ᴇᴍɪʟʏ ʜᴜɴᴛᴇʀ
17. Dezember 1994
An diesem Morgen erwachte ich früh und ging direkt ins Bad unter die Dusche. Normalerweise duschte ich nie morgens, doch heute war eine Ausnahme, denn es war der erste Tag der Ferien und ich hatte vor, ihn perfekt werden zu lassen.
Nachdem ich genügend Zeit damit verbracht hatte, das heiße Wasser auf meine Haut prasseln zu lassen, stieg ich so erholt wie selten zuvor aus der Dusche. Nachdem ich meine Zähne geputzt, meine Haare getrocknet und gekämmt und mir etwas angezogen hatte, beschloss ich nach einem Blick auf den Wecker noch ein wenig zu lesen.
Nach einer Weile ertönte ein Rascheln rechts von mir und eine ziemlich verschlafen aussehende Ginny schlappte ins Bad. Wenige Minuten später kam sie deutlich frischer aussehend wieder zurück.
Hermine war bereits verschwunden, sie hatte gestern erwähnt noch etwas in der Bibliothek nachschlagen zu müssen, also gingen wir zu zweit runter in den Gemeinschaftsraum.
Kaum waren wir unten angekommen, liefen auch Harry und Ron nach unten. „Wo ist Hermine?", fragte Ron sofort und sah sich suchend im Raum um.
„In der Bibliothek, irgendwas wegen B.ELFE.R.", erwiderte ich und kletterte an einer Gruppe Erstklässler vorbei aus dem Portraitloch.
Die drei folgten mir und wir liefen direkt in die große Halle, wo wir uns auf unsere Plätze fallen ließen. Ginny entdeckte eine Mitschülerin und setzte sich zu ihr, um über deren neusten Schwarm oder so was zu reden.
Ich angelte mir einen Toast und klatschte einen Liter Schokocreme darauf. Während ich vor mich hin kaute, beugte sich Harry etwas nervös zu mir über den Tisch und flüsterte aus den Mundwinkeln: „Ich hab gestern Cho gefragt."
„Schieß los!" Sofort beugte ich mich nach vorne und spitzte meine Ohren.
„Sie hat Nein gesagt; sie geht schon mit jemandem."
„Mit wem?"
„Mit Diggory", seufzte er und sah dabei sehr traurig aus. Er tat mir in diesem Moment unendlich leid.
„Hey", meinte ich aufmunternd, „Das wird schon. Sie hat vielleicht nur zugesagt, weil sie dachte, dass sonst niemand sie fragt, weißt du. Außerdem haben bestimmt viele kein Date, ich auch nicht, so schlimm ist das jetzt auch nicht."
„Ich muss aber vortanzen."
„Ach du Scheiße, stimmt ..."
In mir keimte die Frage auf, ob ich vielleicht Harry fragen sollte, ob ich mit ihm gehen sollte. Es wäre definitiv keine schlechte Idee; wir hätten beide einen Partner und Harry wäre deutlich angenehmer, als ein Fremder, den ich kaum kannte. Doch ich blieb stumm und kaute weiter auf einer Ecke meines Toasts herum. Auch wenn es lächerlich war, ich verspürte immer noch die Hoffnung, dass George mich vielleicht fragen würde. Natürlich war das lächerlich; ich sollte aufhören mir ständig Hoffnungen zu machen, denn am Ende wurde ich immer nur enttäuscht.
„Alles okay?", fragte Harry auf einmal und unterbrach so meine Gedanken. Geistesabwesend starrte ich ihn an und brachte nur ein träges „hm" heraus. Vielleicht hätte ich doch etwas mehr schlafen sollen.
Er zuckte mit den Schultern und ließ seinen Blick weiter durch den Raum streifen.
„Ich geh mal in die Bibliothek Hermine suchen", sagte ich schließlich mitten in die Stille hinein und schob meinen mittlerweile leeren Teller von mir.
Ohne auf eine Antwort zu warten, stand ich auf und verließ alleine die große Halle. Kaum hatte ich die großen Flügeltore passiert, verstummten auch die gedämpften Gespräche aller und ich lief über den menschenleeren Flur.
Nun, zumindest dachte ich das, denn kaum war ich um die Ecke gebogen, sah ich Malfoy, mit Zabini und weiteren Slytherins im Schlepptau, den Gang hinuterlaufen. Na super. Da war man einmal alleine und schon begegnete man seinem Feind mit seinem Gefolge. Wäre ich doch bloß in der Halle geblieben.
