Kapitel 2
~ ~ 1 Jahr zuvor ~ ~
Noch ein letztes Mal betrachtete Airell Malfoy sich im Spiegel, wobei er eine imaginäre Falte in seinem schwarzen Gewand glatt strich und seufzend eine lange, weißblonde Strähne hinter das linke Ohr verbannte. Die restlichen Haare hatte er zu einem festen Zopf gebunden, wobei einige vereinzelte Strähnen schon jetzt wieder zu beiden Seiten seines Gesichtes hingen und ihn schier um den Verstand brachten.
„Wofür mache ich dieses ganze Theater eigentlich?", fragte er sich in Gedanken nicht das erste Mal an diesem Abend und brummte leise, als ihm der Grund noch im selben Augenblick klar vor Augen stand.
„Um diesen ganzen scheinheiligen und heuchlerischen Leuten zu zeigen, dass es mir ernst ist mit Severus! Dass ich nicht, wie sie alle vermuten, nur handele, weil ich mir davon irgendeinen Vorteil verspreche oder weil Voldemort es mir befohlen hat! Befohlen – das ich nicht lache! Nichts und Niemand befiehlt mir, Airell Malfoy, auch nur irgendetwas, und erst recht nicht ein dahergelaufener Irrer, der glaubt, die Welt läge ihm zu Füßen…!"
Über seine eigenen Gedanken musste Airell leicht grinsen, wurde dann jedoch schlagartig wieder ernst. Jetzt war nicht der Augenblick für Scherze, denn die große Wanduhr schlug gerade zur vollen Stunde und das sagte ihm, dass seine „Gäste" jeden Moment auftauchen konnten. Bei diesen Leuten handelte es sich um die „gehobene Gesellschaft" der Zaubererwelt und jeder, der Rang und Namen, oder aber wenigstens einen Haufen Geld, besaß, würde da sein.
Zu diesem „Anlass" hatte er den großen Ballsaal zurechtmachen lassen, befohlen, das gesamte Herrenhaus noch einmal vom tiefsten Verlies bis hin zur höchsten Dachspitze zu putzen, damit auch ja alles perfekt war. Perfekt, um einen weiteren Abend die Farce zu errichten, die alle glauben lassen würde, Airell Malfoy würde „dazu gehören". Hatte er denn jemals dazugehört? Oder wollte er es überhaupt? Die oberflächliche und scheinheilige Welt der Oberschicht hatte vielleicht ihre Reize, aber man hatte sich sehr schnell an alles gewöhnt und wenn man einmal hinter die Fassade blickte, so erschienen ihm die Menschen, die Gespräche und selbst die herrschaftlichen Herrenhäuser fad und inhaltslos. Airell war zwar von Geburt an einer der höchsten Zauberer, doch er war sich schon früh der Zerbrechlichkeit von Rang und Reichtum bewusst geworden. Anders, als beispielsweise sein Bruder Amergin, der anzunehmen schien, dass das Ansehen und das Vermögen der Malfoys nicht dem Wandel der Zeiten unterworfen waren. Nun ja, man würde sehen. Airell machte sich keine Sorgen was Severus' und seine finanzielle Zukunft betraf. Er hatte bereits vor Jahren vorgesorgt, Gelder angelegt, Immobilien erworben und ein Netzwerk von Bekanntschaften gewoben, welches ihnen weltweit Sicherheit und Unterschlupf ermöglichte. Sollte es einmal nötig sein; was er natürlich nicht hoffte. Die Zeiten waren so ungewiss geworden, dass Gedanken und Pläne die Zukunft betreffend irgendwie hinfällig geworden waren. Und das beunruhigte Airell sehr. Worauf konnten sie hoffen, wenn nicht auf eine bessere Zukunft? Wohin würde sie der Kampf zwischen Gut und Böse noch führen? Und was würde aus Severus?
