Kapitel 1


Völlige Dunkelheit. Kein Licht, keine flackernde Flamme, nichts.

Einfach nur Dunkelheit.

Irgendwo das monotone Geräusch von Wassertropfen, die auf Stein fallen, ein seltsames Stöhnen, kaum zu hören.

Dann wieder nichts außer Dunkelheit.

Ein leises Rauschen und Grollen zeugte von den Klippen in weiter Ferne, gegen die das Meer unaufhaltsam prallte. Kampf der Naturgewalten. Unerbittlich und bereits Jahrtausende andauernd.

Ein leises Scharren und noch einmal ein Stöhnen, ein schwacher Lichtschimmer am Ende eines langen Ganges.

Schwerfällige Schritte und schweres Atmen begleiteten den schwachen Schimmer.

Vor ihm - Dunkelheit. Nach ihm - Dunkelheit.

Das schrille Quietschen von Metall, wieder die schwerfälligen Schritte und eine raue Männerstimme, schwer und leicht lallend.

„Steh auf, na los!"

Ein dumpfes Geräusch wie ein Tritt war zu hören, gefolgt von einem leisen Stöhnen und dann wieder die schwere, lallende Stimme.

„Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe? Aufstehen sollst du, er will mit dir reden!"

Der schwache Lichtschimmer flackerte kurz, im Hintergrund wurde das dunkle Grollen noch einmal lauter. Dann hörte man das leise Reißen von Stoff, erneut ein Stöhnen und leises Gekicher.

„Du sahst schon mal besser aus, was? Seltsam, dass du noch nicht verreckt bist, aber lange wirst du sicherlich nicht mehr durchhalten… Auf mit dir!"

Das Geräusch von reißendem Stoff verstummte, etwas wurde über den Boden gezogen und der schwache Lichtschimmer entfernte sich.

Alles, was zurück blieb war Dunkelheit… und das dumpfe Krachen der Wellen, die unerbittlich gegen die Felsen schlugen.


Sein Hals brannte schrecklich, jeder Muskel schmerzte und seine Glieder spürte er kaum noch. Mit einem leisen Ächzen und Stöhnen hob Severus Snape leicht den Kopf, ließ den Blick leicht flackernd über seine Umgebung huschen und schloss die Augen mit einem leisen Seufzen wieder.

Blasse Erinnerungen drehten sich in seinem Kopf und ließen ihn erneut gequält aufstöhnen.

Er hatte wieder diesen seltsamen Traum gehabt, der ihn seit Jahren einfach nicht mehr los ließ, ihn beinahe schon verfolgte… Diesen Traum, von dem er einfach nicht wusste, ob er etwas zu bedeuten hatte und wenn ja, was er bedeutete… und dessen Bilder seinen Verstand einfach nicht zur Ruhe kommen ließen…

Wieso träumte er jede Nacht von diesen komischen Bildern? Er wollte das alles nicht sehen!

Nicht jetzt.

Nie wieder.

Er wollte sie nicht sehen, die ganzen Bilder, die durch seinen Geist zogen. Die ihm seit Jahren den Schlaf raubten und ihm keine ruhige Minute mehr ließen. Aber er hatte sie auch nicht verdient, die ruhige Minute. Denn er war schuldig. Schuldig, wie ein Mensch nur schuldig sein konnte und niemals wieder würden ihn die Geister der Vergangenheit ruhen lassen.

Doch für diesen Augenblick gelang es ihm, die Erinnerungen in den hintersten Winkel seines Kopfes zu verbannen und erneut die Augen einen Spalt breit zu öffnen. Wo war er? Was war das für ein Raum? Und wieso lag er hier auf dem eisigen Boden?

Hinter seiner Stirn arbeitete es und mit einem Mal erinnerte er sich daran, wo er war – und warum.

