Kapitel 13
Ein sanfter, für den September sehr kühler Luftzug hatte den Weg in das warme Büro des Direktors gefunden. Langsam zog er an den uralten, im Laufe der Jahre fast gänzlich verblassten Buchrücken vorbei, spielte mit den schweren, dunkelroten Vorhängen und traf schließlich auf weißblondes Haar, das in der blassen Morgensonne wie flüssiges Gold schimmerte. Das lange Haar des schlafenden Zauberers war fein wie Seide und reichte ihm bis weit unter die Schultern. War es zuvor noch in einem Zopf gebändigt worden, so hatte sich dieser in der vergangenen Nacht gelöst und der kühle Windhauch ließ es leicht tanzen.
Kheelan Daray beobachtete diesen stillen Tanz aus seinen dunkelbraunen, wachsamen Augen und war tief in Gedanken versunken, während seine langen, schmalen Finger mit einem Stück dreckigen Stoffes seines schwarzen Umhanges spielten. Das Unwetter in dem er nach Hogwarts gekommen war hatte seine Kleidung sehr in Mitleidenschaft gezogen und es war ihm unangenehm, so unangemessen gekleidet hier zu sitzen. Er würde sich zeitnah darum kümmern müssen, wenn er länger in der Schule verweilen sollte. Im Moment sah es nicht so aus, als würde Kheelan sich übermäßig viel aus seinem Äußeren machen, doch das stimmte nicht. Er war gewiss nicht eitel, doch achtete er stets auf eine saubere und gepflegte Erscheinung. Und seine Kleidung war normaler Weise makellos, wenn er keinen Auftrag zu erledigen hatte oder sich im Kampf befand. Und beides war nun schon seit sehr langer Zeit nicht mehr der Fall gewesen... Kheelan seufzte leise und betrachtete wieder den weißblonden Mann vor sich.
Airell Malfoy schien nicht der Mann zu sein, für den er diesen nach ihrem ersten Aufeinandertreffen gehalten hatte – und das verwirrte ihn, ließ seinen Geist einfach nicht zur Ruhe kommen. Er hatte den Namen Malfoy bisher immer mit Dingen wie Arroganz, Stolz und Kälte verbunden, doch obwohl Airell auch diese Eigenschaften in sich vereinte, gab es in seinem Inneren noch so viel mehr, wie Kheelan in der vergangenen Nacht gesehen hatte. Man konnte bei Airell Malfoy nicht einfach von schwarz oder weiß reden, gut oder böse und noch viel weniger von dem typischen Bild eines Malfoy–Mannes.
Natürlich war das Geflüster, dass der blonde Aristokrat sich des Jungen Severus Snape angenommen hatte auch bis zu ihm durchgedrungen und er war mehr als einmal kurz davor gewesen, hier in diese Welt zu kommen und Severus mit sich zu nehmen, doch aus irgendeinem Grund hatte er es nicht getan. Irgendetwas hatte ihn davon abgehalten, in diese Welt zu kommen und mit eigenen Augen den Jungen zu sehen, von dem er bereits so viel gehört hatte. Christian Keriann hatte ihm vor mehr als zwei Jahren bei einem ihrer leider viel zu seltenen Treffen von seinem Schüler erzählt und Kheelan hatte etwas in dessen Stimme gehört, etwas in seinen Augen gesehen, was ihn stutzig gemacht hatte. Damals hatte er sich vorgenommen, die Beziehung zwischen Christian und Severus genauer unter die Lupe zu nehmen, aber dazu war es nicht mehr gekommen. Christian war fort und der junge Severus Snape blieb alleine zurück.
