Kapitel 9
Namenserklärungen:
Kheelan (irisch, keltisch): Kämpfer, Krieger
Seine Schritte hallten von den hohen, steinernen Wänden wider und schienen seine Trommelfelle so zum Vibrieren zu bringen, dass es schmerzte. In dem verzweifelten Versuch, den Schmerz in seinem Kopf etwas zu lindern, presste Severus Snape die Hände so fest auf die Ohren wie er nur konnte, doch schien er damit das Gegenteil zu bewirken. Sein ganzer Kopf pochte, als stünde er direkt neben einer gigantischen Glocke und ihm war so schwindelig, dass er gar nicht mehr genau erkennen konnte, wohin er eigentlich lief. Das laute Pochen seines eigenen Herzens, der Widerhall seiner Schritte, die Orientierungslosigkeit…er wusste nicht wo er war, warum er hier war. War das hier ein Traum? War es Realität? War er tot?
Warum er lief, dass wusste er nicht, doch Irgendetwas trieb ihn unbarmherzig voran.
Er musste hier weg, er dürfte nicht stehen bleiben! Immer weiter, immer schneller. Nur wohin?
Die steinernen Gänge waren nur spärlich mit Fackeln erleuchtet, sein Blick war seltsam undeutlich, die Umrisse fast schon verschwommen. Er konnte kaum sehen, wohin er lief, geschweige denn wissen, ob er vorwärts kam. Seine Beine fühlten sich so schwer an, als hätte man ihm Bleigewichte an die Knöchel gebunden und sein ganzer Körper schien ein einziger Schmerz aus Pochen, Brennen, und Reißen zu sein. Und dennoch lief er weiter. Rechts, links, links, rechts, geradeaus…
Dann passierte alles ganz plötzlich. Er verlor das Gleichgewicht, stolperte und stürzte. Das Nächste, was er spürte und hörte, war ein schrecklicher Schmerz in seinen Knien und ein seltsames Knacken. Noch ehe Severus wusste, was überhaupt geschehen war, entkam seiner Kehle ein ohrenbetäubender Schrei und er rollte sich auf dem Boden zusammen, die Beine fest an den Körper gepresst. Eine wahre Schmerzexplosion zog von seinen Knien nach oben und unten, führte dazu, dass sein ganzer Körper sich versteifte und seine Stimmbänder bereits nach wenigen Minuten so rau waren, dass seine Kehle brannte. Was war hier los? Ein einfacher Sturz konnte doch unmöglich solche Schmerzen verursachen! Oder? War das hier ein Traum? Ein Alptraum?
Die Schmerzen schienen sich ins Unermessliche zu steigern, sein Verstand war kurz davor zu versagen, ihn dem Wahnsinn zu überlassen…
… und dann war es plötzlich vorbei.
Der Schmerz war fort und hatte etwas Anderem Platz gemacht. Severus seufzte vor Erleichterung. Wärme schien durch seinen ganzen Körper zu strömen und ein Gefühl, das er schon längst vergessen geglaubt hatte, ließ seinen Körper und seinen Geist schweben. Er lag noch immer auf dem kalten Steinboden, doch sein Körper war, abgesehen von seinem noch etwas unruhig schlagenden Herzen, völlig regungslos. Nur sein Hals fühlte sich seltsam taub an und Severus wusste nicht, ob das eben Erlebte nur eine Einbildung gewesen war oder Realität.
Er wartete noch einige Augenblicke ab, was als nächstes geschehen würde, doch als der Schmerz nicht mehr zurück kehrte wagte Severus es, seinen Körper etwas zu entspannen und die vorher so krampfhaft umschlungenen Beine ein wenig loszulassen. Er blinzelte einmal kurz und sog die kalte Luft tief in seine Lungen ein. Was geschah hier? Wo war er? Und warum war der Schmerz so schnell verschwunden und ihm auf einmal so wunderbar warm, obwohl er spürte, dass die Luft eigentlich klirrend kalt war?
„Weil das hier alles ein Traum ist, Severus…"
Innerhalb eines einzigen, flüchtigen Momentes saß Severus kerzengerade auf dem Steinboden, die Augen vor Schreck geweitet und ein deutliches Zittern seiner Hände verriet die Aufregung, die er in diesem Moment verspürte. Seine Gedanken rasten, Bilder und Erinnerungen zogen mit so einer atemberaubenden Geschwindigkeit durch seinen Geist, dass er keine von ihnen wirklich erfassen konnte und dennoch begannen und endeten sie alle mit dem gleichen Gesicht – eben jenes Gesicht, in das er gerade blickte.
