„Sag mir die Wahrheit oder bleib fern von mir."
Harry liest mit müden Augen und schlimmen Kopfschmerzen den kleinen Zettel auf seinem Nachttisch. Ginnys Kette liegt mit zerstörtem Verschluss daneben.
„Sag mir die Wahrheit oder bleib fern von mir", liest er die harschen Worte erneut.
„Die Wahrheit?!" flüstert Harry in sich hinein, schüttelt den Kopf und realisiert die Situation allmählich.
Sein Bauch zieht sich zusammen, weil er Ginny offensichtlich sehr verletzt, aber daran keine Erinnerung mehr hat. Die Worte treffen ihn sehr und für einen kurzen Moment fragt Harry sich, ob ihm jemand einen schlechten Streich spielen möchte – doch dem ist nicht so. Harry nimmt die Kette und betrachtet den Verschluss, welcher komplett verbogen ist, da sich Ginny die Kette wohl gewaltvoll vom Hals gerissen hat. Er reißt die Schublade seines Nachttischs auf und greift nach seinem Zauberstab.
„Reparo", zaubert Harry sanft und beginnt zu zittern.
Das Metall des Verschlusses biegt sich sehr sachte wieder gerade und Harry verschließt die Kette. Sein Blick richtet sich nochmal auf den Zettel. Harrys Gedanken überschlagen sich und sein ohnehin schon angeschlagener Magen lässt ihn aufstoßen. Hermine erwacht aus ihrem Halbschlaf, öffnet die Augen und blickt unbemerkt über Rons Schultern zu Harrys Bett.
Sie sieht, wie er von der Bettkante aufsteht und zügig aus dem Schlafzimmer in Richtung der Bäder flüchtet. Hermines Verantwortungsbewusstsein meldet sich nach dieser wilden Nacht und erinnert sie daran, dass es verboten ist, in den Schlafräumen des anderen Geschlechts zu übernachten. Vorsichtig legt Hermine den Arm von Ron zur Seite und deckt ihn liebevoll zu, bevor sie sich zu Harrys Bett schleichen möchte, doch auf halbem Weg dorthin stoppt. Verwundert erkennt sie ihren BH, der neben dem Kissen von Dean Thomas liegt und erinnert sich schemenhaft an die Feier zurück. Hermine fragt sich, ob sie Dean in einem günstigen Moment mal wieder heiß machte. Sie kneift die Augen zusammen und versucht sich daran zu erinnern, ob sie ihm sogar ihre Brüste zeigte oder er vielleicht auch mehr tun durfte, als nur heimlich zu ihr zu schauen und von seinen Fantasien geil zu werden. Hermine kann sich nicht erinnern und holt sich ihren BH vorsichtig zurück, bevor sie an Harrys Nachttisch steht.
„Sag mir die Wahrheit oder bleib fern von mir", flüstert sie leise vor sich hin, sieht die Kette neben der Karte des Rumtreibers und zählt eins und eins zusammen.
„Verflucht!", flüstert Hermine, denkt über die harten Worte von Ginny nach und legt den Zettel wieder zurück.
Ohne lang zu zögern, verschwindet sie aus dem Schlafraum der Jungs und schleicht sich in ihr eigenes Bett. Normalerweise wären die Schüler von Gryffindor, die als erstes in der großen Halle zum Frühstücken sind schon wach, doch sind selbst diese heute von der Feier geschafft und lassen es sich nicht zweimal sagen auszuschlafen – besonders weil normalerweise heute Unterricht wäre. Hermine deckt sich zu und hört leise, dass Harry sich im Bad wohl gerade übergeben muss. Unter anderen Umständen würde sie nun ihre Decke zur Seite legen, zu ihm eilen und dafür sorgen, dass es ihm besser geht. Als hätte jemand Petrificus Totalus auf sie angewandt, liegt Hermine stattdessen im Bett und weiß genau, dass sie Scheiße gebaut hat und es allein ihre Schuld ist, dass Ginny sauer auf ihn und auch auf sie ist. Mal wieder ist sie ratlos, an wen sie sich wenden könnte, denn sie kann weder mit Ron noch Hagrid oder Ginny darüber reden.
„Vielleicht…" flüstert Hermine leise vor sich hin und denkt darüber nach, ob es vielleicht genau das Richtige ist, direkt mit Ginny über alles zu reden, um alles wieder ins Lot zu bringen.
Sie schüttelt den Kopf und verwirft den Gedanken, da es für ein direktes Gespräch mit ihr sicherlich noch zu früh ist. Hermine entschließt sich daher, Ginny heute aus dem Weg zu gehen. Harry kommt langsam die Treppen hochgelaufen. Er ist blass, hält eine Hand an seinen Bauch und mit der anderen hält er sich am Treppengeländer fest. Bevor er in den Gang zum Schlafsaal der Jungs abbiegt, greift eine Hand von hinten nach seinem Oberteil und stoppt ihn. Harry dreht sich um und sieht nun doch Hermine, die sich in ihrer Schuld dazu entschlossen hat ihn aufzumuntern.
