Kapitel 3
Ein einziger, blasser Sonnenstrahl schaffte es, durch einen winzigen Spalt in dem schweren, dunkelgrünen Samtstoff zu gelangen und stieß auf eine nicht weniger blass – weiße Hakennase, die sich aufgrund des unerwünschten Eindringens leicht kräuselte. Ein leises Aufstöhnen verließ die schmalen Lippen unterhalb dieser Nase und schmale, lange Finger griffen nach dem dunkelgrünen Stoff, um auch diesen kleinen Spalt mit minimalistischen Bewegungen zu schließen. Danach war es wieder vollkommen dunkel hinter der Vorhängen und schwarze Augen blickten leicht verklärt nach oben. Natürlich konnten sie nichts außer Schwärze erkennen, ihrer eigenen gleich, und dennoch schienen sie irgendetwas zu suchen. Unruhig huschten sie von rechts nach links, verharrten einen kurzen Moment, nur um darauf erneut nach allen Seiten zu blicken.
„Wo bin ich?", murmelte eine schwache Stimme und wurde von einem unterdrückten Stöhnen begleitet. Die schmalen Finger tasteten vorsichtig sein Gesicht ab, fuhren durch fettiges, langes Haar und sanken schließlich kraftlos auf das weiße Kopfkissen.
Mit einem gequälten Laut rollte Severus Snape sich nach rechts und stieß noch im gleichen Augenblick einen schmerzerfüllten Schrei aus. Seine rechte Hand pochte und ein höllischer Schmerz zog seinen gesamten Arm hinauf - das hatte er völlig vergessen in seiner Orientierungslosigkeit! Mit einem leisen Wimmern, für das er sich in Gedanken selbst mehrfach verfluchte, rollte er sich nun auf die andere Seite, stieß die Luft schwer aus seinen Lungen und schloss ergeben die Augen.
Bunte Sterne begannen vor seinen Augen zu flimmern und sein Magen rebellierte. Ob das daran lag, dass er schätzungsweise seit drei Tagen wieder einmal kaum etwas gegessen hatte, an den vielen Tränken, die er schluckte oder aber an etwas ganz anderem, vermochte er nicht zu sagen. Wahrscheinlich spielte von allen Möglichkeiten ein kleiner Teil eine Rolle in seinem derzeitigen Zustand, der alles andere als gesund war. Severus seufzte. Er merkte seine schlechte körperliche Verfassung nicht nur im Alltag, sondern vor allem auch im Todessertraining. Er würde sehr schnell besser auf sich Acht geben müssen, wenn er nicht sein Leben im Training verlieren wollte. Er war zwar einer der Besten, doch zu seinem Glück war die Konkurrenz nicht gerade von der schlausten oder fittesten Sorte. Und trotzdem: wenn er körperlich weiter so abbaute, würde es ihn früher oder später teuer zu stehen kommen. Er musste dringend auf seine Ernährung achten! Auch Airell zuliebe, denn dieser quittierte jede ausgelassene Mahlzeit mit einer leicht hochgezogenen Augenbraue und einem traurigen Flackern in den sturmgrauen Augen. Natürlich blieb Severus das nicht verborgen. Aber Airell sagte nicht viel, was hätte er auch tun sollen?! Severus war alt genug und Airell wusste, dass er sich nicht gerne belehren ließ. Obwohl es manchmal durchaus nötig war, dass wusste Severus. Wieder seufzte er. Heute würde er, sofern er es zum Frühstück in die große Halle schaffte, endlich einmal etwas zu sich nehmen müssen, denn so ging es einfach nicht weiter. Ein guter Vorsatz, den es jedoch erst einmal umzusetzen galt!
Weder wusste Severus, welcher Tag heute war, noch, wie spät. Er konnte sich vage an den Zwischenfall im Bad der Slytherins erinnern, seinen Weg hoch in den Gemeinschaftsraum, auf dem er sich das rechte Handgelenk wahrscheinlich gebrochen hatte und daran, dass er sich den letzten Rest seines Schmerztrankes genehmigt hatte, doch da das Pochen und Brennen in seinen Körper zurück gekehrt war, mussten seitdem mindestens vier bis fünf Stunden vergangen sein – so lange hielt die Wirkung des Trankes normalerweise an, bei ihm jedoch immer kürzer je länger er die Tränke zu sich nahm. Ähnlich verhielt es sich mit den Tränken gegen Alpträume, auch diese hatte eine immer kürzere Wirkungsdauer bei ihm und nicht selten musste er sich direkt nach der Einnahme übergeben. Irgendetwas stimmt da überhaupt nicht und über kurz oder lang würde er mit jemandem darüber reden müssen. Und das wäre wieder Airell. Severus schluckte trocken und seufzte. Der arme Mann würde in den kommenden Wochen einige Gespräche über sich ergehen lassen müssen. Wenn Severus endlich den Mut fand seinen Mund aufzumachen. Sich anderen anzuvertrauen war noch nie eine seiner Stärken gewesen, doch jetzt, da er zu Airells Familie gehörte, war es nicht gerecht dem blonden Zauberer gegenüber ihn aus seinem Leben so auszuschließen. Severus Snape war nicht mehr alleine. Doch noch immer hatte er sich nicht so richtig an diesen Gedanken gewöhnen können.
