Kapitel 8


Obwohl es erst Anfang September war, schien in dieser Nacht das erste richtige Herbstgewitter über Hogwarts hereingebrochen zu sein. Zwar waren in den letzten zwei Wochen auch die Tage langsam kühler geworden, doch noch immer hatten es die letzten warmen Sonnenstrahlen des Spätsommers geschafft, die Schülerinnen und Schüler des Schlosses nach draußen zu locken. Doch in dieser Nacht war vom Spätsommer plötzlich nichts mehr zu erkennen. Regen prasselte gegen die Fenster der Schule, ein immer stärker werdender Wind rüttelte an den Türmen und Zinnen des Schlosses und selbst die Bäume im Verbotenen Wald schienen zu ächzen und zu klagen. Ihre Kronen hatten in den letzten Wochen begonnen, das bunt gefärbte Laub abzuwerfen und das Unwetter tat nun sein Übriges und forderte mit tosender Kraft die letzten, noch verbliebenen Blätter. So waren es bald die bloßen Äste, die im Sturm klapperten und gegeneinander schlugen. Es war eine seltsame Nacht für diese Jahreszeit und die Schülerinnen und Schüler waren froh, drinnen im Schutz des Schlosses in ihren Betten zu liegen.

Bei diesem Wetter wagte sich kein Tier, geschweige denn ein Mensch nach draußen, doch auf einmal gab es eine einzelne Bewegung auf den Ländereien der Schule. Am Rande des großen Sees bewegte sich ein dunkler Schatten mit schnellen Schritten durch das Unwetter, das Gesicht unter einer tiefen Kapuze verborgen und den Körper mit aller Kraft gegen den Wind nach vorne gelehnt, um weniger Widerstand zu bieten. Nur ein einziges Mal blickte die Gestalt sich um. Als sie an der großen, steinernen Treppe angekommen war, die zum Hauptportal des Schlosses führte, warf sie einen kurzen Blick nach hinten, schien ihn über den Waldrand schweifen zu lassen und setzte dann ihren Weg fort. Das große Portal schwang mit einem leisen Quietschen schwerfällig auf, um dem unerwarteten Gast Einlass zu gewähren. Der peitschende Wind trieb herabgefallenes Laub, Dreck und Regen ins Innere des Schlosses und mit einem dumpfen Laut rastete das magische Schloss schließlich wieder ein, um dem Unwetter den Zutritt in die nächtlichen, leeren Hallen zu versperren.

Müde beobachtete Poppy Pomfrey, wie ihr derzeitiger Patient, Severus Snape, seinen Kopf immer wieder von rechts nach links warf, die Lippen zu einem stummen Schrei formte und dann, wie durch Geisterhand, wieder völlig ruhig, beinahe regungslos, dalag. Hätte sich die weiße Decke des Krankenbettes nicht kaum wahrnehmbar bewegt, so hätte ein unbeteiligter Beobachter wohl das Schlimmste vermutet. Aber soweit war es noch nicht. Obwohl die Medihexe sich eingestehen musste, dass sie keine Ahnung hatte, womit sie es hier zu tun hatten.

Verzweifelt fuhr sich die Heilerin über die geschlossenen Augen und lauschte für einen kurzen Augenblick dem Tosen des Windes und dem lauten Prasseln der Regentropfen gegen die großen Fenster der Krankenstation, bevor sie sich mit zügigen Bewegungen erhob, die wenigen Schritte hinüber zu Severus Snape ging und ihm die Hand auf die bleiche, schweißnasse Stirn legte.

„Er glüht noch immer!", murmelte sie leise, während sie sich nach hinten umwandte und eine der vielen, kleinen Flaschen nahm, die auf dem Beistelltisch standen. Direkt daneben lag eine Spritze, die sie ebenfalls ergriff und mitten in der Bewegung stoppte. Das schwache Licht der wenigen Kerzen, die sie im Raum verteilt hatte, fiel auf die hauchdünne, lange Nadel und für einen kurzen Moment glaubte sie, ein schmerzerfülltes Stöhnen von Snape gehört zu haben, doch als sie sich wieder umwandte und ihm in das schmale, schneeweiße Gesicht blickte, lag er immer noch so bewegungslos vor ihr wie zuvor.

