Jahr 2

Kapitel 3 - Erdbeben

Es war Freitag in der ersten Schulwoche. Bis jetzt lief es mit dem Unterricht für Amina ganz gut. Sie hatte immer wieder Lernende, bei denen sie sich ernsthaft fragen musste, was sie in ihrem Unterricht zu suchen hatten, doch sie versuchte das Beste daraus zu machen. Heute würde sie mit ihrem UTZ-Abschlussjahrgang in Alchemie einen Erdbebenstein herstellen. Sie hatte schon am Tag zuvor Severus gewarnt, dass es zu mehreren Explosionen oder Erdbeben am Vormittag kommen könnte. Er war zwar nicht begeistert, hatte es aber akzeptiert.

Die Alchemie-Professorin hatte jedoch nicht mit der Unfähigkeit ihrer Klasse gerechnet. Schon allein in den ersten fünfzehn Minuten gab es drei Erdbeben, weil jemand einen der Steine, die sie als Anschauungsobjekte verteilt hatte, fallen ließ. Hätte sie es vorher gewusst, hätte sie das Klassenzimmer mit einigen Schutzzaubern belegt. „Wie kann man denn bitte so unfähig sein? Lassen sie ihre Wassergläser auch so häufig fallen?", zischte sie genervt.

„Aber Frau Professor. Die Steine zittern so.", versuchte ein Ravenclaw-Schüler zu argumentieren. „Ja, die Steine zittern. Ihre Hand aber nicht. Also halten Sie den verdammten Stein damit fest oder legen Sie ihn zurück auf sein Polster. Er soll nur ein Anschauungsobjekt sein, nicht Ihre Hauptaufgabe." Sie nahm einen der Steine und drehte ihn in ihrer Hand. Er zitterte leicht, doch sprang er ihr nicht aus der Hand. „Sehen Sie? Kein Erdbeben.", erklärte sie und wies die Klasse an, es ebenfalls zu versuchen.

Nach wenigen Sekunden viel der erste Stein. Vier Weitere folgten. Die Beben ließen die Wände erzittern. „Wie unfähig sind Sie denn bitte? Nicht einer kann einen Stein halten? Wollen Sie mir sagen, dass ihre Motorik so zurückgeblieben ist? Braucht man bei Ihnen eigentlich zum Entwaffnen einen Expelliarmus oder reicht bei allen schon ein Blick?", fuhr sie die Klasse mit gefährlich ruhiger Stimme an, diese zogen eingeschüchtert und beschämt die Köpfe ein.

Sie hörte ein zartes Klopfen an der Tür. „Herein.", bat sie immer noch genervt. In der Tür stand ein blondes Mädchen. „Professor...Professor Snape lässt ausrichten, dass Sie seinen Unterricht stören.", richtete sie ihr schüchtern aus. Offensichtlich war sie eine Erstklässlerin. Amina sah mit tödlichem Blick ihre Klasse an. „Danke dafür. Ich werde jetzt ein Klassenzimmer weiter gehen und zumindest den Zaubertrankunterricht vor Ihrer Unfähigkeit retten. Wenn ich auch nur ein kleines Erdbeben bemerke, werden Sie alle einen zwanzig Zoll langen Aufsatz über das heutige Thema schreiben, haben Sie mich verstanden?" Ihre Klasse nickte ihr hastig und fast synchron zu. „Sie gehen voraus.", dirigierte sie die Erstklässlerin. Eine Slytherin.

Sie folgte ihr in das Zaubertrank-Klassenzimmer und konnte gerade noch hören, wie Severus fragte, ob Potter den Unterschied zwischen Eisenhut und Wolfswurz wusste. Eine doch recht gemeine Fang-Frage für einen Erstklässler. Noch bevor Harry antworten konnte, betrat Amina mit der Erstklässlerin den Raum. Severus Blick glitt zu ihr. Er sah genervt aus. „Frau Professor Tahnea.", begrüßte er sie mit kalter Stimme. „Professor Snape.", begrüßte sie im selben Tonfall und ließ ihren Zauberstab aus ihrer Tasche schießen. Sie fing ihn auf und lief in Richtung Wand. Ein bewunderndes Gemurmel war von der Klasse zu hören. Wie leicht man jüngeren Lernenden doch beeindrucken konnte.

