Kapitel 12


Worterklärungen:

Deorai (irisch): Fremder, Wanderer, Verbannter, Einsamer


„Meine Herren, wenn ich Sie nun bitten dürfte, einzutreten…"

Halb eine Verbeugung andeutend hielt Albus Dumbledore die Tür zu seinem Büro auf, während er darauf wartete, dass Airell Malfoy und Kheelan Daray eintraten. Beide hatten sich auf dem Weg immer wieder finstere Blicke zugeworfen, wobei in den sturmgrauen Augen Airells ein aggressives Glitzern gelegen hatte, welches der Direktor mit einem leichten Lächeln quittierte. Es war für ihn immer noch ungewohnt, das Oberhaupt der Malfoyfamilie derart emotional zu sehen, doch er konnte nicht sagen, dass ihm dieser Zustand in irgendeiner Art und Weise missfiel – ganz im Gegenteil. Es machte Airell in Albus' Augen menschlicher und nahm ihm etwas von seiner eiskalten Unnahbarkeit, die seit Jahren sein Schutzpanzer gewesen war. Und trotzdem war Airell immer ein gerechter Mann gewesen. Düster, ja. Gefährlich, auch das. Aber wertschätzend und gerecht gegenüber den Menschen und Geschöpfen, die nicht so privilegiert geboren worden waren wie er. Und das unterschied ihn in höchstem Maße von seinem Bruder und eigentlich von seiner gesamten Familie.

Wenn man die beiden Brüder, Amergin und Airell, einmal miteinander verglich, so war es Airell, bei dem Albus Dumbledore lieber einen Sohn gesehen hätte, denn er hielt Amergin, den er selbst als Schüler gehabt hatte, nicht gerade für das, was man einen fürsorglichen Vater nennen konnte. Und Amergin besaß eine gefährliche Hinterlistigkeit, die Seinesgleichen suchte. Diesen Mann dürfte man niemals unterschätzen... Doch das stand auf einem anderen Blatt und würde heute ganz sicher nicht Thema ihrer bevorstehenden Unterhaltung sein.

Der Direktor schmunzelte, als er das erhobene Kinn Airells bemerkte und das abfällige Schnauben Kheelans hörte, als dieser mindestens zwei Schritte hinter dem blonden Zauberer das Büro betrat. Er selbst bildete die Nachhut, schloss die Tür leise hinter sich und beeilte sich, das beinahe komplett herab gebrannte Feuer im Kamin neu zu entfachen. Sofort wurde es wieder wärmer im Büro. Mit einem zufriedenen Nicken wandte er sich zu seinen beiden Gästen um und konnte ein leichtes Hochziehen seiner Augenbrauen nicht unterdrücken. Erstaunlich, wie unterschiedlich diese beiden Männer doch waren. Kheelan hatte sich an das große Fenster schräg hinter dem Schreibtisch Dumbledores gestellt, während Airell vor dem Schreibtisch des Direktors stand und die Arme vor der Brust verschränkt hatte. Seine ganze Körperhaltung sprach Bände, er war angespannt und bereit, innerhalb eines Wimpernschlages zu reagieren. Aber verübeln konnte man es ihm nicht, immerhin wussten sie noch immer nicht sehr viel über ihren nächtlichen Besucher und natürlich war auch dem Direktor die magische Stärke ihres Besuchers nicht verborgen geblieben. Nach außen hin mochte er ruhig und distanziert wirken, doch eine dunkle Aura ging von ihm aus, deren Magie nicht aus ihrer Welt zu stammen schien. Interessant, befand der Direktor und machte sich innerlich eine Notiz, dem dunkelhaarigen Mann mit äußerster Vorsicht entgegen zu treten. Sie wussten nicht, mit wem sie es zu tun hatten und die Sicherheit der gesamten Schule lag nun einmal in ihren und vor allen Dingen in seinen Händen.

Er räusperte sich und fand sich sogleich mit zwei Paar Augen konfrontiert, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Er versuchte sich an einem versöhnlichen Lächeln, schritt ruhig hinter seinen großen Schreibtisch und ließ mit einer einfachen Handbewegung Tee, Milch, Zucker und ein paar Schokoladenkekse erscheinen.