So sehr es ihm auch gefiel, Severus um sich zu haben, ihm ein Heim zu geben und auch selbst nicht mehr so einsam zu sein, so hatte er sich durch die Adoption auch Feinde gemacht und war verwundbar geworden. Selbst sein eigener Bruder hatte ihm die Entscheidung, Severus Snape bei sich aufzunehmen, übel genommen und den Kontakt auf ein Minimum beschränkt. In seinen Augen war Severus als „Halbblut" es nicht wert, den Namen Malfoy zu tragen und ein Teil ihrer Familie zu sein. Airell hatte Amergin, als dieser ihm das vor einigen Wochen persönlich mitgeteilt hatte, mit einem lauten Krachen gegen die nächste Wand geschleudert und wieder einmal unter Beweis gestellt, dass er der Ältere und bessere Zauberer von ihnen beiden war. Aber was brachte es ihm? Amergin war vor Wurt schnaubend aus dem Zimmer gestürmt und seitdem hatte Airell nichts mehr von ihm gehört. Und wie er seinen kleinen, hitzköpfigen Bruder kannte würde das auch noch eine ganze Weile so weiter gehen.
Ein abfälliges Schnauben war zu hören, während Airell mit leise raschelndem Gewand sein Schlafgemach verließ und durch den langen, nur vom gedämpften Fackellicht erleuchteten Gang schritt, auf dem Weg zu Severus.
„Für diesen Jungen würde ich alles geben, was ich besitze!", durchzog ein so entschlossener Gedanke seinen Geist, dass Airell schockiert stehen blieb.
Was hatte er da gerade gedacht?
„Es stimmt, du Narr! Auch, wenn du selbst es vielleicht noch nicht wahrhaben willst, aber dieser Junge ist alles, was du jemals wolltest! Er ist der Sohn, den du niemals haben wirst und das ist die Wahrheit!"
Airell schloss die Augen und versuchte, diese elende Stimme in seinem Kopf zu ignorieren. Es stimmte schon, was sie sagte, aber dennoch war diese Tatsache immer noch… erschreckend. Er hatte sich niemals Gedanken um einen Erben gemacht und einen eigenen Sohn hatte er niemals haben wollen… oder vielmehr die Frau an seiner Seite, die mit diesem Erben notgedrungen einhergegangen wäre. Er war schon immer ein Einzelkämpfer gewesen und wenn er etwas nicht gebrauchen konnte, dann war es eine Frau an seiner Seite und ein kleines Kind, das quengelnd darum bat, dass man mit ihm spielte. Airell machte sich selbst nichts vor, die Rolle eines Ehemannes und Vaters passte nicht zu ihm, ganz zu schweigen davon, dass er sie gar nicht wollte. Und Frauen…waren zudem kein einfaches Thema für ihn. Nicht gerade von Vorteil, wenn man der Stammhalter einer Jahrhunderte alten Zaubererfamilie war. Glücklicherweise hatte Amergin früh für einen Erben gesorgt. Lucius, Amergins einziger Sohn, war in Severus Jahrgang und der ganze Stolz seines Bruders. Und Airell konnte den blonden Jungen noch nie ausstehen. Schon als kleines Kind erschien Lucius ihm hochnäsig, hinterhältig und sehr von sich selbst überzeugt für einen kleinen Jungen. Aber gut, mit Amergin als Vater…
Airell seuftze. Sie kamen doch aus dem gleichen Elternhaus, hatten die gleiche Erziehung genossen und waren ihm Leben ähnlich aufgestellt. Wieso also waren er und sein Bruder schon immer so sehr unterschiedlich gewesen? Eine Frage, die er sich seit Jahrzehnten stellte und die er bis heute nicht beantworten konnte. Aber solange er selbst keine Familie und keine Kinder hatte, schien Amergin ihm gegenüber eine kühle Freundlichkeit an den Tag zu legen, doch jetzt, wo Severus da war…hatte sich vieles verändert. Auch das Verhältnis der Brüder untereinander. Das störte Airell weniger, aber trotzdem konnte er Amerigns Reaktion und seine Worte weder verstehen, noch gutheißen.
