Kapitel 5


„Mr. Snape?"

Madame Pomfrey sah verwundert vom Verbandsmaterial auf, welches sie gerade fein säuberlich sortierte und in einen der vielen großen Schränke füllte, die die Wände der Krankenstation von Hogwarts gegenüber den Patientenbetten zierten. Wie zu Beginn jedes Schuljahres mussten neue Vorräte sortiert, aufgelistet und weggeräumt werden, damit im Laufe des Schuljahres alles vorhanden war, was die Medihexe benötigte. Das Sortieren und Einräumen überließ sie niemandem, denn sie hatte ihre eigene Ordnung und wenn es eilig war, musste sie mit wenigen, geübten Handgriffen das zur Hand haben, was sie gerade benötigte. Außerdem beruhigte sie die Arbeit und sie genoss die Stille und die Ruhe im Krankenflügel gerade jetzt, zu Beginn des neuen Schuljahres, wenn in der Regel noch kein Schüler Patient war und keine kleinen oder großen Verletzungen geheilt werden mussten. Umso überraschter war sie, als am späten Nachmittag Severus Snape mit einem leisen Klopfen den Krankenflügel betrat. Es war doch Severus Snape, der vor ihr stand, oder!?

Madame Pomfrey blinzelte einmal erstaunt und ließ ihren Blick von oben nach unten über den jungen Mann gleiten, der vor ihr stand. Ja, es war eindeutig Severus Snape. Die dünne Gestalt, die bleiche Haut, das Gesicht mit den unergründlich schwarzen Augen und der etwas zu groß geratenen Nase. Aber so hatte sie ihn noch nie gesehen. Und was sie sah, gefiel ihr und erfreut sie. Der junge Snape hatte seine Haare zu einem lockeren Zopf gebunden, einige kürzere Strähnen fielen an beiden Seiten seines Gesichtes hinab und umrahmten seine bleichen Gesichtszüge. Die Kleidung schien nagelneu zu sein. Der Umhang war tiefschwarz, das bestickte Slytherinsymbol leuchtete grün und silbern und auch das Hemd, die Hose und die Krawatte schienen neu zu sein.

Madame Promfrey maßregelte sich innerlich selbst, einen Schüler so offensichtlich anzustarren, aber sie konnte nicht anders. Sie freute sich sehr für Severus. Natürlich wusste sie von der Adoption und hatte sich im vergangenen Schuljahr gewundert, warum Severus, nun ein Malfoyerbe, noch immer seine abgetragenen Sachen trug, doch sie hatte nichts weiter dazu gesagt. Nun aber schien der junge Mann vor ihr zwar noch immer Severus Snape zu sein, aber den Namen Malfoy konnte man durchaus erkennen. Und das stand ihm gut zu Gesicht.

Sie lächelte leicht und wies ihn mit einem leichten Kopfnicken an näher zu treten.

„Wie schön, Sie zu sehen, Mr. Snape! Ich hoffe, Sie hatten angenehme Ferien!?"

Severus deutete ein Nicken an, doch seine Augen huschten etwas unsicher über die noch frisch gemachten Betten und den offenen Schrank, in den Madame Pomfrey eben noch Verbandsmaterial einsortiert hatte. Sie runzelte leicht die Stirn: „Kann ich ihnen helfen, Mr. Snape?"

Wieder ein leichtes Nicken, doch noch immer sprach Severus kein Wort.

Madame Pomfrey seufzte. Der Junge mochte sich zwar äußerlich verändert haben, aber wortkarg war er noch immer und ließ sich jede Silbe aus der Nase ziehen.

Wie kann ich Ihnen helfen, Mr. Snape?", frage sie konkreter und bedachte ihren Schüler mit einem abwartenden Blick.

„Ich…", begann Severus und seufzte leise. Dann schien er sich zu sammeln und schaute die Medihexe geradewegs an. „Ich habe mir die Hand verstaucht. Oder gebrochen. Ich weiß es nicht genau."

Madame Pomfrey blinzelte erneut. Bitte was? „Sie haben sich die Hand…gebrochen? In der ersten Schulwoche? Aber wie?"