Bevor sie in meiner Reichweite angekommen waren, atmete ich noch einmal tief durch und straffte meine Schultern. Sie sollten nicht sehen, dass ich mich äußerst unwohl bei dem Gedanken fühlte, an ihnen vorbei zu laufen.
Lauf einfach an ihnen vorbei, ignorier sie einfach. Sie werden dich hoffentlich nicht sehen.
Natürlich wurden meine Gebete nicht erhört, denn kaum war ich dabei an Malfoy vorbeizulaufen, stellte sich dieser direkt vor mich und sah höhnisch auf mich herab. Unwillkürlich musste ich einen Schritt zurückweichen, als ich die ganze Gruppe betrachtete, die mich alle anstarrten. Der perfekte Start in die Ferien, würde ich sagen.
„Was willst du, Malfoy?", fragte ich betont lässig und pulte an meinen Fingernägeln herum.
„Was wohl, Hunter? Vielleicht dich dafür bezahlen lassen, dass du so ein unausstehlicher, unangenehmer Mensch bist!" Betont cool fuhr er sich durch die Haare und starrte mich dabei direkt an.
Seine Augen waren mir schon immer ein Rätsel gewesen. In einem Moment waren sie so vollkommen leer und teilnahmslos und im nächsten waren sie undurchdringlich und kalt. Man könnte meinen, er besäße nicht einmal Gefühle, so kalt wie er war. Er hatte sich seinen Spitznamen „Eisprinz Slytherins" wahrlich verdient.
Fast träge sah ich ihn an, während ich in meinem Gehirn nach einer Möglichkeit suchte, dieser Konfrontation schnellstmöglich zu entgehen, ohne dabei feige dazustehen.
„Wie wärs, wenn du mal selbst damit anfängst, nicht so unausstehlich zu sein, dann hast du das Recht über andere zu kritisieren", spie ich ihm ins Gesicht.
Sofort verdüsterte sich seine Miene und er trat einen Schritt auf mich zu. Ohne es zu wollen, trat ich ebenfalls zurück. Doch dann spürte hinter mir war die kalte Steinmauer, die mich daran hinderte zu flüchten. Ich war eingesperrt. Und auch wenn ich es hasste es zuzugeben, wenn Malfoy so aussah, mit seinen schwarzen Augen und der dunklen Aura, dann machte er mir Angst.
In letzter Zeit war er sowieso so seltsam. Mir fiel auf, dass dies die erste Konversation zwischen uns beiden seit gut einem Monat war. Normalerweise stritten wir uns ständig, doch seit der ersten Aufgabe sah ich ihn nur noch im Unterricht. Und selbst dann sprach er mich nicht an, sondern fixierte sich auf seine Aufgaben. Nun, jetzt war er anscheinend wieder ganz der Alte.
„So Hunter, was machst du jetzt? So ganz ohne deine Freunde?", säuselte er und starrte mich mit seinen eiskalten Augen an. Alle Augen waren auf uns beide gerichtet und ich betete bei Merlins Unterhose, dass er einfach gehen würde.
Trotzdem starrte ich so emotionslos wie möglich zurück und wollte gerade zu einer Erwiderung ansetzten, als eine Stimme durch den Flur hallte. „Lass sie in Ruhe, Malfoy!"
Erleichterung durchströmte mich, als ich meinen Kopf herumriss. Neville lief direkt durch den Gang auf uns zu und starrte Malfoy wütend an. Der fing nur höhnisch an zu lachen.
„Longbottom, dass das von dir kommt. Was bildest du dir eigentlich ein?", höhnte er und lachte haltlos auf.
Nevilles Gesicht war puterrot, als er Malfoy wütend antwortete: „Ich warne dich, Malfoy. Wenn du nicht sofort weggehst, werde ich das McGonagall sagen und die wird euch allen Punkte abziehen." Um seine Worte zu unterstreichen, deutete er auf die Gruppe Slytherins, die nun unsicher von einem Bein aufs andere trat. Dabei meinte ich einen nicht deutbaren Blick von Zabini in meine Richtung sehen zu können.
Malfoy stieß betont genervt die Luft aus und trat zu meiner Erleichterung von mir weg. „Na schön, Longbottom, aber ich warne dich. Und du Hunter", zischte er mir zu, „Das war das letzte Mal, dass ich dich verschont habe!"
Langsam lief er von uns weg uns stolzierte mit der Gruppe Slytherins den Gang hinunter in Richtung große Halle, doch nicht ohne uns beiden noch einmal einen verächtlichen Blick zuzuwerfen.