Über sich selbst den Kopf schüttelnd setzte Airell seinen Weg fort, in Gedanken wieder einmal bei Severus. Er erinnerte sich noch lebhaft daran, als der magere, schwarzhaarige Junge in den Kreis der Todesser getreten war und mit leeren, schwarzen Augen einen Punkt gesucht hatte, an dem er Halt hatte finden können. Nur mit großer Mühe hatte Airell damals den Drang unterdrücken können, dieses verletzte Geschöpf in die Arme zu schließen und ihn zu beschützen. Normalerweise war das überhaupt nicht seine Art, damals nicht und auch heute, doch er hatte nur ein einziges Mal in diese schwarzen Augen blicken müssen um zu wissen, dass sein Leben sich von diesem Moment an für immer verändern würde.
Eine unbändige Wut und ein entsetzliches Brennen hatte sich in seinem Inneren breit gemacht, als Voldemort mit seinen Klauen die Lippen und die Wange des Jungen berührt hatte, und dennoch war er nach außen hin ruhig geblieben, hatte sich seine Gefühle nicht anmerken lassen und unter der Todessermaske eine zweite Maske getragen, die sein Gesicht hatte kalt und emotionslos wirken lassen. Er hatte mit angesehen, wie Voldemort den Jungen gebrandmarkt hatte wie ein Tier, wie er unwissend und einsam seine Seele verkauft hatte und schließlich seine Knie gebeugt hatte vor einem Monster, für das es keine Beschreibungen mehr gab.
Noch heute, fast ein ganzes Jahr danach, erinnerte sich Airell an den bis dahin nie gekannten Schmerz in seiner Brust und wie grausam und verlogen diese Welt ihm damals erschienen war, die es zuließ, dass ein einsamer Junge solche Wege beschreiten musste auf der Suche nach ein wenig Wärme und Geborgenheit. Dinge, mit denen Airell eigentlich nie wirklich etwas hatte anfangen können, die in diesen Augenblicken aber das erste Mal Konturen angenommen hatten und er sich schließlich geschworen hatte, diesem Jungen genau das zu geben.
Die Geschichte von Severus Snape und Christian Keriann, Severus' Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste in Hogwarts, hatte er erst später erfahren und dann auch nur geflüsterte Bruchstücke, mit denen er nicht viel anfangen konnte. Natürlich hatte Airell später Erkundigungen eingeholt, hatte sein Netzwerk aus Informanten befragt und so einiges über Christian Keriann herausgefunden. Was jedoch aus dem Lehrer geworden war nach der Nacht, in der Severus zum Todesser geworden war, wusste Airell nicht. Das schien niemand zu wissen. Er war verschwunden. Der Dunkle Lord schien ihn getötet und beseitigt zu haben. So schien es. Aber irgendetwas in Airell konnte und wollte das nicht glauben, nachdem, was er über den ehemaligen Professor herausgefunden hatte. Aber selbst jetzt, ein Jahr später, war er dem Geheimnis noch nicht auf die Spur gekommen und solange er nichts Konkretes wusste, wollte er Severus nicht mit Halbwahrheiten und Möglichkeiten quälen. Denn dass der Junge noch immer am Verlust seines Lehrers litt war nicht zu übersehen. Fast täglich wurde Airell daran erinnert, wenn Severus gedankenverloren in die Ferne blickte, leise seufzte oder sich so sehr zurückzog, dass Airell tagelang kein Wort aus ihm heraus bekam. Aber es wurde besser. Mit jedem Monat, der verstrich, hatte Airell das Gefühl, dass Severus ein wenig mehr Vertrauen zu ihm aufbaute. Und das freute ihn. Natürlich gab es auch Rückschritte, ihre Trennungen durch die Schulzeit waren nicht einfach und immer, wenn Severus in den Ferien nach Malfoy Manor zurück kehrte schien er einen oder zwei Tage zu brauchen um sich wieder an die Umgebung und besonders Airell zu gewöhnen, aber umso mehr schätzte der blonde Zauberer ihre gemeinsamen Essen, ihre Gespräche auf den weitläufigen Ländereien oder ihre ruhigen Abende, wenn sie gemeinsam vor dem Kamin saßen und beide vertieft waren in ein Buch, welches sie gerade lasen. Diese Stunden waren Airell das Kostbarste auf der Welt und obwohl sie beide, er natürlich noch häufiger als Severus, zu den nächtlichen Treffen des Dunklen Lords gerufen wurden und beide dadurch gezwungener Maßen zwei unterschiedliche Leben lebten, eines am Tag und eines in der Nacht, so gaben sie einander Halt und Sicherheit und waren füreinander da. Etwas, was Airell vorher nicht gekannt hatte.