„Morgen…" sagt Harry heiser und mit kaputter Stimme.
Hermine schaut ihm in die Augen und sagt nichts. Langsam macht sie einen Schritt nach vorne und umarmt ihn vorsichtig. Harry ist überrascht, doch Hermine gibt ihm in diesem Moment gerade Halt und ein wenig Aufmunterung.
„Geht's dir besser?"
„Meine Übelkeit ist weg, aber es geht mir ziemlich schlecht", sagt Harry und denkt an Ginnys Worte.
„Hermine…" sagt Harry und zögert.
„Habe ich auf der Party zu Ginny etwas Dummes gesagt?" setzt er fort, doch kann sich keinen Reim darauf machen, was das mit Sag mir die Wahrheit zu tun haben könnte.
„Nein hast du nicht", sagt Hermine leise hinter seinem Ohr.
„Ich vielleicht…" nuschelt sie in sein Schlafhemd und erinnert sich an Ginnys Fluch.
Harry löst sanft die Umarmung und schaut ihr erwartungsvoll in die Augen.
„Was hast du denn zu ihr gesagt?" fragt er beherrscht nach.
Hermine zögert kurz und schaut woanders hin.
„Sie ist verdammt sauer auf mich und du warst zugegeben ziemlich neben der Spur auf der Feier", stellt Harry nüchtern fest.
Hermine denkt nach was sie sagen soll, doch bringt kein Wort heraus.
„Hey!" sagt Harry, damit sie ihm in die Augen schaut.
„Bitte sag es mir", drängt Harry.
„Wenn ich es dir sage, wirst du sauer auf mich sein und auch enttäuscht."
„Ich bin sauer auf dich und enttäuscht von dir, solltest du es mir nicht sagen Hermine", sagt er freundlich aber gefasst und wartet nochmal ab.
Als Hermine immer noch nichts sagt, dreht Harry sich um und macht den ersten Schritt zum Schlafsaal, bevor Hermine seine Hand packt.
„Halt."
Harry dreht sich zu ihr um und zieht die Augenbrauen hoch.
„Madam Puddifoot!" sagt sie in Eile.
"Madam Puddifoot?" fragt Harry nach und erinnert sich an seinen letzten Besuch mit Cho in diesem Café.
„Lass uns dorthin gehen und ich erzähle dir alles", verspricht sie ihm nervös.
„Jetzt?" fragt Harry verwirrt.
„Nein…"
„…du solltest dich noch ein wenig ausruhen Harry."
„Das solltest du auch. So wie du drauf warst… das war doch nicht nur Butterbier, oder?" fragt er scherzhaft.
Hermine zögert kurz, weil sie sich schämt.
„Ich habe ein wenig Funken Elixier angeboten bekommen und konnte nicht mehr klar denken", gibt sie zu.
Harry denkt kurz darüber nach, doch kommt zu dem Entschluss, dass wenn jemand es verdient hat sich mal einen Fehltritt zu leisten, dann ist es Hermine. Darüber hinaus, denkt er sich, weiß Hermine in den aller meisten Fällen was richtig ist und was nicht. Er will gerade wieder zu seinem Bett gehen, da fällt ihm noch eine Frage ein.
„Du Hermine…" spricht er leise und verlegen.
„Ja?"
„Glaubst du…, dass Ginny vielleicht denkt, dass du sie gestern Nacht… nun… du weißt schon… geleckt hast?" sagt Harry und kratzt sich am Hinterkopf.
Die letzten zwei Wörter kommen aus seinem Mund überraschend genuschelt heraus, dabei war Harry selten so selbstbewusst wie noch vor wenigen Stunden. Hermine braucht eine Weile, doch erinnert sich plötzlich wieder daran, dass sie Harry leise begleitet hat. Ihr blitzt das Bild, wie Ginny hilflos und nach einem Orgasmus bettelnd auf der Bibliotheks-Bank gefesselt ist, vor ihrem inneren Auge auf.
„Hermine?" flüstert Harry und reißt sie aus dem Gedanken.
„Vielleicht. Ich bin mir nicht sicher", sagt Hermine verlegen.
„Okay", sagt Harry und geht zu seinem Schlafsaal.
Hermine fühlt sich ein bisschen besser, doch ist immer noch sehr angespannt und versteift. Sie legt sich leise in ihr Bett und wälzt sich hin und her, während sie versucht den Ablauf der Party zu rekonstruieren. Sie ballt vor Wut ihre Hand zu einer Faust, weil es ihr nicht richtig gelingt, ehe ihr die gewagte Idee kommt, mit Obliviate sich selbst in die Erinnerungen zu schauen – falls das überhaupt so möglich ist. Sie ist sich sicher, dass der Legilimens Zauber nicht funktionieren wird, aber bei Oblivate könnte es funktionieren. Sie erinnert sich allerdings an keinen Satz im Lehrbuch, dass man diesen Zauber auch auf sich selbst anwenden kann. Unter anderen Umständen würde Hermine vernünftiger handeln, da dieser Zauber für das Löschen von Erinnerungen zuständig ist, doch sie muss einfach wissen, was sie alles getan und gesagt hat. Hermine holt ihren Zauberstab unter ihrem Kissen hervor und setzt ihn vorsichtig an ihrer Schläfe an. Plötzlich stoppt sie, denn sie hat noch immer die gestohlenen Erinnerungen von Harry in ihrem Zauberstab gebunden, welche für immer verloren wären, sollte sie nochmal damit zaubern. Ihr Herz beginnt schneller zu schlagen, als sie spontan sich dazu entscheidet, Pavatis Zauberstab unerlaubt von ihrer Kommode zu entwenden und in das Bad der Mädchen zu schleichen. Sie setzt sich auf den Deckel der Toilette und lehnt die Tür der Kabine an.
