ᴇᴍɪʟʏ ʜᴜɴᴛᴇʀ

27. September 1994

Hastig rannte ich durch den Flur. Ich war zu spät. Mal wieder. Und diesmal würde McGonagall kein Auge zudrücken, das wusste ich. Ich bezweifelte, dass sie mir Punkte abzog, allerdings würde ich wahrscheinlich einen Aufsatz extra schreiben müssen und das war im Moment das Letzte, was ich tun wollte. Und das nur, weil ich meine Periode hatte und auf die Toilette musste. Einen kurzen Moment dachte ich darüber nach, ihr das als Grund zu nennen, sie sollte das verstehen, doch vor der ganzen Klasse verspürte ich nun auch nicht das Bedürfnis, dies zu besprechen.

Gerade wollte ich um eine Ecke biegen, da versperrte mir jemand den Weg. Malfoy. Nicht der! Es gab hunderte Schüler in diesem Schloss und ausgerechnet Malfoy musste mir jetzt begegnen. Meine sowieso schon niedrige Laune sank gegen den Tiefpunkt. „Geh aus dem Weg, Malfoy!", sagte ich barsch, doch natürlich, wie sollte es auch anders sein, ging er dem nicht nach, sondern starrte mich nur höhnisch an.

Einen kurzen Augenblick spielte ich mit dem Gedanken umzudrehen und einen anderen Weg zu nehmen, doch die Stunde fing in exakt zwei Minuten an und dies war der einzige Weg, der es mir in dieser Zeitspanne ermöglichte, zum Verwandlungsraum zu gelangen.

„Wie heißt das Zauberwort, Hunter?", fragte er belustigt. Wie er es genoss, mich zu reizen. Kurz überlegte ich ihn einfach zu schlagen, nach all den Jahren ihm endlich zu zeigen, dass ich sehr wohl zuschlagen konnte, genauso wie Hermine, doch dann verwarf ich den Gedanken und starrte Malfoy direkt in die Augen, während ich versuchte so emotionslos wie möglich auszusehen. Er sollte nicht sehen, wie sehr er mich nervte, das würde ihm nur Munition für weitere Nervattacken geben.

„Geh mir aus dem Weg, der Korridor gehört nicht dir!", sagte ich betont lässig. Natürlich würde ich nicht Bitte sagen, ich würde nicht betteln, dass er mir den Weg freiräumte, so weit kam's noch! Ich würde mir einen Weg durch beschaffen, wenn nötig mit Gewalt.

„Tss, falsch. Zehn Punkte Abzug für Gryffindor würde ich sagen."

„Tja, wie schade, dass du keine Punkte abziehen kannst", ätzte ich.

Langsam wurde ich nervös, die Zeit rann mir davon. Bevor Malfoy etwas erwidern konnte, beschloss ich alles auf eine Karte zu setzen; ich sah auf einen Punkt direkt hinter ihm und murmelte ein „Shit", als hätte ich mich erschrocken. Wie vorgesehen, drehte Malfoy sich um.

„Was soll da sein Hun- He!", rief er laut, doch es war zu spät für ihn, ich hatte ihn gegen die Wand geschubst und rannte an ihm vorbei. Im Rennen drehte ich mich noch einmal um; Malfoy stand an der Wand und sah mir, soweit ich das beurteilen konnte, ziemlich baff nach. „Tja Malfoy. Zehn Punkte Abzug für Slytherin würde ich sagen", rief ich ihm über meine Schulter zu und bog in den Verwandlungskorridor ab.

Ich erreichte das Klassenzimmer gerade noch, bevor die Tür ins Schloss fiel und lief sofort zu meinem Platz neben Hermine. Glücklicherweise packten alle noch ihre Sachen aus und ich konnte mich problemlos einreihen. Für einen kurzen Moment überlegte ich, Hermine von meiner Begegnung mit Malfoy zu erzählen, doch sie würde mich sowieso nur anschweigen.

Sie war immer noch sauer auf mich, wegen der Sache mit den Hauselfen. Langsam reichte es mir. Jeden Morgen erwachte ich, in der Hoffnung, dass sie wieder mit mir sprechen würde, doch seit fast vier Wochen erntete ich nur eisiges Schweigen ihrerseits. Es tat weh; sie gehörte zu meinen besten Freunden und hielt es offenbar nicht einmal für nötig, mir zuzuhören. Die Krönung war ihr Geburtstagsgeschenk gewesen.