Airell verzog seine schmalen, bleichen Lippen zu einem kleinen, kaum wahrnehmbaren Lächeln, als er daran zurück dachte, wie sehr er selbst sich erst hatte daran gewöhnen müssen, mit einem Teenager zu leben und für ihn zu sorgen. Die Hauselfen und die Dienerschaft waren froh gewesen über das neue Familienmitglied und jeder von ihnen versuchte, es Severus so leicht wie möglich zu machen. Man konnte Airell vieles nachsagen, doch zu den Menschen und Geschöpfen, die ihm dienten und die unter seinem Schutz standen, war er stets gut, gerecht und anerkennend. Natürlich konnte er auch streng sein und es war niemandem zu raten, sein Vertrauen zu missbrauchen, doch ein jeder hier im Herrenhaus wusste darum und es war noch nie vorgekommen, dass einer von ihnen den Hausherren wirklich herausgefordert oder hintergangen hätte. Sie alle schätzten die Art und Weise, wie Airell den Hausstand führte und wie er den Namen Malfoy nach außen hin repräsentierte. Wenn auch nur unterschwellig und für Außenstehende eigentlich nicht zu bemerken, so waren sie alle dennoch so etwas wie eine große „Familie" und Severus war mit Freuden in diese Familie aufgenommen worden. Und trotzdem war es noch ein langer und steiniger Weg bis Severus endgültig zu verstehen schien, dass es innerhalb einer Familie keine Bedingungen und keine Hintergedanken gab. Airell mochte sich nicht vorstellen, wie der Junge seine Kindheit bei Eileen Prince und Tobias Snape verbracht haben mochte, aber sein Charakter sprach Bände. Und das tat Airell in der Seele weh. Obwohl er keine eigenen Kinder hatte, so wusste er dennoch um die Bedeutung einer liebevollen und wertschätzenden Umgebung für heranwachsende Kinder. Und nichts davon hatte Severus je erfahren. Das Resultat war für alle klar zu sehen und nun war es an Airell, die Scherben aufzulesen und mühevoll wieder zusammen zu legen. Die Behandlungen des Dunklen Lords taten ihr Übriges, um dieses Vorhaben schier unmöglich zu machen. Severus war in den letzten Monaten im Todessertraining zu einem der vielversprechendsten Kandidaten aufgestiegen und obwohl Airell selbstverständlich stolz auf seinen Schützling war, so wusste er dennoch, um welche Art von Anerkennung es beim Dunklen Lord ging und was es bedeutete in den Rängen an oberster Stelle zu stehen. Dieser Platz war der seine und wenn jemand wusste wie es war seine Seele Stück für Stück zu verlieren und im Laufe der Zeit immer mehr auseinanderzubrechen, so war es Airell Malfoy. Airell seufzte und stoppte seine düsteren Gedankengänge abrupt, als er vor Severus' Zimmertür stand.
Schließlich atmete er tief aus, klopfte leise an die Tür und wartete.
„Herein!", hörte er Severus' Stimme gedämpft durch die Tür und trat mit leisen Schritten ein.
Der Slytherin saß auf seinem Bett, hatte die Arme um die angewinkelten Beine geschlossen und schaute aus dem großen Fenster nach draußen über wie weitläufigen Ländereien und Wälder des malfoyschen Besitzes. Er wandte den Kopf um, als er hörte, dass sein Besucher das Zimmer betrat und hob erstaunt, aber auch ein wenig anklagend die rechte Augenbraue. Eine Geste, die Airell niemals wieder missen wollte und die immer wieder dazu führte, dass ein leichtes Lächeln seine sonst so strengen Züge zierte.
„Airell!", meinte Severus, ließ seine Beine los und drehte seinen Oberkörper so, dass er seinem Vormund genau ins Gesicht sehen konnte. „Wieso hast du angeklopft? Du weißt doch, dass du auch so eintreten darfst! Ich möchte nicht, dass du anklopfst!"
