XXIV.
Die Lichtung vor dem Bunker hatte sich in ein improvisiertes Feldlazarett verwandelt. Man hatte in aller Eile ein paar große Zelte aufgebaut, die in einem Halbkreis um einen mobilen Stromgenerator gruppiert waren. Medizinisches Personal wimmelte überall herum und kümmerte sich um eine stetig anwachsende Zahl von leicht verletzten Soldaten. Die Schwerverletzten – viele waren es nicht – waren nach ihrer Erstversorgung auf Tragbahren gepackt und bereits zur Landeplattform hinauf geschafft worden. Dort standen sie jetzt in einer kerzengeraden Reihe und warteten darauf, in ein Shuttle verladen und zu einem Schiff hochgeflogen zu werden, auf dem Chirurgen-Teams schon bereit standen, um ihre Patienten in Empfang zu nehmen und sie im nächstbesten OP-Saal wieder zusammenzuflicken.
Commander Tyrell warf einen wachsamen Blick in die Runde und fand, dass die ganze Szenerie an ein gut organisiertes Termitennest erinnerte – was natürlich maßgeblich ihm selbst zu verdanken war. Alle waren emsig bei der Arbeit, jeder wusste ganz genau, was er zu tun hatte und tat es auch. Tyrell sah mit Zufriedenheit, dass einige seiner Männer sogar schon dabei waren, unter den lautstarken Anweisungen eines Sergeants Thermoskannen und dampfende Essensrationen aus der Kücheneinheit der Basis zu verteilen. Es war alles in allem ein Musterbeispiel für imperiale Effizienz in allen Lebenslagen. Seine Effizienz, wie er ganz ohne falsche Bescheidenheit feststellte.
Er winkte dem Sergeant zu, der sofort im Galopp ankam und ihm eigenhändig eine Thermoskanne überreichte. Tyrell zögerte einen Moment lang, ging aber dann doch zu seinem jüngeren Kollegen hinüber, den er neben dem Bunkereingang zurückgelassen hatte.
Lieutenant Draffco kauerte immer noch auf dem Faltstuhl, den ein fürsorglicher Sanitäter für ihn aufgestellt hatte, und presste ein Kühlpad auf seine misshandelten Kronjuwelen. Ein anderes drückte er abwechselnd gegen seine stark angeschwollene Nase und gegen das prächtige Veilchen, das dank Solos Ellbogenstoß inzwischen auf seiner linken Gesichtshälfte erblüht war. Er knirschte hörbar mit den Zähnen – es war schwer zu sagen, ob vor Schmerz oder vor Wut.
„Ich bringe diesen corellianischen Bastard um!" näselte er undeutlich. (Er hörte sich so verschnupft an, als wäre er das nächste Opfer der von Tyrell erfundenen Grippewelle.)
Leere Drohungen, dachte der Commander, aber er sagte nichts. Er war mitfühlend genug, um Draffcos buchstäblich angeschlagenen Zustand zu bedauern.
In einem Anfall von Kameradschaftsgeist schraubte er die Thermoskanne auf und bot dem Lieutenant gleich darauf einen Becher mit dampfend heißem Cofecea an. Draffco sah wehleidig aus einem blutunterlaufenen und blau-violett umrahmten Auge zu ihm auf.
„Danke, aber ich glaube nicht, dass das jetzt das Richtige für mich ist", mümmelte er.
„Dann eben nicht", sagte der Commander achselzuckend und trank selbst.
Der Cofecea schmeckte überraschend gut. Er war aromatisch und so stark, dass ein in den Becher hineingesteckter Löffel vermutlich senkrecht stehengeblieben wäre. Er war genau das Richtige für Tyrell.
Draffco vergaß seine Leiden und seine Rachepläne für einen Augenblick und sah sich ebenfalls um.
„Wo ist der Captain jetzt schon wieder?"
„Auf Ewok-Jagd. Vielleicht versteckt er sich aber auch nur irgendwo da draußen in irgendeinem Loch", erwiderte Tyrell. Er machte sich nicht mehr die Mühe, seine tief empfundene Verachtung für ihren gemeinsamen Vorgesetzten zu verbergen.
Captain Mavric hatte sich natürlich aus dem Staub gemacht, sobald ihm klar geworden war, dass sein etwas einseitiger Schusswechsel mit der Prinzessin Folgen haben würde, die aller Wahrscheinlichkeit nach ein bisschen drastischer ausfallen würden als nur ein schon überfälliger Karriereknick. Aber angeblich war er jetzt nur mit frischen Einheiten unterwegs, um den Ewoks diesen Tag heimzuzahlen, indem er eine möglichst große Anzahl ihrer Siedlungen niederbrannte.
