Kapitel 15
Seine Fingerkuppen strichen sanft über den rauen, kalten Steinboden, während er in der anderen Hand einen leicht dampfenden Becher hielt, der einen süßlich-schweren Geruch verströmte. Kheelan Daray war wieder einmal vollkommen in seinen Gedanken versunken, beachtete weder die unbewussten Bewegungen seiner Hand, noch den Tee, den Madame Pomfrey ihm vor einiger Zeit förmlich aufgedrängt hatte mit der Bemerkung, dass Früchtetee mit Honig gut gegen die Kälte sei. Kheelan hatte diesen Rat mit einer gehobenen Augenbraue quittiert, doch schweigend den Becher entgegen genommen. Danach war die Heilerin mit einem schmalen Lächeln in ihr Büro verschwunden, da man ihre Dienste in diesem Moment nicht weiter benötigte, und hatte ihn mit den nun wieder ruhiger schlafenden Patienten alleine gelassen.
Kheelan war ihr äußerst dankbar gewesen um diese Einsamkeit, denn in seinem Kopf herrschte ein einziges Chaos und er war es leid, zu sprechen. Wahrscheinlich hatte er in den letzten Stunden mehr geredet als in den letzten Jahren zusammen gezählt und das war etwas, was Kheelan zutiefst verunsicherte. Er war kein Mann großer Worte und fühlte sich Fremden gegenüber stets unwohl, doch hier in Hogwarts schien er kein Fremder zu sein und das verunsicherte ihn. Das Schloss und seine Bewohner schienen die seltene Gabe zu haben, andere Menschen und Lebenswesen auf eine Art unter sich Willkommen zu heißen, die Kheelan schon seit mehreren Menschenleben nicht mehr erfahren hatte. So vieles hatte sich geändert, in allen Welten die er kannte. Und doch war er hier auf Menschen gestoßen, die ihm eine Freundlichkeit und Offenheit entgegen brachten, die er längst vergessen hatte. Natürlich waren sie ihm gegenüber vorsichtig und das war auch gut so. Und dennoch: er wurde stets freundlich und zuvorkommend behandelt und je länger er hier blieb, umso entspannter schienen alle in seiner Gegenwart zu werden. Erstaunlich, da er sonst eigentlich das Gegenteil bewirkte.
Airell Malfoy war das bisher größte Rätsel, dem er hier begegnet war. War seine erste Reaktion auf den blonden Zauberer noch Ablehnung und Distanz gewesen, so kam er jetzt nicht mehr umhin, die interessanten Facetten dieses Mannes zu erkennen. Und seine hinter kühler Arroganz versteckte Freundlichkeit und Menschlichkeit. Kheelan wollte Airell besser kennen lernen, wollte verstehen können, warum der Mann so war wie er nun einmal war. Denn dass der erste Blick trügte und sich hinter dem fein geschnittenen Gesicht ein intelligenter und gerechter Mann verbarg konnte Kheelan mittlerweile deutlich sehen. Aber warum versteckte Airell diese Züge? Warum die kalte Unnahbarkeit? Warum die aufgesetzte Arroganz?
Kheelan wusste immer noch zu wenig von dieser Welt. Er würde sich sehr bald mit ihren Eigenarten, ihren gesellschaftlichen Strukturen und ihrer Licht- und Schattenseiten beschäftigen müssen, wenn er gedachte länger hier zu bleiben und sich in irgendeiner Art und Weise einbringen wollte. Er würde schon sehr bald mit dem Direktor sprechen müssen. Kheelan seufzte leise und nahm einen weiteren Schluck des süßen, aber mittlerweile kalten Tees. Neben ihm im Krankenbett hob und senkte sich die Brust von Airell Malfoy langsam und sein Atem ging regelmäßig. Immerhin. Nach dessen Erwachen hatte die Heilerin dem blonden Aristokraten ein sehr starkes Schlafmittel gegeben, welches alle Arten von Träumen und Illusionen unterdrückte und seitdem schlief Airell durch. Ruhig und ohne jegliche Regung. Nachdem Kheelan sie noch leise auf Airells rechte Seite aufmerksam gemacht hatte, hatten sie verwundert festgestellt, dass mehrere Rippen gebrochen waren und er zudem leichte, innere Verletzungen aufwies. Auch diese hatte die Heilerin kommentarlos kontrolliert und die Heilung in Gang gebracht. Woher diese Verletzungen jedoch stammten, wusste keiner von ihnen. Auch das würde er schon bald mit dem Direktor besprechen müssen, wenn dieser aus der Schule kam. Er hatte sich vor einigen Stunden entschuldigt und war in die Große Halle gegangen, damit der weiterlaufende Schulalltag nicht vollkommen an ihm vorüber ging. Als Schulleiter konnte er seine Verpflichtungen nicht vollkommen außer Acht lassen und Kheelan hatte dafür vollstes Verständnis. Der Direktor hätte in diesem Moment ohnehin nichts zu können, da beide Patienten versorgt waren und sowohl Madame Pomfrey, als auch Kheelan vollkommen ausreichten um Wache zu halten.
