Kapitel 4
Mit einem tiefen Seufzen ließ sich Airell Malfoy nach hinten sinken, fuhr sich mit der rechten Hand fahrig durch das Gesicht und hielt die Augen für einige wenige Sekunden geschlossen. Normalerweise war es nicht seine Art, in der Gegenwart anderer solch ein Zeichen von Schwäche zu zeigen, doch er wusste, dass er Albus Dumbledore in diesem Fall vertrauen und auf seine Diskretion bauen konnte. Der Direktor der Hogwartsschule würde niemals auch nur ein einziges Wort ihrer Unterhaltung nach außen tragen und das rechnete Airell ihm sehr hoch an. Es mochte sein, dass er in einigen Punkten nicht immer viel von Dumbledore hielt, doch sie beide kannten sich schon lange und, so konnte man durchaus sagen, relativ gut. Außerdem stand sein Bruder, Amergin Malfoy, Albus Dumbledore ziemlich feindlich gegenüber und das alleine reichte schon aus, um ihn in Airells Augen zu einer immerhin akzeptablen Person zu machen.
Nun saß er wieder einmal im Büro des Direktors, der ihn am Morgen per Eule in die Schule gebeten hatte, um über ihr gemeinsames „Sorgenkind" zu sprechen: Severus Snape. Mittlerweile war es weit nach Mittag, der Unterricht lief dem Ende entgegen und wie der Direktor ihm zu Beginn ihres Treffens mitgeteilt hatte, war Severus am heutigen Tag zwar etwas verspätet zur ersten Stunde erschienen, dafür aber so korrekt gekleidet wie noch nie zuvor. Ein Umstand, der Airell kurz fragend die Augenbraue heben ließ, er sagte jedoch nichts weiter dazu und auch Dumbledore führte das Thema nicht weiter aus. Nun saßen sie beide hier, tranken gefühlt die dritte Kanne Tee und hingen ihren eigenen Gedanken nach. Airell musste vorsichtig sein mit dem was er sagte und wie er es sagte, denn obgleich er Dumbledore für einen korrekten Menschen hielt, so wusste er nicht, wie viel der Direktor von Severus' Verbindung zum Dunklen Lord wusste und es war nicht an Airell, ihm davon zu berichten. Ganz davon zu schweigen, dass es den Direktor auch gar nichts anging. Dass Airell zu Voldemorts Gefolgsleuten gehörte war ein offenes Geheimnis, doch auch in diesem Punkt hielt Dumbledore sich zurück und vergaß nicht ein einziges Mal seine Professionalität. Ihr Gespräch drehte sich ausschließlich um Severus.
Immer wieder huschte Airells Blick zur schweren Holztür als erwartete er, dass Severus jeden Moment anklopfen und hereinkommen würde. War es nicht immer so, wenn sensible Informationen über eine Person ausgetauscht wurden?! Aber die beiden Männer waren seit Stunden ungestört und nicht zum ersten Mal vermutete Airell, dass der Direktor dem Wasserspeier vor dem Eingang zu seinen privaten Gemächern befohlen hatte, niemanden hinauf zu lassen. So wenig konnte doch selbst an den ersten Schultagen nach den Sommerferien nicht los sein im Büro des Direktors. Aber Airell war es ganz Recht, wenn niemand merkte dass er hier war.
Die Stille für einen kurzen Augenblick genießend schloss Airell die Augen, konzentrierte sich auf die verschiedenen Geräusche um sich herum und versuchte etwas zur Ruhe zu kommen. Dumbledore und er hatten über vieles gesprochen, aber über eine bestimmte Sache schwiegen sie noch beide. Und dabei war es an der Zeit, dass Airell endlich etwas mehr erfuhr über den mysteriösen Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste, der vor zwei Jahren verschwunden zu sein schien. Oder gestorben war. Wer wusste das schon mit Sicherheit, außer der Dunkle Lord?