„Setzen Sie sich, meine Herren. Ich denke, es gibt einiges zu besprechen und wir sind alle erwachsene Männer. Man sollte meinen, wir wären in der Lage, persönliche Diskrepanzen soweit zurück zu stecken, dass sie einer notwendigen Unterredung nicht im Wege stehen sollten, finden Sie nicht auch!?"

Beinahe synchron erhielt er sowohl von Kheelan, als auch von Airell ein angedeutetes Nicken, doch noch immer machte keiner von ihnen auch nur Anstalten, seinen Platz zu verlassen und sich auf einen der beiden Stühle vor dem Schreibtisch zu setzten. Der Direktor seufzte, während er in die erste Tasse Tee etwas Milch goss, ein kleines Stück braunen Zucker hineinfallen ließ und diese Airell hinstellte, der sich endlich auf einen der beiden Stühle gesetzt hatte. Dann sah er fragend zu Kheelan Daray.

„Wie trinken Sie ihren Tee, Mr. Daray?"

Airell ließ ein tonloses Lachen hören, während er einen kleinen Schluck des warmen Getränks nahm. Er bedachte Kheelan mit einem eiskalten, stechenden Blick.

„Ich bin mir nicht sicher, Direktor, ob Leute wie er überhaupt Tee trinken…", meinte er und seine Augen glitzerten bedrohlich.

Kheelan zog die Augenbrauen zusammen und presste die Lippen fest aufeinander. Sekundenlang geschah erst einmal nichts, doch dann entspannte sich sein Körper wieder etwas und er warf Airell ein leichtes, entwaffnendes Lächeln zu.

„Da muss ich Sie leider enttäuschen, Mr. Malfoy, denn Leute wie ich trinken sehr wohl Tee; wie Ihnen Severus vielleicht berichtet haben mag."

Ein abfälliges Schnauben seitens Airell war die einzige Antwort darauf, doch mehr schien Kheelan auch nicht erwartet zu haben. Mit wenigen Schritten war er vor dem Schreibtisch des Direktors angelangt, warf einen kurzen Blick auf Airell, der seine volle Aufmerksamkeit der Teetasse in seinen Händen zu widmen schien, und ließ sich mit einem „Milch und Zucker auch für mich. Ich danke Ihnen, Herr Direktor!" auf dem einzigen noch freien Stuhl nieder. Dumbledore schenkte ihm ein dankbares Lächeln, schob eine zweite Tasse quer über den Tisch und goss sich schließlich selbst etwas ein. Dann lehnte er sich leicht zurück, nahm erst einmal einen tiefen Schluck des süßlich – herb schmeckenden Tees und genoss die Wärme, die sofort durch seinen Körper zog. Ein runder Schokoladenkeks folgte dem ersten Schluck Tee. Der Direktor spürte, wie ihn der warme Tee und der süße Keks entspannten und schloss für einen kurzen Moment die Augen.

Im Winter war das ganze Schloss einfach entsetzlich kalt, ganz gleich, wie viele Feuer man auch entzündete. Die Wärme schien niemals stark genug zu sein, die Kälte aus den Jahrhunderte alten Gängen des Schlosses auch nur ansatzweise zu vertreiben. Ein Zustand, der ihm immer mehr zu schaffen machte, denn auch er selbst wurde nicht jünger und das Alter forderte nun einmal seinen Preis, auch von einem Albus Dumbledore. Aber es versprach, ein interessanter Tag zu werden, wenn er die beiden Männer vor sich betrachtete. Er öffnete die Augen wieder und lächelte leicht in die Runde.

„Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen, Direktor Dumbledore, dass ich einfach so in der Nacht hier eindrang, doch die Zeit rann uns davon," begann Kheelan schließlich das Gespräch und bemühte sich, Airell nicht weiter zu beachten. Er hegte gegen den blonden Aristokraten keinen persönlichen Groll, doch er verachtete das, wofür dieser stand und was er so selbstsicher ausstrahlte, dass ihm davon beinahe schlecht wurde. Und trotzdem hatte das teilweise sonderbare Verhalten des blonden Mannes in den letzten Stunden sein Interesse geweckt. Vielleicht war Airell Malfoy es wert, einen Blick hinter die kühle und arrogante Fassade zu werfen. Das würde sich noch zeigen.