Airell schwieg, musterte seinen Schützling von oben bis unten und ging mit langsamen Schritten auf ihn zu. Die rechte Augenbraue wanderte noch ein Stück weiter nach oben, doch die eben noch so vorwurfsvoll klingende Stimme blieb stumm. Als er schließlich das Bett umrundet hatte, einen kurzen Blick aus dem Fenster geworfen und sicher war, dass er die Tür hinter sich fest verschlossen hatte, ließ Airell sich neben Severus auf das Bett sinken, legte seine feingliedrige, weiße Hand auf die Schulter seines Schützlings und drückte leicht zu.
Schwarze Augen musterten ihn durchdringend, doch Airell hielt dem Blick ohne Probleme stand und wartete. Langsam wich der verwundert–vorwurfsvolle Blick und endlich wurde das sichtbar, was Airell schon bemerkt hatte, als der Junge noch mit dem Rücken zu ihm gewandt aus dem Fenster gesehen hatte.
Unsicherheit, Angst, Trauer… und ein kleines bisschen Hoffnung. Airell wurde immer besser darin in Severus' Augen, Körperhaltung und Stimme zu lesen wie in einem Buch. Ein kurzes Gefühl von Stolz durchströmte ihn.
Mit einem leisen Seufzen ließ Severus sich zur Seite sinken, lehnte seinen dünnen Körper gegen den Airells' und genoss die leichte Hand, die nun zögernd seine Taille umfasste und ihm so Halt spendete. Seine Unsicherheit und sein Zögern waren es, die ihm Airell Malfoy so nahe brachten und die ihm immer wieder zeigten, dass es einen Menschen auf der Welt gab, dem es nicht egal war, was aus ihm wurde und der ihn hielt, auch wenn er selbst so unsicher stand und nicht mehr wusste wo unten oder oben war. Airell stellte wenig Fragen, hatte unheimlich viel Geduld und bewies sich immer wieder als Fels in der Brandung. Dafür war Severus unendlich dankbar.
„Glaubst du, sie werden mich irgendwann akzeptieren?", fragte Severus mit leiser Stimme und gestattete es sich, die Augen zu schließen und sich einen Moment der Ruhe zu gönnen.
Airell schwieg einige wenige Augenblicke, bevor er mit fester, sicherer Stimme antwortete: „Natürlich werden sie! Und wenn nicht, dann bekommen sie es mit mir zu tun und eins kann ich dir versprechen, Severus. Niemand, aber auch gar niemand sollte sich mit mir angelegen! Hörst du?"
Severus nickte und ein kleines bisschen Wärme verbreitete sich in seinem kalten Körper. Er musste leise lachen. Es tat gut, so unendlich gut, diese Worte zu hören und sie ließen ihn für die Dauer eines Herzschlages seinen Kummer und seine Trauer vergessen. Den ganzen Tag über hatte er sich schon Gedanken gemacht, sogar überlegt, sich irgendwo auf den Ländereien zu verstecken oder fortzulaufen, doch am Ende hatte er sich dagegen entschieden, denn alle diese Möglichkeiten wären Airell gegenüber nicht gerecht gewesen. Er sorgte so gut für ihn, gab ihm ein Zuhause, hörte ihm zu oder hielt ihn einfach nur fest, ohne dafür jemals eine Gegenleistung zu erwarten. Aus irgendeinem Grund wusste das Oberhaupt der Malfoy–Familie immer, wann die Zeit war zu schweigen und wann zu sprechen und damit gab er Severus viel mehr, als er selbst wahrscheinlich wusste.
Sich einen Moment der Schwäche gönnend schloss Severus die Augen und seufzte leise. „Danke, Airell! Danke für alles! Ich…"
Ein kühler, schmaler Finger legte sich auf seine Lippen und Airell schüttelte leicht den Kopf. „Schhhht, Severus. Denke nicht mehr nach! Du brauchst mir nicht zu danken und am aller wenigsten brauchst du zu zweifeln! Vertraue dir selbst – und mir! Wir werden das schon schaffen… gemeinsam!"