Innerlich schalt sie sich selbst einen Narren. Im Laufe seiner Schulzeit hatte Severus mit Verletzungen hier gelegen, die jedem anderen Mediziner die Haare hätten zu Berge stehen lassen. Sie hatte sich aber daran gewöhnt, dass die Frage nach dem „Wie?" bei Severus Snape eigentlich immer mit unmöglichen und häufig schmerzhaften Erklärungen zusammen hing und daher in gewisser Weise hinfällig war. Noch nie hatte sie einen Schüler gehabt, der so häufig mit so schwerwiegenden Verletzungen bei ihr auf der Krankenstation gelegen hatte. Noch ein Schuljahr. Dann hatten sie es beide geschafft.

Ich hoffe, Airell Malfoy kümmert sich dann gut um ihn!", dachte sie und fühlte, wie ihr mütterlicher Instinkt erwachte. Sie hatte immer eine weiche Seite, wenn es um Severus Snape ging, und so seufzte sie nur und winkte ihn zu sich her.

„Lassen Sie uns mal sehen, Mr. Snape." Dieser ging langsam auf sie zu, schaute sich noch einmal nach hinten um, ob er die Tür zum Krankenflügel auch wirklich geschlossen hatte, und holte dann unter seinem Hausumhang verborgen seine rechte Hand hervor.

„Ach du…!", stieß Madame Pomfrey erschrocken aus. Die Hand war blau-grün und wirkte unnatürlich verkrampft. „Seit wann ist das denn schon so?", fragte sie anklagend und nahm trotz ihrer Wut über die Verletzung die Hand sanft und federleicht entgegen. Sie wartete keine Antwort ab und ließ ihren Zauberstab direkt über die verletzte Hand gleiten.

„Ja, Mr. Snape, die Hand ist tatsächlich gebrochen. Und zudem verstaucht. Die Schmerzen die Sie ertragen müssen… Seit wann?"

„Seit gestern Abend", antwortete der Slytherin leise und sah betreten auf den Boden.

Madame Pomfrey schnaubte leise, doch sagte sie nichts weiter dazu. Nach sechs Jahren Severus Snape war ihr klar, dass er Schmerzen ertragen konnte die weit über das normale Maß hinausgingen. Und er hatte einen kompletten Schultag mit gebrochener und verstauchter Hand durchgestanden. Wie unvernünftig – aber so typisch für Severus Snape!

„Kommen Sie her, dass kriegen wir wieder hin!" Sie nahm den Schüler mit in den hinteren Teil des Krankenflügels. Dort zog sie einen Vorhang zu, der sie vor eintretenden Besuchern schützen würde und dem Slytherin etwas Privatsphäre ermöglichte. Dann wies sie ihn auf eines der frischen Betten und kramte in einem der großen Schränke herum.

„Ich will gar nicht wissen, wie Sie sich die Hand gebrochen haben. Aber Ihnen ist klar, dass ich einen Bericht darüber an den Direktor schicken muss?"

Ein leises Brummen von Snape genügte ihr als Antwort und sie drehte sich wieder zu ihrem Patienten um.

„Hier, trinken Sie das!" Sie reichte dem Slytherin einen Trank und nahm wieder ihren Zauberstab. „Das wird jetzt wehtun, aber ich weiß ja, dass Sie hart im Nehmen sind." Ohne weitere Vorwarnung sprach sie einen Zauber und Severus keuchte auf, ließ sich aber ansonsten nichts anmerken.

„So, fast geschafft!", sagte die Heilerin, besah sich die Hand und nickte leicht. „Normalerweise würde ich Sie über Nacht hier behalten, aber da ich aus Erfahrung weiß, dass Sie kein Freund der Krankenstation sind und sie darüber hinaus den ganzen Tag mit der gebrochenen Hand herumlaufen konnten… Aber ich möchte Sie morgen vor Unterrichtsbeginn zur Kontrolle sehen, verstanden?"

Sie musterte den jungen Mann eindringlich und beobachtete jede Regung genau. Seine Augen waren wie immer unergründlich, doch Müdigkeit zeichnete sein schmales, bleiches Gesicht. Weitere Verletzungen konnte sie auf Anhieb keine erkennen, doch der schmale Körper schien noch immer kein Gramm Fett angesetzt zu haben und die langen, dünnen Finger bestätigten ihre Vermutung. Und trotzdem sah er besser aus. Das Leben bei Airell Malfoy schien ihm gut zu tun. Und das freue Madame Pomfrey.