Ich hatte mir extra Mühe gemacht eins auszusuchen, ich war dafür extra in der Winkelgasse, und zwar alleine, nur damit sie es nicht mitbekam und hatte die Erstausgabe von Eine Geschichte von Hogwarts gekauft. Es war ziemlich nervenaufreibend gewesen, das einzupacken, mit zwei Zimmergenossen und ohne Magie, doch letztendlich hatte ich es geschafft. Als ich es ihr freudig an ihrem 15. Geburtstag gab, hatte sie es nicht einmal ausgepackt, sondern einfach nur in ihren Koffer gesteckt.

Die restliche Stunde verlief, wie so oft, schweigsam und ohne große Zwischenfälle. Letztendlich hatte ich es geschafft, meine Katze in eine Maus zu verwandeln. Wenigstens McGonagall schenkte mir ein Lächeln und fünf Punkte dafür, doch Hermine starrte wie besessen auf den Tisch vor ihr, dass es mich nicht wundern würde, wenn sie bald Löcher hineinbrannte.

Kaum war die Stunde zu Ende, packte ich meine Sachen zusammen und stürmte aus dem Raum. Harry und Ron wollten mich aufhalten, doch ich fuhr sie an: „Lasst es einfach, ich komm schon klar!"

So früh war die große Halle noch erstaunlich leer, nicht einmal die Lehrer waren vollzählig. Missmutig ließ ich meine Tasche auf den Boden fallen und nahm Platz. Kaum hatte ich mir etwas aufgetischt, setzte sich Ginny mir gegenüber. „Und?"

„Kein Wort", schnaubte ich bitter und biss in meine Triangoli.

Sie seufzte und sah Hermine an, die soeben, mit Harry und Ron im Schlepptau, die große Halle betrat. Kaum erblickte sie mich, riss sie ihren Kopf in die andere Richtung, als sei ich eine ansteckende Krankheit. Wie so oft in den letzten Tagen, versetzte mir dies einen Stich und ich verspürte eine seltsame Mischung aus Wut und Trauer.

„Langsam reicht es mir. Ich werde ihr nicht mein ganzes Leben hinterherrennen und sie anbetteln, mir zu vergeben. Was habe ihr denn getan? Ohhh, ich habe Hauselfen Zuhause. Wie überaus furchtbar! Was soll ich denn ihrer Meinung nach machen? Mich von der Klippe stürzen? Soll ich den beiden Kleidung in die Hand drücken und sagen: Ihr seid frei! Weißt du eigentlich, wie sehr mir die beiden helfen? Ich habe meine halbe Kindheit mit den beiden verbracht. Im Gegensatz zu ihr, saßen früher keine Eltern an meinem Bett und haben Gute-Nacht-Geschichten vorgelesen, nein, das waren die Elfen! Was kann ich dafür, dass-"

„Ja, reicht jetzt auch", unterbrach sie meinen Redefluss, denn in meiner Rage hatte ich nicht bemerkt, wie mir die Leute neben uns, schon Blicke zugeworfen hatten.

„Tut mir leid, ich hasse es nur, wenn sie mir deswegen Vorwürfe macht", nuschelte ich verlegen.

Sofort wurde Ginnys Miene sanfter. „Ich weiß, sie wird sich schon wieder einkriegen."

„Nach vier Wochen?"

„Dann sag ihr das, was du mir gerade gesagt hast."

„Sie hört mir nicht zu."

„Doch, das tut sie. Sie antwortet nur nicht."

Da war etwas dran. Seufzend kratzte ich meinen mittlerweile leeren Teller aus und erzählte ihr von meiner Begegnung mit Malfoy. Ginny warf einen hämischen Blick in Richtung Malfoy. Er saß neben Blaise Zabini und hatte den Kopf in die Hände gestützt.

„Flennt der etwas?", fragte ich erschrocken. Das wäre nämlich das komischste, was passieren könnte.

„Nein, ich glaube, er denkt nach", erwiderte Ginny und musterte Malfoy.

In diesem Moment hob er den Kopf und sah uns direkt an. Für eine winzige Sekunde verhakten sich unsere Blicke ineinander und ich konnte etwas undefinierbares in seinen Augen lesen, dann wandte er den Blick ab und begann ein Gespräch mit Zabini.