Aber sein gesundheitlicher Zustand war mittlerweile selbst für ihn besorgniserregend geworden und die Menge an Zaubertränken die er zu sich nahm war viel zu hoch. Es hatte sich bereits eine Art Abhängigkeit entwickelt und dem wollte Severus unbedingt entgegen wirken! Er musste!
Es stimmte. Er war abhängig von der Wirkung dieser Tränke, denn ohne sie hätte er wahrscheinlich schon längst den Verstand verloren. Sein ganzes Leben erschien ihm häufig wie ein einziger Maskenball, auf dem es darauf ankam, die Maske so lange wie möglich zu tragen. Wenn sie verrutschte oder man sie gar ablegte, waren die Auswirkungen kaum absehbar, aber mit präziser Sicherheit der Weg zum Untergang. Es fiel ihm immer schwerer, seine eigene Maske aufrecht zu erhalten und mit den Tränken schaffte er es wenigstens den Tag über, sein wahres Gesicht zu verbergen. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, wusste er mittlerweile gar nicht mehr, wie sein wirkliches Gesicht aussah, doch wenn es nur halb so zerstört war wie sein Körper, dann konnte er sich die Realität bildhaft vorstellen. Er verlor sich unaufhaltsam in der Dunkelheit. Immer mehr. Rasend schnell.
Worte, von denen Severus glaubte, dass er sie längst vergessen hatte, durchzogen seinen Geist, doch die Stimme, die diese Worte sprach war nicht mehr als ein leises Wispern und die Erinnerungen an den Menschen, der diese Worte zu ihm gesprochen hatte, fast verblasst:
„Auch, wenn sich unsere Wege jetzt trennen sollten, so darfst du niemals vergessen, was ich dir jetzt sage: Lass nicht zu, dass die Dunkelheit dein Herz vergiftet, Severus! Die Dunkelheit mag ein Teil von dir sein, aber du darfst nicht zulassen, dass du auch ein Teil von ihr wirst! Hast du das verstanden?"
Severus spürte erneut ein verräterisches Brennen in seinen Augen und verbarg das Gesicht trotzig in den kalten Kissen seines Bettes. Wie hatte er die Worte des Professors nur vergessen können? Wie hatte er den Professor selbst vergessen können? Er hatte es nicht geschafft, die letzte Bitte seines sterbenden Lehrers zu befolgen, denn wenn er sich heute im Spiegel betrachtete, sah er nichts außer dem gescheiterten Werk von Zerstörung, Schmerz … und Dunkelheit. Er hatte sich selbst irgendwo verloren und bis heute nicht mehr wieder gefunden. Airell Malfoy war es zu verdanken, dass er noch nicht vollends aufgegeben hatte, doch auch der blonde Aristokrat war nicht im Stande gewesen, ihn vor den Klauen des Dunklen Lords zu beschützen. Wie sollte er auch, wenn er selbst ein Gefangener Voldemorts war? Und bei Merlin, Airell tat alles in seiner Macht stehende um Severus das Leben zu erleichtern und ihm ein Zuhause zu geben!
Wütend über sich selbst presste Severus die Hände auf seine geschlossenen Augenlider, bis erneut bunte Sterne vor seinen Augen tanzten und ein nicht auszuhaltender Schmerz durch seinen rechten Arm zog.
„Verdammt!", stieß er schluchzend hervor und warf sein Gesicht nach rechts und links. „Verdammt! Wann, zum Teufel, ist nur alles so entsetzlich schief gelaufen? Wieso? Wieso ich?"
Diese Fragen stellte er sich bereits seit Jahren und bisher hatte er noch keine Antwort gefunden. Wie auf so viele Fragen in seinem Leben. Es schmerzte ihn und machte ihn zugleich so verdammt wütend, dass er sich kaum noch an den Klang der Stimme des Professors erinnern konnte, geschweige denn an sein Gesicht. Es konnte doch einfach nicht sein, dass man einen Menschen so schnell vergaß! Das die Erinnerungen so schnell verblassten!