Langsam drehte er sich auf den Rücken, starrte an die Decke und versuchte, sein nun unruhig schlagendes Herz wenigstens halbwegs unter Kontrolle zu bekommen. Dann seufzte er und schloss wieder die Augen. Ein bekanntes Brennen auf seinem linken Unterarm ignorierte er gekonnt. Das Dunkle Mal. Das Zeichen Voldemorts, welches ihn kennzeichnete wie ein Stück Vieh. Es brannte immer häufiger, auch wenn der Dunkle Lord ihn nicht zu sich rief. Severus wusste nicht wieso, aber er hatte bisher auch noch mit keinem darüber gesprochen. Für solche Gespräche hatte er Airell, doch in den vergangenen Ferien war es ihm schwer gefallen, allzu persönliche Gespräche mit dem blonden Aristokraten zu führen. Sie verbrachten viel Zeit miteinander und Severus mochte seinen Ziehvater sehr. Er war ihm unendlich dankbar für die Freundlichkeit und die grenzenlose Unterstützung, die er von Airell erhielt, aber noch immer, auch zwei Jahre später, fiel es ihm schwer die angebotene Hilfe anzunehmen und sich dem blonden Zauberer zu öffnen. Severus wusste, dass sein Handeln Airell gegenüber weder fair, noch gerechtfertigt war. Dass er ihn an Kindesstatt angenommen hatte, einfach so, einen Halbblüter, grenzte an ein Wunder und nicht zum ersten Mal fühlte Severus sich unendlich schlecht, dass er Airell nicht mehr zurück geben konnte für all das, was er von ihm erhielt. Nicht nur materielle Dinge, sondern vor allem emotionale Sicherheit. Und Airell war unendlich verständnisvoll. Severus wusste oft nicht, woher Airell die Geduld mit ihm nahm, warum er seine persönlichen Grenzen so akribisch akzeptieren konnte und warum er ihn, Severus Snape, überhaupt in seine Familie aufgenommen hatte. Er sollte dankbarer dafür sein. Jeden Tag. So oft schon hatte er sich vorgenommen Airell deutlicher zu zeigen wie dankbar er war, und manchmal, ganz selten, gelang es ihm auch. Aber leider noch immer viel zu wenig. Severus nahm sich nicht zum ersten Mal vor, dieses Zustand endlich zu ändern und würde Airell schreiben, sobald er die ersten Tage in Hogwarts einigermaßen überstanden und sich wieder eingelebt hatte. Immerhin war es sein letztes Schuljahr. Und was danach kam, stand noch in den Sternen. Natürlich hatten er und Airell bereits darüber gesprochen, dass Severus gerne ein Studium der Zaubertränke aufnehmen würde, doch mit dem Dunklen Lord und der ungewissen Zeit, in der sie sich befanden, war es eigentlich hinfällig weiter als bis zur nächsten Wochen zu planen. Man konnte unmöglich wissen, was die nächsten Monate bringen würden, geschweige denn das nächste Jahr. Ob die Abschlussprüfungen überhaupt stattfinden konnten. Und ob sie überhaupt so lange leben würden… Es waren unsichere Zeiten und seine Zukunft zu planen erschien Severus eher als Zeitverschwendung, aber man konnte ja nie wissen, oder?!

Mit einen Seufzen schüttelte er den Kopf, erhob sich langsam vom kalten Boden und versuchte sich zu orientieren. Der Schwindel in seinem Kopf ließ langsam nach.
Er musste in der Nacht hier eingeschlafen sein und jetzt, durch den brennenden Schmerz in seinem ganzen Körper, war er aus den schrecklichen Alpträumen erwacht, die seinen Geist wieder einmal nicht hatten ruhen lassen. Ohne es überhaupt zu wollen, versuchte er sich nun doch an die verschiedenen Bilder, Geräusche und Gerüche zu erinnern, die ihn in dieser Nacht verfolgt hatten, zu erinnern.

Schwarzes, langes Haar… schneeweiße Haut… eine dunkle, angenehme Stimme… Tee mit zu viel Zucker… knisterndes Kaminfeuer… eine warme Decke… ein Gesicht ohne Augen…

Severus spürte, wie sein Körper wieder anfing noch stärker zu zittern, als er es ohnehin schon tat, seine Augen begannen zu brennen und seine Kehle erschien ihm wie zugeschnürt.