Dumbledore nickte leicht zum Zeichen, dass Kheelan fortfahren sollte. Bisher hatte Airell nichts mehr gesagt und betrachtete stattdessen mit schmalen Lippen irgendeinen Punkt an der gegenüberliegenden Wand des Schulleiterbüros.

„Wie schon gesagt, mein Name ist Kheelan Daray und man hat mich darum gebeten, nach Hogwarts zu kommen, um Severus Snape zu helfen."

Ein leises Schnauben war von Airell zu hören, doch er sagte nichts weiter dazu. Kheelan warf ihm einen flüchtigen Blick zu, doch in seinen braunen Augen war keine einzige Emotion zu erkennen. Er trank einen kleinen Schluck Tee und schaute wieder in die blauen Augen des Direktors.

„Wer hat Sie darum gebeten, Mr. Daray?", fragte Dumbledore mit leiser Stimme, als kenne er die Antwort bereits, doch wollte er die Worte aus dem Mund des dunkelhaarigen Mannes selbst hören. Für einen Augenblick war es totenstill im Büro, nichts regte sich und selbst die große Standuhr schien sich dazu entschlossen haben, in ihrem Gang inne zu halten und zu schweigen.

„Christian, ich meine Professor Keriann, bat mich darum", antwortete Kheelan auf die Frage des Direktors mit leiser Stimme und lautes Klirren von Porzellan ließ beide Männer erschrocken zusammen fahren.

Keiner von ihnen hätte sagen können, ob Airell Malfoy die dünne Porzellantasse aus den Händen geglitten war oder ob er sie mit Absicht auf den Boden hatte fallen lassen. Seine dünnen, weißen Finger zitterten leicht und er hatte die Augen geschlossen. Er atmete einmal tief ein und aus, dann erhob er sich mit einem leisen „Bitte entschuldigen Sie mich!" und ging ohne weitere Erklärungen zum Fenster, vor dem Kheelan noch vor wenigen Augenblicken gestanden hatte. Dort ließ er sich mit einer elegant-fließenden Bewegung auf dem breiten Fensterbrett nieder und legte die Stirn gegen das kühle Glas. Es war offensichtlich, dass er einen Moment für sich brauchte und die beiden Männer aus seinem Sichtfeld verbannt hatte.

Kheelan warf einen fragenden Blick zum Direktor, doch dieser schüttelte nur leicht den Kopf und nahm einen weiteren Schluck aus seiner Teetasse. Der dunkelhaarige Mann verstand und sagte nichts weiter.
Dumbledore wusste, dass die Situation schwierig für Airell war, denn er war es nicht gewohnt, mit Gefühlen so direkt konfrontiert zu werden – am allerwenigsten mit seinen eigenen. Und Christian Keriann weckte Gefühle in Airell, mit denen er nur schwer umgehen konnte.

In den dunklen Augen Kheelan Darays flackerte etwas für einen kurzen Moment kaum wahrnehmbar auf, während er Airell schweigend beobachtete. Seine Hände glitten dabei, beinahe ein wenig zweifelnd, über den dünnen Rand der kostbaren Tasse und erneut öffnete sich sein Mund, als wolle er etwas sagen, doch kein Ton kam über seine Lippen.

Keiner von ihnen sprach auch nur ein Wort. Es war, als hätten sie alle diesen Augenblick des Schweigens nötiger als jedes Gespräch und erst, als Airell sich mit einem leisen Seufzen noch mehr gegen das kühle Fenster fallen ließ und seinen zuvor stets geraden Rücken krümmte und die Beine an den Körper zog, dass sie alle aus ihren Gedanken zurück in das Hier und Jetzt fanden. Kheelan wirkte beinahe unsicher, als er zwischen seinem Tee, Airell und dem Direktor hin und her blickte.

