Kapitel 02: Chances

Schweigend verließ Natalia das Hotel, während Clint Barton ihr seine Waffe an den Rücken drückte. Sie war nicht in der Lage, sich aus den Handschellen zu befreien, aber sie hatte trotzdem keinen Zweifel daran, dass Clint Barton die Wahrheit gesagt hatte. Wenn sie etwas versuchen würde, würden die Handschellen sie betäuben. Als ihr Adrenalinspiegel langsam abzubauen begann und der Schock über die Verletzung nachließ, trübte der stechende Schmerz ihres gebrochenen Arms jede Klarheit, die sie gehabt hatte. Und sie wollte sich nur noch hinsetzen.

Clint Barton führte sie aus dem Hotel und in eine Gasse dahinter. Ein großer, schwarzer Van stand mit laufendem Motor bereit, und als sie und Clint Barton sich näherten, wurde die Tür des Vans geöffnet. Ein junger Mann streckte seinen Kopf heraus; er war ähnlich gekleidet wie Clint – ganz in schwarz, mit taktischer Ausrüstung und einer Waffe an der Hüfte. Das Einzige, was ihn von dem blauäugigen Attentäter, der sich an Natalia festhielt, unterschied, war das Headset, das der Mann im Van auf dem Kopf trug. Die Augen des Mannes wurden groß, als er Natalia sah.

»Scheiße, Scheiße, Scheiße. Barton, was hast du getan?» zischte er auf Englisch.

»Ganz ruhig Palmer», antwortete er ebenfalls auf Englisch. »Nimm sie und setz sie hinein. Ich fahre.»

»Moment, ich soll hinten bei ihr sitzen? Du willst, dass ich neben ihr sitze?», schimpfte der Mann namens Palmer. Sein Blick wanderte zurück zu Natalia, die trotz des Schmerzschleiers, der sich über sie gelegt hatte, versuchte, ihren amüsierten Gesichtsausdruck zu unterdrücken. Offensichtlich hatte sie den Mann verunsichert, und sie genoss die Reaktion, die sie ihm entlockte.

»Sie hat Taser-Handschellen kann dir nichts antun», sagte Clint Barton. »Was, hast du Angst, dass sie dich angreift?»

»Ja», erwiderte Palmer.

»Du bist schlau.» Barton wartete darauf, dass Natalia hinten in den Wagen stieg, was sie widerstandslos tat, Das schien ihn zu überraschen, seinem Blick nach zu urteilen. Sie hätte sich wehren können, sie hätte bei jedem Schritt um sich schlagen und treten können, aber es hätte keinen Sinn gehabt. Sie war in Gefangenschaft. Sie war in Gefangenschaft, und sie war müde, und sie hatte starke Schmerzen. Sobald sie dort angekommen wäre, wohin man sie brachte, und es ihr besser ging, würde sie herausfinden, wie sie von dort ausbrechen könnte. Sie hatte es schon einmal geschafft, und sie würde es wieder tun.

Sie setzte sich neben Palmer auf den Platz auf dem Rücksitz und sah sich um. Schon ein erster kurzer Blick über den kleinen, begrenzten Raum zeigte ihr, dass sie sich in einem mobilen Technikzentrum befand. Palmer blieb vor einem Computer mit allen möglichen elektrischen Geräten und Satelliten sitzen. Vorsichtig beobachtete er, wie sie ihn beobachtete, presste die Lippen aufeinander und runzelte unangenehm die Stirn.

»Wir sind so am Arsch», murmelte er laut, aber sie wusste, dass er mit sich selbst sprach und nicht mit ihr. Seufzend rutschte er auf seinem Stuhl hin und her und behielt sie im Auge, als sich der Wagen in Bewegung setzte. Natalia spannte sich an, um nicht aus dem Stuhl zu fallen, und starrte Palmer an, beobachtete nur, wie seine Angst unter ihrem unverändert leeren Blick zunahm.

Den Rest der Fahrt starrte sie ihn an. Sie wusste nicht, wie lange sie im Wagen gesessen hatte, und es interessierte sie auch nicht mehr besonders. Zu diesem Zeitpunkt wollte sie nur noch aussteigen und sich verbinden lassen, bevor sie versuchte zu fliehen. Solange sie einen Blick auf den Ort draußen werfen konnte, würde sie wissen, wo sie sich im Verhältnis zu ihrem Hauptquartier befand und wie sie zurückkommen konnte.