Kheelan spürte, wie die Müdigkeit auch langsam von ihm Besitz ergriff und schloss für einen Moment die Augen. Viel war in den letzten Stunden geschehen und es wurde langsam Zeit, dass auch er sich etwas ausruhte. Richtig ausruhte. Doch das war hier unmöglich. Er würde warten müssen.
Seufzend öffnete Kheelan die Augen wieder und starrte gedankenverloren auf den dunklen Steinboden, während sich die Finger seiner linken Hand bewegten, als würden sie eine lautlose Melodie spielen. Klänge längst vergangener Tage hallten in seinen Ohren nach und es schien ihm, als könne er die warmen Feuer noch heute auf seinem Gesicht spüren. Gerüche kehrten zurück, das vertraute Geräusch von aufeinander treffenden Schwertern und die Stimme eines Mannes…dunkel, fest…und doch von einer Sanftheit, die jedem, der sie hörte, eine wohlige Schauer den Rücken hinab gleiten ließ. Kheelan schloss die Augen, um sich vollkommen diesen so sehr schmerzenden Erinnerungen hingeben zu können und dachte mit schmerzender Brust an seine Heimat, die er so lange nicht mehr gesehen hatte.
Einige Jahrzehnte zuvor…
„Und du willst wirklich in diese Welt gehen?", fragte ein schwarzhaariger Mann, während seine dunklen Augen die Flammen der sie umgebenden Feuer widerspiegelten. „Ja, das möchte ich!", erwiderte sein Gegenüber, ein etwas jüngerer Mann mit dunkelblauen Augen und langem, schwarzem Haar, welches ihm fließend und glatt bis weit unter die Schultern reichte. „Aber warum gerade dort? Hier gibt es doch bei Weitem genug Verpflichtungen, die dich halten sollten! Warum jetzt?"
„Verpflichtungen?", fragte der jüngere Mann mit müder Stimme und seine tiefblauen Augen blickten traurig in die Ferne. Ein kühler Wind umspielte sie und trug den Rauch der Feuer mit sich. Der jüngere Mann seufzte und schüttelte leicht den Kopf. „Du weißt ganz genau, Kheelan, dass ich um keine einzige der von dir angesprochenen Verpflichtungen gebeten habe! Was haben wir denn noch für eine Aufgabe? Worauf warten wir? Auf einen neuen König, der vielleicht niemals kommen wird? Sollen wir so die Ewigkeit verbringen?" Die Stimme des Mannes brach und er blickte weiterhin in die Ferne. Dann schloss er für einen Moment die Augen. Als er sie wieder öffnete, wirkten sie noch immer traurig.
Kheelan überlegte kurz, konzentrierte sich auf die Geräusche um sie herum und versuchte so, seinen aufgewühlten Geist wieder zu beruhigen. Er verstand natürlich, was sein Freund meinte, doch zu gehen erschien ihm einfach nicht richtig. Und es gab nur noch so wenige von ihnen. Sie dürften sich nicht gegenseitig im Stich lassen, sie hatten doch nur noch einander. Überlebende einer längst vergangenen Zeit, die darauf warteten, dass sie alte Prophezeiungen endlich erfüllten und sie wieder eine Aufgabe bekämen. Doch Jahrzehnte wurden zu Jahrhunderten und noch immer schien es keinen Ausweg für sie zu geben.