Aber wie sollte er dieses Thema beginnen? Airell öffnete seine Augen wieder, nahm einen tiefen Schluck aus der rot-goldenen Teetasse und verzog kurz das Gesicht, als der viel zu süße Nachgeschmack seine Kehle hinab lief. Normalerweise trank er keinen allzu süßen Tee, doch der Direktor schien ein Freund dieser Früchtemischung zu sein und Airell war von Haus aus ein exzellenter Gast, der sich niemals beschwerte. Also trank er an diesem Tag Früchtetee. Bereits die zweite oder dritte Kanne, er hatte aufgehört zu zählen.
„Was glaubst Du, wie es jetzt weiter geht?", stellte er eine der Fragen, die ihm schon den ganzen Morgen durch den Kopf gingen.
Albus Dumbledore hatte sich hinter seinem Schreibtisch ebenfalls nach hinten sinken lassen, die Fingerspitzen zusammengelegt und nach draußen aus dem Fenster gesehen, während er darauf gewartet hatte, dass Airell seine Gedanken sammelte. Nun wandte er den Blick seinem blonden Besucher zu, schien einen kurzen Moment zu überlegen und seufzte schließlich selbst leise.
„Ich denke, das Schuljahr wird wieder einmal voller überraschender Wendungen sein. Für uns alle."
Airell konnte ein Augenrollen nur im letzten Moment unterdrücken. Er hasste kryptische Antworten.
„Du erwartest, dass das Schuljahr beendet werden kann?", fragte Airell noch einmal konkreter und mit einem leicht scharfen Unterton. Die kommende Zeit war für sie alle ungewiss, doch das Unterrichtsgeschehen in Hogwarts wurde aufrechterhalten solange es möglich war. Und wer konnte schon wissen, was die nächsten Wochen und Monate bringen würden!? Vielleicht würde der Dunkle Lord noch einige Zeit brauchen um zu seiner vollen Stärke zu gelangen. Vielleicht waren sie alle im nächsten Monat bereits tot. Gewissheit gab es für nichts und niemanden in diesen Zeiten.
Leicht schüttelte der Direktor den Kopf, während er seine rechte Hand nach der halb leeren Teetasse auf seinem Schreibtisch ausstreckte. „Ich bin mir nicht sicher", antwortete er, nahm einen kleinen Schluck des warmen Tees und stellte die Tasse wieder zurück. „Voldemort ist in den letzten Monaten sehr stark geworden…", blaue Augen musterten Airell durchgehend, „…wie du sicherlich weißt. Und wann der Krieg auch Hogwarts erreicht, steht in den Sternen. Solange wir unterrichten können, werden wir genau das tun. Die Schutzzauber auf der Schule sind so alt wie die Mauern selbst. Viele der Kinder sind hier sicherer als sie es Zuhause jemals sein könnten. Und aus diesem Grund werden wir weiter machen. Solange es eben geht."
Airell nickte zustimmend. Er verstand Albus Dumbledore sehr gut. Noch besser sogar, seitdem er selbst für einen anderen Menschen verantwortlich war. Auch er wollte Severus in Sicherheit wissen. Aber als Todesser wusste er von den Nächten, in denen er und Severus vom Dunklen Lord gerufen wurden. Und er wusste, was sie taten. Und was es aus ihnen machte; was sie waren.
Ihre Unterhaltung glich einem Tanz auf dem Eis, ein vorsichtiges Bewegen in alle Richtungen, immer darauf bedacht, die dünne Eisschicht nicht einbrechen zu lassen. Albus Dumbledore und Airell Malfoy waren unterschiedlich wie Tag und Nacht. Sie standen auf unterschiedlichen Seiten. Waren eigentlich einander Feind. Und dann wieder doch nicht. Hätte der Direktor Airell für einen blutrünstigen Mörder gehalten, so säßen sie mit Sicherheit nicht so beim Tee wie sie es gerade taten. Und hätte Airell vom Direktor keine hohe Meinung gehabt, so wäre er sicherlich nicht so lange in dessen Büro geblieben.