Der vordere Teil des Vans, in dem der Fahrer saß, war von ihrer Sichtlinie abgeschnitten, so dass sie Clint Barton nicht sehen konnte. Er hatte außer seinem Namen nichts über sich selbst gesagt, aber selbst diese kleine Information reichte ihr aus, um sie gegen ihn einzusetzen. Sobald sie frei war, konnte sie ihn töten. Und selbst wenn sie ihn bei ihrer ersten Flucht nicht tötete, würde sie die Freiheit haben, ihn zu jagen und zu töten. Sie würde dafür sorgen, dass sie es tat.

Es war etwas an der Art, wie er so empfindlich auf Geräusche reagierte, die Art, wie er so strahlend und glücklich lächelte. Die Art, wie seine Augen so blau waren ... all das beeindruckte sie, und sie wusste, dass es nur an der Art lag, wie die Nacht verlaufen war. Es war die Art von Nacht, in der nichts so zu laufen schien, wie sie es wollte. Und diese Arten von Nächten waren für sie inakzeptabel. Sie war darauf trainiert worden, besser zu sein - sie war darauf trainiert worden, zu gewinnen. Und als sie im hinteren Teils des Wagens saß, war der einzige Gedanke, der ihr durch den Kopf schoss, wie Clint Barton ihr alles vermasselt hatte. Er hatte ihr Ziel getötet und sie gefangen genommen, und er hatte sogar so getan, als würde er ihr einen Gefallen tun. Die Sache mit Natalia war, dass sie keinen Gefallen annahm. Niemand tat jemandem einen Gefallen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, und sie hatte schon vor langer Zeit gelernt, niemals auf diese Weise in der Schuld eines anderen zu stehen. So zu leben war gefährlich und führte nur zu Verwundbarkeit.

Plötzlich wurde der Wagen langsamer und der Motor schaltete sich ab. Ihr wachsamer Blick glitt zu Palmer hinüber und sie bemerkte, dass er sichtlich erleichtert war, jetzt, da sie am Ziel waren. Von vorne hörte sie, wie Clint Barton aus dem Fahrersitz stieg und zur Seite des Wagens ging, wo sich die Tür öffnete. Innerhalb von Sekunden schob sich die Tür des Wagens auf und er schaute zu ihr herein.

»Wir sind da!» verkündete er. Ohne noch länger zu warten, stieg Palmer aus dem Wagen und lief los. Clint sah seinem Partner ein paar Sekunden lang schweigend und fast nachdenklich hinterher. Dann richtete er seinen Blick wieder auf Natalia. Als er sprach, erfüllte sein leicht verständliches Russisch den kleinen Raum zwischen ihnen. »Ich hoffe, er war nicht zu unhöflich. Er ist es nicht gewohnt, im Außendienst zu arbeiten. Er ist ein Techniker. Er bleibt gerne bei seinen Computern.»

Natalia sprach nicht. Sie starrte ihn nur an und hoffte, dass der körperliche Schmerz, den sie empfand, nicht in ihrem Gesicht zu sehen war. Sie kämpfte gegen den Schmerz an, der in ihrer linken Körperhälfte brannte, und zwang sich, ihren Gesichtsausdruck so leer und gefühllos wie möglich zu halten.

»Kommst du selbst raus, oder muss ich dich rausholen? Wir müssen zu dem großen Mann gehen. Schau vorzeigbar aus.« Er grinste sie genauso an wie vorhin, und sie spürte, wie ihr Blut wieder zu brodeln geriet. Sie kniff die Augen zusammen, aber stand auf und verließ den Wagen, wobei sie die Zähne zusammenbiss, um keine Schmerzenslaute von sich zu geben. Palmer stand in einem gewissen Abstand seitlich von ihr und dem Wagen und stieß einen leisen Pfiff aus.