„Was habe ich falsch gemacht, Albus?", fragte Airell mit brüchiger Stimme und schloss gequält die Augen. Die Kälte tat seinem schmerzenden Kopf gut und gab ihm irgendwie ein Gefühl von Vertrautheit. Kälte war etwas, damit kannte er sich aus. Mit ihr kam er klar und sie war ein gewohnter Teil seines Lebens. Im Gegensatz zu den Gefühlen, die drohten, ihn einfach unter sich zu begraben. Gefühle, Emotionen; das waren Dinge, mit denen konnte er noch nie gut umgehen und in diesem Moment befand sich sein Geist in einem inneren Konflikt, dessen Ausmaß er sich nur ansatzweise vorstellen konnte. Er hatte Christian Keriann nie gekannt, ihn niemals getroffen, doch dieser Name löste etwas in ihm aus, was er nicht in Worte fassen konnte.

War es Verzweiflung? Trauer? Wut?

Wahrscheinlich alles davon und noch so vieles mehr. Airell wusste nicht, wieso dieser Mann auf ihn eine solche Auswirkung hatte, doch tief in seinem Inneren gab es einen Teil, der Christian Keriann aus tiefstem Herzen hasste. Auch, wenn er diesen Hass selbst nicht wollte, ihn in die dunkelsten Abgründe seines Daseins verbannte, so war er dennoch immer präsent und brach, sobald er auch nur den Namen dieses Mannes hörte, mit brennender Kraft an die Oberfläche. In all den Jahren hatte ihn der Schatten Christian Kerianns verfolgt. Bis in seine Träume hinein war er ihm gefolgt und hatte ihn stets daran erinnert, dass er versagt hatte. Severus vertraute ihm nicht, ganz gleich, was in den letzten Jahren zwischen ihnen geschehen war. Er spürte den unsicheren Blick des Jungen, wenn sie in einem Raum waren, hörte das unsichere Kratzen seiner Stimme, wenn sie miteinander sprachen und wusste, dass er den Platz des verstorbenen Professors niemals würde einnehmen können.

Aber das hatte er auch niemals gewollt.

Ihm war von Anfang an klar gewesen, dass er niemals das für Severus Snape sein konnte, was Christian Keriann für ihn gewesen war, und dennoch hatte er sich einem so menschlichen Gefühl wie Hoffnung hingegeben. All die Jahre lang hatte er gehofft. Gehofft, dass er es eines Tages sein würde, der Severus in den Arm nahm, wenn er traurig war. Gehofft, dass er es sein würde, der dem Jungen den Halt gab, den dieser im Leben brauchte und der ihm aufhalf, wenn er gestürzt war. Aber diese Hoffnung war immer mehr geschwunden und in dieser Nacht nun, mit dem Auftauchen von Kheelan Daray, war sie beinahe gänzlich erloschen. Er fühlte sich Severus auf einmal so fern wie noch nie zuvor.

Was brachte es ihm, wenn er sich einem solchen Fehler wie Hoffnung hingab? Hatte er nicht schon früh gelernt, dass es besser war, keine Gefühle und dergleichen zuzulassen? Das es sicherer war, niemals so verletzlich zu werden und sich auf so dünnes Eis zu begeben, wie es die Hoffnung darstellte?

Was hatte ihn dazu gebracht, den Schwur, den er sich einst selbst gegeben hatte, zu brechen?

„Ein einsamer, gebrochener Junge…", war die Antwort in seinem Kopf und Airell spürte ein verräterisches Brennen in den Augen. Nein, diese Blöße würde er sich nicht auch noch geben! Es geziemte sich nicht für einen Malfoy, vor anderen zu weinen, denn ein Malfoy weinte niemals! Ein Malfoy war stark, stolz und unnahbar. Er empfand keine Gefühle, kein Mitleid und erst recht keine Trauer!

„Wem willst Du hier etwas vormachen, Airell?", verhöhnte ihn die leise Stimme in seinem Kopf und Airell wusste, dass sie Recht hatte. Er fühlte. Er fühlte so stark und so intensiv, dass er mit diesen Gefühlen nicht umgehen konnte. Sie zogen ihn mit sich wie eine reißende Welle und begruben ihn unter sich. Erdrückten ihn. Nahmen ihm die Luft zum Atmen. Er wollte nicht fühlen. Er wollte keine Schwäche zeigen. Und trotzdem drohte er sich in ihnen zu verlieren mit rasender Geschwindigkeit. Er schien es nicht aufhalten zu können.