„Kann ich jetzt gehen?", fragte Snape und blickte hoffnungsvoll Richtung Tür. „Ich werde morgen vor dem Frühstück hier sein!"

Madame Pomfrey schnaubte leise. „Und ob Sie das sein werden, Mr. Snape! Sonst komme ich höchstpersönlich in den Slytherinschlafsaal und werde Sie vor Ihren Kameraden untersuchen!"

Sie beide wussten, dass es eine leere Drohung der Medihexe war, doch Severus verzog die Mundwinkel zu einem angedeuteten Lächeln und genau das wollte die Heilerin mit ihrer Androhung erreichen. Auch sie lächelte leicht.

„Ich werde da sein!", bekräftigte der Slytherin mit einem leichten Nicken und wollte sich bereits auf den Weg zum Ausgang machen.

„Mr. Snape?", hielt Madame Pomfrey ihn noch einmal aus einem Impuls heraus zurück.

„Ja?"

„Sie sehen gut aus. Es freut mich, dass Mr. Malfoy gut auf Sie Acht zu geben scheint!" Madame Pomfrey lächelte leicht und machte sich daran, das Bett glatt zu streichen und die Türen des Schrankes, aus dem sie den Heilungstrank geholt hatte, zu schließen. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie der Slytherin verwundert die Augenbrauen hob und scheinbar nicht so recht wusste, was er sagen sollte. Stattdessen blickte er einmal kurz an sich herab, strich sich beinahe verlegen über den neuen Schulumhang und deutete eine leichte Verbeugung an.

„Vielen Dank, Madame Pomfrey."

Mit diesen Worten drehte er sich um und verließ schnellen Schrittes die Krankenstation. Madame Pomfrey lächelte leicht. Ja, es waren schwere Zeiten in denen sie lebten. Aber noch immer gab es kleine Lichtblicke am Tag, die einem das Leben ein wenig erleichterten. Sie hoffte inständig, dass die positiven Veränderungen, und seien sie erst einmal nur äußerlich, anhalten würden. Wenn es jemand verdient hatte, dann Severus Snape.


„Hey, Tatze!" James beugte sich über den Gryffindor-Tisch und wollte Sirius' Aufmerksamkeit erregen. Dieser hatte sich gerade zum dritten Mal den Teller vollgeschaufelt und war dabei, ein sehr großes Stück Steak zu zerkauen. Normalerweise mochte es Sirius Black gar nicht, wenn man ihn beim Essen störte, aber heute schien es ihm so gut zu schmecken, dass James Potter bisher keine Möglichkeit gesehen hatte mit ihm in einer kurzen Essenspause zu sprechen.

„Hm?", erwiderte Sirius mit vollen Backen und blickte kurz von seinem Teller auf. Neben ihm kaute Remus Lupin an einem Stück Brot und schüttelte, mit einer Mischung aus Unglauben und Belustigung, den Kopf über seinen Freund, der wieder einmal kein Maß beim Essen kannte.

„Was ist mit Snivellus los?", fragte James leise und schaute mit gesenktem Kopf zum Slytherin-Tisch herüber. Natürlich war ihnen allen am Morgen sofort aufgefallen, dass Severus Snape sich äußerlich verändert hatte. Seine abgetragene, ausgeblichene Kleidung war verschwunden, er trug neue Sachen und hatte das frisch gewaschene Haar locker zu einem Pferdeschwanz gebunden. Die Schülerinnern und Schüler aller Häuser hatten den schwarzhaarigen Jungen ungläubig gemustert. Einige schockiert, andere interessiert. Und wieder andere hatten sofort angefangen miteinander zu tuscheln und mit ihren Fingern auf Snape zu zeigen. Dieser hatte natürlich wie immer abseits der Schülermengen gestanden, aber trotzdem. Auch in seiner Haltung war eine Veränderung zu erkennen. Er stand aufrechter und hatte den Blick geradeaus gerichtet.

Sirius Black zuckte mit den Achseln, bevor er einen großen Schluck Kürbissaft zu sich nahm.