»Wir sind so am Arsch», murmelte er. Ob Clint Barton die gleiche Meinung wie Palmer hatte oder nicht, konnte Natalia nicht sagen. Er behielt den gleichen leichten und lockeren Gesichtsausdruck bei, als er sie vorwärts stieß, und ohne ein Wort zu sagen, begann sie zu gehen. In diesem Moment bemerkte sie, dass sie nicht draußen war, sondern drinnen. Es sah aus, als befände sie sich in einer Art Garage, aber es gab keine Fenster, so dass sie keine Ahnung hatte, wo sie war. Frustration durchströmte sie, aber sie achtete darauf, sich diese nicht anmerken zu lassen. Immer noch ausdruckslos und schweigend, richtete sie ihren Blick wieder nach vorn und lief weiter, wo Clint Barton sie hinführte.

Als sie den Flur entlang und durch einige Glasschiebetüren schritt, bemerkte sie, dass der Raum sehr kompakt war. Es waren keine anderen Menschen anwesend, aber die schwache Melodie eines Liedes, das irgendwo spielte, erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie war sich ziemlich sicher, dass sie es noch nie gehört hatte, und sie konnte es nicht genau hören, um zu sagen, ob es ihr gefiel. Aber sie konnte die Musik zu ihrem Vorteil nutzen. Das Lied konnte einen Hinweis darauf geben, wo sie sich befand, wen sie treffen würde oder welche Organisation sie gerade in Gewahrsam hatte. Clint Barton führte sie den Flur hinunter und die Treppe hinauf, ohne auch nur ein Wort zu ihr zu sagen. Nicht, dass es Natalia etwas ausmachte. Sie würde es vorziehen, wenn Clint Barton den Mund halten würde, solange er konnte.

Schließlich schob Clint Barton sie bis zum Ende des Flurs, wo sich die letzte verbliebene Tür befand. Er sah sie nicht an, bevor er an die Tür vor ihnen klopfte. Ohne ihn ansehen zu müssen, spürte Natalia, dass Palmer hinter ihr stand, und seine Nervosität strahlte in heißen Wellen von ihm ab, die sie nur ärgerten. Dieser Vorfall war eine riesige Zeitverschwendung; wer auch immer dieser »große Mann» war, zu dem Clint Barton sie bringen wollte, er würde ihr genauso wenig helfen können, wie jeder andere es jemals getan hatte.

»Kommen Sie herein», rief eine Stimme. Clint Barton griff an Natalias Arm vorbei, darauf bedacht, sie nicht zu berühren, drehte den Türknauf und stieß die Tür auf. Mit einem Klaps auf ihren Rücken ermutigte er sie, nach vorne zu gehen, und sie pirschte sich in den Raum. Ein Mann saß an einem Schreibtisch vor ihr, den Blick auf ein Blatt Papier vor sich gerichtet. Er hielt einen Stift in der Hand, während er etwas auf das Papier kritzelte, und obwohl sein Kopf nach unten geneigt war, konnte sie erkennen, dass er eine Augenklappe trug.

»Mission erfüllt?» fragte der Mann.

»Status fraglich», antwortete Clint Barton. Seine Stimme war völlig anders. Der Clint Barton, der Natalia gefangen genommen hatte, war locker und fast albern gewesen, aber der Clint Barton, der vor diesem Mann am Schreibtisch stand, war alles andere als locker und albern. Er war ernst und sogar befehlend. Palmer ließ sich auf Natalias anderer Seite nieder, und sie brauchte ihn nicht anzusehen, um zu wissen, dass er alle paar Sekunden einen Blick auf sie warf. Palmers Angst stieg, je länger er in ihrer Nähe war, aber Clint Barton zeigte keinerlei Anzeichen dafür, dass er sich von der Anwesenheit der berühmten Black Widow beeinflussen ließ.

»Was zum Teufel wollen Sie-» der Mann sah auf und verstummte, als sein dunkelbraunes Auge – und seine Augenklappe – Natalia erblickte. »Zur Hölle, nein. Zur Hölle, nein. Barton, das waren nicht Ihre Befehle.»

»Ich verstehe, Sir», antwortete Clint Barton gleichmäßig. »Ich habe sie stattdessen hergebracht.»

