Kapitel 54
reden
seine Gedanken in zusammenhängender Rede äußern, mitteilen
Draco lehnte an der Wand, gegenüber des Bildes von Barnabas dem Bekloppten. Er hatte mit Hermione ausgemacht, dass sie sich hier treffen würden. Letzten Zyklus. Sie hatte gesagt sie käme zum Raum der Wünsche und er hatte nicht auf sie gewartet. Er hoffte einfach, dass sie begriff, dass er hier wieder auf sie warten würde. Er würde hier warten bis sie kam und diesmal würde er nicht aufgeben.
Draco wusste nicht so wirklich wie er den letzten Zyklus einordnen sollte. Sie wusste, dass er einen Menschen getötet hatte. Sie wusste jetzt, dass jeder Todesser per Definition ein Mörder war. Trotzdem war es auch der Zyklus, in dem sie gesagt hatte, dass sie ihn liebte. Er erinnerte sich noch genau an den Moment. Er hatte nicht gewusst, was sie sagen würde. Er hatte es in dem Moment nicht Mal erwartet und er war froh, dass sie ihn dabei nicht angesehen hatte. Er wusste nicht, wie man auf eine solche Liebeserklärung reagieren sollte. Eigentlich hätte er sich freuen sollen. Aber er war einfach nur geschockt gewesen. Geschockt, dass sie davon sprechen, konnte ihn zu lieben, nach allem, was sie wusste. Er verstand es nicht und trotzdem fühlte es sich wahnsinnig gut an. Er wollte, dass sie ihn liebte. Er wollte es so sehr.
Irgendwann hörte er eilige Schritte im Gang widerhallen und als er aufsah, sah er sie um die Ecke biegen. Hermione sah etwas zerzaust aus, als hätte sie sich beeilt aufzustehen und sie trug ein einfaches Top und eine Jeanshose, wie sie sie oft angehabt hatte, als sie in der Muggelwelt gewesen waren. Doch das war jetzt unwichtig. Denn als sie ihn sah, schien sie ihre Schritte nochmal zu beschleunigen. Sie rannte praktisch auf ihn zu und bevor Draco es sich versah, hatte Hermione sich ihm um den Hals geworfen und drückte ihn fest an sich. Draco brauchte einen Moment, um die Situation zu realisieren, dann schlang er seine Arme ebenfalls um sie und erwiderte die Umarmung. Alle seine Gedanken, alle seine Zweifel verschwanden aus seinem Kopf und er drückte das zierliche hübsche Mädchen einfach nur an sich. Er vergrub eine Hand in ihren weichen Locken, die sich sofort um seine Finger wickelten und atmete tief ihren wunderbaren Geruch ein. Sie war hier bei ihm. Warum auch immer sie hier war. Es war egal.
Hermione war so erleichtert Draco vor dem Raum der Wünsche warten zu sehen, dass sie ihm um den Hals fiel. Sie hielt ihn einfach nur fest und konnte nicht verhindern, dass ihr vor Erleichterung die Tränen in die Augen traten. Sie hatte Angst gehabt, wahnsinnige Angst, dass er irgendwie nicht da sein würde. Sie hatten keinen Treffpunkt ausgemacht außer diesem. Irgendwie schien es, als wäre ihre ganze Gefühlswelt aus den Fugen geraten und müsste sich gerade erst wieder beruhigen. Sie hatte sich in den letzten Monaten so daran gewöhnt, dass Draco einfach da war, dass ihr der Gedanke er würde verschwinden wahnsinnige Angst einjagte. Ihr war diese Beziehung zu ihm noch nie so fragil vorgekommen. Sie war sich nie bewusst gewesen, wie schnell alles vorbei sein konnte und wie wenig Kontrolle sie darüber hatte. Letztendlich hatte sie sich eingestehen müssen, dass sie schon lange kein Spiel mehr spielte. Sie wusste nichtmehr, wann es passiert war, aber es war kein Spiel mehr.
„Warum weinst du Myonie", fragte Draco besorgt und sie spürte, wie er seinen Kopf auf ihren legte.
Geräuschvoll zog sie die Nase hoch und rieb ihr Gesicht an seiner Brust.
„Du darfst mich nicht einfach so verlassen, hast du das verstanden? Das darfst du nicht. Ich ertrage es nicht, wenn du weg bist und ich nicht weiß, ob ich dich wieder sehe."
„Kann man jemanden verlassen, mit dem man nicht zusammen ist?", fragte Draco und Hermione wollte wütend aufbrausen und ihn anfahren, dass er nicht einfach so sagen könnte, dass sie einander nichts bedeuten würden. Doch als sie zu ihm aufsah, wusste sie nichtmehr, wie sie es sagen sollte. Draco sah einfach nicht so aus, als würde er meinen, was er sagte. Sie sah zu genau wie glasig sein Blick war. Sie hatte nicht bemerkt, dass er mit dem Tränen gekämpft hatte. Er schien sich gerade zu sammeln.
