Kapitel 14
Airell Malfoy zitterte am ganzen Körper. Schweiß stand auf seiner Stirn, jeder einzelne Knochen schien zu brennen und seine Kehle war rau und wund von seinen eigenen Schreien. Er hielt den sonst so stolz erhobenen Kopf gesenkt, wagte es nicht, aufzublicken und spürte dennoch, dass sein Peiniger keinen Meter von ihm entfernt stand. Airell konnte die verdorbene, eiskalte Präsenz spüren, hörte den leise rasselnden Atem und glaubte, auch jetzt noch die knochigen, groben Händen in seinem Gesicht zu spüren. Wie sie ihn berührten, ihn verspotteten und demütigten. Ein eiskalter Schauer lief ihm den Rücken hinunter, jede Faser seines Seins schrie nach Erlösung, doch er blieb so elegant wie es ihm möglich war auf dem Boden knien, halb liegend, ein Zeichen von Schwäche. Aber er dürfte keine Schwäche zeigen, niemals!
Airell ließ alles über sich ergehen, verschloss seinen Geist verzweifelt mit allen ihm verbliebenen Kräften und konzentrierte sich darauf, den wie wild wütenden Schmerz in seinem ganzen Körper zu ignorieren. Wenn er jetzt nachgab, wäre alles verloren, wofür sie in den letzten Jahren so erbittert gekämpft hatten. Severus wäre verloren.
Schwarze Lederstiefel erschienen vor seinem verschwommenen Blick und Airell machte sich innerlich bereit für den nächsten Tritt, Schlag oder Fluch, der ihn treffen würde, doch nichts dergleichen geschah. Sein ganzer Körper war aufs äußerste angespannt, Schmerz wütete durch sein Innerstes und dennoch gestattete Airell es sich nicht, aufzublicken, denn dann hätte er in seinen Augen die Qualen, den Schmerz, offenbart, die er erlitt und das wäre sein eigenes, sicheres Todesurteil gewesen. Er war das Oberhaupt der Malfoy-Familie und so würde er sterben, falls nötig.
Einige Sekunden lang passierte gar nichts. Airell konzentrierte sich auf seine unregelmäßige Atmung, versuchte den Schmerz in den hintersten Winkel seines Geistes zu verbannen und wappnete sich gegen den nächsten Angriff. Der jedoch nicht kam.
„Airell, Airell, Airell", hörte er die leise, zischende Stimme Voldemorts und spürte einen harten, eiskalten Finger, der durch sein langes, weiß – blondes Haar strich. Es war strähnig von seinem eigenen Schweiß und Blut, vom Dreck des Bodens, auf dem er kniete. Airell kämpfte den Ekel hinunter, den er bei dieser Berührung empfand und zwang sich dazu, möglichst ruhig zu atmen.
„Du hast mich enttäuscht, Airell", fuhr Voldemort unbeirrt fort und ließ seinen Finger an Airells Schläfe inne halten. „Du hast zugelassen, dass dieser Fremde sich zwischen uns stellt und mir Severus Snape wegnimmt. Dabei war es deine Aufgabe dafür zu sorgen, dass der Junge zu einem getreuen Todesser wird! Was soll ich nur davon halten?"
Seine Aufgabe? Wovon sprach der Dunkle Lord? Airell hörte dessen Worte, verstand sie jedoch nicht. Doch das war in diesem Moment bedeutungslos, denn er hatte das Gefühl von innen heraus zu verbrennen.
Airell schrie kurz auf, als eine erneute Welle brennenden Schmerzes ihn dazu zwang, den Kopf nach hinten zu werfen und die Augen so fest zusammen zu pressen, dass er glaubte, jeden Moment das Bewusstsein zu verlieren. Je fester Voldemort seinen Finger auf seine Haut drückte, umso unerträglicher wurden die Schmerzen. Airell biss sich auf die Unterlippe und versuchte den Schmerz zu unterdrücken, aber die Wellen wurden immer heftiger, sein Widerstand immer schwächer. Airell konnte einen schmerzerfüllten Schrei nicht mehr unterdrücken und spürte, wie seine Stimmbänder wund wurden. Sein Hals brannte, sein Körper schien in Flammen zu stehen. Blut lief seine Kehle hinab, doch noch immer hörte er Schmerz nicht auf. Ein roter Nebel legte sich wie ein erstickender Schleier über seinen Geist, doch die erlösende Ohnmacht kam nicht - stattdessen immer mehr Schmerz…
…dann war es auf einmal vorbei. Die Flammen schienen erloschen.