Airell seufzte und versuchte es mit ein wenig Small-Talk: „Nehmen wir einmal an, das Schuljahr könnte beendet werden: siehst du die Möglichkeit, dass Severus ein Studium der Zaubertränke aufnehmen kann?"
Dumbledores blaue Augen funkelten amüsiert hinter seiner halbmondförmigen Brille. „Fragst du mich gerade, ob Severus' Noten gut genug sind, Airell Malfoy?"
Airell lachte leise. „Nein", antwortete er. „Natürlich nicht. Seine Noten sind hervorragend wie ich natürlich weiß."
Nun war es an Dumbledore leise zu lachen. „In der Tat, seine Note im vergangenen Schuljahr waren konstant vielversprechend. Er könnte vieles machen, wenn er wollte." Wieder dieses bedeutungsschwangere Schweigen. Airell seufzte innerlich, ließ sich jedoch nichts anmerken und schwieg.
Dumbledore fuhr fort: „Hat er in Bezug auf eure Familie irgendwelche…sagen wir ‚Verpflichtungen'?"
Airell hob eine Augenbraue und bedachte den Direktor mit einem durchdringenden Blick. Was meinte dieser genau mit „Verpflichtungen"?
Dumbledore wurde ernst und wurde konkreter. „Ich meinte natürlich in Bezug auf euren Familiennamen. Nachfolger im Familiengeschäft und so weiter…"
Airell atmete innerlich durch. „Nun ja… Wie du ja weißt ist Lucius bekanntermaßen der Erbe des malfoyschen Namens. Severus ist…sagen wir, die Gesellschaft hat ihn noch nicht so ganz als gleichgestellt zu Lucius verstanden. Obwohl beide, durch meine Adoption, den gleichen Rang innerhalb der Familie besitzen, Severus im Grunde sogar noch vor Lucius kommt, wenn man es sehr genau nimmt, da ich der Ältere der Malfoys bin…"
Dumbledore nickte und leerte seine Teetasse, die sich sofort wieder von selbst füllte. „Das wollte ich dich ohnehin einmal gefragt haben. Warum die Adoption? Du hättest auch einfach nur eine Vormundschaft für ihn übernehmen können, ihn als Pflegekind aufnehmen. Immerhin war er schon fast ein Jugendlicher und kein kleines Kind mehr."
Airell schwieg für einige Augenblicke. Natürlich war eine Adoption nicht zwingend nötig gewesen, aber er hatte die Formulare ohne zu zögern oder weiter darüber nachzudenken am Morgen nach Severus' Aufnahme bei den Todessern angefordert und sofort, nachdem er mit Severus über eine mögliche Adoption gesprochen und dieser sein Einverständnis gegeben hatte, entsprechend ausgefüllt. Selbstverständlich war seinem Gesuch sofort stattgegeben worden. Und seitdem war Severus sein Erbe und Nachfolger.
Airell formulierte seine Antwort vorsichtig und mit Bedacht: „Es erschien mir das einzig Richtige zu sein. Nachdem Severus seine Eltern verloren hatte und auch Professor Keriann nicht mehr da war… Wen hätte er dann noch gehabt?" Airell beobachtete Dumbledore bei der Erwähnung von Keriann genau, und wie erwartet ging ein Flackern durch die blauen Augen des Direktors. Er sagte jedoch nichts weiter dazu. Und auch Airell schwieg eine ganze Weile. Jetzt oder nie…
„Wie war er so?", stellte er endlich die Frage, die ihm seit fast zwei Jahren viel zu oft den Schlaf raubte und ihn wach hielt. Das, was er von anderen Informanten erfahren hatte, war nicht viel und es hatte den Anschein, als wäre Christian Keriann auf einmal wie aus dem Nichts in ihrer Welt aufgetaucht. Ein Umstand, der bei Airell sämtliche Alarmglocken schrillen ließ. Aber er war auch die einzige Bezugsperson gewesen, die Severus in seinem fünften Schuljahr gehabt hatte und das bedeutete viel. Severus vertraute niemandem. Und wenn er Professor Keriann vertraut hatte, war es der Mühe wert diesen Mann besser zu verstehen. Und vielleicht endlich herauszufinden, was mit ihm geschehen war.