Natürlich hatten sie alle die schwindende Präsenz Christians gespürt und als er scheinbar gestorben war, hatten sie alle den stechenden Schmerz wahrgenommen, der sie immer durchfuhr wenn einer von ihnen endgültig starb. Aber ein dumpfes Pochen war zurück geblieben und das bedeutete nichts Gutes. Irgendetwas stimmte nicht und Kheelan hatte sich auf die Suche nach seinem Freund gemacht. Er hatte ihn jedoch nicht finden können, weder lebendig, noch tot. Ein Umstand, den er bis heute nicht verstand. Er hätte ihn finden müssen, waren sie alle doch im Geiste miteinander verbunden. Aber Christian war auf einmal verschwunden. Seine Präsenz war verschwunden, seine Lebensenergie verblasst. Und trotzdem war da dieses Pochen, von dem Kheelan bis heute nicht herausgefunden hatte, was es bedeutete. Eigentlich eine Schmach, wenn man bedachte wer sie einst gewesen waren. Vor so vielen Jahrzehnten, dass er die Zeitspanne schon gar nicht mehr genau benennen konnte. Es war so lange her, dass sie gebraucht wurden, dass sie eine Aufgabe hatten. Dass sie einem König gefolgt waren…
Auch den Anderen war das dumpfe Pochen in ihrem Inneren seltsam vorgekommen. So etwas hatte es noch nie gegeben. Aber es blieb dabei, sie konnten ihren Freund nicht mehr spüren und seine Kraft schien erloschen. Sie alle hatten einen Schrei der Klage ausgestoßen und um einen Freund getrauert, der sich vor Jahren dazu entschlossen hatte ein Leben in der Welt der Hexen und Magier zu führen.
Christian war einer ihrer Ältesten gewesen und mit ihm schien die Hoffnung gestorben zu sein, dass sie irgendwann wieder eine Aufgabe haben würden. Es waren nur noch so wenige übrig und die Herrscherlinie schien verloren. Es gab schon so lange keinen König mehr, dem sie die Treue schwören konnten, dass sie mittlerweile in alle Herren Länder verstreut waren und in verschiedensten Welten ihr Glück suchten.
Kheelan spürte, wie seine Augen brannten und kniff sie leicht zusammen, in der Hoffnung, das blasse Licht des Septembermorgens so etwas abhalten zu können. Er vertrug das Licht nicht sonderlich gut und nach dieser anstrengenden Nacht stach es besonders stark in seinen überempfindlichen Augen. Wie hatte Christian das nur all die Jahre aushalten können? Wieso hatte er sich überhaupt entschlossen, in diese Welt zu kommen und ein Leben als Lehrer an dieser Schule zu führen?
Mitten in seinen Überlegungen wurde er unterbrochen, denn Airell wälzte sich unruhig hin und her, murmelte etwas, was Kheelan als „Severus" interpretierte und drehte sich schließlich so zur Seite, dass er das fein geschnittene Profil des weißblonden Mannes vor Augen hatte. Kheelan bemerkte ein leichtes Zittern des dünnen Körpers und runzelte die Stirn. Natürlich war es nicht gesund, die halbe Nacht auf diesem Fensterbrett zu verbringen, doch ihm selbst machte die Kälte nicht so stark zu schaffen und deshalb hatte er sie bisher noch nicht einmal wirklich wahrgenommen. Außerdem trug Airell selbst ein ziemlich warm aussehendes Gewand, aber scheinbar reichte es nicht aus, um seinen schmalen Körper gegen die kühle Morgenluft zu schützen.
Es vergingen noch einige Augenblicke, in denen Kheelan das Zittern des Mannes vor sich beobachtete, bevor er schließlich mit einem leisen Seufzen aufstand, sich den schweren, dunklen Umhang von den Schultern nahm und ihn über dem Körper Airells ausbreitete. Er bemerkte, wie das Zittern langsam nachließ, jedoch nicht gänzlich verschwand. Eine der langen Haarsträhnen tanzte in einem leichten Luftzug, was Kheelan zeigte, dass es an dem Fenster eine oder sogar mehrere undichte Stellen geben musste, durch die die kühle Luft in den Raum gelangen konnte. Er würde Airell wohl oder übel wecken müssen, wenn er es nicht verantworten wollte, dass dieser sich verkühlte. Darüber hinaus würde sein Rücken sicherlich schmerzen, da er die letzten Stunden in einer äußerst ungesunden und unbequemen Position verharrt hatte.