„Ich liebe dich", sagte sie nachdrücklich und ein schmerzliches Lächeln glitt auf seine Züge.
„Weißt du überhaupt, was du da sagst. Ich habe einen Menschen getötet. Ich werde mehr Menschen töten. Wie kannst du so einfach sagen du würdest mich lieben? Das macht keinen Sinn", erwiderte er und Hermione nickte nachdenklich. Vielleicht sollten sie von vorne anfangen. Sie sollten nicht irgendwo in diesem Gefühlswirrwarr versuchen klare Gedanken zu fassen. Sie hatte das Gefühl in einem tosenden Sturm zu stehen in dem jeder sein Gegenüber nicht verstehen konnte.
„Lass uns da rein gehen und reden, okay? Lass uns einfach drüber reden so wie wir über so vieles geredet haben. Ich denke, dann wissen wir, ob es ein Wir gibt und ob es ein zusammen oder verlassen gibt, okay?"
Draco musterte sie einen Moment dann nickte er zögerlich.
„Wenn du meinst, dass es hilft."
Hermione konnte nicht verhindern, dass sich ein bitterer Zug auf ihr Gesicht schlich. Sie hatte genug Therapiestunden in ihrem Leben gehabt, um zu wissen, dass Reden und Selbstreflexion doch manchmal helfen konnten. Sie halfen wenigstens sich selbst zu verstehen und zu akzeptieren. Sie waren beide durcheinander. Irgendwie würden sie dieses Chaos entwirren müssen.
„Es hilft", sagte sie und nahm Draco bei der Hand. Sie öffnete die Tür zum Raum der Wünsche und das Zimmer mit dem großen roten Bett und der Couch vor dem Feuer erschien. Hermione führte Draco zum Sofa und sie setzten sich nebeneinander. Hermione kickte ihre Schuhe weg und setzte sich in den Schneidersitz Draco gegenüber. Er zögerte einen Moment, dann tat er es ihr gleich. Hermione griff nach seinen Händen und hielt sie fest. Draco sah ziemlich verunsichert aus.
„Also, wo fangen wir an?", sagte Hermione mehr zu sich selbst und spielte unsicher mit seiner Hand.
Draco wusste nicht, was er von der Situation halten sollte. Hermione wirkte so unglaublich gefasst, nachdem sie in seinen Armen geweint hatte. Er wünschte sich er würde sich nur halb so selbstsicher fühlen, wie sie aussah.
„Wen hast du getötet?", wollte sie wissen und Draco hatte diese Frage fast erwartet. Er zögerte einen Moment. Aber sie wusste so viel. Sie würde es sowieso herausfinden, wenn sie es darauf anlegte. Er atmete tief durch und versuchte seine Panik zu unterdrücken. Ihre Finger strichen über seine Hände, spielten mit ihnen und irgendwie half das Gefühl ihm, sich zu sammeln.
„Florean Fortescue", sagte er gefasst und Hermione sah tatsächlich überrascht aus.
„Den Eissalonbesitzer aus der Winkelgasse?", fragte sie nach und Draco nickte. Immer wenn er jetzt Eis sah, musste er daran denken. Einer der Gründe, warum er kein Eis mehr mochte.
„Was hat er getan, damit er sterben sollte?"
Draco zuckte nur mit den Schultern.
„Ich weiß es nicht. Es ist nicht so, dass der Dunkle Lord mir erklärt hätte, warum er sterben sollte. Ich weiß, dass er gefoltert wurde, er hatte wohl irgendwelche Informationen, die der Dunkle Lord wollte. Aber ich weiß nicht, welche und ob er sie verraten hat."
Hermione nickte wieder und dann sah sie zu ihm auf und da war so ein ganz sanfter Gesichtsausdruck auf ihrem Gesicht, als sie seine Hände sanft umfasste.
„Ich verstehe. Und ich finde es schrecklich, dass du das getan hast. Das du es tun musstest. Aber trotzdem bin ich froh, dass du lebst. Ich kann dich lieben, auch wenn du ihn getötet hast. Denn ich verstehe, warum du es getan hast. Es war nicht aus Bösartigkeit."
Draco wusste einen Moment nicht, was er sagen sollte. In seinem Kopf machten ihre Worte keinen Sinn.
„Ich bin ein Verbrecher, dem Gesetz ist es egal warum ich es getan habe", sagte er tonlos und Hermione schnaubte.