Natalia wurdesofort neugierig; wer war dieser Mann für Clint Barton? Und wie lauteten Clint Bartons ursprüngliche Befehle? Es war klar, dass Palmer recht gehabt hatte, als er gemurmelt hatte, wie sehr sie im Arsch waren, aber sie verstand nicht, warum. Ihr Blick wanderte zwischen dem Mann am Schreibtisch und dem Mann mit den blauen Augen neben ihr hin und her, darauf achtend, ihr Gesicht ausdruckslos und uninteressiert zu halten, trotz ihrer Neugier.

»Verdammt noch mal, das waren nicht Ihre Befehle. Dies war keine Gefangennahme-Mission, Barton. Dies war eine Tötungsmission.» Der Mann warf Natalia einen finsteren Blick zu, als er aufstand, um Clint Barton direkt gegenüberzutreten. »Sie sollten jetzt nicht hier sein.»

Natalia starrte ihn an, ohne etwas zu sagen. Sie hielt ihr Gesicht hart und ihre Lippen fest aufeinander gepresst, um ihn herauszufordern, sie auf der Stelle zu töten. Bei der Erkenntnis, dass sie eigentlich tot sein sollte, wurde ihr der Mund trocken. Clint Barton war geschickt worden, um sie zu töten. Aber er hatte es nicht getan. Stattdessen hatte er sie zu diesem Mann gebracht, der sehr wütend darüber war, dass sie nicht tot war.

»Sir, ich habe nichts damit zu tun», meldete sich Palmer plötzlich zu Wort.

»Halten Sie die Klappe, Agent Palmer. Ich habe Sie einen Scheißdreck gefragt», schnauzte der Mann. Er richtete seinen Blick wieder auf Clint. »Was zum Teufel haben Sie sich dabei gedacht?»

»Sie kann uns von Nutzen sein», antwortete Clint Barton. »Es wäre eine Verschwendung eines guten Menschenlebens, sie zu töten.»

Natalia widerstand dem Drang, ihn hasserfüllt anzustarren. Er hatte sie also hergebracht, weil er ihre Fähigkeiten nutzen wollte. Sie wusste nicht, warum sie sich von dieser letzten Enthüllung überrascht oder gar verärgert fühlte. Sie war es gewohnt, dass die Menschen in ihrem Leben - vor allem die Männer - sie ausnutzen, weil sie ihnen Vorteile verschaffte, und bis jetzt schien Clint Barton ein weiterer von ihnen zu sein. Und doch bemerkte sie unter all der Wut, die sie über seine Aussage empfand, dass er gesagt hatte, es wäre eine Verschwendung eines guten Menschenlebens. Ein gutes menschliches Leben. Wenn er sie getötet hätte, dann hätte er das genommen, was er für ein gutes menschliches Leben hielt.

Natalia hatte in ihrem Leben schon mehr Folter- und Verhörtechniken erlebt, als sie zählen konnte. Sie war darin ausgebildet worden und hatte sie sogar selbst einstecken müssen, aber so etwas hatte sie noch nie erlebt. Meistens wurde sie beschimpft und missbraucht, auf jede erdenkliche Art und Weise misshandelt, aber noch nie hatte jemand etwas so Menschliches über sie gesagt. Sie wollte ihn ansehen, aber sie zwang sich, den Blick nach vorne zu richten.

»Ein gutes Leben?», wiederholte der Mann mit der Augenklappe. »Das ist die Black Widow, von der wir hier sprechen.» Er blickte sie wieder an. »Und nur damit Sie es wissen, ich weiß, dass Sie alles verstehen, was ich gerade sage.»

»Direktor Fury, Sie kennen ihre Geschichte. Man hat ihr nie eine zweite Chance gegeben, und ich denke, wir sind es ihr schuldig, ihr die Wahl zu lassen, was sie mit ihren Fähigkeiten anfangen möchte», sagte Clint Barton. Der Mann, der sich Direktor Fury nannte, seufzte laut und lehnte sich auf die Schreibtischkante, während sich sein stechender Blick in Clint Barton bohrte

»Sie haben Ihre Befehle direkt missachtet», sagte er. Zum ersten Mal schien Clint Barton zu zögern, und er blinzelte, sein Blick schwankte ein wenig, aber er riss sich zusammen, bevor Natalia seine Unsicherheit richtig einschätzen konnte.