Das…konnte doch nicht sein – oder!? Er war…tot… Er selbst hatte ihn umgebracht, war für seinen Tod verantwortlich und hatte vor Jahren, die ihm selbst wie mehr als eine Ewigkeit vorkamen, den einzigen Menschen verloren, den er je…
„Führe den Gedanken lieber nicht zu Ende, Severus. Zu schmerzhaft wären die Erinnerungen für Dich und Schmerzen, mein lieber Severus, hast Du schon mehr als genug erlitten!"
Diese Stimme! Er hatte sich nicht mehr an sie erinnern können doch jetzt, wo er sie hörte schien es ihm, als wäre sie niemals verstummt! So dunkel und klar, so unendlich sanft und voller Wärme, wenn sie mit ihm sprach…
Ohne überhaupt zu wissen, was er tat, warf Severus sich mit einem lauten Schluchzen nach vorne, barg sein Gesicht in dem schwarzen, weichen Stoff und weinte bitter – süße Tränen des Schmerzes, des Verlustes, der Verzweiflung, der Erleichterung… Es waren so viele Empfindungen, so viele Gefühle, die in diesem Moment durch sein ganzes Sein zogen, dass er noch nicht einmal ansatzweise im Stande war, sie beim Namen zu nennen. So viele ungeweinte Tränen fanden endlich ihren Weg an die Oberfläche und der Schmerz, die Sehnsucht und die Vorwürfe der letzte zwei Jahre brachen aus ihm heraus. Sein ganzer Körper zitterte, sein rauer Hals brannte. Und dennoch waren da so viele Gefühle in ihm, so viel Erleichterung. Und Dankbarkeit.
Seine Hände krallten sich verzweifelt in dicken, schwarzen Stoff, als fürchtete er, den Mann in seinen Armen jeden Moment wieder zu verlieren, doch nichts dergleichen geschah. Seine Tränen durchnässten den teuren Stoff, seine Lungen verlangten protestierend nach mehr Luft und dennoch konnte er den Versuch, sich noch enger an den warmen Körper zu drängen, nicht unterdrücken. Eine federleichte Hand legte sich sanft auf seine linken Wange, während eine andere auf seinem krummen Rücken ruhte und ihn festhielt. Severus sog den ihm so vertrauten Geruch tief in sich ein und fragte sich flüchtig, wie er diesen jemals hatte vergessen können. Wie hatte er den Klang dieser Stimme und die Farbe dieser Augen jemals vergessen können? Wie?
„Schhhht, denk nicht mehr darüber nach, Severus. Wir haben nicht mehr viel Zeit und ich…"
War er gerade noch so glücklich gewesen, so schnürte ihm nun Verzweiflung die Kehle zu und brannte entsetzlich in seinem Körper. Falls möglich, krallten sich seine langen, dürren Finger noch fester in den schwarzen Stoff und versuchten so, das scheinbar Unausweichliche aufzuhalten.
„Nein!", schluchzte und schrie er gleichzeitig und schüttelte verzweifelt den Kopf. „Nein, das darf nicht passieren! Nicht noch einmal, nicht schon wieder!"
Seine brüchige Stimme erstarb und sein ganzer Körper zitterte entsetzlich. Da konnte auch die Wärme des anderen Körpers nichts dran ändern, ganz gleich, wie wohltuend dessen Wärme zuvor noch gewesen war. Einen weiteren Verlust würde er niemals verkraften können, denn dann würde er endgültig brechen! Die vielen Scherben konnte man schon jetzt kaum noch wieder zusammenzufügen, doch dann würde er in so viele kleine Stücke zerspringen, dass Nichts und Niemand jemals wieder auch nur zwei passende Stücke würde finden können…!
Er tat in diesem Moment einem anderen Menschen, der ihm unendlich viel bedeutete, sehr großes Unrecht. Das wusste Severus. Doch er konnte nicht anders, hatte er doch nicht damit gerechnet, dass sie sich jemals wiedersehen würden. Egal ob dies nun ein Traum war. Der Mann vor ihm erschien ihm real. Er konnte ihn berühren. Ihn riechen. Und das reichte Severus. Das war für ihn Realität genug.
