Kapitel 2 - Der Brief

Fünfundzwanzigster Juni Neunzehnhundertneunzig

Sehr geehrte Frau Professor McGonagall,

wie mit Professor Dumbledore besprochen, sende ich Ihnen die Liste der benötigten Schulbücher und Materialien für die Fächer Arithmantik und Alchemie der Jahre drei bis sieben.

Schüler und Schülerinnen, die meinen Alchemie-Unterricht besuchen wollen, müssen mindestens ein „Ohnegleichen" in den Fächern Zaubertränke und Verwandlung in ihren ZAGs erreicht haben. Im Fach Zauberkunst sollte mindestens ein „Erwartungen übertroffen" erreicht worden sein.

Für Arithmantik in den UTZ-Stufen reicht ebenfalls ein „Erwartungen übertroffen" oder besser in dem entsprechendem ZAG.

Mir ist bewusst, dass meine Anforderungen für Alchemie recht hoch sind. Ich werde jedoch auch kleinere Klassen von mindestens zwei Lernenden unterrichten, sollten sich welche für das Fach interessieren.

Hochachtungsvoll

Amina Tahnea

Anlagen

Liste der benötigten Materialien der Jahre drei bis sieben: Arithmantik

Liste der benötigten Materialien der Jahre sechs bis sieben: Alchemie

Ein lautes Klopfen war an der Tür zu Albus Dumbledores Büro zu hören. Gerade war er noch in ein Gespräch mit Severus Snape, dem Lehrer für Zaubertränke an der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei, vertieft gewesen.

„Herein.", sprach er gegen die geschlossene Tür mit seiner geduldigen Stimme. Eine aufgebrachte Professorin McGonagall, Stellvertretende Schulleiterin und Lehrerin für Verwandlung, öffnete die Tür. In ihrer Hand hielt sie einen Brief. „Ah Minerva, was kann ich für Sie tun?", fragte Dumbledore seine treue Stellvertreterin. „Albus, ich habe soeben ein Brief von Miss Tahnea erhalten.", fing sie an zu erklären und durchschritt dabei in schnellem Lauf das Büro des Schulleiters. „Diese Frau erwartet Unmögliches von unserer Schülerschaft.", fing sie entrüstet an.

Interessiert und auch fragend wandte sich Severus seiner Kollegin zu. Von ihm wurde regelmäßig behauptet, seine Anforderungen an seine Klassen seien zu hoch. Anscheinend machte die neue Lehrerin bereits einen bleibenden ersten Eindruck.

Dumbledore schien auf eine nähere Erklärung zu warten und sah Minerva dabei interessiert an. „Sie verlangt für Alchemie von den Klassenmitgliedern ein O in Zaubertränke und Verwandlung sowie mindestens ein E in Zauberkunst.", verkündete die streng wirkende Lehrerin. „Ich streite nicht ab, dass wir Lernende haben, die diese Anforderungen erfüllen, doch sind sie zu hoch gesetzt. Das Klassenzimmer wird leer sein.", erklärte sie aufgebracht ihrem Vorgesetzten.

„Beeindruckend.", stellte Severus mit einer gewissen Überraschung in der Stimme fest. Seiner Meinung nach waren diese Mindestanforderungen äußerst realistisch gesetzt. Die Alchemie war ein kompliziertes Themengebiet, dass viel Verständnis für Zusammensetzung und Reaktion erforderte. Nur die besten Schülerinnen und Schüler konnten die Leistung erbringen, die dieses zusätzliche Fach in den Oberstufen forderte. Er selbst schnitt dieses komplexe Themengebiet in seinem Unterricht lediglich oberflächlich an, er hatte jedoch den Alchemie-Unterricht in seiner Schulzeit besucht und hatte sich auch, im Rahmen seiner Lehre zum Tränkemeister, einiges an Wissen in diesem Gebiet aneignen können.