»Ja, Sir. Das habe ich», sagte er. »Ich akzeptiere alle disziplinarischen Maßnahmen, die Sie für angemessen halten.»

»Das ist Blödsinn», murmelte Direktor Fury vor sich hin. Er sah zu Palmer hinüber. »Das ist die schlechteste Idee, die ich je in meinem Leben gehört habe.»

»Ja, Sir. Das ist es. Das ist die schlechteste Idee aller Zeiten», fügte Palmer hinzu. Ein Flackern der Verärgerung lief über Direktor Furys Gesicht, und er richtete seinen Blick wieder auf Natalia.

»Agent Barton, Sie haben sechs Monate Zeit, sie auszubilden. Wenn sie sich bis dahin nicht in Form gebracht hat, muss sie gehen», sagte er. Clint Barton blinzelte überrascht und war sichtlich verwirrt von dem, was Direktor Fury gerade gesagt hatte.

»Was ist mit meiner Disziplinar-?»

»Das ist Ihre Disziplinarstrafe», unterbrach Direktor Fury. »Ich ziehe Sie von allen anderen Missionen ab. Sie werden nicht mehr im Außendienst eingesetzt. Da Sie der festen Überzeugung sind, dass sie eine zweite Chance verdient, werden Sie in den nächsten sechs Monaten jeden Tag mit ihr arbeiten.»

»Ja, Sir», antwortete Clint Barton, ohne zu zögern.

Direktor Fury starrte Agent Palmer an. »Schauen Sie nicht so ängstlich. Sie waren nicht derjenige, der diese Entscheidung getroffen hat. Sie werden keine disziplinarischen Maßnahmen zu spüren bekommen.»

»Danke, Direktor», entgegnete Agent Palmer schnell und ohne Umschweife.

»Während ihrer Zeit hier bleibt sie in einer Arrestzelle. Wenn wir ins Hauptquartier zurückkehren, bekommt sie eine bewachte Zelle. Sie ist eine Gefangene und wird auch wie eine solche behandelt, es sei denn, sie kann das Gegenteil beweisen», fuhr Direktor Fury fort.

Clint Barton nickte kurz und deutlich zustimmend. »Natürlich, Sir.»

»Sie können gehen.» Direktor Fury musterte jeden von ihnen, bevor er sich in seinen Stuhl zurücksinken ließ. Clint Barton drehte sich zu Natalia um und schenkte ihr ein winziges Lächeln. Mit ausdruckslosem Gesicht ließ sie sich von ihm zu den Türen führen, um sie hinaus zu begleiten.

»Agent Barton», sagte Direktor Fury plötzlich. Clint Barton hielt inne und drehte sich um, um den Mann anzusehen. Natalia blickte weiter in die Richtung, in die sie gegangen war, und weigerte sich, einem von ihnen die Genugtuung zu geben, zu zeigen, dass sie wissen wollte, was Direktor Fury noch zu sagen hatte. Sie spürte, wie Clint Barton erwartungsvoll auf die Worte des Direktors wartete. »Denken Sie einfach daran, auch wenn Sie glauben, dass sie die Wahl einer zweiten Chance verdient hat... das nicht bedeutet, dass sie sie auch wählen wird.»

Natalia schluckte schwer.

»Ja, Direktor», antwortete Clint Barton, drehte sich um und nahm erneut Natalias guten Arm in die Hand, um sie in den Flur hinauszuführen. Sobald Agent Palmer die Tür hinter den dreien geschlossen hatte, stieß er einen erleichterten Seufzer aus und rieb sich die Augen hinter seiner Brille.

»Das war knapp. Ich dachte, du wärst erledigt», sagte er. »Ich war noch nie in meinem Leben so nervös.»

»Du hattest nur Angst, dass du Ärger bekommst», erwiderte Clint Barton schnaubend. »Aber hey, du bist aus dem Schneider. Du bist überhaupt nicht in Schwierigkeiten geraten.»

»Ja, das stimmt», stimmte Agent Palmer zu. Seine Augen musterten Natalia, und obwohl die Art, wie er sie betrachtete, nichts Sexuelles an sich hatte, verspürte sie den Drang, ihn zu schlagen, nur damit er aufhörte, sie anzuschauen. Sie war daran gewöhnt, dass Männer sie wie ein Tier ansahen, das sie kaufen konnten, und inzwischen war ihre Abneigung instinktiv und aus Gewohnheit entstanden. »Hey, ihr Arm ist gebrochen.»