Das Brennen in seinen Augen wurde immer stärker und Airell spürte, wie sein Rücken sich noch mehr bog. Die Knie hatte er so weit angezogen, dass es beinahe schmerzte und die Kälte auf seiner Stirn war mittlerweile zu einem unangenehmen Schmerz geworden, doch genau wie die Kälte selbst war Schmerz etwas, mit dem er umgehen konnte – etwas, was er kannte. Schon früh hatte man ihn gelehrt, mit Schmerzen umgehen zu können, sie als nichtig anzusehen und den Schmerz nicht an sich heran zu lassen. Schmerzen waren etwas, was nur schwache Menschen empfanden und ein Malfoy war NIEMALS SCHWACH!

Wütend über sich selbst, aber auch unendlich verzweifelt, schlug Airell mit der bloßen Faust gegen die Scheibe und hörte ein verräterisches Knacken. Er spürte, wie eine salzig schmeckende Träne den Weg aus seinen sturmgrauen Augen über sein sonst so makelloses, nun jedoch zu einer verzerrten Maske entstelltes Gesicht fand, während ein stechender Schmerz durch seine Hand, seinen Arm, bis hinauf zu seiner Schulter zog. Er hatte nicht mehr geweint seitdem er ein kleiner Junge gewesen war. Keine Bestrafung des Dunklen Lords hatte je erreicht, was dieser Name bei ihm erreicht hatte.

„Niemals…schwach…", krächzte er mit rauer Stimme und kratzte mit den Nägeln über die dicke, eiskalte Scheibe. Noch mehr Schmerzen, doch auch diese beachtete er nicht. Die Augen hatte er noch immer geschlossen, vereinzelt lief eine weitere Träne ungehindert seine bleichen Wangen hinab und seine langen, weißblonden Haarsträhnen fielen ihm ins Gesicht, boten ihm wenigstens einen geringen Schutz gegenüber dem Direktor und Kheelan, die in diesem Moment beide Zeuge davon wurden, wie Airell Malfoy die Kontrolle über sich selbst und seine Gefühle verlor.

Wie von Sinnen fuhr er mit den Nägeln immer wieder über das an einigen Stellen im Laufe der Jahrhunderte gesprungene Glas, spürte seine Haut aufreißen und versuchte, sich vollkommen auf den brennenden Schmerz zu konzentrieren. Erst, als eine kühle Hand sich über die seine legte und sie festhielt, blickte Airell auf. Die dunkelbraunen Augen, mit denen er sich konfrontiert sah, blitzten gefährlich und innerlich machte Airell sich bereits auf den Schlag gefasst, den er sicherlich verdient hatte…

…der jedoch nicht kam.

„Was quält dich nur so, Deorai?", fragte Kheelan mit leiser, beinahe sanfter Stimme und hielt die Hand des blonden Mannes noch immer fest, damit dieser sich nicht weiter selbst Schmerzen zufügen konnte. Airell senkte den Blick, eine Geste, die er normalerweise unter allen Umständen vermieden hätte, doch in diesem Moment war er nicht mehr der stolze, gefühlskalte Airell Malfoy, sondern ein gebrochener Mann, der die Last auf seinen Schultern nicht mehr hatte tragen können. Die letzten Jahre hatten ihm viel abverlangt und gerade in diesem Moment war es zu viel geworden. Airell schluckte trocken und schloss die brennenden Augen. Wenn er die Welt nicht sah, dann sah die Welt auch ihn vielleicht nicht mehr. Scham und Wut über seine eigene Schwäche brannten in seinem Inneren. Wie hatte er sich nur so gehen lassen können? Vor Albus Dumbledore? Vor einem Fremden? Er war also doch nur ein schwacher Mensch, zu schwach, um das Haus Malfoy anzuführen und die reinblütigen Zaubererfamilien zu repräsentieren. Vielleicht hatte sein Großvater damals Recht gehabt…

Kheelan setzte sich wortlos neben Airell, hielt dessen Hände in den seinen und zog den dünnen, zitternden Körper an sich. Airell roch frische Luft und Erde, ein seltsamer Geruch. Und doch beruhigte er ihn. Erinnerte ihn an lange Spaziergänge im Wald, morgens im Nebel auf seinen Ländereien. Airells Körper entspannte sich langsam und er ließ Kheelans Berührungen geschehen.