Wieder seufzte Kheelan leise und warf einen schnellen Blick auf den leeren Stuhl des Direktors. Dieser hatte vor einigen Stunden höflich darum gebeten, sich zurück ziehen zu dürfen und ihm und Airell ein Quartier in Hogwarts angeboten, doch aus irgendeinem Grund war es ihnen nicht gelungen, den blonden Magier zu wecken und so hatte Kheelan sich bereit erklärt, mit ihm im Büro des Direktors zu bleiben. Er schüttelte über sich selbst den Kopf, denn er konnte beim besten Willen nicht verstehen, warum er das getan hatte. Doch irgendwie hatte Airell Malfoy es geschafft, ihn davon zu überzeugen, dass sich mehr hinter diesem makellosen Gesicht verbarg, als er zuerst angenommen hatte.
Jetzt saß er also hier, beobachtete Airell beim Schlafen und fand selbst doch keine Ruhe. Seine Gedanken kreisten unaufhörlich, Bilder zogen immer schneller vor seinem inneren Auge vorbei und Kheelan hatte so viele Fragen, die ihn wach hielten und auf die er selbst keine Antwort wusste.
Aber auch er selbst war sehr viele Antworten schuldig und sie würden schon sehr bald eine ernsthafte Unterhaltung führen müssen, denn immer mehr lief ihnen allen die Zeit davon und er hatte das Gefühl, als würde schon sehr bald etwas sehr Entscheidendes passieren. Er war dem Geheimnis von Severus Snape noch nicht auf die Spur gekommen, doch als er in der Nacht kurz mit seinem Geist verbunden gewesen war, war etwas passiert, was Kheelan sich nicht erklären konnte. In dem Moment, als er Severus berührt hatte, war ein Energiestoß durch ihn hindurch geschossen, der ihn leicht zusammen zucken ließ. Aber die Heilerin, Madame Pomfrey, schien davon glücklicher Weise nichts bemerkt zu haben. Kheelan war erschrocken und verwundert zugleich gewesen. War das der Grund, warum Christian sich Severus' angenommen hatte? Hatte er auch gespürt, was Kheelan gespürt hatte? Natürlich hatte er das. Aber konnte es sein, nach all den Jahrzehnten? Und wieso hier, in dieser Welt? Wieso dieser Junge?
„Worüber denkt Ihr nach?", fragte Airell ihn mit leiser Stimme und Kheelan zuckte leicht zusammen. Er hatte nicht bemerkt, wie der Zauberer wach geworden war und das versetze ihn in höchste Alarmbereitschaft. War er etwa so sehr in Gedanken versunken gewesen, dass er die verräterischen Zeichen des baldigen Erwachens nicht wahrgenommen hatte? War er etwa so eingerostet, dass er alles um sich herum nur noch verzögert wahrnahm? Ein erschreckender Gedanke.
Leicht beschämt starrte Kheelan zu Airell hinüber und wusste nicht so Recht, was er sagen sollte.
„Ich…", begann Kheelan unsicher und runzelte über sich selbst die Stirn. Er sammelte sich und
atmete einmal tief durch. Keine Schwäche zeigen! Er versuchte, seinen Blick halbwegs fest und abweisend wirken zu lassen, doch ob es ihm gelang, konnte er beim besten Willen nicht sagen. Dem leichten Stirnrunzeln Airells nach zu urteilen scheinbar schon, doch seine leisen und ehrlichen Worte standen in starkem Kontrast zu seinem Gesichtsausdruck.
„Ich wollte Euch gerade wecken, denn es ist doch ein wenig…kühl hier am Fenster."
Kheelan fühlte sich von sturmgrauen Augen geradezu durchbohrt und konzentrierte sich darauf, den Blick nicht abzuwenden und nicht zu blinzeln. Er verhielt sich in Airells Gegenwart geradezu unprofessionell und ärgerte sich innerlich über sich selbst. So kannte er sich nicht. Was war los mit ihm? Airell beobachtete ihn genau und runzelte wieder die Stirn, bis er an sich selbst hinab blickte und eine weißblonde Augenbraue hob.
„Euer Umhang", meinte Airell tonlos und starrte Kheelan wieder mit seinen durchdringenden Augen an, als könnte er den Zusammenhang zwischen Kheelans Umhang und ihm selbst noch nicht gänzlich verstehen.