Kaum waren sie um die Ecke verschwunden, wandte ich mich Neville zu. „Danke", sagte ich, „Wirklich, du hast mich echt gerettet!"
Ich war mir nicht ganz sicher, ob ein „Neville, ich liebe dich" in diesem Moment angemessen wäre.
„Kein Problem", meinte er, gutmütig wie er war. „Wo wolltest du hin?"
„Bibliothek. Und du?"
„Ich auch. Professor Moody hat mir die Erlaubnis für ein Buch aus der Verbotenen Abteilung gegeben", rief er munter und wedelte mit einem Blatt vor meiner Nase herum.
Den ganzen restlichen Weg redete er über Pflanzen und dergleichen, doch er war so schnell und konzentriert dabei, dass ich mit meinem Basiswissen schnell den Faden verlor und nur so tat, als ob ich seine Worte verstehen würde.
Am Eingang der Bibliothek angekommen, verabschiedete sich Neville von mir und lief fröhlich auf die alte Bibliothekarin zu, während ich tief durchatmete.
Die Bibliothek war schon immer einer meiner Lieblingsorte gewesen. Das Licht fiel durch die staubigen, riesigen Fenster und ließ den Staub durch die Luft tanzen. Die meterhohen Regale voller Bücher, deren Geheimnisse ich nie erfahren würde, ragten hoch über mir auf und zeigten mir wie immer die Unendlichkeit der Worte und die Sessel und Tische luden mich förmlich ein, Platz zu nehmen und für einen kurzen Moment alles zu vergessen und in den Worten anderer Autoren zu versinken.
Doch ich war nicht hier, um zu lesen, ich wollte Hermine suchen. Also riss ich meinen Blick von den Bücherrücken ab und streifte durch die Regale auf der Suche nach einem braunen Lockenschopf.
Hermine saß ganz hinten auf einem Stuhl und war ganz in ein extrem dickes Buch vertieft. Sie bemerkte gar nicht, dass ich da war, bis ich eine Seite des Buchdeckels anhob, um das Cover zu lesen. „Hauselfen und die großen Kriege? Hermine, was wird das? Es ist der erste Ferientag und du sitzt hier und liest so einen dicken Wälzer", sagte ich munter und ließ mich auf einen Stuhl neben ihr fallen.
Sie seufzte und strich eine Haarsträhne hinters Ohr. „Die Befreiung der Hauselfen hat keinen Urlaub und keine Ferien! Es ist wichtig, allzeit bereit zu sein! Wir müssen etwas gegen die Unterdrückung unternehmen, B.ELFE.R ist nicht genug, wir brauchen..."
„Ist schon gut, ich habs verstanden", unterbrach ich ihren Redeschwall. ,Ist 'allzeit bereit' nicht das Motto von irgendwelchen Heinis aus der Muggelwelt?"
,Du meinst Pfadfinder?"
,Genau", rief ich aus, „Aber was ich eigentlich sagen wollte: Morgen ist Hogsmeadwochenende, wir wollten alle dort unser Kleid kaufen. Bist du dabei?"
„Hm, klar", sagte sie, schlug das dicke Buch zu und lief in einen Gang, um es zurückzustellen.
Dabei fiel mein Blick auf eine andere Abteilung, die ich noch nie gesehen hatte. Fassungslos lief ich dort hin und strich mit meinen Fingern über die neuen Buchrücken. „Hermine?"
„Ja?"
„Sag mal, seit wann genau gibt es diese Abteilung mit den Muggel-Büchern?"
„Seit immer schon, wieso?" Sie war nun neben mir aufgetaucht und sah mich fragend an.
„Wieso? Ich liebe Muggel-Bücher", kreischte ich lauter als beabsichtigt und zog einen Roman aus dem Regal. „Warum hast du mir das nie gesagt?!"
„Ich dachte, du wüsstest das", meinte sie schulternzuckend und lief zu ihrem Platz zurück und packte ihre Sachen zusammen.
Seufzend fuhr ich mir durchs Haar und lief mit Hermine gemeinsam zum Ausgang. Dort ließ ich mir von Madam Pince den Roman abstempeln, wobei sie mir einen äußerst suspekten Blick zuwarf. Offensichtlich war mein hysterisches Gekreische nicht ganz unbemerkt geblieben.