„Ich werde ihr Klassenzimmer mit ein paar Schutzzaubern gegen Erschütterungen versehen. Dann dürfte Sie die Unfähigkeit meiner Klasse nicht weiter beeinträchtigen.", erklärte sie ihm. Sie konnte fühlen, dass er belustigt war. Er hatte ja auch nicht diese Deppen zu unterrichten. „Sehr gut. Was treiben Sie da drüben überhaupt?", blaffte er sie an. Sie antwortete in ruhigem Ton, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen: „Wir stellen Erdbebensteine her. Haben Sie das noch nicht erkannt? Sobald sie auf eine Oberfläche aufschlagen, lösen sie ein Erdbeben aus. Dummerweise ist meine Klasse nicht fähig, diese festzuhalten." Die letzten Worte zischte sie fast schon.

„Vielleicht sollten Sie Ihnen das als Erstes beibringen.", stichelte er. Sie wusste, dass er es nicht böse meinte. Er benutzte die Situation, um die Klasse einzuschüchtern und sich unbeliebt zu machen. Mit Erfolg, wie sie an der Stimmung der Klasse bemerkte. „Und vielleicht sollten Sie Ihren Lernenden erst einmal beibringen, wie die Pflanzen heißen, die sie verarbeiten sollen. Es ist schon ziemlich traurig, dass hier offensichtlich keiner weiß, dass Eisenhut und Wolfswurz ein und dieselbe Pflanze sind. Man nennt sie auch Aconitum." Sie funkelte ihn herausfordernd an und ignorierte das braunhaarige Mädchen, welches inzwischen mit gehobener Hand stand. Sie spürte, wie Severus' Belustigung wuchs.

Wieso?", zischte er. „Nimmt keiner sein Heft raus und schreibt sich all das auf?(7)" Er ließ einen tödlichen Blick auf die Lernenden los. Hastig schlugen diese ihre Hefte auf und fingen an zu schreiben. Dann lief er auf zu dem Schwarzhaarigen und setzte sich direkt von ihm. Er blaffte das Mädchen an, endlich die Hand herunterzunehmen und erläuterte noch weitere Antworten auf Fragen, die er dem jungen Potter vor ihrer Ankunft gestellt haben musste. Amina war mit den Zaubern fertig und verabschiedete sich mit einem kurzen Nicken und einem amüsiert nach oben gezogenen Mundwinkel von dem Tränkemeister. Ein bisschen taten ihr die Lernenden leid. Severus schien einen gewissen Spaß an der Sache zu haben.

Kaum hatte sie die Tür geschlossen, bebte der Gang. Wütend zog sie ihre Augenbrauen zusammen. Sie hatte schon fast vergessen, warum sie überhaupt in das Klassenzimmer gegangen war. Sie schmiss die Tür zum Alchemie-Zimmer auf und sah noch, wie eine Schülerin einen immer noch zitternden Stein auf das für ihn vorgesehene Kissen legte. „Zwanzig Zoll. Jeder. Bis Montag. Und wehe Ihnen, wenn diese Aufsätze nicht tadellos sind.", sagte sie in einem gefährlich ruhigen Ton. Keiner wagte es zu protestieren.

Am Montagnachmittag saß Amina genervt im Lehrkräftezimmer und kontrollierte die viel zu langen und nicht gerade gelungenen Aufsätze ihrer unfähigen UTZ-Klasse. Zum Glück waren es nur fünf Lernende in der Klasse. Sonst wäre sie damit wohl Jahre beschäftigt gewesen. Im Lehrkräftezimmer war nicht viel los. Lediglich Quirinus kontrollierte ebenfalls Aufsätze, auch wenn er dabei nervös auf seiner Feder herumkaute. Amina konnte von ihn zwar Nervosität wahrnehmen, doch war diese nicht so stark, dass sie eine solche Reaktion auslösen würde. Schauspielerte er nur oder war es einfach ein Tick von ihm?

Nach einigen Minuten legte Quirinus seine Arbeit zur Seite. „S-sagen S-sie Am-Amina. Dar-darf ich fragen, wo-wo Sie Al-Alchemie stud-diert haben?", fragte er stotternd. Amina sah in aus ruhigem Auge an. „Natürlich dürfen Sie das. Ich habe bei dem Ehepaar Flamel in Paris und Devon gelernt.", antwortete sie ihm, nicht ohne erhebliches Misstrauen, dass man ihrer Stimme hoffentlich nicht anmerkte. Warum interessierte er sich so für Alchemie? Amina dachte an den Stein. Wollte er ihn vielleicht…? „Bei-bei de-den Fla-Flamels? Et-Etwa bei Ni-Nicolas Flam-mel?", fragte er erstaunt. Amina nickte und widmete sich wieder ihrer Arbeit. „D-Das m-muss eine gro-große Eh-Ehre für S-Sie gewesen sein." „War es.", stimmte sie ihm zu, ohne ihn anzusehen.