»Ja, ich weiß», antwortete Clint Barton. Er sah Natalia an, seine Augen suchten ihr Gesicht ab, als ob er aktiv nach dem Guten suchte, von dem er glaubte, dass es in ihr steckte. »Wir werden dich auf die Krankenstation bringen.»

»Hast du das getan?» fragte Agent Palmer und betrachtete stirnrunzelnd die Art und Weise, wie Natalias Arm angeschwollen war und sich zu verfärben begonnen hatte. Clint Barton warf einen Blick darauf und zuckte nicht mit der Wimper.

»Ja», antwortete er. »Komm mit. Wir gehen auf die Krankenstation.» Er setzte sich wieder in Bewegung. »Die Krankenstation ist ziemlich cool, besonders für ein Flugzeug. Man würde nicht denken, dass ein Flugzeug ein nettes kleines medizinisches Zentrum hat, aber hey, wir sind irgendwie auf dem neuesten Stand der Technik.»

Natalia ließ ihren Blick zu ihm schweifen, aber sie behielt einen kühlen und distanzierten Gesichtsausdruck, als Clint Barton sie nach vorne schob und sie zu ihrem Ziel führte. Sie waren also in einem Flugzeug, dachte Natalia, während sie jedes Teil des Flugzeugs beäugte. Das würde erklären, warum alles so eng und klein war.

Clint Barton und Agent Palmer führten sie wieder die Treppe hinunter und in den Bereich mit den Glasschiebetüren, durch die sie zuvor gegangen waren. In diesem Raum befand sich eine weitere Glasschiebetür an der Seite, durch die die beiden Agenten sie führten. Als sich die Türen hinter den dreien schlossen, sah Natalia, dass sie sich tatsächlich in einem Krankenzimmer befand. Die Krankenstation schien leer zu sein, bis auf drei als Ärzte bekleideten Personen, die eifrig auf sie zukamen.

»Agent Barton, wie ist Ihre Mission gelaufen?», fragte eine brünette Frau im Laborkittel.

»Es hat eine andere Wendung genommen, als wir erwartet hatten, aber es war in Ordnung. Danke der Nachfrage, Susanna», antwortete Clint Barton, sein Lächeln frech, aber höflich und professionell. Natalia wollte mit den Augen rollen; natürlich würde er flirten. Kein Mann mit so blauen Augen und einem so strahlenden Lächeln wäre anders. Natalia starrte Susanna an, als diese einen Schritt nach vorne machte, um sie anzusehen.

»Was haben wir denn hier?» fragte Susanna.

»Das ist Natalia», erklärte er. »Ich habe ihr den Arm gebrochen. Sie war mein Ziel. Daher die Taser-Handschellen.»

Susanna zögerte, ihre Hände waren nur wenige Zentimeter von dem Stethoskop um ihren Hals entfernt, und ihre Augen weiteten sich, als sie begriff, was Clint Barton ihr sagen wollte. Natalia sah, wie Angst, Nervosität und Besorgnis auf Susannas Gesicht übergingen, und sie freute sich über diesen kleinen Sieg.

»Sie war Ihr Ziel?» fragte Susanna. Aufmunternd nickte Clint Barton, und er schenkte Natalia ein aufrichtiges Lächeln.

»Ja», sagte er. »Sie können ihr die Taser-Handschellen abnehmen.»

Susannas Blick huschte von Natalia zu Clint Barton. »Aber-»

»Ihnen passiert nichts.» Er zog die Waffe heraus, die er Natalia vorhin abgenommen hatte, und positionierte sie so, dass klar war, dass er schießen würde, wenn sie versuchte, anzugreifen. »Bitte versuch nichts. Ich bin müde, und ich glaube, du bist auch müde. Kann sie an dir arbeiten?»

Natalia blinzelte.

Clint Barton blinzelte zurück und sah dann zu Susanna hinüber. »Fang einfach an. Sie können mit ihr reden. Sie versteht Englisch. Sie will nur nicht mit Ihnen sprechen. Sie hat die ganze Zeit kein einziges Wort mit uns gesprochen.»

