alles gewesen sein", protestierte sie. „Was passierte denn, nachdem sie geheiratet haben? Was passierte mit all den anderen Leuten in der Geschichte?"
Die Mutter lächelte. „Das ist das Ende."
Ihre Tochter verzog trotzig den Mund und Khairiah stellte amüsiert fest, wie sehr der Blick ihrer müden blauen Augen sie an ihren Ehemann erinnerte. „Das ist nicht fair. Ich will wissen…"
Sie beugte sich zu Lyra herunter und legte ihren Finger auf ihre Lippen. „Mein Liebling, jede Geschichte geht einmal zu Ende, aber in jeder Geschichte liegt der Beginn von lauter neuen Geschichten, denn jede wirkliche Geschichte ist unendlich. Ich könnte sie dir nun erzählen, aber es ist spät, und ihr müsst morgen wieder früh aufstehen. Es ist eine andere Geschichte, und soll ein anderes Mal erzählt werden. Gute Nacht, mein Schatz. Träume etwas Schönes."
Das Mädchen verschränkte die Arme. „Ich bin noch nicht so müde."
Sie seufzte resigniert und lachte leise. „Also gut. Eine erzähle ich noch, aber nur eine kurze…und den Rest müsst ihr euch selber ausdenken." Sie zwinkerte. „Wer weiß, vielleicht erzählt ihr mir ja dann irgendwann eine dieser Geschichten, die übrig sind. Ich wäre jedenfalls sehr gespannt darauf, sie zu hören."
Vielen Dank für all eure Reviews an: Thorrus, Jok3r, Guest, LeutnantDark, Loyan, mimaja
Dieses Kapitel war das schwierigste Kapitel in dieser ganzen Geschichte, wer das glauben mag. Ich habe es unzählige Male umgeschrieben und bin noch immer nicht wirklich zufrieden… oder vielleicht ist das nur so weil diese Geschichte nun doch schließlich endet. Vor langer Zeit hat sich einer meiner Reviewer einmal gewünscht, dass diese Geschichte ein Happy End hat. Reviewer von damals, ich weiß nicht, ob du diese Geschichte noch immer liest, aber dieses Kapitel ist für dich.
Das nächste (letzte) Kapitel habe ich schon geschrieben, als ich diese Geschichte angefangen habe, und über die Jahre noch hier und da ein paar Kleinigkeiten ergänzt.