Solche Symptome hatte sie noch niemals gesehen, geschweige denn davon gehört und sie wusste nicht, was genau zu tun war. Severus schien abwechselnd zu verbrennen und dann wieder zu erfrieren. Wellen des Schmerzes suchten ihn heim, dann lag er wieder regungslos. Das Fieber, so hatte sie gedacht, könne man mit den richtigen Tränken senken, doch sobald sich eine scheinbare Verbesserung bemerkbar machte dauerte es nicht lange, bis die Fieberschübe mit teilweise doppelter Intensität wieder kamen.

Es sieht beinahe so aus, als wäre er auf irgendeine Art und Weise resistent gegen die Tränke!", hatte sie am Mittag noch zum Direktor gesagt, der zwischen den Unterrichtsstunden kurz vorbei geschaut hatte, um sich über den Zustand des jungen Mannes zu informieren. Zu dieser Zeit war ihr diese Vermutung absurd erschienen, doch seit dem Abend verabreichte sie dem Jungen die Tränke mit Hilfe einer Spritze und die Resultate waren dennoch dieselben. Konnte man gegen Tränke wirklich so stark resistent werden? Sie hatte mit dem Direktor nicht mehr darüber gesprochen, da sie beide diese Möglichkeit sofort wieder verworfen hatten, doch langsam wusste sie sich nicht mehr weiter zu helfen, und ihre anfangs eher zweifelhaft erscheinende Erklärung schien der Wahrheit immer näher zu kommen.

Madame Pomfrey seufzte. Sie hatte dem Direktor nicht alles gesagt. Ihre ärztliche Schweigepflicht galt selbstverständlich auch bei den Schülerinnen und Schülern von Hogwarts und es war nicht an ihr, private Angelegenheiten ihrer Patienten an Dritte weiterzugeben. Aber eigentlich war sie auch verpflichtet dazu zu melden, wenn sie etwas Bedrohliches bemerkte, was die Schülerschaft und die Schule gefährden konnte. Handelte es sich bei dem, was sie auf dem Unterarm des jungen Mannes gesehen hatte, um eine Bedrohung? Die Antwort darauf war eigentlich ein klares „Ja!". Warum also hatte sie dem Direktor noch nichts davon erzählt? Sie wusste es nicht.

Jetzt galt es erst einmal, den Gesundheitszustand des Slytherin zu verbessern, aber auch da schien bisher jeder Erfolg auf sich warten zu lassen. Und sie hatte das Gefühl, dass ihnen die Zeit davon lief. Was auch immer los war mit Severus Snape, es konnte unmöglich so bleiben. Aber was war zu tun?

Madame Pomfrey wollte gerade den Ärmel des weißen Nachtgewandes hochschieben, als hinter ihr an der Tür ein leises Klopfen zu hören war, welches sie merklich zusammenzucken ließ. Verwundert runzelte sie die Stirn und wollte es schon als Einbildung abtun, denn draußen wütete das Unwetter ebenfalls mit einer unnatürlichen Lautstärke, sodass es auch ein gegen das Fenster geflogener Ast hätte sein können, als das Geräusch erneut erklang. Sie legte die Spritze zusammen mit der kleinen Flasche auf den Beistelltisch zurück, vergewisserte sich noch einmal, dass Severus' Arme vollkommen bedeckt waren und drehte sich schließlich um.

Wer konnte zu so später Stunde noch in die Krankenabteilung wollen? Albus und Minerva hätten beide nicht auf diese Weise geklopft, ganz zu schweigen davon, dass sie auch nicht unbedingt mitten in der Nacht hierhergekommen wären. Vielleicht war es Airell Malfoy? Albus hatte diesen sofort über Severus' gesundheitlichen Zustand informiert und Airell wollte sich so schnell es seine Geschäfte zuließen auf den Weg machen. Aber ob er mitten in der Nacht nach Hogwarts käme? Unmöglich war es nicht, hatte er doch bereits einige Nächte am Bett seines Adoptivsohnes gewacht, als es diesem schlecht ging. Vielleicht handelte es sich tatsächlich um Airell Malfoy bei dem nächtlichen Besucher.