Kheelan deutete ein Nicken an und fixierte einen Punkt irgendwo neben Airell. Er fühlte sich in diesem Moment ganz und gar nicht wohl und wusste nicht, wie er auf diese einfache Feststellung hätte reagieren sollen. Natürlich war das sein Umhang, aber warum er Airell diesen gegeben hatte, wusste er doch selbst nicht so genau – was also hätte er weiter sagen können?
„Danke", flüsterte Airell leise und versuchte sich an einem leichten Lächeln. Kheelan blinzelte einmal kurz, erwiderte dann das Lächeln leicht zögerlich und nickte noch einmal. Noch ehe er wusste, was er da überhaupt sagte, war schon ein „Gerne." über seine Lippen gekommen und innerlich verdrehte Kheelan die Augen. Wie hatte Airell es nur geschafft, dass er seine Distanz so verloren hatte? Ein Zustand, den Kheelan unbedingt würde ändern müssen, denn er hatte auf keinen Fall vor, mehr mit dem blonden Aristokraten zu tun zu haben als unbedingt notwendig. So war jedenfalls sein Plan.
Innerlich über sich selbst die Augen rollend konzentrierte er sich darauf, Airell zu beobachten, wie dieser langsam wach zu werden schien, sich die Schläfen massierte und Kheelan damit dazu brachte, erneut die Stirn zu runzeln. Schon wieder sprach er, ohne vorher nachgedacht zu haben:
„Kopfschmerzen?", fragte er und biss sich im gleichen Moment selbst auf die Zunge. Was interessierte es ihn, ob Airell Malfoy Kopfschmerzen hatte? Es konnte ihm doch egal sein, in welchem gesundheitlichen Zustand sich der arrogante Zauberer befand, einzig und allein um Severus Snape hatte er sich zu kümmern…!
Airell warf ihm einen fragenden Blick zu. Scheinbar hatte er selbst es gar nicht bewusst wahrgenommen, dass er sich durch dieses Zeichen verraten hatte und für einen kurzen Moment flackerte etwas in den sturmgrauen Augen auf, was Kheelan nicht zu deuten vermochte. Innerlich machte er sich jedoch eine Notiz zu dieser Geste, denn irgendetwas sagte ihm, dass dies ein wichtiges Puzzleteil war, welches sie früher oder später brauchen würden. Woher er dieses Wissen nahm, wusste Kheelan in diesem Moment selbst nicht.
Airell nickte leicht, während er die Augen kurz schloss und den Rücken streckte.
„Ja, ein wenig."
Er erhob sich seltsam elegant, wenn man bedachte, dass er die letzten Stunden in einer doch sehr unbequemen Position verbracht hatte und Kheelan verdrehte mit einem leichten Lächeln nun wirklich die Augen, was ihm ein leises Schnauben von Airell einbrachte. Beide sagten sie jedoch kein weiteres Wort. Airell und Kheelan standen sich gegenüber, jeder blickte wortlos am Anderen vorbei und schließlich war es ein leises Räuspern hinter ihnen, was sie zusammenfahren ließ. Airell hob erneut eine Augenbraue und beeilte sich, den dunklen Umhang Kheelans achtlos auf das Fensterbrett fallen zu lassen, den er seltsamer Weise noch in den Händen gehalten hatte.
„Professor Dumbledore", begrüßte er den Direktor mit einem angedeuteten Nicken, der mit einem leichten Lächeln auf den Lippen im Türrahmen stand und die beiden Männern durchdringend über seine halbmondförmigen Brillengläser musterte.
„Es tut mir Leid, meine Herren, wenn ich Sie warten ließ. Es scheint, als wäre auch ich nicht mehr der Jüngste und meine Knochen hätten es mir nicht gedankt, wenn ich die Nacht auf meinem Schreibtischstuhl verbracht hätte."
Airell und Kheelan nickten beinahe synchron, doch beide schwiegen sie. Scheinbar hatte der Direktor auch mit keiner Antwort gerechnet, denn er warf Kheelan einen kurzen Blick zu und nickte schließlich leicht.