Severus spürte, wie Tränen seine Wangen hinab liefen und zog beschämt die Nase hoch, während er sein Gesicht in dem teuren, tiefschwarzen Samt vergrub, aus dem das Gewand Airells' gefertigt war. Wie hatte er nur diesen Mann verdient? Was hatte er getan, um von solch einem Engel gehalten zu werden? Er hatte es Airell niemals gesagt, doch für Severus war er ein Engel. Er half ihm auf, wenn er gestürzt war, hielt ihn, wenn er drohte zu fallen und ließ es zu, dass Severus die kalte Maske ablegte, ohne dabei verletzt zu werden. Er half ihm, den Schmerz des Verlustes wenigstens ansatzweise ertragen zu können und auch, wenn es Airell niemals bestimmt war, die Rolle von Professor Keriann zu übernehmen, so war sich Severus durchaus bewusst, dass er ohne Airell längst aufgegeben hätte. Ganz zu schweigen von den Erlebnissen und Taten, die sie im Auftrag des Dunklen Lords durchstehen mussten. Hätte er da Airell nicht an seiner Seite gehabt – Severus wusste nicht, ob er dann überhaupt noch leben würde. Wahrscheinlich nicht.
Und weil er wusste, dass der Professor das niemals gewollt hätte, war er Airell Malfoy mehr schuldig, als er in seinem ganzen Leben jemals würde zurückgeben können. Und dennoch war er so undankbar… Wie oft stieß er Airell kalt von sich, wenn dieser die Hand unsicher nach ihm ausstreckte? Wie oft blieb er ihm eine Antwort schuldig? Wie oft hatte er selbst eine Maske getragen, wenn das Oberhaupt der Malfoy–Familie völlig maskenlos vor ihm gestanden hatte?
Severus seufzte leise und fühlte sich mit einem Mal noch viel schlechter als zuvor. Airell hatte etwas Besseres verdient als ihn! Severus hasste sich selbst für jede einzelne Handlung, die er hätte tun müssen, aber nicht getan hatte. Für jedes einzelne Wort, welches er hätte sagen müssen, aber nicht gesagt hatte… und für jeden einzelnen Sturz, wo er hätte standhaft bleiben müssen. Für Professor Keriann. Für Airell. Und ein klein wenig für sich selbst.
Wie konnte ein Mensch nur so entsetzlich schwach sein?
Wegen seiner Schwäche war der Professor tot. Es war allein seine Schuld und niemals würde er sich selbst vergeben können… niemals…
„Es ist nicht deine Schuld, Severus!", flüsterte Airell leise und strich seinem Schützling leicht über das pechschwarze Haar. Vereinzelte Strähnen glitten dabei fließend durch seine weißen Finger und bildeten einen Kontrast, der stärker nicht hätte sein können.
Severus zuckte kurz zusammen, versteifte sich leicht in der lockeren Umarmung und ließ schließlich die Schultern hängen.
„Doch, ist es…!", erwiderte er kaum hörbar und spannte seinen ganzen Körper an, da er genau wusste, was nun folgen würde.
Der dünne Arm um seine Taille verschwand innerhalb eines Herzschlages, lautes Stoffrascheln war zu hören und schließlich die zornige, mühsam unterdrückte Stimme Airell Malfoys.
„Hör auf, so etwas zu sagen, Severus! Ich möchte nicht, dass du diesen Schwachsinn auch nur denkst! Dich trifft keine Schuld, nicht die geringste! Wie kannst du nur glauben, dass…"
Wütend schnaubte Airell, raufte sich die Haare und ruinierte damit auch noch den letzten Rest seiner Frisur, was ihm in diesem Moment jedoch herzlich egal war. Innerlich zählte er bis zehn, versuchte, seinen schnellen Herzschlag wieder halbwegs unter Kontrolle zu bekommen und massierte mit den Fingerspitzen seiner rechten Hand seine Schläfe. Wie, bei Merlin, sollte er es jemals schaffen, Severus diesen Unfug auszureden? Vor allem, wenn er selbst jedes Mal kurz davor war, die Fassung zu verlieren? Noch niemals in seinem Leben hatte er seinen Gefühlen, sei es nun Wut, Trauer oder etwas anderes, erlaubt, die Oberhand zu gewinnen, aber wenn Severus dieses eine Thema anschnitt, diese „Schuldfrage", war er jedes Mal kurz davor, die Beherrschung zu verlieren und irgendetwas zerstören zu wollen. Eigentlich lag dieser Wesenszug völlig außerhalb seines Charakters, aber er sah in diesem Punkt einfach rot, wenn Severus sich die Schuld am Tod des Professors gab. Denn das stimmte einfach nicht! Wenn jemand nichts dafür konnte, dann Severus!