„Obliviate", zaubert Hermine, doch der Zauber durchdringt ihren Geist nicht.
„Obliviate!", zaubert Hermine nochmal, doch es scheint so, als wehre sich ihr eigener Wille gegen den Zauber.
Hermine hat noch nie einen Fluch auf sich selbst gewirkt und sie fragt sich, ob es vergleichbar ist mit der Überwindung, sich selbst zu verletzen. In ihren Gedanken sucht sie einen anderen Vergleich und kommt wegen ihren Eltern auf einen Besuch beim Zahnarzt, der oft auch Überwindung kostet, doch auch dieser Vergleich hinkt. Während Hermine in der Kabine sitzt, öffnet sich die Tür zur Mädchentoilette. Das Geräusch von festen Schuhen nähert sich den Waschbecken. Vorsichtig öffnet Hermine die Tür einen Spaltbreit und sieht ein Mädchen im Spielertrikot der Gryffindor Mannschaft, welches sich gerade mit Wasser das Gesicht wäscht und anschließend die Haare zu einem Zopf bindet. An der Haarfarbe erkennt sie schnell, dass es sich um Ginny handelt und sie schreckt zurück. Leise schließt sie die Tür der Toilette und fragt sich, warum Ginny ihr Trikot und Schützer trägt, da weder Training noch ein Spiel stattfindet. Hermine denkt, dass das vielleicht Ginnys Art ist Probleme zu verdrängen oder Wut zu kompensieren, indem sie schon früh den Kopf mit Quidditch frei bekommt, während Hermine dies in den meisten Fällen nur durch interessante Bücher schafft. Sie wünscht sich, dass sie in Ginnys Kopf schauen und ihre Gedanken lesen könnte, denn um zu fragen ist es wahrscheinlich noch zu früh. Die Tür öffnet und schließt sich wieder, als Hermine plötzlich eine gewagte Idee einfällt, wie sie den Abend rekonstruieren kann. Hermine verlässt die Kabine, dreht sich zur Tür um, doch Ginny steht überraschend mit verschränkten Armen vor der Tür und schaut sie an. Ginny bemerkte sie im Spiegel, bluffte und sieht nun Hermine, deren Farbe aus dem Gesicht weicht. Für mehrere Sekunden herrscht eine bedrückende Stille, bis Ginny die Arme lockert und zu ihr spricht.
„Das mit dem Fluch tut mir leid, Hermine."
„…das war unvernünftig dich so zu bestrafen", fügt Ginny an.
„Ist schon in Ordnung. Ich hatte es verdient bestraft zu werden", flüstert Hermine wehmütig und ehrlich.
„Du hast es immer noch verdient.", berichtigt Ginny und bleibt ernst.
Hermine schaut mit den Augen vor die Füße von Ginny.
„Wir sehen uns", sagt Ginny und verlässt das Bad, um zum Quidditch Feld zu laufen.
Hermine schleicht sich aus dem Bad und zurück zu Harrys Schlafraum. Vorsichtig wagt sie einen kurzen Blick hinein und erkennt wie Ron mit dem Rücken zur ihr gerichtet auf der Bettkante sitzt und sich anzieht. Rasch schaut sich Hermine um, ob sie von jemandem beobachtet wird und als sie sich sicher ist nicht gesehen zu werden, hebt sie Pavatis Zauberstab und richtet diesen auf Harrys Nachttisch.
„Wingardium Leviosa", flüstert Hermine
Ohne einen Laut zu machen und gerade noch rechtzeitig schwebt die Karte des Rumtreibers auf sie zu. Mit großen Schritten macht sie sich auf den Weg zur gewundenen Treppe und tippt im Laufen die Karte mit Pavatis Zauberstab an.
„Ich schwöre feierlich, ich bin ein Tunichtgut!" spricht Hermine und verlässt, ohne viel Zeit zu verlieren den Gemeinschaftsraum.
Nach wenigen Minuten kommt sie am nächstgelegenen Schlossturm an und wirft einen Blick auf die Karte.
„Perfekt!", flüstert Hermine, als sie weit und breit niemanden auf der Karte sieht.
Sie faltet die Karte und packt diese in ihre Hosentasche zurück, bevor sie ihren Mund öffnet, um nochmal tief Luft zu holen. Langsam zählt Hermine innerlich von drei runter, bevor sie unerlaubt in Dumbledores Büro eindringt.