„Ich hatte Ihnen beiden ein Quartier angeboten, doch leider sahen wir uns außer Stande, sie aus Ihrem Schlaf zu wecken, Mr. Malfoy", sagte Dumbledore an Airell gewandt und dieser runzelte leicht die Stirn.
„Mich zu wecken?", fragte er und noch im gleichen Augenblick weiteten sich seine Augen ein wenig. „Ich war so tief eingeschlafen?"
Seltsamerweise war es Kheelan, der auf diese Frage hin nickte und sich bemühte, einen neutralen Gesichtsausdruck zu bewahren. Zu deutlich sah er den Direktor noch vor sich, wie er den blonden Magier an den Schultern geschüttelt hatte in der Hoffnung, ihn so zu wecken – doch vergebens. Auch Kheelan war es nicht gelungen, Airell aus dem Land des Schlafes zurück zu holen und so war es schließlich gekommen, dass sie beide die Nacht auf dem Fensterbrett verbracht hatten.
Airell räusperte sich und blickte tatsächlich etwas verlegen drein. „Ich entschuldige mich für die entstandenen Unannehmlichkeiten!", sagte er und bedachte sowohl Kheelan, als auch Dumbledore mit einem ernsten Blick. Der Direktor lächelte und schüttelte den Kopf. „Alles in Ordnung, Mr. Malfoy. Ich hoffe, Sie haben nicht allzu schlimme Rückenschmerzen?"
Auf diese Frage antwortete Airell mit einem leichten Kopfschütteln und machte einige Schritte in den Raum hinein. Seine Bewegungen wirkten nicht ganz so fließend wie sonst, doch er bemühte sich redlich, sich nichts anmerken zu lassen. Kheelen verdrehte die Augen über das unsinnige Verhalten des blonden Zauberers, doch sagte er nichts weiter dazu. Der Direktor lächelte nur leicht.
„Nichts, was ich nicht selbst zu verantworten hätte. Wie geht es Severus? Ich hoffe, es hat keine weiteren Zwischenfälle gegeben, von denen man mich nicht unterrichtet hat!?", fragte Airell mit fester, gewohnt kalter Stimme, während er durch das Büro schritt und sich umsah, scheinbar auf der Suche nach irgendetwas, dem er seine Aufmerksamkeit schenken konnte, solange es weder Kheelan, noch Dumbledore waren.
Der Direktor schüttelte den Kopf. „Ich bin gerade eben noch in der Krankenstation gewesen und Madame Pomfrey versicherte mir, dass Severus die ganze Nacht durchgeschlafen habe."
Airell nickte zufrieden und entschloss sich dazu, vor einem der unzähligen Bücherregale stehen zu bleiben und aufmerksam die Titel der darin enthaltenen Bücher zu studieren. Kheelan runzelte aufgrund dieses Verhaltens leicht die Stirn, doch er schwieg noch immer. Smalltalk war noch nie seine Stärke gewesen. Er nahm seinen Umhang vom Fensterbrett, legte ihn sich um und setzte sich dorthin, wo zuvor Airell halb gelegen, halb gesessen hatte.
„Wie werden wir nun weiter verfahren?", fragte er den Direktor, der gerade dabei gewesen war, drei weitere Tassen mit Tee zu füllen, den er zuvor mit einer beiläufigen Handbewegung hatte erscheinen lassen. Der Direktor setzte sich hinter seinen Schreibtisch und bat Kheelan mit einer knappen Handbewegung, sich auf einen der freien Stühle zu setzen. Kheelan erhob sich und setzte sich auf den gleichen Stuhl, auf dem er in der vergangenen Nacht gesessen hatte. Airell drehte ihnen noch immer den Rücken zu und schien die Buchrücken zu studieren. Kheelan glaubte jedoch, dass er nur unangenehmen Fragen aus dem Weg ging, doch das war nicht sein Problem.
Der Direktor räusperte sich leise und warf Airell einen kurzen Blick zu. Dann schob er zwei Teetassen an den Rand seines Schreibtisches und legte die Fingerspitzen nachdenklich aneinander.