Weiches Haar kitzelte in seinem Gesicht und ließ Severus erneut laut aufschluchzen. Die warme Hand an seiner Wange begann, ganz langsam vor dort aus die Kontur seines Gesichtes nachzufahren und verharrte schließlich ganz sanft auf seinen Lippen. Ohne, dass auch nur ein einziges Wort zwischen ihnen gesprochen worden war, hob Severus den Kopf und blickte das erste Mal seit so langer Zeit in die Augen, die ihn niemals mit Abscheu, Hass oder gar Mitleid angesehen hatten. Ihr Blau erschien ihm trotz seiner eigentlichen Dunkelheit so hell und so rein, dass es schier unmöglich war, dass ein Mensch solche Augen besaß…
Ein leichtes Lächeln umspielte die bleichen Lippen des Professors und auch Severus lächelte. Der Finger verschwand von seinen Lippen und fand seinen Weg wieder zurück auf Severus' Wange.
Professor Keriann seufzte leise, seine Augen flackerten kurz und Severus sah, wie sich Tränen in dem reinen Blau bildeten.
„Severus…ich…", begann der Professor flüsternd und verzweifelt schüttelte Severus den Kopf.
„Nein, Professor. Bitte…bitte nicht, nicht schon wieder!"
Er bettete sein Gesicht auf der unter dem vielen Stoff verborgenen Brust seines Professors und hätte sich am liebsten wie zuvor die Ohren zugehalten, doch das wäre ihrer Situation nicht gerecht gewesen. Natürlich wusste er, dass sie keine gemeinsame Zeit mehr hatten, denn das, was hier geschah, grenzte schon an ein Wunder…! Der Professor war tot und dennoch lag er hier in dessen Armen und wünschte sich, die Zeit möge stehen bleiben und sie beide so für immer aneinander binden. Aber natürlich würde man ihm diesen Wunsch nicht erfüllen…
Gequält schloss Severus die Augen und wusste nicht, was er sonst noch hätte sagen sollen. Zu kostbar erschien ihm dieser Moment, als dass sie ihn mit irgendwelchen Worten zerstörten, doch auch wusste er, dass es etwas gab, worüber sie sprechen mussten. Warum sonst sollte dieses „Wunder" stattfinden?
„Severus", begann der Professor erneut und Severus hörte das leichte Zittern seiner Stimme genau. Er wollte die Tränen seines Lehrers nicht sehen und hielt den Kopf deshalb immer noch gesenkt. Der Professor wusste, dass er ihm auch so zuhörte und alleine darauf kam es an – oder nicht!?
„Mein lieber Severus… Es tut mir alles so entsetzlich leid! Ich wollte nicht, dass das alles passiert, aber ich konnte es einfach nicht verhindern! Es ist alles meine Schuld…!"
Severus' Körper versteifte sich und er schloss seine Augen so fest, dass es schmerzte. Vor diesem Wort hatte er sich all die Jahre über gefürchtet und nun stand es zwischen ihnen beiden wie ein Bote unheilvoller Nachrichten, dessen klauenartige Hand nach ihnen griff und sie gegen ihren Willen mit sich zerren wollte.
Schuld.
Seine Kehle erschien ihm wie zugeschnürt und brennende Tränen liefen noch immer seine bleichen Wangen hinab. Wie konnte der Professor nur sagen, dass alles seine Schuld sei? Wie konnte er so etwas nur annehmen? Severus hatte sie beide verraten und damit lag die Schuld ganz alleine bei ihm selbst! Nicht bei dem Professor, der ihn nur hatte beschützen wollen und schließlich für ihn, den wertlosen, schwachen Severus Snape, gestorben war! Niemals hatte er Schuld, niemals…
„Das stimmt nicht, Severus! Ich alleine bin schuld, denn ich hätte wissen müssen, wie das alles endet! Es war meine Aufgabe, dich zu beschützen und ich habe versagt! Diesen Fehler werde ich mir niemals verzeihen können, denn er hat uns Chancen genommen und eine Zukunft, die vielleicht hätte sein können."