Albus Dumbledore betrachtete die beiden Männer nachdenklich, während er sich mit der rechten Hand durch den langen, weißen Bart strich. Er wusste im Grunde nichts von Kheelan Daray, doch etwas in ihm war der Überzeugung, dass man diesem Mann vertrauen konnte. Natürlich war er weiterhin auf der Hut, aber sein Umgang mit Airell zeigte dem Direktor einen wichtigen Charakterzug des fremden Mannes. Er mochte schon viele Fehler in seinem Leben begangen haben, sehr viele, doch in den meisten Fällen hatte er sich auf seine innere Stimme noch immer verlassen können und diese sagte ihm nun, dass Kheelan Daray ein wichtiger Verbündeter in den nächsten Wochen und Monaten sein könnte. Und irgendetwas zwischen ihm und Airell Malfoy schien hier vor seinen Augen zu geschehen, was auch immer das sein mochte. Die beiden Männer waren einander fremd und doch…niemals hätte Albus vermutet, dass Airell einem Fremden gestatten würde ihn zu berühren. Airell war sehr eigen was Körperkontakt betraf. Und er duldete jetzt die tröstende und schützende Berührung Kheelan Darays. Interessant.

„Ich…habe versagt", flüsterte Airell und versuchte nun, seine Hände dem ungewohnten Kontakt zu entziehen, doch Kheelan hielt sie weiterhin fest – ohne dabei jedoch grob zu sein und die ohnehin schon geschundene Haut noch mehr zu verletzten. Seine Finger lagen kühl und sanft um die schmale, feingliedrige Hand des blonden Magiers und immer weiter erstarb der Widerstand Airells, bis er seinen Blick schließlich wortlos abwandte, und die Umarmung zuließ.

Kheelan legte seinen Kopf auf die weißblonden Haare Airells und hielt ihn wortlos fest. Sein dunkler, schmutziger Umhang umgab sie beide wie eine schwarze Welle und vermischte sich mit dem teuren Stoff von Airells Gewand. Ein Kontrast, wie er stärker nicht hätte sein können. Und trotzdem funktionierte es. Irgendwie. Es war ein seltsames Bild, welches diese beiden doch so unterschiedlichen Männer in diesem Moment boten, doch es schien, als hätten sie in stillem Einverständnis für diese Nacht alle Feindschaft begraben. Als würden sie sich gegenseitig halten, trotz aller Vorurteile und Distanzen, einander verbunden durch die Sorgen um einen verlorenen Jungen und durch das Versprechen eines Mannes, der ihr aller Leben noch immer so sehr bestimmte, dass sie selbst es gar nicht richtig verstehen konnten.

„Nein, das habt Ihr nicht…Airell", antwortete Kheelan mit kaum wahrnehmbarer Stimme und tat es dem blonden Mann gleich, indem auch er seine Stirn gegen das eiskalte Fenster lehnte und den nächtlichen Tanz der Regentropfen beobachtete. Airells Atmung ging leise und gleichmäßig, die Augen hatte er noch immer geschlossen.

Mit einem leichten Lächeln ließ der Direktor sich auf seinem Stuhl nach hinten sinken, genoss die Wärme des süßlich schmeckenden Tees und hatte seit langer Zeit endlich noch einmal das Gefühl, dass etwas richtig verlief - das sie in irgendeiner Art und Weise vorwärts kamen. Natürlich waren sie nicht ansatzweise zu Antworten gekommen und so vieles galt es zu besprechen, aber dennoch hatte er das Gefühl, dass sich zwischen Airell Malfoy und Kheelan Daray etwas sehr, sehr Wichtiges entwickelte. Ein Funke war übergesprungen und ob er zu einem Feuer werden würde, ließe sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorher sehen. Aber der alte Direktor hatte das Gefühl, als wäre er in dieser Nacht Zeuge von etwas Bedeutendem geworden.


To be continued…