„Du wurdest dazu gezwungen. Es war nicht richtig, nein. Aber ich bin in das Zaubereiministerium eingebrochen. In die geheimste, verschwiegenste Abteilung. Bei unserer Flucht wurden Jahrzehnte an Forschung und kostbaren Gegenständen zerstört. Mich hat niemand gezwungen und der einzige Grund, warum ich nicht verurteilt wurde war, weil die Rückkehr von Du-Weißt-Schon-Wem alles überschattet hat. Ich habe jahrelang einen gesuchten Verbrecher gedeckt, auch wenn er unschuldig war und ihm auch noch zur Flucht vor dem Ministerium verholfen, als er gefasst wurde. Ich habe mehr als ein magisch heikles Gesetz gebrochen, Menschen erpresst und immer getan, was getan werden musste. Ich glaube nicht, dass ich ein gesetzestreuer Mensch bin. Manchmal fordert es Gesetze zu brechen, um das richtige zu tun. Der Meinung war ich immer."
„Ich glaube nicht, dass das wirklich vergleichbar ist. Sollte der Dunkle Lord fallen, wird man mich dafür nach Askaban bringen."
„Es gab immer Todesser, die freigesprochen wurden. Snape wurde freigesprochen, obwohl er das Dunkle Mal hat. Weil er im ersten Krieg für Dumbledore spioniert hat", argumentierte Hermione, doch Draco brachte es nur zum Schnauben.
„Du glaubst doch nicht, dass es irgendwie bekannt ist, wie das Dunkle Mal geschaffen wird. Keiner weiß es außer uns Todessern und wir schweigen dazu. Du bist die Einzige, die es weiß, weil du mich und Tante Bella belauscht hast."
Hermione musterte ihn einen Moment. Dann kniff sie die Augenbrauen zusammen und schien über etwas nachzudenken. Zu gerne hätte Draco jetzt ihre Gedanken gelesen. Aber sie würde es ihm wahrscheinlich übelnehmen, wenn er jetzt Legilimentik gegen sie einsetzte.
„Du musstest das unter Zwang tun. Deine Tat erfüllt nur sekundäre Mordmerkmale. Natürlich konnte er sich nicht wehren, aber du hast es nicht aus Hass, Grausamkeit oder Böswilligkeit heraus getan."
Sie schluckte und atmete tief ein. Es fiel ihr also doch ziemlich schwer über die Konsequenzen nachzudenken, die sein Handeln nach sich zog.
„Selbst wenn dir das keiner glauben sollte", fuhr sie fort, „warst du noch nicht volljährig. Ich glaube nicht, dass sie dich nach Askaban schicken. Ihr habt genug Geld für gute Anwälte. Außerdem gibt es keinen Grund, dass es jemals irgendwer anders erfahren muss. Ich werde nicht diejenige sein, die dich nach Askaban bringt."
„Du würdest das Ministerium anlügen, wenn sie dich danach fragen?", wollte Draco fassungslos wissen und Hermione reckte das Kinn und streckte die Schultern durch.
„Es wäre nicht das erste Mal. Ich habe immer getan, was ich für das richtige hielt. Gesetze und Regeln sind nicht für jede Situation Ideal. Sie sind für Standartsituationen gemacht. Aber wir befinden uns nicht in Standartsituationen. Was glaubst du war das mit Dumbledores Armee und Umbridge letztes Jahr. Glaubst du wir wussten nicht, dass wir uns dem Zaubereiministerium widersetzen und sie nur nach Gründen gesucht haben Harry zu beschuldigen an Umsturzversuchen gegen die Regierung beteiligt zu sein. Dumbledores Armee war meine Idee. Ich habe da genauso drinnen gesteckt."
Draco musterte Hermione überrascht. Aber eigentlich sollte er nicht verwundert sein. Er hatte immer gewusst, dass sie eine Widerstandskämpferin war, dass sie stark war und unbeugsam. Es war der Grund gewesen warum er sich von ihr so angezogen gefühlt hatte. Weil sie nicht weinend zusammen gebrochen war, nachdem er sie missbraucht hatte, sondern aufgestanden war um ihn mit dem Todesfluch zu ermorden.
Draco konnte nicht umhin zu lächeln. Sie war eine Wahnsinnsfrau.
„Du hast dir wirklich Rita Kimmkorn als Animagus auf den Fenstersims gestellt, oder?", wollte Draco wissen und Hermione schnaubte nun ebenfalls belustigt.
„Ja, das habe ich. Sie hat falsche Behauptungen über mich aufgestellt und ich wusste mir nicht anders zu helfen. Ich wusste damals nicht wie das Rechtssystem der Zaubererwelt mit sowas umgeht und keiner konnte mir helfen. Also musste ich mir selbst helfen."
Draco musste schmunzeln. Er drückte ihre Finger und führte sie zu ihren Lippen, um sie zu küssen.