Airell atmete schwer, die Luft brannte schrecklich in seinem Hals und mit einem leisen Wimmern ließ er sich zur Seite fallen. Der spitze Finger war von seiner Schläfe verschwunden und Voldemort war einige Schritte zurück getreten, um seinen Diener von oben herab abschätzend, angewidert, zu mustern. Seine Augen schienen zu brennen, so rot glühten sie und das weiße Gesicht war zu einer wütenden, aber auch enttäuschten Fratze verzogen.
„Airell", zischte er und schüttelte langsam den Kopf. „Ich hätte wirklich mehr von dir erwartet! Immerhin bist du der große Airell Malfoy, Oberhaupt der Malfoy – Familie und ganzer Stolz der Reinblüterkreise! Und was bist du in Wahrheit? Ein elender Verräter!"
Airell spukte Blut, versuchte, seinen Blick wieder etwas zu schärfen aber noch immer versagten seine Augen ihm den Dienst. Er konnte nicht mehr als undeutliche Schemen erkennen, wusste weder, wo er sich befand, noch, wie lange er bereits hier war. Oder wie er hierhergekommen war. Alles, worauf er sich konzentrieren konnte, war der klägliche Versuch, seinen Geist zu verschließen und seine Erinnerungen in den tiefsten Abgründen seiner Seele zu verstecken. Voldemort dürfte so vieles niemals erfahren; Christian Keriann, Kheelan Daray, Albus Dumbledore…er wusste zu viel und dieses Wissen dürfte Voldemort niemals in die Hände bekommen! Niemals, eher würde er sterben!
Airell wusste ohnehin nicht, ob er die nächsten Minuten überleben würde, doch noch war er nicht gebrochen. Er mochte am Boden liegen und wimmern wie ein Tier, aber seinen Willen hatte man noch nicht gebrochen. Seinen Stolz ja, aber nicht seinen Willen, Severus zu beschützen. Er hatte es geschworen, vor vielen Jahren, und an diesen Schwur würde er sich halten – und wenn er das Ende seines Lebens bedeutete.
Diesem Monster hier, diesem Teufel, war er nichts schuldig, denn der Schwur, von dem Voldemort glaubte, dass er Airell Malfoy an ihn band, war nichts weiter als das Wort eines fanatischen Vaters, der die Seele seines ältesten Sohnes verkauft hatte. Airell selbst hatte niemals Treue geschworen, niemals Gehorsam, und dennoch hatte man ihn mit dem Dunklen Mal gekennzeichnet und ihn zu einer Marionette gemacht, deren Fäden undurchtrennbar zu sein schienen. Aber der Schein trügte. Und Airell war sein eigener Herr, schon immer gewesen. Voldemort würde ihn nicht brechen. Niemals!
Airell blinzelte einige Male, spukte noch mehr Blut und presste seine Lippen so fest zusammen, dass sie einen schmalen Strich bildeten. Er schüttelte leicht den Kopf. Blutige Strähnen umrahmten sein Gesicht wie die Krone eines Dämonenkönigs.
„Ich…habe…Euch nicht…verraten", keuchte er leise, kaum wahrnehmbar, und spürte, wie sein ganzer Körper sich vor Schmerzen krümmte. Er keuchte und sämtliche Luft wurde unsanft aus seinen Lungen gepresst, als Voldemort ihm erneut mit seiner Stiefelspitze in die Seite trat. Airell glaubte, ein verräterisches Knacken zu hören und hoffte, dass die gebrochenen Rippen seine inneren Organe nicht durchbohren würden. Er musste überleben, er musste es einfach! Und trotz aller Folter wusste er, dass es einen Grund hatte, warum der Dunkle Lord ihn noch nicht getötet hatte. Er war sich nicht sicher. Er wusste nicht mit Gewissheit, ob Airell ein Verräter war und er wartete darauf, dass der weißblonde Magier sich selbst verriet. Doch diese Genugtuung würde Airell ihm nicht geben. Nicht, solange noch ein Fünkchen Verstand und Leben in ihm waren. Er würde Widerstand leisten, solange es ging. Und sich den Vorwurf des Verräters bei Gelegenheit einmal durch den Kopf gehen lassen. Denn bisher hatte er nichts und niemanden verraten. Doch warum eigentlich nicht? Was hielt ihn bei Voldemort?