„Nun", begann Dumbledore, während Airell sich wortlos auf den Stuhl neben Kheelan setzte. Sein Rücken wirkte seltsam steif dabei. „Ich denke, wir sollten Severus die nötige Ruhe nicht verwehren und ihn erst einmal schlafen lassen. Gehe ich richtig in der Annahme, dass sein Körper sich auf dem Wege der Besserung befindet?", fragte er Kheelan und nahm einen kleinen Schluck Tee.
Der Angesprochene tat es dem Direktor gleich, nahm die schon bekannte Tasse in seine kühlen Hände und genoss die leichte Wärme, die von ihr ausging. Langsam nickte er, während seine Augen irgendeinen Punkt auf dem großen, dunklen Schreibtisch fixiert hatten.
„Ich halte es für das Beste, wenn ich noch einmal nach ihm sehe. Ich denke aber, dass sein Zustand jetzt stabil sein sollte, wenn in der vergangenen Nacht keine Komplikationen mehr aufgetreten sind."
Dumbledore nickte erleichtert und schüttelte dann den Kopf. „Nein. Madame Pomfrey versicherte mir, bis auf das leichte Zittern hätte Severus die gesamte Nacht durchgeschlafen."
„Dann hat sein Geist den Weg zurück geschafft", antwortete Kheelan ungewollt leise und warf einen kurzen Seitenblick auf Airell. Kheelan runzelte die Stirn und schaute den Direktor fragend an. Auch Professor Dumbledore runzelte die Stirn und stellte seine Teetasse klirrend auf dem Schreibtisch ab.
„Airell?", fragte Dumbledore besorgt und wollte sich bereits von seinem Platz erheben. Etwas stimmte nicht mit Airell…
Kheelan kam dem Direktor zuvor und beugte sich zu Airell Malfoy hinüber.
„Mr. Malfoy?", fragte Kheelan und streckte die Hand nach Airell aus. Dieser saß vollkommen regungslos auf seinem Stuhl und blickte ins Leere. Sein Körper begann erneut zu zittern und Kheelan begann sich zu sorgen.
„Direktor?", wandte Kheelan sich mit leicht zitternder Stimme an Dumbledore, welcher auch sogleich aufstand und zu den beiden Männern eilte.
„Mr. Daray, was ist los mit ihm?", fragte er und warf Kheelan einen durchdringenden Blick zu.
„Ich weiß es nicht genau, aber Airell…etwas stimmt nicht mit ihm!"
Der Direktor runzelte alarmiert die Stirn, stellte sich genau vor Airell und packte diesen fest an den Schultern.
„Airell? Verdammt, Airell, was ist los?", fragte er und schüttelte den blonden Mann vor sich ziemlich unsanft, doch außer diesem Blick aus leeren Augen erhielten sie keinerlei Antwort von Airell Malfoy. Das Zittern wurde immer stärker, die bleiche Haut des Zauberers war eiskalt und Schweißperlen erschienen auf seiner Stirn. Auf einmal zog er wie unter Schmerzen die Luft scharf zwischen den Zähnen ein und krümmte sich auf seinem Stuhl.
Kheelan zuckte merklich zusammen, als eine düstere, bösartige Präsenz seinen Geist streifte und ein Gefühl in ihm hinterließ, als hätte man seinen gesamten Körper in pures Eiswasser geworfen. Er hörte unmenschliches, hohes Lachen und eine kreischende Stimme, die immer wieder „Airell" zu zischen schien. Das Lachen wurde immer lauter und Kheelan war kurz davor, sich reflexartig die Hände auf die Ohren zu pressen, als Airell Malfoy an ihnen vorbei stürmte und noch ehe sie reagieren konnten, aus dem Büro gestürmt war.
Ohne großartig darüber nachzudenken was er da tat, hatte Kheelan sich ebenfalls umgedreht und lief dem blonden Magier hinterher. Aus den Augenwinkeln konnte er erkennen, wie auch der Direktor ihnen folgte und alle drei liefen sie nacheinander laut polternd die steile Treppe hinab. Kheelan hätte Airell Malfoy eine solche Schnelligkeit gar nicht zugetraut, denn er hatte Mühe, den anderen im Blick zu halten. Ohne genau zu wissen, wohin sie eigentlich liefen, folgte er ihm durch die noch verlassenen Gänge der Schule.