„Erinnere mich daran, dich niemals zu verärgern. Ich sollte froh sein, dass ich bis jetzt immer so glimpflich davongekommen bin, obwohl ich dich dauernd beleidigt und gemobbt habe."
„Es war mir egal", antwortete Hermione schlicht und Draco hob eine Augenbraue. Er glaubte nicht, dass ihr sowas egal sein konnte.
„Warum war es dir egal, wenn ich dich Schlammblut nenne?", fragte Draco ungläubig.
„Egal ist vielleicht das falsche Wort. Du warst der Erste, der mich jemals so genannt hat und damals war ich schon ziemlich verletzt."
„Und jetzt?"
„Es ist ein Begriff, der für dich fast mehr Bedeutung hat, als für mich. Du drückst damit deinen ideologischen Standpunkt aus und versuchst dich von mir abzugrenzen. Es sagt also weniger über mich, als über dich aus", erklärte sie. „Das Wort macht nicht mich schlecht, sondern macht dich zu einem Rassisten."
„Und warum stehst du dann darauf, wenn ich dich so nenne?", fragte Draco anzüglich und jetzt musste auch Hermione grinsen. Sie stand auf und glitt auf seinen Schoß. Wie von allein fanden seine Hände die Rundungen ihrer Hüfte, um sich darauf zu platzieren. Hermione beugte sich etwas zu ihm rüber und er sah ihr amüsiertes Blitzen in den Augen.
„Vielleicht stehe ich einfach darauf mit einem bösen Jungen dreckigen Sex zu haben", wisperte sie verführerisch gegen seine Lippen. „Also macht es mich an, wenn du mir immer und immer wieder beweist, was du für ein hoffnungsloser Mistkerl du bist."
Bevor er etwas erwidern konnte, presste sie ihre Lippen auf seine und Draco dachte bei sich, dass er sehr gut damit leben konnte ein Mistkerl zu sein, wenn sie ihn dafür so küssen würde.
Es tat wahnsinnig gut auf Dracos Schoß zu sitzen und ihn zu küssen. Zu reden gab ihr das Gefühl Kontrolle über die Situation zurück zu bekommen. Zu verstehen, was Draco quälte und wo seine Ängste lagen würde ihr ermöglichen ihm zu helfen. Sie würde nicht zulassen, dass er nach Askaban kam. Nicht für etwas das ihn selbst so sehr quälte, dass er glaubte sie könnte ihn nicht lieben, wenn sie es wüsste. Er war mehr als das. Mehr als das, was andere versuchten aus ihm zu machen. Er war ihres.
Schwer atmend lösten sie sich voneinander und Hermione sah zufrieden auf Draco hinunter. Er legte seine Hand an ihr Gesicht und streichelte sanft mit dem Daumen ihre Wange. Glücklich schloss sie die Augen und genoss die Berührung.
„Myonie", sagte Draco leise und sie sah ihn wieder an. Er sah noch immer so unglaublich besorgt aus.
„All das ändert nichts daran, dass ich Dumbledore töten muss, wenn ich will das meine Mutter überlebt."
Hermione maß ihn mit einem langen nachdenklichen Blick. Ja, er hatte Recht. Er war nicht frei. Egal was in der Vergangenheit passiert war, es war die Zukunft, die ihn beherrschte. Nichts was er getan hatte würde das Problem sein, sondern was von ihm verlangt wurde. Draco hatte es selbst gesagt. Er würde seine Mutter nicht sterben lassen. Egal ob er das Mal trug oder nicht. Das Dunkle Mal loszuwerden und Draco zu befreien, würde seine Mutter nicht beschützen.
Hermione atmete tief ein und legte ihre Stirn auf Dracos. Gequält schloss sie die Augen als sie langsam zu sprechen begann.
„Dumbledore wird sterben, egal was du tust. Ich würde es vorziehen, wenn nicht du der Grund sein musst, aus dem Dumbledore stirbt. Ich will nicht, dass du ihn tötest, denn ich weiß nicht, ob du da nochmal rauskommst. Ich hoffe einfach, dass wir einen besseren Weg finden."
„Warum kümmert es dich überhaupt? Dass du dich in mein Leben verwickeln lässt, macht es nicht einfacher für dich. Warum tust du dir das an?", fragte Draco und zwang sie ihn anzusehen. Hermione biss sich auf die Unterlippe. Sie wusste genau, warum sie sich einmischte. Sie kannte sich selbst gut genug. Aber würde Draco es verstehen? Sie hatte ihm so viel offenbart. Machte das jetzt noch einen Unterschied?