„Du kannst wieder atmen", meinte Ginny plötzlich. Ich hatte nicht einmal bemerkt, dass ich die Luft angehalten hatte. „Sicher, dass du auf George stehst?"

Hätte ich etwas getrunken, hätte ich mich nun definitiv verschluckt. „Was?! Natürlich!"

„Hm, sicher."

„Ernsthaft Ginny, das war ein Luftanhalten aus Wut und guck mal- er heckt bestimmt gerade einen Plan mit Zabini aus, wie er uns fertigmachen kann!"

,Du siehst aber auch nur das Schlechte in ihm."

,Wir reden hier von Malfoy!"

,Ich weiß, aber schau ihn dir an. Sieht so eifriges Pläne schmieden aus?"

,Woher soll ich das wissen, ich kann die beiden nicht hören."

,Eben. Ich kann das aber sehen. Ich lebe seit 13 Jahren in einem Haus mit den Zwillingen, die jeden Tag Pläne schmieden und glaub mir, so sahen die noch nie aus. Für mich sieht es so aus, als ob Malfoy verzweifelt ist und Zabini um Hilfe fragt."

,Denkst du?"

,Ja, ich bin mir sogar ziemlich sicher. Aber was auch immer der Grund für Malfoys Verzweiflung ist, dass es jeder sieht, es verdient einen Preis!"

,Emily?", fragte auf einmal eine Stimme direkt neben mir. Es war Harry. Daneben standen Ron und eine ziemlich angesäuert aussehende Hermine Jean Granger.

,Ja?"

,Wir haben jetzt Pflege magischer Geschöpfe und wollten davor noch zu Hagrid. Kommst du mit?", ergriff Ron das Wort. Bei jedem seiner Worte verfinsterte sich Hermines Miene.

Für einen kurzen Moment überlegte ich mitzukommen, um Hermine zu provozieren, doch ich hatte keine Lust, von den dreien am Ende ausgeschlossen zu werden und dann bei ihren Insidern, mit Hagrid, blöd aus der Wäsche zu schauen.

,Nein danke", entgegnete ich bissig. ,Ich möchte jetzt nicht meine persönliche Sänfte, natürlich von Elfen getragen, herbeirufen, damit sie mich mit harter Sklavenarbeit herunter kutschieren können. Die beiden werden im Moment gefoltert, solltet ihr wissen, da ich ja so unfassbar fies bin."

Hermine sah ziemlich angesäuert drein, während über Harrys und Rons Gesicht ein amüsierter Gesichtsausdruck huschte. Sie zuckten mit den Schultern und liefen aus der Halle hinaus, eine wütende Hermine im Schlepptau.

„Ich rede mal mit ihr", schlug Ginny vor.

„Es wird nichts bringen", sagte ich ermüdet und fuhr mir durch die Haare. „Wollen wir rausgehen?"

„An den See? Gerne", sagte sie sofort begeistert und sprang auf.

Verwundert sah ich sie an. Der See war jetzt wirklich nichts, weshalb man so euphorisch sein konnte, doch wenn sie einen besonderen Grund dafür hatte, würde sie es mir sagen, also nickte ich stumm und wir verließen beide die große Halle.

Draußen auf dem Gelände war relativ wenig los; die Bäume verloren schon ihre ersten Blätter und färbten sich gelb-braun. Der Sommer war nun endgültig vorüber, die Sonne fiel nur noch schwach vom Himmel. Glücklicherweise war die Hogwarts-Uniform einigermaßen warm, sodass ich nicht im Ansatz fror.

Gedankenverloren lief ich über einen der Stege und betrachtete den See seitlich von mir. Wie schwarz und ruhig er unter mir lag, fast friedlich. Wir setzten uns an Ende des Steges und zogen unsere Schuhe und Socken aus, um unsere Füße ins Wasser zu heben.

Eine Weile saßen wir so da und ließen die Landschaft auf uns wirken, dann sagte Ginny auf einmal: „Wir haben noch ein wenig Zeit, sollen wir in den See springen?"

„Spinnst du?"

„Ist doch aufregend."

Ich brauchte nicht lange, um nachzudenken. Ich könnte jetzt entweder zurück ins Schloss und mich zu Tode langweilen oder ich hüpfe mitten im Herbst in einen eiskalten See und könnte mir eine Erkältung einfangen.

„Okay, von mir aus", rief ich und zog meinen Umhang aus. Jetzt stand ich nur noch in Hose und Bluse da, genauso wie Ginny.