Tyrell, der zurückgelassen worden war, um wie üblich die Arbeit zu erledigen, für die eigentlich der Captain zuständig gewesen wäre, hoffte insgeheim, dass die Ewoks den Spieß umdrehen und es Mavric heimzahlen würden. Vielleicht fingen sie ihn ja ein und fraßen ihn einfach auf. (Einer der Scouts hatte ihm berichtet, dass die seltsamen kleinen Biester nicht nur Carnivoren waren, sondern auch keinen großen Unterschied zwischen einem Reh und einem x-beliebigen Humanoiden zu machen schienen, wenn es um eine Mahlzeit ging.)
Tyrell empfand bei der Vorstellung, dass sein Captain als Abendessen enden könnte, eindeutig kein Bedauern. Im übrigen ging er nicht davon aus, dass ein paar abgefackelte Ewok-Dörfer Lord Vader wieder versöhnlich stimmen würden. Möglicherweise würde ihn Mavrics kleiner Völkermord sogar noch mehr erzürnen – mit Sicherheit voraussagen konnte man seine Reaktionen nie …
Der Gedanke an die unvorhersehbaren Launen in der Chefetage brachte den Commander dazu, seine Gefangenen in Augenschein zu nehmen, die ganz in der Nähe deponiert worden waren.
Als erstes erspähte er den Wookie, dessen großer Zottelkopf mit einem Verband umwickelt war. Er hatte sich bei seiner zweiten Verhaftung so heftig widersetzt, dass drei Sturmtruppensoldaten jetzt mit Gehirnerschütterungen und angeknacksten Rippen in einem der Zelte flach lagen. (Und die Männer hatten noch Glück gehabt: Der arme Kerl, den der Wookie beim Überfall auf den Bunker gegen eine Wand geworfen hatte, lag mit einem Stützkorsett um seine Wirbelsäule da oben auf der Landeplattform herum und würde vermutlich die nächsten Monate in einer Reha-Klinik verbringen.) Die übrigen Soldaten hatten die Gewalttätigkeit ihres fast unbezähmbaren Gegners mit gleicher Münze vergolten – oder vielmehr mit den Kolben ihrer Gewehre. Daher der Verband. Darüber hinaus trug der Wookie jetzt nicht nur Handschellen, sondern auch eine schwere Kette um seine Fußgelenke. Die Wachen ließen ihn trotzdem nicht aus den Augen und ihre Gewehre waren immer im Anschlag. Sicher war sicher …
Solo, der neben seinem Freund saß, hatte seinen linken Arm in der Schlinge. (Ein Streifschuss von Mavric – nicht einmal richtig zielen konnte der Mann!) Er sah auch sonst ziemlich mitgenommen aus, aber das lag wahrscheinlich eher an seiner Sorge um die Prinzessin …
Organa war ebenfalls auf eine Trage gebettet worden. Von der sorgfältig verarzteten Wunde in ihrer Brust war nichts zu sehen, weil sie bis zum Kinn in eine Iso-Decke aus silbrig schimmernder Folie eingepackt war, die man um sie herum festgeschnallt hatte. Aber sie war auf jeden Fall bewusstlos. Ob sie nun einfach ohnmächtig war oder ob das von der Spritze kam, die der Sanitäter ihr vorhin verabreicht hatte, konnte Tyrell nicht sagen. Es war ihm auch egal. Er war nur froh, dass diese kleine Hexe a) noch am Leben war und b) wenigstens vorübergehend außer Gefecht gesetzt war, damit sie nicht noch mehr Ärger machen konnte ... einen Selbstmordversuch vielleicht oder irgendeine andere dramatische und völlig überflüssige Aktion…
Er konnte es kaum noch erwarten, seine komplikationsträchtigen Gefangenen endlich wieder los zu werden und dieses Mal für immer. Er hatte allmählich wirklich genug von dieser Prinzessin und ihren Genossen und all den Scherereien, die man mit ihnen hatte. Und er hatte genug von diesem elenden Krieg und all dem Blutvergießen, das damit verbunden war. Es hatte inzwischen wahrhaftig genug Tote gegeben – auf beiden Seiten!
Doch vielleicht war es ja jetzt vorbei mit dem Krieg, nachdem die Rebellen hier bei Endor besiegt worden waren. Vielleicht gaben die überlebenden Mitglieder der Allianz nun endlich auf beziehungsweise Ruhe und das für alle Zeiten. Tyrell hoffte das wirklich sehr …
Er hatte durchaus die Absicht, seinen Ruhestand noch zu erleben. Aber das Letzte, was er erleben wollte, war, seine beiden Söhne in einem Krieg wie diesem sterben zu sehen ...
Er hörte das Brausen von Triebwerken und als sein Blick zu dem schon rosig verfärbten Himmel hinauf wanderte, sah er nicht eine Fähre, die sich der Plattform näherte, sondern zwei …
Und schräg hinter ihnen entdeckte er mit vagem Erstaunen die feurige Scheibe der bereits untergehenden Sonne, die mit tiefroten Wolken verschleiert auf einen Horizont zuhielt, der zu brodeln schien wie Lava …
Es sah aus, als würde sie in einem Ozean aus Blut versinken ...