Mit einem letzten Stirnrunzeln öffnete sie schließlich die Tür und trat automatisch einen Schritt zurück. Innerhalb weniger Sekunden hatte sie ihren Zauberstab in der Hand und richtete ihn auf den ungebetenen Besucher. Vor ihr stand eine dunkle Gestalt, das Gesicht verborgen unter einer schwarzen, tiefen Kapuze. „Ein Todesser!", durchfuhr sie ein schrecklicher Gedanke. Was sollte sie nun tun?

„Wer sind Sie? Und was wollen Sie hier?", fragte die Heilerin mit leicht zittriger Stimme, doch den Zauberstab hatte sie erhoben und hielt ihn fest in der Hand. Wieso sagte die Gestalt nichts? Und was wollte sie hier? Warum gab sie sich nicht zu erkennen?

Madame Pomfrey zwang ihren Körper dazu, ruhig zu bleiben und fixierte die düstere Gestalt, die sich immer noch keinen Millimeter gerührt, geschweige denn etwas gesprochen hatte, mit einem wie sie hoffte durchdringenden Blick. Ihre Aufmerksamkeit wurde kurz abgelenkt, da hinter ihr zuerst ein ersticktes Keuchen, dann ein heiserer Schrei und schließlich ein leises Wimmern zu hören war. Ohne, dass sie gegen diesen Reflex etwas hätte unternehmen können, drehte Madame Pomfrey sich halb herum, riskierte es damit, zum Ziel eines Angriffes zu werden und sah auf ihren Patienten. Severus Snape wand sich in den durchgeschwitzten Bettlacken erneut vor Schmerzen und hatte sich, scheinbar in dem Versuch nicht zu schreien, die Lippe blutig gebissen.

Sie wandte sich erneut der Gestalt zu, die noch immer regungslos und stumm in der Tür stand.

„Ich frage Sie noch einmal: wer sind Sie und was wollen Sie hier?"

Endlich kam Bewegung in die dunkle Gestalt. Sie ging durch die Tür, welche sich lautlos wie von Geisterhand wieder schloss und ging langsam auf Madame Pomfrey zu. Die Heilerin wich einige Schritte zurück, den Zauberstab hielt sie jedoch noch immer fest in der Hand. Sie stellte sich schützend vor ihren Schüler, bereit, sie beide im Ernstfall zu verteidigen. Sie war keine unfähige Hexe und konnte sich sehr gut wehren. Die Gestalt vor sich ließ sie keine Sekunde aus den Augen.

„Keinen Schritt weiter!", sagte sie mit fester, lauter Stimme. Und tatsächlich blieb die dunkle Gestalt stehen. Beschwichtigend hob sie nun die Hände, als wolle sie ihre guten Absichten demonstrieren. Die Heilerin runzelte die Stirn, wartete jedoch ab. Langsam gingen die Hände der Gestalt weiter nach oben, um die Kapuze vom Kopf zu nehmen. Madame Pomfrey ließ ihren Zauberstab nicht sinken, jederzeit bereit einen Fluch auf den Eindringling loszulassen.

Als die Gestalt schließlich ihre Kapuze fallen ließ, spürte Madame Pomfrey einen kalten Schauer, der ihr durch Mark und Bein ging. Sie begann leicht zu zittern. Der Fremde, es handelte sich tatsächlich um einen Mann, begann mit leiser, eindringlicher Stimme zu sprechen:

„Ich möchte Ihnen nichts tun, Madame Pomfrey! Es lag niemals in meiner Absicht, Ihnen oder dem Jungen irgendein Leid zuzufügen, doch Sie dürfen ihm keine weiteren Tränke verabreichen, das wäre zwecklos und würde die Sache nur noch verschlimmern!"

Die Heilerin runzelte misstrauisch die Stirn und bedachte den Mann mit einem durchdringenden Blick. Was wusste er über Severus? Wieso hatten die Tränke keine Wirkung? Und wer war dieser Mann?

Sie schätze ihn auf Mitte dreißig, vielleicht etwas älter. Das Gesicht war fein geschnitten, die Augen dunkel. Das lange, ebenfalls dunkle Haar fiel ihm über die Schultern und verlieh ihm eine düstere Schönheit. Doch war er gefährlich?