„Aber Christian", warf der mit dem Namen Kheelan angesprochene Mann ein und schüttelte ungläubig, beinahe verzweifelt den Kopf. „Du bist, wir sind, dazu verpflichtet zu warten. Das weißt du! Die Prophezeiung besagt…"
Christian lachte freudlos und blickte Kheelan direkt an. „Die Prophezeiung?! Was hat uns die Prophezeiung in den letzten hundert Jahren gebracht? Nichts, sage ich dir! Wir warten und warten und werden immer weniger. Diejenigen von uns, die nicht freiwillig in den Tod gehen verschwinden einfach so und werden nie wieder gesehen. Wir brauchen einen Aufgabe, Kheelan! Wir können nicht die nächsten Jahrhunderte mit Warten verbringen…"
Kheelan schnaubte. „Das weiß ich selbst, aber wir sind…"
„Wir sind, was wir sind – nicht weniger, aber auch nicht mehr!", unterbrach Christian Kheelan erneut und man merkte deutlich, dass der Jüngere von ihnen beiden zugleich der Hitzköpfigere war. „Ihr kommt hier auch ganz gut ohne mich zurecht und für mich wird es Zeit, diesen Schritt endlich zu tun! Ich brauche eine Aufgabe und muss mich irgendwo sinnvoll einbringen können. Ich bin des Wartens überdrüssig, Kheelan. Bitte verstehe doch…" Beinahe hilflos hob Christian seine Arme und zuckte leicht mit den Schultern. „Ich halte es hier nicht mehr aus, Kheelan. Ich brauche ein Ziel."
„Aber Christian…", versuchte es Kheelan erneut, doch der Angesprochene schüttelte mit einem sanften Lächeln auf den Lippen den Kopf, als würde er einem besonders uneinsichtigen Kind etwas sehr Einfaches erklären. „Nein, Kheelan, mein Entschluss steht fest. Ich werde in die Welt der Magier gehen und schauen, ob ich dort etwas bewirken kann. Hier gibt es nichts für uns zu tun. Das Königreich ist verlassen, der Thron seit Jahrhunderten unbesetzt. Wir sind Ritter ohne Aufgabe und warten auf einen König der vielleicht niemals kommen wird. Sollte es einmal soweit sein, dass die Prophezeiung sich endlich erfüllt, so werde ich selbstverständlich zurückkehren und meinen Platz unter euch wieder einnehmen. Aber bis dahin muss ich hinaus und schauen, was es zu tun gibt für mich auf dieser Welt."
Kheelan seufzte leise und deutete ein Nicken an. Er wusste, dass er Christian niemals dazu überreden könnte zu bleiben und so hatte er dessen Entscheidung, so sehr sie ihm selbst auch missfiel, schweren Herzens zu akzeptieren.
„Und was wirst du in dieser Welt machen?", fragte er und beobachtete das schwarze, lange Haar Christians, welches im Wind tanzte wie ein Schleier aus feiner, schwarzer Seide. Er wollte ihm nicht ins Gesicht blicken, denn dann hätte Christian in seinen Augen erkannt, mit welcher Kraft die Emotionen seinen Geist zerrütteten und ihn erzittern ließen - und das wollte er nicht. Christian sollte seinen Weg gehen können und Kheelan konnte es ihm nicht verübeln.
Christian lachte leise und es klang ehrlich. „Ich weiß es noch nicht. Ich kenne diese fremde Welt noch nicht, aber etwas wird sich sicherlich finden. Ich habe Reisende einmal davon erzählen hören, dass es dort Schulen gibt, wo junge Hexen und Zauberer unterrichtet werden. Vielleicht wäre das etwas für mich."
Kheelan runzelte leicht die Stirn. „Bist du dir sicher, dass deren Magie mit der unseren kompatibel ist?", fragte er zweifelnd.
Christian schien kurz zu überlegen, dann deutete er ein Nicken an und antwortete: „Ich denke schon. Es wird sich zeigen."
Kheelan seufzte. Es passte zu Christian, sich Hals über Kopf in ein solches Wagnis zu stürzen. Nicht selten hatte ihnen diese Eigenschaft Christians den Sieg gebracht, als sie noch gemeinsam gekämpft hatten. Es war so lange her, dass Kheelan schon fast vergessen hatte, wie es in der alten Zeit gewesen war. Wer sie gewesen waren.
Kheelan seufzte wieder und spürte ein verräterisches Brennen in seinen Augen. Es gab nun also kein Zurück mehr, der Abschied stand bevor. Noch ehe er wusste, was er da tat, hatte er Christian in eine warme, fast schon sanfte Umarmung gezogen. „Du wirst mir fehlen", flüsterte er mit erstickter Stimme. Christian erwiderte die Umarmung und auch seine Stimme klang rau, als er antwortete: „Ich weiß, mein Freund. Du wirst mir auch fehlen." Für einen kurzen Moment verharrten die beiden Männer in ihrer Umarmung, sprachen kein Wort und wünschten sich in eine Zeit zurück, in der es keinen Abschied gegeben hätte.