„Ich wollte immer irgendwo hingehörten. Das weißt du. Als ich hier nach Hogwarts kam, wollte ich unbedingt dazugehören, aber ich war eine Außenseiterin. Ich war die spleenige Streberin mit den Muggeleltern. Als dann Harry und Ron meine Freunde wurden, habe ich alles für sie getan. Ich habe Schulregeln gebrochen, bin in die Verbotene Abteilung geschlichen. Habe Verbrecher gedeckt, die Zeit manipuliert, Vielsafttrank gebraut, Menschen erpresst und bin ins Ministerium eingebrochen. Ich wurde irgendwie ein Teil dieses Krieges und ich würde es nicht anders wollen. Ich habe es für Harry getan, weil er mein Freund ist und irgendwann auch für mich selbst, weil ich Ungerechtigkeit nicht ertragen kann."
„Wir sind aber keine Freunde", sagte Draco sanft und Hermione musste lächeln.
„Nein, wir sind keine Freunde. Aber ich tue dumme und gefährliche Dinge für meine Freunde. Warum darf ich dann nicht noch dümmere und gefährlichere Dinge tun, für den Menschen, den ich liebe?"
„Myonie", sagte Draco ernst und sah sie an. „Egal was wir empfinden, es wird kein uns nach der Zeitschleife geben. Ich hoffe das ist dir klar. Ich will dir keine falschen Versprechungen machen."
„Und das schätze ich an dir. Das du mir nicht sagst, dass wir ewig zusammen bleiben, auch wenn es eine Lüge ist. Das du mir zuhörst, mich ernst nimmst, auch wenn wir nicht einer Meinung sind. Das du mich respektierst und mit mir diskutierst, weil du dich für meine Gedanken interessierst. Es muss kein uns nach der Zeitschleife geben. Aber du darfst mir trotzdem wichtig sein. Es ist unmöglich, dass Draco Malfoy für mich ein Mensch wird, der ohne Bedeutung für mich ist. Ich könnte es nicht ertragen, wenn dir etwas geschieht. Egal ob es ein uns gibt oder ein du und ein ich. Du gehörst zu den Menschen auf der Welt, die mir etwas bedeuten und das wird sich auch nichtmehr ändern."
Draco nickte langsam. Er strich über ihre Lippe und einen Moment hatte sie das Gefühl er müsste die Tränen zurückhalten.
„Ich verstehe", sagte er mit kratziger Stimme und lächelte ein schmerzliches, glückliches Lächeln. „Du wirst mir auch nie wieder egal sein können."
Hermione drückte ihr Gesicht an seine Hausbeuge, zog sich ganz nah an ihn und genoss seine Nähe. Eine Weile saßen sie einfach nur so beieinander. Hingen ihren eigenen Gedanken nach und Hermione war sich sicher, dass Draco es wert war, verdammt viele dumme Dinge zu tun. Weil es einfach nur ungerecht war, was mit ihm geschah. Es war einfach nicht fair.
Trotzdem machte sie sich keine Illusionen, dass jemand das verstehen konnte. Sie konnte rational betrachtet den Unterschied, zwischen einem Mord und einer erzwungenen Tötung erkennen. Sie hätte es nicht ertragen, wenn er wirklich einen Menschen aus niederen Motiven ermordet hätte. Gezwungen zu werden machte die Tat zwar nicht weniger schrecklich, aber sie machte sie in ihren Augen ertragbar.
Hermione glaubte nicht, dass ihre Freunde das auch so sehen würden. Betrübt dachte sie an letzten Zyklus. Sie dachte an Ron und sie wusste, irgendwas war kaputt gegangen, als er ihre Gefühle für Draco einen Witz genannt hatte. Es war nicht seine Schuld. Er sah nur eine Momentaufnahme. Aber es tat trotzdem weh.
Nachdenklich ließ sie das Gespräch Revue passieren. Da war etwas, das keinen Sinn ergab. Es war etwas, das Ginny gesagt hatte und irgendwie hatte sie das Gefühl, dass es damit zusammenhing, dass Draco niemals in Betracht zog, dass sie außerhalb der Zeitschleife zusammen sein konnten.
„Draco?", fragte sie und sah ihn wieder an.
„Hm?", grummelte er leise und ihm war anzusehen, dass er sie lieber noch etwas länger festgehalten hätte.
„Wer sind die Unantastbaren?", wollte sie wissen und Dracos Mine verdüsterte sich augenblicklich.
„Du hast nie davon gehört?", vergewisserte er sich und Hermione schüttelte den Kopf. Sie hatte keine Ahnung, sonst hätte sie ihn nicht danach gefragt.
Draco setzte sich etwas anders hin und Hermione rutschte von seinem Schoß. Er griff nach ihrer Hand und strich zögerlich über ihre Finger. Fuhr mit seinem Zeigefinger die Konturen ihrer Hand nach.