Noch einmal atmete Airell tief durch und konzentrierte sich vollkommen auf seine Atmung. Er blinzelte einmal kurz, ließ seinen Blick dann durch den Raum schweifen und bekam ein schlechtes Gewissen, als der das Häufchen Elend zusammen gesunken auf dem Bett kauern sah, den Kopf so weit wie möglich zwischen die Schultern gezogen, die Hände schützend um den Körper geschlungen um damit so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten.
Ein brennender Stich zog durch seinen ganzen Körper und hilflos ließ er die Arme zu beiden Seiten seines Körpers hinab hängen. Er wusste immer noch nicht genau, wie er sich in solchen Momenten zu verhalten hatte und deshalb hielt er es für das Beste, erst einmal zu warten. Der Junge hatte Angst vor ihm, das konnte Airell genau erkennen und diese Angst versetzte ihm einen Schlag, mit dessen Wucht er nicht gerechnet hatte. Noch immer war Severus unsicher im Umgang mit ihm obwohl sie beide jetzt schon über ein Jahr zusammen lebten.
Die Sekunden verstrichen und keiner der Beiden sagte auch nur ein Wort oder rührte sich. Der sturmgraue Blick Airells' ruhte auf der eingesunkenen Gestalt seines Schützlings, als dieser sich völlig unerwartet erhob, ein lautes Schluchzen von sich gab und sich schließlich in Airells Arme warf. Dieser, im ersten Moment noch völlig von der Situation überfordert, blinzelte erneut, schloss automatisch die Arme um den zitternden Körper des Jungen und realisierte nur langsam, was gerade geschehen war. Severus krallte seine Hände in den schweren Stoff, schluchzte nun ununterbrochen und durchnässte mit seinen Tränen das teure Gewand. Es kümmerte Airell nicht, der seine Umarmung festigte und sich schließlich mit Severus auf das große Bett sinken ließ.
„Es tut mir Leid, Severus. Ich wollte nicht…"
Seine Stimme versagte und Airell schluckte, als schwarze, von Tränen verschleierte Augen ihn flehentlich anblickten.
„Was redest du da, Airell?", brachte Severus zwischen zwei besonders lauten Schluchzern hervor und zog erneut geräuschvoll die Nase hoch. „Mir tut es Leid, denn ich weise dich jedes Mal aufs Neue von mir! Ich bin es, der abweisend und kalt ist, nicht du! Ich bin es, der dich immer wieder verletzt, obwohl du mir nur helfen möchtest und mich trägst! Ich bin es, dem es leidtun sollte, nicht du, verdammt noch mal!" Ein Sturm aus Emotionen wütete in den schwarzen Augen und Severus schien nicht zu wissen wohin mit seinen Gefühlen.
Airell schüttelte schwach den Kopf, doch er war nicht fähig, auf dieses Geständnis auch nur irgendetwas zu erwidern. Stattdessen folgte er einem inneren Impuls, ließ sich zusammen mit Severus auf die Seite sinken und zog den dürren Köper noch fester an sich. Severus ließ diese Berührung zu, drängte sich sogar noch fester an Airells Brust und murmelte immer wieder „Es tut mir Leid! Es tut mir so entsetzlich Leid!", während das Schluchzen nur langsam nachließ und ein wenig Ruhe in den zitternden Körper kam. Airell schwieg die ganze Zeit über, streichelte mit der linken Hand immer wieder sanft durch das lange, schwarze Haar und hielt mit dem rechten Arm Severus' Körper eng an den seinen gepresst.