„Was interessiert es mich, Krone, was mit ihm los ist? Wir alle wissen, dass er jetzt in einer anderen Familie wohnt weil seine Eltern gestorben sind. Und wenn du mich fragst: ich konnte im letzten Schuljahr schon nicht verstehen, wieso ihn Airell Malfoy so rumlaufen lässt."

James nickte zustimmend und suchte Snape am Slytherin-Tisch. Er fand ihn wie gewohnt etwas abseits sitzend, aber selbst seine eigenen Hauskameraden warfen ihm immer wieder verstohlene Blicke zu. Manche interessiert, andere beinahe schon ängstlich. In was für verrückten Zeiten sie doch lebten!

Leise meinte Peter Pettigrew: „Er ist doch jetzt ein Malfoy, oder nicht? Die haben doch jede Menge Geld…"

Sirius verdrehte die Augen. „Wirklich, Peter?! Da hast du aber gut aufgepasst…" Pettigrew wurde leicht rot und senkte den Blick.

„Was glaubt ihr, wie Lucius damit umgeht?", fragte nun Remus und schaute ebenfalls herüber zum Slytherin-Tisch. Der blonde Malfoy saß wie immer umringt von seinem persönlichen Fanclub zentral am Tisch und wenn Blicke hätten töten können, so wäre Severus Snape schon längst tot umgefallen. Der blonde Junge schien den Schwarzhaarigen mit seinen sturmgrauen Augen erdolchen zu wollen und auch seine Anhänger schnaubten abfällig, als einige von ihnen zu Severus Snape herüber gestikulierten. Sie gaben sich noch nicht einmal die Mühe unauffällig zu wirken. Ganz offensichtlich war das Haus Slytherin an diesem Tag selbst verunsichert, auf wessen Seiten sie stehen sollten. Es gab nun immerhin zwei Malfoys unter ihnen und während sie im vergangenen Schuljahr noch so tun konnten, als wäre Severus Snape weiterhin der Außenseiter aus armen Verhältnissen, so zeigte er nun deutlich für alle sichtbar, dass auch er dem Hause Malfoy angehörte. Das könnte zu sehr großen Problemen führen, früher oder später.

Sirius seufzte ergeben und hatte seinen Teller endlich geleert. Er blickte seine Freunde mit einer Mischung aus Unverständnis und Ungeduld an.

„Wie sollte er damit umgehen, Remus? Wie Lucius Malfoy mit allem umgeht, was ihm nicht passt. Er wird wütend und veranstaltet Theater. Ich weiß nicht, was Snape dazu geritten hat gerade in diesem Schuljahr endlich die Vorzüge von ordentlicher und sauberer Kleidung zu entdecken, aber eines steht für mich fest. Was in meiner Familie über Airell Malfoy gesagt wird ist das krasse Gegenteil zu dem, was über Lucius' Vater erzählt wird. Angeblich sind sich die Brüder sehr uneinig in vielen Dingen und jetzt haben sie zwei Söhne, die genauso sind. Es wird auf jeden Fall nicht langweilig werden bei uns in diesem Schuljahr…"

Er zuckte mit den Schultern und seine Stimme wurde noch leiser: „Wir sollten ihn in Ruhe lassen, Krone. Wir alle. Im letzten Schuljahr haben wir uns schon zurück gehalten als klar war, wer jetzt Snivellus' Vormund ist, aber jetzt… Ich mag vieles sein, aber ich bin nicht blöd. Und jeder mit ein Bisschen Verstand sollte wissen, dass Airell Malfoy kein Mann ist, mit dem man sich anlegen sollte. Und damit auch nicht mit seinem Adoptivsohn. Severus wird jetzt andere Feinde bekommen…" Sirius warf einen kurzen Blick auf Lucius Malfoy und seine Anhänger.

Remus' Augen wurden groß und sein Gesicht von einem Moment auf den anderen bleich. Er schnappte nach Luft und zeigte mit leicht zitternder Hand auf den Eingang der Großen Halle.

„Wenn man vom Teufel spricht…", keuchte er und Sirius, James und Peter folgten seinem Blick.