Albus Dumbledore seufzte leise, ließ die noch immer im Raum stehende Frage sich mit seinem Schweigen doch nicht vertreiben. Er hatte gehofft, diese Unterhaltung noch etwas hinauszögern zu können, denn er wusste bis heute nicht wirklich, was er auf die vielen Fragen antworten sollte, die im Laufe der vergangenen Jahre entstanden waren. Wie oft hatte er die letzten Wochen und Monate im fünften Schuljahr von Severus Snape in Gedanken noch einmal erlebt? Wie oft sah er die Beiden noch heute in der Großen Halle sitzen, ganz so, als wäre das damals alles nicht geschehen?
Er selbst hatte die Geschehnisse niemals wirklich verstanden, denn zu wenig hatte er darüber gewusst – wusste er bis heute. Was war es gewesen, was Severus Snape und Christian Keriann verbunden hatte? Hatte es so etwas wie „Verbundenheit" zwischen den Beiden überhaupt gegeben? Oder war es am Ende doch nur ein etwas zu enges Lehrer – Schüler – Verhältnis gewesen? Konnte man überhaupt von „Verhältnis" sprechen, ohne, dass man wieder etwas in die Sache hineininterpretierte, von dem man nicht wusste, ob es überhaupt der Wahrheit entsprach? Und, wenn man schon bei dem heiklen Thema „Wahrheit" war: Was war damals wirklich geschehen?
Albus Dumbledore schloss gequält die Augen, als sein Geist erneut keine Ruhe fand und eine Frage nach der anderen durch seinen Kopf zog, so schnell, dass ihm beinahe schwindelig wurde.
„Direktor?", hörte er die leise Stimme von Airell Malfoy wie durch einen laut rauschenden Wasserfall hindurch und musste all seine Willenskraft aufbringen, um seinen plötzlich sehr müden Blick erneut auf sein Gegenüber zu lenken.
„Entschuldige bitte, Airell, aber ich…ich habe das alles selbst niemals wirklich verstanden und suche selbst noch nach so vielen Antworten, dass…" Er brach ab und ließ das Ende des Satzes unausgesprochen zwischen ihnen.
Airell Malfoy nickte verstehend, dankbar dieses Zeichen von Hilflosigkeit seitens des Direktors aufnehmend. Sie beide waren Männer in Führungspositionen, von denen man annahm, dass nichts und niemand sie jemals aus der Ruhe bringen könnte. Die Menschen vertrauten sich ihrer Führung an, wenn auch in völlig unterschiedlichen Lebenssituationen, aber dennoch waren sich Airell Malfoy und Albus Dumbledore in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich. Und beide waren sie im Moment die einzigen Menschen in Severus Snapes' Leben, die versuchten, dem verzweifelten Jungen ein Anker zu sein und ihm Halt zu geben.
Dann, ungewöhnlich leise, begann der Direktor weiter zu sprechen: „Christian unterrichtete seit ungefähr fünf Jahren hier in Hogwarts. Er hatte mit Severus' Jahrgang hier angefangen. Er kam von weit her, war viel gereist, hatte im Grunde keine Lehrererfahrung vorzuweisen." Airell hob bei dieser Offenbarung eine Augenbraue, sagte jedoch nichts weiter dazu und ließ den Direktor fortfahren.