Aber jetzt hieß es, erst einmal zu überleben. Seine Rolle zu spielen. Und nicht nachzugeben.
„Ich…bin…kein Verräter!", wiederholte er noch einmal und hustete noch mehr Blut. Nur langsam klärte sich sein Blick wieder etwas, nahm der Schmerz ein wenig ab und machte es ihm möglich, seinen verkrampften Körper ansatzweise zu entspannen. Airell war Schmerzen gewöhnt und wahrscheinlich zäher, als es von außen hin den Anschein hatte, doch auch seine Grenzen waren beinahe erreicht und kurz fragte er sich, wie lange er diese Prozedur wohl noch würde ertragen können.
„So, bist du nicht?", fragte Voldemort gefährlich zischend und kniete sich mit einer schlangengleichen Bewegung neben den in einer Blutlache liegenden Airell. Seine hässlich verzerrte Fratze zeigte Abscheu, aber auch so etwas wie Unsicherheit, wie Airell verwundert zur Kenntnis nahm. Einem normalen Todesser wäre dieses kurze Flackern in den roten Augen wahrscheinlich niemals aufgefallen, doch Airell hatte in den vergangenen Jahren gelernt, in den rot – glühenden Tiefen zu lesen und dieses „Talent" hatte ihm bereits mehr als einmal das Leben gerettet. Vielleicht würde er auch dieses Mal wieder mit dem Leben davon kommen, wenn ihn das, was auch immer ihm bisher beigestanden hatte, heute nicht verließ.
Wieder spürte Airell die grobe Hand an seiner Wange und zwang sich dazu, das Gesicht nicht abzuwenden. Er unterdrückte die erneut hochkommende Übelkeit und presste die Lippen stattdessen so fest zusammen, dass sie nur noch einen schmalen Strich bildeten. Voldemort lachte laut, kreischend, und schüttelte danach leicht den Kopf.
„Du warst schon immer sehr stur, Airell! Du liegst hier vor mir, in deinem eigenen Blut, wimmernd wie ein Tier, und dennoch leugnest du, ein Verräter zu sein. Wahrscheinlich hat noch nie jemand den großen Airell Malfoy in einem solch erbärmlichen Zustand gesehen…"
Wut kochte in seinem Inneren, doch nach außen hin zeigte er nur die eisige Fassade, die Voldemort von ihm kannte. In diesem Moment konnte Airell nichts tun, er musste den Hohn und den Spott über sich ergehen lassen. Ergeben schloss Airell die brennenden Augen und hörte erneut dieses widerliche Lachen, welches ihn bis in seine Träume hinein verfolgte. Dieser letzte Satz hatte seine Wirkung nicht verfehlt, denn auch, wenn Airell stets Wert darauf gelegt hatte, nicht mit seinem Vater oder Amergin verglichen zu werden, so war er dennoch ein Malfoy, dem das eigene Bild nach außen hin enorm wichtig war, und in diesem Moment war er selbst nicht mehr als einer dieser winselnden, am Boden liegenden Menschen, auf die er sonst immer mit einem kalten Gesichtsausdruck hinabschaute. In diesem Moment war er das, was er selbst so sehr verachtete und Voldemort wusste genau, dass er ihn damit mehr verletzte, als mit irgendeiner anderen Drohung oder einem Fluch.