„Halten Sie ihn auf!", hörte er den Direktor hinter sich rufen und Kheelan überlegte fieberhaft, wie er Airell zum Halten bringen konnte. Aus irgendeinem Grund war ihnen auf ihrem Weg bisher kein einziger Schüler begegnet, doch Kheelan schob dies auf die Tatsache zurück, dass es noch sehr früh am Morgen war. Die Sonne war erst vor kurzem aufgegangen und wahrscheinlich würde es noch einige Zeit dauern, bis die ersten Schüler aufwachten. Ein Zustand, der ihnen jetzt gelegen kam, denn ihre kleine Verfolgungsjagd hätte nur zu unnötigen Fragen geführt.
Kurz bevor Airell das Portal erreicht hatte, legte Kheelan noch einmal zu, warf sich nach vorne, rollte elegant über die rechte Schulter ab und bekam den weißblonden Mann zu packen, bevor er die Klinke hatte hinab drücken konnte oder aber auch nur seinen Zauberstab hatte ziehen können.
„Airell!", rief Kheelan und wälzte sich mit diesem auf den kalten Steinboden. Wie wild schlug Airell Malfoy um sich, die Augen weit aufgerissen und die Lippen fest aufeinander gepresst. Als dieser einfach nicht zur Besinnung kommen wollte und der Direktor, der ihnen in einigem Abstand gefolgt war, bereits seinen Zauberstab hob, um im Notfall einzugreifen, entschied Kheelan sich dazu, die ganze Sache auf ziemlich unmagische Weise zu lösen. Er holte aus, klatschte Airell mit voller Wucht seine flache Handfläche ins Gesicht und bewirkte damit, dass dieser aufhörte, wild um sich zu schlagen. Sturmgraue Augen blickten Kheelan verständnislos an und er selbst war darüber entsetzt, in ihnen nichts anderes als pure Angst, beinahe Panik, zu lesen. Als hätte Airell geglaubt, von jemandem verfolgt zu werden…
Woher kam dieses kalte Lachen? Was war das für eine düstere Präsenz gewesen, die Kheelan gespürt hatte? Und wovor hatte Airell Angst gehabt?
Schwer atmend lag Kheelan auf Airell, hatte dessen Hände über seinem Kopf auf den Boden gepresst und wartete angespannt darauf, was als nächstes geschehen würde. Doch scheinbar war der „Anfall" vorüber, denn mit einem leise gekrächzten „Severus, nein!" begannen die Augenlider Airells zu flattern und schlossen sich schließlich ganz. Die letzten Kräfte schienen aus Airells schmalem Körper zu entweichen und er lag absolut regungslos unter Kheelan. Dieser atmete erleichtert aus und als sich der Körper unter ihm nicht mehr rührte und die Brust sich regelmäßig hob und senkte, stand Kheelan schließlich langsam auf, warf dem Direktor einen durchdringenden Blick zu und schnaubte laut.
„Ich denke, wir sollten ihn ebenfalls auf die Krankenstation bringen!", meinte er und nahm den nun ruhigen Körper Airells ohne Probleme auf seine Arme. Kurz zuckte Kheelan zusammen, denn für einen erwachsenen Mann war Airell sehr, sehr leicht. Durch seine Kleidung war ihm zwar aufgefallen, dass Airell schmal war, aber das hier…?
Dumbledore nickte langsam, beinahe ein wenig unentschlossen.
„Ja, natürlich. Ich weiß auch nicht, was er…", brach er schließlich ab und runzelte die Stirn. Kheelan wartete gar nicht erst darauf, ob der Direktor noch weitersprechen würde. Er ging an diesem vorüber in die Richtung, in der er die Krankenstation der Schule wusste. In der vergangenen Nacht war er genau diesen Weg gegangen und hätte ihn nun, im blass-hellen Licht des Tages, mit geschlossenen Augen wiedergefunden. Dumbledore folgte ihm und Kheelan spürte den durchdringenden Blick in seinem Rücken.
Was war hier gerade geschehen?
To be continued...