»Okay.» Susanna begann, die Taser-Manschetten abzunehmen, während die anderen Ärzte zu ihnen hinübergingen, um einen Blick auf ihren Arm zu werfen. Die Position, in der Natalias Arme gelegen hatte, war für ihre gebrochenen Knochen außergewöhnlich schmerzhaft gewesen, so dass es sich wie eine Oase in der Wüste anfühlte, endlich die Handschellen los zu sein. Und nach der einen Mission, auf die der KGB sie geschickt hatte, und die damit endete, dass sie drei Tage lang in der Sonora-Wüste gestrandet war, wusste sie definitiv aus Erfahrung, wie sich das anfühlte. Gott, sie kannte dieses Gefühl nur zu gut. Sie ließ zu, dass sich ihre Augen leicht schlossen, aber sie hielt ihre Wachsamkeit aufrecht.

»Fühlt sich besser an, nicht wahr?», fragte Clint Barton sie. Sie öffnete die Augen und starrte ihn an, beobachtete, wie er versuchte, sie zu lesen, und war zufrieden, dass er es nicht konnte. Susanna und die beiden anderen Ärzte arbeiteten leise mit ihr, und sie wehrte sich nicht. Stattdessen fügte sie sich und erlaubte ihnen, sie zu einem der Untersuchungstische zu führen. Natalia ignorierte die helfenden Hände, die ihr zur Seite standen, und setzte sich selbst auf den Tisch. Sie setzte sich auf die weiße, flache Oberfläche und nahm mit kühlem Blick auf, was alle um sie herum und mit ihr gemacht wurde.

»Ich bin Dr. Alicia Scott», stellte sich eine andere Ärztin mit dunklem Haar vor. »Ich werde heute aushelfen. Das ist Dr. Susanna Hutchinson, und das ist Dr. Jason Martino.»

Alle drei Ärzte bewegten sich schnell, als sie mit den Voruntersuchungen und den Vorbereitungen für das Röntgengerät begannen. Natalia blieb die ganze Zeit still, ihre Augen verfolgten jede einzelne Bewegung. Während des gesamten Prozesses hielt Clint Barton die Waffe bereit, immer eine halbe Sekunde davon entfernt, sie auf sie zu richten, aber sie wehrte sich nicht einmal. Sie wollte, dass ihr Arm wiederhergestellt wurde. Direktor Fury hatte gesagt, dass sie sechs Monate Zeit hätte, um sich zu erholen, und für Natalia waren sechs Monate eine ausreichende Zeitspanne, um einen Fluchtplan auszuarbeiten.

»Wie heißen Sie?» fragte Dr. Jason Martino. Natalia hob ihren Blick, und ihr leerer Gesichtsausdruck traf auf seine neugierige Mine. Es herrschte Schweigen, da sie nicht antwortete.

»Ihr Name ist Natalia», sagte Clint Barton. Natalia verengte ihre Augen nur ein wenig und warf ihm einen scharfen Blick zu. Es gefiel ihr nicht, dass er ihren Namen kannte; er sollte nur wissen, dass sie die Black Widow war und sonst nichts. Niemand sollte wissen, wer sie war, außer den Menschen, die sie geschaffen hatten.

»Natalia. So ein schöner Name», sagte Dr. Susanna Hutchinson leise. Sie blickte zu Clint Barton und Agent Palmer hinüber, als wolle sie sich bei ihnen melden, und dann sah sie wieder zu Natalia. »Ist er russisch?»

Natalia richtete ihre dunklen, wütenden Augen auf die Frau, und sie hielt ihren Blick aufrecht. Dr. Susanna Hutchinson wartete und begegnete ihrem Blick, aber als sie sah, dass sie nicht weiterkam, sah sie wieder zu Clint Barton hinüber.

»Ja», antwortete Clint Barton. Natalia hasste es, wenn jemand für sie antwortete, aber sie wusste, dass sie es sich selbst zuzuschreiben hatte, da sie absichtlich die Entscheidung getroffen hatte, nicht zu sprechen. Als die Ärzte ihren Arm röntgten, richteten und einen Gips anlegten, hielt sie den Mund und sprach kein einziges Wort.