„Bei drei. Eins, Zwei, Drei!"

Mit einem lauten Platscher landeten wir im Wasser, das wirklich kalt war. Eiskalt.

OoOoOo

ᴅʀᴀᴄᴏ ᴍᴀʟꜰᴏʏ

„Alter, was ist denn bei denen los?", sagte Blaise auf einmal mitten in die Stille hinein und zeigte auf einen Punkt am schwarzen See.

Neugierig folgte ich seinem Blick und konnte meinen Augen kaum trauen. In diesem Moment sprangen zwei menschliche Gestalten mitten in den See.

„Sind die noch ganz bei Trost!", rief ich entsetzt. „Wollen die sich umbringen?" Ich war schon im Begriff loszurennen, um Erste Hilfe zu leisten, doch Blaise hielt mich zurück.

„Nein, ich glaube, die beiden haben einfach nur Spaß."

„Es ist Ende September!"

„Sag mal, ist das die Weasellette?", sagte Blaise, ohne auf meinen entrüsteten Ausruf zu reagieren.

„Kann sein, bei den Haaren."

„Und das daneben ist Hunter! Willst du nicht hingehen und ihr mit einer Mund-zu-Mund-Beatmung das Leben retten", lachte Blaise; ich fand das alles nicht so lustig.

„Haha sehr witzig."

„Ernsthaft, Draco, du solltest mal in die Gänge kommen, Hunter wird nicht immer Single sein und wenn du weiterhin so nett bist wie heute Morgen, ändert sich auch nichts."

„Was soll ich denn deiner Meinung nach tun? Soll ich sie nach einem Date fragen? Ich werde das Gespött der Schule sein!"

„Du könntest sie heimlich belauschen oder beschatten, dann weißt du, was sie von dir hält."

„Wirklich, Blaise? Belauschen?"

„Du hast keine bessere Idee, also komm in die Gänge und tu endlich was!"

Am See konnte ich sehen, wie Emily, mit der Weasellette im Schlepptau, aus dem See kletterte. Emily holte aus einer Tasche ihren Zauberstab und richtete ihn auf die Weasellette. Soweit ich das von der Entfernung beurteilen konnte, wurden daraufhin die Kleider von der Weasellette trocken. Emily tat dasselbe bei sich, dann hoben sie ihre Sachen auf und liefen direkt auf uns zu.

„Scheiße, Blaise, sie kommen her!"

„Das sehe ich, ich verfüge auch über ein Paar Augen."

„Hör auf so dämliche Witze zu reißen und hilf mir!"

Blaise konnte glücklicherweise nicht zu einer bestimmt dämlichen Antwort ansetzten, denn die beiden waren schon in Hörweite. Lachend liefen sie hoch in Richtung Schloss, während sie sich über irgendetwas unterhielten und wieder einmal fiel mir auf, wie schön sie war.

Sie hatte sich über die Ferien die Haare geschnitten, sodass sie ihr nur bis knapp über die Schultern fielen und ihr Gesicht wie eine Wolke umrahmten. Auch ihre letzten kindlichen Züge sind verschwunden, stattdessen waren ihre Lippen voller, ihre Wimpern länger und ihr Kinn stach mehr heraus.

Doch kaum erblickte sie mich, wie ich mit Blaise dastand und sie ansah, hörte sie sofort auf zu lachen und warf mir einen bösen Blick zu. Na danke. Ich wollte ihr nichts hinterherrufen, doch es war wie ein Reflex und die Worte verließen meinen Mund, bevor ich sie stoppen konnte: „Hunter, man kann den Blutsverrat nicht wegwaschen."

Für einen kurzen Moment blieb sie stehen und drehte sich zu mir um. Dann wandte sie sich wieder wortlos ab und ging mit der Weasellette weiter. Die Weasellette sagte noch etwas, was sich verdächtig nach Arschloch anhörte.

„Siehst du, was ich meine? Entweder sie starrt mich böse an oder sie ignoriert mich."

„Jemandem dumme Sätze hinterherrufen, ist jetzt auch nicht sehr charmant."

Seufzend ging ich weiter und sah Emily hinterher, bis sie im Schloss verschwunden war. Wie konnte ich sie dazu bringen, mich weniger zu hassen, wenn sie mir nicht einmal mehr ihre Aufmerksamkeit schenkte?