„Nein, nicht schon wieder!", durchzog ein kurzer Gedanke seinen Geist und zitternd zog er sich an dem kalten Waschbecken hoch.

Den Blick in den Spiegel vermied er, schwankte auf schwachen Beinen zur Tür und ließ sich, wieder leise aufstöhnend, mit dem Oberkörper dagegen sinken. Was, wenn jetzt einer die Tür öffnete? Er hatte keine Ahnung, wie spät es war und ob seine „Hauskameraden" schon im Bad gewesen waren. Er hatte letzte Nacht die Tür mit einigen Zaubern versiegelt, das wusste er noch. Also hätte er es rein theoretisch gesehen, bemerkt haben müssen, wenn jemand die Zauber aufgehoben hätte und ins Bad gekommen wäre… oder nicht?

Mit zitternden Fingern griff er nach der matten Türklinke, doch als er sie runter drückte bewegte sich das dunkle Holz keinen Millimeter. Hatte man ihn eingeschlossen? Oder war ihm ein einziges Mal im Leben wirklich das Glück hold gewesen und es war noch Nacht? Oder sehr früh am Morgen?

Da das Bad, genau wie alle Räumlichkeiten der Slytherins, unterirdisch lag und keine Fenster besaß, konnte er nicht nach draußen sehen und feststellen, ob es bereits hell geworden war. Er musste also irgendwie bis in den Gemeinschaftsraum kommen um zu sehen, wie viel Uhr es waren…

Severus spürte, wie sein Magen begann zu rebellieren und beeilte sich, mit immer noch zitternden Händen in der verschlissenen Robe nach seinen Zauberstab zu greifen, die Banne aufzuheben, die Tür zu öffnen und mehr durch den Türrahmen zu fallen, als zu gehen. Alles begann sich zu drehen, hinter seiner Stirn hämmerte ein ihm nur allzu bekannter Schmerz und halb blind machte er sich auf den Weg zu seinem Schlafsaal.

Er versuchte sich so gut es ging auf seine Umgebung zu konzentrieren und achtete auf jedes noch so kleine Geräusch, doch sein Körper ließ ihn immer mehr im Stich und seine Beine drohten, unter ihm nachzugeben. Severus wankte und stützte sich an den Wänden ab, doch die kleine Treppe hinauf zum Schlafsaal schien ihm unendlich weit entfernt. Er wusste, warum sein Körper von einem Moment auf den anderen so reagierte, doch sein Verstand wollte diese Warnung nicht wahrhaben und ignorierte seit Jahren die immer deutlicher werdenden Zeichen.

Mit einem dumpfen Laut und einem unterdrückten Fluchen stolperte Severus über eine Unebenheit und knallte mit voller Wucht gegen den steinernen Türrahmen, der in den Gemeinschaftsraum führte. Ein stechender Schmerz durchzog seinen ganzen Körper und mit einem erstickten Schrei hielt er die rechte Hand eng an seinen Körper gepresst. Sterne tanzten vor seinen Augen und ließen ihn für einen kurzen Moment die Übelkeit und das Zittern seines Körpers vergessen.

„Verdammt!", zischte Severus und unterdrückte mit Mühe ein weiteres Fluchen. Wenn er schon das „Glück" hatte, halb ohnmächtig durch die Gänge zu wanken, wenn die anderen noch in ihren Betten lagen, wollte er sie nicht durch sein Geschrei wecken. Also biss er die Zähne zusammen, verdrängte die andauernde Übelkeit so gut es ging und konzentrierte sich stattdessen auf den pochenden Schmerz in seinem rechten Handgelenk.