„Wenn schon nicht für mich, dann für Severus!", dachte Airell, sammelte seine restlichen, verbliebenen Kräfte und zwang sich selbst schließlich dazu, die Augen wieder zu öffnen. Er sperrte jegliches Gefühl tief in seinem Inneren ein, drängte die Schmerzen zurück in die hintersten Winkel seines Geistes, wo sie zu einem dumpfen Pochen wurden und rappelte sich langsam in eine halbwegs kniende Position. Den Kopf hob er, soweit es ihm möglich war, nach oben, wobei blutverkrustete Strähnen zu beiden Seiten seines geschundenen Gesichtes hingen. Er störte sich nicht daran und konzentrierte sich darauf, die gewohnte Kälte und Arroganz in seine grauen Augen aufleuchten zu lassen. Er war ein Malfoy und das würde sich niemals ändern, ganz gleich, was Voldemort ihm antat. Er war und blieb Airell Malfoy und diese Gewissheit verlieh ihm in diesem Moment Stärke.
Voldemort hob erstaunt eine Augenbraue, doch Airell erwiderte auf diese Geste hin nichts. Keine Regung in seinem Gesicht, kein Flackern in seinen Augen…einfach nichts außer diese für ihn so typische Kälte.
Die dünnen, bleichen Lippen Voldemorts verzogen sich zu einem schmalen Lächeln und er deutete ein anerkennendes Nicken an. Etwas, was normalerweise Niemand von ihm bekam, doch ein Airell Malfoy hatte eben auch innerhalb der Todesser einen besonderen Status. Etwas, was Airell innerlich freudlos auflachen ließ, doch nach außen hin ließ er sich noch immer nichts anmerken.
Voldemort erhob sich mit einem leisen Rascheln seines schweren Gewandes, das wie ein Leichentuch um seinen knochigen Körper hing und keinerlei Form besaß. Er ließ Airell unbeachtet auf dem Boden zurück, ging quer durch den dunklen, nur spärlich von einer einzigen, stark rußenden Fackel erleuchteten Raum und setzte sich auf einen steinernen Tisch an der gegenüber liegenden Wand. Sturmgraue Augen folgten jeder seiner Bewegungen und fanden sich sogleich mit glühend roten konfrontiert, doch sie blieben standhaft und wandten sich nicht ab.
Minutenlang sprach keiner von ihnen beiden auch nur ein einziges Wort. Airell konzentrierte sich darauf, den immer wieder auflodernden Schmerz in seinem ganzen Körper zu ignorieren und alles daran zu setzen, sich vollends aufrichten zu können. Voldemort saß auf dem steinernen Tisch, als wäre es ein Thron und beobachtete Airell aufmerksam aus leicht zusammengekniffenen Augen. Es schien fast, als würde er auf etwas warten.
Schließlich war es Airell gelungen, sich mit einem halb unterdrückten Stöhnen in eine halbwegs aufrecht stehende Position zu zwingen und entschlossen packte er sich die blutigen, weiß – blonden Strähnen und warf sie in einer beiläufig wirkenden Bewegung nach hinten, damit sie ihm nicht mehr im Gesicht hingen.
„Wünscht Ihr sonst noch etwas von mir, mein Lord?", fragte Airell und wunderte sich selbst darüber, wie emotionslos und eisig seine eigene Stimme wieder klang. Etwas, was auch Voldemort aufgefallen war, denn seine Augen glühten noch einmal lodernd auf – doch er sagte nichts weiter.
Die Lippen erneut zu einem angedeuteten Lächeln verzogen schüttelte er leicht den Kopf.
„Nein, Airell Malfoy, du kannst gehen – für's Erste. Doch ich will dich warnen. Wenn du es auf einen Kampf mit mir anlegst, wirst auch du endlich einmal zu spüren bekommen, was es heißt, wirklichen Schmerz zu erdulden. Das, was ich dir eben gezeigt habe, war lediglich ein Vorgeschmack dessen, was auf dich zukommt, solltest Du dich dazu entschließen, ein elender Verräter zu werden…!"
Airell nickte kurz. Eine Bewegung, die bei ihm so hoheitsvoll und perfektioniert wirkte, dass alleine dies schon einer halben Aufforderung zum Kampf gleichkam, doch Voldemort kannte den Stolz seines höchsten Todessers und seiner rechten Hand und knirschte nur, unhörbar für Airell, mit den Zähnen. Seine rot glühenden Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen und mit einem wütend gezischten „Verschwinde jetzt!" entließ er Airell für den Moment.