„Es ist nicht so, dass das eine wirkliche Bezeichnung wäre. Also nichts Offizielles. Es ist lediglich ein anderer Begriff für diesen Klüngel, der die Macht in der magischen Gemeinschaft hat."
„Wie meinst du das, die Macht?", wollte Hermione irritiert wissen und Draco reckte etwas unbehaglich die Schultern.
„Es gibt einen Zaubereiminister und ein Ministerium. Sie regieren England. Aber die wirkliche Macht liegt bei den alten reinblütigen Familie, bei den Unantastbaren wie wir uns selbst nennen. Wir haben das meiste Geld und den meisten Einfluss in der magischen Gesellschaft. Wir sind alle miteinander verwandt. Generationen andauernde Blutsverwandtschaft und Familienbande haben uns reich werden lassen. Beziehungen sind die Währung, mit der wir zahlen und Geld das Mittel, um den Rest der Bevölkerung ruhig zu stellen. Im Ministerium passiert nichts, ohne dass wir Einfluss darauf haben. Wir heiraten nur untereinander, um den Reichtum und die Macht unserer Familien zu mehren und so die Führungsrollen in der magischen Gesellschaft einzunehmen."
„Das ist es, was Ginny gemeint hat, oder? Das du mich verlassen wirst, weil du einer von Ihnen bist", sagte Hermione bedrückt. Draco musterte einen Moment ihre verschränken Hände, dann sah er zu ihr auf.
„Ja", gab er zu. „Aber deine kleine Weasley soll sich nicht so aufspielen. Auch sie ist schließlich eine von uns. Die Weasleys sind ebenfalls Teil der Unantastbaren. Auch wenn ihre Familie in der letzten Generation tief gefallen ist, gehören sie dennoch zu uns."
Irritiert runzelte Hermione die Stirn. Sie hatte nie zwei Zaubererfamilien gesehen, die unterschiedlicher waren als die Malfoys und die Weasleys. Noch dazu waren die Weasleys arm und das passte nicht zu Dracos Beschreibung der Unantastbaren.
„Schwer zu glauben, oder?", sagte Draco der ihren Gesichtsausdruck bemerkt hatte und schmunzelte.
„Die Weasleys sind nicht gerade eine Familie, die sich auf Ränkeschiede einlässt", sagte Hermione und Draco lächelte amüsiert.
„Unterschätze sie nicht. Sie kennen wahnsinnig viele Leute und haben ein großes Netz von Unterstützern. In meiner Großelterngeneration gab es einmal einen Zaubereiminister der Muggelstämmig war. Der Erste, der es in dieses Amt geschafft hat. Ein paar von uns hat das gar nicht gefallen. Unter anderem meiner Familie. Die Weasleys haben ihn unterstützt und gefördert. Als er letztendlich nach einer Verschwörung abgesetzt wurde, hat es sie ihr ganzes Vermögen und ihren Reichtum gekostet. Es war eine politische Schlammschlacht, die die Weasleys verloren haben. Einer der Gründe, warum ihre und meine Familie nicht sonderlich gut miteinander auskommen. Es hat sie in die Armut getrieben, aber auch das wird nicht ewig so bleiben. Sieh dir den Scherzartikelladen in der Winkelgasse an. Es ist zwar nur ein Anfang aber auch sie werden sich den Weg zurück erkämpfen. Wo Beziehungen sind, ist Einfluss und wo Einfluss ist, ist Macht und Geld."
„Die Weasleys sind nicht so. Sie sind nicht manipulativ. Sie sind einfach eine normale nette Familie", beharrte Hermione.
Draco grinste belustigt und wickelte eine ihrer Haarsträhnen um seinen Finger.
„Ich habe ihnen nicht unterstellt, dass sie manipulativ sind. Ich weiß nicht mal ob sie die Unantastbaren und ihren Einfluss genauso sehen wie ich. Aber Fakt ist. Sie kennen viele Leute und wenn nun einer der Weasleys einen Laden in der Winkelgasse mieten will, dann wird er sich nicht in eine lange Liste von Bewerbern eintragen und warten bis er dran ist. Sondern er wird zu Onkel Alfons oder Onkel Bartholomäus gehen und ihn fragen, ob er nicht jemanden kennt, der jemanden kennt der weiß ob bald ein Geschäft frei wird. Ich bin sicher irgendjemand kennt jemanden und dann kann man auf denjenigen zugehen und den Laden sofort übernehmen. Das ist für den Vermieter einfacher, denn er kennt den neuen Mieter und seine Familie. Es ist eine Sicherheit für ihn, dass er immer jemanden kennt, den er belangen kann. Und so kommen die Weasley Zwillinge zu ihrem Laden. Ganz ohne sich in die lange Vergabeliste für Anwärter auf Ladengeschäfte in der Winkelgasse schreiben zu müssen."