Ein leises Poltern direkt in der Nähe ließ Severus erschrocken zusammenzucken und den Kopf unruhig zu allen Seiten drehen. Sekundenlang geschah nichts, die glühende Asche im Kamin knisterte leise und sonst war es still. Es wurde Zeit, dass er in den Schlafsaal kam, anscheinend näherte sich der Morgen und die Schüler wurden langsam wach.

Jeden Schmerz mehr oder weniger ignorierend rappelte Severus sich auf, barg die Hand immer noch mit schmerzverzerrtem Gesichtsausdruck an seiner Brust und schwankte weiter, vorbei an den dunkelgrünen Sesseln vor dem Kamin und schließlich die wenigen Stufen hoch, die in den Schlafsaal des siebten Jahrganges führten. Vor der Tür angekommen hielt er noch einmal kurz inne, achtete erneut auf jedes noch so kleine Geräusch und biss sich auf die Unterlippe, um nicht vor Schmerz zu wimmern. Normalerweise war er an Schmerzen gewöhnt, doch sein Körper war im Moment so geschwächt, dass es ihm nicht gelang, die Kontrolle zu erlangen und seinen Geist gegen diese Empfindungen zu verschließen. Airell hätte gesagt, dass es menschlich war, Schmerz zu empfinden, doch für Severus war dies ein Zeichen von Schwäche und Schwäche war etwas, was er sich absolut nicht erlauben konnte und auch nicht durfte.

Der kurze Gedanke an Airell Malfoy ließ sein schlechtes Gewissen erneut auflodern und Severus schluckte kurz. Das Oberhaupt der Malfoy–Familie wusste nicht, dass er während der Schulzeit in seinen alten, verschlissenen Roben herumlief und nicht die teure Kleidung trug, die der blonde Zauberer ihm schenkte. Er wäre sicherlich enttäuscht und würde sich fragen, ob er etwas falsch gemacht hatte und dann wäre es an Severus sich einzugestehen, dass er selbst heute, nach mehr als zwei Jahren, in denen er nun schon bei Airell Malfoy lebte, dem Mann noch immer in so vielen Dingen Unrecht tat. Wieso tat er das? Wieso konnte er den Wohlstand nicht annehmen, den Airell ihm ermöglichte? Wenigstens einen kleinen Teil davon? Er legte, sobald Airell es nicht sah, die edle und gepflegte Kleidung ab, trug stattdessen seine geflickten, ausgeblichenen Hemden, Hosen und Umhänge und machte sich damit weiterhin zu einem Objekt der abfälligen Blicke. Es war nicht so, dass er den teuren, schwarzen Samt, die weichen Stoffe und die edlen Verzierungen nicht mochte, im Gegenteil. Er liebte das Gefühl von schwerem, kostbarem Stoff auf seiner Haut, aber etwas hielt ihn seit Jahren davon ab, diese Kleidung in der Schule zu tragen. Was aber nicht richtig war da er nun, als Teil der Malfoy-Familie, nicht nur seinen eigenen Ruf zu verlieren hatte (der war ihm natürlich vollkommen egal!), sondern es war auch Airells Ansehen, um welches es ging. Ganz besonders Airells Ruf stand auf dem Spiel! Severus biss sich auf die Unterlippe und seufzte leise. Er musste endlich mehr an Airell denken und ihm zeigen, wie sehr er ihn schätze. Doch im Moment hatte er, wieder einmal, noch einen Haufen anderer Sorgen, um die er sich kümmern musste. Und das schnell.

Die Gedanken an Airell ebenfalls verdrängend legte Severus seine zitternde, linke Hand auf die Klinke, drückte diese hinunter und öffnete die Tür einen Spalt breit. Wieder lauschte er, ob sich im Schlafraum irgendetwas rührte, doch als er nichts weiter als das leise Schnarchen seiner Zimmergenossen und das Flüstern des Windes hörte, der durch das offensichtlich geöffnete Fenster zog, drückte er sich mit zusammengebissenen Zähnen durch den Spalt, schloss die Tür mit einem leisen Klicken und beeilte sich, in die hinterste Ecke des Zimmers zu kommen, wo das einzige noch freie Bett stand, welches man ihm übrig gelassen hatte.