Dieser drehte sich um und stockte kurz. Er hatte noch immer nicht die leiseste Ahnung, wo er sich befand und wie er hierhergekommen war. Doch um solche Nichtigkeiten würde er sich sicherlich keine Gedanken machen und war bereits dabei, mit leicht wankenden Schritten und mühevoll unterdrückten Schmerzenslauten, in der Dunkelheit zu verschwinden, als Voldemort ihn noch einmal zurück hielt.
„Und…Airell?"
Airell drehte sich um, hob fragend eine blutverkrustete Augenbraue und wartete auf das, was kommen würde. Noch ehe er überhaupt reagieren konnte, hatte der Fluch Voldemorts ihn schon getroffen und mit einem lauten, qualvollen Schrei stürzte er erneut zu Boden…
…und fand sich im nächsten Moment in den Armen von Kheelan Daray wieder. Er erkannte den dunklen, ein wenig groben Stoff seines Gewandes, den seltsamen Geruch, der diesem Mann anhaftete und die kühlen, auf seltsame Art und Weise weichen, Hände. Airell schrie noch immer, doch seine Stimme verstummte immer mehr und schließlich hing er, schwer atmend und mit schmerzverzerrtem Gesicht, in den Armen des Mannes, den er Stunden zuvor noch verflucht hatte.
Airell schloss gequält die Augen, ob nun vor Schmerz oder Scham, konnte er selbst nicht so genau sagen. Wahrscheinlich war es eine Mischung aus beidem. Sein Herz raste, pochte schmerzhaft in seiner Brust und ein stechender Schmerz an seiner rechten Seite erinnerte ihn an die gebrochenen Rippen.
Also war das alles Wirklichkeit gewesen? War er wirklich in diesem Raum, diesem Verließ, gewesen, wo ihn Voldemort als Verräter beschimpft und gefoltert hatte?
Vor seinem geistigen Auge zogen Bildfetzen vorbei, die Airell nicht zuordnen konnte. Zu viele Informationen, viel zu schnell, unmöglich, sie festzuhalten. Unbewusst zog Airell den Kopf schützend zwischen die Schultern und drängte sich noch enger an die Brust Kheelans. Dieser saß auf dem Rand des Krankenbettes, in welches sie Airell Malfoy vor Stunden gelegt hatten und wusste nicht, wie er mit dieser Situation umzugehen hatte. Er hielt den blonden Mann einfach nur fest, fuhr ihm mit der rechten Hand beruhigend, aber auch ein wenig unsicher, über den gekrümmten Rücken und summte eine leise Melodie, die dazu führte, dass der zitternde Körper sich langsam beruhigte.
„Schhhhhhht, ganz ruhig, Airell, " flüsterte er und merkte, wie seltsam belegt seine eigene Stimme klang. „Du bist hier in Sicherheit, in Hogwarts!"
Kheelan warf dem etwas abseits stehenden Direktor einen beschwörenden Blick zu und dieser verstand sofort. Mit einem leisen Räuspern zog er sich zurück, nahm die verwundert schauende Madame Pomfrey mit sich und schloss den weißen, schweren Vorhang, der das Krankenbett, in dem Airell Malfoy lag, von den anderen abtrennte. Es war bereits später Nachmittag und außer Severus Snape und Airell lag niemand auf der Krankenstation, doch sie alle hatten auf Nummer sicher gehen wollen und Airell in das Bett gelegt, welches am weitesten hinten im Raum gelegen war, so dass niemand auch nur einen kurzen Blick auf ihn werfen konnte.
„Airell?", fragte Kheelan und brachte sanft etwas Abstand zwischen sie. Er musterte den weißblonden Zauberer besorgt und runzelte leicht die Stirn.
Airell hatte die Augen noch immer geschlossen, krümmte sich zusammen und schien Schutz vor irgendetwas zu suchen. Kheelan konnte nicht verhindern, dass dieser Anblick des sonst so stolzen Mannes ihm einen schmerzhaften Stich verpasste und sein Weltbild erneut gehörig ins Wanken brachte. Er schluckte hart und bemühte sich, den Körperkontakt zu Airell unter keinen Umständen zu unterbrechen. Dieser hatte vor irgendetwas – oder irgendjemandem? – fürchterliche Angst und Kheelan wollte nicht, dass er sich in diesem Zustand einsam und verlassen fühlte.