Erstaunt hob Severus den Kopf und blickte Professor Keriann an, doch noch im gleichen Augenblick bereute er diese Handlung. Das wunderschöne, ebenmäßige Gesicht des Professors war von Tränen übersät und niemals hätte Severus gedacht, dass sein Herz noch mehr brechen konnte. Doch dieser Anblick des weinenden Professors war es, der ihm den letzten Boden unter den Füßen nahm und dazu führte, dass er glaubte, in ein niemals endendes, schwarzes Loch zu fallen. Er war schuld, dass der Professor weinte, dass er so sehr litt. Auch seine eigenen Tränen waren noch immer nicht versiegt und so blickten sie sich gegenseitig in bleiche, vom Leben gezeichnete Gesichter, deren Wangen im schwachen Fackellicht des Ganges glitzerten.
Mit zitternder Hand strich der Professor Severus eine Haarsträhne hinter das Ohr und versuchte sich an einem leichten Lächeln, was ihm jedoch nicht wirklich gelang.
„Du bist groß geworden, weißt Du das!?", fragte er mir leicht zitternder Stimme und nahm ohne Vorwarnung Severus' rechte Hand in die seine. Normalerweise hätten sie beide solch einen engen Körperkontakt niemals zugelassen, doch sie sehnten sich gleichermaßen nach dem jeweils Anderen und jede noch so kleine Berührung war für sie unendlich kostbar.
Hätten sie eine Zukunft gehabt? Welche Zukunft wäre das gewesen? Fragen, die Severus immer wieder in den vergangenen zwei Jahren durch den Kopf gingen, und auf die er keine zufriedenstellenden Antworten fand. Woher sollte er es auch wissen? Es war zu Ende, bevor es begonnen hatte. Was auch immer es hätte sein oder werden können.
„Meine Zeit schwindet, Severus, und es gibt noch so viel, über das wir sprechen müssten! Es macht mich traurig, unendlich traurig zu sehen, was man aus Dir gemacht hat und dass ich nicht da sein kann, um Dir zu helfen! Ich mache Dir keine Vorwürfe, Severus, denn wie hättest Du widerstehen sollen? Wie hättest Du standhaft bleiben können, wenn keiner da war, um an deiner Seite zu kämpfen?"
Professor Keriann schwieg einen Augenblick und schüttelte dann ganz leicht den Kopf. „Nein, das stimmt so auch nicht. Albus ist da, hörst Du? Albus, Minerva, Poppy…und auch Airell Malfoy!"
Verwundert runzelte Severus die Stirn und wollte gerad etwas erwidern, als der Professor leicht den Kopf schüttelte.
„Du brauchst mir nichts zu erklären, Severus, denn ich weiß, was in den letzten Monaten und Jahren geschehen ist! Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie dankbar ich Airell bin, dass er für Dich da ist! Du kannst ihm vertrauen, Severus! Er würde Dir niemals wehtun, aber das weißt Du auch selbst, oder!?"
Severus nickte leicht und senkte den Kopf. „Ich weiß, aber ich…vermisse Sie so sehr…Sir!"
Ein dünner, langer Finger unter seinem Kinn zwang Severus dazu, wieder aufzusehen und eine Träne zu verfolgen, die an der bleichen Wange des Professors hinab lief. Wie selbstverständlich fing Severus sie auf, ließ seine ausgemergelte Hand auf der Wange des Professors liegen und bemerkte erstaunt, wie dieser sein Gesicht leicht gegen diese Berührung lehnte. Professor Keriann schloss für die Dauer eines Wimpernschlages die Augen, beugte seinen Kopf ganz leicht vor und lange, schwarze Haarsträhnen fielen nach vorne und bedeckten Severus' Hand. Das seidige Haar war noch immer so weich, wie Severus es in Erinnerung gehabt hatte. Denn Erinnerungen hatte er viele und sie waren zurückgekehrt! Er wusste wieder alles, von dem er glaubte, es schon längst vergessen zu haben und schmeckte auch jetzt den Geschmack von viel zu süßem Tee auf seiner Zunge. Was hätte er dafür gegeben, um jetzt mit dem Professor vor dem Kamin zu sitzen und eine Tasse von diesem widerlichen Tee zu trinken! Aber das wäre wohl niemals möglich gewesen und was er in diesem Moment erlebte war mehr, als seine geschundene Seele jemals zu hoffen gewagt hatte.