Normalerweise waren sie Beide keine Anhänger von zu großer körperlicher Nähe, aber der eine hatte im Laufe der Monate gelernt, auf die unbewussten Zeichen des Anderen zu achten und so zu wissen, wann eine Berührung, eine Umarmung oder aber ein keuscher, unschuldiger Kuss auf die Stirn zu einer lebensrettenden Tat werden konnten, deren Bitte aber niemand von ihnen jemals laut ausgesprochen hätte.
So lagen sie Beide auf dem viel zu großen Bett, gaben einander Halt und versuchten, die wild kreisenden Gedanken wenigstens ansatzweise zu ordnen, während irgendwo im Herrenhaus ein dunkler Gong ertönte und davon zeugte, dass der Besuch des heutigen Abend angekommen war. Doch weder Airell, noch Severus bewegten sich auch nur einen einzigen Millimeter. Sie starrten beide nach draußen in die Ferne. Es dämmerte bereits und schon bald würden die ersten Sterne am Himmel zu sehen sein.
Severus war der Erste, der nach Minuten des Schweigens und Starrens seine Stimme wieder fand.
„Du solltest langsam gehen, oder!? Sie werden sich schon fragen, wo du bleibst…!"
„Wo wir bleiben!", korrigierte ihn Airell mit einem sanften Lächeln, welches Severus dazu veranlasste, ebenfalls leicht zu lächeln.
„Danke!", flüsterte er erneut, kuschelte sich ein letztes Mal an die Brust seines Mentors und wich dann einen guten Meter zurück. Leicht betreten blickte er danach auf die Bettdecke, doch ein langer, kühler Finger hob sein Kinn an und zwang ihn dazu, Airell in die Augen zu blicken. In ihnen las Severus weder Wut, noch Trauer oder Enttäuschung. Sie blickten stark und entschlossen, wie er sie kannte und das gab ihm ein Gefühl von Sicherheit, welches sich nur schwer beschreiben ließ. Ganz leicht nickte Severus, gab Airell damit zu verstehen, dass er das „wir" akzeptiert hatte.
Airell erhob sich langsam, versuchte sein tränennasses, nun geknittertes Gewand so gut es ging zu richten und lachte leise, als Severus sich verlegen auf die Unterlippe biss.
„Halb so schlimm!", winkte Airell ab und streckte eine Hand aus, die Severus sogleich ergriff und sich so nach oben ziehen ließ. Auch an seinem Gewand zog Airell ein wenig, brachte es so wieder halbwegs in Form und musterte ihn danach durchdringend. Fragend hob Severus seinen Blick und wartete.
„Was suchst du?", fragte er schließlich, als Airell keine Anstalten machte, sich weiter zu bewegen. Sein durchdringender Blick hin noch immer auf Severus und dieser wusste nicht so ganz, wie er diesen Blick einordnen sollte.
Ohne Vorwarnung ließ Airell ihn plötzlich stehen, schritt leichten Fußes an ihm vorbei auf die große, dunkle Kommode am anderen Ende des Raumes zu. Nun wusste Severus, was der durchdringende Blick gesucht hatte und schloss für einen kurzen Moment die Augen.
„Es ist nicht mehr dort! Ich habe es in die Nachttischschublade gelegt!", meinte er leise und Airell stoppte mitten in der Bewegung. Er wandte sich erneut zum Bett, ging auf den Nachttisch zu und öffnete mit einem leisen Scharren von Holz auf Holz die oberste Schublade. Severus hatte die Augen immer noch geschlossen, wohl wissend, was gleich kommen würde. Er hörte leise Geräusche vom Bett her, dann wieder das Scharren und schließlich das Rascheln von Stoff, welches Airells Rückkehr ankündigte.
Dann spürte er die sanften, kühlen Hände seines Mentors an seinem Hals und wie sie ihm etwas umlegten. Erst dann öffnete er die Augen, nahm wortlos die rechte Hand Airells in die seine und machte sich mit ihm auf den Weg in den großen Ballsaal. Keiner von ihnen sah noch einmal zurück in den Raum oder sprach auch nur ein einziges Wort auf ihrem Weg, doch ihre Hände lösten sich erst, als sie vor der großen Flügeltür angekommen waren, hinter der man bereits lautes Lachen und das Klirren von Gläsern hören konnte…
To be continued…