Er hatte mit Airell noch nie darüber gesprochen, doch mehr als einmal hatte Severus gespürt, dass sein Mentor nur darauf wartete, dass er ihm sein Leid klagte. Dass er ihm erzählte, was ihn quälte, was seine ohnehin schon so geschundene Seele einfach nicht zur Ruhe kommen ließ… Und dennoch hatte Severus es bis heute nicht geschafft, Airell die komplette Wahrheit zu sagen. Stattdessen hatte er geschwiegen, sich in die Dunkelheit zurückgezogen und alleine mit seinem Schicksal gehadert. Alles Dinge, die die unsägliche Wut in ihm nur noch schürten und dazu führten, dass die alles verzehrende Flamme in seinem Inneren immer größer wurde.
„Ich muss mit ihm darüber sprechen, bevor es zu spät ist!", durchzog ein schwacher Gedanke seinen pochenden Kopf und Severus wusste, dass es an der Zeit war. Er konnte nicht mehr davon laufen, wenn er überleben wollte, denn er war kurz davor, in die Schatten zu stürzen. Sein Körper würde das alles nicht mehr lange mitmachen, von seinem Geist einmal ganz zu schweigen. Der vergangene Abend hatte ihm deutlich vor Augen geführt, was aus ihm in den letzten Monaten und Jahren geworden war und er war es dem Professor und Airell schuldig, nicht auch noch den letzten Schritt zu gehen.
Für Vieles mochte es bereits jetzt zu spät sein und er konnte nicht mehr ändern, was einmal geschehen war, doch auch, wenn sein eigener Lebenswille bereits vor Jahren aufgegeben hatte, so stand er dennoch bei den beiden einzigen Menschen, die er jemals gemocht hatte, so tief in der Schuld, dass er nicht mehr das Recht hatte, selbst über sich und sein Leben zu entscheiden. Dieses Recht war ihm spätestens in der Nacht genommen worden, in der man ihn gebrandmarkt hatte wie ein Stück Vieh und in der er alles, was ihm bis dahin noch geblieben war, dem Teufel vor die Füße geworfen hatte. In dieser Nacht hatte er Christian Keriann und alles, wofür der Professor gekämpft hatte, verraten und damit das Recht aufgegeben, überhaupt noch zu existieren. Sein ganzes Dasein war ein einziger Fehler, doch diesen Fehler dürfte er selbst nicht beheben. Wenn das Schicksal es einmal gut mit ihm meinte, würde es seinem Leben bald ein Ende bereiten, doch bis dahin würden die Befehle Anderer ihn am Leben erhalten. So, wie es schon immer gewesen war und so, wie es auch immer sein würde.
Entschlossen warf Severus die schwere Bettdecke zur Seite, drehte sich in Richtung des Fensters und öffnete leise den schweren, dunkelgrünen Samtvorhang. Seine Hauskammeraden waren fort, aber die Schulglocke hatte er noch nicht gehört. Wahrscheinlich war er gerade noch rechtzeitig zum Frühstück oder bereits zu spät dran, aber der Unterricht hatte noch nicht begonnen. Er musste sich also beeilen!
So schnell er konnte erhob sich Severus, ging zu der schweren Truhe am Fußende seines Bettes und öffnete sie. „Gute Vorsätze…", murmelte er zu sich selbst und schob ein altes Hemd zur Seite. Darunter kam ein nagelneues, wunderschönes Hemd zum Vorschein, welches aus teurem Stoff gefertigt war. Ein passender Hausumhang, ebenfalls neu, lag sorgfältig zusammen gefaltet und noch in Seidenpapier eingewickelt daneben. Severus nahm beides behutsam aus der Truhe, ergänze das Ensemble noch mit einer Hose, einer Krawatte und frischer Wäsche. Alles neu und makellos.
Er betrachtete die feine Kleidung zweifelnd, aber er mochte das Gefühl der teuren Stoffe und den Gedanken daran, dass Airell diese Kleidung extra für ihn gekauft hatte. Solange er sich zurückerinnern konnte, hatte er in Hogwarts noch nie neue Kleidung getragen. War jetzt ein guter Zeitpunkt, um damit zu beginnen? Nun, es war der Beginn eines neuen Schuljahres, seines letzten Hogwartsjahres, und wenn nicht jetzt, wann dann?! Er wollte etwas ändern und dieser Vorsatz sollte kein Wunschdenken bleiben, jedenfalls nicht schon wieder!
Also nahm Severus die Kleidung, erhob sich langsam und machte sich auf den Weg zum Badezimmer. Den pochenden Schmerz in seiner Hand ignorierte er so gut es ging, aber im Laufe des Tages würde er wohl bei Madame Pomfrey vorbei schauen müssen. Mit einer gebrochenen Hand konnte er nur unzureichend am Unterricht teilnehmen und das wollte Severus nicht riskieren. Aber was sollte er ihr sagen? Nun, darüber würde er sich im Laufe des Vormittags Gedanken machen. Jetzt musste er sich beeilen, wollte er noch die letzten Minuten des Frühstücks miterleben um wenigstens eine Tasse Kaffee und eine Kleinigkeit zu sich nehmen zu können.
To be continued…