„Aber er hatte etwas an sich, was mich sofort davon überzeugte, dass er der richtige Mann für die seit langem schon vakante Position des Professors für Verteidigung gegen die Dunklen Künste sein würde. Und so war es auch. Die Schüler mochten ihn auf Anhieb, er fand rasch Anschluss im Kollegium und fügte sich in Hogwarts ein, als wäre er noch nie woanders gewesen in seinem Leben. Die Schüler aller Häuser schätzten ihn und das war gerade für sein Fach enorm wichtig."
Der Direktor schwieg kurz, blickte gedankenverloren aus dem Fenster und ein wahrer Sturm an Emotionen war in seinen blauen Augen zu erkennen. Airell ließ ihm Zeit und wartete. Dann fuhr der Direktor fort und seine Stimme klang ein wenig brüchig: „Ich weiß gar nicht so genau, wie Severus und Christian sich über die normale Lehrer-Schüler-Ebene hinausgehend kennen gelernt haben. Ich weiß auch gar nicht, wie gut sie sich am Ende kannten und was sie voneinander wussten. Klar ist, dass Severus seit seiner Ankunft in Hogwarts enorme Schwierigkeiten hatte Anschluss zu finden und ab seinem zweiten Schuljahr hier ging es steil bergab. Um es einmal simpel auszudrücken."
Airell schnaubte: „Und ihr habt nichts getan, um dem Jungen das Leben hier zu vereinfachen?!" Ein deutlicher Vorwurf klang in seiner Stimme mit, doch Airell schämte sich dessen nicht. Es war doch schließlich die Aufgabe des Direktors und des Lehrpersonals dafür zu sorgen, dass kein Schüler zu Schaden kam. Oder?
Der Direktor hatte seinen scharfen Vorwurf natürlich sofort als solchen verstanden, schien es Airell aber nicht übel zu nehmen. Er schüttelte leicht den Kopf. „Das kann man so nicht sagen, Airell", erwiderte Dumbledore. „Wir können nur handeln, wenn wir etwas direkt miterleben oder etwas an uns herangetragen wird. In Severus' Fall ist selten etwas passiert, was wir direkt gesehen haben und es wollte niemand darüber sprechen. Severus am allerwenigsten, wie du dir sicherlich denken kannst. Auch auf unsere Bitte hin, er möge sich uns anvertrauen, hat er geschwiegen oder die Geschehnisse als Lappalie abgetan. Also waren uns, als Lehrkörper der Schule, in gewisser Weise die Hände gebunden. Was ich auf gar keinen Fall beschönigen will. Aber so ist es leider. Persönlich haben ich und einige meiner Kolleginnen und Kollegen gelitten mit jedem weiteren Mal, wenn Severus wieder auf der Krankenstation gelandet ist, wenn er wieder nach den Ferien zurück kehrte und schlimmer aussah als je zuvor. Aber ich bin kein Familienmitglied. Ich konnte nichts tun außer ihm raten, sich irgendjemandem, wenn schon nicht mir, anzuvertrauen. Und das hat er nicht getan. Bis dann Christian anscheinend auf etwas aufmerksam wurde…" Der Direktor zuckte leicht mit den Schultern. „Ich weiß nicht, was im fünften Schuljahr zwischen den Beiden passiert ist, aber auf einmal sah man sie häufiger zusammen reden, sie schienen auch Zeit außerhalb des Unterrichtes miteinander zu verbringen und es sah so aus, als würde es Severus phasenweise besser gehen. Bis sie dann verschwanden. Und nur Severus zurück kehrte…"
Die Stimme des Direktors versagte und er schien in Gedanken auf einmal unendlich weit weg zu sein. Airell ließ das eben Gehörte noch einmal in seinem Geist Revue passieren. Viel war es nicht, aber wenigstens etwas. Und dennoch brannte ihm eine ganz bestimmte Frage noch auf der Zunge. Er war noch nie ein Mann der unklaren Worte gewesen, also entschied er sich, seinem Naturell entsprechend, auch jetzt für den geraden Weg.
„Kam Professor Keriann aus unserer Welt?"