Da ich nun einen neuen Roman besaß, warf ich meine ganzen Pläne, von wegen Spaziergang und so weiter, über den Haufen und machte es mir im Gemeinschaftsraum auf einem Sofa bequem. Hermine verschwand relativ schnell wieder, sie erzählte mir mit tiefroten Wangen, dass sie sich mit jemandem am See traf.
Ganz versunken in mein Buch bemerkte ich gar nicht wie die Zeit verging, ich sah erst auf, als ein kreidebleicher Ron sich neben mich aufs Sofa plumpsen ließ und ziemlich geschockt aussah. „Was ist passiert?", fragte ich an Ginny gewandt, die ihn offenbar hier her bugsiert hatte. Noch während ich das sagte, tauchte auf einmal Harry neben uns auf und sah Ron ebenso fragend an.
„Er hat Fleur Delacour nach einem Date für den Ball gefragt?", sagte Ginny mit einer erstaunlichen Kombi aus Belustigung und Mitgefühl, während sie ihm den Arm tätschelte. Ron wurde noch bleicher und sah so aus, als ob er sich fast übergeben müsste.
„Du hast was?", rief Harry irritiert.
„Ich weiß nicht, was da in mich gefahren ist", rief Ron und vergrub seinen Kopf zwischen seinen Händen, „Ich bin einfach vorbeigelaufen ... und ich weiß nicht ... irgendetwas hat mich einfach gepackt."
„Ohh, Ron", sagte ich mitfühlend und tätschelte ihm ebenso seine Schulter.
„Was ist denn hier los?", ertönte Hermines Stimme hinter uns. Sie lehnte sich auf die Sofalehne und sah verwirrt in die Runde.
„Beide hier haben Körbe von zwei Mädchen bekommen", meinte Ginny einen Ticken zu munter.
„Hermine ...", meldete sich auf einmal Ron wieder zu Wort, „Du bist doch ein Mädchen."
„Oh, gut beobachtet", sagte sie bissig.
„Du kannst doch mit einem von uns gehen ..."
„Nein, kann ich nicht!"
„Ach komm schon, wir brauchen Partnerinnen und-"
„Mich hat schon jemand gefragt", fauchte sie und sah dabei sehr wütend aus.
„Aber-" Weiter kam Ron nicht, denn Hermine hatte sich mit einem „Nur, weil ihr drei Jahre gebraucht habt, heißt das nicht, dass kein anderer bemerkt hat, dass ich ein Mädchen bin!", abgewandt und stürmte in Richtung Mädchenschlafsaal.
„Sie lügt", sagte Ron, doch er sah dabei ein wenig blass aus.
„Tut sie nicht", schaltete Ginny sich ein. Während die beiden diskutierten, warfen Harry und ich uns einen vielsagenden Blick zu. Wir beide glaubten Hermine.
„Na schön", rief Ron patzig und sah dann Harry an, „Dann geht Ginny halt mit Harry und-"
„Das geht nicht!", sagte Ginny und lief scharlachrot an, „Mich hat Neville schon gefragt und ich hab ja gesagt, weil sonst könnte ich ja gar nicht mitmachen, wisst ihr ... Ich glaub, ich gehe mal Abendessen", stammelte sie und lief mit hängendem Kopf aus dem Gemeinschaftsraum.
„Was ist denn bloß mit den beiden jetzt los?", fragte Ron Harry. So ein unsensibler Trottel.
„Vielleicht könntest du mal besser nach deiner Schwester gucken, du bist ja blind!", fuhr ich ihn an und seufzte genervt. Dann wandte ich mich Harry zu. „Harry, wenn du möchtest, also, nur wenn du möchtest, dann können wir beide auf den Ball gehen. Ich hab noch keine Begleitung und wir können ja einfach als Freunde gehen."
Man konnte förmlich sehen, wie Harry der Stein vom Herzen fiel. „Wirklich, das würdest du machen?"
„Ja klar, wieso nicht", meinte ich zuckte mit den Schultern, „Ist ja nichts dabei."
„Oh danke, Emily, wirklich", rief Harry erfreut aus.
„Kein Problem, und jetzt entschuldigt mich. Ich muss zu meiner besten Freundin", sagte ich und stand auf und lief zum Portraitloch.
Bevor ich jedoch dort ankam, hörte ich wie jemand meinen Namen rief und ich drehte mich um. Es war George.
Er sah irgendwie nervös aus und knetete seine Hände leicht. „Ähmm..."
„Ja?"
„Also, ich habe mich gefragt, ob du vielleicht auf den Ball mit mir gehen willst?"