Innerhalb weniger Sekunden verstummten nacheinander die Gespräche an allen Haustischen und am Lehrertisch. Köpfe wurden gehoben und Augen weiteren sich. Einige fingen an zu tuscheln, andere senkten sofort den Blick. Am Lehrertisch gingen einigen Augenbrauen nach oben, ein paar Lehrer schauten richtig schockiert drein. Andere verunsichert. Minerva McGonagall legte den Kopf misstrauisch etwas schief und runzelte die Stirn.

Sirius verschluckte sich an seinem Kürbissaft. „Was zum…?", flüsterte er und starrte wie alle anderen zum großen Portal. Dort war gerade der Direktor erschienen und neben ihm schritt ein hochgewachsener, schlanker Mann mit hellblondem, langem Haar durch die Reihen. Airell Malfoy.

Sobald dieser den Slytherin-Tisch erreicht hatte erhoben sich alle Slytherins ausnahmslos und grüßten das Oberhaupt der Malfoy-Familie mit einem standesgemäßen Kopfnicken. Einige wenige schienen kurz davor zu sein, sich komplett zu verbeugen. Sirius verdrehte die Augen, sagte aber nichts weiter. Er war mit Sicherheit nicht derjenige, der diese Stille durchbrechen wollte.

Airell Malfoy schaute mit neutral-freundlichem Gesichtsausdruck in die Schülermenge, der Direktor neben ihm schien ein wenig belustigt über das Spektakel in seiner Halle zu sein.

„Onkel!", stieß Lucius Malfoy beinahe atemlos hervor und starrte Airell Malfoy mit großen Augen an.

„Lucius", erwiderte der blonde Aristokrat mit kühler Stimme und nickte seinem Neffen kurz zu. Als er neben Severus angekommen war, blieb er kurz stehen und ein leichtes Lächeln legte sich auf seine schmalen Lippen. In diesem Moment hätte man eine Stecknadel in der Großen Halle fallen gehört. Niemand schien sich bewegen zu wollen. Außer Severus Snape. Dieser war, sofern möglich, noch etwas bleicher um die Hakennase geworden und starrte seinen Adoptiv-Vater mit leicht gerunzelter Stirn an. Er senkte respektvoll den Kopf und grüßte Airell Malfoy mit leiser, aber fester Stimme: „Airell, es ist schön, dich zu sehen!" Er hob den Kopf und schaute seinen Vormund fragend an. Dieser schüttelte leicht den Kopf und lächelte weiter: „Guten Abend, Severus. Es ist schön, dich zu sehen! Ich hoffe, es geht dir gut?" Severus nickt und schaute noch immer fragend drein. Airell legte ihm kurz eine Hand auf die Schuler. „Alles in Ordnung, Severus. Ich war nur wegen einiger schulischer Angelegenheiten hier und Professor Dumbledore war so freundlich, mich zum Abendessen einzuladen." Severus nickte verstehend und sofort schienen sich seine Schultern zu entspannen. Ein leichtes, ehrliches Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Es bedürfte keiner weiteren Erklärungen in der Öffentlichkeit.

„Mr. Malfoy, wenn Sie mir bitte folgen würden?", versuchte Dumbledore die seltsame Stimmung zu durchbrechen und Airell nickte sofort. „Natürlich, Herr Direktor. Du entschuldigst mich, Severus?" Der schwarzhaarige Slytherin nickte und wieder zuckte ein leichtes Lächeln über sein Gesicht. Ein ehrliches Lächeln. Sirius blinzelte, als könnte er nicht glauben, was sich vor ihm dort abspielte. Aber es schien real zu sein, die anderen Schüler sahen es auch. Und die Lehrer.

Airell erwiderte das leichte Lächeln seines Adoptivsohnes. Dann drückte er noch einmal ganz leicht die Schulter von Severus Snape, beugte sich nach vorne und schien dem jungen Slytherin etwas ins Ohr zu flüstern. Severus nickte daraufhin kurz und Airell setzte seinen Weg nach vorne in Begleitung des Direktors fort. Am Lehrertisch wurde sofort zur rechten Seite von Albus Dumbledores ein Platz frei gemacht und die Kollegen rutschten auf. Ein sauberes Gedeck erschien im gleichen Moment als die beiden Männer sich setzten.