Wieder waren beide in Schweigen verfallen, doch es war kein Schweigen aus Verlegenheit um Worte. Sie verstanden sich auch so, wussten, was der jeweils andere in diesem Moment fühlte, was ihn beschäftigte und was sie eigentlich hätten sagen sollen, doch keiner von ihnen wollte diese Minuten, dieses kleine Stück Glückseligkeit durch ein falsches Wort zerstören. Und dennoch lief ihnen wieder einmal die Zeit davon und beide spürten sie es. Die Wärme des Professors wurde immer weniger, sein Körper wurde kalt und schien immer mehr zu verschwinden. Tränen rannen Severus' Wangen hinab und verzweifelt umklammerte er seinen Lehrer noch fester, doch die Kälte wurde immer intensiver.
Sanft schob Professor Keriann Severus einige Zentimeter von sich weg, sodass er ihm ins Gesicht blicken konnte. Auf seinen Wangen waren glitzernde Tränenspuren zu erkennen, doch auf seinen schmalen Lippen lag ein warmes, ehrliches Lächeln.
„Ich bin dankbar dafür, dass wir uns noch einmal sehen konnten, Severus, und das solltest Du auch sein!" Er zwinkerte einmal kurz, fuhr sich mit der rechten Hand fahrig über die Wangen und fasste Severus dann fest, aber nicht im Mindesten grob, an den Schultern. Der Slytherin schniefte einmal leise, versuchte sich dann ebenfalls an einem leichten Lächeln und nickte.
„Das bin ich, Professor…das bin ich."
Professor Keriann nickte zufrieden und seufzte leise. Sein Blick schien für einen kurzen Moment durch Severus hindurch zu sehen, bevor seine blauen Augen ihn wieder fixiert hatten und wie immer in ihren Bann zogen.
„Egal, was sie dir gesagt haben, Severus – gib die Hoffnung niemals auf! Ich habe Dir versprochen, dass wir uns eines Tages wieder sehen werden und daran halte ich fest! Ich war in den vergangenen Jahren immer bei Dir und werde niemals aufgeben einen Weg zu suchen, der uns wieder zusammenführen wird! Aber auch Du darfst niemals aufgeben, Severus! Niemals!"
„Aber Professor…", schluchzte Severus und wollte sich beschämt abwenden, doch noch immer hielt dieser ihn an den Schultern fest und löste seinen Griff nicht. „Professor…ich hatte alles vergessen, es war alles weg! Ich konnte…ich konnte mich an nichts mehr erinnern! Warum? Ich will nicht, dass das noch einmal passiert! Ich will mich erinnern können!"
Endlich wurde der Griff des Professors lockerer, bis dieser Severus schließlich ganz in seine Arme zog und den zitternden Körper an seiner Brust barg, genau so, wie er es vor vier Jahren getan hatte, als Voldemort sie beide in seiner Gewalt gehabt hatte.
„Der Dunkle Lord will nicht, dass Du dich erinnerst Severus, doch du kannst ihm widerstehen! Du kannst dich ihm widersetzen! Du musst lernen, deinen Geist gegen seine Angriffe so fest zu verschließen, dass er Dir deine Erinnerungen nicht mehr nehmen kann – dann wirst du nicht vergessen!"
„Aber…wie soll das gehen?"
Erneut schnürte Verzweiflung ihm die Kehle zu und schien ihm jegliche Luft zum Atmen zu nehmen, während Severus immer noch gegen die auf seinen kalten Wangen brennenden Tränen ankämpfte. Er wollte nicht mehr weinen, nicht mehr schwach sein, aber er schaffte es einfach nicht. Schon wieder nicht.
Die kühle Hand des Professors auf seiner Stirn beruhigte Severus ein wenig und sein Herz schlug nicht mehr ganz so schmerzhaft in seiner Brust.
„Kheelan kann Dir zeigen, wie es geht. Er wird Dich unterrichten und Dir helfen, dass zu lernen, was Du brauchst um gegen den Dunklen Lord zu bestehen!"
Fragend hob Severus seinen Kopf und hob leicht eine Augenbraue. Der Professor lächelte leicht aufgrund dieser ihm so vertrauten Geste.
„Wer ist Kheelan, Sir?"
„Kheelan ist auf meinen Wunsch hin nach Hogwarts gekommen, um Dir zu helfen! Auch in diesem Moment ist er dabei, dein Leben zu retten…" Gegen Ende des Satzes war die Stimme des Professors immer leiser geworden und ein matter Schleier verdunkelte seine Augen.
„Mein Leben zu…retten?", fragte Severus mit leiser Stimme und spürte, wie sein ganzer Körper zitterte.