Der Gips war erst ein paar Sekunden angelegt, als Natalia beschloss, dass sie ihn hasste. Sie hasste es, ein solches körperliches Zeichen der Schwäche zu sehen, und der Gips war genau das. Sich in eine Situation zu begeben, in der sie gefangen genommen werden konnte, war Schwäche, und der Schmerz, der durch ihren Körper schoss, war ebenfalls Schwäche. Die Ärzte hatten ihr jedoch eine ordentliche Dosis Schmerzmittel verabreicht, und sie spürte bereits, wie der stechende Schmerz ihres gebrochenen Arms abklang und in einem Teil ihres Verstandes verschwand, der sich nicht darum kümmerte. Sie nahm an, dass sie den Gips so sehr mögen konnte, um mehr von diesen Schmerzmitteln bekommen zu können. Aber jetzt, wo sie fertig war, wollte sie schlafen gehen. Sie wollte das Bewusstsein an dem einzigen Ort verlieren, den sie für sicher hielt - und selbst dann war die kleine, vom KGB bezahlte Wohnung nicht wirklich sicher - und so tun, als wäre dieser Tag nie geschehen.

Leider wurde Natalia ihr Wunsch nicht erfüllt. Sobald die Ärzte mit ihr fertig waren, wurde sie zu Clint Barton und Agent Palmer zurückgebracht. Clint Barton hielt ihr die Taser-Handschellen hin und forderte sie auf, sich umzudrehen.

»Ich weiß, dass dein Arm gebrochen ist, aber du hast Glück, dass sie verstellbar sind», sagte er. »Mit denen wirst du keine Schmerzen haben. Ich hätte sie schon früher angepasst, aber bevor die Ärzte deine Knochen wieder eingerenkt haben, hätte es nur noch mehr weh getan. Wahrscheinlich hätte es noch mehr Schaden angerichtet.»

Natalia betrachtete ihn ruhig, als er die Handschellen mit dem Taser einstellte und sie ihr anlegte. Ihr Arm befand sich in einem ungünstigen Winkel hinter ihrem Rücken, aber er hatte Recht gehabt, als er gesagt hatte, dass sie nicht viel Schmerz spüren würde, obwohl sie sich fragte, ob das daran lag, dass sie diese guten Schmerzmittel bekommen hatte.

Er begann, sie den Flur hinunter und zu einem anderen Ziel zu führen. Sie wollte wissen, wohin sie gingen, aber sie fragte nicht. Sie wollte noch nicht sprechen; sie wollte ihm diese Art von Genugtuung nicht geben. Leise brachteer sie zu einer Zelle, von der sie nur annehmen konnte, dass es ihre Arrestzelle war. Die Wachen und die Überwachungskameras außerhalb der Zelle waren nicht gerade unauffällig, und Natalia war schon in genug Zellen gewesen, um eine solche auch ohne den ganzen Schnickschnack zu erkennen. Clint Barton hielt sie an, drehte sich zu ihr um und nickte den Wachen zu.

»Hier trennen sich unsere Wege für diese Nacht. Ich denke, wir hatten beide ein paar ereignisreiche Stunden.» Er studierte sie, während sie ihn schweigend anstarrte. Sie starrte ihn immer an. »Ich werde dich morgen abholen. Dann können wir mit ein paar Sachen anfangen. Auch mit deinem kaputten Arm.»

Er sah zu den Wachen hinüber und nickte, und einer von ihnen lief zu ihr hinüber, während der andere die Tür zur Zelle öffnete. Clint Barton löste die Taser-Handschellen und übergab sie an die beiden. »Gute Nacht, Natalia. Schlaf gut.»

Natalia wurde klar, dass er sie verlassen würde, und plötzlich wollte sie nicht, dass er ging. Sie würde ganz allein in dieser Zelle sein, und das wollte sie nicht. Sie drehte sich zu ihm um und spürte, wie die Panik in ihrer Brust anschwoll, und er sah sie an. Mit diesem einen Blick berührten seine Augen die ihren. Er blieb stehen und beobachtete aufmerksam, wie die Wachen sie in die Zelle brachten.

Das Letzte, was sie sah, bevor die Tür geschlossen wurde, waren die blauen Augen von Clint Barton.