Langsam wurden die Gespräche an den Haustischen wieder aufgenommen und auch am Lehrertisch sah man einige Hexen und Zauberer, die den Besucher höflich grüßten. Airell Malfoy machte einen höflich zurückhaltenden Eindruck und unterhielt sich mit einigen Professoren. Auch mit dem Direktor wechselte er immer wieder in paar Sätze und machte insgesamt nicht den Eindruck, als wäre er charakterlich ähnlich zu seinem Neffen. Es umgab ihn zwar die unverwechselbare Autorität eines Malfoys, aber zugleich wirkte er absolut bodenständig und interessiert an seinen Gesprächspartnern. Keine Arroganz, keine Hochnäsigkeit. Sirius runzelte die Stirn und versuchte sich an das zu erinnern, was in seiner Familie über diesen Mann erzählt wurde. Es schien zu stimmen.

Von vielen Schülerinnen und Schülern wurde der ungewöhnliche Besucher noch immer unverhohlen gemustert, denn vielen war der Name Airell Malfoy nur vom Hören-Sagen ein Begriff, doch die Aufmerksamkeit schien den blonden Zauberer nicht zu irritieren oder gar zu stören. Er wirkte nach außen hin entspannt und selbstsicher. Aber weder kalt, noch herablassend. Erstaunlich.

Sirius verschluckte sich fast das zweite Mal an seinem Kürbissaft, als er zu Lucius Malfoy herüber schaute. Dieser saß an seinem Platz und man konnte ihm ansehen, dass in seinem Inneren ein Sturm wütete. Er war mit einem knappen Nicken abgespeist worden, während sein berühmter Onkel Severus Snape behandelte wie einen Sohn. Der er ja nun mal auch war. Dieses Schauspiel amüsierte Sirius zutiefst und er machte seine Freunde drauf aufmerksam.

„Es sieht so aus, als hätte die Arroganz eines blonden Slytherins heute Abend mächtig gelitten!" Sirius kicherte und auch seine Freunde grinsten. Aber insgeheim machte ihnen der wütende Ausdruck auf Lucius' Gesicht auch Angst. Sie wollten nicht in Severus Snapes Haut stecken in diesem Moment…


Airell Malfoy unterhielt sich gerade mit der stellvertretenden Direktorin von Hogwarts, Minerva McGonagall, als er ein komisches Gefühl verspürte und seinen Blick durch die Schülermenge schweifen ließ. Natürlich. Lucius. Dieser saß auf seinem Platz und es fehlten eigentlich nur noch die grauen Gewitterwolken über seinem Kopf, um das Bild perfekt zu machen. Er warf seinem Onkel immer wieder einen verstohlenen Blick zu und in seinen grauen Augen tobte ein wahrer Sturm an Emotionen. Es war Airell klar, dass seine Begrüßung nicht das gewesen war, was sein Neffe sich erhofft hatte. Aber er hatte ihn mit dem gleichen Maß an Aufmerksamkeit bedacht wie er es bei normalen Familientreffen tat. Aufmerksamkeit bekam Lucius wahrlich von allen Seiten genug und es war Airell nicht in den Sinn gekommen, hier vor der Schülerschaft und dem Lehrerkollegium anders zu sein als im Privaten. Nur bei Severus hatte er auf ihre gewöhnliche Umarmung verzichtet, war er sich doch nicht sicher, wie der schwarzhaarige Junge es auffassen würde, wenn er ihn vor allen hier umarmte. Daher hatte Airell es bei einem sanften Drücken der Schulter belassen und das glückliche Funkeln in den schwarzen Augen seines Schützlings hatte ihn darin bestätigt, das Richtige getan zu haben. Airell freute sich tatsächlich, Severus zu sehen und als er den freudigen Ausdruck in Severus' Augen gesehen hatte war ihm klar geworden, warum der Direktor ihn zum Abendessen in die Große Halle eingeladen hatte. Und dafür war Airell ihm sehr dankbar. Das würde er diesem später auf jeden Fall noch mitteilen.

Über das Verhalten seines Neffen sorgte sich Airell hingegen sehr. Während er Professor McGonagall hier und da eine höfliche Antwort zukommen ließ oder selbst die eine oder andere Frage stellte, rasten seine Gedanken in Bezug auf Lucius nur so durch seinen Kopf. Wahrscheinlich hätte er ihn anders begrüßen sollen oder Severus ebenfalls nur zunicken, aber es war nicht in seinem Naturell sich von anderen etwas aufzwingen zu lassen. Und mit Sicherheit nicht von seinem verwöhnten, hochnäsigen Neffen. Aber hatte Severus jetzt ein Problem deswegen? Wahrscheinlich schon. Er würde sich darum kümmern müssen.