Albus Dumbledore zuckte bei dieser Frage leicht zusammen und seine blauen Augen schienen mit einem Mal so fixiert auf Airell zu sein, wie dieser es noch nie zuvor erlebt hatte. Aber in den Augen des Direktors stand keine Wut. Keine Verwirrung. Er schien einfach herausfinden zu wollen, wie viel Airell wirklich wusste. Und das störte Airell nicht. Dieses Spiel mit den durchdringenden Augen konnten sie beiden spielen.
Als der Direktor merkte, dass es Airell sehr ernst mit dieser Frage war und das er sie nicht aus einer Laune heraus gestellt hatte, wurde sein durchdringender Blick weicher und er seufze leise.
„Ich hätte mir denken können, dass du eigene Nachforschungen anstellst. Was als Severus' Adoptionsvater natürlich dein gutes Recht ist. Um zu deiner Frage zu kommen: auch das weiß ich nicht mit absoluter Gewissheit. Christian war in vielen Dingen ein außergewöhnlicher Mann, seine Begabung in Verteidigung gegen die Dunklen Künste ließ keinen Zweifel daran, dass er wusste worum es ging und auch auf der dunklen Seite einiges an Talent aufwies…" Wieder ein Moment der Stille, die so viel mehr sagte als Worte es zwischen ihnen jemals gekonnt hätten. „Meine persönliche Meinung zu dieser Frage ist: ich denke nicht. Ich weiß nicht genau, woher Christian kam, aber er kam mit ziemlich großer Sicherheit nicht aus unserer Welt."
Airell nickt und spürte, wie scheinbar eine unsichtbare Last von seinen Schultern genommen wurde. Immerhin in diesem Bereich hatte er jetzt etwas mehr Gewissheit und das, was er selbst schon vermutet hatte, war eigentlich bestätigt worden. Wenn der Direktor und er schon die gleiche Vermutung hatten, konnte Airell sich nicht vorstellen, dass sie Beide so falsch damit liegen konnten.
Aber es war genug für heute, dass spürten sie beide. Es würde noch vieles zu besprechen geben, doch für heute sollten sie es dabei belassen. Dumbledore schien seine Gedanken zu teilen, denn er atmete tief durch und lächelte leicht. Auch von seinen Schultern schien eine Last abgefallen zu sein. Es tat beiden Zauberern gut, sich austauschen zu können, auch wenn sie miteinander vorsichtig umgehen mussten und mit dem, was sie einander erzählten. Kurz durchzog der Gedanke Airells Geist, dass Dumbledore und er gemeinsam sicherlich Großes hätten bewirken können. Wenn die Karten nur anders ausgeteilt worden wären. Wenn das Leben ihnen andere Positionen zugewiesen hätte. Wenn einfach vieles anders gelaufen wäre in den letzten Jahrzehnten. Dann, ja dann wären Albus Dumbledore und Airell Malfoy sicher so etwas wie Freunde geworden.
„Lass uns eine Runde durch die Schule gehen!", schlug der Direktor auf einmal vor. Airell blinzelte überrascht.
„Wie bitte?", fragte er, obwohl er den Vorschlag genau verstanden hatte.
„Wir haben lange genug hier herum gesessen. Der Unterricht ist für heute beendet, das Abendessen so gut wie auf den Tischen. Sei mein Gast an diesem Abend."
Airell fühlte sich leicht überfahren in diesem Moment. Er sollte den Abend in Hogwarts verbringen? Und sich den Schülern zeigen? Ob das eine so gute Idee war…
Natürlich bemerkte der Direktor sein Zögern und lächelte leicht. „Es sei denn, du hast andere Verpflichtungen…?!"
Immer noch etwas überfragt schüttelte Airell langsam den Kopf. „Nein", antwortete er. „Keine Verpflichtungen."