Hermione wollte einen Moment widersprechen. Aber sie war sich einen Moment nicht sicher, ob Fred nicht von einem Großonkel erzählt hatte, der ihm mit dem Geschäft geholfen hatte.
„Ich unterstelle ihnen keine Böswilligkeit", fuhr Draco fort. „Es ist eine Vorteilnahme durch Beziehungen. So funktionieren die Unantastbaren. Wir sind uns nicht immer einig. Nicht mal alle sind auf der Seite des Dunklen Lords oder gegen ihn. Es gibt auch neutrale Parteien. Aber dies ist der Klüngel, der die Zaubererwelt regiert. Die Malfoys, die Weasleys, die Notts, die Parkinsons, die Longbottoms… Flint, Macmillan, Shacklebolt, Abbot und Slughorn um nur ein paar Namen zu nennen. Insgesamt sind es ca. dreißig Familien. Die Bezeichnung „Die Unantastbaren" kommt von einer Liste die Notts Vater in seiner Jugend verfasst hat. Dort stehen zwar nur 28 Familien drauf, aber es gibt noch drei oder vier Familien mehr, die Muggelblut in der Ahnenlinie haben, die ich aber noch immer zu den Unantastbaren zählen würde. Die Smiths oder Abbotts sind da ein Beispiel."
Hermione starrte Draco fassungslos an und in ihrem Gehirn begann es zu arbeiten. Sie dachte darüber nach was Draco gesagt hatte und irgendwie klang es so wahnsinnig einfach und logisch. Es war nicht so viel anders als in der Muggelwelt. Nur gab es viel mehr Muggel. Doch auch in der Muggelwelt blieben die Gesellschaftsschichten meist unter sich. Reiche Menschen heirateten andere reiche Menschen und arme Menschen heirateten andere arme Menschen. Manchen gelang der gesellschaftliche Aufstieg, aber das war nichts, was einfach war oder oft vorkam. Langsam begann sie zu verstehen, wie alles zusammenhing. Wahrscheinlich war Reinblütigkeit nicht von Anfang an ein Auswahlkriterium für Ehepartner gewesen. Aber wenn sich die Zaubererelite nur in ihren eigenen Kreisen bewegte, war es schwer Menschen zu begegnen die nun mal nicht reinblütig waren.
„Und weil ich keine von euch bin, würdest du in der linearen Zeit niemals mit mir zusammen sein", sagte Hermione verletzt. Es war ein wahnsinnig schmerzhafter Gedanke, einfach nicht gut genug zu sein.
„Nicht genau deswegen", sagte Draco und hob ihr Kinn etwas an. Er musste erkennen, wie es in ihr aussah.
„Meine Familie gehört einem politischen Lager an, das dem Dunklen Lord nahe steht. Das weißt du. Reinblütigkeit wird bei uns nicht nur als politischer Vorteil gedacht, sondern als Voraussetzung für die Familienzugehörigkeit. Sie haben meine Tante und meinen Onkel verstoßen, weil sie sich nicht daran halten wollten. Sie haben meinen Bruder weggegeben, weil er nicht dem reinblütigen Ideal entsprach. Ich hasse den Gedanken mich dem beugen zu müssen. Ich wünschte mir, dass es einfach egal wäre. Aber auch meine Familie ist etwas, das mir niemals egal sein kann. Ich habe Verpflichtungen ihnen gegenüber."
Hermione musterte ihn und Draco wirkte nicht glücklich mit dem, was er sagte und sie war auch nicht glücklich damit. Einen Moment wünschte sie sich sie könnte es nicht verstehen. Einen Moment wünschte sie sich sie könnte einfach wütend auf ihn sein, weil er ihr sagte, dass sie als muggelstämmige Hexe nicht gut genug für ihn war. Aber die Wahrheit war eine andere. Es ging nicht darum, ob sie Muggelstämmig war oder nicht. Es ging nicht um sie. Es ging nur um die Traditionen und Wünsche ihrer Familien.
Ihre eigenen Eltern wollten, dass sie Medizin, Jura oder Wirtschaftswissenschaften studierte und in das Familiengeschäft mit einstieg. So wie es alle aus der Familie taten. Dabei war es egal, was sie wollte. Ob sie eine Hexe oder Musikerin hätte sein wollen. Sie durfte alles tun, solange es darauf hinauslief, dass sie für die Familie erhalten blieb und nichts, wenn sie es nicht tat. Bei Draco war es genauso. Es war die Entscheidung zwischen Freiheit und Familie. Der Gedanke war ihr nicht so fremd wie sie es sich wünschen würde. Denn als Hexe war sie frei und als Muggel hatte sie zwar keine Freiheit aber eine Familie.