Innerlich über sich selbst die Augen rollend ärgerte Airell sich über die Erziehung seines Neffen und dessen schwierigen Charakter. Er hatte so viele der schlechten Charakterzüge seines Vaters, Amergin, geerbt, dass die beiden eher als Brüder hätten durchgehen können als er selbst und Amergin. Aber was geschehen war, war geschehen. Er hatte Severus noch kurz zuflüstern können, dass er ihn nach dem Essen gerne noch kurz in der Eingangshallte gesprochen hätte und dann würde er konkret schauen, in welchen Schwierigkeiten sein Adoptivsohn jetzt möglicherweise steckte. Er suchte Severus am Slytherin-Tisch und fand ihn etwas abseits sitzend. Er musterte ihn genau. Severus sah müde aus, aber die neue Kleidung stand ihm ausgezeichnet. Airell schmunzelte leicht, als er Severus' Frisur sah. Es war die Art und Weise, wie er selbst seine Haare zu tragen pflegte, wenn er sie nicht offen ließ. Ein warmes Gefühl breitete sich in seinem Inneren aus. Fühlte sich so etwa der Stolz eines Vaters an?

„Mr. Malfoy?", holte die Stimme Dumbledores ihn aus seinen Gedanken. Airell wandte sich höflich seinem Gesprächspartner zu.

„Ja, Direktor Dumbledore?" Dieser lächelte aufgrund der sehr förmlichen Anrede, ließ es jedoch auf sich beruhen. Er wusste, dass Airell in Gesellschaft anderer immer sehr auf Etikette achtete. Das geboten ihm schon seine Erziehung und sein Status.

„Ist alles zu Ihrer Zufriedenheit?" Airell bemerkte das Funkeln in den blauen Augen und lächelte leicht.

„Ja, es ist alles in Ordnung. Vielen Dank für die Einladung." Airell betonte den zweiten Satz besonders und hoffte, Dumbledore verstand ihn. Dieser nickte und seine Augen funkelten noch etwas mehr. Er hatte verstanden.

„Selbstverständlich, Mr. Malfoy. Sehr gerne und jederzeit wieder."

Airell nickte dankbar und trank einen Schluck kalten Kürbissaft. Er musste lächeln. Das hatte er gefühlt seit seiner eigenen Schulzeit nicht mehr getrunken. Warum eigentlich? Er machte sich innerlich eine Notiz, den Hausdienern morgen mitzuteilen, dass sie Kürbissaft einkaufen sollten. Schade, wie man so viele Dinge aus der eigenen Kindheit und Jugend vergaß oder vernachlässigte.

Die Sorgen um seinen Schützling und um ihre Zukunft für einen kurzen Moment vergessend lehnte Airell sich zurück, nahm sich ein kleines Stück Gebäck und goss sich aus einer goldenen Kanne eine Tasse Kaffee ein. Das Essen war hervorragend gewesen und die ersten Schüler machten sich auf den Weg in ihre Gemeinschaftsräume. Die Lehrer begannen sich ebenfalls langsam zurück zu ziehen, doch Airell wollte noch die letzten Minuten genießen, in denen er sich an seine eigene Schulzeit zurück erinnerte und sich wunderte, ob die indirekt ausgesprochene Einladung des Direktors wirklich ihre Gültigkeit hatte.

Sie befanden sich im Krieg. Er selbst war ein Todesser. Severus war ein Todesser. Viele der älteren Slytherinschüler waren Todesser. Auch einige Schülerinnern und Schüler aus anderen Häusern hatte er erkannt. Und Albus Dumbledore führte, soweit ihm bekannt war, den Widerstand an. Eine prekäre Lage, in der sie sich befanden. Und dennoch saß er hier am Lehrertisch in Hogwarts und trank eine Tasse Kaffee. Die erstaunlich gut schmeckte. Es geschahen also doch ab und an noch Zeichen und Wunder.


To be continued…