„Minerva, diese Anforderungen scheinen mir durchaus passend zu sein, wenn auch für viele Lernende schwer zu erreichen.", versuchte Albus die Hexe zu beruhigen. „Aber Albus. Wer um Merlins Willen soll den bitte dieses Fach belegen?" „Ich denke, es werden sich einige Talentierte finden lassen. Vielleicht sollten wir sie die Mitglieder aller Häuser gleichzeitig unterrichten lassen? Dann sind die Klassen nicht so klein.", schlug er in beruhigendem Ton vor. „Alle Häuser zusammen? Das wäre das einzige Fach, in dem das der Fall ist. Denken Sie, das ist eine gute Idee?", fragte die, etwas besänftigte, Hauslehrerin der Gryffindors.

„Aber natürlich. Ist Alchemie nicht das Fach, in dem die Zusammensetzung der verschiedenen Elemente und deren Wirken auf- und miteinander erforscht wird?" Mit seinen blauen Augen schaute der Schulleiter auf seine Kollegin. Diese nickte einige Male, schien dennoch weiterhin skeptisch zu sein.

„Ich hoffe, Sie haben recht. Mir scheint diese Person doch eher sonderlich zu sein." Diese Worte entlockten dem Schulleiter ein Lächeln. „Ja, ich denke, das ist sie auch. Sie sollten sie eigentlich noch in Erinnerung haben, Minerva. Amina hat vor elf Jahren ihren Schulabschluss gemacht. Ein Jahr nach unserem Severus hier." Albus nickt in Richtung des Tränkemeisters. „Sie war damals die Jahrgangsbeste, durfte eine Lehre bei meinem alten Freund Nicolas Flamel und seiner Frau Perenelle machen. Zudem war das arme Mädchen mit gerade Mal zweiundzwanzig Jahren groß in den Zeitungen. Sie wurde damals wegen des Mordes an ihren eigenen Eltern und der Todesserei angeklagt." Mit belegter Stimme fuhr der Schulleiter fort: „Sie hatte damals die Abteilung für Magische Strafverfolgung verständigt, nachdem sie erfuhr, dass ihre Eltern auf der Suche nach Voldemort mehrere unschuldige Muggel und Zaubernde gefoltert und getötet hatten. Im Kampf wurde sie am Auge schwer verletzt. Danach stand sie selbst im Verdacht, eine Todesserin zu sein. Sie verbrachte zwei Jahre in Askaban, bevor man sie in allen Anklagepunkten freisprach."

Seine Kollegen sahen ihn beide mit erschrockenen Gesichtern an. „Kennen Sie sie?", fragte Minerva den Schwarzhaarigen direkt. Dieser sah sie reglos an. „Nein. Ich hatte von ihren Eltern gehört, bin ihnen aber nie begegnet. Sie standen wohl in der Schuld des Dunklen Lords. Aileen Tahnea war ein Reinblut.", antwortete er. Dann schien ihm noch etwas einzufallen.

„Der Dunkle Lord bat mich einst, ihm für die Tahneas eine Haarsträhne und eine Erinnerung zu überlassen. Doch wofür habe ich nie erfahren." „Interessant.", murmelte Albus.

„Können wir ihr trauen?" Severus zog abwartend eine seiner Augenbrauen hoch. Der Schulleiter seufzte schwer. „Ich weiß es nicht, Severus. Ich konnte bei unserem Gespräch keinerlei Erkenntnis darüber erlangen. Sie ist eine hervorragende Okklumentorin. Nicht das kleinste Gefühl, nicht den Hauch eines Gedankens konnte ich spüren. Es war einer der Gründe, warum ich sie eingestellt habe. Sie ist entweder eine mächtige Verbündete oder eine mächtige Feindin. Um das herauszufinden, bitte ich Sie beide, sie ein klein wenig im Auge zu behalten. Vielleicht gelingt es Ihnen ja, in ihren Geist zu blicken." Die letzten Worte richtete er an Severus. Dieser nickte verstehend.

„Wann wird sie hier ankommen?", fragte Minerva. „Am achtundzwanzigsten August, um fünfzehn Uhr. Eine Stunde später wird Mr. Lion Williams ankommen. Der neue Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste."