„Die Prophezeiung wird sich erfüllen!", flüsterte Kheelan. „Ich glaube ganz fest daran."
Christian nickte und brachte ein wenig Abstand zwischen sie, ohne Kheelan jedoch loszulassen. „Das wird sie", pflichtete er seinem Freund bei. „Und ich hoffe für uns alle, dass es nicht noch weitere Jahrhunderte sein werden."
Kheelan nickte und trat einen langsamen Schritt zurück. So vieles hatte sich verändert. So viele von ihnen waren nicht mehr und sie, zwei der letzten Ritter, würden sich auf unbestimmte Zeit nicht mehr wiedersehen. Er spürte ihre Trennung bereits jetzt tief in seinem Geist und wappnete sich gegen den Schmerz, der immer eintrat, wenn einer von ihnen die Gemeinschaft verließ oder sogar starb. Er würde hoffen. Und warten. Doch er konnte nicht fort wie Christian. Er musste hier bleiben, in ihrer Welt. Es war alles, was ihnen noch geblieben war.
Christian verbeugte sich in einer eleganten, fließenden Bewegung vor Kheelan und wandte sich von ihm ab. „Lebe wohl, Kheelan. Mögen wir uns irgendwann einmal wiederbegegnen und einander erkennen." Er verharrte einen Augenblick in der Bewegung, als zögerte er noch. Doch dann lächelte er wieder leicht. „Wir werden uns wiedersehen!", meinte er energisch und nickte. Kheelan versuchte sich ebenfalls an einem leichten, ehrlichen Lächeln. „Lebe wohl, mein Freund", erwiderte er und verbeugte sich ebenfalls.
Als Christian sich schließlich umdrehte schrie alles in Kheelan danach ihn zurück zu halten, doch er tat es nicht. Er war Christians Freund und wenn es dessen Wunsch war zu gehen, so würde Kheelan ihn respektieren. Also wiederstand er dem Drang seinen Freund fest zu halten und blieb auf seinem Platz stehen. Vollkommen regungslos. Er wartete, bis Christian in der Dunkelheit verschwunden war und blickte dann über das weite, nur vom blassen Mondlicht erhellte Land. In der Ferne konnte er ihre Burg sehen, hoch oben auf einem Felsen thronte sie dem Nachthimmel entgegen. Doch keine Feuer brannten in ihren Fenstern, kein Rauch stieg auf. Die Burg schien verlassen.
Kheelan seufzte und schaute in den Himmel. In einer alten, längst vergessenen Sprache begann er leise ein Lied zu singen. Ein Lied des Abschiedes für seinen Freund. Aber zugleich auch ein Lieder der Hoffnung. Die Hoffnung auf ein Wiedersehen. Und auf eine gemeinsame Zukunft. Als Kheelan seine Augen schloss bemerkte er verwundert, dass er weinte. Seit mehr als einem Menschenleben hatte er nicht mehr geweint. Zornig über sich selbst wischte er die kühlen Tropfen von seinem Gesicht. Ob und wann er Christian wiedersehen würde wusste er nicht, doch der Schmerz der Trennung brannte bereits lodernd in seinem Inneren. Sie waren nur noch so wenige und jede Trennung, jeder Verlust, wiegte schwer auf ihnen. Er konnte nur hoffen. Hoffen auf eine ungewisse Zukunft. Und darauf, dass das Schicksal ihnen endlich wieder einen König gewährte und somit eine Aufgabe gab. Die Ewigkeit begann auch ihn langsam von innen heraus aufzufressen. Ohne Aufgabe und ohne Ziel waren sie rastlos und uneins. Und ihr Volk drohte auszusterben. Gab es denn wirklich noch Hoffnung für sie? Oder warteten sie auf eine Prophezeiung, die sich niemals erfüllen würde?
Kheelan spürte, wie ihm dieser Gedanke Angst machte. Er musste sich ablenken, irgendetwas tun. Er konnte ins Gebirge gehen, wo einige von ihnen eine kleine Siedlung errichtet hatten. Aber das würde ihn nicht ablenken. Was also konnte er tun?
Der kalte Nachtwind zog an seinen Kleidern, seinen Haaren und schien ihm etwas zuzuflüstern. Kheelan verstand sofort, was der Wind ihm sagen wollte. Und er hatte Recht. Er musste auf andere Gedanken kommen und das ging am besten bei der Jagd. Er hatte schon lange nicht mehr gejagt, war seiner ureigenen Bestimmung und Natur nachgegeben. Doch heute Nacht würde er sich fallen lassen und vollkommen er selbst sein. Denn sonst, so spürte Kheelan, würde auch er so langsam dem Wahnsinn verfallen wie bereits viele vor ihm. Christian und er hatten immer zusammen gehalten, waren immer zusammen geblieben. Doch jetzt war Christian fort. Und Kheelan würde schauen müssen, wie er die Zeit ohne ihn überstand.