Der Mann erinnerte sie an jemanden, aber an wen? In ihrem Kopf rasten die Gedanken, sie versuchte sich an alle dunkelhaarigen Männer zu erinnern die sie kannte, als sie plötzlich keuchte und verwundert blinzelte. Sie betrachtete den Fremden von oben bis unten und blieb an seinen dunklen Augen und der bleichen, fast weißen Haut hängen.

Konnte es sein, das…?

Aber das war unmöglich!

Oder?

„Sie…sie…aber…, " stammelte Madame Pomfrey und starrte ihren Gegenüber aus weit aufgerissenen Augen an. Unfähig, sich zu rühren oder gar einen kompletten Satz zu Stande zu bringen, blinzelte sie einige Male, doch der Mann vor ihren Augen stand immer noch da und wollte einfach nicht verschwinden, wie es eine bloße Einbildung getan hätte.

Seine schmalen Lippen formten sich zu einem angedeuteten Lächeln, welches ihn nur noch mehr aussehen ließ wie…

Aber das war unmöglich, absolut unmöglich!

Und dennoch…

Ohne es überhaupt bewusst zu realisieren hatte Madame Pomfrey sich auf das leere Krankenbett neben dem von Severus Snape fallen lassen und starrte den schwarzhaarigen Mann immer noch verwundert, aber auch schockiert und etwas fassungslos an. Das lange Haar war etwas kürzer, die Gesichtszüge etwas anders, als sie sie in Erinnerung hatte und im schwachen Licht der wenigen Kerzen konnte sie seine dunkle Augenfarbe nicht genau bestimmen, aber was, wenn sie von einem so tiefen Blau waren, wie der Himmel selbst es nur in ganz wenigen, klaren Winternächten im Jahr schaffte? Dann, wenn die Luft klirrend kalt war und die ersten Schneeflocken schon bald fallen würden?

Erst das leise Stöhnen Severus Snapes holte sie aus ihrer Starre zurück und sie zuckte leicht zusammen.
Wie sollte es jetzt weiter gehen?

„Wer sind Sie?", fragte die Heilerin noch einmal, dieses Mal war ihre Stimme jedoch nur ein leises Flüstern.

Der dunkelhaarige Mann erwiderte noch immer nichts darauf, ließ seinen Blick kurz über Severus' Körper gleiten und blieb an seinem Gesicht hängen. Er runzelte leicht die Stirn und schien etwas überrascht. Dann wollte er scheinbar die Hand nach Severus ausstrecken, doch das konnte Madame Pomfrey nicht zulassen! Sie erhob sich blitzschnell und richtete wieder ihren Zauberstab auf den fremden Mann.

„Was wollen Sie hier? Sie sind nicht befugt, einen der Schüler dieses Schlosses zu berühren, entfernen Sie sich gefälligst von ihm!"

Sie maß ihren Gegenüber mit einem, wie sie hoffte, halbwegs festen Blick und betete zu allen ihr bekannten Mächten, dass dies alles nur ein elender Traum war. Was sollte dieses seltsame Verhalten? Wer war dieser Mann? Er machte der Heilerin Angst, denn obwohl er zweifellos ein gut aussehender, junger Mann war, hatte eine eigenartige Aura, die sie nicht wirklich zuordnen konnte und die ihr unheimlich erschien. Darüber hinaus schien er von Worten nicht sonderlich viel zu halten, denn auch jetzt schaute er sie ruhig an, das Gesicht regungslos und die rechte Hand noch immer leicht erhoben, als wollte er sie dem Jungen auf die Stirn legen, wie sie selbst es einige Zeit zuvor getan hatte.

Jetzt endlich, wo sie nur wenige Zentimeter vor ihm stand, konnte sie seine Augenfarbe erkennen und atmete beinahe erleichtert aus. Sie war nicht blau, sondern braun. Wahrscheinlich hatte sie sich selbst an der Nase herum geführt! Wieso sollte er wieder hier sein, einfach so, mitten in der Nacht? Nach fast zwei Jahren? Was für ein Unfug, sie war anscheinend erschöpfter als sie selbst gedacht hatte. Und dennoch…eine so große Ähnlichkeit war verblüffend und erschien ihr sonderbar.