„Vielleicht treffen wir uns irgendwann mal", sagte Hermione mit einem bitteren Lächeln. „Wenn ich meinen Zauberstab abgegeben habe und eine Klinik führe, um mich auf Vorstandsaufgaben vorzubereiten. Irgendwann, wenn du eine wichtige reinblütige Hexe geheiratet hast, die deiner Familie viel Einfluss bringt. Vielleicht treffen wir uns dann und denken an heute zurück, als wir noch frei waren."
Hermione konnte nicht verhindern, dass ihr bei den Worten die Tränen in die Augen stiegen. Sie konnte nicht verhindern, dass sie fürchterlich zu weinen begann, weil der Gedanke sich so real und grauenvoll anfühlte. Es war eine Zukunft die realistischer war als vieles andere und sie hasste den Gedanken daran.
Hermione spürte, wie Draco sie in den Arm nahm und sie spürte das Beben seiner Brust, als auch er gegen die Tränen ankämpfte und es fühlte sich schrecklich an zu wissen, dass es realistisch war, dass sie niemals eine Chance hatten.
Draco konnte kaum verhindern, dass er weinte. Er hasste es zu weinen, dann fühlte er sich immer so schwach und er durfte nicht schwach sein. Trotzdem konnte er nicht verhindern, dass er seine Augenwinkel brennen spürte. Er schluckte die Tränen runter. Der Gedanke, dass sie irgendwann nichtmehr bei ihm war, war unerträglich und doch durfte er niemals vergessen, dass das, was sie gerade beschrieben hatte, der wahrscheinlich beste realistische Ausgang für ihre Situation war. Denn es implizierte, dass sie lebte. Es implizierte, dass er lebte und es implizierte, dass es eine Zukunft gab, in der sie keine Feinde waren. Es war die beste Zukunft, auf die er hoffen konnte.
Nachwort:
Hermione als chronische Regelbrecherin darzustellen erscheint im Anbetracht ihrer Rolle im Fandom etwas ungewohnt. Aber ich denke dabei an den ersten Harry Potter Band zurück und es ist sogar eine Szene, die es in die Filme geschafft hat. Es ist der Grund, warum Harry Potter mit Hermione Granger befreundet ist. Es ist nicht, weil sie klug und intelligent und warmherzig ist. Sie sind befreundet, weil Hermione im entscheidenden Moment knallhart alle Regeln missachtet hat, die Lehrer angelogen hat und für Harry in die Bresche gesprungen ist, um ihn zu beschützen (Stichwort Troll). Es war der Beginn ihrer Freundschaft und eine solche Szene hat auch immer eine Aussagekraft. Es soll etwas über einen Charakter aussagen und ich finde diese Szene wunderbar, um die Tiefgründigkeit von Hermiones Charakter festzuhalten.
Diese Eigenschaften, die sie in dieser Szene an den Tag legt, ziehen sich durch alle Bände. Hermione behält immer den Überblick über die Situation und kann im entschiedenen Moment besonnen und kontrolliert lügen. Sie tut es bei Umbridge im fünften Band. Sie tut es bei den Greifern im siebten Band. Es ist Teil ihres Charakters. Regeln findet sie gut, aber aus den richtigen Gründen ist sie immer bereit sie zu brechen. Sei es, um Vielsafttrank zu brauen, Sirius mit dem Zeitumkehrer zu retten, Dumbledores Armee zu gründen oder ins Ministerium einzubrechen. Sie ist nicht Obrigkeitshörig. Mitnichten!
Und Hermione möchte beschützen. Anderen zu helfen ist ihr ein Anliegen. Es bestimmt ihren Charakter mehr als alles andere. Es ist ihre erste Handlung in den Büchern, als sie Neville hilft Trevor zu finden. Es ist ihre Charaktereinführung. Sie geht nicht ziellos durch den Zug oder Zufällig. Sie hilft einem Mitschüler. Es zieht sich durch alle Bücher, z.B. als sie herausfinden möchte, was in der Kammer des Schreckens ist, oder als sie verzweifelt Hagrid bei Seidenschnabels Prozess zu helfen versucht oder die Sache mit den Hauselfen, denen sie zu einem besseren Leben verhelfen will. Es sind diese Aspekte, die für mich viel über Hermione aussagen.
Hermione ist die helfende Hand jenseits aller Regeln und Gesetze. Es ist ihr Charakter.
Sie tut all dies nicht blind, nicht ohne zu zögern und ohne zu reflektieren. Aber ich denke, dass sie sich des Regelbruchs viel deutlicher bewusst ist, als der impulsive Harry. Denn Hermione ist rationaler Verstand und mit diesem rationalen Verstand kann sie Draco als Mörder akzeptieren.
LG
Salarial