Kheelan seufzte leise, konzentrierte sich auf sein Innerstes und ließ sich fallen. Alle seine Sinne waren mit einem Mal geschärft, er hörte, roch und sah weit über die Landschaft und seine Umgebung hinaus. Hörte die Wellen der weit entfernten Brandung, das Rascheln der Gräser und die Schritte der Tiere im Dickicht des Waldes.
Er spürte, wie sein gesamtes Wesen wie befreit war und gab sich für einen Moment diesem Gefühl der absoluten Freiheit hin. Das war ihre Bestimmung, ihr Sein. Und er hoffte, dass es irgendwann einmal wieder so sein würde.
Dann lief er los.
Es dauerte lange, bis es Kheelan schließlich gelang die schmerzlichen Erinnerungen vergangener Tage so weit zurück zu drängen, dass er wieder fähig war einen halbwegs klaren Gedanken zu erfassen und zu realisieren, wo er sich überhaupt befand – und zu welchem Zeitpunkt. Sein gesamter Körper zitterte, sein Atem ging stoßweise und seine Augen brannten verräterisch. Der grob gearbeitete Becher mit kaltem Tee drohte ihm aus der zitternden Hand zu fallen und schnell stellte er ihn fahrig neben sich auf den Steinboden. Dann setzte er sich zitternd daneben und versuchte sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Das Atmen fiel ihm noch immer schwer und kalter Schweiß stand auf seiner Stirn. In diesem Moment wirkte Kheelan Daray so sehr menschlich, wie ein Mensch selbst es nur vermochte und so verletzlich wie ein gerade neugeborenes Kind. Wären jetzt der Direktor oder die Heilerin hereingekommen, so hätten sie diesen in sich zusammengesunkenen Mann wohl niemals mit dem stolzen, kühlen Fremden in Verbindung gebracht, doch diese Scham ersparte man ihm.
Wieder verging einige Zeit, in der Kheelan versuchte seinen zitternden Körper unter Kontrolle zu bringen und seinen Geist zu sperren für die immer noch präsenten Erinnerungen, Geräusche und Gerüche. „Genug! Es ist genug!", flüsterte er mit brüchiger Stimme und fand langsam wieder zu seinem alten Selbst zurück. Vollkommen automatisch griff seine Hand nach dem mittlerweile vollkommen kalt gewordenen Tee und er leerte den Becher mit wenigen Zügen. Das fruchtig-süße Aroma tat sein Übriges und Kheelan hatte sich wieder so weit unter Kontrolle, dass er den Kopf hob und sich damit der Realität stellte. Die Erinnerungen gehörten der Vergangenheit an und dort sollten sie auch bleiben. Seitdem war viel geschehen und vergangene Fehler ließen sich nun einmal nicht mehr beheben – selbst Kheelan Daray vermochte dies nicht zu vollbringen.
Er atmete einige Male tief durch und horchte in sich hinein. Sein Körper hatte sich wieder beruhigt und die Bilder, die vor seinem ruhelosen Geist dahinzogen, verblassten immer mehr und die spitzen Klauen der Erinnerungen hatten ihren Griff gelockert. Kheelan hatte soweit wieder zu sich selbst gefunden, doch mit einem Mal fühlte er sich schrecklich müde und erschöpft. Seufzend streckte er die schmerzenden Glieder und dachte für die Dauer eines Augenblickes darüber nach, eines der vielen, leeren Krankenbetten zu nutzen, doch diesen Gedanken hatte er sogleich wieder verworfen und blieb dem kalten, harten Steinboden treu. Das waren Empfindungen, mit denen er umgehen konnte und die ihm vertraut waren.
Mit einem letzten, wachsamen Blick auf die noch immer schlafenden Körper von Airell und Severus erlaubte es sich auch Kheelan, die Augen zu schließen und sich auf den dunklen Schwingen des Schlafes hinfort tragen zu lassen in eine Welt, in die ihm niemand folgen konnte. Der kalte Steinboden störte ihn nicht und innerhalb eines einzigen Augenblickes hatte seine Atmung so gut wie aufgehört und er war eingeschlafen.
To be continued...