Zwischen ihnen drehte Severus Snape sich erneut stöhnend von einer Seite auf die anderen, schlug mit den Armen wie wild um sich und in regelmäßigen, viel zu kurzen Abständen entkam seiner Kehle ein leises Wimmern. Madame Pomfrey schien kurz mit sich zu hadern, was sie tun sollte.

„Ich werde ihm nichts tun!", sagte der Fremde wieder in seiner dunklen, wohlklingenden Stimme und bedachte sie mit einem durchdringenden Blick. Madame Pomfrey suchte in seinen Augen einen Hinweis auf Lügen und Verrat, aber sie konnte nichts dergleichen erkennen. Vielleicht konnte er wirklich helfen?

Innerlich focht sie einen Kampf zwischen Verstand und Herz. Sollte sie diesem Fremden vertrauen? Konnte sie ihm vertrauen?

Dieser schien ihr Zögern als Zustimmung zu deuten und beugte sich erneut über Severus Snape. Noch einen kurzen Blick auf die Heilerin werfend schien er sich zu vergewissern, dass sie wirklich keine Einwände hatte und legte schließlich seine dünne, bleiche Hand auf die glühende Stirn des Slytherins.

„Wie lange hat er dieses Fieber schon?", fragte er mit einer Stimme, die es scheinbar gewohnt war, Befehle zu erteilen, denn sie war fest, bestimmend und duldete keinerlei Wiederrede.

Madame Pomfrey blinzelte einmal kurz und überlegte. Dann antwortete sie knapp: „Er wurde heute Morgen mit Schmerzen hier hingebracht. Das Fieber stieg immer weiter an. Bisher blieben alle Versuche es zu senken leider erfolglos. Die Schmerzen scheinen zu kommen und zu gehen. Auch dagegen hat bisher kein Trank oder Zauber geholfen."

Der Mann nickte und schaute wieder in Severus bleiches, verschwitztes Gesicht. Er schien zu überlegen. Dann fixierte er die Medihexe wieder mit seinen durchdringenden, dunklen Augen.

„Jetzt hören Sie mir bitte genau zu, Madame Pomfrey! Wie schon einmal gesagt möchte ich weder Ihnen, noch dem Jungen etwas antun! Wer ich bin, steht im Moment nicht zur Sache, ich werde Ihnen später alles erklären! Man hat mich gerufen, um Severus Snape zu helfen und wenn ich die Sache richtig sehe, komme ich keine Sekunde zu früh. Im Gegenteil, beinahe wäre es zu spät gewesen!"

Er machte eine kurze Pause, warf noch einmal einen Blick auf den sich unruhig hin und her rollenden Körper, wobei seine braunen Augen kurz flackerten, doch schließlich wandte er sich wieder Madame Pomfrey zu. Diese setzte sich wieder auf das Bett und seufzte ergeben. Hoffentlich tat sie gerade das Richtige.

Als hätte der Fremde ihre Gedanken gelesen bildete sich ein schmales, kaum erkennbares Lächeln auf seinen Lippen und er nickte knapp.

„Danke. Das war die richtige Entscheidung, glauben Sie mir bitte!"

Auch sie versuchte sich an einem angedeuteten Lächeln, doch in ihren Augen glomm noch immer deutliches Misstrauen. Sie beobachtete jede Bewegung des Fremden genau, ihren Zauberstab hielt sie zwar nicht mehr erhoben, aber noch immer in der Hand.

Es vergingen noch einige Augenblicke, in denen die Beiden sich einfach nur ansahen, bevor ein erstickter Schrei sie ruckartig zwischen sich schauen ließ. Aus einem Impuls heraus wollte die Heilerin schon an die Stirn ihres Patienten fassen, doch ein starker Arm hielt sie fast schon brutal davon ab und stattdessen war es der Fremde, der sich über Snape beugte, die Spitze seines Zeigefingers an dessen rechte Schläfe legte und kurz die Augen schloss. Verwundert runzelte Madame Pomfrey die Stirn. Sie räusperte sich und wollte gerade etwas sagen, als braune Augen sie durchdringend musterten. Also schwieg sie und wartete ab.