„Immerhin haben sie es noch nicht abgebrannt oder verschwinden lassen!", dachte Severus bitter, während er sich mit einem unterdrückten Stöhnen auf das Bett sinken ließ, mit einer schwachen Handbewegung die Vorhänge zuzog und die Augen sofort schloss. Eine bleierne Müdigkeit legte sich über seinen Geist und seinen Körper, doch noch immer konnte er nicht zur Ruhe kommen.
Immer noch wirbelten Bilder und Erinnerungen durch seinen Kopf, doch der Schmerz und die Übelkeit ließen ihn diese bald vergessen. Wo hatte er dieses verdammte Fläschchen nur hingepackt? Er öffnete ein wenig die Augen, wartete, bis seine verschwommene Sicht sich wenigstens ein bisschen geklärt hatte und rutschte auf das Fußende des Bettes zu. Dort hatte man seine große Truhe abgeladen und mit einem leise gemurmelten „Alohomora" ließ er das schwere Schloss aufschnappen und öffnete mit der linken Hand den Deckel. Seine rechte Hand pochte immer noch entsetzlich und sobald er ein Mittel gegen die Übelkeit genommen hatte, würde er sich darum kümmern müssen. Hoffentlich war sie nicht gebrochen…

Halb blind suchte Severus mit einer Hand in der Truhe nach dem kleinen Fläschchen, während er seine rechte Hand immer noch schützend an den Körper presste. Das alles war gar nicht so einfach, wenn man dabei das Bett nicht verlassen wollte, doch Severus hatte kein gesteigertes Interesse daran, den weiten Vorhang, den er auch über die Truhe gezogen hatte, zur Seite zu schieben und sich damit eventuellen Blicken seiner Mitschüler Preis zu geben. Also versuchte er weiterhin, in einem Durcheinander von Kleidung, Büchern, Schuhen, Pergament und Tintenfässern das kleine Fläschchen zu finden und endlich berührten seine Fingerspitzen das runde, kalte Glas.
Mit einem leisen Stöhnen lehnte er sich noch etwas weiter über die Holzkante, bekam den dünnen Hals des Fläschchens endlich zu fassen und ließ sich mit einem unterdrückten Keuchen nach hinten fallen. Sein Körper zitterte immer noch und sein Magen rebellierte. Zu was für einem Wrack war er in den letzte Jahren eigentlich verkommen…?

Severus versuchte, das Fläschchen alleine mit der linken Hand zu öffnen, doch das war leichter gedacht als getan. Auch seine Finger zitterten und der pochende Schmerz in seiner rechten Hand vereinfachte die ganze Situation nicht wirklich. Dann endlich gelang es ihm, den kleinen Korken herauszuziehen und, halb liegend, halb sitzend, schüttete er die dunkelgrüne Flüssigkeit seine Kehle hinab. Sofort breitete sich eine eigenartige Taubheit in seinem ganzen Körper aus und es fühlte sich an, als würde er die Füße und Hände in Eiswasser tauchen. Langsam ließ die Übelkeit nach, sein Magen beruhigte sich und auch die Kopfschmerzen waren verschwunden. Der pochende Schmerz in seiner Hand wurde zu einem dumpfen Gefühl, verlor an Intensität, verschwand im Gegensatz zu den anderen Symptomen jedoch nicht gänzlich. Und das Dunkle Mal brannte weiterhin. Dagegen schien kein Trank zu helfen. Bereits nachdem er es vor gut zwei Jahren erhalten hatte brannte das Mal eigentlich ununterbrochen auf seiner Haut. Mal stärker, mal schwächer, aber niemals ebbte der brennende Schmerz ganz ab. Er würde mit Airell darüber reden müssen. Sehr bald. Denn Schmerzen, die nicht zu bekämpfen waren, konnten nichts Gutes bedeuten.