Mit einem leisen Seufzen unterbrach Kheelan seine eigenen Gedanken und zwang sich dazu, Airell in das schmerzverzerrte Gesicht zu schauen. Er konzentrierte sich vollkommen auf den Körper in seinen Armen, doch er konnte nichts finden, was ihm sagte, woher Airell diese Schmerzen hatte, die er in diesem Moment unübersehbar litt.
Was war in den letzten Stunden mit Airell geschehen? Nachdem er ihn in die Krankenstation gebracht hatte, war der schmale Körper fast augenblicklich in sich zusammen gesunken und es hatte ausgesehen, als würde Airell sich in einem tiefen Schlaf befinden, aus dem es kein Erwachen mehr gab. Die Stunden waren verflogen, Kheelan hatte das Bett, in dem Airell lag, aus irgendeinem Grund einfach nicht aus den Augen lassen können und gerade, als er sich über das schmerzverzerrte Gesicht des weißblonden Mannes hatte lehnen wollen, war dieser mit einem markerschütternden Schrei hochgefahren und hatte sich an ihn gekrallt wie ein Ertrinkender an ein Stück Holz.
Kheelan war im ersten Moment erstaunt gewesen über die Kraft, die in den schmalen, feingliedrigen Fingern Airells steckte, doch nachdem er diese erste Überraschung überwunden hatte, hatte er instinktiv die Arme um den zitternden Körper geschlossen und ihn festgehalten.
„Airell?", versucht er es noch einmal und endlich öffneten sich die Lider des blonden Mannes ein wenig. Die sturmgrauen Augen waren trüb und ein fiebriger Schleier lag über ihnen, den Kheelan mit einem weiteren, besorgten Stirnrunzeln bemerkte. Sofort fuhr seine Hand auf die Stirn Airells und tatsächlich, sie glühte förmlich.
„Du hast Fieber!", murmelte Kheelan und schüttelte leicht den Kopf, beinahe ein wenig tadelnd. „Meine Güte, Airell! Was ist geschehen?"
Airell blinzelte einmal kurz, atmete hörbar aus und lehnte sich erschöpft und müde gegen die Schuler Kheelans. Dieser zuckte kurz zusammen und konnte nur im letzten Moment den Reflex unterdrücken, nach hinten zu rutschen und sich der ungewohnten Berührung zu entziehen.
„Ich…weiß es nicht…", flüsterte Airell leise und selbst Kheelan hatte Schwierigkeiten, ihn zu verstehen. Er legte seinen Kopf ein wenig schief und merkte nur am Rande, wie seine Hand noch immer beruhigend über den Rücken des blonden Aristokraten strich.
„Was auch immer es war – es ist vorbei. Du bist in Hogwarts, du warst immer hier!"
Airell seufzte leise und schloss erneut die Augen. Es schien, als wäre er kurz davor, erneut einzuschlafen, denn seine Atmung wurde langsam flacher. Kheelan bemerkte, dass Airell es vermied, seine rechte Seite allzu sehr zu belasten und machte sich dazu innerlich eine Notiz. Sobald er wieder eingeschlafen sein würde, würde er sich das einmal genauer ansehen, vielleicht hatte Airell sich dort unbemerkt verletzt. Auch, wenn Kheelan nicht wusste, wie das möglich war, hatte er selbst doch die ganze Zeit an dessen Bett Wache gehalten.
„Er…war da…", hörte Kheelan noch einmal die immer leiser werdende Stimme Airells und runzelte fragend die Stirn.
„Er? Wer war da, Airell? Wer…hat dir das angetan?"
Kheelan glaubte schon, keine Antwort mehr zu erhalten, denn der Körper in seinen Armen war nun vollständig gegen seinen gesunken, als er mit größter Mühe noch ein letztes Wort verstehen konnte. Erneut spürte er diese düstere, bösartige Präsenz und ein Schaudern ging durch seinen ganzen Körper.
„Voldemort…"
To be continued...