Professor Keriann nickte. „Ja, Severus. Du liegst im Moment auf der Krankenstation und befindest dich auf der Grenze zwischen Leben und Tod. Das ist auch der Grund, warum wir uns sehen können. Indem Du auf dieser Grenze wandelst, hast Du die Möglichkeit, mich zu sehen und mit mir zu sprechen."
Severus glaubte, keine Luft mehr zu bekommen, doch er musste diese eine Frage, deren Antwort er eigentlich schon kannte, dennoch stellen. Sein Geist schien sich an die Worte nicht erinnern zu wollen, doch sein Mund formte sie wie von selbst und brachte sie mit rauer, zitternder Stimme hervor:
„Weil Sie…tot sind!?"
Wieder schien der Blick des Professors ins Leere zu gehen und jede Faser in Severus' Körper war auf das Äußerste angespannt. Er wartete schweigend auf eine Antwort, die er schon kannte, und die ihm dennoch erneut den Boden unter den Füßen rauben würde – und das auf äußerst schmerzhafte Weise.
Doch nicht nur der Blick des Professors schien durch Severus hindurch zu sehen, auch er selbst konnte den schwach erleuchteten Gang hinter Professor Keriann erkennen – durch ihn hindurch! Wie bei einem Geist konnte Severus nun klar und deutlich den steinernen Boden, die wenigen Fackeln und die hohen Wände erkennen. Der Professor verschwand immer mehr und ihre Zeit neigte sich dem Ende zu…
Severus wollte das nicht zulassen, doch als er seine Arme und den Körper des Professors legen wollte, griff er durch diesen hindurch und umfasste stattdessen seine eigenen Schultern. Erneut fing er an zu schluchzen, wieder fanden Tränen ihren Weg an die Oberfläche und tropften auf den schon nassen Boden.
„Professor…nein…", wimmerte Severus leise und starrte die immer mehr verblassende Gestalt vor ihm an.
Professor Keriann schloss einmal kurz die Augen, nahm tief Luft und schaute Severus dann so unendlich sanft an, das es in dessen Brust schmerzte. Wie konnte ein Mensch ihn nur so ansehen? Ihn, den hässlichen, ungeliebten, von allen verachteten Severus? So voller Wertschätzung, voller Zuneigung?
„Airell sieht dich so an!", schalt er sich selbst in Gedanken. Er tat Airell Unrecht, indem er hier so saß und weinte um eine Vergangenheit, die es nicht mehr gab. Er hatte eine Zukunft. Airell ermöglichte ihm eine Zukunft!
„Meine Zeit ist vorüber, Severus. Ich muss gehen und weiß nicht, wann und ob wir uns jemals wiedersehen werden! Kheelan wird Dir helfen und auch Albus, Minerva, Poppy und Airell kannst du vertrauen! Besonders Airell, hörst Du! Er tut alles in seiner Macht stehende, um dich zu beschützen und dafür werde ich ihm wohl niemals genug danken können!"
Severus nickte und schluckte ein weiteres Schluchzen hinunter. Er musste jetzt stark sein! Er dürfte ihre letzten gemeinsamen Minuten nicht damit vergeuden, die immer mehr verblassende Gestalt Professor Kerianns hinter einem Schleier aus Tränen zu sehen. Er musste schätzen, was er hier hatte. Eine Chance, die er niemals für möglich gehalten hätte!
Die beinahe durchsichtige Hand des Professor legte sich auf Severus' rechte Wange, während die andere sich sanfter als ein Windhauch auf seinen Hals legte. Severus spürte etwas eisig Kaltes auf seiner Haut und wusste genau, was es war. Er schluckte ein weiteres Schluchzen hinunter und biss sich so fest auf die Unterlippe, dass er süßliches Blut schmeckte.
„Wenn Du auf sonst nichts mehr vertraust, Severus, dann vertraue darauf!", flüsterte der Professor und fuhr mit der Spitze seines Zeigefingers die kalten Linien des Schmuckstückes nach, welches Severus unter seiner Schuluniform trug. Er beugte sich ganz leicht nach vorne, hauchte Severus einen sanften Kuss auf die Stirn und war schließlich ganz verschwunden.
„Wir werden uns wiedersehen. Irgendwann…", hörte Severus Professor Kerianns letzte Worte wie ein Flüstern im Wind. Dann war es vorbei.
Der Professor war fort und Severus war wieder alleine. Er ließ sich nach hinten fallen und schloss mit einem gequälten Seufzen die Augen.
To be continued...