Die Wirkung des Trankes würde einige Stunden anhalten, doch danach würden die übrigen Schmerzen mit doppelter Kraft zurückkehren. Severus kannte das alles und wusste, dass die Schmerzen, die ihn in den letzten Monaten und Jahren immer mehr heimsuchten, irgendeinen Grund haben mussten. Aber diesen hatte er bisher noch nicht herausgefunden und so konnte er nur mit starken Schmertränken arbeiten, nicht jedoch die Ursache im Keim ersticken. Er konnte sich gar nicht mehr daran erinnern, wann er das letzte Mal wirklich schmerzfrei gewesen war. Erschreckend.

Natürlich war die Ausbildung beim Dunklen Lord sehr anstrengend, forderte seinen Preis und brachte ihn sowohl psychisch, als auch körperlich an den Rand seiner Kräfte… doch alleine daran konnte es wohl kaum liegen. Es war, als würde sein Körper kontinuierlich schwächer, als würde er langsam von innen heraus… sterben.

,Was für ein Schwachsinn!', dachte Severus wütend über sich selbst und verfluchte seine eigene Schwäche.

Die letzten zwei Jahre hatte er überlebt. Wieso sollte er also jetzt so langsam aber sicher dahinsiechen? Die meisten jungen Todesser überlebten noch nicht einmal den Anfang des harten Trainings und viele starben innerhalb der Ausbildung. Er hatte es bis hierher geschafft und war mehr als ein Mal dem Tode verdammt nah gewesen.

Anders, als die meisten wahrscheinlich glaubten, legte der Dunkle Lord viel Wert darauf, dass seine wirklichen Todesser eine lange und schwierige Ausbildung erhielten, in der sie lernten zu kämpfen, zu überleben und schließlich auch, zu töten. Natürlich gab es auch Handlanger, Leute, die der Dunkle Lord nur benutzte, um die Drecksarbeit zu erledigen und die zu einem großen Teil noch nicht einmal das Dunkle Mal erhielten, doch es gab eben auch eine Gruppe von „Auserwählten", zu denen auch Severus gehörte.

Er selbst hatte nie so wirklich verstanden, nach welchem Kriterium der Dunkle Lord die Leute aussuchte, die in den „Genuss" seiner elitären Ausbildung kamen, doch er selbst hatte einen knappen Monat nach seinem Eintritt mit dem Training begonnen und von denen, die wie er in dieser Nacht vor zwei Jahren ihre Seele verkauft hatten, waren heute noch drei am Leben. Nicht wirklich eine Art, eine große Menge von Anhängern um sich zu scharen, doch jene, die die Ausbildung überlebten, wurden nach einer weiteren Prüfung in den Kreis der „Jünger" aufgenommen und bildeten die engsten Vertrauten des Dunklen Lords. Auch Airell gehörte zu diesen „Jüngern" und noch vor dem Ende des Schuljahres würde Severus die entscheidende Prüfung ablegen. Wie diese „Prüfung" aussehen würde, hatte man ihm noch nicht gesagt, doch am letzten Wochenende war ein Brief von Airell angekommen, in der dieser Severus zum Essen einlud und bei dieser Gelegenheit „wichtige Dinge" mit ihm besprechen wollte. Natürlich war Severus sofort klar gewesen, um welche „Dinge" es sich handelte, ja handeln musste, und so würde er alles weitere schon sehr bald erfahren…

Severus spürte, wie seine Augen zufielen und das leise Schnarchen seiner Zimmergenossen immer weiter in den Hintergrund rückte. Das dumpfe Pochen in seiner Hand hatte immer noch nicht nachgelassen und ein letzter Gedanke, der seinen Geist durchzog, bevor er erneut in einen unruhigen, von Alpträumen geplagten Schlaf glitt war, dass er unbedingt die Rezeptur des Trankes verändern musste, da sein Körper auch gegen dieses Schmerzmittel langsam resistent zu werden schien. Was für ein Glück, dass er doch so herausragend im Bereich der Zaubertränke war. Welch Ironie…


To be continued...