„Ich weiß, dass meine…Methoden Ihnen seltsam vorkommen müssen, doch ich möchte Sie bitten, vorerst nicht zu sprechen – ganz gleich, was Sie sehen oder hören! Ich muss mich sehr stark konzentrieren und kann dabei nicht auch noch auf meine Umgebung achten, bitte haben Sie dafür Verständnis! Sie haben mein Wort, dass ich Ihnen danach alles Weitere erklären werde, doch jetzt wird es Zeit zu handeln, bevor es zu spät ist! Sind Sie einverstanden?"

Wieder verstrichen einige Augenblicke, bis die Heilerin zögerlich nickte. Der Fremde bedankte sich bei ihr ebenfalls mit einem kurzen Nicken und beugte sich wieder über Severus Snape. Dieses Mal legte er beide Hände zu je einer Seite des Kopfes, legte seine Stirn auf die von Severus und schloss die Augen.

Einen Augenblick passierte gar nichts. Dann begann er in einer ihr unbekannten Sprache zu sprechen. Die Laute klangen düster und sehr alt. Madame Pomfrey fröstelte es etwas und es hatte den Anschein, als würde die Temperatur im Krankenflügel schlagartig nach unten fallen. Die Heilerin hielt gebannt den Atem an und betrachtete weiter das Schauspiel vor sich. Der Fremde schien zwischen Sprechen und Singen zu wechseln, immer hielt er die Augen geschlossen und beide Hände an Severus' Schläfen. Der Sprechgesang war leise, doch die Laute so deutlich und dunkel, dass sie von den Wänden der Krankenstation widerzuhallen schienen.

Die Atmung des Slytherins beschleunigte sich kurz, dann seufzte er tief und schien auf einmal ruhig zu schlafen. Das Winden hörte auf, die Schreie verstummten. Severus atmete jetzt das erste Mal seit Stunden wieder ruhig und gleichmäßig.

Der Fremde hörte auf mit dem düsteren Sprechgesang, öffnete seine Augen und nahm seine Hände vorsichtig von Severus' Kopf. Dann erhob er sich und wirkte mit einem Mal sehr müde. Ohne etwas zu sagen ließ er sich auf das leere Krankenbett hinter sich sinken und schien in Gedanken verloren auf den nun ruhig schlafenden Slytherin zu schauen. In seinen dunkelbraunen Augen tobte ein wahres Gewitter an Emotionen, die die Heilerin im schwachen Dämmerlicht unmöglich erkennen und deuten konnte. Aber vieles schien ihn zu beschäftigen.

Madame Pomfrey schluckte trocken und schwieg. Was auch immer sie gerade gesehen hatte, es hatte anscheinend gewirkt und den Fremden zugleich viel Kraft gekostet. Sie wollte ihm die Zeit geben, die er brauchte. Bisher schien tatsächlich keine Gefahr von ihm auszugehen. Und sie alle konnten einen Moment der Ruhe sehr gut gebrauchen.

Wie würde es jetzt weiter gehen? Wer war dieser fremde Mann und warum ähnelte er äußerlich so stark ihrem ehemaligen Kollegen, der vor zwei Jahren verschwunden war?

Plötzlich fühlte die Medihexe, dass sie beobachtet wurde. Als sie den Blick hob, sah sie geradewegs in die dunkelbraunen Augen des Fremden. Sie blinzelte kurz.

„Sie sind müde, Madame. Ruhen Sie sich aus."

Kaum hatte er die Worte gesprochen, fielen der Heilerin auch schon die Augen zu. Sie wollte gegen die bleierne Müdigkeit ankämpfen, die sie auf einmal überrollte, doch sie schien machtlos dagegen zu sein.

„Was…?", fragte sie mit letzter Kraft, bevor ihr Oberkörper langsam auf das Krankenbett zurück sank. Ihre Augen waren komplett geschlossen, noch bevor ihr Kopf auf dem weichen Kissen zum Liegen kam und das Letzte, an das sie sich erinnerte, war dieser dunkle Sprechgesang, der ihr mit einem Mal wie ein Schlaflied vorkam.


To be continued...