„Sehr schön!", meinte Dumbledore daraufhin und erhob sich. „Dann ist das also abgemacht. Der kleine Raum rechts bevor du die Treppe nach unten gehst ist ein kleines Badezimmer für Gäste. Dort kannst du dich frisch machen, wenn du möchtest. Ich selbst werde in ungefähr 10 Minuten wieder hier sein, dann können wir gemeinsam in die Große Halle hinunter gehen. Benötigst du noch etwas?" Airell schüttelte leicht den Kopf. „Wunderbar, dann also bis gleich!" Mit diesen Worten verschwand der Direktor in den privaten Bereich seines Refugiums und ließ Airell alleine am Tisch sitzen. In dessen Kopf drehten sich die Gedanken. Warum hatte der Direktor diesen Vorschlag gemacht? Was wollte er damit bezwecken?
Airell überlegte, während er sich langsam erhob und in Richtung des Gästebades ging. Es war ja nicht so, als wäre er im vergangenen Schuljahr nicht das eine oder andere Mal in Hogwarts gewesen. Aber nie hatten ihn die anderen Schüler gesehen, da er entweder zu den Unterrichtszeiten oder nachts in Hogwarts unterwegs gewesen war.
Severus Snape mochte nichts davon wissen, doch es war mehr als einmal vorgekommen, dass das Oberhaupt der Malfoy Familie mitten in der Nacht nach Hogwarts geeilt war, wenn sein Schützling wieder einmal bewusstlos auf der Krankenstation gelegen hatte. Er war nicht von seiner Seite gewichen, bis die ersten Sonnenstrahlen sich am Horizont gezeigt hatten und er Gefahr lief, von Severus bemerkt zu werden. Der Direktor hatte ihn grundsätzlich darüber informiert, wenn mit Severus irgendetwas nicht stimmte oder wenn Handlungsbedarf aus dem Elternhaus notwendig gewesen war. Darüber hinaus hatte Airell sich aber im Hintergrund gehalten. Ihm lag, im Gegensatz zu seinem Bruder Amergin, nichts daran, sich nach außen zu repräsentieren und vor anderen Menschen herumzustolzieren.
Aber gut, der Direktor mochte sich wohl etwas dabei gedacht haben, als er diese Einladung aussprach und es gebot die Höflichkeit, diese nicht auszuschlagen. Außerdem freute sich Airell darauf, seinen Ziehsohn zu sehen und noch einmal die Schulluft zu schnuppern. Denn obwohl in ihrem Elternhaus Hogwarts nicht unbedingt als die beste Zaubererschule angepriesen wurde, hatte Airell seine eigene Schulzeit hier sehr genossen und dachte mit einem warmen Gefühl daran zurück.
Das kleine Gästebad entpuppte sich als geräumiges Badezimmer mit einem großen Waschbecken, einer Dusche und einer Toilette. Die Fliesen waren rot-golden und der gesamte Raum wirkte wie ein kostbarer, orientalischer Teppich. Gemütlich. Leicht amüsiert schüttelte Airell den Kopf. „Gryffindors!", dachte er, während der sich im Spiegel betrachtete und begann, sich ein wenig frisch zu machen.
Die Schulglocke ertönte ein letztes Mal an diesem Tag und fernes Gelächter und Fußgetrampel war in den entfernten Gängen der Schule zu hören. Die Schüler hatten den heutigen ersten Schultag hinter sich gebracht und machten sich auf den Weg zum Abendessen.
Als Airell aus dem Badezimmer kam stand der Direktor bereits wieder an seinem Schreibtisch und hatte ein ehrliches Lächeln auf den Lippen, als er Airell entgegen blickte. Er schien sich über seinen Gast zum Abendessen zu freuen.
„Fertig?", fragte er und machte Anstalten, sein Büro zu verlassen. Er ließ Airell den Vortritt an der großen Wendeltreppe, die nach unten ins Schulgebäude führte.
Airell bedankte sich mit einem kurzen, eleganten Nicken und ging voraus. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zur Großen Halle.
To be continued…