Von ihm ging ein unangenehmer Duft nach Knoblauch aus. Sie mochte Knoblauch, doch nicht in solchen Massen und auch eher als Gewürz im Essen und nicht als Körpergeruch. „Hat-Hat er ni-nicht den St-St-Stein de-der Wei-Weisen erfunden?" Die Richtung, in die die Fragen gingen, gefielen ihr nicht. „Nein, erfunden hat er ihn nicht. Nur als erstes hergestellt. Der Mythos um diesen Stein geht in die Anfänge der Alchemie zurück. Er und das Elixier des Lebens, dass man mit ihm gewinnen kann, gelten als eines der Hauptziele in der Alchemie. Ob mit oder ohne Mr. Flamel.", erklärte sie ihm, wie sie es auch ihren Lernenden erklären würde. Quirinus nickte bedächtig und knabberte an den Fingernägeln seiner zitternden Hand.

Amina sah ihm seine nächste Frage schon an. „Und, bevor Sie fragen: Nein. Nein, ich weiß nicht, wie man den Stein herstellt. Er hat es nie jemandem verraten und wird das wohl auch niemals tun." „Ver-Verstehe.", sagte der Turbanträger schnell und wandte sich dann wieder seiner Arbeit zu. Amina tastete vorsichtig nach seinem Geist. Wieder konnte sie die Unstimmigkeit wahrnehmen. Es war, als wäre da noch ein zweiter Geist. Aber das konnte nicht sein. Er saß allein da. Amina schüttelte leicht ihren Kopf und widmete sich dann wieder den Aufsätzen.

In dem Moment ging die Tür auf und eine gut gelaunte Charity kam durch die Tür. „Hallo zusammen. Auch schon fleißig am Korrigieren?", fragte sie die beiden Anwesenden und setzte sich ebenfalls an den Tisch. Amina murrte ihre Zustimmung, während Quirinus ein Gespräch mit Charity anfing.

Nach einer weiteren halben Stunde kam auch Severus in das Lehrkräftezimmer. Schweigend setzte er sich neben sie. Er strich ihr wieder unauffällig über den Oberschenkel. Seine Art, sie zu begrüßen, ohne dass die anderen Anwesenden etwas mitbekamen. „Was sind das für lange Aufsätze?", fragte er. „Das ist die Unfähigkeit meiner Alchemie-Klasse auf Papier. Sei froh, dass ich am Freitag die Schutzzauber auf dein Klassenzimmer gelegt habe. Diese Idioten haben noch gute fünf Mal einen Stein fallen lassen. Es kann doch nicht so schwer sein, einen zitternden Stein zu halten.", beschwerte sie sich, obwohl sie dies schon am Wochenende mehrmals getan hatte.

„Offensichtlich schon.", antwortete Severus ihr. Auch er holte jetzt einige Aufsätze aus seiner Tasche und fing an, sie schweigend zu korrigieren. Amina spürte, wie sein Geist nach ihrem tastete. Sofort stellte sie eine Verbindung her. Er bemerkte es offensichtlich, denn er sprach direkt in ihre Gedanken. „Potter denkt wohl, dass ich ihn hasse. Es hat also alles bestens funktioniert.", informierte er sie. Am Wochenende hatte er diese Information nicht. Woher kam sie dann so plötzlich? „Das hört sich doch an, als liefe alles nach Plan. Woher weißt du das mit dem Hassen?" „Hagrid.", war seine kurze Antwort. Amina verstand sofort. Hagrid hatte, wie zu erwarten war, einen guten Draht zu dem Jungen. Gut so.

Ich hatte übrigens vorhin ein sehr interessantes Gespräch mit Quirinus. Er hat mich nach dem Stein und meiner Lehre gefragt. Wir sollten ihm im Auge behalten. Ich bin mir ziemlich sicher, er spielt diese Nervosität und das Stottern nur vor. Außerdem stimmt etwas mit seinem Geist nicht. Ich kann nur noch nicht so richtig erklären, was es ist.", informierte sie ihn. „Denkst du, er könnte hinter dem Stein her sein?", fragte der Tränkemeister sie mit skeptischer Stimme. „Vielleicht, aber sicher bin ich mir noch nicht. Er könnte auch einfach nur ein Idiot sein." „Vielleicht.", stimmte er ihr zu, doch er machte sich wohl ebenfalls Gedanken. Sie würden ihn beide im Auge behalten. Wenn er etwas verbarg, würden sie beide es herausfinden.


(7) Warner Bros., 2001. Harry Potter und der Stein der Weisen. Extended Cut.