Bei diesen Worten verzog Severus sein Gesicht. Er hatte sich, wie jedes Jahr, auf diese Stelle beworben, da der Direktor der Meinung war, es wäre dienlich für Severus' schlechtem Ruf. Als er sich damals an der Schule beworben hatte, wollte er das Fach tatsächlich unterrichten, inzwischen war er mit dem Fach Zaubertränke mehr als zufrieden. Severus' Meinung nach waren die Lehrkräfte, die bisher Verteidigung gegen die Dunklen Künste unterrichteten, meist unfähig. Irgendwann nahm er diese Stelle an, nur um sich das lächerliche Schauspiel nicht jedes Jahr erneut ansehen zu müssen. Mit den dunklen Künsten kannte er sich schließlich besser aus als die meisten anderen.

„Was ist Mr. Williams für einer? Auch eines Ihrer Forschungsobjekte?", fragte Minerva mit strengem Blick auf den Schulleiter. „Keineswegs. Er war einige Jahre lang Auror und arbeitete bis vor Kurzem im Ministerium in der Abteilung für magische Strafverfolgung. Seiner eigenen Aussage nach, wollte er etwas anderes machen. Er wird nur ein Jahr hierbleiben. Danach wollte er ins Ausland meines Wissens nach."

„Ins Ausland? Dann hoffen wir, dass er fähiger ist als Mr. Timton." In Minervas Stimme lag Zweifel.

Mr. Timton war im Moment noch Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste, doch er kündigte, nachdem er bei einem Spaziergang im Verbotenen Wald eine Auseinandersetzung mit den Zentauren hatte. Laut den Zentauren hatte er sie mit verschiedenen Zaubern angegriffen, wohl um eine Strähne ihrer Mähne zu bekommen. Wofür auch immer er diese haben wollte. So war Albus, wie jedes Jahr, gezwungen eine neue Lehrkraft für dieses Fach zu finden.

Die Tatsache, dass dieser auch nur ein Jahr blieb, störte die Stellvertretende Schulleiterin. Ihre Schülerschaft musste sich jedes Jahr an eine neue Lehrkraft gewöhnen und hatten keine Chance, sich vernünftig auf die Lehrkraft einzustellen. Minerva mochte Konstanz und Transparenz. Bei allen anderen Fächern funktionierte dies auch, nur nicht bei diesem.

„Miss Tahnea wollte hoffentlich länger als ein Jahr bleiben?", stellte sie die Frage, die sie beschäftigte. Albus nickte und sah sie hinter seiner halbmondförmigen Brille heraus an. „Meines Wissens wollte sie einige Jahre bleiben. Sie sagte zu mir, sie suchte nach Antworten, die sie nur in Hogwarts finden könne. Ich kann nicht sagen, worauf sie Antworten sucht, doch hoffe ich es bald herauszufinden. Ich werde auch Nicolas nach ihr fragen. Er hat sie schließlich mehrere Jahre unterrichtet. Ich denke nicht, dass er dies getan hätte, wenn sie von Grund auf böse wäre. Tatsächlich kann ich mich auch nicht daran erinnern, dass er in der ganzen Zeit, in der wir uns bereits kennen, jemanden ausgebildet hatte, außer ihr."

„Er hat Ihnen nie etwas über sie erzählt?", fragte Severus mit hochgezogener Augenbraue. Der Schulleiter lächelte. „Oh doch. Er erzählte von Amina, doch sie war nicht im Mittelpunkt unserer Gespräche." Albus nahm sich ein Zitronenbrausebonbon. Für ihn schien das Thema beendet zu sein.

„Dann werde ich alles für die Ankunft der beiden veranlassen. Die Hauselfen sollen die Klassenzimmer, Büros und Privaträume noch mal reinigen. Das Alchemie-Klassenzimmer wurde seit mindestens einem Jahr nicht mehr benutzt.", bestimmte Minerva. „Und es war ein sehr ruhiges Jahr.", stellte Severus trocken fest, der den Lärm der ständigen Explosionen, Erdbeben und Schreie aus dem Klassenzimmer neben seinem eigenen, nicht vermisste. „Ich denke Amina ist fachlich nicht zu unterschätzen. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie nicht so viele Explosionen wie bei ihren Vorangegangenen hören werden.", vermutete der Schulleiter gut gelaunt. „Wir werden sehen.", murrte der Tränkemeister wenig überzeugt.